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225. Kiezspaziergang mit Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann

Treffpunkt: Rathaus Schmargendorf

Herzlich willkommen zum 225. Kiezspaziergang. Das ist nicht nur eine stattliche Zahl, das ist auch ein Jubiläum. Ich schaue zwar mit Freude, aber auch mit etwas Wehmut auf diese runde Zahl, denn das hier wird mein letzter Kiezspaziergang als Ihr Bezirksbürgermeister sein. Ich bin stolz darauf, dass ich diese Tradition, die ich von meiner Vorgängerin Monika Thiemen übernommen habe, nahezu ohne Brüche fortsetzen konnte. Lediglich die Corona-Pandemie hat erstmals für unfreiwillige Aussetzer gesorgt, auch wenn wir uns bemüht haben, drei Mini-Kiezspaziergänge zumindest im Video-Format anzubieten. Viele von Ihnen begleiten mich schon lange einmal im Monat durch eines der wunderbaren Viertel unseres Bezirks. Heute geht es durch Schmargendorf, das sich, wie Sie sehen werden, seinen eher kleinstädtischen Charakter erhalten konnte. Es ist ein Ortsteil voller Geschichte und Geschichten, aber auch mit lebendigem Handel und Wandel.

Das Rathaus Schmargendorf

Das Rathaus Schmargendorf.

Zur Geschichte Schmargendorfs:
Schmargendorf wurde wohl nach 1220 im Zuge des Landesausbaus der jungen Mark Brandenburg gegründet. Die damals regierenden askanischen Markgrafen riefen zur Stabilisierung Siedler aus Schwaben, Thüringen, Flandern und Westfalen ins Land. Ein Dorf der slawischen Vorbevölke-rung hat hier sehr wahrscheinlich nicht bestanden.
Die Siedler lebten von der Landwirtschaft, der Schafzucht und vom Fischfang im Wilmersdorfer See, der zur eiszeitlichen Rinne der Grunewaldseenkette gehörte und 1915 nach einem langen Verlandungsprozess jedoch zum größten Teil zugeschüttet wurde.
Im Jahr 1354 wurde der Ort Schmargendorf erstmals urkundlich erwähnt. In dieser Zeit entstand auch die Dorfkirche, über die wir später noch mehr hören werden.
Der Name Schmargendorf entstand aus Margrevendorf, was hochdeutsch Markgrafendorf bedeutet und auf die Besitzverhältnisse hinweist.
Der Ort erhielt 1899 den Status eines selbstständigen Amtsbezirks (mit etwa 2000 Einwohnern). 1900 ließen die nunmehr etwa 3000 Einwohner das neue Rathaus (damals noch auf freiem Acker) bauen, nachdem die Gemeinde vor allem durch die Umsatzsteuer aus Grundstücksverkäufen der Bauern für den Ausbau des Hohenzollerndamms reich geworden war. Der Hohenzollerndamm sollte seinerzeit wie der Kudamm ein breiter, prächtiger Boulevard werden.
1920 wurde die Landgemeinde Schmargendorf aus dem Landkreis Teltow ausgegliedert und nach Groß-Berlin in den damals neuen Verwaltungsbezirk Wilmersdorf als Ortsteil eingemeindet. Schmargendorf hatte zu jener Zeit knapp 12.000 Einwohner.

Das Rathaus Schmargendorf.

Das Rathaus Schmargendorf.

Station 1: Das Rathaus Schmargendorf

Das Rathaus Schmargendorf wurde 1900-1902 von Otto Kerwien im Stil der märkischen Backsteingotik mit Jugendstil-elementen erbaut. Kerwien beabsichtigte dem Gebäude ein „malerisches“ Aussehen zu geben. Die Baukosten sollten ursprünglich 200.000 Mark betragen, waren aber bei Eröffnung des Rathauses 1902 wegen der Inflation und den immer mehr werdenden Verschönerungswünschen auf knapp 400.000 Mark gestiegen.

Das burgähnliche Äußere des dreistöckigen Gebäudes mit Staffelgiebel, Turm, Türmchen und aufwendig gestaltetem Wappenschmuck ist weit über Berlin hinaus bekannt. Von 1920 bis 2014 war hier das Wilmersdorfer Standesamt un-tergebracht. Von Charlottenburg aus verwaltet wird der 108 Quadratmeter große und neun Meter hohe Ratssaal weiterhin als Trausaal genutzt. Er ist ausgestaltet mit Motiven aus Richard Wagners “Walküre” und einem Mosaik mit dem märkischen Adler. Das Rathaus Schmargendorf ist eine der beliebtesten Hochzeits-Locations in Berlin. Auch zahlreiche Prominente haben hier geheiratet: Ernst Lubitsch, Albert Einstein, Curd Jürgens, Romy Schneider und Harald Juhnke, um nur einige zu nennen. Und mein Mann und ich!

Ein paar Infos zum Heiraten:

Eheschließungen finden im Rathaus Schmargendorf regelmäßig donnerstags und freitags statt. Auch Paare von außerhalb heiraten hier, bei denen Eltern oder Großeltern sich bereits im Rathaus das Ja-Wort gegeben haben.

Zahlen für Charlottenburg-Wilmersdorf (gesamt)
2018: 2144 (erstes Jahr mit „Ehe für Alle“)
2019: 1966
2020: 1774 (CORONA!)
2021: aktuell bereits 1243

Außer dem Trausaal befinden sich heute im Rathaus Schmargendorf eine Filiale der Musikschule, die Staatsangehörigkeitsbehörde und im ehemaligen Ratskeller die Adolf-Reichwein-Bibliothek, die nach dem Pädagogen und Wider-standskämpfer Adolf Reichwein benannt ist. In der Paul-Hertz-Siedlung im Charlottenburger Norden ist übrigens auch eine Straße nach Adolf Reichwein benannt.

Gleich hier um die Ecke an der Auguste-Viktoria-Straße 64 lebte übrigens Dr. Marie Munk, die als erste Frau Preußens 1911 in Jura promovierte und 1924 als erster „weiblicher“ Rechtsanwalt eine Kanzlei eröffnete. Sie sehen, es ist gerade erst einmal 100 Jahre her, dass Frauen solche Rechte, die für uns heute selbstverständlich sind, in Deutschland zugebilligt wurden.

Hausfront in der Kösener Straße.

Hausfront in der Kösener Straße.

Station 2: Berkaer Platz

Der Berkaer Platz ist nach dem Kurort Bad Berka in Thüringen benannt. Der Name Berka bedeutet so viel wie Stadt der Birken am Wasser. Bad Berka hat knapp 8000 Einwohner und zahlreiche Kur- und Reha-Kliniken. Hier in dieser Gegend wurden um 1900 viele Straßen nach Badeorten benannt, wie wir gleich noch feststellen werden.

Wir spazieren nun durch die Kösener Straße, die 1902 nach dem sachsen-anhaltinischen Kurbad Bad Kösen benannt wurde und gelangen an ihrem Ende in die Hundekehlestraße, die seit 1891 so heißt, allerdings vermutlich nichts mit der Kehle eines Hundes zu tun hat. Eine plausible Theorie lautet, dass das Wort sich von dem alten Begriff „Hundequele“ als Sammelstelle für die Hundemeuten bei einer Treibjagd herleitet, wofür die Nähe zum Jagdschloss Grunewald spricht.

Wir treffen uns wieder vor der Hausnummer 11.

3. Station Hundekehlestraße 11: Gedenktafel für Rainer Maria Rilke

Hier stand früher die Villa Waldfrieden, in der von 1898 bis 1900 der Dichter Rainer Maria Rilke lebte und die Erzählung „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ geschrieben haben soll. Heute steht hier ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus mit Balkonen zur Straßenfront.
Die Gedenktafel erinnert an Rainer Maria Rilke, den wir vermutlich alle kennen, nicht aber an seine Muse, die Schriftstellerin und spätere Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé. Das ist schade, denn sie war eine bemerkenswerte Frau.
Louise von Salomé wurde 1861 in St. Petersburg geboren. In der streng protestantischen Familie wurde viel Wert auf Bildung und Kultur gelegt. Sie sprach Deutsch, Französisch und Russisch.
1878 zogen Lou von Salomé und ihre Mutter nach Zürich. Der Vater war im gleichen Jahr gestorben. Die Universität in Zürich ließ bereits damals Frauen zum Studium zu. Lou besuch-te als Gasthörerin Vorlesungen in Philosophie und Theologie. Aus gesundheitlichen Gründen zogen Mutter und Tochter vier Jahre später nach Rom. Dort lernte sie den Philosophen Paul Rée und wenig später seinen Freund Friedrich Nietzsche kennen. Beide wollten Lou heiraten – doch sie wies beide zurück.
Lou heiratete schließlich den Orientalisten Friedrich Carl Andreas, der sich bei seinem Antrag ein Taschenmesser in die Brust gerammt und sie so unter Druck gesetzt haben soll. Das Ehepaar zog 1892 nach Schmargendorf, das damals noch außerhalb Berlins lag. Bei einem Aufenthalt in München 1897 lernte Lou Rainer Maria Rilke kennen. Auch er verliebte sich in die 15 Jahre ältere Frau und folgte ihr nach Berlin. Sie war die Muse des Dichters, korrigierte seine, wie sie fand, zu schwülstige Ausdrucksweise und führte ihn in die Gedankenwelt Nietzsches ein. Nachdem sich der labile Rilke mehr und mehr an die Beziehung und Lou klammerte, trennte sich Lou von ihm mit einem Abschiedsbrief. Die Beziehung machte einer tiefen Freundschaft Platz. Rilke widmete Lou ein Gedicht:
„Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
und wurdest der Abgrund, der mich verschlang“.

1903 zog das Ehepaar Andreas-Salomé nach Westend und schon bald darauf nach Göttingen, wo Friedrich Carl Andreas einer Berufung zum Professor folgte. 1911 lernte Lou Sig-mund Freud kennen und wurde zu seiner Schülerin. Sie eröff-nete ihre eigene Praxis und widmete sich bis 1935 der Psychoanalyse. 1937 später starb Lou in Göttingen. Ihr Werk blieb weitgehend unbeachtet, dabei war sie mit Romanen, Erzählungen, Theaterkritiken und vielen weiteren Veröffentlichungen eine renommierte Autorin. Ihre Biografie war 1981 Thema einer Oper und wurde 2016 verfilmt.

Wir überqueren die Warnemünder Straße und folgen der Breiten Straße, in der es noch viele familiengeführte Einzelhandelsgeschäfte gibt. Leider hat die traditionsreiche Buchhandlung Utermarck hier an der Breite Straße im Februar 2021 nach 101 Jahren schließen müssen.

Wir passieren die Geschäftspassage an der Breiten Straße und treffen uns wieder vor der Schmargendorfer Buchhandlung, die es glücklicher Weise noch gibt.

4. Station: Schmargendorfer Buchhandlung

Sabine Kahl ist die Chefin der Schmargendorfer Buchhandlung und Sprecherin der Initiative “14199 – Mein Kiez”, die sich gegründet hat, um die Verbundenheit der Schmargendorfer mit ihrem Wohnviertel und dem Einkaufsstandort zu stärken. Die Initiative steht in gutem Kontakt mit unserer bezirklichen Wirtschaftsförderung. Frau Kahl erzählt uns nun, was den Kiez so besonders macht, und was sich ihre Initiative alles vorgenommen hat. Ich übergebe deshalb nun das Wort an Sabine Kahl.

Frau Mennicke erzählt über die Geschichte der Kirche.

Frau Mennicke erzählt über die Geschichte der Kirche.

5. Station: Dorfkirche Schmargendorf

Der Bau der Schmargendorfer Dorfkirche wurde um 1280 begonnen. Der Kirchenbau ist damit der Frühgotik zuzurechnen. Mit einer Grundfläche von 66 Quadratmetern und Platz für etwa 80 Personen ist sie die kleinste der erhaltenen Berliner Dorfkirchen.
Frau Mennicke, Sie wissen, was die Kirche sonst noch für Geheimnisse birgt?
In direkter Nachbarschaft zur Kirche befindet sich der Friedhof Alt-Schmargendorf. Er wurde um etwa 1250 angelegt.
Frau Mennicke:
“Anfangs gehörte die Kirche zum Bistum Brandenburg. Der Gottesdienst in der Kirche war demnach damals noch die lateinische Messe der römisch-katholischen Kirche. Mit der Reformation wandte sich am 1. November 1539 der branden-burgische Kurfürst Joachim II. dem Protestantismus zu, womit auch die Bauern und ihre Dorfkirche protestantisch wurden.
Während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges starben sieben Mitglieder der Familie von Wilmersdorff, der zu dieser Zeit das Dorf Schmargendorf gehörte. Hans von Wilmersdorff (1579-1635), Gesandter der brandenburgischen Kurfürsten Johann Sigismund (1572-1620) und Georg Wilhelm (1595-1640), hatte sich im Dreißigjährigen Krieg große Verdienste um den Schutz des Dorfes erworben. Die Särge der von Wilmersdorff wurden 1937 bei Installationsarbeiten für eine Heizung wiederentdeckt, die Grabbeigaben und Schmuckstücken, auch die Trauringe des Paares, dem Märkischen Museum übergeben.
Dafür bekam die Kirche ein Kruzifix aus der Zeit um 1700. 1831 erhielt der Giebel der Dorfkirche einen Turm aus Fachwerk, der 1957 mit Brettern versehen wurde. Im Kirchturm hängen zwei undatierte Glocken, vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Eine der Glocken ist eine sogenannte „Cum-Pace-Glocke“: Sie trägt die lateinische Inschrift „O rex glorie Christie veni cum pace” („Oh König der Herrlichkeit Christus komme mit Frieden“). Ein Abendmahlskelch aus Silber trägt die vergoldete Widmung “EVWGB 1.6.3.4” (Eva von Wilmersdorff, geborene Below 1634). Im 19. Jahrhundert kam auch das erste Gestühl in die Kirche – bis dahin wurde während des Gottesdienstes gestanden und beim Beten gekniet.”

Wir gehen jetzt weiter auf der Breite Straße bis wir rechts in die Helgolandstraße einbiegen können und über die Dillenburger Straße zur Gartenarbeitsschule, unserem heutigen Zielpunkt kommen.

Gartenarbeitsschule „Ilse Demme“ Kiezspaziergang

Die Gartenarbeitsschule „Ilse Demme“, das Ende des Kiezspaziergangs.

6. Station: Gartenarbeitsschule Ilse Demme:

Die Gartenarbeitsschule ist eine bezirkliche Bildungseinrichtung, die als Schulreformprojekt am 19. April 1921 gegründet wurde. Die Gartenarbeitsschule ist also in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden, was wir kürzlich mit dem Herbstfest zusammen gefeiert haben.
Von 1946 bis 1968 wurde sie von Ilse Demme geleitet, deren Namen die Gartenarbeitsschule heute trägt. Noch heute befindet sich die Gartenarbeitsschule auf ihrem Ursprungsgelände.

Hervorgegangen aus der reformpädagogischen Tradition der Arbeitsschulbewegung, den Gedanken von Maria Montessori, Friedrich Fröbel und Rudolf Steiner, stellt sie sich heute mit ihren Bildungsangeboten den aktuellen Anforderungen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Entsprechend ihres Ursprungs hat die Gartenarbeitsschule noch immer drei Funktionen: Sie ist Anschauungs-, Arbeits- und Liefergarten. Wie zur Zeit der Schulreformprojekte „soll der ganze Mensch, nicht nur sein Verstand, sondern auch seine handwerklichen und sozialen Fähigkeiten ausgebildet werden“. Das sind auch die Ansprüche des aktuellen Berliner Rahmenlehrplans, heute „Kompetenzerwerb“.

Was in der Gartenarbeitsschule heute noch alles geschieht, berichtet uns jetzt Ulrike Wosing. Sie steht auch gern für Fragen zur Verfügung.
Der nächste Kiezspaziergang findet am Samstag, 13. November, wie immer um 14 Uhr diesmal mit Arne Herz statt.

Eindrücke des 225. Kiezspaziergangs

  • Herr Naumann begrüßt zum Kiezspaziergang.

    Herr Naumann begrüßt zum Kiezspaziergang vor dem Rathaus Schmargendorf.

  • Dorfkirche Schmargendorf

    Die Dorfkirche Schmargendorf

  • Teilnehmer des Kiezspaziergangs.

    Teilnehmer des Kiezspaziergangs.

  • Gartenarbeitsschule „Ilse Demme“ Kiezspaziergang3

    Vorbereitete Leckereien der Gartenarbeitsschule „Ilse Demme“.

  • Gartenarbeitsschule „Ilse Demme“ Kiezspaziergang

    Ein Blick über einen Teil des Geländes der Gartenarbeitsschule.

  • Gartenarbeitsschule „Ilse Demme“ Kiezspaziergang2

    Frisch geerntete Äpfel, Quitten und Kürbisse zum Mitnehmen.

  • Gartenarbeitsschule „Ilse Demme“ Kiezspaziergang4

    Reichliches Kuchenbuffet zum Abschied von Reinhard Naumann.

  • Bzbm Naumann mit Frau Wosing

    Bezirksbürgermeister Naumann mit der ehemaligen schulischen Leiterin der GAS Frau Wosing.

  •  Bzbm Naumann mit Frau Schmitt-Schmelz und Frau Wosing.

    Bezirksbürgermeister Naumann mit Frau Schmitt-Schmelz und Frau Wosing.

  • Frau Schmitt-Schmelz mit Kürbis

    Stadträtin Schmitt-Schmelz mit Kürbis der Gartenarbeitsschule.

  • Bzbm Naumann mit Abschiedsgeschenk der GAS.

    Bezirksbürgermeister Naumann mit Abschiedsgeschenk der Gartenarbeitsschule.