Stolpersteine Augsburger Str. 25

Augsburger Straße 25

Diese Stolpersteine wurden am 17. Juli 2025 verlegt.

Die Geschichte der Familie Nelki ist die bewegende Erzählung einer jüdischen Familie aus Berlin, deren Schicksal beispielhaft für Assimilation, bürgerliche Ambitionen, kulturelles Engagement – und die tiefgreifenden Erschütterungen des 20. Jahrhunderts steht.

Augsburger Straße 25 Dr. Hermann Nelki

HIER WOHNTE
DR. HERMANN
NELKI
JG. 1863
FLUCHT 1933
BELGIEN
1938 ENGLAND

Hermann Nelki, geboren 1863, entstammte einer nicht-religiösen, aschkenasischen Familie. Anders als seine Vorfahren entschied er sich ein Studium aufzunehmen. Trotz finanzieller Not wurde er 1894 approbierter Zahnarzt und erreichte gesellschaftlich einen bemerkenswerten Aufstieg. Hermann engagierte sich in der Politik, war Wahlmann der nationalliberalen Partei und gemeinsam mit seiner Frau Ernestine aktiv im „Verein zum Schutz der Kinder“.

Im Jahr 1910 änderte sich das Leben der Familie Nelki in Spandau abrupt, als ein großes Schild vor der Zahnarztpraxis angebracht wurde: „Geht nicht zum jüdischen Zahnarzt Nelki“. Die Familie zog nach Schöneberg in die Wartburgstraße, wo das jüngste Kind, Wolf, geboren wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte der Umzug in die Augsburger Straße 25 in Charlottenburg – eine Siebenzimmerwohnung mit Vor- und Hintereingang. Das beste Zimmer mit Parkett wurde zur Praxis, das ehemalige Dienstmädchenzimmer zum Dentallabor umfunktioniert. Die Familie richtete die Praxis gemeinsam ein und lebte hier wieder unter einem Dach.

1921 promovierte Hermann im Alter von 59 Jahren an der Universität Königsberg in Zahnmedizin. Hermanns 70. Geburtstag am 17. Januar 1933 wurde in der Presse gefeiert – er galt als hervorragender Zahnarzt. Die Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 veränderte alles. Am 31. März 1933 verließen Hermann und Ernestine mit ihrem Sohn Henry Berlin – „für zwei Wochen“, sagte Hermann. Sie kehrten nie zurück.

Mit Hilfe von Verwandten lebten sie zunächst in Brüssel, dann bei Otto in London. Hermann Nelki starb am 12. Januar 1941.

Deutscher Text: Dr. Friederike Kendel nach der englischen Vorgabe von Julia Nelki.

  • Hermann Nelki English Version

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Augsburger Straße 25 Ernestine Nelki

Stolperstein Ernestine Nelki

HIER WOHNTE
ERNESTINE
NELKI
GEB. RUSSO
JG. 1867
FLUCHT 1933
BELGIEN
1938 ENGLAND

Ernestine Nelki, geb. Russo wurde 1867 in der sephardisch-jüdischen Gemeinde Wiens geboren. Ihre Familie sprach Ladino, obwohl sie in einem deutschsprachigen Umfeld lebte. Ihr Vater betrieb ein kleines Geschäft. 1880 zog die Familie nach Leipzig, 1885 nach Berlin. Ihre Brüder Moritz und Benno gründeten später in Wernigerode eine erfolgreiche Harzer Käserei und bauten eine schöne Villa, die heute noch existiert: https://www.villa-russo.com

1895 heiratete Ernestine und Hermann Nelki gegen familiären Widerstand. Die beiden galten als moderne, assimilierte Juden und gaben ihren zehn Kindern typisch deutsche Namen. 1933 flohen Ernestine und Hermann Nelki mit dem Sohn Henry, der nach einem SA-Überfall schwer traumatisiert war, nach Brüssel und dann nach London. Ernestine Nelki starb 1950 und wurde neben Hermann auf dem orthodox-jüdischen Friedhof in Willesden/London beigesetzt.

Deutscher Text: Dr. Friederike Kendel nach der englischen Vorgabe von Julia Nelki.

  • Ernestine Nelki English Version

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Augsburger Straße 25 Dr. Fritz Nelki

Stolperstein Dr. Fritz Nelki

HIER WOHNTE
DR. FRITZ
NELKI
JG. 1890
FLUCHT 1934
BELGIEN
ENGLAND

Fritz Nelki war der älteste Sohn, geprägt vom frühen Tod mehrerer Geschwister. Er besuchte das Gymnasium in Spandau und studierte anschließend Zahnmedizin an der Universität Rostock, wo er 1912 sein Zahnmedizinstudium abschloss. Zwei Jahre später schloss er das Medizinstudium an der Universität Berlin ab. Am 8. August 1914 meldete sich Fritz freiwillig zum Ulanenregiment Nr. 3 in Fürstenwalde. Nach vier Monaten an der Front wurde er Assistenzarzt und für seine Verdienste an der Ostfront mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. In einem von Deutschen besetzten russischen Dorf führte er Hygienemaßnahmen ein, die einen Typhusausbruch verhinderten. Nach dem Krieg promovierte er im Jahr 1919 an der Universität Greifswald.

1934 wurde Fritz zur Gestapo vorgeladen. Er gab vor, zu Hause seinen Pass zu holen, stieg jedoch stattdessen in einen Zug nach Brüssel, über Prag und Wien. Später gelang ihm die Flucht nach London. Er hatte geglaubt, als hochdekorierter Weltkriegsveteran sicher zu sein – das war er jedoch nicht. Glücklicherweise konnte er sofort in England als Zahnarzt arbeiten und die Familie finanziell unterstützen. Er lebte und praktizierte im Norden Londons, wo er 1953 starb.

Deutscher Text: Dr. Friederike Kendel nach der englischen Vorgabe von Julia Nelki.

  • Fritz Nelki English Version

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Augsburger Straße 25 Alice Ullendorf

ALICE
ULLENDORF
GEB. NELKI
JG. 1892
DENUNZIERT 1935
FLUCHT 1936
ENGLAND

Alice Nelki war, wie ihr Vater und mehrere Brüder, ebenfalls Zahnärztin. 1925 heiratete sie, doch ihr Mann, Herr Ullendorf, starb nur vier Monate später an einer Lungenentzündung – es gab noch kein Penicillin.

Da ihr Name nicht sofort als jüdisch erkennbar war, konnte sie bis 1935 in Deutschland weiterarbeiten. Dann wurde sie von ihrer Untermieterin denunziert. 1936 konnte sie nach England emigrieren. Fritz unterstützte sie in England und kaufte ihr ein Haus in der Pennine Drive 56, wo sie bis zum Alter von 88 lebte und arbeitete.

Deutscher Text: Dr. Friederike Kendel nach der englischen Vorgabe von Julia Nelki.

  • Alice Nelki English Version

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Augsburger Straße 25 Dr. Otto Wilhelm Nelki

Stolperstein Dr. Otto Wilhelm Nelki

HIER WOHNTE
DR. OTTO WILHELM
NELKI
JG. 1899
VERHAFTET 20.3.1933
FLUCHT 1934
ENGLAND

Otto Nelki wurde in Charlottenburg, Berlin geboren und besuchte das Gymnasium in Fürstenwalde. Der Krieg unterbrach seine Schulbildung – er meldete sich freiwillig zum Militärdienst. Nach dem Krieg studierte er Medizin und schloss 1925 mit einer Dissertation über Nasenkorrekturen (Rhinoplastik) ab. Er wurde HNO-Arzt, arbeitete in der Berliner Charité und eröffnete 1928 eine eigene Klinik in Nauern, Berlin. Im März 1933 wurde er gemeinsam mit anderen jüdischen Ärzten auf Betreiben eines SA-Manns in der Charité verhaftet. Es handelte sich offenbar um Rache: Ein Jahr zuvor hatte Otto unter ein Hitler-Plakat mit dem Schriftzug „Heil Hitler“ (Heil = heil/gesund) das Wort „unheilbar“ geschrieben – ein Spiel mit Worten und ein stiller Protest.

Otto verließ Deutschland 1934, qualifizierte sich in Dublin und London erneut als Arzt und übernahm eine Hausarztpraxis in der Nightingale Lane und Lavender Hill in Süd-London. Er hatte keine eigenen Kinder, übernahm aber nach dem frühen Tod von Fritz die Verantwortung für dessen Kinder Gordon und Joyce.

Deutscher Text: Dr. Friederike Kendel nach der englischen Vorgabe von Julia Nelki.

  • Otto Nelki English Version

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Augsburger Straße 25 Heinrich Nelki

Stolperstein Heinrich Nelki

HIER WOHNTE
HEINRICH NELKI
JG. 1901
FLUCHT 1933
BELGIEN
1938 ENGLAND

Henry Nelki wurde zu früh geboren und hatte Zeit seines Lebens mit Sehschwäche und Lernproblemen zu kämpfen. Dennoch konnte er eine Ausbildung als Zahnarzt machen.

Im März 1933 wurde er von SA-Männern brutal zusammengeschlagen und überlebte nur knapp. Dieses Ereignis führte dazu, dass die Familie Deutschland verließ. Henry war schwer traumatisiert, wurde in Brüssel psychisch krank und litt unter der Wahnvorstellung, dass er und die Familie vergast würde.

1939 wurde er zusammen mit seinen Brüdern auf der Isle of Man interniert. Wegen seiner psychischen Erkrankung konnte die Familie jedoch eine frühzeitige Entlassung erreichen. Henry starb 1965 im Banstead Hospital an einem Herzinfarkt.

Deutscher Text: Dr. Friederike Kendel nach der englischen Vorgabe von Julia Nelki.

  • Heinrich Nelki English Vesion

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Augsburger Straße 25 Wolf Nelki

HIER WOHNTE
WOLF NELKI
JG. 1911
FLUCHT 1933
FRANKREICH
BELGIEN
1939 ENGLAND

Wolf Nelki war das jüngste der zehn Kinder, geboren am 11. Juni 1911. Als 11-Jähriger kam er auf das Mommsen-Gymnasium und politisierte sich früh. Mit 16 trat er dem Sozialistischen Schülerbund bei, mit 17 der Kommunistischen Partei. Er wurde Redakteur der Schülerzeitung Der Schulkampf, verteilte Flugblätter, kritisierte das Schulsystem und wurde mehrfach verhaftet. Obwohl seine Brüder Zahnärzte waren, wollte er zunächst Jura studieren – und setzte sich durch. 1933 floh Wolf nach Paris, setzte sein Jurastudium an der Sorbonne fort, lebte unter prekären Bedingungen, arbeitete als Zahntechniker und blieb politisch aktiv. 1935 wurde er aus der Partei ausgeschlossen, da er die stalinistische Linie nicht mittragen wollte. Er zog zu seinen Eltern nach Brüssel und begann 1937 ein Zahnmedizinstudium. Als 1939 der Krieg ausbrach, war Wolf gerade zu Besuch bei der Familie in London und konnte nicht zurück – das rettete ihm vermutlich das Leben.

1940 heiratete Wolf Erna Liesegang – eine Mitstreiterin aus der politischen Bewegung. Wolf und Erna lebten zunächst in London, 1944 kam Sohn Michael zur Welt, 1953 Tochter Julia. Mit Ottos Hilfe konnten sie ein Haus in Clapham kaufen.

Wolf erhielt später eine Entschädigung vom deutschen Staat und konnte endlich sein Zahnmedizinstudium beenden – mit 50 Jahren, im Jahr 1961. Bis ins hohe Alter arbeitete er als Zahnarzt. Seine Forschung zur Familiengeschichte wurde später von Tochter Julia veröffentlicht: Villa Russo: A German Story, Offizin 2019 (Deutsch), 2022 (Englisch) www.julianelki.com/bookshop

Deutscher Text: Dr. Friederike Kendel nach der englischen Vorgabe von Julia Nelki.

  • Wolf Nelki English Version

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