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226. Kiezspaziergang mit dem stellvertretenden Bezirksbürgermeister Arne Herz

Ausgangspunkt des Kiezspaziergangs im November: der Bahnhof Grunewald.

Ausgangspunkt des Kiezspaziergangs im November: der Bahnhof Grunewald.

Treffpunkt: Bahnhof Grunewald

Herzlich willkommen zum 226. Kiezspaziergang. Ich bin Arne Herz, der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf und freue mich, dass Sie mich heute so zahlreich begleiten. Unsere Spaziergänge im November stehen traditionell in der Tradition des Gedenkens an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die im Holocaust ermordet worden sind. Wir werden auch auf ihren Spuren heute vom Bahnhof Grunewald durch die Siedlung Eichkamp streifen und den Spaziergang am Bonhoeffer-Haus beenden. In der Siedlung Eichkamp gibt es einen aktiven, rührigen Siedlerverein, und ich freue mich, dass der ehemalige Vorsitzende Uwe Neumann uns heute begleiten und an seinem Wissen über die Siedlung teilhaben lässt.

Station 1: Bahnhof Grunewald
Der Bahnhof Grunewald hat deshalb auch gleich drei Bedeutungen für unser heutiges Thema. Wir finden hier das Mahnmal Gleis 17 sowie das Denkmal von Karol Broni-atowski. Der Name des Vorplatzes, der seit 2015 Karmiel-platz heißt, ist ein Zeichen, dass sich der Bezirk in besonderer Weise in der Verantwortung seiner Geschichte sieht, aber auch mit der Pflege zweier Partnerschaften in Israel, eben mit Karmiel und Or Yehuda, Wege des freundschaftlichen Kennenlernens und des Austauschs in Gegenwart und Zukunft pflegt.

Bahnhofsgebäude:
Dieser Bahnhof wurde 1879 zunächst als Bahnhof Hundekehle eröffnet, 1884 wurde er umbenannt in “Bahnhof Grunewald”. Zunächst wurde er vor allem von den Grunewald-Ausflüglern aus Berlin genutzt, seit der Zeit um 1900 zuneh-mend auch von den Bewohnern der Villenkolonie. Das Bahnhofsgebäude wurde 1899 von Karl Cornelius gebaut. Es steht ebenso unter Denkmalschutz wie der Tunnel, der 1884-85 entstand, gemeinsam mit dem Bahnsteig 1. Mit der Errich-tung der Villenkolonie Grunewald erhielt der Bahnhof 1899 ein repräsentatives Empfangsgebäude nach Entwürfen von Karl Cornelius. Das Gebäude, ein verputzter Ziegelbau mit Sandsteinteilen, vermittelt den Eindruck eines Burgtors, über dem ein Flügelrad wie ein Wappen prangt. Gekrönt wird das Gebäude durch eine Windfahne in Form einer Dampflokomotive. Auch die restliche Bahnhofsanlage wurde zu dieser Zeit umgestaltet.

226. Kiezspaziergang

Mahnmal von Karol Broniatowski

Mahnmal von Karol Broniatowski:
Rechts neben dem Eingang zum Bahnhof befindet sich das Mahnmal des polnischen Bildhauers Karol Broniatowski. Enthüllt wurde es 18. Oktober 1991 auf Initiative der Wilmersdorfer Bezirksverordnetenversammlung. Es besteht aus einer Betonmauer mit Hohlformen von menschlichen Körpern und thematisiert neben den Deportationen mit der Eisenbahn auch die zahllosen Märsche von den Berliner Zwischenlagern zu den Deportationsbahnhöfen. Neben dem Mahnmal steht eine Bronzestele mit folgendem Text:

Zum Gedenken an die mehr als 50.000 Juden Berlins, die zwischen Oktober 1941 und Februar 1945 vorwiegend vom
Güterbahnhof Grunewald aus durch den nationalsozialistischen Staat in seine Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden. Zur Mahnung an uns, jeder
Missachtung des Lebens und der Würde des Menschen
mutig und ohne Zögern entgegenzutreten.

226. Kiezspaziergang

Gedenktafel auf dem Kamielplatz vor dem S-Bahnhof Grunewald

Partnerschaft mit Karmiel:
Der Platz hier vor dem Bahnhof heißt übrigens seit 2015 Karmielplatz und ist der lebendigen Partnerschaft zwischen dem Bezirk und der israelischen Stadt Karmiel gewidmet. Die Partnerschaft mit dem damals noch eigenständigen Bezirk Wilmersdorf gibt es schon seit dem 16. Januar 1985. Sie zeigt, dass nach all dem unermesslichen Leid des Holocaust wieder Freundschaft und Versöhnung möglich ist. Neben gegenseitigen Besuchen politischer Delegationen liegt ein Schwerpunkt der partnerschaftlichen Aktivitäten von je her im Jugendaustausch und dem Austausch von Fachkräften innerhalb der Verwaltungen. Aber auch im kulturellen sowie im sportlichen Bereich gibt es Begegnungen und Projekte.

Wir gehen nun hinauf zum Mahnmal Gleis 17.

226. Kiezspaziergang

Mahnmal Gleis 17 am Bahnhof Grunewald

Station 2: Mahnmal Gleis 17:
Deportationszüge starteten neben dem Bahnhof Grunewald auch vom Güterbahnhof Moabit und vom Anhalter Bahnhof.
Der erste Deportationszug vom Bahnhof Grunewald fuhr am 18. Oktober 1941 mit 1013 Juden nach Litzmannstadt (heute: Łódź). Mit diesem Tag begann die systematische Deportation der Juden aus Berlin. Bis April 1942 fuhren die Züge hauptsächlich in die osteuropäischen Ghettos nach Litzmannstadt, Riga und Warschau. Ab Ende 1942 waren fast nur noch in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und das Konzentrationslager Theresienstadt Fahrtziel. Allein in die “Todesfabrik Auschwitz” fuhren vom Bahnhof Grunewald etwa 35 Züge mit insgesamt rund 17.000 Juden ab. Der letzte Zug fuhr von hier aus am 5. Januar 1945 nach Sachsen-hausen.

Die Rolle der Deutschen Reichsbahn im Holocaust blieb in der Nachkriegszeit lange unbeachtet.
Erst Mitte der 90er-Jahre führte die Deutsche Bahn AG einen begrenzten Wettbewerb für die Errichtung eines zentralen Mahnmals durch, das an die Rolle der Reichsbahn unter der nationalsozialistischen Diktatur erinnern sollte. Ausgewählt wurde ein Entwurf des Architektenteams Nicolaus Hirsch, Wolfgang Lorch und Andrea Wandel, das am 27. Januar 1998 eingeweiht wurde. Beidseits des Gleises 17, von dem die meisten Deportationszüge abfuhren, wurden 186 gusseiserne Platten verlegt. An den so entstandenen “Bahnsteigkanten” dieser Platten sind in chronologischer Folge alle Fahrten von Berlin mit Anzahl der Deportierten und dem Zielort dokumentiert. Zunächst bescheiden im Äußeren, beeindruckt es den Besucher beim Betreten der Eisengussplatten durch seine weitläufige Dimension, die sich beim Begehen erschließt. Beim Abschreiten der Gleise wird wirklich begreifbar, wie viele Transporte und wie viele jüdische Männer, Frauen und Kinder es gewesen sind. Durch dieses Begreifen wird ein emotionaler Zugang zu den Opfern ermöglicht. Die Vegetation, die sich im Lauf der Jahre einen Teil des Gleises erobert hat, ist als Symbol dafür, dass nie wieder ein Zug von diesem Gleis abfahren wird, in das Mahnmal einbezogen worden. Das Mahnmal Gleis 17 bildet in der Erscheinung einen Kontrapunkt zum Denkmal für die ermordeten Juden Eu-ropas. Im Gegensatz zu dem großen Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor ist der Bahnhof Grunewald ein authentischer Ort, der mit dem tatsächlichen historischen Geschehen des Holocaust in Verbindung steht.

Wir verlassen jetzt den Bahnhof Grunewald auf der westlichen Seite und unterqueren jetzt die Gleisanlagen und die AVUS und setzen den Weg fort in den Dauerwaldweg.

226. Kiezspaziergang

Kiezspaziergang durch den Eichkamp

Station 2: Ein Blick zurück auf die AVUS

Die AVUS ist heute Teil der Bundesautobahn A 115. Sie wur-de 1913 bis 1921 als Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße, abgekürzt AVUS, gebaut und am 24. September 1921 mit einem Motorradrennen eröffnet. Sie haben sicher gelesen, dass das berühmte Stück Straße also in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen gefeiert hat. Schon bei der feierlichen Eröffnung am 19. September 1921 war die Avus ein Pionier. Schließlich war sie die erste Straße der Welt, auf der nur Kraftfahrzeuge und Motorräder fahren durften. Bis dahin gab es nur Straßen, auf denen auch Fuhrwerk und Fahrräder erlaubt waren.
Auf der ursprünglich zehn Kilometer langen Strecke, die in zwei Schleifen endete, fanden viele spektakuläre Autorennen statt. Am 1. Mai 1999 wurde sie mit einer großen Abschlussparty als Rennstrecke geschlossen.

Station 3: Im Hornisgrund – Alte Allee
Die Siedlung Eichkamp
Wir tauchen jetzt hier in die Siedlung Eichkamp ein. “Ein lichtes Berliner Dörfchen mit kindlich-schlichten Straßen und Häuschen” so beschrieb der Philosoph Ludwig Marcuse die Siedlung. Er selbst wohnte dort in einem Haus am Eichkatz-weg.

1760 war hier noch ein Eichenwald, der zum Gutsbezirk Spandau-Forst gehörte. Mit dem Bau der Berliner Stadtbahn musste 1879 die in der Nähe des Lietzensees gelegene Försterei Charlottenburger Feld verlegt werden. Sie erhielt einen neuen Standort an der Ecke Eichkampstraße/Alte Allee. Nach dem alten Flurnamen “Willmersdorffischer Eichelkamp” wurde sie “Eichkamp” genannt.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde 1918 die Siedlungsgesellschaft Märkische Heimstätte gegründet. Vorkämpfer der in den 1890er-Jahren entstandenen Heimstättenbewegung war Adolf Damaschke, nach dem auch eine Seitenstraße des Kurfürstendamms benannt ist. Von der preußischen Landesregierung mit der Durchführung von Siedlungsprojekten gegen die herrschende Wohnungsnot betraut, vergab Damaschke den Auftrag zur Planung der Siedlung Eichkamp an Max Taut. Max Taut war es, der zusammen mit seinem Bruder Bruno Taut und den Architekten Martin Wagner und Franz Hoffmann den Bebauungsplan für die Siedlung erstellte.
Die ersten Planungen umfassten ein wesentlich größeres als das schließlich bebaute Areal. Die ersten ab 1920 fertiggestellten Häuser waren aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg mit Hühnerstall und Speicher für eine weitgehende Selbstversorgung der Bewohner eingerichtet.
Die Lage kann man gut dem aktuell nachgedruckten Buch von Manuela Goos und Brigitte Heyde: Eichkamp. Eine Sied-lung am Rande mitten in Berlin, von 1999 entnehmen:

“Die große Wohnungsnot und der Hunger des Großstädters nach eigenem Besitz und eigener Scholle, nach Wiederverbundensein mit der Natur; hat trotz der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse die Siedlungstätigkeit überall nach dem Kriege aufleben lassen. So sind in Wilmersdorf, Charlottenburg und Schöneberg, auch an der Peripherie, wie im Grunewald, eine ganze Reihe von Kleinhaussiedlungen entstanden, in denen die Ansiedler ihr kleines Häuschen und ihr Stückchen Land zu eigener Bebauung und eigener Kleintierzucht inneha-ben und sich nach getaner Berufsarbeit auf eigener Erde betätigen oder erholen können.”

Waren die ersten Häuser noch als Reihenhäuser errichtet worden, so wurden mit sich bessernder wirtschaftlicher Situa-tion bald Doppelhäuser typisch für den weiteren Ausbau der Siedlung.
Von der Bevölkerung her war die Siedlung gemischt. Im süd-lichen Teil, durch den wir gerade gekommen sind, wohnten die Betuchteren, die sich eher der Villenkolonie Grunewald zugehörig fühlten. Im nördlichen Teil, den wir am Ende des Spaziergangs sehen werden, Arbeiter und kleine Beamte, die auch politisch eher links standen, und im mittleren Teil die gutbürgerliche Mittelschicht.
Bei der Bildung von Groß-Berlin 1920 kam die Siedlung zum Bezirk Wilmersdorf. 1938 wurde sie bei einer Gebietsreform dem Bezirk Charlottenburg zugeschlagen. Seit 2001 gehört sie nun zum Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.
Auch Prominente zogen nach Eichkamp, viele von ihnen wa-ren jüdischen Glaubens – und hier schließt sich dann wieder der Kreis zu unserem November-Thema – an sie erinnern Stolpersteine, die man in fast allen Straßen der Siedlung fin-det.

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wohnten in mehr als siebzig Häusern im Ortsteil Eichkamp Bürgerinnen und Bürger, die als Juden verfolgt wurden, darunter die Schriftsteller Arnold Zweig (Zikadenweg 59 und Kühlerweg 9) und Elisabeth Langgässer (Eichkatzweg 33), der Philosoph Ludwig Marcuse (Eichkatzweg 25) und der Gewerkschafter Siegfried Aufhäuser (Zikadenweg 72). Viele von ihnen konnten unter z.T. schwierigsten Umständen rechtzeitig fliehen. Um die Lebensgeschichte der oft namenlosen Opfer des na-tionalsozialistischen Regimes in Erinnerung zu rufen, haben Mitglieder des Siedlervereins Eichkamp e.V., Abiturienten der Wald-Oberschule unter Begleitung ihrer Geschichtslehrerin und Schülerinnen der Rudolf-Steiner-Schule seit 2008 an Re-cherchen über 31 Eichkamper mitgewirkt, die wegen ihrer jü-dischen Herkunft verfolgt wurden.

Eichkamp liegt heute “eingebettet” zwischen Avus, Messegelände und Grunewald in unmittelbarer Nähe zum Autobahndreieck Funkturm, das in den kommenden Jahren umgebaut werden soll. Eine aktive Bürgerinitiative wehrt sich gegen bestimmte Pläne der Umgestaltung.

Wir gehen nun weiter über den Eichkatzweg bis zum Maikäferpfad.

226. Kiezspaziergang

Art-Deco-Einfassung des Eingangs, eine Besonderheit in Eichkamp.

Eichkatzweg 54 Herta Heuwer
Hier lebte bis zu ihrem Tod am 3. Juli 1999 Herta Heuwer, die als Erfinderin der Curry-Wurst gilt. Ihre Currysauce ist un-ter der Patentnummer 721 319 zu finden. 2003 wurde an dem Haus Kantstraße 101 an der Seite zur Kaiser-Friedrich-Straße eine Gedenktafel angebracht mit folgendem Text:
“Hier befand sich der Imbissstand,
in dem am 4. September 1949
Herta Heuwer
30. Juni 1913 in Königsberg – 3. Juli 1999 in Berlin
die pikante Chillup-Sauce
für die inzwischen weltweit bekannte Currywurst erfand.
Ihre Idee ist Tradition und ewiger Genuss!”

Eichkatzweg 35 Horst Krüger
Der Schriftsteller und Essayist Horst Krüger hat 1966 in sei-nem Erinnerungsbuch “Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland” seine Kindheit und Jugend in Eichkamp wäh-rend des Nationalsozialismus beschrieben. Er löste damals Betroffenheit und Proteste aus:
“Vier Jahre Grundschule in Eichkamp, neun Jahre das Grunewald-Gymnasium besucht, neun Jahre lang täglich von der S-Bahn abgesprungen und dazwischen das Hakenkreuz über Eichkamp; erst die Skepsis und dann die frohe Stimmung, weil es nun doch wieder mit uns allen bergauf ging. Katzensteins und Schicks und Wittkowskis waren weggezogen. Man hatte es eigentlich nicht recht bemerkt. Es waren unsere guten Juden; die schlimmen wohnten rund um den Alex.
Jeder Eichkamper hatte mindestens einen guten Juden. Meine Mutter bevorzugte jüdische Ärzte. ‘Sie sind so sensibel’, sagte sie.”

Krüger beschreibt das Grunewald-Gymnasium als Drei-Klassen-Schule: Die Grunewalder Großbürgerkinder blieben unter sich, Krüger selbst gehört zu den kleinbürgerlichen Außenseitern aus Eichkamp, und dann gab es noch ein paar Arbeiterkinder aus Halensee.

Eichkatzweg 33 Elisabeth Langgässer
Elisabeth Langgässer lebte hier von 1935 bis 1948. Die Schriftstellerin gehörte gemeinsam mit Oskar Loerke, Peter Huchel und Günter Eich zum Dichterkreis der “Kolonne”.
Sie wurde am 23. Februar 1899 als Tochter eines Baurates in Alzey geboren. Zunächst arbeitete sie als Lehrerin. 1928 übersiedelte sie mit ihrer Tochter Cordelia nach Berlin, wo sie zunächst als Dozentin für Pädagogik arbeitete und anschließend ihren Lebensunterhalt mit Hörspielen bestritt. Wegen ihrer jüdischen Abstammung erhielt sie als so genannte “Halbjüdin” kurz nach dem Erscheinen ihres Romans “Gang durch das Ried” 1936 Publikationsverbot. Ihre Tochter Cordelia wurde als so genannte “Volljüdin” erst nach Theresienstadt, dann nach nach Auschwitz deportiert, wo 1945 die Befreiung erlebte. Langgässer selbst musste Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb verrichten. Auch machten ihr eine multiple Sklerose und der Krieg zu schaffen. Während dieser Zeit schrieb Langgässer den Roman “Das unauslöschliche Siegel”, der 1946 erschien. 1948 kehrte sie nach Rheinz-abern im Kreis Germersheim in die Nähe ihrer Geburtsstadt zurück. Hier entstand ihr letzter Roman “Märkische Argo-nautenfahrt”. Langgässer starb am 25. Juli 1950. Kurz vor ihrem Tod erhielt sie den Georg-Büchner-Preis.

Gegenüber wohnen übrigens Ulrich und Erika Gregor “die Gregors”, die Gründer des Kinos Arsenal und Leiter des Internationalen Forums des Jungen Films bei der Berlinale. Bemerkenswert an ihrem Haus ist die Art-Deco-Einfassung des Eingangs, eine Besonderheit in Eichkamp.

226. Kiezspaziergang

Der Kiezspaziergang vor dem "Haus Eichkamp"

Eichkatzweg 31 Ludwig Marcuse
Ludwig Marcuse lebte hier und später im wenige Meter entfernten Haus Nr. 25 von 1929 bis 1933. Der Schriftsteller, Literaturkritiker und Philosoph wurde vor allem bekannt durch seine Biographien über bedeutende Persönlichkeiten wie Ludwig Börne, Heinrich Heine, Sigmund Freud und Richard Wagner und durch seine Autobiographie, die 1960 unter dem Titel “Mein zwanzigstes Jahrhundert” erschien.

Marcuse wurde 1894 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Friedrichswerder absolvierte er ein Studium in Berlin und Freiburg, das er mit der Promotion abschloss.
Marcuse arbeitete als Journalist und Theaterkritiker unter anderem für die Vossische Zeitung, das Berliner Tageblatt und den Frankfurter Generalanzeiger. 1924 schrieb er eine Biographie über den schwedischen Dramatiker August Strin-dberg. Das Buch wurde ein großer Erfolg. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 emigrierte er mit seiner Frau Sascha in die USA und ließ sich in Los Angeles nieder, wo er ab 1940 eine außerordentliche Professur inne-hatte, ab 1947 einen Lehrstuhl für Philosophie, Kultur und Geistesgeschichte. Daneben setzte er seine Tätigkeit als Schriftsteller fort. 1960 arbeitete er als Gastdozent in Frankfurt, ehe er 1963 endgültig nach Deutschland zurückkehrte, wo er weiterhin publizierte. Marcuse starb am 2. August 1971 in München.

Station 6: Das Haus Eichkamp, Zikadenweg 42a
Das Haus Eichkamp ist ein Bürgerhaus in Trägerschaft des Siedlervereins Eichkamp und der Stiftung am Grunewald. Der Siedlerverein Eichkamp geht auf die Siedlungs- und Spargenossenschaft Eichkamp eGmbH zurück, welche schon vor 1921 bestand. Ende des Jahres 1924 initiierten führende Mitglieder der Genossenschaft die Gründung eines Vereins, der ab 1935 Haus- und Grundbesitzer-Verein Eichkamp e.V. hieß. In den nun folgenden Jahren wurde der Schwerpunkt der Vereinsarbeit auf die Vorbereitung gemeinsamer Feiern und die Organisation von Unterhaltungsveranstaltungen verlegt. Die ersten Nachkriegsjahre wurden von der zentralen Frage der Nahrungsbeschaffung geprägt. Der Verein, der sich im August 1947 in Siedlerverein Eichkamp umbenannte, sorgte für die Beschaffung von Baumaterial und Düngemittel sowie die freiwillige Abgabe von Obst und Gemüse durch die Mitglieder. Heute betreibt der Siedlerverein zusammen mit der Stiftung am Grunewald das Haus Eichkamp..

Neumann empfiehlt hier einen Abstecher in den Kühlen Weg zum Atelierhaus von Arnold Zweig wegen der „Arisierung“ des Hauses 1938.

Zikadenweg 59 Gedenktafel Arnold Zweig (Kühler Weg)

Die Gedenktafel für Arnold Zweig wurde 1987 enthüllt:
“Hier wohnte und arbeitete bis zu seiner
Emigration im Jahre 1933
ARNOLD ZWEIG
10.11.1887 – 26.11.1968
Erzähler, Dramatiker, Essayist
Verfasser des Romans
Der Streit um den Sergeanten Grischa”

Der Schriftsteller wurde 1887 als Sohn eines Sattlers in Glogau geboren und studierte Philosophie, Sprachen, Geschichte, Psychlogie, Germanistik und Kunstgeschichte, unter anderem bei Max Scheler und Edmund Husserl in Göttingen. Er wurde zunächst zum Vertreter des literarischen Impressio-nismus, der von der Psychoanalyse Sigmund Freuds beeinflusst war. Die Erfahrung des Ersten Weltkrieges machte ihn zum Pazifisten und engagierten Autor. Nach 1918 lebte Zweig als freier Schriftsteller in Starnberg und Berlin. Unter seinen sozial- und zeitkritischen Romanen ragt “Der Streit um den Sergeanten Grischa” von 1927 heraus.
Nach der Machtübernahme Hitlers musste Zweig 1933 aus Deutschland fliehen und emigrierte über die Tschechoslowa-kei, die neutrale Schweiz und Frankreich nach Palästina, von wo aus er immer wieder nach Europa und nach Nordamerika reiste.
In diesen Jahren entstand der Roman “Das Beil von Wands-bek”, der 1943 auf Hebräisch erschien, 1947 auf Deutsch. Während dieser Zeit entwickelte er eine marxistisch geprägte Weltanschauung. 1948 kehrte Zweig nach Ostdeutschland zurück, wo er zwischen 1949 und 1967 Abgeordneter der Volkskammer war. Außerdem wurde er 1950 Präsident und 1953 Ehrenpräsident der Deutschen Akademie der Künste. In den fünfziger Jahren stand Zweig dem ostdeutschen PEN vor. Er starb am 26. November 1968 in Ost-Berlin.

226. Kiezspaziergang

Uwe Neumann, ehemaliger Vorsitzender des Siedlervereins im Eichkamp

-> Mommsenstadion

Neumann: Hinweis auf den neuen Spielplatz und darauf, dass im Gebäude in den frühen 50er-Jahren eine ursprünglich von der Nachkriegs-Rektorin de Waldschule initiierte Kita untergebracht war.

Stele zur Erinnerung an das Lager der Organisation Todt

Zur Erinnerung an das Lager der Organisation Todt (OT-Lager Eichkamp) und an die während der NS-Zeit verfolgten EichkamperInnen wird eine Stele eingeweiht:
Ecke Waldschulallee/Harbigstraße/gegenüber dem Mommsenstadion
Die paramilitärische OT war während der Nazi-Zeit eine Ein-richtung zur Durchführung kriegsentscheidender Bauaufga-ben aller Art im Inland (z.B. “Führerhauptquartier”, Abschussrampen für V1 und V2 Raketen) und in den besetzten Gebie-ten (z.B. Westwall gegen Frankreich; Atlantikwall gegen die Invasion der Alliierten.)
Hierfür wurden riesige Lager errichtet – eines davon war in Eichkamp im Jagen 82 – daneben das OT-Straflager (Wald-schulallee 19, Gelände der heutigen Ernst-Adolf-Eschke-Schule) und weitere in der Umgebung (General Bau Inspek-tor/GBI-Lager 102) im Jagen 57/58 am Auerbachtunnel – auf dem Gelände des heutigen Helios-Sportvereins, daneben das OT-Übernachtungslager und das OT-Baustofflager, ein weiteres im Bereich der ehemaligen Nordkurve der AVUS (Zentralrevier der OT).

In den Lagern mussten “Fremd”- bzw. ZwangsarbeiterInnen aus besetzten Gebieten, z.B. Polen, ferner Kriegsgefangene, aber auch “wehrunwürdige” Deutsche, z.B. Homosexuelle, politisch Verfolgte, “Halbjuden” und gegen Ende des Krieges auch KZ-Häftlinge aus allen Ländern arbeiten, die nach den Wannseekonferenz-Protokollen vom 20.Januar 1942 grundsätzlich ebenfalls ermordet werden sollten. Z.T. waren sie dort auch zum Weitertransport in andere Einsatzgebiete, z.B. nach Frankreich (s.o.), vorübergehend untergebracht. Es gab Wohnbaracken, in denen z.T. auch ganze Familien von “Fremdarbeitern” mit Kindern, die ausweislich aufgefundener Krankenakten wohl auch zur Arbeit gezwungen wurden, untergebracht waren, ferner Arbeitsbaracken – auch für Frauen z.B. Nähstuben für “Ostarbeiterinnen”, Krankenbaracken und abgeschirmte Straflager.
Nach Auswertung eines Flugbilds befanden sich im Zentrum des Lagers Eichkamp 18 standardisierte Baracken mit ca. 2000 Menschen – ca. 100 pro Baracke – einschließlich Wachpersonal.

Die OT war eine Einrichtung zur Durchführung europaweiter militärischer Bauaufgaben (Westwall, V2). Ein OT-Lager be-fand sich von 1942-1945 hinter der Siedlung Eichkamp

In den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts wohnten in mehr als 80 Häusern der Siedlung Eichkamp Menschen, die als Juden oder Andersdenkende verfolgt wurden. Bislang wurden in Eichkamp mehr als 30 Stolpersteine für Verfolgte und Ermordete verlegt.

Auf dem Weg zum Bonhoeffer-Haus:
Neumann: Hinweis auf die verschiedenen Schulen und ihre Besonderheiten
Zwischen Jüdischer Schule und Waldschule Kinderladen (zurückgesetzt), errichtet als Ärztehaus zur Olympiade 36 als Experimentalgebäude, aus Kupferplatten statt aus Mauerwerk. Hersteller war eine Firma in Velten.

226. Kiezspaziergang

Stellvertretender Bezriksbürgermeister Arne Herz (l.) mit Gottfried Brezger (r.), Leiter des Bonhoefferhauses

Bonhoeffer-Haus

Hier treffen wir Gottfried Brezger, Pfarrer im Ruhestand und Leiter der Gedenkstätte.
Das Haus wurde 1935 von Jörg Schleicher für die Eltern Dietrich und Klaus Bonhoeffers als Alterssitz erbaut. Hier fanden konspirative Gespräche des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten unter maßgeblicher Beteiligung von Familienmitgliedern statt. Dietrich Bonhoffer (04.02.1906 – 09.04.1945), evangelischer Theologe und Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche, entschiedener Gegner des Nationalsozialismus, aktiv im Widerstand tätig, wurde 1943 in diesem Haus von der Gestapo verhaftet und im KZ Flossenbürg erhängt.

Das Bonhoeffer-Haus ist heute eine Berliner Erinnerungs- und Begegnungsstätte in Trägerschaft der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Im Haus befindet sich eine Dauerausstellung sowie eine Präsenzbibliothek über das Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers. Das Studienzimmer Dietrich Bonhoeffers, in dem er wohnte und arbeitete, wenn er sich in Berlin aufhielt, wurde in einen weitge-hend originalgetreuen Zustand zurückversetzt. Ausstellung und Studienzimmer können nach Voranmeldung besichtigt werden.

Zum Abschluss noch ein Gebet, ein Lied von Dietrich Bonhoeffer, das er in einem Brief an Maria von Wedemeyer aus dem Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, am 19. Dezember 1944 niedergeschrieben hat.

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Bonhoefferhaus Gedenktafel

Gedenktafel am Bonhoefferhaus