175. Kiezspaziergang

Vom Luisenfriedhof I zum Drachenbootrennen

Bezirksstadtrat Marc Schulte

Bildvergrößerung: Kartenskizze Kiezspaziergang am 09.07.2016
Kartenskizze Kiezspaziergang am 09.07.2016 Bild: BA, ML

Treffpunkt: Luisenfriedhof I, Bus 101
Länge : ca. 1,3 km

Herzlich willkommen zu unserem 175. Kiezspaziergang, ein Jubiläumsspaziergang. Ich freue mich, dass heute zahlreiche Politiker und Politikerinnen mit dabei sind. Ich begrüße meinen Kollegen Bezirksstadtrat Engelmann, die Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung Frau Stückler, die Stellvertretende Vorsitzende der Bezirksverordnetenversammlung Frau Hansen, den Abgeordneten Herrn Krüger, die Bezirksverordneten Herrn Herz, Frau Schmitt-Schmelz und Herrn Tillinger. Unser Spaziergang führt uns durch das alte Dorf Lietzow zur Caprivibrücke. Dort findet auf der Spree zwischen Röntgen- und Caprivibrücke seit 11 Uhr das 5. Drachenbootrennen statt. Um 18 Uhr werde ich dort die Sieger ehren. Nach dem Besuch des Luisenkirchhofs werden wir an der Evangelischen Schule Charlottenburg vorbei auf den alten Dorfanger gehen. Seit 1960 steht dort die neue evangelische Kirche Alt-Lietzow. Auf der anderen Seite steht die ehemalige Feuerwache, in der heute der Malteser Hilfsdienst residiert. Die gegenüberliegende Villa Kogge ist bei Brautpaaren für ihre Eheschließung sehr beliebt und hat eine lange Geschichte. Ein Stückchen weiter steht rechts die katholische Herz-Jesu-Kirche. Dort empfängt uns Prof. Dr. Samerski und erzählt uns Einiges zur Geschichte der Kirche. Vor dem Drachenbootrennen gibt es noch einen weiteren Höhepunkt. Frau Cornelia Schmidt-Bleek wird uns die noch im Bau befindliche Bildgießerei Hermann Noack vorstellen.

Bevor wir mit unserem Jubiläumsspaziergang beginnen, möchte ich Ihnen den Treff- und Zeitpunkt des nächsten Kiezspaziergangs mitteilen, dann wieder mit dem Bezirksbürgermeister. Treffpunkt ist am nordwestlichen Ausgang des U-Bahnhofs Bundesplatz vor dem Wirtshaus zum Nußbaum, Bundesplatz 5, am Samstag, den 13. August, um 14 Uhr. Der Spaziergang führt über die Wohnanlage des Beamten-Wohnungsvereins, die Vaterunser-Kirche, die Theaterschule Goldoni zum Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz.

Station 1: Guerickestraße 5-9 / Luisenkirchhof I

In Charlottenburg gibt es drei Luisenfriedhöfe, die nach der legendären Königin Luise von Preußen benannt sind. Königin Luise wurde als Prinzessin zu Mecklenburg-Strelitz 1776 geboren und starb bereits 1810.

Wir stehen hier auf dem ältesten der Luisenfriedhöfe mit der Nummer I. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die beiden in der Nähe der Kirchen liegenden Begräbnisstätten aus hygienischen Gründen aufgegeben, und 1815 dieser neue Friedhof östlich des alten Dorfes Lützow, also damals etwas außerhalb, angelegt. Der Charlottenburger Bürgermeister Otto Ferdinand Sydow beauftragte mit der Planung den Königlichen Hofgärtner George Steiner, einen unehelichen Sohn Friedrich Wilhelms II und der Gastwirtstochter Mieke Puhlmann. Steiner legte auf der ehemaligen Ackerfläche einen Parkfriedhof an, bei dem er landschaftliche Elemente mit Kreisen und Ellipsen verband. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Hinten rechts gibt es noch ein Rondell mit weißen Rosen, das an die ehemalige Anlage erinnert. In den 1880er Jahren erreichte die Bebauung von Charlottenburg den Friedhof und 1884 wurde er entsprechend dem Allgemeinen Preußischen Landrecht geschlossen. Hiervon nicht betroffen waren die Inhaber bereits reservierter Grabstellen und von Erbbegräbnissen. Als Ersatz dienten der 1867 eröffnete Luisenfriedhof II und der 1891 eröffnete Luisenfriedhof III.

Nach der Legalisierung der Feuerbestattung in Preußen wurde der Friedhof 1926 ausschließlich für Feuerbestattungen wieder geöffnet und ein Urnenhain angelegt. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er wegen der vielen Toten durch die Bombenangriffe wieder in Betrieb genommen werden. Auch der Friedhof wurde bei den Angriffen stark beschädigt. Es gibt zwei Anlagen für 240 Kriegstote. Fast alle starben zwischen dem 25.4. und dem 4.5.1945.

Im Laufe der Jahre musste der Kirchhof einen Teil seines Geländes an das ehemalige Kaiserin-Augusta-Gymnasium (heute: Ludwig-Cauer-Grundschule) in der Cauerstraße und an die Evangelische Schule Charlottenburg abtreten, so dass nur noch ein Teil des Friedhofes erhalten ist. Teile der Gräber, wie z.B. das von Werner von Siemens und Familie, wurden nach Stahnsdorf umgebettet. Nichtsdestotrotz lohnt ein Besuch des Friedhofes, den wir heute ja nicht in Gänze besichtigen können. Zahlreiche alteingesessene Charlottenburger Familien sind hier bestattet. Auch der Chronist von Charlottenburg, der Pfarrer Johann Christian Gottfried Dressel wurde hier bestattet, sein Grab ist allerdings nicht mehr erhalten.

Hier rechts an der Friedhofmauer ist das Mausoleum von Christian Friedrich Münchhoff, einem Amtmann, der 1876 verstarb. Es wurde 1862 im spätklassizistischen Stil gebaut. 2006 wurde es restauriert und zu einem Kolumbarium umgebaut.

Links an der Mauer befinden sich drei wichtige Gräber, zu denen wir nun gehen:

Zuerst das Ehrengrab des Bürgermeisters von Charlottenburg Otto Ferdinand Sydow, der von 1754 bis 1818 gelebt hat und ab 1796 Bürgermeister war. Er war es, der George Steiner mit der Planung des Kirchhofes beauftragte.

Daneben befindet sich das Grab von François Collignon, einem berühmten Koch, des 19. Jahrhunderts. Und ganz links das Grab der Familie Ernst und Sophie March, Eigentümer der berühmten Tonfabrik auf dem heutigen Campus der TU Berlin. Ernst March war auch Stadtverordneter in Charlottenburg. Ihr Sohn Otto und ihr Enkel Werner waren bedeutende Architekten, die uns schon mehrfach bei Kiezspaziergängen begegnet sind. Das Grab ist im neogotischen Stil aus Ziegelstein errichtet. Der Terrakottaschmuck stammt aus der eigenen Fabrik. Leider sind Teile davon verloren gegangen.

Erwähnen möchte ich noch das Mausoleum von Ida von Blücher, das an der östlichen Kirchhofmauer steht. Allerdings ist es zu klein, als dass wir alle zusammen hineingehen könnten. Es ist sicher das schönste Mausoleum auf dem Friedhof. Es ist mit Marmor ausgekleidet und hat eine Kuppel aus Goldmosaik. Der Sarg ist ebenfalls aus Marmor. Das Mausoleum wurde von ihrem Neffen, dem Architekten Paul Wittig, errichtet.

Ein Spaziergang auf dem Friedhof lohnt sich sicher, man kann bei dem Friedhofsgärtnern auch einen Friedhofsführer erhalten.

Wir verlassen nun den Friedhof und gehen links zum Eingang der Evangelischen Schule Charlottenburg.

Station 2: Guerickestraße 4-6

Station 2.1: Guerickestraße / Herkunft des Namens
Als erstes nun ein paar Informationen zur Guerickestraße. Sie verläuft von der Marchstraße bis Alt-Lietzow und trägt ihren Namen seit dem 17.8.1899. Namensgeber ist Otto von Guericke. Otto von Guericke wurde 1602 in Magdeburg geboren und starb 1686 in Hamburg. Er war Politiker, Jurist, Physiker und vor allem Erfinder. Seine wissenschaftliche Hauptleistung ist die Begründung der Vakuumtechnik. In seinen Experimenten konnte er z.B. nachweisen, dass Licht den luftleeren Raum durchdringt, aber nicht der Schall. Sein bekanntestes Experiment sind die Magdeburger Halbkugeln. 1657 legte er zwei große Halbkugeln aus Kupfer mittels einer Dichtung zusammen und pumpte die Luft aus dem Inneren heraus. Anschließend wurden vor jede Halbkugel nacheinander acht Pferde gespannt, die sie auseinanderreißen sollten, was aber nicht gelang. Als die Kugeln wieder mit Luft gefüllt wurden, fielen sie von allein auseinander. Bei einem anderen Versuch hatte Guericke einen Zylinder mit beweglichem Kolben aufstellen lassen. An dem Kolben wurde ein Seil befestigt, welches über eine Umlenkrolle lief und von 50 Männern festgehalten wurde. Als Guericke die Luft aus dem Zylinder absaugte, konnten die Männer den Kolben nicht am Absinken hindern, da der atmosphärische Luftdruck gegen ein Vakuum stärker war. Das war die folgenreiche Erfindung der Hebemaschine. Guericke war auch Wegbereiter der Meteorologie. Er baute z.B. am Magdeburger Rathaus ein Barometer zur Wettervorhersage.

Station 2.2: Evangelische Schule Charlottenburg
Wir stehen hier vor der Evangelischen Schule Charlottenburg. Sie ist eine staatlich anerkannte Schule in kirchlicher Trägerschaft. Rahmenpläne, Abschlüsse und Zeugnisse entsprechen denen der staatlichen Schulen. Die Schule umfasst eine Grundschule mit Ganztagsbetreuung und eine Integrierte Sekundarschule. Evangelische Religion ist verbindliches Unterrichtsfach. Christliche Feste werden besonders gefeiert.

Die Schule wurde 1948 als private Grund- und Oberschule von der Evangelischen Kirche gegründet und zunächst im Gemeindehaus der Luisenkirche am Gierkeplatz untergebracht. 1951 zog sie mit 300 Schülerinnen und Schülern in das wieder aufgebaute Gemeindehaus der Kirche Alt-Lietzow um. 1969 bis 1973 wurde das neue Schulgebäude nach Plänen von Gerd Neumann, Dietmar Grötzebach und Günter Plessow erbaut. Die dreigliedrige Anlage besteht aus einem fünfgeschossigen und einem sechsgeschossigen Klassentrakt. Dazwischen bzw. quer dazu befinden sich die Aula, der Turnhallenflügel und ein Lichthof.

Wir gehen nun weiter zur Kirche Alt-Lietzow.

Station 3: Vor der Kirche Alt-Lietzow

Station 3.1: Loschmidt-Berufsschule
Links sehen Sie in der Loschmidtstraße 19 die Loschmidt-Berufsschule mit Gebäudeteilen aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Die ältesten Teile der Schule wurden 1873 für das Sophie-Charlotte-Lyzeum gebaut. 1922 zog die Berufsschule für Metallarbeiter ein. 1935/36 kam ein viergeschossiger verputzter Erweiterungsbau dazu und 1956/57 ein weiterer Anbau. Ihren Namen erhielt die Schule 1967 nach dem Physiker und Chemiker Joseph Loschmidt. Loschmidt forschte auf den Gebieten der Thermodynamik, Elektrodynamik und Optik. 1978 wurde die Schule zur Berufsschule mit sonderpädagogischer Aufgaben. Es werden Auszubildende und junge Menschen, die beim Start ins Berufsleben benachteiligt sind, mit innovativen Methoden auf das Arbeitsleben vorbereitet oder in unterschiedlichen Berufen ausgebildet. Es gibt Klassen für Metallbearbeitung, Elektrotechnik, Holzbearbeitung, Textilverarbeitung, Glaser- und Friseurhandwerk, Hauswirtschaft und Ernährung. Fast die Hälfte des Unterrichts findet in den gut ausgestatteten Werkstätten statt. In der Schule gibt es Schülerfirmen, in denen die Berufswirklichkeit erprobt werden kann, z.B. ein Bistro für das Frühstück und Mittagessen für Schüler*innen und Lehrer*innen, eine Cateringfirma und eine Fahrradwerkstatt. Die Schule pflegt eine Schulpartnerschaft mit der polnischen Stadt Olsztyn (sprich: Olschtin, deutsch: Allenstein).

Station 3.2: Evangelische Kirche Alt Lietzow
Seit 1541 steht auf dem Dorfanger Alt-Lietzow eine Kirche. Das heutige Kirchengebäude ist bereits der fünfte Kirchenbau. Die ursprünglich auf dem Anger stehende mittelalterliche Feldsteinkirche wurde 1740 durch einen Neubau ersetzt, der 1846–1856 von Friedrich August Stüler umgebaut wurde. Diese Kirche musste 1910 einem neobarocken Neubau nach den Plänen von Jürgen Kröger weichen. Am 22. November 1943 wurde die Kirche zerstört. Seit 1961 steht hier als Nachfolgegebäude die Evangelische Kirche Alt-Lietzow. Sie wurde von Ludolf von Walthausen in Form eines zeltartigen Saalbau mit freistehendem Glockenturm entworfen. Zusammen mit dem Gemeindesaal und weiteren Bauteilen bildet sie eine unregelmäßige Vierflügelanlage. Die Kirche gehört zur evangelischen Luisengemeinde.

Wir gehen nun weiter auf dem Dorfanger bis zu dem Denkmal für die Gefallenen am anderen Ende.

Station 4: Dorfanger Alt-Lietzow

Station 4.1: Denkmal
Das Denkmal wurde von 1873 bis 1875 für die Gefallenen der drei sogenannten Einigungskriege vor der Reichsgründung im 19. Jahrhunderts gebaut. Es zeigt einen Löwen auf einem Podest. Der Entwurf stammt von Hubert Stier, die Ausführung vom Bildhauer Albert Wolff.

Auf der einen Seite steht:

In den glorreichen Kämpfen
für König und Vaterland
1864, 1866, 1870-71
gefallenen Kriegern
dieser Stadt.
Die Bürgerschaft Charlottenburgs

1864 fand der Deutsch-Dänische Krieg statt. Auf der einen Seite stand Dänemark und auf der anderen Preußen und Österreich. Es ging um die nationale Zugehörigkeit des Herzogtums Schleswig.
1866 fand der Preußisch-Deutsche Krieg statt zwischen dem Deutschen Bund unter der Führung des Bundesstaates Österreich einerseits und dem Bundesstaat Preußen sowie dessen Verbündeten andererseits. Der Sieg Preußens und seiner Verbündeten hatte die Auflösung des Deutschen Bundes zur Folge. An seine Stelle trat der Norddeutsche Bund unter preußischer Führung. Dies war die Vorstufe des 1871 gegründeten Deutschen Reichs und die sogenannte kleindeutsche Lösung. Die großdeutsche Lösung hätte den gesamten deutschen Sprachraum umfasst.

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Noch während seines Verlaufs traten Baden, Bayern, Württemberg und Hessen-Darmstadt dem Norddeutschen Bund bei, der sich mit Wirkung vom 1. Januar 1871 Deutsches Reich nannte. Der preußische König Wilhelm I. nahm den Titel „Deutscher Kaiser“ an, Otto von Bismarck wurde erster Reichskanzler. In Frankreich hatte der Krieg die endgültige Abschaffung der Monarchie zur Folge.

Später wurden die Tafeln zur Erinnerung an die Gefallenen der beiden Weltkriege angebracht, darauf steht:

Zum Gedenken der Toten des 1. Weltkrieges 1914-1918

Zum Gedenken der Toten des 2. Weltkrieges 1939-1945

Es soll eines der ältesten Denkmäler Charlottenburgs sein.

Nun mitten auf dem alten Dorfanger stehend möchte ich etwas zur Herkunft des Namens und dem alten Dorf Lietzow sagen.

Station 4.2: Alt-Lietzow
Das Dorf Lietzow lag ungefähr zwischen dem heutigen Ernst-Reuter-Platz und dem Schloss Charlottenburg, nördlich der Otto-Suhr-Allee. Diese Gegend war bereits in der Jungsteinzeit bewohnt. Hier fand man 1881 über 100 Bestattungsurnen aus der Bronzezeit, die auf eine größere Besiedlung hinweisen. Es handelte sich vermutlich um germanisch-slawische Mischsiedlungen, die den Flusslauf zwischen Berlin und Spandau kontrollierten. 1239 wurde der Ort als „Lucene“ erstmals erwähnt. Von 1315 bis 1542 gehörte es zum Nonnenkloster St. Marien in Spandau. Lucene bestand anfangs nur aus einem einzigen Hof, 1542 waren es 13 Höfe. Der Ort Lietzow war ein Angerdorf, was bis heute im Straßenbild deutlich erkennbar ist. Kirchlich gehörte der Ort zur Pfarrgemeinde Wilmersdorf. Lietzow wurde 1719 nach Charlottenburg eingemeindet und wuchs allmählich mit der Stadt zusammen. Von der historischen Bausubstanz des Ortes ist heute praktisch nichts mehr erhalten. Die Straße wurde 1937 nach dem alten Dorfnamen benannt. Zuvor hieß sie Lützower Straße.

Wir verlassen nun den Dorfanger und treffen uns wieder an der rechten Ecke von Alt-Lietzow bei der Hausnummer 25.

Station 5: Alt-Lietzow 25

Station 5.1: Ehemalige Feuerwache
Die Feuerwache wurde 1888/89 von dem Stadtbaurat Paul Bratring als viergeschossiger Ziegelbau an der Stelle gebaut, an der etwa 700 Jahre zuvor der Bauernsohn Peter Behrend seinen Hof Lusze angelegt und damit das Dorf Lietzow gegründet hatte. Die Feuerwache wurde am 1.4.1889 eröffnet. Charlottenburg hatte damals 47 Feuerwehrmänner, 10 Feuermelder und 400 Hydranten. Auf dem 3.131 m² großen Gelände wurden neben dem eigentlichen Dienstgebäude ein Stall für 16 Pferde, eine Kutscherstube, ein Hauswartshaus, ein Schuppen für 21 Sprengwagen der Straßenreinigung und eine Werkstatt eingerichtet. Im Erdgeschoss des Hauptgebäudes entstand eine gewölbte, durch eiserne Säulen geteilte Wagenhalle mit Toren in der Vorder- und Hinterfront.

Später entstanden zahlreiche Erweiterungsbauten: 1899 z.B. der hölzerne Steigeturm, den Sie hinter dem Gebäude sehen können. Der Steige- oder Schlauchturm diente hauptsächlich zum Trocknen von Druckschläuchen nach einem Einsatz. Dies war besonders wichtig, als die Schläuche noch aus Hanf hergestellt wurden. Bei den heute verwendeten Schläuchen aus Kunstfaser ist dies nicht mehr zwingend notwendig. Oft wurden auf dem Schlauchturm auch Sirenen und Funkantennen angebracht. In erster Linie wurden Steigetürme aber zu Übungszwecken gebaut, z.B. konnten die Feuerwehrleute das Anstellen und Erklimmen von Leitern üben. 1983 bis 1986 wurden die Gebäude saniert, modernisiert und den Bedürfnissen des neuen Nutzers, Malteser Hilfsdienst e.V., angepasst.

Der Ursprung des Malteser Hilfsdienst liegt im heute noch existierenden Souveränen Ritter- und Hospitalorden vom heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta. Der Orden wurde im 11. Jahrhundert in Jerusalem gegründet. Der ursprüngliche Hospital- und Krankendienst wurde immer mehr durch den bewaffneten Schutz von Pilgern und die Kreuzzüge zur Eroberung von Palästina überlagert. Nach der Vertreibung aus Palästina 1291 wurde der Sitz des Ordens mehrfach verlegt. Ab 1530 residierte er dann auf Malta. Seitdem bürgerte sich die Bezeichnung „Malteserorden“ ein. In dieser Zeit veranstaltete der Orden regelmäßig den „Corso“, eine Jagd auf muslimische Schiffe im Mittelmeer. Die bei diesen Raubzügen gefangengenommenen Muslime wurden versklavt. Malta war einer der größten christlichen Sklavenmärkte der Frühen Neuzeit. Von Napoleon wurde der Orden am 12. Juni 1798 aus Malta vertrieben.

Heute ist der Orden völkerrechtlich ein souveränes, nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt mit eigener Gerichtsbarkeit. Ziel des Ordens mit seinen international ca. 13.500 Mitgliedern ist es, Alte, Behinderte, Flüchtlinge, Kranke – unabhängig von Religion oder Herkunft – weltweit karitativ zu unterstützen. Immer noch stammen viele Mitglieder des Ordens in Europa aus ehemaligen Ritterfamilien, doch hat sich der Orden inzwischen auch für andere Kandidaten geöffnet. In Deutschland sind Einrichtungen des Ordens über 600mal vertreten. Einer von ihnen ist der Malteser Hilfsdienst, der 1953 in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Caritasverband gegründet wurde. Er engagiert sich inbesondere in der Altenhilfe, Hospizarbeit und Erste-Hilfe- und Pflege-Ausbildung, im Zivil- und Katastrophenschutz, im Rettungsdienst, in der Flüchtlingshilfe, in der ambulanten Pflege und Betreuung, in der Jugendarbeit und in der Gesundheitsförderung. In Alt-Lietzow ist eine Krankenwagenflotte untergebracht. Zudem ist hier der Sitz der Verwaltung für ganz Berlin.

Station 5.2: Caritas-Generationen-Zentrum
Links neben der ehemaligen Feuerwache wurde 1858 das “Kloster zum Guten Hirten – Rettungsanstalt für Gefallene Mädchen” errichtet. Der Propst der St. Hedwig-Kirche beschrieb zwei Jahre zuvor, warum ein solches Kloster gebraucht wurde:

“Es ist eine der trübsten Erfahrungen meines Seelsorgerberufes am hiesigen Ort, unausgesetzt um eine erhebliche Anzahl junger Mädchen meiner Gemeinde zu wissen, die vom Strom des sittlichen Verderbens fortgerissen, der gewerbsmäßigen Fleischeslust entweder schon verfallen sind oder diesem Abgrund doch nahe stehen, ohne dass ich die Mittel besitze, jene unglücklichen Personen ihrer dämonischen Fesseln zu entreißen und ihnen Asyl zu bieten zur Rettung ihrer Seele und ihres Leibes. In der syphilitischen Abteilung der hiesigen königlichen Charité fand ich unlängst sechs solcher katholischer Mädchen in Pflege, die unter heißen Tränen mich anflehten, sie den Armen der Sünde zu entreißen.”

Die “Rettungsanstalt” sollte nicht nur Mädchen und Frauen aus Charlottenburg, sondern aus der gesamten Umgebung Berlins aufnehmen. Die Errichtung und Existenz des Hauses waren stark umstritten. Charlottenburg als Residenzstadt und Erholungsvorort von Berlin wurde für eine solche Anstalt als der falsche Platz betrachtet. Trotzdem trafen am 11. Februar 1858 die ersten vier Ordensschwestern vom “Guten Hirten” aus dem Münchener Provinzialhaus ein. Die Anstalt wuchs schnell: 1860 wurden durchschnittlich 20 “Büßerinnen” genannt, 1875 schon 142. In dem Jahr wurde das Kloster auf Grund des Klosteraufhebungsgesetzs geschlossen. Die meisten Schwestern verließen Berlin und die Mädchen und Frauen wurden anderweitig untergebracht oder entlassen. Nach geänderten Statuten wurde das Haus als Krankenanstalt weitergeführt. 1887, nach Aufhebung des Klosteraufhebungsgesetzes, wurde das Haus wieder zum Kloster, in dem ab 1894 auch Gefängniswärterinnen ausgebildet wurden. Bis 1900 wurden dort 20 Frauen in einem sechsmonatigen Kurs für diesen neuen Beruf ausgebildet. 1900 gab es 325 Mädchen und Frauen zwischen 15 und 50 Jahren in der „Rettungsanstalt“. Das Klosterleben wurde bestimmt durch Arbeiten: Haus- und Gartenarbeiten, Weißnähen, Plätten, Sticken, Bügeln, Backen, Schustern und ganz besonders Waschen waren die Tätigkeiten, die die Mädchen und Frauen, angeleitet von den Schwestern, verrichteten. 1905 zogen die Schwestern zum Guten Hirten in ein größeres Haus nach Marienfelde. Das Gebäude in Charlottenburg wurde von Carmelitinnen vom “Göttlichen Herzen Jesu” aus Schöneberg übernommen. Ihr Heim nannte sich jetzt St. Josefsheim mit dem Zusatz “Heimat für heimatlose Kinder”; es wurden nun auch Jungen aufgenommen. 1919 konnte die Oberin das Gebäude erwerben. Es wurde Provinzialhaus mit Noviziat, Kinderheim, Kindergarten und Hort. Bei dem Bombenangriff 1943 wurden große Teile des Hauses zerstört, die Kinder waren schon evakuiert. 1945 wurden wieder Flüchtlingskinder aufgenommen, später wurden Wohneinheiten für Jugendliche eingerichtet. 1989 lebten 48 Kinder und Jugendliche in sechs Wohneinheiten. Im Kindergarten und -hort befanden sich ca. 100 Kinder. Inzwischen ist auf dem Gelände ein modernes Mehr-Generationen-Zentrum für junge und alte Menschen mit vielen Angeboten entstanden. Das Zentrum der Caritas zwischen Alt-Lietzow und dem Iburger Ufer umfasst ein Mehr-Generationen-Haus, das Bernhard-Lichtenberg-Haus, das Kardinal-Bengsch-Zentrum, die Aktivschule Berlin, eine Kita und vieles mehr.

Auf der anderen Seite von Alt-Lietzow steht die ehrwürdige Villa Kogge.

Station 5.3: Villa Kogge
Die Villa Kogge wurde 1864 von dem Holzhändler Albert Kogge erbaut. Seit November 1910 ist sie Villa im Besitz der Stadtgemeinde Charlottenburg. Die Villa wurde zunächst weiter als Wohnhaus genutzt und durch die Stadtgemeinde vermietet. Die Villa hat als eines der wenigen Gebäude am Dorfanger Alt-Lietzow den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden. Ab 1945 war dann das Sozialamt des Bezirkamts Charlottenburg hier untergebracht. 1954 wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt. Seit 1959 ist hier das Standesamt des Bezirkes beheimatet, das vorher fast hundert Jahre lang kein wirklich festes und angemessenes Domizil hatte. Im Jahr 1983 wurde die Fassade der Villa umfangreich restauriert. Die Villa Kogge ist einer der meist begehrten Hochzeitsorte in Berlin.

Wir gehen nun weiter bis zur Herz-Jesu-Kirche.

Station 6: Alt-Lietzow 23 / Herz-Jesu-Kirche

Guten Tag, Prof. Samerski! Wir freuen uns sehr, dass wir heute in Ihrer Kirche weilen dürfen. Bevor ich Ihnen das Mikrofon übergebe, möchte ich noch ein paar Worte zur Geschichte der Kirche sagen. Die Herz-Jesu-Kirche entstand als das erste Neubauprojekt einer katholischen Kirche im evangelischen Charlottenburg inmitten des Kulturkampfes 1875 bis 1877.

Hinter dem heutigen Kirchenbau befanden sich bereits eine Kapelle und wie eben bereits gesagt, das Kloster „Vom Guten Hirten“ mit der „Rettungsanstalt für gefallene Mädchen“ und eine katholische Schule.

Der Architekt Hubert Stier lieferte den Entwurf für die turmlose Basilika ohne Querhaus, in der sich neogotische und neoklassische Elemente verbinden. Der Taufbrunnen wurde zur Bauzeit der Kirche aus einem Biergarten geborgen, wo er als Blumenkübel genutzt wurde. Dieses Stück stammt aus dem Jahr 1537 und ist damit das älteste Ausstattungsstück der Kirche. Die Kirche steht unter Denkmalschutz. Das Gemeindezentrum kam nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu.

An der Charlottenburger Herz-Jesu-Kirche wirkte von 1913 bis 1930 der spätere Dompropst Bernhard Lichtenberg als Pfarrer. Er war auch Bezirksverordneter für die katholische Zentrums-Partei in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg. Hier setzte er sich besonders für Jugend-, Sozial- und Bildungsfragen ein. Lichtenberg stellte sich schon in der Weimarer Zeit gegen die Nationalsozialisten. Auch nach seinem Wechsel in die Sankt-Hedwigs-Kathedrale engagierte er sich weiter gegen das Nazi-Regime, insbesondere gegen die Konzentrationslager, die Entrechtung der Juden und gegen Euthanasie. Diesen Widerstand bezahlte er 1943 mit seinem Leben.

2002 wurde an der Kirche eine Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg enthüllt:

In dieser Kirche wirkte von 1913 bis 1930
BERNHARD LICHTENBERG
3.12.1875 – 5.11.1943
als Pfarrer
Seit 1932 Dompfarrer an der St. Hedwigs-Kathedrale,
seit 1938 Dompropst in Berlin,
im Vorstand des Friedensbundes Deutscher Katholiken,
predigte engagiert gegen den Nationalsozialismus,
rettete Verfolgte vor der Gestapo,
wurde 1941 verhaftet und zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt,
starb in Hof auf dem Transport ins KZ Dachau.

Alles andere zu Kirche und Gemeinde wird uns aber jetzt Prof. Dr. Samerski erzählen.

Vielen Dank, Herr Professor!

Station 7: Zwischen Alt-Lietzow 16 und Alt-Lietzow 12

Station 7.1: Rathaus Charlottenburg
Wir befinden uns hier an der Rückseite des Rathauses Charlottenburg, in der ein Teil des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin untergebracht ist. Das Rathaus wurde 1899-1905 von den Architekten Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth für die Stadt Charlottenburg erbaut. Mit seiner Eröffnung am 20.5.1905 begann auch die 200-Jahr-Feier der Stadt. 1911-16 baute Baustadtrat Heinrich Seeling den Erweiterungsbau für die Sparkasse, in dem heute die Heinrich-Schulz-Bibliothek untergebracht ist. Die Fassadengestaltung ist in strengen Jugendstilformen mit reicher Ornamentalplastik und figürlichem Schmuck der Opulenz mittelalterlicher Rathäuser nachempfunden. Der ursprünglich vorgesehene neugotische Stil wurde zugunsten des “Sezessionsstils” aufgegeben. Von den Fest- und Sitzungssälen ist in ursprünglicher Gestalt nur der Magistratssitzungssaal (heute Minna-Cauer-Saal ) erhalten. Neben der Ornamentik thematisieren auch eine Reihe von in Stein gehauenen und in Holz geschnitzen Sinnsprüchen Arbeitsethos und den Kampf ums Dasein. Hier, an der hinteren Fassade, sind über den Erdgeschossfenstern folgende Sinnsprüche zu lesen (von links): “Reden ist Silber, Schweigen Gold”, “Rast’ ich, rost’ ich”, “Eintracht hat grosse Macht”, direkt über dem Eingang: “Das Leben – ein Kampf” und rechts davon: “Eh’ veracht als gemacht”, “Recht geht vor Macht”. In der obersten Etage werden unter anderem folgende Tätigkeiten mit Wort und Bild dargestellt (von links): “Technik”, “Wehrstand”, “Naerstand”, “Kunst” und “Wissenschaft”.

Station 7.2: Künstlerhof
Im Haus Alt-Lietzow 12 war ursprünglich eine Brauerei angesiedelt, später dann eine Beerenlikörfabrik und eine Wäscherei.

An dem Haus ist eine Gedenktafel für Erich Mühsam angebracht. Sie wurde am 18.1.2003 enthüllt. Die Künstlerin Brigitte Arndt hat diese Tafel gestaltet. Sie lebt und arbeitet im Künstlerhof. Seit 1982 ist das Haus Wohn- und Arbeitsort für Künstler und Künstlerinnen, Instrumentenbauer, Musiker und Musikerinnen, Schriftsteller und Architekten. Inzwischen gehört das Grundstück dem Liegenschaftsfonds. Der Bezirk bemüht sich, den Standort für die Künstler und Künstlerinnen zu erhalten. Dazu fasste 2014 die Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf einen entsprechenden Beschluss.

Auf der Gedenktafel steht:

Hier lebte der deutsche Schriftsteller
Erich Mühsam
von 1924 bis 1927
“Ein Anarchist, der die Gewalt hasste”
1934 von den Nationalsozialisten
im KZ Oranienburg ermordet

Erich Mühsam wurde am 6. April 1878 in Berlin geboren. Er war maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde. Nach fünf Jahren wurde er aufgrund einer Amnestie entlassen. Im Dezember 1924 kam er hierher nach Charlottenburg, wo er bis 1927 lebte. In der Weimarer Republik setzte er sich in der Roten Hilfe für die Freilassung politischer Gefangener ein. Kurz vor seiner geplanten Flucht nach Prag wurde er nach dem Reichstagsbrand am 28.2.1933 als “politisch verdächtige Person” von den Nationalsozialisten verhaftet. Im KZ Oranienburg wurde er gefoltert und in der Nacht vom 10. zum 11. Juli 1934 ermordet. Das KZ Oranienburg wurde kurz danach aufgelöst. Hier eine Kostprobe seiner Dichtkunst:

Bürgers Alpdruck

Was sinnst du, Bürger, bleich und welk?
Hält dich ein Spuk zum Narren?
Nachtschlafend hörst du im Gebälk
den Totenkäfer scharren.
Er wühlt und bohrt, gräbt und rumort,
und seine Beine tasten
um Säcke und um Kasten.

Horch, Bürger, horch! Der Käfer läuft.
Er kratzt ans Hauptbuch eilig.
Nichts, was du schwitzend aufgehäuft,
ist seinen Fühlern heilig.
Der Käfer rennt. Der Bürger flennt.
In bangen Angstgedanken
fühlt er die Erde wanken.

Ja, Bürger, ja – die Erde bebt.
Es wackelt deine Habe.
Was du geliebt, was du erstrebt,
das rasselt jetzt zu Grabe.
Aus Dur wird Moll, aus Haben Soll.
Erst fallen die Devisen,
dann fällst du selbst zu diesen.

Verzweifelt schießt die Bürgerwehr
das Volk zu Brei und Klumpen.
Ein Toter produziert nichts mehr,
und nichts langt nicht zum Pumpen.
Wo kein Kredit, da kein Profit.
Wo kein Profit, da enden
Weltlust und Dividenden.

Hörst, Bürger, du den Totenwurm?
Er fährt durch Holz und Steine,
und sein Geraschel weckt zum Sturm
des Leichenvolks Gebeine.
Ein Totentanz macht Schlußbilanz
und schickt dich in die Binsen
samt Kapital und Zinsen.

Das Bezirksamt strebt eine Stärkung städtischen Wohnens an und versucht, Flächen für Wohnbebauung auszuweisen. Gegenüber ist im Moment noch der Parkplatz Arcostraße mit einer Fläche von ungefähr 2800 m², das Bezirksamt plant für diesen Standort ein Gebäude mit Wohnungen. Die Planungen sind noch nicht abgeschlossen.

Wir gehen nun weiter bis zur Arcostraße 14.

Station 8: Arcostraße 14

Station 8.1: Arcostraße / Herkunft des Namens
Von 1897 bis 1950 hieß die Arcostraße merkwürdigerweise Havelstraße, obwohl sie direkt zur Spree führt.
1950 wurde sie nach dem Hochfequenzingenieur Georg Wilhelm Graf von Arco umbenannt. Er wurde am 30. August 1869 in Oberschlesien geboren und starb am 5. Mai 1940 in Berlin. Er war Physiker und Elektroingenieur und erforschte die Grundlagen der Telegraphie. Um die Jahrhundertwende arbeiteten in Deutschland zwei Gruppen von Forschern an der Entwicklung von Techniken zur drahtlosen Nachrichtenübermittlung. Die eine Gruppe um Georg Graf von Arco entwickelte bei der AEG für die Kaiserliche Marine, die andere unter Karl Ferdinand Braun bei Siemens & Halske für das Deutsche Heer. Auf Drängen von Kaiser Wilhelm II. gründeten am 27. Mai 1903 Siemens & Halske und die AEG als Gemeinschaftsunternehmen zu gleichen Teilen die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H., System Telefunken mit einem Stammkapital von 300.000 Mark. Erster technischer Direktor war Georg Graf von Arco. Während des Ersten Weltkriegs engagierte er sich in der pazifistischen Bewegung.

Station 8.2: Arcostraße 14 / Stolpersteine
Der Stolperstein für Fanny Mendelsohn wurde am 19.4.2010 und der Stolperstein für Margarete Hamburger dieses Jahr am 19.5.2016 verlegt.

HIER WOHNTE
FANNY MENDELSOHN
JG. 1881
AUS ‘HEILANSTALT’
BENDORF-SAYN
DEPORTIERT 22.3.1942
IZBICA
ERMORDET

Fanny Mendelsohn, geb. Stein, wurde am 31.12.1881 in Berent geboren. Sie wurde aus der jüdischen psychiatrischen Jacoby’schen Anstalt in Bendorf-Sayn bei Koblenz am 22.3.1942 in das Ghetto Izbica deportiert und dort ermordet.

HIER WOHNTE
MARGARETE
HAMBURGER
GEB. PETZALL
JG. 1875
DEPORTIERT 9.7.1942
THERESIENSTADT
TREBLINKA
ERMORDET

Station 8.3: Arcostraße 9-11 / Ehemaliges Haus des Sports
Gegenüber sehen Sie das ehemalige Haus des Sports. Es hat nun wieder eine Zukunft: Der Vertrag ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber die Gewobag wird hier ca. 100 Wohnungen und eine Kindertagesstätte bauen. Der dazugehörige Bebauungsplan liegt noch bis 22. Juli zur Einsichtnahme aus.

Wir gehen jetzt weiter zur Spree, wo wir auf den Spreekieker treffen.

Station 9: Spreekieker

Station 9.1: Spreekieker
Die Skulptur des Spreekiekers wurde 1982 von Gertrud Bergmann geschaffen und mit einer Gedenktafel für Alfred Braun hier aufgestellt. Der Text lautet:

Der Spreekieker
zur Erinnerung an
Alfred Braun
3.5.1888 – 31.1.1978
den ersten deutschen Rundfunksprecher
Skulptur von Gertrud Bergmann

Alfred Braun ist uns auf unserem letzten Kiezspaziergang schon begegnet, wo wir an seinem Wohnhaus in Westend, Kastanienallee 34, vorbeigegangen sind. 1924 begann Brauns Tätigkeit beim Funk, zunächst als Sprecher, später auch als Regisseur. In die Rundfunkgeschichte eingegangen sind seine Live-Reportagen, z.B. die zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Thomas Mann am 10. Dezember 1929.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendete 1933 vorläufig Brauns Karriere. Obwohl er zeitweilig inhaftiert und nach seiner Entlassung in die Schweiz übergesiedelt war, kehrte Alfred Braun 1941 nach Deutschland zurück. Während des Zweiten Weltkriegs verfasste er unter anderem für Veit Harlan die Drehbücher zu den NS-Filmen “Die goldene Stadt” und “Kolberg”. Nach Kriegsende hatte Alfred Braun Erfolg als Hörspiel- und Filmregisseur, unter anderem 1953 mit dem Zarah Leander-Film “Ave Maria”.

Die Bildhauerin Gertrud Bergmann wurde 1910 in Schwerin geboren. Sie wuchs in Güstrow auf. Die Begegnung mit Ernst Barlach brachte sie zur Bildhauerei. 1982 wurde sie mit dem Kulturpreis Mecklenburg geehrt. Bergmann starb 1985.

Station 9.2: Kraftwerk Charlottenburg
Auf der gegenüberliegenden Seite der Spree befindet sich seit der Jahrhundertwende um 1900 das Kraftwerk Charlottenburg. Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz. Die Errichtung eines eigenen Kraftwerkes für die Stadt Charlottenburg geht auf einen Magistratsbeschluss von 1898 zurück. Die Maschinenhalle für das Kraftwerk wurde 1899/1900 von Georg Klingenberg als roter Ziegelbau mit weißen Putzfeldern zeitgleich mit der Fußgängerbrücke Siemenssteg errichtet und am 1.8.1900 eröffnet. Das Kraftwerk wurde von Anfang an als Kraft-Wärme-Kopplungsanlage betrieben. Die erste Heizwärme floss in das Rathaus Charlottenburg. Die Kohle, die für die Dampfproduktion in großen Mengen benötigt wurde, kam über die Spree auf großen Lastkähnen, die direkt am Kraftwerk entladen wurden. Die Förderbänder wurden erst vor einigen Jahren abgerissen. 1922 wurde das Kraftwerk in die “Berliner Städtischen Elektrizitätswerke” eingegliedert und 1925/26 zum ersten deutschen Hochdruck-Großkraftwerk mit Hochdruckturbinen umgebaut. Damals wurde das erste Fernheiznetz Berlins eingerichtet. Es gab mehrfach Erweiterungsbauten: 1925 wurde das Schalthaus im Stil der neuen Sachlichkeit errichtet, 1953 wurde das alte Kesselhaus abgerissen und ein neues als vertikal gegliederter Kubus gebaut. 1989 kamen die Rauchgasentschwefelungsanlagen dazu und 1994 die großen Rauchgasentstickungs-anlagen. 2001 wurden die letzten der drei kohlebefeuerten Dampfblöcke stillgelegt. Die heutige Anlage arbeitet mit drei leichtölgefeuerten Gasturbinen. Im September 2006 ließ der Betreiber Vattenfall den 125 Meter hohen Schornstein abtragen. 2007 wurde der von Vattenfall gestaltete neue Uferweg „Am Spreebord“ eröffnet. Im Januar 2008 beschloss Vattenfall, die Energieproduktion an diesem Standort aufrechtzuerhalten.

Der Spreeradweg wurde letztes Jahr in dem Teilstück Charlottenburger Tor bis zur Dovebrücke fertiggestellt. Nun steht das nächste Teilstück bis zur Caprivibrücke an.

Wir gehen jetzt durch das Kastanienwäldchen, die Treppe hoch zur Wintersteinstraße, überqueren die Brücke und treffen uns wieder am Ende der Brücke.

Station 10: Caprivibrücke

Station 10.1: Wintersteinstraße / Herkunft des Namens
Die Wintersteinstraße verläuft von der Otto-Suhr-Allee bis zur Caprivibrücke. Von 1824 bis 1950 hieß sie Spreestraße, dann wurde sie nach dem Berliner Architekten Hans Winterstein umbenannt. Winterstein lebte von 1864 bis 1946, studierte und promovierte an der Technischen Hochschule in Charlottenburg und war langjährig als Stadtbaurat in Charlottenburg und als Professor für Architektur an der Technischen Hochschule tätig.

Station 10.2: Sömmeringstraße / Herkunft des Namens
Die Sömmeringstraße verläuft von der Caprivibrücke bis zur Kaiserin-Augusta-Allee. Sie wurde am 2.5.1902 nach dem Mediziner Samuel Thomas von Sömmering benannt. Er lebte von 1755 bis 1830, vor allem in Frankfurt a.M. Bei seinen Forschungen entdeckte er den Gelben Fleck auf der Netzhaut. Seine Untersuchungen über das Gehirn und das Nervensystem, über die Sinnesorgane, über den Embryo und dessen Fehlbildungen, über den Bau der Lungen, über die Brüche etc. machten ihn zu einem der bedeutendsten deutschen Anatomen. Als eine seiner vielen wichtigen Unternehmungen führte Sömmering zusammen mit Georg Philipp Lehr gegen den Widerstand einflussreicher Gegner die Pockenschutzimpfung ein.

Station 10.3: Caprivibrücke
Die Brücke führt von der Wintersteinstraße über die Spree zur Sömmeringstraße und ist benannt nach dem in Charlottenburg geborenen Leo Graf von Caprivi, dem Nachfolger von Bismarck. Er war von 1890 bis 1904 deutscher Reichskanzler und bis 1892 preußischer Ministerpräsident. Leo Graf von Caprivi wurde 1831 geboren und starb 1899.

Die Brücke entstand zwischen 1919 und 1923 als Stahlbogenbrücke und wurde 1945 zerstört. 1954 begann der Neubau der Spannbetonbrücke mit einer Stützweite von 62 m und einer Tragfähigkeit von 60 t. Sie wurde im September 1956 eröffnet. Die Brücke hat vier Fahrspuren, zwei Fahrradstreifen, breite Bürgersteige und acht 10 m hohe Lampen.

Station 10.4: Am Spreebord / Herkunft des Namens
Der Weg Am Spreebord hat seinen Namen seit dem 30.4.1909. Auf einer Karte von 1835 war an dieser Stelle des Ufers der Spree “Spree Port” eingezeichnet. Port im Mittelhochdeutschen “porte” und im Französischen “port”, heißt Hafen. Das Wort “bord” wiederum bedeutet allgemein Rand, oberster Rand des Schiffes und auch Uferböschung.
Der Weg war lange nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Am 27.4.2007 eröffnete Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler gemeinsam mit Manfred Wohlers, Vorstandsmitglied von Vattenfall Europe Berlin, den von dem Stromkonzern neu gestalteten Uferweg vor dem Heizkraftwerk. Damit wurde nach rund 100 Jahren das Spree-Ufer an den Bezirk zurückgegeben.

Station 10.5: Lofts am Charlottenburger Ufer 16-17
Die Lofts, die ich Ihnen bei unserem letzten Juli-Kiezspaziergang im Bau gezeigt habe, sind inzwischen fertig. Hinter den zwei neuen vorgelagerten Gebäuden, steht das sanierte historische Fabrikgebäude der Heliowatt-Werke. Auf dem 2300 m² großen Grundstück sind 57 Wohnungen, Townhouses, Lofts und Penthouses entstanden. Die Größen liegen zwischen 58 und 259 Quadratmetern. Die Townhouses haben eigene Gärten. Die Wohnungen wurden inzwischen bezogen.

Station 10.6: Fassadengemälde Phönix am Haus Wintersteinstraße 20
Vor uns hinter den Bäumen kann man ein Fassadengemälde mit dem Titel “Phönix” sehen. Es zeigt ein Schiff, das zwischen zwei Häusern hervorbricht. Es wurde 1989 von Gert Neuhaus geschaffen. Gert Neuhaus wurde 1939 in Berlin geboren und hat seit den 1970er Jahren über 40 Hausfassaden gestaltet. Die Lebensdauer eines Fassadengemäldes schätzt er selbst auf ungefähr 30 Jahre. Dieses ist nun 27 Jahre alt. Mal sehen, wie lange es uns noch erhalten bleibt.

Station 10.7: Mariä-Schutz-Kirche in der Wintersteinstraße 24
Nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen viele Russen nach Berlin, über 200.000 sind es inzwischen. Viele sind russisch-orthodoxen Glaubens. Das Gemeindezentrum befand sich ursprünglich im Bezirk Wilmersdorf in der ersten Etage eines Mehrfamilienhauses und war für die stark gewachsene Gemeinde zu klein. Auf dem 2007 erworbenen Grundstück in der Wintersteinstraße wurde das Gebäude im traditionell russischen Stil über den Grundmauern einer ehemaligen Kindertagesstätte errichtet. Am 7. März 2008 wurde der Kirchenneubau an die Gemeinde übergeben. Die am 13. Oktober 2009 aufgesetzten vergoldeten Zwiebeltürme stammen aus dem Kiewer Höhlenkloster. Das Gotteshaus bietet bis zu 400 Gläubigen Platz. Im Untergeschoss befinden sich eine Sakristei, eine Hostienbäckerei sowie Räume für kirchliche Veranstaltungen. Als Kulturzentrum der ältesten Berliner russisch-orthodoxen Gemeinde sind in dem Gebäude außerdem ein Gemeindesaal, Büroräume, Jugendräume, der Musiksaal, die Bibliothek, eine Küche und eine Pilgerwohnung untergebracht.

Nun fehlen nur noch ein paar Meter bis zur Bildgießerei Hermann Noack, wo wir uns im Hof wieder treffen.

Station 11: Am Spreebord 9 / Bildgießerei Hermann Noack

Als erstes möchte ich ganz herzlich Frau Cornelia Schmidt-Bleek von der Bildgießerei Hermann Noack begrüßen, die uns gleich über den Neubau und den neuen Sitz in Charlottenburg informieren wird. Willkommen in unserer Runde! Ehe ich ihr aber das Mikrofon überreiche, möchte ich noch ein paar Stichworte zur Bildgießerei sagen.

Früher war hier der Kohlelagerplatz des Kraftwerks. Doch seit 2009 zieht sukzessive die Bildgießerei Hermann Noack aus Friedenau hierher zum neuen Standort. Das Neubauprojekt hat den Namen: „Wohnen und Arbeiten im Skulpturenzentrum am Spreebord“. Architekt ist Reiner Maria Löneke. Dazu gehören Schauräume, Galerien, Ateliers, ein Gießereimuseum und ein Restaurant. Die Montagehalle ist 13 m hoch. Die Bildgießerei Noack wurde 1897 gegründet und hat viele berühmte Skulpturen in Berlin hergestellt, darunter die rekonstruierte Schadowsche Quadriga auf dem Brandenburger Tor, die Goldelse auf der Siegessäule, die Henry-Moore-Plastik vor der Kongresshalle und in Charlottenburg-Wilmersdorf das Reiterstandbild des großen Kurfürsten vor dem Charlottenburger Schloss. Dies sind nur einige wenige Beispiele. Aber die Bedeutung der Gießerei Noack geht weit über Berlin hinaus, und es gibt kaum einen bedeutenden Bildhauer, der seine Skulpturen nicht bei Noack gießen lässt. Das für Berlin wichtigstes Kunstwerk, was in der Bildgießerei hergestellt wird, ist der Berlinale-Bär. Er geht auf einen Entwurf der Bildhauerin Renée Sintenis zurück und ist 22 cm hoch und 2,4 kg schwer.

Berühmte Künstler und Künstlerinnen aus alle Welt haben hier ihre Werke produzieren lassen oder produzieren sie noch. Aus der klassischen Moderne sind das zum Beispiel Käthe Kollwitz, Henry Moore oder Ernst Barlach; aus der zeitgenössischen Kunst z.B. Joseph Beuys, Georg Baselitz, Rainer Fetting und Bernhard Heiliger. Und heute sind Künstler wie Jonathan Meese, Pawel Althamer und Anselm Reyle Kunden der Noacks.

Nun gebe ich das Mikrofon an Frau Schmidt-Bleek, die uns alles Weitere sagen wird.

Vielen Dank, Frau Schmidt-Bleek!

Wir gehen jetzt hinunter zum Spreeufer zum Drachenbootrennen, das seit 11 Uhr läuft. Um 18 Uhr werde ich die Sieger und Siegerinnen ehren. Bis dahin können alle, die noch Lust haben, mit mir das spannende Rennen beobachten. Zum Schluss noch einmal Beginn und Ort des 176. Kiezspaziergangs: Der Treffpunkt ist am Samstag, den 13.8.2016 um 14 Uhr am U-Bahnhof Bundesplatz vor dem Wirtshaus zum Nußbaum, Bundesplatz 5. Ich verabschiede mich von allen Spaziergängern und Spaziergängerinnen, die uns nun verlassen. Die nächsten Verkehrsverbindungen sind am Mierendorffplatz oder am Richard-Wagner-Platz, wenn Sie mit der U-Bahn fahren wollen, oder hier in der Sömmeringstraße, wenn Sie mit dem Bus X 9 zum Zoologischen Garten fahren. Es hat mir wieder viel Spaß mit Ihnen gemacht und ich wünsche Ihnen einen schönen Samstag und Sonntag!