Kurfürstendamm 200

Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten am Kurfürstendamm 200

Ein Text von Denise Nestler (TU Berlin)

„Wir lieben unsere Heimat, wenngleich man uns nicht liebt, und müssen fast froh sein, sie überhaupt lieben zu dürfen. Es ist schon so, wie Nathan sagt: Wir kämpfen nach zwei Fronten – nach der einen für den Sieg Deutschlands, nach der anderen, um unsere Gleichberechtigung in Deutschland. “Sieg!”, meint Wolff, “Gleichberechtigung! Wenn wir den Krieg gewinnen, wird kein Jude mehr Reserve-Offizier, und wenn wir ihn verlieren — natürlich sind dann die Juden dran schuld!“ (Julius Marx)

Am 24. September 1916 beschrieb der Soldat Julius Marx in seinem Tagebuch den Gemütszustand vieler jüdischer Soldaten des Ersten Weltkrieges, in dem circa 100.000 Juden kämpften. Wie im nichtjüdischen Bürgertum, verfiel auch die Mehrheit jüdischer Männer dem allgemeinen Kriegsjubel der Zeit und wollte sich beweisen. Sie hofften dabei nicht nur auf einen Sieg im Felde, sondern auch auf nationale Anerkennung und Akzeptanz. Julius Marx schrieb weiter in sein Tagebuch: „Wir müssen uns durchsetzen, wir müssen beweisen, dass wir genau so gute Deutsche sind, wie unsere Kameraden — mehr noch, wir müssen uns hervortun vor allen anderen, wir müssen die Gelegenheit benutzen, einmal zu zeigen, was man vielleicht nicht sehen will.“ Denn Zurückweisungen und Stigmatisierungen waren ein steter Begleiter an der Front.

Erste Seite der Satzung zur Vereinsgründung.

Erste Seite der Satzung zur Vereinsgründung.

Kurz nach dem Waffenstillstand im November 1918, schlossen sich die ersten jüdischen Frontsoldaten zu einem Verband zusammen. Ihr Ziel war es, Antisemitismus zu entkräften und gegen die anhaltenden Vorwürfe des „jüdischen Drückebergers“ zu agieren. Und auch wenn es unter den Mitgliedern verschiedene Meinungen und politische Ansichten gab, war es eines der Hauptziele, die Interessen der jüdischen Gemeinschaft insgesamt zu vertreten und die bürgerlichen Rechte zu verteidigen. So kam es im Februar 1919 in Berlin zur Gründung des Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten (RjF).

Plakat des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten, das über den wachsenden Antisemitismus aufklären soll.

Plakat des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten, das über den wachsenden Antisemitismus aufklären soll.

Einer der Initiatoren der Gründung war Leo Löwenstein, der als Bundesvorsitzender von 1919 bis zur Auflösung des RjFs im Jahre 1938 an dessen Spitze stand. Sitz des Reichsbundes war am Kurfürstendamm 200. Der RjF erreichte Mitte der 1920er seinen Mitgliederhöhepunkt: 40.000 Mitglieder waren in circa 500 Ortsgruppen, wie Charlottenburg, Moabit oder auch im Ausland wie zum Beispiel New York City, eingebunden. Die Bundesleitung des RjF gliederte sich in unterschiedliche Abteilungen, die ihre jeweiligen Ziele vor dem Reichsbund vertraten. So gab es beispielsweise eine Abteilung für Wirtschaftsfragen, eine für Kriegsopferversorgung oder eine für Berufs- und Bildungswesen. Die Vertreter der 16 Landesverbände gehörten dem Bundesvorstand an. Die Mitglieder trafen sich ortsgruppenübergreifend zu Veranstaltungen, Gesellschaftsabenden oder einfach zum Tanz. Der Historiker Michael Berger resümiert in seinem Buch “Eisernes Kreuz und Davidstern”, dass der RjF sich aus tagespolitischen Streitfragen herauszuhalten und „alle jüdischen Kriegsteilnehmer gleich welcher Herkunft und sozialen Schicht“ anzusprechen versuchte, und so ein „Spiegelbild der jüdischen Gesellschaft in Deutschland gewesen sei“.

Der Reichsbund wollte sich aktiv dem in allen Bevölkerungsschichten verbreiteten Antisemitismus entgegensetzen und die jüdischen Soldaten und Veteranen schützen. Auch wollte er die Gleichstellung jüdischer Menschen in Deutschland verteidigen und appellierte an die Regierungen während der Weimarer Republik, mehr gegen die antisemitischen Vorwürfe und Diskriminierungen zu unternehmen. Max Eisenkraemer, Mitglied des Bundesvorstands, schreibt in “Die Lage der Juden in Deutschland”, dass er sich „vor die Aufgabe gestellt” sah, für “die Errungenschaften der Emanzipation und der dazwischenliegenden Zeit erneut zu kämpfen und zu behaupten“. Eisenkraemer beschrieb auch den Wunsch nach Anerkennung: „Ich glaube, das deutsche Volk müsste uns Dank schulden.” Um diese Ziele zu erreichen und gegen den Antisemitismus vorzugehen, leisteten sie Aufklärungsarbeit, organisierten Versammlungen und Vorträge, wie beispielsweise der Vortrag “Die Antisemitische Hetze” im Lehrer-Vereinshaus, gehalten von dem Lehrer und Politiker Hans Sivkovich. Auch Frauen wurden zu den Versammlungen eingeladen und eingebunden. Ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich bestand in der Versorgung jener jüdischen Veteranen und deren Angehörigen, die finanzielle Hilfe oder Unterstützung bei der Arbeitssuche benötigten. Sei es durch finanzielle Hilfen, Arbeitsvermittlung oder Sachleistungen an Feiertagen, wie beispielsweise Geschenke für Kinder von Veteranen oder warme Winterkleidung. Ein weiteres Tätigkeitsfeld bestand in den Gedenkfeiern zu Ehren der jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges.

Über die Tätigkeiten des RjF wurde in der Zeitschrift “Der Schild” publiziert. Der “Schild” wurde zunächst monatlich, ab 1934 sogar wöchentlich veröffentlicht. Die Zeitschrift informierte über Aufklärungsarbeiten, jüdischen Sport und über Programme, die vom RjF organisiert wurden. Bekannte antisemitische Institutionen wurden konkret benannt, wie beispielsweise am 10. Juni 1927: „Die Brauerei Pfefferberg, seitdem sie in andere Hände übergangen ist, [trägt] einen absolut antisemitischen Charakter. Es ist daher zu vermeiden, Veranstaltungen in den Sälen der Brauerei Pfefferberg abzuhalten“. Der “Schild” war auch für die Veröffentlichung eines Gedenkbuches im Jahr 1935 verantwortlich, das von Max Liebermann bebildert wurde und als letzter Versuch verstanden werden kann, die ehemaligen Weltkriegsteilnehmer vor Diskriminierung und Ausgrenzung zu bewahren.

Der RjF stand hinter der Idee eines Deutschlands mit starker jüdischer Teilnahme. Als 1935 die Wehrpflicht eingeführt wurde, setzte sich Löwenstein ohne Erfolg dafür ein, auch jüdische Soldaten zum Wehrdienst zuzulassen. Der RjF stand dem bürgerlichen Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nahe und verstand sich als überparteiliche Interessensvertretung. Auch wenn es angesichts der damaligen Mitgliederzahlen keine homogene politische Meinung gegeben haben konnte, brachte die Haltung zu Deutschland und zur Assimilation dem RjF Kritik von anderen jüdischen Gruppen ein. So schrieb die “Jüdische Rundschau” in den 1930er Jahren immer wieder, der RjF sei zu liberal, antizionistisch, an anderen Stellen zu apolitisch oder aufgrund der Aufklärungsarbeit gar schuld an jeglichem Antisemitismus. Die Teilnahme am Ersten Weltkrieg, das Bekenntnis zur Nation und der Pragmatismus gegenüber staatlicher Herrschaft sorgten nur begrenzt für Anerkennung und verzögerten nach 1933 nur den Ausschuss aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“: „Gewissenlose Verleumder begrüßen uns bei der Rückkehr von den Schlachtfeldern als feige Drückeberger’; Schandbuben schmähen unsere Gefallenen“ beschrieb Leo Löwenstein im “Schild” die fehlende Anerkennung jüdischer Frontsoldaten.

Nach den Novemberpogromen von 1938 wurde der RjF zwangsweise aufgelöst.

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