Werner Angress: Eine Jugend in Westend

Der junge Werner Tom Angress in Deutschland

Der junge Werner Tom Angress in Deutschland

Angress wuchs in Berlin-Charlottenburg in bürgerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater Ernst war Bankier, seine Mutter Henny pflegte intensive gesellige Kontakte und lud gern zu großen Diners ein. So kam Angress schon früh in Kontakt mit der wirtschaftlichen Elite der Stadt. Er erinnerte sich, wie er zusammen mit seiner Mutter und seinen jüngeren Brüdern, Fritz und Hans, Charlottenburg und Wilmersdorf entdeckte und durch die Kaufhäuser flanierte.

Angress wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus behütet auf. Von der Inflation Anfang der 1930er Jahre spürte er kaum etwas, sah Armut als ein Problem der Anderen. Geldsorgen waren für die Familie kein Problem: Angress erinnerte sich, dass kaputte Kleidung aussortiert wurde, ersetzt, nicht geflickt. Erst das Kindermädchen der Familie klärte ihn über die Realität auf: „Für mich war das eine Erleuchtung. Wirkliche Armut kannte ich damals nicht. Im wohlhabenden Westend, in dem ich aufwuchs, gab es kaum arme Menschen, und die wenigen, denen ich auf der Grundschule begegnete, waren für mich nicht die Norm, sondern Außenseiter.” Mehrmals zog die Familie innerhalb Charlottenburg-Wilmersdorf um, ehe es schließlich nach Lichterfelde-West ging. In Charlottenburg, in der Klaus-Groth-Straße 7, lebte die Familie Angress in der Wohnung Moritz Jandorfs, dem Bruder des Kaufhausgründers Adolf Jandorf. Zu der Zeit beschrieb sich Angress als glückliches Kind, das gern lernte und lass. Literatur besprach er immer mit seinem Großvater, der ihn großzügig mit Büchern versorgte. Später verlor er durch die Flucht seine Büchersammlung, die er sich nach dem Krieg wieder zusammen sammelte. „Die Jahre in Westend waren schön, weil sie unbeschwert waren”, „fast schon paradiesisch” beschrieb Angress seine Kindheit in seinen Memoiren.

Tagebucheintrag: Über Gedichte drückte Angress seine Gefühle aus. In Deutschland schreibt er über Heimatgefühl und Migration.

Tagebucheintrag: Über Gedichte drückte Angress seine Gefühle aus. In Deutschland schreibt er über Heimatgefühl und Migration.

Als Jugendlicher schloss er sich der Ortsgruppe Westend des jüdischen Jugendbunds Schwarzes Fähnlein an. Angress sah den Jugendbund als „betont rechten Flügel der assimilierten deutschen Jugend.” Er war somit Kind seiner Umgebung: Die Eltern waren selbst politisch konservativ und vertraten traditionelle bürgerliche Werte. Der Jugendbund romantisierte die deutsche Natur und die Verbindung zum Land, wohin man regelmäßig Ausflüge organisierte. Jugendbewegungen wie diese 1 von 6 waren nicht nur ideologisch wichtig, sondern auch zur Stärkung des Selbstgefühls der jüdischen Kinder und Jugendlichen. Nach 1933 stiegen die Mitgliedszahlen in solchen Bewegungen stark an, vor allem zionistisch geprägte Vereine gewannen an Beliebtheit. Jugendbewegungen halfen den Kindern und Jugendlichen, während des Nationalsozialismus die Isolierung zu überwinden und sich gegen Antisemitismus zu stärken. Auch wollte er sich zu dieser Zeit über sein Verhältnis zu Deutschland bewusst werden. Diese Unsicherheit spiegelt sich in dem Gedicht wider, welches er im März 1935 in sein Tagebuch schrieb:

Deutschland?! Kalt weht der Wind von Osten her, Wir fahren auf stürmischer See.
Einst war das unser, unser Meer – Jetzt? Uns ist weh, so weh!
Wir stehen oben am Bergesrand und schauen herab von der Höh’
Einst war’n wir Söhne von diesem Land – Jetzt? Uns ist weh, so weh!
Wir kennen nur Haß, wir kenn’n nur Not Und lieben doch Deutschland so sehr.
Wir kennen kein Recht mehr, nur Verbot – Uns liebt unsre Heimat nicht mehr.

Tagebuch Werner Tom Angress

Tagebucheintrag: Über Gedichte drückte Angress seine Gefühle aus. In Deutschland schreibt er über Heimatgefühl und Migration.

Selbst während seiner Exilzeit in London, hoffte Angress auf eine sichere Rückkehr nach Deutschland. Aufgrund der diskriminatorischen antijüdischen Gesetzgebung des NS-Staates musste Angress die Schule ohne Hochschulzugangsberechtigung verlassen. Für jüdische Jugendliche wurde es zunehmend schwieriger eine Ausbildungsstätte zu finden. 1936 bekam Angress dann aber noch eine Stelle beim „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ und war im Hauptsitz am Kurfürstendamm 200 im Sekretariat für die Aktenablage, das Bearbeiten von Briefen und die eingehenden Telefonate zuständig. Dort lernte er Curt Bondy kennen, der als Leiter eines Ausbildungsbetriebs der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ ihm eine Stelle als Landwirt in Schlesien anbot.

Noch im selben Jahr ging Angress 1936 für eine Ausbildung zum Landwirt nach Groß Breesen in das dortige Auswandererlehrgut, um seine Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu verbessern. Dort machte Angress Bekanntschaften fürs Leben. Groß Breesen war einer der wenigen nicht-zionistischen Auswandererlehrgüter. Über die Verbindung zu Groß Breesen erhielt Angress auch die Möglichkeit, später in die USA zu emigrieren. Die Eltern wollten zunächst nicht emigrieren. Solange das Geschäft des Vaters gut lief, sahen sie keinen Bedarf. Erst 1937 fasste der Vater den Beschluss, mit der gesamten Familie ins Ausland zu fliehen. Über Amsterdam ging es nach London und dann wieder nach Amsterdam, wo die Familie blieb, während Werner Angress 1939 weiter in die USA ging, um auf einer Farm in Virginia seine Ausbildung als Landwirt fortzusetzen. Zunächst korrespondierte Angress noch mit seiner Familie, die in der Pension „Huize Langenberg” wohnte. Die Arbeit auf der Farm endete bereits nach einem Jahr, da das Projekt keinen Gewinn erbrachte. So verpflichtete sich Angress zum Dienst in der US-amerikanischen Armee. Aufgrund seiner deutschen Sprachkenntnisse wurde er Mitglied der Ritchie Boys, die mit besonderen Aufgaben insbesondere der psychologischen Kriegsführung betraut wurden. Im Nachrichtendienst ausgebildet landete er am 6. Juni 1944 („D-Day“) in der Normandie und war als Teil des „Field Interrogation Detachments” für die Verhöre der deutschsprachigen Kriegsgefangenen zuständig. Später war Werner Angress auch an der Befreiung des Konzentrationslagers Wöbbelin beteiligt, einem Außenlager Neuengammes.

Am Muttertag nach der Befreiung 1945 sah Angress seine Mutter und Brüder zum ersten Mal wieder

Am Muttertag nach der Befreiung 1945 sah Angress seine Mutter und Brüder zum ersten Mal wieder

Nach Kriegsende machte er sich auf die Suche nach seinen Eltern. Mit dem Jeep seiner Einheit fuhr er zum Muttertag am 13. Mai 1945 nach Amsterdam. Die letzte Adresse seiner Eltern in der Hand, ging er zur Pension „Huize Langenberg”, um seine Mutter zu überraschen. Von Anwohnenden erhielt Angress eine andere Adresse, wo sich die Mutter Henny aufhalten sollte. Dort sahen sich Werner und seine Mutter nach über fünf Jahren wieder.

Sein Bruder Fred beschrieb diesen Moment in seinen Memoiren “Looking down, I saw my mother crossing the street, waving both arms, accompanied by a young American soldier. My God — I couldn’t believe it! My brother, a nice Jewish boy, with a rifle, a gun, and a pistol!” Fred erinnerte sich auch an die Ration, die Angress bei sich trug: “Cigarettes, Chocolates, and Cookies, which looked like dog biscuits, but we ate it all — anything remotely connected with food was eaten, as there was nothing available in Amsterdam.”

Als auch der jüngste Bruder Hans, mit Blumen in der Hand, bei seiner Mutter eintraf, war die Familie fast vollständig. Wie es ihr im Krieg ergangen ist, erfuhr Angress an jenem Tag: Henny hatte im „Untergrund” gelebt und in Amsterdam als Haushälterin gearbeitet. Auch die beiden Brüder hatten im „Untergrund” überlebt. Nur der Vater Ernst Angress fehlte. Dieser wurde 1941 in Amsterdam wegen Devisenvergehen verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er im Januar 1943 ermordet wurde. An ihn erinnert ein Stolperstein in der Holsteinischen Straße 24 in Wilmersdorf, wo die Familie zuletzt in Berlin gewohnt hatte.

Werner Angress zog nach dem Krieg in die USA zurück und studierte Geschichte. Er lehrte an der University of California auf dem Berkeley Campus und der Stony Brook University auf Long Island in New York. In seinen Arbeiten beschäftigte er sich vor allem mit Kindheit und Jugend jüdischer Menschen in Deutschland während der NS-Zeit, wie in seinem Buch „Generation zwischen Furcht und Hoffnung“. Seine persönlichen Erfahrungen ließ er in die wissenschaftliche Arbeit einfließen. Darüber hinaus publizierte er zu historischen politischen Themen, wie über das Deutsche Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg und die Revolution von 1918 oder die Geschichte der KPD in der Weimarer Republik.

1988 kehrte er in seine Geburtsstadt Berlin zurück und fortan verstand er sich als Zeitzeuge. Die Rückkehr nach Berlin war für ihn gleichermaßen schön und schwer. Angress erinnerte sich in dem Aufsatz „Rückkehr aus der Emigration”:

Jedesmal kommen dann Erinnerungen, keine schwerwiegenden, die Seufzer oder gar Tränen hervorrufen, sondern gewöhnliche Erinnerungen, wie sie wohl jeder aus seiner Kindheit hat: Schulgang, Spiele, Einkaufsgänge. Daneben aber auch einige, keineswegs welterschütternde “Momentaufnahmen” meines Erinnerungsvermögens, gute und nicht so gute, die bei meinen Besuchen in diesen Straßen auftauchen: Spaziergänge, die ich als Vierjähriger an der Hand meiner Großtante von “meiner” Rosenheimerstraße aus zur Martin-Luther-Straße machte, um dort den einer Kneipe zugehörigen Hühnerauslauf mit einem Hahn und mehreren Hennen zu besichtigen; der schöne, schwarze Neufundländer in der Hessenallee — die Steinstufe vor dem Haus, auf der er immer lag, ist heute noch da —, über den ich immer steigen mußte, wenn ich benachbarte Freunde besuchen wollte.

Werner Angress starb 2010 in Berlin.

Weiterlesen

Fred Angress: Survival in the Lion’s Den, 1989, Leo Baeck Institute, ME 273.

Werner T. Angress: Auswandererlehrgut Groß Breesen, in: Year Book of the Leo Baeck Institute 10.1965, S. 168–187.

Werner Tom Angress Collection, 1899-2009, Leo Baeck Institute, JMB-2009.1.

Werner T. Angress: Die Kampfzeit der KPD 1921—1923, Droste 1984.

Werner T. Angress: Erfahrungen jüdischer Jugendlicher und Kinder mit der nichtjüdischen Umwelt, S. 111-129, in: Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, Ursula Büttner (Hrsg.), Fischer Verlag 2003.

Werner T. Angress: Generation zwischen Furcht und Hoffnung, Christians 1985.

Werner A. Holocaust Testimony, Oral History Interview mit dem Moses Mendelssohn Zentrum 1996, https://fortunoff.aviaryplatform.com/collections/1468/collection_resources/3765?u=t&keywords%5B%5D=werner&keywords%5B%5D=tom&keywords%5B%5D=angress

Werner T. Angress: Immer etwas abseits. Jugenderinnerungen eines jüdischen Berliners 1920 – 1945, Berlin 2005.

Werner T. Angress: Rückkehr aus der Emigration. Leben in Deutschland, S. 87-97, in: Zwischen Antisemitismus und Philosemitismus. Juden in der Bundesrepublik, Wolfgang Benz (Hrsg.), Metropol Verlag 1991.

Haus der Wannseekonferenz (Hrsg.): A Celebration of Life. Professor Dr. Werner Tom Angress, 27. Juni 1920 – 5. Juli 2010, 2011.

Ruth Klüger: Unterwegs verloren. Erinnerungen, Zsolnay Verlag 2008.

Ruth Klüger: Weiter leben. Eine Jugend, DTV Verlag 2024.

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Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin

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