Ein Spaziergang durch Geschichte und Gegenwart

Seit 150 Jahren spiegelt der Neue Berliner Westen die ganze Vielfalt jüdischen Lebens. Geschäftsleute, Künstler*innen, Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen jüdischer Herkunft haben Spuren hinterlassen, die Cafés um den Kurfürstendamm verdankten ihren Ruhm wesentlich jüdischen Stammgästen, bis die Nationalsozialisten sie verjagten oder ermordeten.

Im Auftrag des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf finden seit 2024 Stadtspaziergänge zum Thema um den Kurfürstendamm statt, wo der Anteil der jüdischen Bevölkerung zwischen den Weltkriegen bei etwa 25 % lag. Ausgangspunkt ist die Ausstellung „Das Romanische Café im Berlin der 1920er-Jahre im Europa Center. Konzipiert wurde die etwa zweistündige Tour mit Originaltönen und Musik von den Kuratoren, Autoren und langjährigen Stadtführern Michael Bienert und Arne Krasting.

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Orte in dieser Karte
Richard Duschek, im Romanischen Café, 1929

Richard Duschek, im Romanischen Café, 1929

1 Das Romanische Café (Breitscheidplatz und Europa Center)

„Maler, Dichter, Journalisten,
Ärzte, Mimen und Juristen,
Börsianer, Zionisten,
Juden, Juden, ein paar Christen,
Jahrelang der gleiche Kreis:
Tag! Wie geht’s? Was gibt es Neu’s?“

So beschrieb der Malerpoet John Höxter das Publikum im Romanischen Café, das von 1901 bis zur Zerstörung bei Bombenangriffen im Jahr 1943 genau dort existierte, wo sich heute die Fassade des 1965 errichteten Europa Centers zum Breitscheidplatz erstreckt. Die Terrasse mit Ausblick auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde 1931 in einem Schlager des jüdischen Komponisten Siegfried Sonnenschein besungen. Um diese Zeit war das Romanische Café der berühmteste Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen in Deutschland. Hier verkehrten der Maler Max Liebermann, die Dichterin Mascha Kaléko, der Physiknobelpreisträger Albert Einstein, die Schauspielerin Elisabeth Bergner, der Komponist Arnold Schönberg, die Gerichtsreporterin Gabriele Tergit – fast 500 Namen umfasst eine Gästeliste, die im Begleitbuch zur 2024 eröffneten Ausstellung über das Romanische Café im Europa Center publiziert wurde. Das Lokal war auch Treffpunkt von Zionisten und von jiddisch schreibenden Autoren und Journalisten. Seine glanzvolle Ära endete 1933 mit der Vertreibung und Verfolgung vieler Stammgäste durch die Nationalsozialisten.

Postkarte aus dem Romanischen Café mit Ansicht des Romanischen Hauses II, 1903

Postkarte aus dem Romanischen Café mit Ansicht des Romanischen Hauses II, 1903

2 Stolperstein für Else Esther Liebermann von Wahlendorf (Budapester Straße 45)

Von den meisten Passanten unbeachtet liegt vor einem Eingang zum Europa Center ein messingfarbener Stolperstein im Straßenpflaster. Er erinnert an die Witwe des Landrichters Paul Liebermann von Wahlendorf, die sich 1943 im Alter von 67 Jahren aus Furcht vor der Deportation in ein Konzentrationslager das Leben nahm. Else Esther Liebermann von Wahlendorf stammte aus einer jüdischen Familie, hatte sich jedoch 1897, kurz nach ihrem Mann, taufen lassen. Paul von Liebermann war ein Cousin des Malers Max Liebermann und Bauherr des 1901 fertiggestellten Romanischen Hauses II, in dem sich das Romanische Café befand. Der Prachtbau stammte von dem Architekten Franz Schwechten und war Teil eines in enger Abstimmung mit dem Kaiserhaus geplanten Romanischen Forums um die 1895 geweihte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Im neoromanischen Baustil der Kirche wurden auch das Romanische Haus I zwischen Kantstraße und Kurfürstendamm und die „Ausstellungshallen am Zoo“ an der Hardenbergstraße errichtet. Paul Liebermann von Wahlendorf verkaufte sein Haus 1920 und starb 1930. Die Frau teilte das Schicksal der Witwe Max Liebermanns, die ebenfalls 1943 den Freitod wählte.

Stolperstein John Hoexter

Stolperstein John Hoexter

3 Stolperstein für John Höxter (Hardenbergstraße 28a)

Er war der Schnorrer des Romanischen Cafés: John Höxter, Maler, Schriftsteller und Lebenskünstler. Geboren 1884 in Hannover, zog es ihn früh in die Berliner Bohème. Die Künstlercafés, allen voran das Romanische Café, wurden sein Zuhause. Hier schrieb, dichtete und malte er, oft auch die Gäste des Kaffeehauses. Mit seinen teils expressionistischen, teils dadaistischen Arbeiten traf er spätestens ab Mitte der 1920er-Jahre nicht mehr den Zeitgeist. Um sein Leben und seine Morphiumsucht zu finanzieren, erschnorrte er sich im Romanischen Café das nötige Geld. „Könnse mir fünfzig Pfennige borgen? Nur bis morgen? Ehrenwort!“ textete Friedrich Hollaender 1927 in einem Höxter gewidmeten Couplet der Revue “Bei uns um die Gedächtniskirche rum”. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor der jüdische Künstler seine Existenzgrundlage. Nach den Novemberpogromen 1938 nahm er sich das Leben. Heute erinnert ein Stolperstein in der Hardenbergstraße an ihn. Das Hotel Waldorf Astoria betreibt hier das Café „Roca“, das von 2013 bis 2016 den traditionsreichen Namen „Romanisches Café“ trug.

Das Marmorhaus heute

Das Marmorhaus heute

4 Marmorhaus (Kurfürstendamm 236)

Roter Teppich am Kurfürstendamm: Am 26. Februar 1920 feierte der Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ Premiere – ein triumphaler Erfolg für Regisseur Robert Wiene und Produzent Erich Pommer. „Es gilt, eine neue Seite in der Geschichte des Films zu beginnen“, schrieb die angesehene Vossische Zeitung. Premierenkino war das 1912 eröffnete Marmorhaus, eines der ersten Lichtspielhäuser Berlins. Namensgebend war der weiße schlesische Fassadenmarmor. Seine Blütezeit erlebte das Haus unter der Direktion des jüdischen Kinobetreibers Siegbert Goldschmidt. Er sorgte auch dafür, dass mit Josef Fenneker der bekannteste Plakatkünstler Berlins die Filmplakate für das Marmorhaus gestaltete. Nach mehreren Umbauten wurde das Kino 2001 geschlossen. Doch der Name auf der Fassade erinnert bis heute an die große Zeit des deutschen Films in der Weimarer Republik, die wesentlich durch jüdische Filmschaffende wie Robert Wiene, Erich Pommer oder Ernst Lubitsch geprägt wurde.

Die leerstehenden Mampe-Stuben, 2025

Die leerstehenden Mampe-Stuben, 2025

5 Mampes Gute Stube / Joseph Roth / Frieda Riess (Kurfürstendamm 14/15)

„Ringsum an kleinen Tischen sitzt, in runde Kampftruppen getrennt, die ganze Einheitsfront des westlichen Bürgertums, löffelbewehrt und siegreich im Kampf gegen das Schokoladeneis, das auf dem schlüpfrigen Schlachtfeld aus Porzellan strategische Rückzüge vollführt“, heißt es in einem der bissigen Texte von Joseph Roth über das Leben am Kurfürstendamm. Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel an den ehemaligen Mampe-Stuben daran, dass hier um 1930 einer der Schreibplätze des aus Galizien stammenden Schriftstellers und Journalisten war. In Büchern wie „Juden auf Wanderschaft“ und dem Roman „Hiob“ beschrieb er die Mentalität jüdischer Migranten aus Osteuropa mit großer Zuneigung. Das Interieur von Roths Stammlokal in dem 1889 errichteten Mietshaus ist noch teilweise erhalten. Mit gleichem Recht könnte am selben Hauseingang eine Gedenktafel für Frieda Riess hängen, die hier 1917 ein Fotoatelier eröffnete. Wie Yva, Suse Byk oder Lotte Jacobi gehörte sie zu den Frauen aus jüdischen Familien im Neuen Berliner Westen, die sich in den 1920er-Jahren als Fotografinnen mit künstlerischem Anspruch einen Namen machten und nach 1933 an ihrer weiteren Berufsausübung gehindert wurden.

Café des Westens, um 1900

Café des Westens, um 1900

6 „Kranzler-Ecke“ / Café des Westens (Kurfürstendamm 18/19)

Die „Kranzler-Ecke“ war schon berühmt, ehe dort 1932 eine Filiale der Konditorei Kranzler eröffnete und lange bevor sich in der Nachkriegszeit das bekannteste Café West-Berlins in einem eleganten Neubau etablierte. Unter dem Spitznamen „Café Größenwahn“ ging das um 1895 an gleicher Stelle eröffnete Café des Westens in die Kulturgeschichte ein. „Es war, als wenn die Marmortische mit süßem Leim bestrichen worden wären, auf den die geistig bedeutenden Fliegen Berlins krochen und kleben blieben“, schreibt Edmund Edel in einer 1913 erschienenen Festschrift. Ein Großteil der Bohème der Jahrhundertwende – etwa Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler, Alfred Döblin, Walter Benjamin oder Herwarth Walden – war jüdischer Herkunft. Als das alte Café des Westens 1921 endgültig schloss, übernahm seine Rolle das Romanische Café. Von 1901 bis 1904 lebte im Haus der Unternehmer und Mäzen Max Cassirer, damals Stadtverordneter, ab 1909 bis 1920 Stadtrat in Charlottenburg, seither Ehrenbürger. Das schützte ihn nicht davor, in der NS-Zeit seines gewaltigen Vermögens beraubt und ins Exil getrieben zu werden. Cassirer starb 1943 in Wales.

Fassade Joachimsthaler Straße 13

Fassade Joachimsthaler Straße 13

7 Synagoge in der Joachimsthaler Straße (Joachimsthaler Straße 13)

Wer an der Joachimsthaler Straße 13 vorbeigeht, ahnt kaum, dass sich im Hof hinter der leicht heruntergekommenen Fassade einer der schönsten jüdischen Gebetssäle Berlins verbirgt. Seit 1960 wird er von orthodoxen Gläubigen der Jüdischen Gemeinde genutzt. Ursprünglich diente der Saal, der 1901 mit dem Quergebäude errichtet wurde, als Festsaal der jüdischen Loge B’nai B’rith. Später zog hier die Joseph-Lehmann-Schule ein. Sie ist notwendig geworden, weil jüdische Kinder zunehmend von deutschen Schulen ausgeschlossen wurden. Heute fasst die Synagoge rund 300 Gläubige. Sie ist die einzige Synagoge der Stadt, in der zweimal täglich gebetet wird. Kein Publikum mehr empfängt dagegen das Vorderhaus: Dort befand sich über 30 Jahre lang die „Literaturhandlung“, eine der wichtigsten Buchhandlungen für jüdische Literatur in Deutschland. Inzwischen existiert sie nur noch im Internet.

Grünfeld-Ecke, nach 1928

Grünfeld-Ecke, nach 1928

8 Grünfeld-Ecke (ehemaliger Joachimsthaler Platz)

Eine schwungvolle Glasfront, auffällige Neonreklamen und im Inneren eine gläserne Fahrstuhlröhre: Das Gebäude am Kurfürstendamm, Ecke Joachimsthaler Straße, war ein markanter Blickfang an dem von Gründerzeitarchitektur geprägten Boulevard. Bekannt war es jedoch nicht nur wegen seiner modernen Fassade, sondern vor allem wegen der Qualität seiner Waren: Das Kaufhaus Grünfeld war fast jedem Berliner ein Begriff, „Grünfeld-Ecke“ nannten sie das Wäschehaus. Gegründet wurde das Kaufhaus bereits 1862 von Falk Valentin Grünfeld im oberschlesischen Landshut. Rasch entwickelte es sich zu einer der ersten großen Versandfirmen, wurde Preußischer Hoflieferant und war in Berlin zunächst an der Leipziger Straße, später auch am Kurfürstendamm 227 vertreten. Der Architekt Otto Firle ließ 1928 das Gründerzeitgebäude spektakulär umbauen. 1938 erfolgte die Arisierung des Kaufhauses durch die Firma Max Kühl; die Familie Grünfeld emigrierte ins damalige Palästina. Am 8. November 2023 erhielt die südwestliche Ecke der Kreuzung im Beisein vieler Familienmitglieder den Namen „Grünfeld-Ecke“. Der ursprüngliche Standort des Kaufhauses lag jedoch auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sich heute ein Neubau befindet.

Ernst Gräfenberg

Ernst Gräfenberg

9 Gynäkologiepraxis Ernst Gräfenberg (Kurfürstendamm 24)

Der Entdecker (oder auch Erfinder) des für den weiblichen Orgasmus bedeutenden „G-Punktes“ Ernst Gräfenberg betrieb von 1919 bis 1938 eine gynäkologische Praxis in einem zerstörten Haus gleich neben dem Hotel am Zoo, in dem Joseph Roth mehrfach logierte. Gräfenberg behandelte diskret Frauen von Geschäftsleuten und Diplomaten. Unter seinen Patientinnen waren Berühmtheiten aus der Berliner Theater- und Opernszene. 1928 stellte Gräfenberg die von ihm entwickelte Intrauterinspirale zur Empfängnisverhütung vor, den so genannten Gräfenberg-Ring, der als Vorläufer aller modernen Pessare gilt. Wegen seiner jüdischen Herkunft verlor er 1933 seine Stellung an einem Städtischen Krankenhaus in Berlin-Britz, konnte jedoch die Privatpraxis weiterführen. Weil er angeblich wertvolle Briefmarken ins Ausland verkauft hatte, wurde er 1938 wegen Devisenvergehens zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Gegen Preisgabe seines gesamten Vermögens durfte er in die USA ausreisen, wo er als Arzt weiterarbeitete und 1957 starb. Der Begriff „G-Spot“ wurde erst in den 1980er-Jahren von amerikanischen Sexualforschern zu Ehren Gräfenbergs eingeführt und rasch populär.

Werbepostkarte für die Kutschera-Betriebe

Werbepostkarte für die Kutschera-Betriebe

10 Haus Wien / Kutschera-Betriebe (Kurfürstendamm 26)

Wo heute die Firma Apple ihre iPhones, iPads und iMacs in einem großen Flagship-Store inszeniert, eröffnete 1912/13 ein zweistöckiges Kaffeehaus im damaligen „Union-Palast“. Dort wurden bis zur Schließung der „Filmbühne Wien“ im Jahr 2000 Kinofilme gezeigt. Der Gastronom Karl Kutschera erwarb 1918 das damals als „Union-Palast“ bekannte Gebäude und etablierte darin ein großes Weinlokal: den „Zigeunerkeller“. Nach einer Hetzkampagne der NS-Presse musste er sich 1938 aus dem florierenden Unternehmen zurückziehen. 1943 wurde er mit seiner Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Während Karl Kutschera und seine zweite Frau Josephine das Konzentrationslager überlebten, wurden ihre beiden gemeinsamen Kinder im KZ Auschwitz ermordet. Im Juni 1945 kehrte das Ehepaar Kutschera nach Berlin zurück und baute die Gastronomie am alten Standort wieder auf. Karl Kutschera starb 1950 als Ehrenvorsitzender der Berliner Gastwirtsinnung. Nach seinem Tod führte seine Frau Josephine das Unternehmen bis Anfang der 1970er-Jahre fort.

Rahel Hirsch, 1914

Rahel Hirsch, 1914

11 Gedenktafel für Rahel Hirsch (Kurfürstendamm 220)

Spott und Hohn erntete die Medizinerin Rahel Hirsch im Jahr 1907, als sie an der Charité vor ihren männlichen Kollegen einen Vortrag hielt. Sie hatte nachgewiesen, dass winzige feste Teilchen die Nieren, bis dahin als undurchlässig geltend, passieren und ins Blut sowie in den Urin gelangen können. Nach ihrem Medizinstudium in Zürich und Straßburg war Rahel Hirsch 1903 an die Charité berufen worden. Dort war sie erst die zweite angestellte Ärztin überhaupt. Für ihre wissenschaftlichen Leistungen erhielt sie 1913 als erste Ärztin in Preußen den Professorentitel. 1919 verließ sie die Charité und eröffnete eine Praxis am Kurfürstendamm 220. Mit einem modernen Röntgengerät ausgestattet, konnte sie dort die neuen therapeutischen Möglichkeiten der Strahlenmedizin nutzen. Unter den Nationalsozialisten verlor sie 1938 zunächst die Kassenzulassung, schließlich auch ihre Approbation. Nach der Flucht nach London durfte sie dort nicht mehr als Ärztin arbeiten, geriet zunehmend in finanzielle Not und starb 1953 in einer Nervenheilanstalt. Erst posthum wurde ihre bahnbrechende Entdeckung als „Hirsch-Effekt“ anerkannt.

Imre Kertész in Szeged, 2007

Imre Kertész in Szeged, 2007

12 Gedenktafel für Imre Kertész (Meinekestraße 3)

Der Holocaust sei die „Endstation des großen Abenteuers, an der der europäische Mensch nach zweitausend Jahren ethischer und moralischer Kultur angekommen ist“, stellte Kertész 2002 in seiner Nobelpreisrede fest. Diese Katastrophe betreffe nicht nur die Deutschen und Juden, sondern sei eine Menschheitserfahrung, hinter die es kein Zurück gebe. Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde aufgrund antijüdischer Gesetze im Juli 1944 in Budapest verhaftet und zunächst in das Vernichtungslager Auschwitz, von dort in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Sein ganzes späteres Werk war ein Umkreisen dieser Erfahrungen und, wie er selbst sagte, ein Anschreiben gegen den Selbstmord. 2002 bezog Kertész eine Wohnung in Berlin, fand „Mut und Lust zu neuem Leben“ und fühlte sich in der Gegend um die Meinekestraße sehr wohl. Wegen einer Parkinsonerkrankung kehrte er 2012 nach Budapest zurück, wo er 2016 starb. Eine Gedenktafel am Haus wurde 2021 angebracht.

Gebäude des Palästina-Amts und des Zionistischen Zentralarchivs heute

Gebäude des Palästina-Amts und des Zionistischen Zentralarchivs heute

13 Palästina-Amt und Zionistisches Zentralarchiv (Meinekestraße 10)

Mehrere zionistische Organisationen hatten in dem Haus ihren Sitz, das 1899/1900 nach Plänen des jüdischen Architekten Max Fraenkel als Mietshaus mit einem Privatsanatorium im Quergebäude errichtet wurde. 1925 kaufte es der Verlag der „Jüdischen Rundschau“, des Zentralorgans der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Die Jewish Agency for Palestine richtete das Palästina-Amt ein, das an Auswanderung interessierte Juden beriet und Papiere für eine Übersiedlung ausstellte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erlebte das Amt einen dramatischen Ansturm von Auswanderungswilligen. Bis zur Schließung im Jahr 1941 verhalf das Palästina-Amt rund 50.000 Menschen zur Flucht aus Deutschland. Das im Haus ansässige Zionistische Zentralarchiv zog bereits 1934 nach Jerusalem um, wo es sich – als wesentliche Institution für das historische und kulturelle Gedächtnis des Staates Israel – noch heute befindet. Bereits 1986 wurde eine Berliner Gedenktafel an der Meinekestraße 10 angebracht, 2019 kam ein zweisprachiger Aufsteller am Straßenrand hinzu, der sich ausführlich der Geschichte des Zentralarchivs widmet.

Treppenhaus Fasanenstraße 70

Treppenhaus Fasanenstraße 70

14 Versteck von Margot Friedländer (Fasanenstraße 70)

„Ich sage immer: Ich bin mit Spreewasser getauft“, erzählte Margot Friedländer. 1921 wurde sie als Anni Margot Bendheim in Berlin geboren und erlebte ab 1933 zunehmende Entrechtung und Diskriminierung. Nachdem verschiedene Ausreiseversuche gescheitert waren und nach der Deportation von Mutter und Bruder tauchte sie in Berlin unter. Mehr als ein Jahr lang lebte sie in insgesamt 16 verschiedenen Verstecken, zuletzt drei Monate bei der Familie Camplair in der Fasanenstraße 70. Schließlich wurde sie verraten und kam in das Lager Theresienstadt, wo sie ihren späteren Mann Adolf Friedländer kennenlernte. Beide überlebten das Lager und wanderten 1946 nach New York aus. Nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie 2010 nach Berlin zurück. Seitdem erzählte sie ihre Lebensgeschichte vor Schülern und auf öffentlichen Veranstaltungen und wurde berühmt als Vorkämpferin für Menschlichkeit und Demokratie. 2011 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, seit 2018 war sie Ehrenbürgerin Berlins. Am 9. Mai 2025 starb Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren. Mit einer Nachkommin der Familie Camplair, die sie einst, ohne sie zu kennen, aufgenommen hatte, stand sie bis zu deren Tod in engem Kontakt.

Gedenktafel Essad Bey

Gedenktafel Essad Bey

15 Gedenktafel für Essad Bey (Fasanenstraße 72)

Geboren als Lew Abramowitsch Nussimbaum in einem Zug von der Ukraine nach Aserbaidschan, wuchs er in einem spannungsreichen Umfeld auf: Vater Ölmagnat, Mutter Kommunistin, aufgezogen von einer deutschen Kindermutter. Schon früh wurde sein Leben zu einem Abenteuer: Mit 15 floh er allein und zu Fuß vor den Bolschewisten nach Berlin. Dort trat er vom Judentum zum Islam über, nannte sich Essad Bey und begann, sich intensiv mit islamischer Geschichte zu beschäftigen. Schon vor seiner Volljährigkeit nahm sein Leben Wendungen, die ein Drehbuchautor kaum spannender hätte erfinden können. In der Weimarer Republik machte er sich als Schriftsteller einen Namen, unter anderem mit einer Biographie des Propheten Mohammed. 1936 musste er Deutschland verlassen, unter dem Pseudonym Kurban Said veröffentlichte er weitere Werke. 1942 endete sein bewegtes Leben nach schwerer Krankheit in Positano, Italien. Von 1928 bis 1930 hatte er in der Fasanenstraße 72 gewohnt – ein stilles Zeugnis seiner frühen, aufregenden Jahre.

Nelson-Bühne, Kurfürstendamm 217, Ecke Fasanenstraße

Nelson-Bühne, Kurfürstendamm 217, Ecke Fasanenstraße

16 Nelson-Bühne (Kurfürstendamm 217)

In der Kabarettszene der 1920er-Jahre war Rudolf Nelson, der eigentlich Lewyson hieß, eine feste Größe: als Pianist, Ohrwurmkomponist und Theaterdirektor in Personalunion. 1919 eröffnete er am Kurfürstendamm 217 sein eigenes Revuetheater, für das er Kurt Tucholsky als Autor gewinnen konnte. Dort gab im Januar 1928 die Tänzerin Josephine Baker ihr erstes, umjubeltes Gastspiel in Berlin. 1933 ging Nelson ins Exil und setzte seine Arbeit in Amsterdam bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht fort. Sein Theater wurde zum Kino „Astor“ umgebaut, das bis 2002 bestand. Eine Gedenktafel für Nelson hängt an seiner ehemaligen Wohnadresse am Kurfürstendamm 186. Im Haus der Nelson-Revue befand sich auch die Pension Stern, in der 1925 Joseph Roth und um 1930 Robert Musil logierten. Es war von 1904 bis 1907 die letzte Wohnadresse des berühmten Geigers und Komponisten Joseph Joachim. Als Solist, Pädagoge und Gründungsrektor der Hochschule für Musik (seit 1869) gehörte Joachim zu den prägenden Erscheinungen des Musiklebens seiner Zeit. Wegen seiner jüdischen Herkunft war jede Erinnerung daran unter der NS-Diktatur unerwünscht.

Das Restaurant Kempinski, undatierte Postkarte

Das Restaurant Kempinski, undatierte Postkarte

17 Hotel Bristol, früher Kempinski (Fasanenstraße 19)

Bertold Kempinski war ein Pionier der Berliner Gastronomie. Er verfolgte das Ziel einer „Sozialisierung des Luxus“. Eine seiner Ideen bestand darin, halbe Portionen zu einem reduzierten Preis anzubieten, um seine feine Küche auch der Mittelschicht zugänglich zu machen. In der Kaiserzeit wurde sie im damals größten Restaurant der Stadt in der Leipziger Straße beköstigt. 1928, inzwischen unter der Leitung seines Schwiegersohns Richard Unger, eröffnete das Unternehmen eine Dependance am Kurfürstendamm, Ecke Fasanenstraße. Elegant ausgestattet, doch mit zivilen Preisen, bewirtete man hier täglich rund 2.000 Gäste. Bereits vor 1933 wurde das Unternehmen Kempinski als „jüdisch“ diffamiert und schließlich 1937 unter Zwang und weit unter Wert an einen Konkurrenten verkauft. Das Gebäude überstand den Krieg nicht. An seiner Stelle entstand in den 1950er-Jahren das Hotel Kempinski, das rasch zu einem der beliebtesten Häuser West-Berlins wurde und von den Berlinern schlicht „Kempi“ genannt wurde. Heute trägt es den Namen Bristol und gehört zu einer internationalen Hotelkette.

Café Reimann, undatierte Postkarte

Café Reimann, undatierte Postkarte

18 Ehemaliges Café Reimann (Kurfürstendamm 35)

„Gegen 20.45 Uhr bemerkte ich am Kurfürstendamm, Ecke Uhlandstraße, eine Ansammlung von etwa 200 Personen. Ich hörte nun, dass von den Versammelten im Chor gerufen wurde: ‚Juda verrecke! Deutschland erwache! Schlagt die Juden tot!‘“ So berichtete der Kaffeehausbetreiber Walter Reimann über die Krawalle am 15. September 1931 rund um den Kurfürstendamm. Die SA verwüstete zahlreiche jüdische Einrichtungen und jagte Menschen, die als jüdisch erkannt oder angesehen wurden, durch die Straßen. Reimann war ein erfolgreicher Cafétier mit vier Häusern in Berlin. Sein Café am Kurfürstendamm mit der beliebten Terrasse war ein Treffpunkt vieler jüdischer Gäste, die nach dem Besuch der nahegelegenen Synagoge in der Fasanenstraße einkehrten. An jenem Tag, der als „Kudamm-Krawall“ in die Geschichte einging, stürmten SA-Männer das Lokal, warfen Marmortische von der Terrasse durch die Fenster, zertrümmerten Mobiliar und misshandelten Gäste. Heute befindet sich an dieser Stelle das Hotel California, das – wie einst das Café Reimann – Besucher auf einer Terrasse empfängt. Verewigt wurde das Café zudem in einem Aquarell der Künstlerin Jeanne Mammen, die am Kurfürstendamm 29 in ihrer (noch erhaltenen) Atelierwohnung lebte.

Synagoge in der Fasanenstraße, 1910er bis 1920er Jahre

Synagoge in der Fasanenstraße, 1910er bis 1920er Jahre

19 Jüdisches Gemeindehaus (Fasanenstraße 79-80)

Der 27. September 1959 markiert einen Neuanfang in der jüdischen Geschichte Berlins. An diesem Tag übergab Bürgermeister Willy Brandt dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, den symbolischen Schlüssel für das neue jüdische Gemeindezentrum in der Fasanenstraße. Der Standort war bewusst gewählt: Seit 1912 stand hier die große Synagoge der Jüdischen Gemeinde Charlottenburg, ein eindrucksvoller neoromanischer Bau. In der Reichspogromnacht wurde sie in Brand gesteckt. „Der schönste Tempel von Berlin war nur noch eine rauchende Ruine“, erinnerte sich der damals zwölfjährige Michael Blumenthal, der später Gründungsdirektor des Jüdischen Museums wurde. 1943 zerstörten Luftangriffe das Gebäude weiter, die Ruine wurde nach dem Krieg abgetragen. Ein Säulenfragment und die Portalbekrönung fanden im neuen Gemeindehaus ihren Platz. 2006 verlegte die Jüdische Gemeinde ihren Hauptsitz ins Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße. Mit Volkshochschule, Bibliothek, Seniorentreff und weiteren Einrichtungen bleibt das Gemeindehaus dennoch ein zentraler Ort jüdischen Lebens in Berlin.

20 Ehem. Haus der jüdischen Organisationen (Kantstraße 158)

Zum Schluss: eine Erinnerungslücke zwischen Stadtbahntrasse und dem leerstehenden ehemaligen Bilka-Kaufhaus, teilweise überbaut durch den gläsernen Hochhausriegel des Neuen Kranzler Ecks, das zur Jahrtausendwende nach Plänen des Stararchitekten Helmut Jahn entstand. Die Adresse Kantstraße 158 existiert heute nicht mehr. Dort hatte von 1928 bis 1943 der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden seine Büros. Unter dem Druck der Nationalsozialisten zogen ab 1933 immer mehr jüdische Organisationen in das Haus ein, an der Spitze die neu gegründete Reichsvertretung der deutschen Juden. Die Mitarbeiter versuchten den von wachsender Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung betroffenen Menschen zu helfen. Auch das Palästina-Amt musste 1938 von der Meinekestraße in die Kantstraße 158 umziehen. Ab 1939 übernahmen Reichssicherheitshauptamt und Gestapo die Kontrolle. In den Jahren 1941 bis 1943 wurden Mitarbeiter der (inzwischen so umbenannten) Reichsvereinigung der deutschen Juden gezwungen, bei der Zusammenstellung von Deportationslisten zu helfen und den Abtransport mit zu organisieren. Zuletzt wurden die Mitarbeiter selbst abgeholt, die Reichsvereinigung im Juni 1943 aufgelöst und das gesamte jüdische Vermögen beschlagnahmt.

Literaturhinweise:

Kontakt zu den Autoren:
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