Kurfürstendamm 15 - Mampes Gute Stube

Ein Text von Ferdinand Houben (TU Berlin)

Mampes Gute Stube

Von 1917 bis 1986 lag im Erdgeschoss des Kurfürstendamm 15 das Lokal Mampes Gute Stube. Die sogenannte Mampestube stand über Jahrzehnte für Gemütlichkeit, Geselligkeit und gute Gesellschaft. Betrieben wurde die Gute Stube durch den 1831 vom geheimen Sanitätsrat Carl Mampe Senior gegründeten Berliner Spirituosenhersteller Mampe, dessen Schnäpse und Liköre jahrelang die Gläser der Berliner:innen füllten. Wie sehr die Mampe und seine Gute Stube im städtischen Alltag verankert waren, zeigt eine bekannte Berliner Redensart:

Geh’ zu Mampe,
gieß’ Dir einen auf die Lampe,
kannste doppelt sehn,
brauchste nich zu Ruhnke gehen (Wirth, o. J.)

Der “doppelt sehende” Kneipengast konnte sich demnach den Gang zum bekannten Augenarzt Ruhnke sparen. Die Mampestube war stadtbekannt und gut besucht. Ein Ort zum Sehen und Gesehen werden.

Den Charme machten die vielen kleinen Separeés aus, die detailliert geschmückt waren. Die „Kachelöfen, alte Stiche, Fayencen, Holztäfelung und Ledersessel schufen ein Ambiente, das den Aufenthalt für ungestörtes Beisammensein“ (Berliner Bezirkslexikon, o. J.) für die Gäste sehr angenehm machte. Prunkstück war das sogenannte Elefantenzimmer, angelehnt an Mampes Wappentier. Auch das Angebot an Weinen, Spirituosen und preiswerten Gerichten lud die Gäste im Innenraum und auf der Straßenveranda zum Kurfürstendamm zum Verweilen ein.

Zur wirtschaftlichen Blütezeits Mampes in den 1910er- und 1920er-Jahren wurden zwischenzeitlich bis zu 20 Mampestuben als Likör-Probierstuben als ein Vorläufer einer Franchise-Gastronomie betrieben. Auf dem Kudamm gab es zwei Mampestuben. Die beschriebene Familienmampe in der Nummer 15 und die Nuttenmampe in der Nummer 33. Während man in der Familienmampe, kurz nur Fama genannt, im edlen Ambiente seinen Mampe Halb und Halb genoss, war die Nuttenmampe, die Numa, das Lokal, in dem ehemalige Soldaten, Sexarbeiter:innen und Trinker:innen ihre Sorgen in Wein und Schnaps vergaßen, sich also wie im Sprichwort, einen auf die Lampe gossen.
Mit dem finanziellen Niedergang der Spirituosenfirma Mampe wurden auch die Mampestuben 1986 geschlossen.

Joseph Roth in Mampes Guter Stube

Stark verbunden ist die Geschichte der Mampestube mit ihren prominenten Gästen. Neben Heinrich Mann und Marlene Dietrich, ging besonders ein Autor gerne und oft in die Mampestube: Der jüdisch-österreichische Autor und Journalist Joseph Roth, geboren 1894, bekannt für seine Werke wie der Radetzkymarsch oder Hiob.

Wann Joseph Roth das erste Mal in die Mampestube ging, ist nicht bekannt. Warum er die Mampestuben immer und immer wieder besuchte, lässt sich jedoch leichter erklären. Sein ganzes Leben lang arbeitete Roth in Cafés und in Kneipen und residierte dabei in Hotels. In den Mampestuben fand Roth das Ambiente und das Klientel, das ihm zusagten: Umgeben von allerlei interessanten und interessierten Bekanntschaften, angezogen von Mampes Kräuterschnaps im gemütlichen Umgebung, konnte der Autor besonders produktiv arbeiten. Wahlweise in oder vor der Mampestube saß Roth und genoss, ganz nach seinem Geschmack, das Treiben des Kudamms.

Ringsum an kleinen Tischen sitzt, in runde Kampftruppen getrennt, die ganze Einheitsfront des westlichen Bürgertums, löffelbewehrt und siegreich im Kampf gegen das Schokoladeneis, das auf dem schlüpfrigen Schlachtfeld aus Porzellan strategische Rückzüge vollführt (Roth, zitiert nach Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, o. J.),

schreibt Roth über das Treiben in der Mampestube.

Umgeben von diesen Szenen schrieb Roth an seinen unterschiedlichen literarischen Werken. Lange hielt sich die Annahme, dass die Mampestube auch der Ort war, wo Roth mit seinem Buch Radetzkymarsch ein Stück Weltliteratur geschaffen hatte (Voß 1980, S. 413). So vermutete der Verleger Wolf Jobst Siedler:

In den letzten Monaten vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte Joseph Roth monatelang an einem bestimmten Tisch in Mampes Guter Stube gesessen, hier hatte er grosse Teile seines ‚Radetzkymarschs‘ geschrieben (Siedler 2004).

Auch die am Kurfüstendamm 15 für die Mampestube und Joseph Roth angebrachte Gedenktafel, die bis heute dort zu sehen ist, lässt dies vermuten. Neuere Forschungen, insbesondere auf Grundlage von Roths Briefen, zeigen jedoch, dass der Roman überwiegend außerhalb Berlins entstand. (Roth 2010).

Roth war während seiner Anwesenheit in der Mampestube literarisch und journalistisch höchst produktiv und bewies sich als geistreicher und spöttischer Beobachter seiner Umwelt. Roth tauchte in seinen Reportagen immer wieder tief in die Gespräche und Welten seiner Mittrinker:innen in der Stube ein.

Mehr und mehr musste Roth dabei auch realisieren, dass sich seine Zeit als Jude in Berlin dem Ende neigen würde und so schrieb er in weiser Voraussicht bereits 1932 in Hinblick auf die drohende Machtübertragung an die Nationalsozialist:innen: „Es ist Zeit wegzugehen. Sie werden unsere Bücher verbren­nen und uns damit meinen“ (Voß 1980, S. 413) Eine Vorhersage, die sich bereits 1933 bewahrheiten sollte und so schrieb er kurz vor der Machtübertragung an den befreundeten Autor Stefan Zweig:

Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert (Roth 1970, S. 249).

Am 30. Januar 1933, dem Vorabend ebenjener Machtübertragung an den Nationalsozialismus, verließ Roth Berlin und fand seine neue Heimat im Exil in Paris. Im Gegensatz zu anderen exilierten Autor:innen gelang es Roth, auch in Paris literarisch Fuß zu fassen und fand auch dort einen neuen Ort zum Schreiben: Das Café de la Poste. Bereits im Alter von 44 Jahren starb Roth in Folge seiner Alkoholsucht, einer Kehrseite seiner Liebe zu Cafés und Kneipen, wie Mampes Gute Stube.

Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel am Kurfürstendamm an Mampes Gute Stube und Joseph Roth, der dort zwar nicht seinen weltbekannten Radetzkymarsch schrieb, aber dennoch in das Treiben Berlins der 1920er- und 30er-Jahre in vollen Zügen eintauchte und dies literarisch festhielt.

Gedenktafel für Joseph Roth

QUELLEN:

Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf: Mampes Gute Stube / Joseph Roth / Frieda Riess (Kurfürstendamm 14/15). https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechen/oeffentlicher-raum/artikel.1603511.php (Zugriff: 10.03.2026).

Edition Luisenstadt: Mampes Gute Stube. In: Berlin-Geschichte – Berliner Bezirkslexikon Charlottenburg-Wilmersdorf. https://berlingeschichte.de/lexikon/chawi/m/mampes_gute_stube.htm (Zugriff: 10.03.2026).

Gedenktafeln in Berlin: Mampes Gute Stube und Joseph Roth. https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/gedenktafeln/detail/joseph-roth/1185 (Zugriff: 10.03.2026).

Roth, Joseph: Briefe 1911–1939. Hrsg. von Hermann Kesten. Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1970.

Roth, Joseph: Radetzkymarsch. Hrsg. und mit Nachwort von Werner Bellmann. Stuttgart: Reclam, 2010.

Siedler, Wolf Jobst: Wir waren noch einmal davongekommen (Teil 3). Perlentaucher. https://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/wolf-jobst-siedler-wir-waren-noch-einmal-davongekommen-teil-3.html, 2004 (Zugriff: 10.03.2026).

Voß, Karl. Reiseführer Für Literaturfreunde: Berlin, Vom Alex Bis Zum Kudamm. Frankfurt am Main [u.a.]: Ullstein, 1980.

Wirth, Marco: Carl Ruhnke. https://web.archive.org/web/20120110153926/http://www.gbbb-berlin.com/lankwitz/ruhnkep.htm (Zugriff: 10.03.2026).

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