143. Kiezspaziergang

Vom Theater am Kurfürstendamm zum Ludwigkirchplatz

Mit Bezirksbürgermeister Naumann

Treffpunkt: Vor dem Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 208-209
ca. 2,0 km

Sehr geehrte Damen und Herren!
Herzlich willkommen zu unserem 143. Kiezspaziergang.
Ich freue mich ganz besonders darüber, dass heute der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman gemeinsam mit seiner Frau Ita Hadas-Handelsman an unserem Kiezspaziergang teilnimmt. Sehr geehrter Herr Botschafter, es ist eine große Ehre für uns, dass Sie heute bei uns sind.
Der November ist für uns immer der Monat des Gedenkens und Erinnerns an die Geschichte des Nationalsozialismus, an die Verfolgung der Juden in unserem Bezirk.

In diesem Jahr, 75 Jahre nach dem Pogrom des 9. November 1938, gedenkt Berlin dieser Geschichte in einem Themenjahr unter dem Titel “Zerstörte Vielfalt”, und in diesem Jahr fällt unser November-Kiezspaziergang direkt auf den 9. November. Deshalb wollen wir uns heute besonders eingehend mit diesem Teil unserer Geschichte beschäftigen und entsprechende Erinnerungsorte in der City West besuchen.
Wir gehen durch die Uhlandstraße und Kantstraße zum Jüdischen Gemeindehaus an der Fasanenstraße, wo früher die große Charlottenburger Synagoge stand. Von dort werden wir durch die Fasanenstraße, Uhlandstraße und Ludwigkirchstraße zum Ludwigkirchplatz gehen.
Parallel zu unserem Kiezspaziergang veranstaltet das Kinder- und Jugendparlament Charlottenburg-Wilmersdorf heute von 14 bis 16 Uhr auf dem Olivaer Platz und dem Hochmeisterplatz eine Aktion unter dem Titel „Gelbe Bänke- Gegen das Vergessen“.
Die Mitglieder des KJP hüllen jeweils eine Bank in gelben Stoff und informieren mit Flyern über die Aktion. Der Bezirk Wilmersdorf führte als erster in Berlin im August 1937 die gelben Bänke für Juden ein. Die Kommunalverwaltung beschloss unter dem Nazi-Bezirksbürgermeister Hermann Petzke den gelben Anstrich der Bänke, um die jüdischen Wilmersdorferinnen und Wilmersdorfer mit einem Sonderplatz zu schikanieren. Ich freue mich sehr, dass die jungen Mitglieder unseres Kinder- und Jugendparlamentes mit diesen Aktionen „Gegen das Vergessen“ eintreten sich kritisch mit der Geschichte ihresBezirks auseinandersetzen.
Die Kulturprojekte Berlin GmbH und die Berliner Stolpersteine-Koordinierungsstelle haben zum Themenjahr “Zerstörte Vielfalt” ein Buch herausgegeben über die “Stolpersteine in Berlin” mit 12 Kiezspaziergängen in Berlin, darunter 2 in Charlottenburg-Wilmersdorf. Dieses Buch wird heute kostenlos an Sie verteilt. Herzlichen Dank dafür.
Ich begrüße herzlich den ver.di Ortsverein Berlin Nordwest mit seiner Vorsitzenden Anne Hansen. Die Mitglieder des Ortsvereins begleiten uns heute und wollen an 33 Stolpersteinen, an den wir vorbeikommen werden, und weiteren in der Nähe Rosen niederlegen und leuchtende Kerzen aufstellen. Ich danke Ihnen allen für diese ganz besondere Beteiligung an unserem Kiezspaziergang.
Von der Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf begrüße ich Siegfried “Sigi” Dehmel herzlich. Er ist ein exzellenter Kenner der Kiezgeschichte und kennt jeden Stolperstein und seine Hintergründe. Er wohnt in der Ludwigkirchstraße und wird uns dort die Aktivitäten der Initiative und einige Stolpersteine vorstellen. Ihm und den anderen Mitgliedern dieser Initiative haben wir es vor allem zu verdanken, dass inzwischen weit mehr als 2.000 Stolpersteine in Charlottenburg-Wilmersdorf verlegt werden konnten.
Wer regelmäßig an unseren Kiezspaziergängen teilnimmt, der kennt inzwischen viele Stolpersteine, denn es gibt kaum einen Spaziergang, bei dem wir nicht auch auf diese Steine treffen, die der Bildhauer Gunter Demnig 1996 erfunden hat. Inzwischen ist aus seinem künstlerischen Projekt eine deutschland- und sogar europaweite Bürgerbewegung geworden. Zu jedem verlegten Stolperstein gehört ein menschliches Schicksal. Wir werden heute nur auf einige wenige dieser Schicksale beispielhaft eingehen können. Auf unserer Website im Internet unter www.stolpersteine.charlottenburg-wilmersdorf.de finden Sie inzwischen zu vielen Stolpersteinen ausführliche Dokumente, Texte und Fotos. Auch diese haben wir vor allem der Stolpersteine-Initiative zu verdanken. Vielen Dank dafür.

Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen den nächsten Treffpunkt mitteilen, wie immer am zweiten Samstag, des Monats, also am 14. Dezember, um 14.00 Uhr. Jugendstadträtin Elfi Jantzen wird mich vertreten und mit Ihnen vom Heidelberger Platz zum Horst-Dohm-Eisstadion in Wilmersdorf gehen. Der Treffpunkt ist am 14. Dezember, um 14.00 Uhr auf dem Heidelberger Platz, am U-Bahn-Ausgang.

Heute wollen wir an das erinnern, was vor 75 Jahren, am 9. November 1938, hier bei uns geschah. Es ist für uns noch immer unfassbar und scheint in einer finsteren Vorzeit geschehen zu sein, aber es leben noch Menschen unter uns, die es selbst erlebt haben.

Der Titel des Berliner Gedenkjahres, “Zerstörte Vielfalt” ist gerade hier am Kurfürstendamm besonders zutreffend, denn der Kurfürstendamm verdankte seine große weltweite Popularität als Berliner Boulevard im Kaiserreich und in der Weimarer Republik vor allem auch den vielen jüdischen Geschäftsleuten, Künstlern und Mäzenen, die hier mit modernen, weltoffenen künstlerischen, kulinarischen und kommerziellen Angeboten für Aufsehen sorgten. Diese große Vielfalt und damit die Attraktivität des Boulevards wurde von den Nationalsozialisten zerstört.
Die drei Säulen zum Berliner Themenjahr “Zerstörte Vielfalt” hier auf dem Gehweg am Kurfürstendamm zeigen das eindrucksvoll. Unter dem Titel “Vielfalt als Zielscheibe” sehen Sie unter anderem Aufnahmen aus den 1920er Jahren vom Romanischen Café, von Max Reinhardt, Fritz Lang, Werner Finck, Valeska Gert und vom Theater am Kurfürstendamm hier an dieser Stelle.
Sie finden hier auch den Hinweis darauf, dass die Zerstörung der Vielfalt bereits vor 1933 begann. Schon im März 1927 inszenierte Goebbels auf dem Kurfürstendamm Straßenterror der SA gegen “jüdisch aussehende Menschen”. Im Romanischen Café wurden Gäste verprügelt und das Mobiliar zerschlagen.
11 Jahre später, in der Pogromnacht am 9. November 1938, war der Kurfürstendamm eines der Berliner Zentren der antisemitischen Gewalt.

Erich Kästner, der damals in der Roscherstraße 16 lebte und im Café Leon im Mendelsohn-Baukomplex am Lehniner Platz einen Stammplatz hatte, erlebte die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 am Kurfürstendamm. Er hat darüber geschrieben:

“In jener Nacht fuhr ich, im Taxi auf dem Heimweg, den Tauentzien und Kurfürstendamm entlang. Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen. Erst später, hörte ich am folgenden Tag, seien Barfrauen, Nachtkellner und Straßenmädchen aufgetaucht und hätten die Auslagen geplündert.
Dreimal ließ ich das Taxi halten. Dreimal wollte ich aussteigen. Dreimal trat ein Kriminalbeamter hinter einem der Bäume hervor und forderte mich energisch auf, im Auto zu bleiben und weiterzufahren.
Dreimal erklärte ich, dass ich doch wohl aussteigen könne, wann ich wolle, und das erst recht, wenn sich in aller Öffentlichkeit, gelinde ausgedrückt, Ungebührliches ereigne. Dreimal hieß es barsch: ‘Kriminalpolizei’! Dreimal wurde die Wagentür zugeschlagen. Dreimal fuhren wir weiter. Als ich zum vierten Mal halten wollte, weigerte sich der Chauffeur. ‘Es hat keinen Zweck’, sagte er ‘und außerdem ist es Widerstand gegen die Staatsgewalt!’ Er bremste erst wieder vor meiner Wohnung.”
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden in Deutschland 1.406 Synagogen angezündet und geplündert, 177 Wohnhäuser und 7.500 jüdische Geschäfte zerstört. Es gab 1.300 bis 1.500 Todesopfer, viele von ihnen starben in den Tagen danach in der Haft.
Wir wissen heute, dass die Pogromnacht “Die Katastrophe vor der Katastrophe” war, wie es in einem neuen Buch von Raphael Gross unter dem Titel “November 1938” heißt.
Am 9. November 1938 fand in Deutschland in aller Öffentlichkeit staatlich legitimiert eine Orgie der Gewalt und der Unmenschlichkeit statt. In den Jahren davor waren die Juden in Deutschland diskriminiert und entrechtet worden. In den Jahren danach wurden sie systematisch verfolgt, beraubt, vertrieben und schließlich millionenfach ermordet.

Kurfürstendamm 208/209, Kudamm-Karree, Gedenktafel

Hier ließ sich der Fabrikant, Kunstsammler und Mäzen Hugo Raussendorff 1888 auf einem großen Grundstück von dem Architekten Hans Grisebach eine schlossähnliche Villa bauen, in der er gemeinsam mit seiner Frau Antonie Raussendorff bedeutende Gemälde sammelte, die beide später einer Kunststiftung der Stadt Charlottenburg vermachten. Heute wird ein Teil davon im Museum in der Villa Oppenheim gezeigt. Die Villa wurde nach Raussendorffs Tod 1908 ebenfalls der Stadt Charlottenburg übereignet.
Bereits 1905 wurde in einem Gartenhaus auf dem Grundstück ein Ausstellungshaus der Berliner Secession errichtet. Heute erinnert eine Gedenktafel daran:
“Hier befand sich von 1905 bis 1914 das zweite Ausstellungsgelände der BERLIN SECESSION 1898 – 1932 die für Entwicklung der modernen Kunst in Deutschland
von wesentlicher Bedeutung war.”
Die Berliner Secession war eine wichtige Institution der kulturellen Avantgarde am Kurfürstendamm. Hier stellten die Maler aus, die zur kaiserlichen Kunstpolitik in Opposition standen. Kaiser Wilhelm II hatte ihre Werke als “Rinnsteinkunst” verteufelt, was eine der heftigsten Kunstdebatten der Kaiserzeit auslöste, aus der letztlich die Maler der Secession als Sieger hervorgingen.
Hier wurden Ausstellungen gezeigt von Max Liebermann, Walter Leistikow, Käthe Kollwitz, Max Beckmann, Emil Nolde, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Ernst Barlach, Claude Monet, Edouard Manet, Edvard Munch, Georg Kolbe und 1912 erstmals in Deutschland von Pablo Picasso – also nahezu von allen, die wir heute als Repräsentanten der klassischen Moderne verehren.
1915 zog die Secession um an den Kurfürstendamm 232. Hier wurde 1921 das “Theater am Kurfürstendamm” eröffnet, 1924 die “Komödie” unter Max Reinhardt.
Das Theater am Kurfürstendamm kam 1928 ebenfalls unter die Direktion von Max Reinhardt und wurde von Oskar Kaufmann an der Stelle des Vorgängerbaues neu erbaut. Der nahezu kreisrunde Zuschauerraum des Theaters am Kurfürstendamm mit in den Wänden eingeschnittenen Logen besteht im Kern noch heute.
Der jüdische Direktor Max Reinhardt war der einflussreichste Theaterregisseur des 20. Jahrhunderts. Der ungarische Jude Oskar Kaufmann zählt zu den bedeutendsten Theaterarchitekten. Er hat zahlreiche Berliner Theaterbauten erstellt, darunter das Renaissancetheater und die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Als Max Reinhardt hier 1931 “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” von Bertolt Brecht und Kurt Weill aufführte, hetzte das NS-Blatt “Der Angriff” gegen die Autoren, den Regisseur und das Publikum. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 emigrierte Max Reinhardt zunächst nach Österreich, später in die USA. Bereits im Sommer 1933 gab es in Berlin außerhalb des Jüdischen Kulturbundes keinen einzigen jüdischen Theaterdirektor mehr. Berlin verlor seine Vorrangstellung als europäische Theatermetropole.
1936 übernahm Hans Wölffer die Direktion.
Nach teilweiser Kriegszerstörung des Theaters am Kurfürstendamm wurde es nach 1945 wieder aufgebaut und diente von 1949 bis 1963 der Freien Volksbühne als Spielstätte. Danach kam das Theater wieder unter die Leitung der Familie Wölffer. Bei der Errichtung des Kudamm-Karrees 1969-74 wurde der gesamte Bau gemeinsam mit der Komödie in das neue Gebäude integriert.
Die Pläne der neuen Eigentümer und ihres Architekten Chipperfield sehen vor, dass im neuen Kudamm-Karree wieder ein Theater am Kurfürstendamm entstehen soll.

Kurfürstendamm 211: Maison de France
Das Haus wurde 1897 als Mietwohnhaus erbaut; 1927-29 im Stil der Neuen Sachlichkeit umgebaut zum “Haus Scharlachberg”. Nach den Kriegsschäden wurde es von 1948 bis 1950 durch die französische Militärregierung Berlins nach Plänen von Hans Semrau um- und teilweise neu gebaut als französisches Kulturhaus. Entstanden ist ein schmuckloser Flachdachbau mit gerundeten Ecken und geschwungenen Formen. Vor allem im Innern ist es ein wichtiges Beispiel der frühen 1950er-Jahre-Architektur. Leider hat die französische Botschaft beschlossen, diesen Kulturstandort mit dem Institut Français und dem Bureau du Théatre aufzugeben. Immerhin stehen nach wie vor das Kino Cinema Paris und die Brasserie le Paris für französische Kultur und Cuisine.

Ecke Uhlandstraße: Mosaikvase

Die große Mosaikvase wurde in den 1960er Jahren aus Mosaiken der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hergestellt und hier am Kurfürstendamm aufgestellt. In der BVV wird darüber diskutiert, die Vase auf den Breitscheidplatz zu versetzen und mit einer Informationstafel zu versehen.

Der Wiener Trinkbrunnen wurde 1994 hier aufgestellt.

Kurfürstendamm 32: “Das innere Auge”
Der ca. 1,50 m hohe und 400 kg schwere Bronzekopf der Bildhauerin Jacqueline Diffring wurde anlässlich ihres 90. Geburtstages 2010 von der Jacqueline Diffring Foundation vor dem White and Case-Haus am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße enthüllt.

Jacqueline Diffring wurde 1920 in Koblenz geboren. 1937 begann Sie ein Kunststudium an der legendären Reimann Schule in Berlin, musste aber 1939 nach England emigrieren, wo sie die britische Staatsbürgerschaft erhielt und Bildhauerei studierte. Ihr wichtigster Lehrer war Henry Moore.
White & Case ist eine der führenden internationalen Anwaltssozietäten. Sie wurde 1901 in New York gegründet und ist mittlerweile in 25 Ländern als Wirtschaftskanzlei tätig.

Uhlandstr. 182: 4 Stolpersteine

Hier wurden am 13.3.2012 vier Stolpersteine verlegt für Ella Rosenbaum, Anna Goldstrom, Ernst Lippmann und Clara Arnheim. Sie wurden in Riga, Auschwitz und Theresienstadt ermordet.
Clara Arnheim wurde 1865 in Berlin als Tochter des praktizierenden Arztes Adolf Arnheim und seiner Frau Friederike geboren. Clara Arnheim wollte Künstlerin werden und nahm Unterricht in Berlin und Paris. Sie beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen, die sie teilweise selbst mitorganisierte. Eines ihrer bevorzugten Reiseziele war die Ostseeinsel Hiddensee. Dort gründete sie in den 1920er Jahren den Hiddenseer Künstlerinnenbund, der deutschlandweit bekannt wurde. Viele Sommer verbrachte sie dort, bis sie wegen ihrer jüdischen Herkunft ein Berufs- und Reiseverbot auferlegt bekam und nicht mehr nach Hiddensee fahren durfte.
Gesundheitlich geschwächt wurde Clara Arnheim am 9. Juli 1942 zusammen mit 100 Menschen in einem Personenzug aus Berlin vom Anhalter Bahnhof ins Ghetto Theresienstadt gebracht, wo sie am 28. August ums Leben gebracht wurde. Genaueres über die Art ihres Todes ist nicht bekannt. Auch auf der Insel Hiddensee, wo sie so gerne lebte und malte, wurde ein Stolperstein zum Gedenken an sie verlegt.

Kantstr. 152: Gedenktafel für Carl von Ossietzky

Die Bronzetafel für Carl von Ossietzky an dem Haus Kantstraße 152 wurde im Oktober 1959 anlässlich des 70. Geburtstages des Friedensnobelpreisträgers enthüllt:
“IN DIESEM HAUSE WIRKTE NOBELPREISTRAEGER CARL VON OSSIETZKY
VON 1927 BIS 1933 ALS HERAUSGEBER DERWELTBUEHNEFUER RECHT FREIHEIT FRIEDEN UND VOELKERVERSTAENDIGUNG
Am 1. April 1927 zog hier die Redaktion der Weltbühne ein. 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden einige Mitarbeiter verhaftet, andere emigrierten.
Das 1891 erbaute Vorderhaus wurde in den letzten Kriegsjahren fast völlig zerstört. In den 1950er Jahren wurde die Ruine abgerissen und ein Neubau errichtet.
Die Weltbühne hatte schon eine lange Geschichte hinter sich, als sie hier einzog. Sie war 1905 zunächst als Theaterzeitschrift unter dem Titel “Schaubühne” von dem Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn gegründet worden. Von 1906 an befand sich die Redaktion in der Lietzenburger Straße 60. Zunehmend und vor allem im Verlauf des Ersten Weltkrieges erschienen auch politische Aufsätze in den kleinen roten Heften, so dass Jacobsohn schließlich 1918 den Namen änderte. In der “Weltbühne” setzten sich Autoren wie Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Martin Buber, Ernst Toller und Walter Mehring kritisch mit dem Militarismus und Rechtsextremismus in der Weimarer Republik auseinander. Nach dem Tod von Siegfried Jacobsohn 1926 übernahm Carl von Ossietzky die Redaktion.
Ende 1931 wurde er wegen Kritik an der Reichswehr zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung am 22. Dezember 1932 nahm Ossietzky seine Arbeit hier in der Kantstraße wieder auf. Auch nach Hitlers Machtübernahme lehnte er eine Emigration ab. Nach dem Reichstagsbrand wurde er am 28. Februar 1933 verhaftet und am 6. April in das KZ Sonnenburg bei Küstrin gebracht.
Viele Emigranten, darunter Willy Brandt in Skandinavien, setzten sich dafür ein, Carl von Ossietzky den Friedensnobelpreis zu verleihen, was vor allem Göring mit allen Mitteln verhindern wollte.
Schließlich erhielt Ossietzky am 23. November 1936 den Preis für 1935 zugesprochen. Göring erlaubte seine Ausreise zur feierlichen Verleihung nicht. Am 4. Mai 1938 starb Ossietzky in der Privatklinik Nordend an den Folgen schwerer Misshandlungen während seiner Haft.

Kantstr. 152: Paris Bar und Wiener Beisl
Die Paris Bar wurde von einem ehemaligen französischen Besatzungssoldaten in den frühen 1950ern gegründet, seit 1979 betrieben von den beiden Österreichern Michel Würthle und Reinald Nohal. Vor allem zur Berlinale und beim Theatertreffen ist die Paris Bar “zentraler” Künstlertreffpunkt. An den Wänden gibt es eine dicht gehängte Sammlung von Fotografien, Zeichnungen und Gemälden.
Aus der 2001 eröffneten Dependance wurde die Vienna Bar und schließlich das Wiener Beisl.

Kantstr. 153: Gedenktafel für Rudolf Diesel
Die Gedenktafel für Rudolf Diesel wurde 1988 angebracht.
“In diesem Hause wohnte und arbeitete von 1893 bis 1894 RUDOLF DIESEL 18.3.1858-29.9.1913 Ingenieur und Erfinder des Diesel-Motors”

Kantstr. 154a: 4 Stolpersteine Behar
Isaac Behar ist vor zwei Jahren im Alter von 88 Jahren gestorben. Er hat bis zuletzt als Zeitzeuge unsere Schulen besucht, um den Schülerinnen und Schülern seine Erlebnisse zu erzählen. Er hat damals mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern hier an der Ecke Fasanenstraße und Kantstraße gelebt, und er hat in seiner Autobiografie beschrieben, wie er versuchte, seine Mutter zu trösten, die am Morgen des 10. November 1938 weinte, als sie den Lichtschein der brennenden Synagoge sah. Er sagte zur ihr: “Das sind doch nur Steine.” Sie antwortete ihm: “Wenn erst einmal Steine brennen, dann brennen auch bald Menschen.”
Hier erinnern vier Stolpersteine an seine Eltern Nissim und Lea und an seine Schwestern Alegrina und Jeanne Behar. Alle vier wurden 1942 deportiert und in Riga ermordet. Isaac Behar war der einzige Überlebende der Familie.

Kantstr. 151: Kant-Dreieck
Auf dem Gelände des heutigen Kant-Dreiecks an der Kantstraße 158 befand sich von 1928 bis 1943 das Haus der zentralen jüdischen Organisationen. Zunächst hatte dort der 1922 gegründete Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden PLV hier seinen Sitz. 1933 zog die Reichsvertretung der deutschen Juden in das Gebäude ein. Präsident war der Rabbiner Leo Baeck. Dazu kamen der Jüdische Frauenbund e.V. und mehrere jüdische Wohlfahrtseinrichtungen. Von hier aus versuchte die Reichsvereinigung bzw. Reichsvertretung der deutschen Juden trotz zunehmender Diskriminierungen und Verfolgungen durch das NS-Regime die jüdische Schulverwaltung zu organisieren, Auswanderungen zu fördern und den jüdischen Auswanderern eine geeignete Ausbildung zukommen zu lassen, die jüdische Wohlfahrtspflege aufrechtzuerhalten und den jüdischen Bürgern Arbeitsplätze zu vermitteln oder zu erhalten.
Auch die anderen im Haus ansässigen Organisationen versuchten mit eigenen Mitteln, den immer mehr entrechteten und verarmten Jüdinnen und Juden zu helfen – anfangs noch beim Aufbau einer neuen kleinen Existenz, nachdem sie von ihren Arbeitgebern entlassen worden waren. Später ging es nur noch darum, die Auswanderung zu organisieren, einen Start im Ausland zu erleichtern und diejenigen zu versorgen, die trotz der katastrophalen Lebensbedingungen nicht emigrieren konnten oder wollten.
Das Palästina-Amt der Jewish Agency for Palästina, dessen Aufgabe in der Betreuung und Förderung der Auswanderung nach Palästina bestand, zog 1938 aus der Meinekestraße 10 ebenfalls in das Haus.
Im Juni 1943 schloss die Gestapo das Haus und beschlagnahmte das gesamte jüdische Vermögen.

Fasanenstr. 13: Künstlerhaus St. Lukas

Der Architekt des Theaters des Westens, Bernhard Sehring, baute 1889/90 hier an der Fasanenstraße 13 das Künstlerhaus St. Lukas als Wohn- und Atelierhaus. In dem romantischen Backsteinbau sollten Künstler zusammen leben und arbeiten.
Sehring schmückte das Haus mit Türmchen und Erkern, mit Skulpturen und Reliefs, richtete im Erdgeschoss Bildhauerateliers und unter dem Dach Malerwerkstätten ein. Neben dem Eingangstor ist der Maler Tizian zu sehen.
Namensgeber ist der Heilige Lukas, Schutzpatron der Maler und Ärzte.
Zu den Künstlern, die seinerzeit hier einzogen, gehörte Sehring selbst, der Bildhauer Max Kruse und seine Frau Käthe Kruse, die als Puppenmacherin berühmt wurde, Ernst Barlach und viele andere Künstlerinnen und Künstler.
Das Haus wurde 1987 restauriert.

Fasanenstr.79/80 Haus der Jüdischen Gemeinde
1910-1912 baute Ehrenfried Hessel hier die große Synagoge der Jüdischen Gemeinde Charlottenburg als dreischiffigen Monumentalbau mit drei Kuppeln und einem Tonnengewölbe. Stilistisch orientierte sich das Haus an frühchristlich-byzantinischen Kirchenbauten. Die Synagoge bot 2.000 Menschen Platz. Sie wurde am 26.8.1912 eingeweiht. Kaiser Wilhelm II kam zwar nicht zur Einweihung, aber er besuchte die Synagoge einige Tage danach. Es war die erste große Synagoge außerhalb des alten Berlins, und neben der Synagoge in der Oranienburger Straße war es die berühmteste in Berlin. Sie kündete vom Selbstbewusstsein des liberalen jüdischen Bürgertums: Nicht mehr versteckt im Hinterhof wie noch die wenige Jahre zuvor geweihte Synagoge in der Rykestraße, sondern als sichtbares Zeichen im Stadtbild. Von 1912 bis 1938 war Julius Galliner Gemeinderabbiner.
In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde die Synagoge angezündet und brannte aus.
Ein Charlottenburger Augenzeuge schrieb folgenden Bericht:
“Die Nacht vom 9. zum 10. November und den 10. November 1938 kann niemand aus dem Gedächtnis löschen, der die entfesselte Unterwelt aus dem Abgrund steigen sah. Mit Knüppeln und langen Stangen, johlend und lachend, brachen sie auf dem Kurfürstendamm, in seinen Nebenstraßen und in der Tauentzienstraße in die Geschäfte, Büros und Wohnungen der jüdischen Einwohner ein. Wie aus dem Boden gewachsen tauchten plötzlich Hunderte von jungen Burschen auf, die an ihrer SA-Herkunft nur durch die Schaftstiefel zu erkennen waren, verteilten sich nach einem festgelegten Plan auf beiden Seiten des Kurfürstendammes und zertrümmerten die großen Schaufenster der jüdischen Geschäfte.
Andere Trupps zogen nach der Fasanenstraße und begingen das schändlichste Werk der an Verbrechen reichen Nacht:
Sie drangen in das Gotteshaus, in die Synagoge ein und setzten sie in Brand. Hoch loderten die Flammen als, von empörten Passanten alarmiert, die Feuerwehr eintraf. Und dann geschah das Unfassbare, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt: Die Feuerwehr durfte nicht löschen, die Polizei durfte nicht den Mob verjagen! Hilflos standen die Löschmannschaften vor der brennenden Synagoge: Die SA-Männer hinderten sie am Auslegen der Schläuche, und die Polizei drehte dem schamlosen Schauspiel den Rücken.”

Der heutige Direktor des Jüdischen Museums, Michael Blumenthal, hat den 9. November 1938 als 12jähriger erlebt:
“Unser Geschäft wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 demoliert; meine Mutter ging gleich in der Früh los, um zu retten, was vielleicht noch zu retten war. Ich hatte strikte Anweisung, das Haus nicht zu verlassen. Aber ich war zu aufgeregt und musste einfach sehen, was los war.
Ich rannte den Kurfürstendamm entlang zur Synagoge in der Fasanenstraße. Überall standen Neugierige und starrten auf die unvorstellbare Verwüstung. Jedes jüdische Geschäft war demoliert worden, die Bürgersteige waren mit Glasscherben übersät, Läden waren geplündert und einige in Brand gesteckt worden. Aus Richtung der Synagoge sah man Rauchwolken aufsteigen.
Den Anblick, der mich dort erwartete, habe ich nie vergessen. Der schönste Tempel von Berlin war nur noch eine rauchende Ruine, Schutt lag auf der Straße, und die Feuerwehr sorgte bloß dafür, dass das Feuer nicht auf die benachbarten Gebäude übergriff. Eine große Menschenmenge stand hinter den Polizeiabsperrungen und schaute stumm zu. Der Anblick war sogar für ein Kind meines Alters unheimlich; ich hatte zum ersten Mal richtig Angst, machte kehrt und rannte nach Hause. Vor einigen jüdischen Geschäften versuchten die Eigentümer, Schutt und Glasscherben zusammen zu kehren.
Niemand half ihnen, die Menschen schauten hin und gingen weiter; sie schienen angesichts dessen, was sie sahen, ebenso sprachlos und verstört zu sein wie ich selbst.”
Blumenthal emigrierte 1939 zunächst nach Shanghai, dann in die USA.

1957/58 wurde die Ruine der Synagoge abgerissen. An ihrer Stelle bauten Dieter Knoblauch und Hans Heise 1958-60 das Jüdische Gemeindehaus.
Es ist eine kreuzförmige Anlage mit einem Saalbau und einem langgestrecktem Verwaltungstrakt. Der Saalbau erinnert mit drei Oberlichtkuppeln an die zerstörte Synagoge.
Am Portal vor dem Haupteingang erinnern Reste der alten Portalbekrönung an die Synagoge. Links ist eine Säule der Synagoge zu sehen. Im Vorhof wurde 1987 ein Mahnmal von Richard Hess in Form einer stilisierten Torarolle aufgestellt.
Im Foyer gibt es Gedenktafeln unter anderem für Walther Rathenau, Richard Tauber, Josef Schmidt und eine Büste von Moses Mendelssohn. Im Innenhof trägt eine Gedenkwand die Namen von 22 Ghettos, Internierungs-, Konzentrations- und Vernichtungslagern, davor brennt eine Ewige Flamme.
Hier werden Gedenkveranstaltungen abgehalten und das Kaddisch, das jüdische Trauergebet, gesprochen. Im Juli 2006 verlegte die Jüdische Gemeinde ihren Sitz in das Centrum Judaicum an der Oranienburger Straße im Bezirk Mitte. Das Gemeindehaus in der Fasanenstraße ist aber nach wie vor ein wichtiger Ort des jüdischen Lebens in Berlin.

Fasanenstraße Ecke Kurfürstendamm 27 Kempinski
1872 eröffnete Berthold Kempinski an der Friedrichstraße Ecke Taubenstraße eine Weinhandlung mit angeschlossener Probierstube. 1928 kam hier als Filiale ein Groß-Restaurant dazu. “Kempinski am Kurfürstendamm” war ein nobel ausgestattetes Speiserestaurant mit zivilen Preisen, in dem täglich 2000 Gäste bewirtet wurden. Berthold Kempinski hatte die Idee der halben Portionen zu halbem Preis, einer “Sozialisierung des Luxus”, die er in seinen zahlreichen Lokalen verwirklichte.
1937 wurden die jüdischen Besitzer enteignet und das Haus ging in sogenannten “arischen” Besitz über. Der populäre Name wurde nicht geändert.
Das heutige Hotel wurde 1951/52 von Paul Schwebes unter Beibehaltung der “runden Ecke”, die der historischen Bebauung entspricht, erbaut. Am 29.7.1952 wurde es als erstes neuerbautes Hotel in Berlin nach dem Krieg eröffnet.
1994 hat Fritz Teppich, ein Nachkomme der Familie Kempinski durchgesetzt, dass an dem Hotel eine Gedenktafel angebracht wurde. Die Messingtafel ist links neben dem Eingang zu sehen. Der Text lautet:
HIER STAND SEIT 1928 EIN KEMPINSKI-RESTAURANT. ES WAR EIN WELTWEIT BEKANNTES SYMBOL BERLINER GASTLICHKEIT. WEIL DIE BESITZER JUDEN WAREN, WURDE DIESE BERÜHMTE GASTSTÄTTE 1937 “ARISIERT”, UNTER ZWANG VERKAUFT. ANGEHÖRIGE DER FAMILIE KEMPINSKI WURDEN UMGEBRACHT, ANDERE KONNTEN FLIEHEN. DAS 1952 ERÖFFNETE BRISTOL HOTEL KEMPINSKI MÖCHTE, DASS DAS SCHICKSAL DER GRÜNDERFAMILIE
NICHT VERGESSEN

Kurfürstendamm 217 (Ecke Fasanenstraße): Nelson-Revue

Diagonal gegenüber dem Kempinski befand sich von 1921 bis 1928 die Nelson-Revue. Der überaus populäre Komponist und Theatermann Rudolf Nelson zeigte hier seine Revuen mit moderner Unterhaltungsmusik und geistvollen literarischen Texten von Walter Mehring, Kurt Tucholsky und anderen. 1926 trat hier Josephine Baker erstmals in Berlin auf. Nelson emigrierte 1933 über Zürich nach Amsterdam. Die Revue wurde von den Nationalsozialisten geschlossen und 1934 zum Astor-Kino umgebaut. Das Astor-Kino musste 2002 wegen erhöhter Mietforderungen schließen. Seither befindet sich hier ein Modegeschäft.

Die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich hat am Donnerstag, dem 10. November 1938 in ihr Tagebuch notiert:
“Um sieben Uhr früh läutet es. Vor der Tür steht Dr. Weißmann, der Rechtsanwalt und berichtet fassungslos:
‘Wie Hasen werden wir gejagt. Den halben Kurfürstendamm entlang haben sie mich laufen lassen. Judenschwein! Massenmörder! Verrecke, du Aas! mir nachgebrüllt. Mit Steinen auf mich geworfen und mit Dreckklumpen.’
Um halb zehn fahre ich in die Redaktion. Der Kurfürstendamm ist ein einziges Scherbenmeer. An der Ecke Fasanenstraße stauen sich die Menschen. Eine stumme Masse, die betreten in Richtung der Synagoge starrt, deren Kuppel von Rauchwolken verhüllt ist.”

Am 16. November schilderte der kolumbianische Botschafter in Berlin, Jaime Jaramillo Arango, der am Kurfürstendamm wohnte, dem Außenminister seines Landes, was er in der Nacht vom 9. zum 10.11.1938 erlebt hatte. Er berichtet, dass “eine Gruppe von Leuten, die mit Eisenstangen ausgerüstet war, alle großen Geschäfte, die sich in dieser Straße befanden, systematisch einschlug…
Die Zerstörung war gegen israelitisches Eigentum gerichtet, und weil ich langsam und diskret mit meinem Auto fuhr, konnte ich beobachten, wie entlang dieser Straße diese barbarischen Handlungen durchgeführt wurden. Einige der Randalierer haben die Scheiben eingeschlagen, während andere eindrangen, um die dort vorhandenen Möbel zu zerstören und die Waren auf die Straße zu werfen, wo sie … plünderten. Hier und dort an den Ecken, geschützt durch die Dunkelheit, standen einige Autos, von denen Personen mit den schwarzen Uniformen der S.S. … Anordnungen gaben und die widerliche Verwüstung leiteten. Das Spektakel, das die Hauptader Berlins zeigte, war wahrlich entsetzlich, die zerstörten Glasscheiben über den ganzen Bürgersteig verstreut, die Waren zerfetzt und im Innern der Kaufhäuser die Trümmer. So kam es, dass die Bevölkerung Berlins am nächsten Morgen der größten Demonstration von Vandalismus unserer modernen Zeiten beiwohnen musste.”

Fasanenstr. 22: Gedenktafel für Dr. Tagi Erani

2003 wurde von Exil-Iranern die Gedenktafel für Dr. Tagi Erani enthüllt. Der Text lautet:
“In diesem Hause lebte und arbeitete in den zwanziger Jahren der iranische Wissenschaftler und Antifaschist Dr. Tagi Erani 1903-1940”
Erani lernte während seines Studiums in Berlin die kommunistische Theorie kennen und wurde ein führendes Mitglied der iranischen Arbeiterbewegung. Weder in Persien unter der Schah-Regierung noch im heutigen Iran ist eine öffentliche Erinnerung an ihn möglich.

Fasanenstr. 23-25: Wintergarten-Ensemble
Vor der Jahrhundertwende zwischen 1870 und 1895 waren am Kurfürstendamm noch repräsentative Villen mit zum Teil großen Parkanlagen entstanden. Die meisten von ihnen wurden im Zuge der Kurfürstendammbebauung seit 1895 wieder abgerissen und mussten den hochherrschaftlichen Mietshäusern Platz machen, die dann unmittelbar am Kurfürstendamm entstanden. Manche allerdings konnten auch hinter der Mietshauszeile bestehen bleiben.
Zu ihnen gehören die drei Villen des Wintergarten-Ensembles, heute Literaturhaus, Käthe-Kollwitz-Museum und Villa Grisebach.
Das gesamte Wintergarten-Ensemble mit dem kleinen Skulpturengarten steht unter Denkmalschutz. Der repräsentative Wintergarten des Literaturhauses hat dem Ensemble seinen Namen gegeben.
In den 1980er Jahren wurde es von Uli Böhme wiederhergestellt und 1986 mit neuer Nutzung als erstes Literaturhaus in Deutschland eröffnet.
Das Käthe-Kollwitz-Museum befindet sich in einer 1871 als erstes Wohnhaus der Fasanenstraße errichteten Stadtvilla. Das Museum zeigt in ständiger Ausstellung das Werk von Käthe Kollwitz und Sonderausstellungen mit Arbeiten aus dem Umfeld der Künstlerin.
Die Villa Grisebach wurde 1891/92 von Hans Grisebach für sich selbst erbaut. Sie beherbergt heute die Galerie Pels-Leusden und das Auktionshaus Villa Grisebach, heute eines der weltweit führenden Auktionshäuser für deutsche Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Haus hat zwölf Repräsentanzen unter anderem in den USA, Südamerika, der Schweiz, Italien, Österreich, Großbritannien und Israel.

Fasanenstr. 72: Gedenktafel für Essad Bey
Die Tafel für den Schriftsteller Essad Bey wurde 2008 enthüllt. Sie enthält folgenden Text:
“In diesem Haus wohnte der Schriftsteller Essad Bey alias Kurban Said von 1928 bis 1930
Hier entstand sein Erstlingswerk “Öl und Blut im Orient”
“Sinnlos ist das Leben ohne Heimat.” Essad Bey
ESSAD BEY wuchs in Baku/Aserbaidschan auf. Während der Okkupation seines Heimatlandes durch die Rote Armee emigrierte er 1920 nach Europa. Er lebte von 1922 bis 1932 in Berlin und erlangte hier internationale, literarische Anerkennung. 1933 floh er vor den Nationalsozialisten nach Wien.
Seine Bücher wurden in Deutschland verboten. 1938 ging er ins italienische Exil und starb mit 36 Jahren in Positano.
Geboren: 20.10.1905 Gestorben: 27.08.1942”
Essad Bey wurde in den letzten Jahren in Deutschland wiederentdeckt. Viele seiner Bücher sind im Buchhandel wieder erhältlich, darunter “Das Mädchen vom goldenen Horn”, “Allah ist groß”, “Ali und Nino” und “Öl und Blut im Orient”. Schon in den 1920er und 30er Jahren beschrieb Essad Bey die kulturellen Konflikte zwischen christlicher und islamischer Welt, die uns heute wieder neu beschäftigen.

Fasanenstr. 69: Gedenktafel für Asta Nielsen
An dem Haus Fasanenstraße 69 erinnert eine Gedenktafel an die Schauspielerin Asta Nielsen. Die Tafel trägt das Berliner Stadtwappen und das alte Wappen des Bezirks Charlottenburg:
BERLIN Charlottenburg – eine Stadt stellt sich vor: In diesem Hause lebte von 1931-1937 ASTA NIELSEN (1881-1972)
Dänische Schauspielerin und Hauptdarstellerin in vielen Filmen der 20er und 30er Jahre
“Berühmtheit ist ein Wort im Sande”
Die Filmkarriere von Asta Nielsen endete 1927 mit dem Durchbruch des Tonfilms. 1936 zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück und verlagerte 1937 ihren Wohnsitz endgültig nach Kopenhagen. Angebote des NS-Regimes für eine Filmproduktion und eine Rückkehr nach Deutschland lehnte sie ab.

Fasanenstr. 28: Gedenktafel für Ulrich von Hassell
An dem Haus Fasanenstraße 28 hoch über der Eingangstür erinnert eine Gedenktafel an den Widerstandskämpfer Ulrich von Hassell:
“Hier wohnte von 1940 bis 1944 ULRICH VON HASSELL 12.11.1881 – 8.9.1944
ehemals deutscher Botschafter in Italien.
Im Widerstand gegen Hitlers Gewaltherrschaft gehörte er zu den führenden Männern, die den Aufstand vom 20. Juli 1944 gewagt haben. Zusammen mit Carl Goerdeler, Wilhelm Leuschner und anderen wurde von Hassell am 8. September 1944 zum Tode verurteilt und am gleichen
Tage hingerichtet.”

Fasanen-Passage

Uhlandstr. 167: Gedenktafel für Jenny und Walter Rieck

Die Berliner Gedenktafel für Jenny und Walter Rieck wurde 2007 enthüllt:
“In diesem Haus lebten Jenny Rieck 17.6.1899 – 10.12.1975 Walter Rieck 28.10.1885 – 15.11.1974 Unter größtem Risiko betreuten und versteckten sie eine jüdische Familie
und bewahrten sie damit vor der Deportation und Ermordung durch die Nationalsozialisten”
Der Pädagoge und aktive Sozialdemokrat Walter Rieck wurde im Frühjahr 1933 aus allen Ämtern entlassen. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Jenny half er der untergetauchten Jüdin Inge Deutschkron und ihrer Mutter, während des Nationalsozialismus zu überleben. Walter Rieck wurde am 7. Juli 1945 erster Stadtrat für Volksbildung in Wilmersdorf und war von 1946 bis 1951 Wilmersdorfer Bezirksbürgermeister.

Lietzenburger Str. 72: 2 Stolpersteine
Die katholische Jüdin Maria Terwiel und ihr Mann Helmut Himpel gehörten zur Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“. Beide sind in der Hinrichtungsstätte des Gefängnisses Plötzensee enthauptet worden.
Maria Terwiels Vater war der Katholik und Sozialdemokrat Johannes Terwiel, ihre jüdische Mutter hieß Rosa. Sie wurde am 7. Juni 1910 in Boppard am Rhein geboren und machte 1931 in Stettin Abitur. Wie ihr Vater wollte sie Juristin werden und begann in Freiburg ein Jurastudium, das sie in München fortsetzte. 1935 begann sie mit ihrer Doktorarbeit, die sie aber kurz danach abbrach, weil sie als „Halbjüdin“, wie die Nazis sie auf Grund ihrer Rassengesetze einstuften, keine Aussicht auf eine Referendarstelle hatte. Bis 1942 arbeitete sie als Sekretärin in einem deutsch-schweizerischen Textilunternehmen in Berlin.

Während ihres Studiums in Freiburg hatte sie sich mit dem Zahnmedizinstudenten Helmut Himpel befreundet, verlobte sich mit ihm und lebte nach ihrem Umzug nach Berlin, wo Himpel um 1937 eine Praxis eröffnete, von 1940 an mit ihm zusammen. Heiraten durften sie wegen ihrer jüdischen Abstammung, nicht.
Helmut Himpel hatte in seiner Zahnarztpraxis viele prominente Kunden als Patienten, unter anderen den Schauspieler Heinz Rühmann. Während der Nazizeit behandelte er heimlich und kostenlos jüdische Patienten.
Himpel und Terwiel kamen in Kontakt zur Gruppe von Harro Schulze-Boysen, die als „Rote Kapelle“ bezeichnet wurde. Beide nahmen an Aktionen der Gruppe teil, besonders an der Verbreitung von Schriften und der Verteilung von Flugzetteln. Beide wurden am 17. September 1942 zusammen verhaftet und vom Reichskriegsgericht als „Landesverräter“ verurteilt.
Helmut Himpel wurde am 13. Mai 1943 in Plötzensee hingerichtet. Maria Terwiel war im Frauengefängnis an der Kantstraße 79 inhaftiert, ein Gnadengesuch lehnte Adolf Hitler ab. Ihr Todesurteil wurde am 5. August in Plötzensee vollstreckt. Sie war gerade 33 Jahre alt.
Der im Prozess gegen die „Rote Kapelle“ für die Anklage und für die 56 Todesurteile mitverantwortliche Staatsanwalt Manfred Roeder wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Rechtsbeugung und Aussageerpressung angezeigt. Aber das Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde niedergeschlagen. Er wurde als aktives Mitglied der CDU mehrere Jahre stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Glashütten im Taunus.
An Maria Terwiel erinnert der Terwielsteig in der Nähe der Hinrichtungsstätte Plötzensee, in ihrer Geburtsstadt Boppard und in anderen Städten gibt es Straßen mit dem Namen Maria-Terwiel-Straße.

Uhlandstr. 162: Stolperstein

Richard Salomon wurde 1894 in Charlottenburg als Sohn einer angesehenen, alteingesessenen jüdischen Familie geboren. Nach dem Abitur 1912 studierte er Jura in Freiburg, Heidelberg und Berlin. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich sofort freiwillig, obwohl er bei der ersten Musterung wegen seiner Kurzsichtigkeit zunächst auf ein Jahr vom Militärdienst zurückgestellt worden war. Bei Gebirgskämpfen in Rumänien zog er sich schwerste Erfrierungen zu, unter deren Folgen er sein Leben lang litt. 1920 schloss er sein Jura-Studium mit der Promotion ab. Von 1923 an arbeitete er selbständig als Rechtsanwalt und ab 1931 als Notar. 1933 erteilten ihm die Nationalsozialisten Berufsverbot, wogegen er als ehemaliger Frontsoldat zunächst erfolgreich Einspruch erhob. Bis 1935 konnte er Notar, bis 1938 Rechtsanwalt bleiben. Er war der Überzeugung, dass ihm als gutem Deutschen nur ein Unrecht widerfahre, das aus der Welt zu schaffen sei.
Er dachte nicht an Emigration und wollte seine Familie nicht im Stich lassen. Aber seine Krankheit belastete ihn mehr und mehr
Seine Frau schickte schließlich ihre Tochter Ilse mit einem sogenannten Kindertransport nach Großbritannien. Dann folgte sie ihr nach England, später in die USA. Ihre ganze Verzweiflung über eine ausweglose Situation fasste sie in dem Satz zusammen: „Über Richards Schicksal darf ich gar nicht nachdenken, was soll nur aus ihm hier allein und ohne Geld werden!“ Am 5. August 1942 hatte Richards Mutter Marianne Salomon Selbstmord begangen.
Richard Salomon, der seit 1933 – zuletzt mit zwei ebenfalls deportierten Untermieterinnen, Flora Reinstein und Marta Richter – in der Uhlandstraße 162 wohnte, wurde am 14. Dezember 1942 vom Bahnhof Grunewald in einem Deportationszug mit 815 Personen nach Auschwitz deportiert. Vermutlich wurde er unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ermordet.

Ludwigkirchstraße

Die Ludwigkirchstraße erhielt ihren Namen im Jahr 1900 drei Jahre nach der Einweihung der Kirche St. Ludwig. Die Stolpersteine in der Ludwigkirchstraße wurden am 21. September dieses Jahres verlegt. Siegfried Dehmel von der Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf wird uns einige davon vorstellen.

Ludwigkirchstr. 10A: 8 Stolpersteine
Für Hedwig und Paul Maximilian Eppstein, Else Salomon, Charlotte und Georg Nomburg, Elsa Brunner, Alice Bremer, Alice David

Ludwigkirchstr. 6 und Uhlandstr. 46: 5 Stolpersteine
Vor der Galerie Zellermayer wurden 5 Stolpersteine verlegt: Oskar Franke und Frieda Helft lebten im Haus Ludwigkirchstraße 6. Theodora, Erich und Samson Tyndel lebten an der Uhlandstraße 46.
Galerie Zellermayer
Die gebürtige Iserlohnerin Carsta Zellermayer gründete 1975 ihre Galerie zunächst in Dahlem, zog 1984 an den Fasanenplatz und 1991 schließlich hierher in die Uhlandstraße Ecke Ludwigkirchstraße. Sie ist beteiligt an dem Erfolg von Künstlern wie Wolf Vostell, Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, Georg Baselitz und Jörg Immendorff.

Ludwigkirchstr. 7: 4 Stolpersteine
Für James und Herta Dresdner, Lilli und Fritz Rothschild.
Ludwigkirchstr. 8: 2 Stolpersteine
Für Willy Blochert und Eleonore Schayer.
Ludwigkirchstr. 9a: Gedenktafel für Franz Alexander
Die Glastafel für Franz Alexander ist eine der Tafeln aus der Reihe “Mit Freud in Berlin”.
“Franz Alexander “Vater” der psychoanalytischen Psychosomatik und Mitbegründer der psychoanalytischen Kriminologie. (22.01.1891 – 08.03.1964) Floh aus Ungarn und lebte von 1919 – 1930 in Berlin. Erster Ausbildungskandidat des Berliner Psychoanalytischen Instituts, dann Dozent und geschätzter Lehranalytiker.
“Es ist gut zu wissen, daß es jemanden gibt,…. in dessen Kopf meine Abstraktionen Leben gewonnen haben und weiter wachsen werden . (Freud, 23.07.1926)”

Ludwigkirchplatz
Der Ludwigkirchplatz wurde benannt bei der Grundsteinlegung für die Kirche am 29.6.1895. Der repräsentative Schmuckplatz vor der Kirche mit der malerischen Fontaine wurde 1983 nach dem historischen Vorbild gestaltet. Der Platz hinter der Kirche wurde 1989 umgestaltet. Mit den vielen Restaurants rund herum ist er einer der attraktivsten Plätze im Bezirk.
Kirche St. Ludwig
Die katholische Kirche St. Ludwig wurde 1891 als Ludwig-Windhorst-Gedächtniskirche geplant und 1896-97 von August Menken errichtet. Der Zentrumspolitiker und Ludwig Windthorst hatte den Bau der Kirche angeregt und gegen viele Widerstände durchgesetzt. Damals galt in Preußen die Regel der Kaiserin Auguste-Viktoria (“Kirchen-Juste”), dass katholische Kirchen nicht frei stehen, sondern in die Häuserfront eingebaut werden sollten, um gegenüber der evangelischen “Staatskirche” zurückgesetzt zu sein.
Der Name der Kirche bezieht sich aber auch auf den Namenspatron Windthorsts, Ludwig IX, den Heiligen, König von Frankreich 1214-1270. Er wurde 1297 heilig gesprochen. Nach einer Legende soll ein Ritter von Willmerstorff ihm während eines seiner beiden Kreuzzüge das Leben gerettet haben und als Dank dafür mit dem Wappen der Bourbonen mit den drei Lilien ausgezeichnet worden sein. Deshalb findet sich das Liliensymbol in der Kirche an vielen Stellen wieder. Es wurde von der Großstadt Wilmersdorf, später vom Bezirk Wilmersdorf und auch von dem neuen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in das Wappen übernommen.
Die Kirche ist eine neugotische dreischiffige, kreuzförmige Basilika mit roter Ziegelverblendung. Das Gebäude ist lebhaft gegliedert durch zahlreiche Anbauten und Türmchen. Einweihung war am 29.6.1897. Die Kirche wurde 1943 beschädigt, 1955 und 1961 wiederhergestellt.

Ludwigkirchpl. 2: 2 Stolpersteine
Für Rose Friede und Else Gottscho.

Ludwigkirchplatz 3-4: Stiftung Wissenschaft und Politik
Das Gebäude wurde 1901 als “Kaiserliches Aufsichtsamt für Privatversicherungen” gebaut, später Reichsaufsichtsamt für das Versicherungswesen und Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen. 2002 zog dieses nach Bonn, und seit 2002 ist hier das Deutsche Institut für Internationale Politik und Sicherheit der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Stiftung wurde 1962 in München gegründet. Sie ist eine unabhängige wissenschaftliche Einrichtung, die den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung berät, eine Art “Think Tank” (Denkfabrik) der deutschen Außenpolitik. Wegen der hohen Sicherheitsanforderungen ist ein Besuch am Samstag mit einer so großen Gruppe leider nicht möglich.

Emser Str. 39d: Gedenktafel für Edith Jacobssohn

Die Glastafel der Reihe “Mit Freud in Berlin” wurde 2005 enthüllt:
“Edith Jacobssohn (Jacobson) 10.09.1897 Haynau (Niederschlesien) – 08.12.1978 New York Ärztin und Psychoanalytikerin. Lebte von 1925 bis 1935 in Berlin.
Edith Jacobssohn unterstützte die Widerstandsgruppe “Neu Beginnen” im Kampf gegen die Nationalsozialisten und wurde im Oktober 1935 verhaftet.
1938 gelang ihr die Flucht über Prag nach New York.
Vorsitzende der New York Psychoanalytic Society (1954-1956).
Sie gilt heute als führende Theoretikerin und Klinikerin der nachfreudianischen amerikanischen Psychoanalyse.
Finanziert wurde diese Tafel von Thekla Nordwind, Ulrike May und Analystischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.”
Edith Jacobssohn entstammte einer jüdischen Ärztefamilie. Sie kam nach ihrem Medizinstudium 1925 nach Berlin, wo sie am Institut für Sexualwissenschaft ihre psychoanalytische Ausbildung begann. Ab 1932 war sie Mitglied der marxistischen Arbeitsgemeinschaft von Wilhelm Reich, mit dem sie auch an einer Sexualberatungsstelle für Jugendliche in Charlottenburg tätig war.
Obwohl sie sich ihrer Gefährdung bewusst war, entschloss sie sich 1933 gegen eine Emigration und arbeitete mit politischen Patienten der Widerstandsgruppe Neu Beginnen. 1935 wurde sie von der Gestapo verhaftet, weil sie sich weigerte, Informationen über einen Patienten preiszugeben. In einem politischen Prozess wurde sie wegen Hochverrats zu zweieinviertel Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Gefängnis schrieb sie ihre Arbeit über das weibliche Über-Ich.

Sie wurde herausgeschmuggelt und 1936 – anonym – auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Marienbad verlesen. In diesem Text kritisierte sie Sigmund Freuds Weiblichkeitstheorie. Ihrer Ansicht nach muss eine Frau ein stabiles Ich und selbständiges Über-Ich entwickeln, statt das Über-Ich des Mannes zu übernehmen. Eine zweite Arbeit der Haftzeit befasst sich mit den „Psychologischen Auswirkungen des Gefängnisaufenthaltes auf weibliche politische Gefangene“.
Im Gefängnis erkrankte Jacobssohn an Diabetes und der Basedow-Krankheit. Sie erhielt deswegen Hafturlaub. Aus dem Krankenhaus in Leipzig gelang ihr Anfang 1938 die Flucht in die Tschechoslowakei und von dort in die USA. Hier entstanden ihre Hauptwerke, durch die sie eine der bedeutendsten und international bekanntesten Vertreterinnen der Psychoanalyse wurde.

Pariser Str. 44: Gedenktafel C.V. und Philo Verlag

Die Gedenktafel an der Pariser Str.44 wurde am 8.11.1988 enthüllt:
“In diesem Hause befanden sich seit 1930 bis zu ihrem Verbot vom 9.November 1938
der 1893 gegründete C.-V. (CENTRALVEREIN DEUTSCHER STAATSBÜRGER JÜDISCHEN GLAUBENS) (Emser Straße 42) und der ihm gehörende PHILO-VERLAG
(Pariser Str. 44) Der C.-V., die größte jüdische Organisation in Deutschland, vertrat beharrlich die staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Juden. Er gehörte zu den Vorkämpfern gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus.”

Der gesamte Baukomplex zwischen Emser Straße 40-47, Düsseldorfer Straße 17-18 und Pariser Straße 44 wurde 1930 von E. Paul Hetzer gebaut und steht unter Denkmalschutz. Es ist ein typischer 20er Jahre Bau der Neuen Sachlichkeit. In den Neubau zog 1930 die größte jüdische Organisation Deutschlands mit ihrer Hauptgeschäftsstelle ein, der 1893 gegründete Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, C.-V. mit seinem Philo-Verlag.
Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens setzte sich für eine möglichst vollständige Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft ein. Mit seinen vielfältigen Publikationen versuchte er, in Deutschland über das Judentum aufzuklären und gegen Vorurteile anzukämpfen, unter anderem mit der C.-V.-Zeitung, die in hoher Auflage in ganz Deutschland erschien.

Für seine Publikationen hatte der C.-V. den Philo-Verlag gegründet und gab unter dem Titel “Anti-Anti” eine Loseblatt-Sammlung heraus, die ständig ergänzt und aktualisiert wurde. Darin wurden antisemitische Vorurteile benannt und mit sachlichen Argumenten widerlegt.
Auch nach 1933 gab man im C.V. die Hoffnung nicht auf, sondern arbeitete weiter und versuchte, Wissen an die Stelle von Vorurteilen zu setzen. 1935 erschien das “Philo-Lexikon – Handbuch des jüdischen Wissens”. Es war ein einzigartiges Nachschlagewerk zum Judentum und insbesondere zum jüdischen Leben in Deutschland.
Wir wissen heute, dass all diese Bemühungen leider nichts genützt haben. 1935 musste der C.V. sich umbenennen in “Centralverein der Juden in Deutschland”, denn “deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens” durfte es nicht mehr geben.
Nach der Pogromnacht des 9. November 1938 wurde der C.-V. und der Philo-Verlag aufgelöst und verboten, und die Büros in diesem Haus wurden geschlossen.
Die vierte, überarbeitete Auflage des “Philo-Lexikons” von 1937 wurde 45 Jahre später, 1982, im Jüdischen Verlag unverändert nachgedruckt und ist bis heute im Buchhandel erhältlich. Es erläutert noch immer verständlich und prägnant Grundbegriffe aus Religion, Tradition, Geschichte und Kulturgeschichte des Judentums. Es erschließt in sach- und personenbezogenen Stichworten die jüdische Welt von A bis Z, von ihren Anfängen bis in die Zeit der Moderne, mit besonderem Schwerpunkt auf dem deutschen Sprach- und Kulturkreis.

Emser Str. 37: Stolperstein für Cora Berliner

Am 29. Oktober wurde hier ein Stolperstein für Cora Berliner verlegt. Sie wurde 1890 in Hannover als das fünfte und jüngste Kind des jüdischen Handelsschuldirektors Manfred Berliner und dessen Ehefrau Hanna geboren, studierte Mathematik und Staats- und Sozialwissenschaften in Berlin und Heidelberg und promovierte 1916 mit Auszeichnung über das Thema “Die Organisation der jüdischen Jugend in Deutschland. Ein Beitrag zur Systematik der Jugendpflege und Jugendbewegung”. Bis 1919 arbeitete sie als Angestellte in der Stadtverwaltung von Berlin-Schöneberg, danach im Reichswirtschaftsministerium, wo sie Regierungsrätin und eine der Leiterinnen im Reichswirtschaftsamt wurde.
1930 wurde sie Professorin für Wirtschaftswissenschaften am Berufspädagogischen Institut in Berlin. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde sie 1933 aus dem Staatsdienst entlassen.
Sie arbeitete in der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, unter anderem als Leiterin der Auswanderungsabteilung, in der Lehrerfortbildung und als stellvertretende Vorsitzende im Jüdischen Frauenbund. Am 26. Juni 1942 wurde Cora Berliner zusammen mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Reichsvereinigung nach Minsk deportiert. Es gibt Hinweise, dass sie und alle mit ihr Deportierten im weißrussischen Maly Trostinez nahe Minsk ermordet wurden. Auf dem Jüdischen Friedhof in Hannover erinnert ein Gedenkstein an Cora Berliner.