188. Kiezspaziergang

Vom U-Bahnhof Olympia-Stadion zum Georg-Kolbe-Museum

Bezirksstadträtin Heike Schmitt-Schmelz und Bezirksstadtrat Arne Herz

Bildvergrößerung: 188. Kiezspaziergang Kartenskizze vom 12.08.2017
188. Kiezspaziergang Kartenskizze vom 12.08.2017
Bild: BA CW, ML

Treffpunkt: U-Bahnhof Olympiastadion, Ausgang Rositter Platz

Herzlich willkommen zu unserem 188. Kiezspaziergang. Unser Kiezspaziergang heute beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Bildhauer Georg Kolbe. Ich bin Heike Schmitt-Schmelz und im Bezirksamt für die Ressorts Jugend, Familie, Bildung, Sport und Kultur zuständig. Neben mir steht Arne Herz, Bezirksstadtrat für Bürgerdienste, Wirtschafts- und Ordnungsangelegenheiten, der heute mit mir zusammen den Kiezspaziergang führen wird. Wir gehen auf den Waldfriedhof Heerstraße und besuchen unter anderem die Grabstätten von Georg Kolbe und Loriot, kommen aber auch an weiteren Gräbern von bekannten und weniger bekannten Personen vorbei. Nachdem wir den Friedhof auf der anderen Seite wieder verlassen haben, treffen wir auf die Katholische Schule Herz Jesu, spazieren durch den Georg-Kolbe-Hain, ehe wir das Georg-Kolbe-Museum erreichen, wo uns Frau Dr. Tamaschke empfangen wird. Im Anschluss an den Spaziergang können Sie dort das Museum besuchen und als Ausklang im Garten Kaffee und Kuchen genießen.

Arne Herz und Heike Schmitt-Schmelz begrüßen die Kiezspaziergänger*innen vom Kiezspaziergang am 12.08.2017
Arne Herz und Heike Schmitt-Schmelz begrüßen die Kiezspaziergänger*innen vom Kiezspaziergang am 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Bevor wir aber beginnen, möchte ich Ihnen den Treffpunkt des nächsten Kiezspaziergangs am 9. September um 14 Uhr mitteilen, den dann wieder Bezirksbürgermeister Naumann führen wird. Der Kiezspaziergang im September beginnt am U-Bahnhof Hohenzollernplatz und wird am Prager Platz und dem Fest der Nationen enden.

Station 1: U-Bahnhof Olympiastadion

Station 1.1: Rossitter Platz / Herkunft des Namens
Der Rossitter Platz heißt seit dem 23.4.1936 nach der Stadt Rossitten im ehemaligen Ostpreußen an der Kurischen Nehrung. Heute liegt die Stadt in Russland, unweit der litauischen Grenze, und heißt Rybatschi. Die Novelle Das Majorat des aus Königsberg stammenden E. T. A. Hoffmann spielt in Rossitten.

Startpunkt U-Bahnhof Olympia-Stadion, Kiezspaziergang vom 12.08.2017
Startpunkt U-Bahnhof Olympia-Stadion, Kiezspaziergang vom 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Station 1.2: U-Bahnhof Olympia-Stadion
Auf dem U-Bahnhof Olympia-Stadion konnten am 8. Juni 1913 unter dem damaligen Namen Stadion erstmals Fahrgäste begrüßt werden, da an diesem Tag Kaiser Wilhelm II. das Deutsche Stadion eröffnete.
Die Hochbahngesellschaft, die damals die Hoch- und Untergrundlinien in Berlin betrieb, bediente den Bahnhof in den nächsten Monaten jedoch nur unregelmäßig. Nur zu Sonderveranstaltungen wie Pferderennen fuhren die Züge über den Reichskanzlerplatz (heute: Theodor-Heuss-Platz) hinaus. Die Station selbst bestand aus einem einfachen Mittelbahnsteig mit zwei Gleisen sowie einem kleinen, hölzernen Eingangsgebäude, entworfen vom Schweizer Architekten Sepp Kaiser. Den ersten regelmäßigen Betrieb gab es ab 1922, als der Bahnhof Neu-Westend zwischen den Stationen Stadion und Reichskanzlerplatz eröffnet wurde. Er war bereits 1913 konstruktionstechnisch vorbereitet worden, es wohnten aber in der Gegend nur so wenige Menschen, dass sich ein Ausbau noch nicht lohnte. Sieben Jahre später bewarb sich Berlin für die Olympischen Spiele 1936, so dass daraufhin Alfred Grenander beauftragt wurde, den Bahnhof neu zu konzeptionieren. Er entwarf ein neues Eingangsgebäude, das mit roten Klinkern versehen war. Dieses wiederum steht im rechten Winkel zu den Gleisen, für die die BVG zwei Bahnsteige errichten ließ. Gleichzeitig nahm auch ein großes, damals noch handbetriebenes Stellwerk seinen Betrieb auf, mit dem insgesamt 109 Weichen und 99 Signale bedient wurden. Das Stellwerk galt damals mit seinen 616 möglichen einzustellenden Fahrwegen als das größte elektromechanische Stellwerk seiner Bauart in ganz Europa. Im Vorfeld der Olympischen Spiele bekam der Bahnhof den Namen Reichssportfeld.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Bahnhof stark beschädigt. Am 15. Februar 1944 traf eine Luftmine das Eingangsgebäude und richtete großen Schaden an. Dennoch gehörte der Abschnitt der U-Bahn-Linie A in Richtung Ruhleben zu den bis zuletzt relativ intakten U-Bahn-Strecken. Der Betrieb wurde am 25. April 1945 eingestellt. Am 17. Mai fuhren auf dem Abschnitt Ruhleben–Kaiserdamm wieder die ersten Züge im Pendelverkehr. Dieser konnte in den nächsten Wochen und Monaten immer weiter ausgedehnt werden, sodass ab dem 15. September 1946 wieder ein durchgängiger Betrieb ohne Umsteigen zwischen Pankow und Ruhleben möglich war. Am 26. Juni 1950 wurde der Bahnhof in Olympia-Stadion umbenannt.

In Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 investierte die BVG gemeinsam mit Bund und Land ungefähr 4,5 Millionen Euro in die Sanierung des U-Bahnhofs. Die denkmalgerechte Sanierung des Bahnhofs beinhaltete unter anderem die Auffrischung des Eingangsgebäudes und die Ausstattung mit Blindenleitsystem. Weiterhin erhielt der Bahnhof zwei Aufzüge für die Barrierefreiheit. Im ehemaligen Handhebelstellwerk ist heute das U-Bahn-Museum untergebracht.

Wir gehen nun die Rominter Straße links nach oben und treffen uns auf dem Platz vor dem Olympiastadion wieder.

Station 2: Olympiastadion

Platz vor dem Olympiastadion, Kiezspaziergang 12.08.2017
Platz vor dem Olympiastadion, Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Die wenigsten wissen, dass die Geschichte dieses Stadions genau genommen 1909 anfängt. Damals wurde hier eine Galopp- und Hindernisrennbahn eröffnet und gleichzeitig ein Sportstadion für die Olympischen Spiele im Jahr 1916 geplant. Dieses wurde von Otto March erbaut und als Deutsches Stadion 1913 zum 25-jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms II eingeweiht. Seiner Bestimmung konnte es allerdings nicht dienen, denn die Olympischen Spiele von 1916 wurden wegen des Ersten Weltkrieges abgesagt. Das Sportgelände lag damals außerhalb Charlottenburgs; erst bei der Eingemeindung der Stadt im Zuge der Bildung Groß-Berlins 1920 wurde es dem neuen Bezirk Charlottenburg zugeschlagen. Als Berlin 1931, also noch während der Zeit der Weimarer Republik, erneut den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Sommerspiele erhielt, diesmal für das Jahr 1936, wurde die Söhne von Otto March, Werner und Walter March beauftragt, das Deutsche Stadion zu überarbeiten. Sie ließen es 1934 abreißen und bauten es mit Änderungen von Albert Speer. Es wurde am 1. August 1936 zur Olympiade eingeweiht.

Das Olympiastadion wurde von 2000 bis 2004 umgebaut. Entstanden ist ein Hochbau über einem ovalen Grundriss von 300 mal 230 Metern. Die Kampfbahn und der untere Zuschauerring befinden sich 15 Meter unter Bodenniveau. Das Stadion öffnet sich an der Westseite mit dem Marathontor und einer monumentalen Freitreppe zum Maifeld. Auf dem Treppenpodest steht ein bronzener Dreifuß für das Olympische Feuer. Der Haupteingang mit dem Olympischen Tor befindet sich hier auf der östlichen Seite des Stadions. Das Olympiastadion steht unter Denkmalschutz. Deshalb mussten in einem schwierigen Verfahren Kompromisse gefunden werden zwischen den Anforderungen der internationalen Sportverbände einerseits und den Auflagen des Denkmalschutzes andererseits. Das neue Dach wurde von den Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner entworfen und gilt als ein Meisterwerk der Ingenieur- und Baukunst. Der Dachkranz durfte nicht geschlossen werden, damit die Sicht durch das Marathontor auf das Maifeld und den Glockenturm nicht versperrt wird. Die komplexe Technik wurde in das Dach integriert.

Zurzeit wird neuerlich über einen Umbau des Olympiastadions diskutiert, da Hertha BSC sich ein neues Stadion wünscht. Zur Untersuchung des Ob und Wie eines Umbaus wurde wieder das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner mit einem Gutachten beauftragt. Im Gespräch sind zum Beispiel die Absenkung des Spielfelds und steilere Tribünen bis ans Spielfeld heran. Das könnte für mehr Stimmung im Stadion sorgen, meinen die Befürworter. Gegenwind kommt von dem Berliner Leichtathletik-Verband, der ebenfalls das Stadion nutzt und befürchtet ausgeschlossen zu werden. In dem Gutachten wird von Kosten in Höhe von 150 Millionen Euro gesprochen. Eigentümer des Olympia-Stadions ist das Land Berlin.

Wir gehen nun zum Friedhof Heerstraße und treffen uns vor dem Eingangstor wieder.

Station 3: Trakehner Allee 1 / Eingang Waldfriedhof Heerstraße

Station 3.1: Trakehner Allee / Herkunft des Namens
Trakehnen ist ein Dorf in Ostpreußen und spätestens jetzt ist klar, dass wir uns im ostpreußischen Viertel befinden, in dem wir auch bis zum Schluss bleiben werden; denn auch die Orte, nach denen die beiden anderen Straßen, die wir heute noch durchqueren, benannt sind, liegen in Ostpreußen. Wenn uns der Ortsname Trakehnen erst einmal nichts sagt, kommt aber spätestens bei dem Wort Trakehner ein Bild vor unsere Augen. Trakehner sind eine Pferderasse, die auf dem Preußischen Hauptgestüt in Trakehnen gezüchet wurden. Dieses Gestüt war das bedeutendste Gestüt des Deutschen Reiches und existierte von 1731 bis 1944.

Station 3.2: Waldfriedhof Heerstraße
Der Waldfriedhof Heerstraße wurde von 1921 bis 1924 angelegt. Der Name bezieht sich auf die Villenkolonie Heerstraße, für deren Bewohner dieser Friedhof ursprünglich gedacht war. Vom Verband Groß-Berlin wurde er dann aber als interkonfessioneller Friedhof auf 5 Hektar Fläche geplant. Inzwischen ist er knapp 14 Hektar groß. Er erstreckt sich terassenförmig rund um die Mulde des Sausuhlensees in einer Mischung aus Park- und Waldfriedhof. Die Gestaltung stammt von dem Charlottenburger Gartendirektor Erwin Barth.

Sausuhlensee, Kiezspaziergang 12.08.2017
Sausuhlensee, Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Der Sausuhlensee ist aus zwei kleineren Tümpeln entstanden. In den Bereichen mit starkem Gefälle passte Barth die Anlage dem Gelände an. Die Wege führen geschwungen zum Seeufer hinab. Im eher flachen Westteil des Friedhofs legte Barth ein Rondell an, auf das die meisten Wege sternförmig zulaufen. Der vorhandene Baumbestand, hauptsächlich Kiefern, wurde in die Gestaltung einbezogen und durch Neuanpflanzung von Laubbäumen ergänzt. Der Friedhof wurde am 7. Oktober 1924 eröffnet.

1937 bis 1939 wurde der Friedhof erweitert. Gleichzeitig wurde es untersagt, auf dem Friedhof Juden zu beerdigen: Die Ausgrenzung des nationalsozialistischen Regimes ging über den Tod hinaus.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, am 13. Mai 1945, wurde der Friedhof auf der östlichen Seeseite erweitert. Die Fläche wurde damals dringend benötigt, um die Kriegstoten beerdigen zu können. Hier befinden sich zwei Kriegsgräberfelder mit 1342 Kriegsopfern. Die Erweiterungsfläche wurde weniger aufwändig angelegt und ist mit den integrierten Bäumen der eigentliche Waldfriedhof.
In neuerer Zeit kamen Ruhegemeinschaftsgräber für Urnen hinzu, Baumbestattungen gibt es seit 2014.

Eingang Waldfriedhof Heerstraße, Kiezspaziergang 12.08.2017
Eingang Waldfriedhof Heerstraße, Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Station 3.3: Eingangsgebäude
Die Eingangsgebäude, vor denen wir stehen, wurden von Erich Blunck entworfen.
Sie bestanden ursprünglich aus dem noch vorhandenen Verwaltungsgebäude, der Blumenhalle hier rechts und einem Portal aus Ziegelsteinen. Portal und Blumenhalle standen sich gegenüber und wiesen gleiche Umrisse auf. Das Portal ist nicht mehr vorhanden, die Blumenhalle nur in stark veränderter Form. Das Verwaltungsgebäude im Landhausstil mit hohem Satteldach präsentiert sich aber noch weitgehend im ursprünglichen Zustand.

Erich Blunck wurde 1872 in Lübeck geboren und starb 1950 in Berlin. Er studierte an der Technischen Hochschule Charlottenburg und war dort später Hochschullehrer und 1922 ihr Rektor. 1928 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der konservativen Architektengruppe Der Block. Blunck war ein wichtiger Vertreter der Heimatschutzarchitektur. Allein zehn seiner Berliner Bauten stehen unter Denkmalschutz.

Wir gehen nun den abschüssigen Weg hinunter und treffen uns wieder vor der Trauerhalle, wo ich das Mikrofon an Herrn Herz übergebe.

Station 4: Trauerhalle

Auch die Trauerhalle wurde von Erich Blunck entworfen. Blunck entwarf einen burgartigen Ziegelbau. Auf einem Kalksteinsockel zur Nivellierung des abfallenden Geländes erhebt sich die zweistöckige Halle. Eine zweiflügelige Freitreppe führt zum Eingang. An drei Seiten der Halle ist diese in der Höhe des Eingangs mit einem Wandelgang umgeben. Darüber erheben sich auf dem annähernd quadratischen Grundriss die fast schmucklosen zehn Meter hohen Außenwände, die durch jeweils drei schmale Fenster durchbrochen wurden. Gekrönt wurde das Gebäude durch eine etwa 15 Meter hohe Dachpyramide. Trotz seiner Verbundenheit mit der Heimatschutzbewegung hat Blunck für die Trauerhalle expressionistische Elemente verwendet.

1935 wurde die Umgebung des Friedhofes für die Olympischen Spiele 1936 umgestaltet. Das Dach der Trauerhalle, das von der Hauptzufahrtsstraße zum Reichssportfeld zu sehen war, störte die nationalsozialistischen Machthaber. Diese ließen durch den Architekten Karl Schellenberg die Trauerhalle umgestalten, der wiederum den ursprünglichen Architekten Blunck zu dieser Arbeit hinzuzog. Das hohe Dach wurde durch ein flaches Zeltdach ersetzt, die Rundbögen im Umgang wurden durch Spitzbögen ersetzt, Wände und Fenster wurden schlichter gehalten. Als Schmuckelemente wurden zwischen den Bögen des Umgangs Relief-Köpfe des Bildhauers Paul Wynand angebracht. Sie stellen die verschiedenen Lebensalter und Helden der Heilsgeschichte dar. Die Trauerhalle wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1948 im Zustand von 1936 wieder aufgebaut.

2009 bis 2010 wurde die Trauerhalle denkmalgerecht saniert. Der Steinfußboden wurde in einem Nassverfahren geschliffen, sodass das wertvolle Schachbrettmuster wieder zur Geltung kommt. Die Sitzbänke wurden nach intensiver denkmalpflegerischer Recherche malermäßig instandgesetzt und im historischen Farbton lackiert.

Wir gehen nun den Weg hinten rechts hinunter, dann scharf rechts und bleiben unterhalb der Trauerhalle bei einer kleinen Gräberanordnung stehen.

Station 5: Gräber unterhalb der Trauerhalle

Station 5.1: Grab von Kläre und Erich Bloch
Kläre Bloch wurde als Klara Begall 1908 in Schmargendorf geboren und starb 1988 in Charlottenburg. Sie wurde 1930 zur ersten Taxifahrerin in Berlin. 1938 zog sie nach Charlottenburg in den Horstweg 28. Ab 1943 versteckte sie Erich Bloch, der als Kommunist von den Nazis verfolgt wurde, in ihrer Wohnung und heiratete ihn später, aber auch andere Verfolgte kamen bei ihr unter. Auch Erich Bloch ist hier bestattet.

Station 5.2: Gräber von Anneliese und Georg Groscurth
Anneliese Groscurth, geborene Plumpe, wurde 1910 in Essen geboren und starb 1996 in Charlottenburg. Georg Groscurth wurde 1904 in der Nähe von Kassel geboren und am 8. Mai 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.

Anneliese und Georg Groscurth waren beide Ärzte, die sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus engagierten. Georg Groscurth erlebte ab 1933 mit, wie seine jüdischen Kollegen ihrer Ämter enthoben wurden. Deshalb entschloss er sich zum Bruch der ärztlichen Schweigepflicht, als Rudolf Heß, sein Patient wurde. Er gab alles, was Heß ihm in seinen Konsultationen erzählte, an Widerstandsgruppen weiter, darunter zum Beispiel Pläne für neue Konzentrationslager oder den geplanten Überfall auf die Sowjetunion. Anneliese und Georg Groscurth versteckten Juden und Deserteure und schrieben, soweit es ihnen möglich war, Soldaten wehruntauglich. 1939 gründeten sie zusammen mit Robert Havemann, Herbert Richter und Paul und Margarete Rentsch eine Widerstandsgruppe gegen das Naziregime, die sich später Europäische Union nannte. Die Europäische Union versuchte durch die Vernetzung mit Widerstandsstrukturen der ausländischen Zwangsarbeiter den innerdeutschen Widerstand zu stärken. Im September 1943 wurden Mitglieder der Europäischen Union von der Gestapo festgenommen. Georg Groscurth wurde am 8. Mai 1944 mit anderen Mitgliedern der Gruppe hingerichtet.

Nach dem Krieg kehrte Anneliese Groscurth wieder nach Westend zurück und arbeitete als Ärztin im bezirklichen Gesundheitsamt. Am 9. Mai 1951 wurde sie aus dem öffentlichen Dienst entlassen, weil sie sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland engagierte. Sie wurde als Kommunistin diffamiert und ihr wurde der Reisepass entzogen, den sie erst in den 1960er-Jahren zurückerhielt. 2006 wurden Anneliese und Georg Groscurth in die Liste der Gerechten unter den Völkern der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufgenommen. In Westend trägt ein Platz ihren Namen.

Station 5.3: Grab von Jürgen Wohlrabe
Wenn wir gleich weitergehen, wird Ihnen rechts ein kleiner Obelisk auffallen. Das ist das Grab von Jürgen Wohlrabe.
An den Namen Jürgen Wohlrabe erinnern sich sicher die meisten unter Ihnen, denn er war lange Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses.
Jürgen Wohlrabe wurde 1936 in Hanau geboren und starb 1995 in Berlin. Mit 22 Jahren wurde er Mitglied der CDU. Von 1963 bis 1967 gehörte er der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg an und wurde anschließend ins Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt. Ab 1969 war er für zehn Jahre Abgeordneter im Deutschen Bundestag. In dieser Zeit galt Wohlrabe, der auch Vorsitzender der Jungen Union in Berlin war, als einer der profiliertesten Gegenspieler der Studentenbewegung um Rudi Dutschke. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er jedoch vor allem durch seine Auseinandersetzung mit Herbert Wehner bekannt.
Wohlrabe besaß die Firma Jugendfilmverleih, und ihm wird das Verdienst nachgesagt, die Kinderfilmserie Sesamstraße nach Deutschland geholt zu haben.

Station 5.4: Grab von Helene Lange / Gedenkstein Gertrud Bäumer
Ein paar Meter nach der Treppe links befindet sich das Grab von Helene Lange. Deren Grabstein gedenkt auch ihrer Freundin Gertrud Bäumer. Im Rathaus Charlottenburg sind zwei Sitzungssäle nach den beiden Frauen benannt.

Helene Lange wurde 1848 geboren und starb 1930. Sie war Pädagogin und Frauenrechtlerin und Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), einer linksliberalen Partei in der Weimarer Republik. 1887 verfasste sie eine Petition mit der Forderung, Frauen auch in Lehrgebieten zuzulassen, die bisher nur Männern vorbehalten waren.

Sie forderte eine bessere wissenschaftliche Ausbildung für Frauen und zwei Jahre später die Zulassung zum Universitätsstudium. Frauen durften allerdings erst knapp 20 Jahre später, nämlich ab 1908 an preußischen Universitäten studieren.
Zuvor hatten die Frauen die Zulassung als Gasthörerinnen erkämpft. Dieser Status ermöglichte vielen Frauen ein Studium, unter anderem zum Beispiel Gertrud Bäumer. Gertrud Bäumer, die 1873 geboren wurde, promovierte 1904 zu Goethes Satyros.
Auch Gertrud Bäumer kam über ihren Beruf als Lehrerin zur bürgerlichen Frauenbewegung. In Berlin lernte sie Helene Lange kennen, der sie sich als Assistentin anbot. Daraus entwickelte sich nicht nur eine rege gemeinsame publizistische Arbeit, sondern auch eine intensive Freundschaft, die in eine Lebensgemeinschaft mündete, die bis zu Helene Langes Tod im Jahr 1930 währte.
Lange war 1890 Mitbegründerin des allgemeinen deutschen Lehrerinnenvereins und gab ab 1893 die Zeitschrift Die Frau heraus, bei der auch Gertrud Bäumer mitarbeitete.
1919 war Gertrud Bäumer Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und Mitbegründerin der bereits erwähnten Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Zeitweise war sie deren stellvertretende Vorsitzende und hatte auch ein Reichstagsmandat inne.
1933, nachdem sie von den Nationalsozialisten ihrer politischen Ämter enthoben worden war, wandte Bäumer sich stärker historischen Studien und schriftstellerischen Arbeiten zu. In einem Brief an ihren Onkel vom 28. April 1933 ging sie auf ihre Entlassung ein:

Ich bin also mit Pension und auch unter Anrechnung meiner früheren Lehrerinnenzeit entlassen. Persönlich ist das für mich die reinlichere Lösung. Wäre ich im Amt, so müsste ich referatsmäßig jetzt z.B. die Verfügungen über die jüdischen Kinder in den Schulen machen oder die bevorstehende Verfügung für den Geschichtsunterricht, durch die alles, was seit dem Zusammenbruch geschehen ist, defamiert [i.O.] werden soll. Das wäre mir selbst auch tatsächlich unmöglich.

1939 wurde ihr verboten, öffentlich zu reden, doch sie hielt dennoch weiter Vorträge, vor allem in evangelischen Kreisen. Die Zeitschrift Die Frau gab sie trotz der Zugeständnisse, die sie an die Nazis machen musste, bis 1944 heraus. Nach dem Krieg konnte sie aber nicht mehr an ihre Arbeit anknüpfen.
Ihre Auffassung von Frauenpolitik wurde als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Sie starb 1954 und wurde in Bethel bei Bielefeld begraben.

Wir gehen nun die Treppe hinunter und wenden uns dann nach einem Blick auf den Sausuhlensee nach links.

Station 6: Gräber von Max Steinthal, Loriot und Georg Kolbe

Station 6.1: Grab von Max Steinthal
Max Steinthal wurde 1850 in Berlin geboren. Mit 16 Jahren erlangte er die Hochschulreife und begann dann eine Banklehre im Bankhaus A. Paderstein, wo er schnell Karriere machte. Schon als Zwanzigjähriger fiel er an der Berliner Börse auf, so dass er noch im selben Jahre eine Einzelprokura erhielt. Im Alter von 21 Jahren wurde er Vorstandsmitglied der Bank.

Bei einer Reise nach Sylt lernte Steinthal Hermann Wallich, neben Georg von Siemens einen der beiden Direktoren der Deutschen Bank, kennen. Dieses Zusammentreffen übte auf Wallich einen derart starken Eindruck aus, dass er anregte, Steinthal einen weiteren Direktorenposten bei der Deutschen Bank einzuräumen. Als Steinthal im Rahmen der Verhandlungen das erste Mal mit Georg von Siemens, Wallichs Direktionskollegen, zusammentraf, soll er auf Siemens’ Frage „Also Sie wollen Prokurist der Deutschen Bank werden?“ mit „Nein, nicht das, sondern ihr Direktor“ geantwortet haben. Am 15. Dezember 1873 nahm Steinthal seine Tätigkeit als Kollege von Wallich und Siemens im Vorstand der Deutschen Bank auf.
Ab etwa 1890 dehnte die Deutsche Bank ihr Geschäft auf die Finanzierung von industriellen Unternehmungen aus. Auf Anregung von Werner von Siemens stellte sich die Deutsche Bank an die Spitze eines Konsortiums, das die im Besitz der Familie Mannesmann in Remscheid befindlichen Röhrenwalzwerke in eine Aktiengesellschaft, die Deutsch-Österreichische Mannesmannröhren-Werke A.-G., mit einem Aktienkapital von 35 Millionen Goldmark überführte. Die Entwicklung der Aktiengesellschaft erfüllte jedoch nicht die Erwartungen. Steinthal übernahm daraufhin ab 1892 die Reorganisation des Werkes, ab 1896 als Aufsichtsratsvorsitzender. Außerdem ermittelte er eine Unterbilanz von 20 Millionen Goldmark aufgrund zu hoch bewerteter Patente und Produktionsanlagen. Es folgten daraufhin langwierige Gerichtsprozesse mit den Brüdern Mannesmann, die im April 1900 mit einem Vergleich abgeschlossen wurden. Im Jahre 1905/06 hatte Steinthal die Sanierung der Gesellschaft erfolgreich durchgeführt, und es kam erstmals zur Ausschüttung einer Dividende.

Den ersten Kontakt zu den Plänen bezüglich der Errichtung einer elektrischen Hoch- und Untergrundbahn in Berlin bekam Steinthal 1891, als er sich zufällig zeitgleich mit Werner von Siemens in Neapel aufhielt und sich über dessen Projekte austauschte. Im Laufe der nachfolgenden Verhandlungen beschlossen Siemens & Halske und die Deutsche Bank, für den Bau und Betrieb der Bahn eine Tochtergesellschaft zu gründen. Im Oktober 1897 wurde so mit einem Grundkapital von 12,5 Millionen Goldmark die Hochbahngesellschaft ins Leben gerufen, Steinthal übernahm den Posten des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden und rückte 1908 zum Aufsichtsratsvorsitzenden auf. Trotz zahlreicher Zweifel von dritter Seite an der Rentabilität des Unternehmens vertraute Steinthal auf die ausführlichen, sich als richtig herausstellenden Verkehrsprognosen, die Gustav Kemmann im Auftrag der Deutschen Bank erstellt hatte. So konnte die Hochbahngesellschaft von Anfang an eine Dividende ausschütten.

Nachdem die Stammstrecken der Hochbahngesellschaft eröffnet waren, stellte sich die Genehmigung neuer Linien als schwierig dar, da sich die Stadt Berlin den Ausbau des Schnellbahnnetzes selbst vorbehalten wollte. Es war Steinthals Idee, nicht weiter den vorhandenen Verkehrsströmen mit neuen Linien zu folgen, sondern den Ausbau des Schnellbahnnetzes mit der Erschließung neuer Siedlungsgebiete zu verbinden. Auf Steinthals Veranlassung hin erwarb die Deutsche Bank große unbebaute Flächen in Westend und gründete die Neu-Westend A.-G. für Grundstücksverwertung. Die Kosten für den Bau der Untergrundbahnstrecke nach Westend wurden durch die Wertsteigerung der erschlossenen Grundstücke getragen. Bis Ende 1905 war Steinthal im Vorstand der Deutschen Bank aktiv. Anschließend wechselte er in den Aufsichtsrat der Bank, dessen Vorsitz er von 1923 bis 1932 innehatte. Im Mai 1935 zog er sich aus dem Aufsichtsrat zurück, um, wie er es selbst formulierte, der Bank keine Schwierigkeiten zu machen – Steinthal war jüdischer Abstammung.
1905, zum 200-jährigen Jubiläum der Stadt Charlottenburg, stiftete Steinthal 100.000 Goldmark zum Bau der Waldschule. Max Steinthal hatte auch eine bedeutende Kunstsammlung, die in der Zeit des Nationalsozialismus verloren ging. Ein Teil wurde im Schloss Pillnitz bei Dresden wieder entdeckt. Steinthal starb 1940 neunzigjährig in einem Hotel in Lichtenberg, die Nazis hatten ihm all seinen Besitz genommen. Er wurde trotz der Schikanen hier auf dem Friedhof bestattet.

Grab von Loriot, Kiezspaziergang 12.08.2017
Grab von Loriot, Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Station 6.2: Grab von Loriot
Loriot, bürgerlich Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow, wurde 1923 in Brandenburg an der Havel geboren und starb 2011 in Ammerland am Starnberger See. Wer Loriot war, brauche ich Ihnen wahrscheinlich nicht zu erzählen, Sie alle kennen ihn aus Fernsehen, Theater und Literatur. Er hat die Bundesrepublik Deutschland von den 60er-Jahren bis zu seinem Tod mit seinem Humor, seiner Ironie und seinem Witz begleitet.

Der Künstlername Loriot ist das franzöische Wort für Pirol. Der Pirol ist das Wappentier der Familie von Bülow. In der mecklenburgischen Heimat der Familie hat sich Vogel Bülow als eine gängige Bezeichnung für den Pirol eingebürgert, weil sein Gesang teilweise mit büloo büloo umschrieben wird.

Auf dem Grab von Loriot stehen immer ein paar gelbe Quietscheenten als Erinnerung an einen seiner bekanntesten Sketche, in dem zwei Herren in der Badewanne darum streiten, ob eine gelbe Plastikente mit in die Badewanne darf oder nicht.
Hier ein paar Kostproben des Humors von Loriot:

  • Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.
  • Die Eintagsfliege wird bereits zwölf Stunden nach ihrer Geburt von ihrer Midlife-Crisis erwischt. Das muss man sich mal klarmachen!
  • Jeder Säugling sollte sich so früh wie möglich mit einem Fernsehgerät beschäftigen, denn später hat er ja auch nichts anderes…
  • Wussten Sie schon, dass die Alpen einen ganz erbärmlichen Anblick bieten, wenn man sich die Berge einmal wegdenkt?
  • Beim Fußball erkennt man das Ergebnis nach 90 Minuten, während es beim Fasching bis zu neun Monaten auf sich warten lässt.
  • Wussten Sie schon, dass der Walfisch das kleinste lebende Säugetier sein könnte, wenn er nur nicht so groß wäre?
  • Wie erst jetzt bekannt wird, stammen fast alle Ostereier von unglücklichen Hasen in Legebatterien.
  • Entschuldige, das ist mein erster Ruhestand. Ich übe noch.
  • Ich lasse mir von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wann ich ins Bett zu gehen habe.

Ein paar Schritte weiter:

Station 6.2:Grab von Georg Kolbe
Wir stehen hier am Grab von Georg Kolbe, der uns heute noch öfter beschäftigen wird. Die drei Stelen auf dem Grab wurden von J. Gobes nach einem Entwurf von Kolbe selbst geschaffen. Auf den schlanken Pfeilern ist auf der linken das Wort Terra (deutsch: Erde) eingemeißelt, auf der rechten steht Coelum (deutsch: Himmel) und in der Mitte sind drei Masken zu sehen: Morgen, Mittag und Abend, die Kolbes Frau Benjamine in den verschiedenen Lebensaltersstufen darstellen. Auch seine Frau ist hier beigesetzt. Georg Kolbe starb 1947 an den Folgen einer Krebserkrankung.

Aber nun zuerst einmal zum Leben. Er wurde 1877 in Sachsen geboren und studierte Malerei in Dresden, München und Paris. In Rom begann er im Jahr 1900 bei Louis Tuaillon mit bildhauerischen Versuchen. Louis Tuaillon kennen wir von dem Mai-Spaziergang letztes Jahr, die Skulptur Der Sieger auf dem Steubenplatz ist von ihm. 1904 zog Kolbe nach Berlin, wo er bis zu seinem Lebensende lebte. In jenem Jahr gab er die Malerei auf und wandte sich ganz der Bildhauerei zu. Kolbe wurde 1905 Mitglied der Berliner Secession. Sein wichtigster Kunsthändler war Paul Cassirer. Nach schwierigen Anfängen wurde Kolbe ab 1910 bekannter. Seine berühmteste Plastik Die Tänzerin wurde 1912 in der Berliner Secession gezeigt und anschließend von der Berliner Nationalgalerie erworben.

Anfang 1919 wurde er zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt. Zudem war er Mitglied im revolutionären Arbeitsrat für Kunst und von 1919 bis 1921 Präsident der Freien Secession Berlin.

Nach dem Tod seiner Frau, 1927, nahm er die zuvor für sein Schaffen charakteristische Bewegtheit in seinen Skulpturen zurück. Fortan dominieren ruhig stehende Figuren. In der Zeit des Nationalsozialismus blieb Kolbe in Berlin und bekam auch Aufträge. Einige seiner Werke wurden aber auch zerstört oder aus dem öffentlichen Raum entfernt. Er konnte aber an allen großen Kunstausstellungen teilnehmen. 1944 wurde Kolbe in die sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“ und in die Sonderliste „Unersetzlicher Künstler“ eingetragen, was eine Befreiung vom Kriegsdienst bedeutete.

Kolbe hat annähernd 1000 verschiedene Plastiken geschaffen, von denen eine beachtliche Zahl nicht erhalten ist. Die Zahl der Zeichnungen übersteigt 2000 Blätter. Im Georg-Kolbe-Museum werden wir nachher noch mehr über den Bildhauer hören.

Wir gehen nun noch ein paar Schritte weiter und dann rechts die Treppe hinunter bis zum See. Passen Sie auf, das Gelände ist uneben.

Station 7: Gräber rechts am Sausuhlensee

Da wir nicht an jedem bedeutenden Grab stehen bleiben können, kann ich Ihnen nur ein paar der Lebensgeschichten der hier Bestatteten erzählen.

Station 7.1: Grab von Arno Holz
Arno Holz wurde 1863 geboren und starb 1929 in Berlin. Er war Dichter und Dramatiker des Naturalismus und Impressionismus. Holz experimentierte in seiner Lyrik mit einem reimlosen Stil und gab die traditionellen Formregeln auf. Die Werke sollten vom „inneren Rhythmus“ bestimmt werden und frei von Reim und Versmaß sein. Im Jahre 1929 war Holz auf der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis, erhielt ihn aber schließlich nicht.
Hier ein Beispiel seiner Dichtkunst:

Hinter blühenden Apfelbaumzweigen
Hinter blühenden Apfelbaumzweigen
steigt
der Mond auf.

Zarte Ranken…blasse Schatten
zackt
sein Schimmer…in den Kies.

Lautlos…fliegt ein…Falter.

Ich wandle wie…trunken…durch sanftes Licht,
die
Fernen…flimmern.

Selig silbern
blitzt
Busch und Gras.

Das
Tal verblinkt…die…Welt versinkt;
Aus
weichstem Dunkel,
traumsüß flötend, schluchzend, jubelnd,
mein
Herz schwillt über,
die
Nachtigall!

Station 7.2: Grab von Felix Hollaender
Felix Hollaender wurde 1867 in Schlesien geboren und starb 1931 in Berlin. Er war Schriftsteller, Kritiker, Dramaturg und Regisseur. Schon während seines Studiums veröffentlichte Hollaender seinen ersten Roman. Von 1902 an arbeitete er mit Max Reinhardt zusammen und leitete das Deutsche Theater von 1920 bis 1923. Er wird dem Friedrichshagener Dichterkreis zugeordnet.

Station 7.3: Grab von François Haby
François Haby wurde 1861 geboren und starb 1938 in Berlin. 1880 kam Haby aus Königsberg nach Berlin und gründete einen Frisiersalon. Er war bald so erfolgreich, dass er sein Geschäft um die Fabrikation von Kosmetikprodukten erweiterte. Dazu gehörten Schönheitsmittel mit klingenden Namen wie die Bartpomade Donnerwetter – tadellos!, die Rasierseife Wach auf und das Damenshampoo Ich kann so nett sein. Berühmtestes Produkt Habys waren die Bartwichse samt Bartbinde Es ist erreicht für den Schnurrbart nach Art Kaiser Wilhelms II., dessen Enden nach oben gezwirbelt wurden und der Kaiser-Wilhelm-Aufsteiger hieß. Um das gewünschte Aussehen zu erhalten, wurde der Schnurrbart über Nacht mit der speziellen Bartbinde geschützt. 1890 wurde Haby zum Hoffriseur berufen, der jeden Morgen um 7 Uhr im Schloss zum Rasieren und Frisieren erschien und den Kaiser auch auf Staatsbesuchen begleitete.

Im Jahre 1901 ließ Haby seinen Salon in der dorotheenstädtischen Mittelstraße nach einem Entwurf Henry van de Veldes aufwändig umbauen. Grüne Marmorwaschbecken, dunkelrotes Mahagonifurnier und ein violetter Wandfries waren die bestimmenden Elemente der Einrichtung. Ungewöhnlich war es für die damalige Zeit, dass die Wasser- und Gasrohre aus Messing unverkleidet blieben. Ein Teil der Saloneinrichtung ist erhalten und befindet sich im Fundus der Stiftung Stadtmuseum Berlin.

In der Zeitschrift Die Kunst stand damals darüber [ich zitiere]:

Herr François Haby hat den klugen Einfall gehabt, seinen Friseurladen zu einer ,Sehenswürdigkeit der Residenz’ zu machen (…) Für jemanden, der jahrelang schaudernd die furchtbaren Barbierstuben mit ihrer Wartesaalatmosphäre erlebt hat, ist es ein ganz eigenes, behagliches Luxusgefühl, zu sehen, wie hier aus den an sich unästhetischen Bedürfnissen eine ästhetische Stimmung hervorgebracht ist. Man möchte wünschen, dass aus jeder Not – und das Rasieren ist eine Not – so sehr eine künstlerische Tugend gemacht würde.
Heinrich Mann hat Haby und seinen Salon in dem Roman Der Untertan verewigt.

Wir gehen nun um den Sausuhlensee herum. Kurz bevor an der gegenüberliegenden Seite des Sees die Gräber beginnen, steigt rechts ein Weg an. Wenn dieser nicht mehr weiter geht, biegen wir rechts ab und gehen in Richtung S-Bahn. Bei der nächsten Möglichkeit biegen wir nach links ab und treffen uns wieder vor der Grabstätte Rogacki.

Station 8: Gräber der Familie Rogacki, Joachim Piefke und Alexander Dehms

Station 8.1: Grabstätte der Familie Rogacki
Wir stehen hier am Grab der Familie Rogacki. Die erste Charlottenburger Aal- und Fischräucherei, wie sie offiziell heißt, kennen ja wahrscheinlich alle hier durch eigenes Probieren. 1928 eröffneten Paul und Lucia Rogacki einen Räucherwarenhandel im Wedding. 1932 zogen sie dann in die Wilmersdorfer Straße 145/146. Auch heute noch stammen 98 % der Räucherware aus eigener Produktion. Geräuchert wird über Buchenholz.

1944 zerstörte eine Bombe den Laden vollständig und 1951wurden dann auf dem Hinterhof in der Wilmersdorfer Straße wieder erste Waren verkauft. 1955 wurde das Geschäft vergrößert und das Sortiment um Wild, Geflügel und Wurst erweitert. Die Fischbraterei kam 1958 dazu, außerdem konnte man dann auch Fleisch-, Fisch- und Geflügelsalate kaufen. Ein neuerlicher Umbau erfolgte zum 50-jährigen Geschäftsjubiläum. Neu hinzu kamen die Käse- und die Brotabteilung, und für viele Berliner und Berlinerinnen ganz wichtig die Feinschmeckerstände. Heute hat der Laden etwa 1000 m² Verkaufsfläche. Der heutige Geschäftsführer ist der Enkel von Paul und Lucia Rogacki und heißt Dietmar Rogacki. Rogacki hat etwa 120 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, etwa die Hälfte ist im Verkauf beschäftigt, die andere arbeitet in der Produktion.

Station 8.2: Grab von Joachim Piefke
Im sogenannten Märchental, auf der linken Seite, wo der Hang abfällt, befindet sich das Grab von Joachim Piefke. Joachim Piefke wurde 1921 geboren und starb 1903. Eigentlich wollte er mal Reporter werden, doch sein Vater riet ihm davon ab. So fing er als Schaffner und Busfahrer bei der BVG an und arbeitete sich kontinuierlich nach oben. Stationen waren Abteilungsleiter, Direktor des Bus- und Straßenbahnbetriebs und zum Schluss Vorstandssprecher der BVG: Zwar nicht ganz, aber fast, wie Amerikas Mythos: Vom Tellerwäscher zum Millionär.

Station 8.3: Grab von Alexander Dehms
Im Märchental befindet sich auch das Grab von Alexander Dehms. Er wurde 1904 geboren und starb 1979. Er war Mitglied der SPD und von 1933 bis 1938 im Widerstand gegen das Naziregime aktiv. 1938 wurde er verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, die er bis 1945 in Brandenburg absaß. Nach dem Krieg war er zuerst in der Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung vertreten, ehe er 1951 ins Abgeordnetenhaus Berlin wechselte. Sein Schwerpunkt war die Bildungspolitik.

Wir gehen nun weiter bis zum Hauptweg, dort biegen wir rechts ab und treffen uns wieder vor der Stele der Stiftung Gedenken und Frieden.

Station 9: Gemeinschaftsgrabstätte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

Gemeinschaftsgrabstätte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Kiezspaziergang 12.08.2017
Gemeinschaftsgrabstätte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

2009 bis 2010 wurde auf dem Friedhof eine Gemeinschaftsgrabstätte des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingerichtet. Der Vertrag zwischen dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und dem Volksbund gilt erst einmal bis 2150. Was hat es damit auf sich? Mit einem Beitrag von 10.000,00 Euro kann man sich auf diesem Grabfeld bestatten lassen, es ist sowohl Urnen- als auch Erdbestattung möglich. Die Grabpflege übernimmt für 20 Jahre der Verein. Gleichzeitig unterstützt man die Jugend- und Bildungsarbeit des Vereins. Die Kosten der Beerdigung und die Grabkosten müssen aber weiterhin von den Verstorbenen bzw. seinen Angehörigen getragen werden. Die Stele aus Wesersandstein wurde von dem Bildhauer Friedrich Pohl gestaltet. Für den Bildhauer sind die Ginkgoblätter auf der Stele ein Symbol für die Beständigkeit, hier ein Zitat:

Diese ornamentale Bildsprache symbolisiert in ihrer Verschlungenheit die Erinnerung an das individuelle Leben selbst. Und die Treppe samt Tür ist ein Symbol der Hoffnung auf Transzendenz.

Wir verlassen nun auf diesem Weg den Friedhof, gehen unter der S-Bahn durch und treffen uns wieder vor der Katholischen Schule Herz Jesu. Dort übernimmt Frau Schmitt-Schmelz wieder die Führung des Spaziergangs.

Station 10: Insterburgallee 8-10

Station 10.1: Insterburgallee / Herkunft des Namens
Die Stadt Insterburg, 90 km von Kaliningrad entfernt, hat ihren Namen von dem Fluss Inster. Um 1336 errichtete der Deutsche Orden an Stelle der von ihm zerstörten Burg eine neue Festung namens Insterburg, die zum Ausgangspunkt der Feldzüge gegen Litauen wurde. Daraufhin zerstörten 40 Jahre später die Litauer die Festung. Sie wurde wieder aufgebaut und 1457 von den Polen zerstört. Der preußische Herzog Albrecht säkularisierte im Zuge der Reformation 1525 die Ordensburg und machte sie zu einem weltlichen Hauptamt. Das noch von Wildnis geprägte Umland ließ er von Litauern besiedeln. Markgraf Georg Friedrich gab dem Ort 1583 das Stadtrecht.

Wenige Jahre später, am 9. Juni 1590, vernichtete ein Brand 140 von den 149 vorhandenen Häusern. Im 17. Jahrhundert hatte die Stadt unter den ständigen Durchzügen kriegerischer Truppen von Schweden, Russen und Tataren zu leiden.

1709 raffte die Pest einen Großteil der Bevölkerung hin. Um die Stadt wieder zu beleben, veranlasste König Friedrich Wilhelm I., angeworbene Salzburger, westdeutsche und Schweizer Einwanderer anzusiedeln. 1732 wurde Trakehnen Hauptgestüt und Insterburg Landgestüt. 1809 hatte Insterburg als eine der ersten preußischen Städte eine Stadtverordnetenversammlung. Ende des 19. Jahrhunderts führten zahlreiche Eisenbahnlinien und Reichsstraßen durch Insterburg. Deshalb siedelten sich viele Industriebetriebe an: Maschinenfabriken, Eisengießereien und eine Flachsspinnerei. Im Kaiserreich war Insterburg vor allem eine Garnisonsstadt der preußischen Armee. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging Ostpreußen an die Sowjetunion, die verbliebene deutsche Bevölkerung wurde ausgewiesen. Heute heißt Insterburg Tschernjachowsk nach einem sowjetischen General.

Seit der Auflösung der Sowjetunion und dem Beitritt der Nachbarländer in die EU liegt Tschernjachowsk in einer russischen Exklave.

Katholische Schule Herz Jesu, Kiezspaziergang 12.08.2017
Katholische Schule Herz Jesu, Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Station 10.2: Insterburgallee 8-10 / Katholische Schule Herz Jesu
Wir müssen in die Höhle des Löwen gehen, schrieben die Ordensschwestern vom Sacré-Coeur oder auf Deutsch dem Heiligsten Herzen Jesu, als sie sich entschlossen, 1937 in das nationalsozialistische Berlin zu gehen. Sie gründeten dort ein Wohnheim für studierende und berufstätige Mädchen, aus der eine private internationale Schule, vor allem für Diplomatenkinder, entstand.

1941 wurde das Gelände im Grunewald beschlagnahmt und den Studierenden gekündigt. Doch bereits acht Tage nach der Kapitulation nahmen die Ordensfrauen den Unterricht im Gemeindesaal der Pfarrei Heilig Geist mit 43 Jungen und Mädchen zwischen 5 und 12 Jahren wieder auf. Während der Berliner Blockade 1948 – 1949 erhöhte sich die Anzahl der Schüler auf 360.

In der Festschrift zur Einweihung des Neubaus am 26. September 2008 steht, dass in jener Zeit viele Familien sehr arm gewesen seien und für sie eine warme und saubere Schule sehr wichtig war. Die behördliche Schulspeisung wurde um Spenden aus dem Ausland ergänzt. Aus Platzmangel wurde in zwei Schichten unterrichtet. Pro Klasse gab es fast 50 Schüler und Schülerinnen. Teilweise mussten sie sich ein Buch teilen. Die Schülerzahl wuchs weiter und man suchte neue Räume. Im Juni 1948 kauften die Ordensschwestern das beeindruckende Haus Lewin vor uns. Es war 1923 von Wilhelm Brückner erbaut worden. 1950/51 errichtete der Architekt J. Remmert einen mit Stahlstützen verstärkten zwei- bis dreigeschossigen verputzten Erweiterungsbau. 1958/59 kam ein viergeschossiger Bau dazu. Inzwischen gab es die sechsjährige Grundschule und die anschließende vierjährige Realschule, die damals noch Technische Oberschule hieß. 1956 wurde die Schule staatlich anerkannt. 1972 wurde die Realschule geschlossen und der Unterricht wurde von der Liebfrauenschule am Theodor Heuß Platz übernommen. Jetzt ist die Herz-Jesu-Schule eine sechsjährige Grundschule für Jungen und Mädchen und die einzige katholische Grundschule in Charlottenburg. Die katholische Schule in Wilmersdorf gehört zur Gemeinde Sankt Ludwig. Anfang der 00er-Jahre stand die Schule kurz vor dem Aus. Eine Schließung konnte dann durch großzügige Spenden verhindert werden. Zudem gab es für Um- und Anbauten Mittel der Deutschen Klassenlotterie über 3 Mio. Euro. Im Schuljahr 2008/2009 waren dann die Gebäude fertig. Da es ja eine katholische Schule ist, wird Wert auf die Einbeziehung des katholischen Glaubens in den Schulalltag gelegt. So gibt es Morgen- und Tischgebete, und das Schuljahr wird durch das Kirchenjahr mit seinen Feierlichkeiten geprägt.

Wir gehen nun weiter, biegen rechts in die Sensburger Allee und treffen uns wieder am Georg-Kolbe Hain vor der Skulptur Große Kniende wieder.

Station 11: Georg-Kolbe-Hain

Station 11.1: Sensburger Allee / Herkunft des Namens
Die Stadt Sensburg oder heute Mragowo liegt etwa 60 Kilometer östlich der Stadt Allenstein (polnisch: Olsztyn) am Rand der Masurischen Seenplatte im früheren Ostpreußen. Um 1348 errichtete der Deutsche Orden dort eine hölzerne Burg mit dem Namen Sensburg. Im 15. Jahrhundert erhielt der Ort um die Burg das Stadtrecht. Die Lebensgrundlage für den Ort lieferten vor allem die umliegenden Wälder sowie die Landwirtschaft. Während des 16. und 17. Jahrhunderts zerstörten mehrfach Brände die Stadt. 1657 gab es eine Pest- und von 1708 bis 1711 eine Cholera-Epidemie. Während der Napoleonischen Kriege mit Russland wurde der Ort abermals zerstört. Im Januar 1945 wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen und im Mai 1945 unter polnische Verwaltung gestellt. 1947 wurde die Stadt umbenannt. Sie heißt jetzt Mragowo, nach dem evangelischen Pfarrer und Sprachforscher Christoph Cölestin Mrongovius, der von 1764 bis 1855 gelebt hat. Heute ist die Stadt mit ihrer Umgebung ein beliebtes Touristenziel.

Georg-Kolbe-Hain, Skulptur Große Kniende, Kiezspaziergang 12.08.2017
Georg-Kolbe-Hain, Skulptur Große Kniende, Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Station 11.2: Georg-Kolbe-Hain / Große Kniende
Der Georg-Kolbe-Hain wurde ab 1915 auf einem von der Bebauung ausgesparten Forststreifen errichtet. Richard Köhler gestaltete ihn 1921 als öffentliche Anlage, 1929 wurde sie durch den Gartendirektor Felix Buch zum Heidepark umgestaltet. Den Namen Georg-Kolbe-Hain erhielt sie 1957.

1959 und 1961 bis 1964 wurden hier insgesamt fünf überlebensgroße Bronzeskulpturen von Georg Kolbe aufgestellt. Es sind Erstgüsse nach hinterlassenen Gipsmodellen, die im Georg-Kolbe-Museum stehen. Sie wurden alle während der Zeit des Nationalsozialismus entworfen und erst nach dem Tod des Künstlers von der Gießerei Noack gegossen. Die Gießerei Noack kennen Sie ja von dem Kiezspaziergang letztes Jahr im Juli.

Vor uns sehen wir die Skulptur Große Kniende, die 1942 von Kolbe geschaffen wurde.

Wir machen jetzt einen kleinen Rundweg durch den Georg-Kolbe-Hain.

Station 12: Dyonisos

Die Plastik hier heißt Dionysos. Sie entstand zwischen 1931 und 1936. Dyonisos ist der griechische Gott des Weines, der Freude und der Ekstase. Sowohl die Griechen als auch die Römer nannten ihn auch Bacchus (deutsch: Rufer), da sein Gefolge sehr lautstark war.

Station 13: Ruhende Frau

Die dritte Plastik heißt Ruhende Frau und wurde zwischen 1931 und 1941 geschaffen.

Wir verlassen den Georg-Kolbe-Hain da, wo wir ihn betreten haben, gehen die Straße zurück und treffen uns wieder im Georg-Kolbe-Museum, und zwar auf dem Plätzchen vor dem Atelierhaus.

Station 14: Georg-Kolbe-Atelierhaus

Georg-Kolbe-Atelierhaus, Kiezspaziergang 12.08.2017
Georg-Kolbe-Atelierhaus, Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Ich begrüße ganz herzlich Frau Dr. Tamaschke unter uns. Sie wird uns gleich mehr zu Georg Kolbe und seiner Kunst sagen. Zuvor aber noch etwas zum Atelierhaus:

Das Atelierhaus wurde von dem Schweizer Architekten Ernst Rentsch von 1928 bis 1929 erbaut. Kurz danach wurde das Nachbarhaus für Kolbes Tochter errichtet, wo sich heute das Café K befindet. Auffallend an dem Atelierhaus sind die Ziegelbauweise, die ineinander übergehenden, von Tageslicht durchfluteten Räume, die Dachterrasse und der Skulpturenhof und -garten mit seinen Kiefern und Laubbäumen. Dazu schrieb der Architekt:

[Dort] befindet sich die Hauptwerkstatt […] mit großem Oberlicht. Die Wände sind unterbrochen durch hohe breite Fenster, um alle im Raume stehenden Werke mit der äußeren Natur in Beziehung zu bringen.

Und beim Einzug schrieb Kolbe an die Bildhauerin Ottilie Schäfer:

Die Ateliers sind viel zu schön geworden. Dass ich nur Kraft genug haben möge, sie würdig zu füllen, das ist meine Sorge.

Kolbe bewohnte das Haus bis zu seinem Tode 1947. In seinem Testament bestimmte Kolbe, dass sein Werk in seinem Atelierhaus öffentlich zugänglich sein solle. Kolbes Nachlass umfasste 200 Plastiken, über 1000 Zeichnungen, Gipsmodelle und seinen schriftlichen Nachlass. Aus seinem Nachlass ging 1949 eine Stiftung hervor, die 1950 das Georg-Kolbe-Museum eröffnete. Dieses konnte bis zum Ende der 1960er Jahre die ursprüngliche Atelier-Atmosphäre des Hauses erhalten. Ab 1969 wurde das Atelier als ein Ausstellungshaus genutzt. Seit 1978 erhält das Museum Subventionen des Landes Berlin. Eine Bedingung dafür war, dass das Haus nicht nur einen einzigen Künstler präsentiert. Es kam zu Neuerwerbungen von Künstlern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellungstätigkeit, die sich im Wesentlichen auf Werke der Bildhauerei beschränkt, wurde intensiviert. Dies hat zur Folge, dass sich der Besucherzuspruch ungefähr verzwanzigfacht hat. Die Architektengruppe AGP (Heidenreich, Meier, Polensky, Zeumer) schuf 1996 einen Erweiterungsbau mit zwei Untergeschossen, einem Ausstellungsraum, einem Depot und direkter Anbindung zum Atelierhaus. Die Ausstellungsfläche wurde dadurch mehr als verdoppelt. Zwischen Herbst 2015 und Sommer 2016 wurde das historische Bildhaueratelier unter der Leitung von Winfried Brenne Architekten und mit Mitteln der Deutschen Klassenlotterie Berlin saniert. Seit der Sanierung ist das Esszimmer mit Originalmöbeln Georg Kolbes, das jetzt als Museumsshop genutzt wird, für die Öffentlichkeit zugänglich.

Arne Herz, Heike Schmitt-Schmelz und Frau Dr. Tamaschke, Kiezspaziergang 12.08.2017
Arne Herz, Heike Schmitt-Schmelz und Frau Dr. Tamaschke, Kiezspaziergang 12.08.2017
Bild: BA-CW, ML

Nun möchte ich aber Frau Dr. Tamaschke das Mikrofon geben, die uns sicher noch viel Interessantes sagen kann:

Vielen Dank, Frau Dr. Tamaschke!

Hier endet unser Kiezspaziergang. Ich möchte Sie noch einmal an den nächsten Kiezspaziergang im September erinnern, der wieder von Bezirksbürgermeister Naumann geführt wird. Er beginnt am Samstag, den 9. September, um 14 Uhr. Treffpunkt ist der U-Bahnhof Hohenzollernplatz. Der Spaziergang führt zum Prager Platz, wo an dem Samstag das Fest der Nationen stattfindet. Mir bleibt nur noch, Ihnen allen einen spannenden Museumsbesuch und vielleicht noch einen entspannten Kaffee im Museums-Café Café K zu wünschen. Auf Wiedersehen! Bis zum nächsten Mal!