209. Kiezspaziergang am 11.5.2019 mit Bezirksbürgermeister Naumann

Vom Heidelberger Platz zur Gartenarbeitsschule "Ilse Demme"

Heidelberger Platz
Heidelberger Platz
Bild: BA CW, ML

Treffpunkt: Südlicher U-Bahnausgang Heidelberger Platz / Richtung Aßmannshauser Straße
Länge : ca. 1,7 km

Herzlich willkommen zu unserem 209. Kiezspaziergang. Wir werden heute einen Teil Wilmersdorfs und Schmargendorfs erkunden. Auf unserem Weg werden wir zahlreiche Gebäude aus den 1920er-Jahren sehen. Zuerst geht es durch die Aßmannshauser Straße zur Zahnklinik der Freien Universität Berlin. Von dort spazieren wir durch Kleingartenanlagen zur Lindenkirche, laufen dann unter der „Schlange“ durch, ehe wir von unserem Jugendamtsleiter Dr. Thuns im Mosse-Stift empfangen werden. Der Kiezspaziergang endet in der Gartenarbeitsschule Ilse Demme mit einer Überraschung. Danach werde ich um 16:30 Uhr den Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz eröffnen. Wenn Sie nach der Gartenarbeitsschule noch Lust haben, schauen Sie doch noch auf ein Glas Wein am Rüdesheimer Platz vorbei.

Doch bevor wir unseren Spaziergang starten, möchte ich Ihnen den Juni-Spaziergang ankündigen. Er beginnt an der Bushaltestelle Herthastraße, wie immer um 14 Uhr am zweiten Samstag im Monat, das ist der 8. Juni. Er führt uns entlang der Grunewaldseenkette, also entlang des Hubertussees, Herthasees, Koenigssees und Dianasees zum Karmielplatz und dem Mahnmal Gleis 17 im S-Bahnhof Grunewald.

Station 1: U-Bahnhof Heidelberger Platz / Südlicher Ausgang

Heidelberger Platz 3, Verlag Springer Nature
Heidelberger Platz 3, Verlag Springer Nature
Bild: BA CW, ML

Station 1.1: U-Bahnhof Heidelberger Platz

Der U-Bahnhof Heidelberger Platz wurde 1913 eröffnet. Die damalige Stadt Wilmersdorf wollte durch die Pracht ihrer U-Bahnhöfe auch ihren Reichtum ausdrücken. Deshalb haben Wilmersdorfer U-Bahnhöfe keine tragenden Säulen aus Stahl, sondern aus Stein, was als repräsentativer galt. Im Fall des U-Bahnhofes Heidelberger Platz wurde der Tunnel doppelt so tief gelegt wie bei anderen Bahnhöfen, da der Tunnel unter die Ringbahn gelegt werden musste. Dadurch war es möglich, in der Bahnhofshalle viel höher zu bauen: Er wurde mit Kreuzgratgewölbe ausgestattet. Falls Sie mit der U-Bahn gekommen sind, haben Sie sicher die erhabene Raumwirkung des Bahnhofs, fast wie in einer Kathedrale, wahrgenommen. Architekt war Wilhelm Leitgebel. Der nordöstliche Ausgang in Mittellage der Mecklenburgischen Straße wurde im Zuge der Straßenverbreiterung abgerissen und nach außen verlegt. Der südliche Ausgang mit seinem langen Gang unter der Ringbahn ist noch im Originalzustand. Bei der Anlage des U-Bahnhofs wurde ein direkter Übergang zum darüber liegenden Ringbahnhof zwar berücksichtigt, aber nicht gebaut. Dieser wurde erst bei der Wiedereröffnung der S-Bahn 1993 realisiert. Gleichzeitig wurde ein Aufzug gebaut, der sich auf der südlichen Straßenseite befindet. Der Bahnhof steht selbstredend unter Denkmalschutz.

Station 1.2: Heidelberger Platz 3 / Springer Nature

Eines der großen Unternehmen in unserem Bezirk ist die Springer Nature, eine wissenschaftliche Verlagsgruppe, die weltweit agiert und 13.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hat. Der Jahresumsatz beträgt 1,64 Mrd. €.

Am 10. Mai 1842 gründete Julius Springer den Verlag in Berlin. Das heißt der Verlag wird dieses Jahr 177 Jahre alt. Zu seinem 175. Geburtstag sagte der Geschäftsführer, ich zitiere:

Politisch turbulent [war die Zeit damals], weil es die Zeit des Vormärz war und der demokratischen Bewegung war. Und geistig turbulent, weil gerade die modernen Naturwissenschaften entstanden.

Heute hat der Wissenschafts-Verlag 9000 neue Buch- und Zeitschriftentitel im Angebot aus allen Wissenschaftsbereichen. Er arbeitet eng mit den Universitäten zusammen, vor allem mit der Universität Heidelberg. In Heidelberg ist 1946 ein bedeutender zweiter Standort entstanden. Digitale Angebote sind inzwischen wichtiger als Printmedien. Schon vor zwanzig Jahren wurde eine Onlineplattform freigeschaltet, auf der man alle Produkte von Springer findet. Es wird immer zuerst die elektronische Form veröffentlicht und bei Bedarf werden anschließend die Bücher gedruckt. Das hat die Zeit der Herstellung sehr verkürzt und Schnelligkeit ist bei wissenschaftlichen Publikationen sehr wichtig. 80 % der Zeitschriften und 50% der Bücher gibt es bei Springer nur noch digital, also ganz anders als im Belletristikbereich.

Das Gebäude wurde 1936 von dem Architekten Emil Rüster ursprünglich für die Kassenärztliche Vereinigung entworfen und steht heute unter Denkmalschutz.

Station 1.3: Aßmannshauser Straße / Herkunft des Namens

Wir gehen nun gleich in die Aßmannshauser Straße hinein, die sozusagen das Rheingauviertel vom Norden her eröffnet. Aßmannshausen gehört zum Rheingau und hat knapp 1000 Einwohner und Einwohnerinnen. Es gehört zum Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal. Aßmannshausen wurde wahrscheinlich von den Franken gegründet. Die älteste Urkunde stammt aus dem Jahr 1108. Es ist eine Schenkungsurkunde, in der dem Kloster Disibodenberg einen Weinberg vermacht wurde. Auch heute noch wird in Aßmannshausen Wein angebaut, und zwar für den Rheingau eher untypisch, hauptsächlich Rotwein.

Wir gehen nun durch die Aßmannshauser Straße und treffen uns wieder vor dem Eingang der Zahnklinik.

Station 2: Aßmannshauser Straße 4-6

Aßmannshauser Str. 4-6, Charite
Aßmannshauser Str. 4-6, Charite
Bild: BA CW, ML

Station 2.1: Aßmannshauser Straße 19-24

Die Mehrfamilienhäuser in der Aßmannshauser Straße 19-24, an denen wir gerade vorbeigegangen sind und die sich auch in die Seitenstraßen hineinziehen, wurden in den 1920er-Jahren gebaut. Architekt war Rudolf Otto Salvisberg, Bauherrin die Berlinische Boden-Gesellschaft. Alle Häuser stehen unter Denkmalschutz.

Station 2.2: Zahnklinik der Freien Universität Berlin

Auch das Gebäude vor uns steht unter Denkmalschutz. Es ist die Zahnklinik der Freien Universität Berlin. Sie wurde von 1955 bis 1956 nach den Plänen der Architekten Rudolf Ullrich und E. Neubarth gebaut. Heute gehört die als Poliklinik genutzte Einrichtung zur Charité und trägt die Bezeichnung Zahnklinik Süd.

Die erste universitäre Einrichtung einer zahnmedizinischen Einrichtung in Berlin entstand 1884 in der Dorotheenstraße mit einem Zahnärztlichen Institut. 1912 entstand dann das noch heute bestehende Gebäude der ersten Berliner Zahnklinik in der Invalidenstraße, nicht weit von der Charité. Nach der Teilung Berlins blieb die Zahnklinik im Ostteil der Stadt. Deshalb wurde mit der Gründung der Freien Universität Berlin der Grundstein für diese neue Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde gelegt. Nach der Vereinigung von Ost- und Westberlin wurden 2003 alle Standorte in der Aßmannshauser Straße vereinigt.

Hauptaufgaben der Klinik sind die Ausbildung von Zahnärztinnen und Zahnärzten, die Behandlung von Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen sowie die Erforschung neuer Behandlungsmethoden. Die Zahnklinik bietet das gesamte Spektrum ambulanter Behandlungen an: restaurative Zahnheilkunde, Zahnersatz, Wurzelkanalbehandlungen, Prophylaxe, Parodontologie, ästhetische Zahnmedizin, Kieferorthopädie und mehr. Geforscht wird nach neuen Therapiemethoden für Paradontalerkrankungen. Weitere Forschungsschwerpunkte sind die Genetik von Parodontalerkrankungen, Materialforschung sowie computergestützte Therapiemethoden. Mit derzeit über 500 Studierenden gehört das Centrum heute zu den größten Zahnkliniken Deutschlands.

Der Bau knüpft an die Architektur der Neuen Sachlichkeit und damit an das Bauhaus an, das ja vor hundert Jahren gegründet wurde. Das Baukonzept entspricht innen, was die Raumnutzung betrifft, ganz den Vorstellungen der Klinikleitung, denn es sollte die modernste Zahnklinik Deutschlands sein. Dennoch hatten die Architekten gerade im Außenbereich, aber auch in der Gestaltung der Innenräume, Spielräume, um ihre Ideen umzusetzen.

Das architektonische Konzept versucht sich in die umgebende Wohnbebauung einzuordnen, indem sie zum Beispiel die gleiche Geschosshöhe aufweist wie die anderen Häuser drumherum. Die Straßenfassade zeigt am oberen Rand eine Reihe von Fenstern, die zu einem Mezzaningeschoss gehören, sechs hervorgehobene quadratische Fenster rechts davon und einen ins Innere verlegten beleuchteten Eingang. Die Westfassade, zu einer Grünanlage ausgerichtet, hat eine große gegliederte Fensterfront. Das Foyer hat eine abgehängte und farbig gestaltete Decke. Dahinter öffnet sich ein Atrium, dessen Höhe mehrere abgestufte Ebenen hat. Rechts erstreckte sich ursprünglich ein großer lichtdurchfluteter Wartebereich für die Patienten, der im Vergleich zur üblichen Gestaltung von Wartezimmern eine grundlegende Neuerung war. Dahinter lag parallel zur Straße der Behandlungsbereich, ursprünglich ein großer langgestreckter Raum, heute mit abgeteilten Räumen und anderer Nutzung. Das Gebäude besitzt außerdem einen Hörsaal.

Wir gehen jetzt bis zur Ecke Hohensteiner Straße.

Station 3: Hohensteiner / Ecke Aßmannshauser Straße

Station 3.1: Hohensteiner Straße 16 / Botschaft der Gabunischen Republik

An der Ecke zur Hohensteiner Straße befindet sich die Botschaft der Gabunischen Republik. Gabun liegt an der Atlantikküste Zentralafrikas. Das Land hat etwa 75% der Fläche von Deutschland, aber nur 1,6 Millionen Einwohner. Es gehört zu den am dünnsten besiedelten Ländern Afrikas. Am 17. August 1960 erlangte Gabun die Unabhängigkeit von Frankreich. Die relativ kleine Bevölkerung, die enormen Rohstoffvorkommen und Hilfe von außen machten Gabun im Laufe der Zeit zu einem der wenigen florierenden Staaten Afrikas. Vor der Küste befinden sich große Erdölvorkommen. Im Landesinneren werden Mangan, Uran, Eisenerze und Gold abgebaut. Trotzdem lebt ein Drittel der Bevölkerung in extremer Armut. Über 90 % des Bruttoinlandsprodukts wird von nur 10 % der Bevölkerung verbraucht.

Station 3.2: Aßmannhauser Straße 10 bis 14

Das so genannte Rheingauviertel zwischen Laubacher und Binger Straße ist ein Versuch der ausgehenden Kaiserzeit, den Charakter englischer Gartenstädte mit großstädtischer Dichte zu verbinden. Der Plan zu einer einheitlichen Bebauung des Viertels stammt von 1906. Die viergeschossigen Mietshäuser sind in Anlehnung an den englischen Landhausstil erbaut. Vor vielen Häusern befinden sich ansteigende Rasenvorgärten und in den Erdgeschossen Rankgerüste. Straßennamen und Skulpturenschmuck beziehen sich auf das damals beliebte Reiseziel Rheingau.

Gute Beispiele für diese Art von Bebauung sind die Häuser Aßmannshauser Straße 10 bis 14 schräg gegenüber.

Die Mietshäuser Aßmannshauser Straße 10 A bis 12 wurden 1914 von dem Architekten Paul Jatzow entworfen. Bauherr war die Terraingesellschaft Südwesten Berlin. Das Eckhaus Nummer 13 wurde von dem Kaufmann Walter Fröhlich in Auftrag gegeben. Architekten waren Paul Jatzow und Rudolf Krause. Sowohl 1918 als auch 1966/67 wurde das Haus umgebaut.

Das Haus Nummer 14 auf unserer Straßenseite Ecke Spessarter Straße wurde 1913/14 von den Architekten Willibald Kübler und Paul Jatzow entworfen. Bauherr war der Kaufmann Paul Lerche. Alle genannten Häuser stehen unter Denkmalschutz.

Wir biegen nun rechts in die Homburger Straße ein und gehen weiter bis zur Lindenkirche in der Homburger Straße 48.

Station 4: Homburger Straße 48 / Ecke Binger Straße

Station 4.1: Homburger Straße / Herkunft des Namens

Die Homburger Straße ist nach dem Kurbad Bad Homburg im Taunus benannt, das direkt an das Stadtgebiet von Frankfurt am Main grenzt. Es darf sich seit 1912 Bad nennen. Bad Homburg hat zahlreiche Heilquellen. Der Kurpark wurde von Peter Joseph Lenné gestaltet. Viel wichtiger für die Stadt als der Kurbetrieb ist aber die Tatsache, dass sie bevorzugtes Wohngebiet für in Frankfurt tätige, meist gut verdienende Pendler ist. Bad Homburg wies im Jahr 2012 einen weit überdurchschnittlichen Kaufkraftindex von 156 Prozent des Bundesdurchschnitts (100 Prozent) auf und belegte damit einen bundesweiten Spitzenwert. Im Hochtaunuskreis haben lediglich Königstein (191 Prozent), Kronberg (179 Prozent) und Bad Soden (176%) einen höheren Wert. International bekannt ist Bad Homburg auch wegen seines Casinos, das „Mutter von Monte Carlo“ genannt wird. Zugleich ist Bad Homburg Sitz einer Reihe von Unternehmen, deren Belegschaft mehr aus Auswärtigen als aus Einheimischen besteht, z.B. Hewlett Packard, die Verwaltung der Quandt-Gruppe, Fresenius. Die Stadt ist Sitz des Bundesausgleichsamtes und des Bundesamtes für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen.

Station 4.2: Homburger Straße 48 / Lindenkirche

Wenden wir uns der evangelischen Lindenkirche zu. 1924 erwarb die Wilmersdorfer Terrain-Rheingau AG das 4714 m² große Grundstück auf dem Homburger Platz für 50.000 Mark. Unter seinen Linden fanden bis zur Einweihung der Kirche 1936 die Gottesdienste im Freien statt, daher ihr Name Lindenkirche. Architekt war Carl Theodor Brodführer. In der Nacht auf den 2. März 1943 zerstörten Bomben den größten Teil der Kirche und der anderen Gebäudeteile. Sie wurde Anfang der 1950er-Jahre wieder aufgebaut. Die Kirche hat Platz für etwa 600 Besucher und Besucherinnen. Im Stil ist sie der Neuen Sachlichkeit nachempfunden. Der wiederhergestellte Innenraum ist gegenüber dem ursprünglichen Zustand nur wenig verändert. Der kleine Gemeindesaal sowie die Wohnungen und Gemeinderäume im ersten und zweiten Geschoss wurden wieder aufgebaut, ebenso das Gemeindehaus mit Schwesternstation und Wohnungen. Der große Gemeindesaal mit Kindertagesstätte und Jugendräumen wurde später errichtet. 1962 war die Wiederaufbauarbeit mit dem Neubau von zwei Pfarrhäusern abgeschlossen. Überdauert hatte die beiden Weltkriege eine Glocke aus dem 16. Jahrhundert von einem unbekanntem Gießer. Nach dem Verlust der anderen Glocken während der Zeit des Nationalsozialismus goss Franz Otto vier neue aus Bronze, die in einem d-Moll-Septimenakkord erklingen. Im September 1965 konnte auf der Empore die neue Orgel, die den Mittelpunkt für die Kirchenmusik bildet, eingeweiht werden. 1993 wurde die große Orgel der Werner-Bosch-Orgelbau vollendet. Es ist eine der größten Orgeln in Berlin. Orgelkonzerte haben die Lindenkirche weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt gemacht.

Station 4.3: Homburger Straße 45 bis 53

Die Wohnblöcke auf der gegenüberliegenden Straßenseite bis zur Schlangenbader Straße wurden von 1927 bis 1931 gebaut und von Alfred Gerschel entworfen. Sie stehen unter Denkmalschutz.

Station 4.4: Homburger Straße 50 bis 54 / Schlangenbader Straße 85 bis 92

Der Wohnblock auf unserer Seite wurde von 1927 bis 1928 errichtet. Architekt war Georg Pötschke. Der Komplex gehört zur Charlottenburger Baugenossenschaft. Diese wurde 1907 gegründet, um der Wohnungsmisere mit ihren Mietskasernen etwas entgegenzusetzen. Ende 1907 gab es 572 Mitglieder und 1909 konnte das erste Haus in der Eosanderstraße 4 mit 59 Wohnungen bezogen werden. Heute hat die Baugenossenschaft knapp 14.000 Mitglieder in rund 6.500 Wohnungen in ganz Berlin.

Wir gehen nun weiter, biegen rechts in die Schlangenbader Straße, überqueren sie, unterqueren die Autobahnüberbauung nach der Hausnummer 11 und treffen uns wieder auf dem kleinen Platz auf der anderen Seite.

Station 5: Rudolf-Mosse-Straße / Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße

Wohnanlage in der Schlangenbader Str.
Wohnanlage in der Schlangenbader Str.
Bild: BA CW, ML

Station 5.1: Schlangenbader Straße / Herkunft des Namens

Schlangenbad ist ein alter Kurort mit Heilquellen in der Nähe von Wiesbaden und Mainz. Durch das mediterrane Klima gibt es dort auch Äskulapnattern, was dem Ort seinen Namen gab. Die Äskulapnatter windet sich um den Stab des griechischen Gotts Äskulap, der Gott der Heilkunst. Das Symbol des Stabs mit der Schlange ist heute allgemeinhin das Symbol für Humanmediziner, aber auch die Tiermediziner und die Apotheken benutzen dieses Symbol.

Station 5.2: Autobahnüberbauung SchlangenbaderStraße

Uns interessiert heute aber mehr als die Herkunft des Namens die Bebauung selbst. In den siebziger Jahren herrschte in dem durch die Mauer begrenzten West-Berlin Wohnungsmangel und wenig Baugrund. Die Bebauung durch Großsiedlungen, wie Gropiusstadt und Märkisches Viertel hatte den Druck zwar etwas genommen, aber es wurden auch die ersten sozialen Risse in diesen Vorstädten sichtbar. Die landeseigene Gesellschaft DEGEWO entschloss sich daher eine Wohnanlage über der Autobahn zu bauen. Architekten waren Georg Heinrichs und Gerhard und Klaus Krebs. Eingeweiht wurde die Anlage 1982. Die Autobahn wird durch zwei statisch und akustisch vom übrigen Bauwerk getrennte Hohlkästen geführt, was dazu führt, dass der Lärm der Autobahn im und um das Gebäude herum nicht zu hören ist. Die Länge des Baukomplexes beträgt 600 m, die Höhe 46 m, und es gibt 1215 Wohnungen in 14 Geschossen. Im unteren Teil sind es Terrassenhäuser, im oberen Wohnungen. Des Weiteren sind in der Überbauung 118 Hobbyräume, vier Gästewohnungen und zwölf Gemeinschaftsräume sowie diverse Fahrrad- und Kinderwagenräume untergebracht. Auf dem Gelände wurden Spielplätze und Hundetoiletten angelegt. Es gibt 28 Gewerberäume mit insgesamt 7210 m² Fläche. Die Anlage wird durch Fernwärme mit Energie versorgt. Unterhalb der Autobahntrasse befinden sich zwei Tiefgaragendecks mit 760 Stellplätzen. Zudem wurde ein separates Parkhaus mit 437 weiteren Plätzen erbaut. Nach Fertigstellung kam es zu Bodenabsenkungen des Erdreichs im Bereich der Überbauung, was durch nachträgliche Verdichtung des Grundes und durch Stahlauflagekeile oberhalb der Trägerbrücken kompensiert werden musste. Die Gesamtbaukosten beliefen sich auf 400 Millionen Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund 435 Millionen Euro). Das Gesamtwerk wurde 2002 mit dem Renault Traffic Design Award für fortschrittliche Verkehrsarchitektur in der Kategorie Historischer Award ausgezeichnet. Absehbar in naher Zukunft ist die Sanierung des Gesamtkomplexes, die zu einer großeb Herausforderung wird.

Unsere nächste Station ist das Mosse-Stift in der Rudolf-Mosse-Straße 11. Dazu gehen Sie nun einfach geradezu.

Station 6: Rudolf-Mosse-Straße 11

Mosse-Stiftung
Mosse-Stiftung
Bild: BA CW, ML

Station 6.1: Rudolf-Mosse-Straße / Herkunft des Namens

Ich begrüße ganz herzlich Herrn Dr. Thuns, den Leiter unseres Jugendamtes, der uns jetzt die Jugendarbeit in unserem Bezirk vorstellen wird. Zuvor möchte ich aber noch etwas zu den Mosses sagen.

Die Rudolf-Mosse-Straße wurde am 1. Mai 1972 nach dem Verleger Rudolf Mosse benannt. Rudolf Mosse wurde 1843 in Grätz in Posen geboren. Er begann als Buchhändler, wechselte aber bald seinen beruflichen Schwerpunkt und wurde Verleger. 1867 gründete er in der Friedrichstraße die Rudolf-Mosse-Zeitungs-Annoncen-Expedition. Sein Konzept bestand darin, komplette Anzeigenseiten mehrerer Zeitungen zu pachten und daraus Platz für Werbeanzeigen zu verkaufen. Fünf Jahre später hatte er bereits 250 Zweigniederlassungen im In- und Ausland. Mosse baute ein ganzes Zeitungsimperium auf. Am bekanntesten waren wahrscheinlich das Berliner Tageblatt, die Berliner Morgen-Zeitung und die Berliner Volks-Zeitung, aber auch Fachzeitschriften gehörten dazu, wie der Bäder-Almanach, der Ulk, der Weltspiegel.

Rudolf Mosse wurde durch seine Tätigkeit Multimillionär. Neben der Emilie-und-Rudolf-Mosse-Stiftung, vor der wir hier stehen, gründete er 1892 mit einem Startkapital von 100.000 Mark zudem ganz fortschrittlich eine Pensionskasse für seine 500 Angestellten.

Wie viele andere seiner reichen Zeitgenossen, sammelte auch Mosse Kunstwerke. So trug er mit den Jahren eine Kunstsammlung von mehr als vierhundert Werken zusammen. Schwerpunkt war der deutsche Impressionismus. So waren auch Werke von Lovis Corinth und Max Liebermann in seinem Besitz. Am Mosse-Stift hängt zu Ehren von Rudolf Mosse eine Gedenktafel.

Station 6.2: Mosse-Stift

Rudolf Mosse und seine Frau Emilie stifteten Ende des 19. Jahrhunderts ein interkonfessionelles Waisenhaus für 100 Kinder. Es war für Mädchen und Jungen aus dem verarmten Mittelstand gedacht, die von der öffentlichen Armenfürsorge keine Hilfe erwarten konnten, und sollte ihnen eine qualifizierte Bildung und Ausbildung ermöglichen.

Zu diesem Zweck kaufte das Ehepaar zwischen Wilmersdorf und Schmargendorf dieses etwa 12.500°m² große Grundstück, was damals noch außerhalb der beiden Dörfer lag. Bauzeit war von 1893 bis 1894. Architekt dieser neobarocken Dreiflügelanlage, die mehr an einen Palast als an ein Waisenhaus erinnert, war Gustav Ebe.

Die Einrichtung wurde unter dem Namen Mossesche Erziehungsanstalt für Knaben und Mädchen am 1. April 1895 eröffnet. Nächstes Jahr wird das Mosse-Stift also 125 Jahre alt. Für den Betrieb der Einrichtung gründete das Ehepaar 1908 die Emilie- und-Rudolf-Mosse-Stiftung. In der Stiftungsurkunde hieß es zum Zweck der Stiftung, ich zitiere:

Die Stiftung bezweckt die unentgeltliche Pflege bedürftiger Kinder, vorzugsweise aus den gebildeten Ständen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses.

1920 starb Rudolf Mosse. Die Inflation führte dazu, dass Emilie Mosse das Stift nicht mehr weiter betreiben konnte. Daraufhin schenkte sie es dem Bezirk Wilmersdorf mit der Auflage, es unter Beibehaltung des Namens weiterhin für die Jugend- und Erziehungsarbeit zu nutzen.

1928 bis 1929 wurde das Stift zu einem Lehrlings- und Säuglingsheim umgebaut. 1936 wurde in dem Haus eine Kinderklinik eingerichtet. Der Name der jüdischen Mosses wurde allerdings gestrichen. Die Kinderklinik Wilmersdorf blieb in dem Haus bis 1977. Dann wurde es zu einem Rehabilitationszentrum umgebaut. In den 1980er-Jahren wurde das Haus wieder als Lehrlings- und Jugendwohnheim genutzt und seit dem Ende der 1990er-Jahre befinden sich wieder hauptsächlich Kinder- und Jugendeinrichtungen in dem Gebäude. Dazu wird Ihnen gleich Herr Dr. Thuns etwas erzählen. Zudem ist dort heute das Umwelt- und Naturschutzamt untergebracht.

Vielen Dank, Herr Dr. Thuns!

Station 6.3: Sodener Straße / Herkunft des Namens

Wir gehen nun durch die Sodener Straße immer geradeaus direkt in die Gartenarbeitsschule Ilse Demme. Schon seit 1902 heißt die Sodener Straße nach der gleichnamigen Stadt im Main-Taunus-Kreis in Hessen. Auch Bad Soden ist ein Kurort, gehört zum Einzugsgebiet von Frankfurt am Main und hat den außerordentlichen Kaufkraftindex von 176%.

Station 7: Gartenarbeitsschule Ilse Demme

BzBm Reinhard Naumann mit Fr. Meil-Lachmann
BzBm Reinhard Naumann mit Fr. Meil-Lachmann
Bild: BA CW, ML

Ich begrüße ganz herzlich Frau Meil-Lachmann und Frau Wosing, die pädagogischen Mitarbeiterinnen der Gartenarbeitsschule, die uns gleich über das Gelände führen werden.

Die Idee einer Gartenarbeitsschule in Wilmersdorf kam Ende des Ersten Weltkrieges auf. Initiator war Otto Mehlan, Leiter der 4. Gemeindeschule, das ist heute die Birger-Forell-Schule. Die Gartenarbeitsschule sollte nicht nur Ort für Garten- und Naturkunde sein, sondern auch für Lesen, Rechnen und Schreiben.

Kurz bevor Wilmersdorf durch das Groß-Berlin-Gesetz von 1920 seine Selbstständigkeit verlor und zum 9. Bezirk von Berlin wurde, beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Gründung einer Gartenarbeitsschule auf dem Gelände der Dillenburger Straße. Mit Beginn des Schuljahres, am 19. April 1921, nahm die Gartenarbeitsschule ihre Tätigkeit auf. Sie entstand aus der reformpädagogischen Arbeitsschulbewegung. Ihre Ziele sind bis heute gleich geblieben: Sie soll Anschauungs-, Arbeits- und Liefergarten sein. Wie zur Zeit der Schulreformprojekte [ich zitiere] „soll der ganze Mensch, nicht nur sein Verstand, sondern auch seine handwerklichen und sozialen Fähigkeiten ausgebildet werden”.

Aus ehemaligen Baracken entstanden Klassenräume, die bewusst nach einer Seite hin offen waren, um den Unterricht an der frischen Luft zu ermöglichen. In den Räumen wurden Bienen- und Vogelhäuser gebaut. In anderen Gebäuden standen Aquarien, Terrarien, Insekten- und Raupengläser, damit die Kinder Entwicklungs- und Lebensgewohnheiten verschiedener Lebewesen beobachten konnten.

Jungen erhielten zweimal in der Woche Gartenarbeitsunterricht, Mädchen einmal wöchentlich. Erst als 1922 ein Küchengebäude errichtet wurde, besuchten auch Mädchen die Gartenarbeitsschule zweimal pro Woche, denn für sie gab es nun zusätzlich Hauswirtschaftsunterricht. 1923 wurde ein Frühbeet angelegt und das Gewächshaus errichtet. Knapp zehn Jahre später warfen die politischen Veränderungen ihre Schatten auch auf die Gartenarbeitsschule. Die Idee einer Schule im Freien wurde von den Nationalsozialisten missbraucht und in den Partei- und Kriegsdienst gestellt. 1943 zerstörten Bomben zum großen Teil die Gebäude, Unterricht fand nur noch unregelmäßig statt.

Nach 1945 beschloss das Bezirksamt von Wilmersdorf, die Gartenarbeitsschule dem Schulamt zu unterstellen. Die Hauptaufgabe in dieser Zeit war der Gemüseanbau zur Versorgung der Bevölkerung; die Gartenarbeitsschule lieferte ihre Erzeugnisse an Krankenhäuser, an Schulen für die Schulspeisungen und an andere karitative Einrichtungen.

Der Arbeitsunterricht in der Gartenarbeitsschule wurde mit der Reform des Schulwesens 1946 erneut lehrplanmäßiges Pflichtfach. Die Klassen kamen einmal in der Woche den ganzen Schultag in die Gartenarbeitsschule, wobei sich Gartenarbeit und Unterricht in den Klassenräumen abwechselten. Die Erzeugnisse der Gartenarbeitsschule, Früchte und Blumen, konnten unter Marktpreis von den Kindern gekauft werden. 1947 wurden die erhaltenen Gebäude winterfest gemacht und das Gewächshaus instandgesetzt. Die festen Gebäude der Gartenarbeitsschule wurden 1950 errichtet. Sie wurden ab 1951 wegen der prekären Schulsituation im südlichen Wilmersdorf zunächst auch als Außenstelle der 4. Grundschule genutzt. 1968 wurde der Verkauf der Gartenerzeugnisse abgeschafft. Die selbst angebauten und geernteten Früchte wurden nun unentgeltlich an die Kinder abgegeben.

Die ökologische Bewegung in den 1980er-Jahren führte dazu, dass ökologische Inhalte in die Lehrpläne der Schulen einzogen. Unterrichtsbezogenes Arbeiten mit Pflanzen unter ökologischen Gesichtspunkten während der Vegetationsperiode wurde zu einem Schwerpunkt. Die Besucherzahlen stiegen nun nach einer Baisse in den 1960er-Jahren wieder. Durch die Kooperation der Gartenarbeitsschule mit der Robert-Jungk-Oberschule entstanden ab 1992 unter dem Motto: “Schüler bauen für Schüler” zwei Kleinwindkraftwerke und Anlagen zur photovoltaischen und thermischen Nutzung der Sonne. Beim Umweltgipfel 1995 in Berlin war die Gartenarbeitsschule sogar Veranstaltungsort des Klimaforums. Anlass war die Einweihung einer Warmluftkollektorenanlage.

Am 29. Februar 2000 gründete sich der Förderverein der Gartenarbeitsschule Wilmersdorf e.V. Ein Konzept zur ganzjährigen Nutzung der Gartenarbeitsschule wurde entwickelt. In neu eingerichteten Klassenräumen werden nun fachübergreifende Projekte angeboten und jahreszeitlich abgestimmte Lerninhalte vermittelt. Alle Lehrerinnen und Lehrer erhalten auf Wunsch fachliche und personelle Unterstützung. Voraussetzung dafür ist unter anderem das Engagement der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer.

Die Gartenarbeitsschule wurde zu ihrem 80-jährigen Bestehen 2001 nach einer ihrer ehemaligen Leiterinnen, der Lehrerin Ilse Demme, benannt. Ilse Demme wurde am 18.8.1909 in Kassel geboren. Sie studierte Pädagogik und arbeitete in Kassel als Lehrerin. 1936 kam sie nach Berlin. Durch die nationalsozialistische Rassengesetzgebung hatte sie keine Chance auf eine Stelle als Lehrerin. Stattdessen arbeitete sie als Sekretärin und Übersetzerin. Sie war im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv, indem sie u.a. die Protestpredigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen vervielfältigte. In den Predigten protestierte von Galen gegen die Ermordung von psychisch Kranken und geistig Behinderten. 1941 wurde sie denunziert und daraufhin verhaftet. Am 18. August 1942 wurde sie wegen ihren „Vergehen“ gegen das so genannte Heimtückegesetz zu einer mehrjährigen Haftstrafe im Konzentrationslager Ravensbrück verurteilt.

Nach ihrer Befreiung im Mai 1945 übernahm sie 1946 die Leitung der Gartenarbeitsschule, die sie bis 1968 innehatte. Ilse Demme starb am 3.7.1969 nach langer Krankheit in Berlin.

Heute ist die Gartenarbeitsschule, genauso wie die Jugendkunstschule und Jugendverkehrsschule, als gesetzliche Aufgabe im Schulgesetz verankert. Dies ist ein großer Fortschritt für die außerschulischen Einrichtungen. Ich übergebe nun an das Team der Gartenarbeitsschule, das Sie durch den Garten geleiten wird. Vielen Dank für das außerordentliche Engagement an das ganze Team.

Ich beende hier den Kiezspaziergang und eile zur Eröffnung des Weinbrunnes am Rüdesheimer Platz. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie zu späterer Stunde noch auf ein Glas Wein dazu stoßen. Mir bleibt nur noch den Treffpunkt des nächsten Kiezspaziergangs anzukündigen: Er wird am 8. Juni um 14 Uhr an der Bushaltestelle Herthastraße beginnen und endet am Mahnmal für die Opfer des Holocaust am Gleis 17 im Bahnhof Grunewald. Tausend Dank nochmal an das Team der Gartenarbeitsschule für die herzliche Gastfreundschaft. Viel Spaß bei der Führung über das Gelände und Tschüss bis zum nächsten Mal!