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235. Kiezspaziergang: Architektonische Experimente im Süden von Wilmersdorf

235. Kiezspaziergang - Schmitz-Grethlein

Bezirksstadtrat Fabian Schmitz-Grethlein eröffnet den Kiezspaziergang.

Herzlich willkommen zu unserem 235. Kiezspaziergang.
Heute sind wir in einem ganz besonderen Kiez des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Unser Spaziergang zeigt viele Beispiele wie unsere Stadtväter und -mütter versucht haben, dem Wachsen der Stadt, aber auch den veränderten Bedürfnissen, Raum zu geben.

Manche dieser Ideen, zum Beispiel zur autogerechten Stadt der 70er-Jahre, teilen wir heute nicht mehr. Vieles betrachten wir mit großem Respekt, weil Architekten und Investoren so modern gedacht haben, dass die Menschen, die hier leben, ihr Umfeld noch immer als attraktiv empfinden. Ich will Ihnen heute einige dieser architektonischen Experimente zeigen.

Ludwig-Barnay-Platz, 15.6.2009, Foto: KHMM

1. Station: Ludwig-Barnay-Platz: Gartenstadt und Künstlerkolonie

Wir stehen hier auf dem Ludwig-Barnay-Platz, der ursprünglich Laubenheimer Platz hieß.
Der 1842 in Budapest geborene Schauspieler Ludwig Barnay war 1871 Mitbegründer der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, von der wir gleich noch hören werden, und gründete 1883 mit Josef Kainz und Agnes Sorma das Deutsche Theater Berlin. Der Platz wurde 1963 anlässlich des 80. Jahrestages der Gründung des Deutschen Theaters nach Ludwig Barnay benannt.

Rund um und nordöstlich dieses Platz befindet sich die Gartenstadt mit insgesamt 21 Blöcken zwischen Kreuznacher Straße im Süden, Laubacher Straße im Osten, Wiesbadener Straße im Norden und dem Breitenbachplatz im Westen. Die Gartenstadt geht auf einen Bebauungsplan des Architekten Jean Krämer (1886-1943) zurück und steht als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Das Areal wurde größtenteils zwischen 1928 und 1933 bebaut und ist eines der zahlreichen Wohnungsbauprojekte, mit denen die Weimarer Republik die grassierende Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg bekämpfte. In einer Situation, die der aktuellen Situation in Berlin nicht unähnlich ist, wurde 1924 die sogenannte Hauszinssteuer eingeführt. Diese mussten vor allem Liegenschaftseigentümer zahlen, die sich während der Inflation schnell von ihren Schulden hatten befreien können. Mit solchen Mitteln wurde die Gartenstadt und die zu ihr gehörige Künstlerkolonie gebaut.

Bis zur Errichtung der Gebäude waren hier Kleingärten und in einem Block sogar Tennisplätze.

Die Gartenstadt gehörte anfänglich der “Heimat” Gemeinnützige Bau- und Siedlungs AG und wurde 1941 von der Gehag übernommen.

Bei den Wohnanlagen der Gartenstadt handelt es sich um fünfgeschossige Putzbauten mit Walmdächern und Klinkerbändern, die in Blockrandbebauung rund um große Gärten ausgeführt sind.
Die Bezeichnung Gartenstadt erfolgte in Anlehnung an die bereits vor dem Ersten Weltkrieg populäre Gartenstadtidee. Sie war gegen Ende des 19. Jahrhunderts von dem englischen Parlamentsstenographen Ebenezer Howard (1850-1928) entwickelt worden und verbreitete sich seit 1902 mit der Gründung der Deutschen Gartenstadtgesellschaft auch in Deutschland. Das Ziel der genossenschaftlich organisierten Gartenstädte bestand in der allmählichen Überwindung des historischen Gegensatzes zwischen Stadt und Land. Die Gartenstadt war als neuer Stadttypus gedacht, der die Vorzüge von Stadt und Land in sich vereinen sollte, ohne ihre Nachteile zu besitzen.

Im Gegensatz zur typischen Gründerzeitbebauung, die wir etwa im unmittelbar östlich anschließenden Friedenau vorfinden, gab es hier eben nicht mehrere enge Hinterhöfe, sondern alle Wohnungen waren und sind von vorne und hinten gut belichtet und belüftet. Die großen Innenhöfe, die den Bewohner:innen zur Verfügung stehen, tragen auch heute noch zu großer Wohnqualität bei.

Ein weiteres Grundprinzip der genossenschaftlichen Bewegung war eine gemeinnützige Regelung der Boden- und Wohnungspreise und die Unterbindung der Spekulation mit Wohnraum.

Dieses Grundprinzip gilt nicht mehr: Die meisten Wohnungen wurden privatisiert, teilweise aufgeteilt, ein Teil befindet sich im Eigentum der Vonovia.

235. Kiezspaziergang - Herr Sekula

235. Kiezspaziergang - Herr Sekula

Wir stehen hier auf dem Platz direkt in der Künstlerkolonie. Wir haben hier einen Gast, der sich besonders gut mit der Geschichte der Siedlung auskennt. Herr Sekula, was hat es mit der Künstlerkolonie auf sich und wer hat hier alles gewohnt?

Die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger und der Schutzverband deutscher Schriftsteller konnten 1926 das Areal zwischen Laubenheimer Straße und Breitenbachplatz mit Mitteln aus der Hauszinssteuer kaufen. Man muss sich allerdings vorstellen, dass die Grundstücke damals noch nicht mitten in der Stadt, sondern im Süden von Wilmersdorf am Stadtrand lagen.

Gebaut wurden dann zwischen 1927 und 1931 nach den Plänen von Ernst und Günther Paulus 600 Wohnungen in drei Wohnblöcken mit schlichten Fassaden und großzügigen Innenhöfen. Rund 1000 Künstler und deren Angehörige lebten nach dem Erstbezug in der Kolonie. Nicht jeder Schauspieler in Berlin war ja gleich ein gut bezahlter Star. Viele waren eher Lebenskünstler und auf günstigen Wohnraum angewiesen. Einziehen durften zudem auch Genossenschaftsmitglieder, die nicht direkt im Rampenlicht standen. Dazu gehörten beispielsweise auch Kulissenmaler oder Souffleusen.

In den 20er- und 30er-Jahren wohnten in der Kolonie viele Persönlichkeiten des künstlerischen und intellektuellen Lebens in Berlin: der Philosoph Ernst Bloch, der Sänger Ernst Busch, die Schauspieler Lil Dagover und Gustav Knuth oder der Schriftsteller Arthur Koestler. Dass die Siedlung vom Volksmund „Rote Hungerburg“ getauft wurde, kam nicht von ungefähr. Zeitzeugen erzählen, dass in den meisten Behausungen nur eine Matratze am Boden lag, aber keiner verhungerte, weil man sich gegenseitig half. Der Schriftsteller Gustav Regler schrieb in seiner 1958 erschienenen Autobiografie: “Man roch, wo einer Arbeit gehabt hatte und etwas Speck und Käse zu finden war”.
Die Künstlerkolonie „überlebte“ den Zweiten Weltkrieg. Zwar hatte sich die Goebbels-Stiftung die Vermögenswerte 1942 einverleibt, es gelang den ursprünglichen Eigentümern aber schon in den frühen 50er-Jahren, die Immobilien wieder zurückzubekommen. Doch einer Aufforderung der alliierten Besatzungsbehörden, auf den freien Grundstücken zum Breitenbachplatz hin, Neubauten zu errichten, konnten sie aus finanziellen Gründen nicht mehr nachkommen.

Die GDBA und der Schutzverband Deutscher Schriftsteller übergaben die Künstlerkolonie an die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Gehag mit der Auflage, dass beim Freiwerden einer Wohnung immer erst bei der GDBA nachgefragt werden müsste, ob sich ein Interessent aus dem Kreis der Mitglieder für die Wohnung findet.

Die Künstlerkolonie hat inzwischen mehrfach den Eigentümer gewechselt und gehört heute der Vonovia, dem größten deutschen Wohnungsunternehmen. Ein Schnäppchen sind die Wohnungen nicht mehr, zumindest nicht für diejenigen, die neu dort einziehen wollen.

Wir gehen jetzt weiter bis zum Gustav-Rickelt -Weg

2. Station: Gustav-Rickelt-Weg, Steinrück-Weg und Läden der Künstlerkolonie

Der Gustav-Rickelt-Weg ist benannt nach dem Präsidenten der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, der maßgeblich an der Planung der Künstlerkolonie Wilmersdorf beteiligt war. Er wurde 1862 in Dortmund geboren und starb 1946 in Oberbayern. Rickelt war Schauspieler und Regisseur. In Berlin arbeitete er am Thaliatheater, Residenztheater, Schiller- und dem Lessingtheater. Rickelts Fach waren Charakterfiguren, patriarchalische Väter und Würdenträger ebenso wie humorig-kauzige Typen.

Mehr als mit seiner Schauspieltätigkeit hat sich Gustav Rickelt einen Namen als engagierter Verfechter für die Rechte der Schauspieler gemacht. Als langjähriger Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger kämpfte Rickelt für die soziale Absicherung ebenso wie für eine angemessene tarifliche Entlohnung der Schauspieler. Außerdem förderte er in dieser Funktion die Gründung der Künstlerkolonie Wilmersdorf. Ziel war es, für Künstler*innen und Schriftsteller*innen preiswerten und komfortablen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.
Stark gemacht für die Benennung dieses Wegs hat sich übrigens Gustav Rickelts Sohn, der Schauspieler Martin Rickelt, den einige von Ihnen vielleicht noch als “Onkel Franz” aus der Fernsehserie “Lindenstraße” kennen.

Wir haben schon von Herrn Sekula gehört, welchen prominenten Menschen hier in der Kolonie gelebt haben. Ich möchte an dieser Stelle aber noch auf eine besondere Frau hinweisen: Im benachbarten Steinrückweg gibt es eine Gedenktafel für Eva Kemlein. Eva Kemlein war die Tochter jüdischer Eltern. 1933 ging sie mit ihrem Mann nach Griechenland ins Exil. Sie lebten dort von ihren fotografischen Arbeiten. Herbert Kemlein schrieb dazu als Journalist Artikel für deutsche Zeitungen. Nach der Einführung der Nürnberger Rassegesetze erhielt Eva Kemlein Berufsverbot, und auch ihr Ehemann hatte auf Grund der Mischehe Probleme, seine Artikel bei deutschen Zeitungen abzusetzen. 1937 wurde das Ehepaar dann völlig überraschend aus Griechenland ausgewiesen, und kehrte nach Berlin zurück. Ihr Mann trennte sich von ihr, um wieder arbeiten zu können, Eva Kemlein versteckte sich und ging in den Untergrund. Sie machte bereits während des Kriegs Aufnahmen z. B. im Siemenswerk, wo sie unentdeckt eine Arbeitsstelle am Fließband hatte. Im Mai 1945 zog sie in den Steinrückweg 7. Eva Kemlein dokumentierte in Tausenden von Bildern das Leben in der Trümmerstadt. Ihre ersten Bilder erschienen bereits Ende Mai 1945 in der neu gegründeten Berliner Zeitung. Sie fotografierte 1945 die Aufräumarbeiten in den Ruinen des Deutschen Theaters durch das Ensemble oder den Aufbau des Berliner Ensembles, aber sie dokumentierte auch alle Inszenierungen Bertolt Brechts und machte sehr persönliche Fotos von u.a. Hanns Eisler und Ernst Busch. In den 1970er-Jahren entstanden dann auch Aufnahmen am Schillertheater, Schlossparktheater und an der Schaubühne von Inszenierungen von Peter Stein und sie fotografierte auch das Leben hier in der Künstlerkolonie.

1993 verkaufte sie mehr als 300.000 Negative an das Berliner Stadtmuseum – darunter die Fotos vom Nachkriegsberlin sowie Fotos aus über 50 Jahren Berliner Theatergeschichte. Weitere Fotos und viele historische Bücher und anderes Material gab sie an das Archiv der Künstlerkolonie Berlin.

Läden der Künstlerkolonie (keine eigene Station, wir bleiben am Rickelt-Weg stehen)

1955 gesellten sich westlich der Künstlerkolonie noch etliche Erweiterungsbauten hinzu, deren Abschluss als eingeschossige Ladenzeile am Breitenbachplatz die „Läden der Künstlerkolonie“ zwischen Südwestkorso und Kreuznacher Straße bilden.

Auch wenn es dort gerade in den letzten Jahren immer wieder zum Wechsel kam und der dringende Sanierungsbedarf des Erweiterungsbaus auf der Hand liegt, sind einige Läden für die Anwohner und Nachbarn nicht mehr aus ihrem Umfeld wegzudenken: Der …nah und gut-Laden von Familie Reiche gehört ebenso dazu wie das Blumen-Fachgeschäft der Familie Inguanta, und seit Oktober 2019 ist nun Ursula Bach-von Wolff mit ihrem Modegeschäft für Damenoberbekleidung dazugekommen, die ihren Laden zuvor in der Forststraße „gleich um die Ecke“ hatte.

Wir überqueren jetzt den Südwestkorso durch die Ladenzeile und treffen uns wieder am Lateinamerika-Institut

235. Kiezspaziergang

3. Station: Breitenbachplatz und Lateinamerika-Haus

Wir stehen hier am nördlichen Ende des Breitenbachplatzes, der allerdings hauptsächlich zu Dahlem gehört. Von 1892 bis 1913 hieß er Rastatter Platz, nach der badischen Stadt Rastatt. Seinen heutigen Namen erhielt der Platz anlässlich der Eröffnung der U-Bahn-Linie nach Dahlem am 26. August 1913. Namensgeber war der – bei der Eröffnung anwesende – preußische Minister für öffentliche Arbeiten Paul Justin von Breitenbach. Er hatte wesentlichen Anteil am Bau dieser Linie, die die Grundstückspreise bei der Verwertung der Königlichen Domäne Dahlem erheblich steigerte.
In den 70er-Jahren wurde der Platz durch die Betonrampe für die Stadtautobahn leider grundlegend geändert. Es gibt seit Jahren immer wieder Initiativen, die einen Rückbau dieser Rampe wollen, um dem Breitenbachplatz wieder stärker seine alte Gestalt zurückzugeben. Zuletzt ist im Koalitionsvertrag der rot-grün-roten Landesregierung der Rückbau ebenfalls aufgenommen worden. Auch der aktuelle Schinkel-Wettbewerb widmet sich diesen Flächen.

235. Kiezspaziergang - Manske-Stoltenberg

235. Kiezspaziergang - Frau Manske-Stoltenberg

Wir treffen hier Frau Manzke-Stoltenberg, die etwas zu den Ideen der Initiative Breitenbachplatz für den Umbau des Platzes sagen kann.

Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin / Ehemaliges Reichsknappschaftshaus:
Bevor wir weitergehen noch ein Blick auf das Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Der Backsteinbau wurde als Reichsknappschaftshaus 1930 im Auftrag der Reichsknappschaft in Berlin von Max Taut und Franz Hoffmann gebaut. Max Taut ist uns ja nun schon mehrmals auf Kiezspaziergängen begegnet, er hat auch die Siedlungen Eichkamp und Ruhleben geplant.

Das Gebäude ist in Stahlskelettbauweise errichtet und hat eine mit Siegersdorfer Keramikplatten verkleidete Fassade. Das Skelett wurde mit Eisenklinkern ausgefacht und aus stereometrischen Baukörperteilen im Drei-Meter-Raster errichtet. Diese Bauweise war zu damaliger Zeit neu. Der Mittelteil des Gebäudes mit offener Vorhalle, Haupttreppe und großem Sitzungssaal treten als besondere Einheit aus dem übrigen Baukörper hervor. Die Rückfront bildet ein halbrundes verglastes Treppenhaus mit freischwingender Treppe.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude Schäden, die 1950 beseitigt wurden. Der große Sitzungssaal konnte dabei jedoch nicht mehr mit seinen ursprünglichen Verkleidungen aus Eichenholz in Bronzerahmen ausgestattet werden.

Bis 1970 befand sich die Filiale für wissenschaftliche, soziale und künstlerische Berufe des Arbeitsamts in dem Baukomplex, danach kurzzeitig das Musikarchiv der Deutschen Bibliothek. Seit den 70er-Jahren befindet sich in dem denkmalgeschützten Haus das Lateinamerika-Institut (LAI) der Freien Universität Berlin.

4. Station: Kirche der Piusbruderschaft am Breitenbachplatz

Die am zentralen Breitenbachplatz im städtischen Bezirk Berlin-Wilmersdorf gelegene Kirche wurde in den Jahren 2002-2005 erbaut. Die St.-Petrus-Kirche ist Eigentum der Priesterbruderschaft St. Pius X. Diese feiert die Liturgie in der bis 1970 in der römisch-katholischen Kirche geltenden Form des römischen Ritus.
Da die Piusbruderschaft keinen staatlich anerkannten Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts hat, erhält sie keine Einnahmen aus Kirchensteuern. Daher wurde die Kirche ausschließlich durch Spenden und Kredite der Gläubigen finanziert.

In ihrem schlichten äußeren Erscheinungsbild lehnt sie sich an der eklektizistisch-historisierenden Formensprache an. In ihrem Innenraum überrascht das vierjochige tonnengewölbte Kirchenschiff durch seine prächtige in Renaissanceformen ausgestaltete Wand- und Deckenausmalung des Kirchenmalers Ralf Lürig.

Eine Besonderheit ist die um 1900 vom englischen Orgelbauer Albert Keates (1862-1950) geschaffene Pfeifenorgel mit 16 klingenden Registern und einem Auszug auf zwei Manualen.

235. Kiezspaziergang - Schlange

Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße

5. Station Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße (Elke Benkenstein von der Degewo)

500 Meter lang, 60 Meter breit und 46 Meter hoch, 1752 Wohnungen, mehr als 5000 verbaute Leuchten und zwei 600 Meter lange Autobahntunnel, der durch das Gebäude hindurchführt, das sind nur ein paar Eckdaten für die “Schlange”, wie der denkmalgeschützte Komplex der Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße im Volksmund heißt. Der Wohnkomplex wurde 1976-82 von der landeseigenen Gesellschaft DEGEWO von Gerhard Heinrichs, Gerhard und Klaus Krebs erbaut. Es ist einer der größten Berliner Wohnkomplexe mit Terrassenhäusern und einem darüber liegenden mehrgeschossigen Wohnriegel.

Zur Überbauung einer Autobahnanlage hatte sich das Unternehmen wegen des knappen Baugrundes in der Inselstadt West-Berlin entschlossen. Mit der Errichtung dieses Prototyps wurde auch der Nachweis der technischen Durchführbarkeit erbracht. Die Autobahn wird durch zwei statisch und akustisch vom übrigen Bauwerk getrennte Hohlkästen geführt.

Großsiedlungen wie die “Schlange” stehen aktuell vor besonderen Herausforderungen. Es hängt ihnen häufig ein negatives Image an und das nachbarschaftliche Miteinander leidet teilweise wegen der hohen Anonymität. Deshalb hat sich das Land Berlin entschieden, Mittel für die Förderung von Nachbarschaftsinitiativen und für Projekte aus Bildung, Jugend, Infrastruktur und Integration zur Verfügung zu stellen.

Ziel des Programms der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen ist es, in den Jahren 2020 bis 2023 durch unterstützende Projekte mit Trägern der Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit Großsiedlungen wie die “Schlange” zu stärken und die Attraktivität weiter zu erhöhen. In Zusammenarbeit mit den Bezirken soll das nachbarschaftliche Miteinander und die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner gestärkt werden.

Die landeseigene DEGEWO plant aktuell die Sanierung der Schlange in insgesamt acht Bauabschnitten mit je etwa 150 Wohnungen. Angesichts der Vollvermietung schon logistisch ein gigantisches Unterfangen…

Nun bewegen wir uns durch die Eberbacher Straße zum Rüdesheimer Platz.

235. Kiezspaziergang

6. Station: Rüdesheimer Platz

Der Rüdesheimer Platz wurde 1909 benannt. Er bildet das Zentrum des sogenannten Rheingauviertels, in dem fast alle Straßen nach rheinischen Städten und Gemeinden benannt wurden.

Das “rheinische Viertel” wurde um 1910 geplant und begonnen von Georg Haberland als “Gartenstadt Wilmersdorf”, weitergeführt in den 20er-Jahren. Georg Haberland war Direktor der Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwest, Mitglied der Wilmersdorfer Gemeindeverwaltung und auch Berliner Stadtverordneter. Das Wohnviertel gilt als vorbildliche Frühform aufgelockerter Bauweise im Grünen.

Der U-Bahnhof wurde 1911-1913 von Wilhelm Leitgebel gebaut und 1913 eröffnet. Haberland kämpfte lange für den Bau der U-Bahn. Vorausgegangen war ein Streit mit der Stadt Charlottenburg, die eine Abwanderung gut zahlender Steuerbürger fürchtete. Georg Haberland hat in seinen Erinnerungen einen Besuch beim Charlottenburger Oberbürgermeister Schustehrus beschrieben, der den Bau der U-Bahn ablehnte:

“Als die Referenten des Landwirtschaftsministeriums immer eindringlicher die Gründe der Ablehnung zu erfragen suchten, wurde Schustehrus in die Enge getrieben und demonstrierte an Hand der Steuerkarte: In diesem Gebiet wohnen so viel Einwohner mit über einer Million Mark Einkommen, soundsoviel mit über einer Million Mark Vermögen. Wenn die geplante U-Bahn gebaut wird, ziehen in Zukunft mindestens 50 Prozent von ihnen nach Wilmersdorf und Dahlem. Die Referenten des Landwirtschaftsministeriums steigerten ihre Angebote immer weiter, und schließlich wurde das Angebot so günstig, dass Schusterus sich selbst nicht mehr traute. Der untersetzte Mann mit dem auffallend großen Kopf und den noch auffallenderen großen, schwarzen Augen sprang auf, schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: “Und wenn Sie mir 10 Millionen Mark in Gold auf den Tisch zählen, solange ich Oberbürgermeister von Charlottenburg bin, erhalten Sie keine durchgehende Schnellbahn nach Dahlem.” Beim Abschied bedankte sich Ramm, dass Schustehrus seine Ansicht über den hohen Wert einer direkten Schnellbahn für das betreffende Gemeinwesen kundgegeben und mit so dankenswerter Offenheit die Gründe seiner ablehnenden Stellung der Dahlembahn gegenüber aufgedeckt habe.”

Am Ende gab es den Bau der Kurfürstendamm-Linie bis Uhlandstraße (geplant bis Henriettenplatz) als Kompensation. Der U-Bahnhof Rüdesheimer Platz und damit die U-Bahn-Linie von Wittenbergplatz bis Thielplatz wurde 1913 eröffnet, später bis Krumme Lanke verlängert. Viele der U-Bahnhöfe sind übrigens deswegen so feudal, weil sich die Wilmersdorfer “Millionenbauern”, die im Boom der Gründerzeit durch den Verkauf ihrer Grundstücke reich geworden waren, das so wünschten und auch dafür bezahlten.

Das Fest am Thielplatz zur Eröffnung wurde von der damaligen Großstadt Wilmersdorf, der Hochbahn, der Domäne Dahlem und den Terraingesellschaften arrangiert und gemeinsam bezahlt. Georg Haberland legte Wert darauf, bei dieser Gelegenheit seine Gartenterassenstadt vorzustellen und hatte dafür gesorgt, dass wegen der noch fehlenden Bepflanzung Papierblumen an den Häuser angebracht wurden. Er schreibt darüber:

“Der erste Zug, der die Gäste zum Thielplatz in die Festhalle hinausführte, machte auf der Station Rüdesheimer Platz Halt. Ich saß im Wagen bei den Ministern und erklärte die Gartenterrassen. Wir stiegen aus, und ich führte die Herren durch den fertigen Teil. Kaum je im Leben habe ich ein solches Herzklopfen gehabt, nicht etwa, weil ich vor den vielen hohen Herren in Ehrfurcht erstarb, sondern wegen der Papierblumen, die an den Häusern angebunden waren. Hier sollten sich nämlich Glycinen und Heckenrosen emporranken. Aber so schnell wachsen Rankrosen nicht in die Höhe… Die Herren waren von den schön berankten Häusern begeistert, und ich nahm mit etwas gemischten Gefühlen die Komplimente entgegen.”

Die Wohnhäuser um den Rüdesheimer Platz wurden 1910 – 1914 nach einheitlichen Plänen von Paul Jatzow im Stil einer englischen Landhaussiedlung aber in geschlossener Bauweise mit hohen Dächern, zum Teil unsymmetrischen Erkern und tiefen Vorgärten erbaut. Die 1911 bis 1912 am Rüdesheimer Platz gebauten Wohnhäuser und viele andere im Rheingau-Viertel stehen unter Denkmalschutz.

Siegfried-Brunnen

Der Brunnen nimmt Bezug auf das rheinische Viertel. Er wurde 1911 von Emil Cauer aus Sandstein geschafften und zeigt Siegfried als Rosselenker, flankiert von Rhein und Mosel in menschlicher Gestalt.

Rheingauer Weinbrunnen

Der Rheingauer Weinbrunnen wird hier seit dem 20. Mai 1967 veranstaltet. In den Sommermonaten bieten hier Winzer aus unserem Partnerlandkreis Rheingau-Taunus ihre Weine und Sekte an.
Zur Partnerschaft gehört auch seit 1984 der Weinberg im Stadion Wilmersdorf mit Rebstöcken aus dem Rheingau-Taunus, aus denen ein Weißwein gekeltert wird, der vom Bezirksamt für Geschenke an Jubilare oder Gäste verschenkt wird.