174. Kiezspaziergang

Von der Ahornallee 4 zum Steubenplatz (Spaziergang durch die Villenkolonie Westend)

Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann

Bildvergrößerung: Kartenskizze Kiezspaziergang am 11.06.2016
Kartenskizze Kiezspaziergang am 11.06.2016 Bild: BA, ML

Treffpunkt: Ahornallee 4
Verkehrsverbindung: Bus M 45, Haltestelle DRK-Kliniken Westend
Länge : ca. 2 km

Herzlich willkommen zu unserem 174. Kiezspaziergang. Aus Anlass des 150. Geburtstages der Gründung der Villenkolonie Westend werden wir heute Alt-Westend erkunden. Wir werden einige alte Villen aufsuchen und ihre Geschichte und die Geschichten ihrer Bewohner und Bewohnerinnen hören. Auf dem ehemaligen Gelände der Nervenheilanstalt Charlottenburg in der Eschenallee 3 befindet sich nun eine Flüchtlingsunterkunft. Auf demselben Gelände steht in der Ulmenallee 35 eine alte Villa, für die der Verein Interk(ult)uranstalten e.V. ein Konzept erarbeitet hat, was uns Frau von Huelsen-Poensgen vorstellen wird. Die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft, Frau Delever, wird uns dort von ihrer Arbeit berichten. Beide Damen weilen schon unter uns, hiermit heiße ich sie ganz herzlich Willkommen. Ein weiteres Highlight wird der Besuch der Kirche der evangelischen Gemeinde Neu-Westend sein. Dort wird uns Frau Piber empfangen. Der Abschluss ist heute auf dem Steubenplatz, wo die Interessensgemeinschaft Reichsstraße mit den Kiezspaziergängern und -gängerinnen das Jubiläumsjahr eröffnet.

Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen Zeit- und Treffpunkt des nächsten Kiezspaziergangs mitteilen. Es ist ein ganz besonderer Spaziergang, denn in unserem Bezirk wird er nun zum 175. Mal durchgeführt. An diesem Tag werde ich im Landkreis Marburg-Biedenkopf sein, um das 25-jährige Jubiläum unserer Partnerschaft zu feiern. Bezirksstadtrat Schulte wird mich an diesem Tag vertreten. Der zweite Samstag im Juli ist der 9.7. Wir treffen uns um 14 Uhr am Eingang des Luisenfriedhofs I in der Guerickestraße 5-9. Sie erreichen den Friedhof mit dem Bus 101, der an der Cauer- / Ecke Guerickestraße hält. Von da aus sind es nur ein paar Schritte. Der Friedhof befindet sich auf der südlichen Seite der Guerickestraße. Von dort aus geht es über Alt-Lietzow zum Drachenbootrennen auf der Spree an der Caprivibrücke.

Station 1: Ahornallee 4

Ahornallee_4
Ahornallee 4 Bild: BA-CW, Hischer

Die ursprüngliche Villenkolonie Westend, die auch Alt-Westend genannt wird, liegt zwischen Akazienallee im Norden, der Ahornallee im Osten, der Platanenallee im Süden und der Kirschenallee im Westen. In der Mitte befindet sich der Branitzer Platz. Durch das strenge Rechteckmuster unterscheidet sich die Straßenanordnung von den mehr geschwungenen Straßen in Neu-Westend. Wir gehen heute mitten durch Alt-Westend. Alle Straßen wurden nach den Bäumen benannt, die in ihnen am Anfang auch tatsächlich angepflanzt wurden. Heute sieht man davon nur noch in einigen Straßen einzelne Exemplare.
Unsere Tour beginnt in der Ahornallee 4.

Station 1.1: Ahornallee 4
Wir stehen hier vor einem Haus, das von 1872-1875 nach Plänen von Otto March für Clara Benda im englischen Landhausstil erbaut wurde. Nach einigen Quellen soll er hier auch gewohnt haben. 1938 wurde es umgebaut. Das Landhaus steht unter Denkmalschutz.

Der Architekt Otto March war der Sohn des Tonfabrikanten Ernst March, der uns im Januar auf dem TU-Gelände an der Marchstraße schon begegnet ist. Otto Marchs Sohn wiederum ist Werner March, der uns beim April-Spaziergang als Architekt des Olympiastadions und des Glockenturms begegnet ist.

Wir gehen jetzt auf die andere Seite des Platzes vor die Ahornallee 50.

Station 2: Ahornallee 50

Ahornallee 47
Ahornallee 47 Bild: BA-CW, Hischer

Station 2.1: Ahornallee 51 / Wohnhaus von Ludwig Levy-Lenz
In dem Haus Ahornallee 51 links wohnte ab 1926 bis zu seiner Flucht aus Deutschland Ludwig Levy-Lenz. Ludwig Levy-Lenz lebte von 1892 bis 1966 und war Wegbegleiter von Magnus Hirschfeld. An Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft leitete er die Frauenabteilung und richtete mit Hirschfeld zusammen eine Sexualberatungsstelle ein. 1930 stellte er das erste medizinische Buch zum Thema Schwangerschaftsabbruch zusammen. Zudem war er Autor von zahlreichen Aufklärungsbücher und Publikationen zu Geschlechtskrankheiten, Gynäkologie, Chirurgie usw. Er war der erste Arzt, der eine Operation zur Geschlechtsanpassung durchführte.

Station 2.2: Ahornallee 50 / Gedenktafel Adele Schreiber-Krieger
Die Berliner Gedenktafel für die Publizistin und Sozialpolitikerin Adele Schreiber-Krieger wurde am 11.03.1995 enthüllt, ich verlese die Inschrift:

In diesem Hause wohnte
von 1910 bis 1933
die Publizistin und Sozialpolitikerin
Adele Schreiber-Krieger
29.04.1872-18.02.1957
Mitbegründerin der
“Deutschen Gesellschaft für Mütter- und Kinderschutz”
Sie emigrierte 1933 aus politischen Gründen
in die Schweiz.

Adele Schreiber-Krieger wurde 1872 in Wien geboren. Eigentlich wollte sie Medizin studieren, was ihr die Eltern aber nicht erlaubten. Mit 18, 19 Jahren schrieb sie bereits für mehrere Zeitungen und politische Zeitschriften, u.a. für Clara Zetkins Die Gleichheit. 1897 bekam sie das Angebot, in Berlin eine Frauenversicherungsgesellschaft mit aufzubauen. Das Projekt scheiterte, aber fortan lebte sie in Berlin. Im Sommersemester 1900 nahm sie ein Studium als Gasthörerin an der Friedrich-Wilhelms-Universität auf und studierte fünf Semester Nationalökonomie. Immatrikulieren mit der Möglichkeit eines späteren Studienabschlusses konnte sie sich nicht, weil dies Frauen in Preußen erst 1908 erlaubt wurde. Darüber schrieb sie: „Die Berliner Alma Mater benimmt sich den Frauen gegenüber wie eine spröde Schöne, die ihre Bewerber lange schmachten läßt.“

Sie engagierte sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gegen Mädchenhandel, kämpfte für das Frauenwahlrecht und stritt für den Schutz von Kindern und Müttern. Von 1920 bis 1924 und 1928 bis 1933 war sie SPD-Abgeordnete im Reichstag. 1933 ging sie ins Exil, zuerst in die Schweiz, später nach Großbritannien. Nach dem Krieg kehrte sie in die Schweiz zurück, wo sie 1957 starb.

Bevor wir nun in die Ulmenallee einbiegen und uns vor dem Haus in der Ulmenallee 3 wiedertreffen, werfen Sie noch einen Blick auf das Haus in der Ahornallee 47 schräg gegenüber von der Ulmenallee.

Station 2.3: Ahornallee 47
Das Wohnhaus wurde 1870-1871 von Eduard Titz gebaut. Es ist eines der wenigen Villen, die aus der frühen Entwicklungsphase Westends erhalten sind. Es ist im klassizistischen Stil gebaut. Beeindruckend sind die farbig gefassten Bauornamente. Auch dieses Haus wurde in den dreißiger Jahren umgebaut. Hintergrund ist wohl auch, dass viele Einwohner Westends ins Exil gehen mussten, und im Rahmen der „Arisierung“ regimefreundliche Personen in die Häuser einzogen.

Station 3: Ulmenallee 3

Ulmenallee 3
Ulmenallee 3 Bild: BA-CW, Hischer

Die Villenkolonie Westend wurde am 1. Mai 1866 durch die Kommandit-Gesellschaft auf Actien Charlottenburger Baugesellschaft Westend auf einem Plateau des Grunewaldes an der Spandauer Chaussee gegründet. Zu den Gründungsvätern gehörten Albert Werckmeister, Johannes Quistorp, Martin Gropius u.a. Vorbild war die englische Vorstellung von der Trennung der Stände in verschiedenen Wohngebieten. Deshalb wurde die Villenkolonie auch nach dem vornehmen Londoner Stadtteil Westend benannt. Die Kolonie hatte bereits 1865 eine Anbindung an die Stadt, denn die erste Pferdebahnlinie endete am nahe gelegenen Pferdebahnhof Charlottenburg am Spandauer Damm / Ecke Sophie-Charlotten-Straße. Am 1. November 1871 wurde eine Anschlusslinie zwischen dem Pferdebahnhof und der Kastanienallee eröffnet. Für die steil den Spandauer Berg nach Westend heraufführende Linie musste man am Pferdebahnhof in einstöckige mit zwei Pferden bespannte Wagen umsteigen.

Der Zeitpunkt der Gründung der Villenkolonie fiel durch den Deutsch-Österreichischen Krieg 1866 in eine Phase der Unsicherheit. So geriet die Kommandit-Gesellschaft bereits nach kurzer Zeit in finanzielle Schwierigkeiten. Nur 24 Käufer hatten sich bis 1868 gefunden bei etwa 400 projektierten Parzellen. Nach dem Rücktritt Werckmeisters und der anschließenden Auflösung der Gesellschaft 1868 gingen die Geschäfte auf die Westend-Gesellschaft H. Quistorp & Co. zu Berlin über, in der Heinrich Quistorp, der jüngere Bruder von Johannes Quistorp, und Ferdinand Scheibler persönlich haftende Gesellschafter waren. Heinrich Quistorp nahm nun die weitere Entwicklung Westends in seine Hände. Er war mit einer Engländerin verheiratet und hatte mit ihr in Ibrox, einem Stadtteil von Glasgow gelebt. In Erinnerung daran nannte er sein Anwesen Villa Ibrox. Wir stehen hier vor dem Überbleibsel der Villa. Das Haus vor uns war ursprünglich nur ein Nebengebäude. Man kann sich also vorstellen, welchen Prunk das Haupthaus in der Ahornallee 6 auf dem Eckgrundstück gehabt haben muss. Das Gebäude ist im neogotischen Stil mit Zinnen gebaut und hat einen Rundturm. Architekt war Wilhelm Schöltz.

1873 während der Gründerkrise musste aber auch die Westend-Gesellschaft Konkurs anmelden. Die Bautätigkeit kam zum Erliegen und einige Villen standen leer. Ab dem Ende der 1870er Jahre entspannte sich die Situation wieder. Durch die Bevölkerungsexplosion im Berliner Raum erlebte Westend einen Aufschwung und die Kolonie entwickelte sich zu einer beliebten Wohngegend für das wohlhabende Bürgertum und für höhere Beamte. Mit der Vollendung der Ringbahn wurde 1877 der Bahnhof Westend eröffnet. Damit wurde die Verkehrssituation nicht nur für Westend, sondern auch für Charlottenburg wesentlich verbessert. 1878 wurde die Villenkolonie nach Charlottenburg eingemeindet.

Wir gehen nun weiter bis auf den Anneliese-und-Georg-Groscurth-Platz zur Lindenallee 7.

Station 4: Anneliese-und-Georg-Groscurth-Platz

Ulmenallee 8 / Ecke Lindenallee 46
Ulmenallee 8 / Ecke Lindenallee 46 Bild: BA-CW, Hischer

Station 4.1: Anneliese-und-Georg-Groscurth-Platz
Der Platz wurde 1894-95 in der Art eines Dorfangers angelegt. 1951 wurde er durch Joachim Kaiser neu gestaltet und ist heute als Gartendenkmal ausgewiesen. Am 11.8.2006 wurde der ehemalige Lindenplatz nach Anneliese und Georg Groscurth umbenannt.

Anneliese und Georg Groscurth gründeten 1939 zusammen mit Robert Havemann, Herbert Richter und Paul und Margarete Rentsch eine Widerstandsgruppe gegen das Naziregime. Hier ein Zitat aus einer Sendung des WDR am 8.5.2014, Gedenktag zum 70. Jahrestag der Hinrichtung Georg Groscurths:

„Ihr politisches Ziel ist ein menschlicher Marxismus: Persönliche Freiheit und Sozialismus, Abschaffung der Einzelstaaten, stattdessen ein vereinigtes Europa. Sie verstecken ihre jüdischen Freunde und besorgen ihnen falsche Papiere. Die Gruppe ist gut vernetzt. So arbeitet der Architekt Richter im Stab von Hermann Göring, der Arzt Groscurth behandelt den “Führer”-Stellvertreter Rudolf Heß. Durch ihre Insider-Kontakte erfahren sie unter anderem den Tag des Angriffs auf die Sowjetunion. Über die sowjetische Botschaft geht die Information nach Moskau. Stalin ignoriert sie allerdings.1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, gibt sich die Gruppe den Namen ‚Europäische Union‘. ‚Die Zukunft von morgen wird ein geeintes sozialistisches Europa sein‘, heißt es in einem Flugblatt. Zusätzlich zur humanitären Hilfe für Verfolgte geht es nun auch um den organisierten Widerstand gegen das Hitler-Regime.“

Die Europäische Union versuchte durch die Vernetzung mit Widerstandsstrukturen der ausländischen Zwangsarbeiter den innerdeutschen Widerstand zu stärken. Im September 1943 wurden Mitglieder der Europäischen Union von der Gestapo festgenommen. Georg Groscurth wurde am 8. Mai 1944 mit anderen Mitgliedern der Gruppe hingerichtet.

Nach dem Krieg kehrte Anneliese Groscurth wieder nach Westend zurück und arbeitete als Ärztin im bezirklichen Gesundheitsamt. Am 9. Mai 1951 wurde sie aus dem öffentlichen Dienst entlassen, weil sie sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland engagierte. Sie wurde als Kommunistin diffamiert und ihr wurde der Reisepass entzogen, den sie erst in den 1960er Jahren zurückerhielt. 2006 wurden Anneliese und Georg Groscurth in die Liste der „Gerechten unter den Völkern“ der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufgenommen.

Station 4.2: Lindenallee 7
Wir stehen hier vor dem ältesten Haus in der Villenkolonie Westend. Es wurde 1867/68 von Emil Krefeld und G. Köhler im spätklassizistischen Stil mit einer dreibogigen Loggia erbaut. Das Haus war ursprünglich symmetrisch, das Fenster ganz rechts kam später hinzu. Im Vergleich zu vielen anderen Häusern in der Villenkolonie ist es relativ klein und einfach und ist damit ein gutes Beispiel dafür, dass zu Beginn der Bebauung die Häuser teilweise nur als Sommerresidenz auf der Höhe geplant waren.

Bei unserem Weg zur nächsten Station in der Eichenallee kommen wir am Haus Lindenallee 46 vorbei.

Station 4.3: Ulmenallee 8 / Ecke Lindenallee 46
Das Haus an der Ecke wurde 1908 von Albert Saalmann erbaut. Bemerkenswert ist der Reliefschmuck zur Lindenallee hin. In dem Haus wohnte Erich Raeder, ein Marineadmiral. Er war ab 1935 maßgeblich an der Aufrüstung der deutschen Seeflotte beteiligt. 1943 überwarf er sich mit Hitler und trat von allen Ämtern zurück.

Danach biegen wir rechts in die Eichenallee ein. Nächste Station ist die Eichenallee 11.

Station 5: Eichenallee 11

Eichenallee 11
Eichenallee 11 Bild: BA-CW, Hischer

Station 5.1: Eichenallee 12
Hier auf dem Grundstück gegenüber, in der Eichenallee 12, stand das Wohnhaus des Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Eine Berliner Gedenktafel, enthüllt am 01.11.1991, trägt folgende Inschrift:

Hier lebte und wirkte von 1897 bis 1931
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff
22.12.1848 – 25.9.1931
Seit 1897 Professor für klassische Philologie
an der Berliner Universität.
Bedeutender Neuerer auf dem Gebiet der
Textinterpretation und Interpret der Literatur
und Geschichte des antiken Griechenlands.

Beim Einzug in sein neues Haus schrieb er: „Das Warten auf das Haus im Westen hat die Erwartung voll erfüllt. Es sind kaum fünf Minuten bis zum Wald.“

Er war nicht nur Professor an der Friedrich-Wilhelm-Universität, sondern 1915 auch ihr Rektor. 1902 wurde er Präsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften.

Reinhold Lepsius, ein impressionistischer Maler der Berliner Secession, der ebenfalls in Westend, in der Ahornallee 30-31, wohnte, hat ein Portrait von ihm gemalt. Die Villenkolonie Westend war voll mit Künstler und Künstlerinnen und Intellektuellen. Die Frau von Reinhold Lepsius zum Beispiel, die Malerin Sabine Lepsius, unterhielt einen Salon, in dem viele bedeutende Personen verkehrten: die Dichter Rainer Maria Rilke und Stefan George, der Philosoph Georg Simmel, der Unternehmer und Politiker Walther Rathenau, die Künstlerin Käthe Kollwitz, die Frauenrechtlerin Lily Braun, der Architekt August Endell, der uns gleich noch einmal begegnen wird, um nur einige zu nennen. Sie trug damit zur Vernetzung von Künstlerschaft und Gelehrten bei.

Station 5.2: Eichenallee 11
Die spätklassizistische Villa wurde 1889–90 von dem Architekten Uterwedde gebaut, der Anbau kam 1924 hinzu und wurde von Otto Firle entworfen. 1969–71 wurde sie noch einmal umgebaut. Leider kann man wegen des üppigen Gartens nicht allzu viel von der Villa sehen. Sie hat ein abgeflachtes Mansarddach und einen dreiachsigen Vorbau mit Veranda mit korinthischen Säulen, darüber ein Balkon. Die Veranda hat auch eine Treppe zum Garten. Der eigentliche Eingang ist auf der Seite.

Station 6: Eichenallee 13

Eichenallee 15
Eichenallee 15 Bild: BA-CW, Hischer

Station 6.1: Eichenallee 14
Auf der anderen Seite sehen wir ein weiteres Haus des Architekten Uterwedde, das er etwas früher, nämlich 1887-1888, entworfen hat. Es ist ein schönes Beispiel für den Ende des 19. Jahrhunderts modernen Heimatstil, in diesem Fall in Anlehnung an Schweizer Häuser. Man erkennt das zum Beispiel an dem weit vorkragenden Dach und dem Giebel mit Stichsägeornamenten.

Station 6.2: Eichenallee 16/18
Das Haus daneben, an der Ecke zum Branitzer Platz, wurde 1899 bis 1900 von Carl Koeppen entworfen und wieder, wie so viele andere Häuser in Westend, 1936 umgebaut. Der Baukörper ist in viele Teile gegliedert und hat unterschiedlich gestaltete Giebel. Es gibt stilistische Elemente von der Spätgotik bis zum Barock. Damit sollte eine lange Baugeschichte vorgetäuscht und auf das „noble“ Bewusstsein des Bauherrn angespielt werden.

In diesem Haus wohnte Hilde Weißner. Sie war Schauspielerin am Preußischen Staatstheater und Filmschauspielerin. Sie verkörperte regelmäßig starke, selbstbewusste Frauen, manchmal auch als Gegenspielerin der eigentlichen Hauptdarstellerin. In der Kriminalkomödie Der Mann, der Sherlock Holmes war (1937) spielte sie eine kühl kalkulierende Ganovin, in Geheimzeichen L-B-17 (1938) zeigte sie ihr Können als Sängerin und Tänzerin. In dem Heinz-Rühmann-Film Lauter Lügen (1938) ist sie die Rivalin Hertha Feilers.

Station 6.3: Eichenallee 15
Das Haus neben uns, auf derselben Straßenseite, baute 1910 der Architekt August Endell für den Justizrat Dr. Heinrich Nelson. Die Jugendstil-Villa hat ein sehr steiles Satteldach, die Fachwerkgiebel sind mit rotem Backstein ausgefacht.

Wir gehen nun geradezu auf den Branitzer Platz. [bleiben dort stehen und drehen uns um in die Richtung, aus der wir kamen.]

Station 7: Branitzer Platz I

Branitzer Platz
Branitzer Platz Bild: BA-CW, Hischer

Station 7.1: Branitzer Platz 1 / Bruno Cassirer
Von hier aus hat man noch einmal einen guten Blick rechts auf das Haus von Carl Coeppen und links auf das Haus von August Endell. In dem weißen Haus links daneben, am Branitzer Platz 1, wohnte Bruno Cassirer. Sein Haus ist nicht mehr im ursprünglichen Zustand erhalten. Bruno Cassirer wurde 1872 geboren und war Verleger und Galerist. Mit seinem Cousin Paul Cassirer eröffnete er am 20. September 1898 in Berlin die Bruno & Paul Cassirer, Kunst- und Verlagsanstalt. Die beiden Verlagsgründer waren nicht nur Cousins, sondern auch gleichzeitig Schwager, da Bruno Cassirer Pauls Schwester Else heiratete. Zu den wichtigsten Kontakten während der frühen Berliner Jahre zählten die Maler Max Liebermann und Max Slevogt. Sie waren Mitglieder der am 2. Mai 1898 gegründeten Berliner Secession. Auf Vorschlag von Max Liebermann und von Walter Leistikow wurden die Cassirers als Sekretäre für die Secession berufen, was ihnen auf dem Kunstmarkt eine herausgehobene Position verschaffte. Ihre erste Ausstellung zeigte Werke von Max Liebermann, Edgar Degas und Constantin Meunier. In den folgenden drei Jahren war ihr Hauptziel, den Impressionismus in Deutschland bekanntzumachen. Ihr Schwerpunkt waren Werke von Max Slevogt, Max Liebermann und Lovis Corinth, die ihrer Meinung nach die künstlerische Avantgarde Deutschlands darstellten.
Am 30. August 1901 lösten Bruno und Paul ihr gemeinsames Unternehmen wegen persönlicher Differenzen auf. Paul Cassirer führte die Galerie und den Kunsthandel weiter, während Bruno Cassirer den Verlag behielt. Bei ihm erschienen weiterhin viele bedeutenden zeitgenössischen Künstler. Zudem gründete er 1902 die Monatsschrift Kunst und Künstler, die bis 1933, als sie der nationalsozialistischen Ideologie zum Opfer fiel, eine wichtige Publikation der deutschen Kunstszene war. Der Schwerpunkt des Verlags lag neben der Kunst auf Dichtung und Philosophie. 1936 erschien das letzte Buch im Verlag Cassirer. Am 25. Februar 1937 wurde jüdischen Verlegern die Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer (RSK) entzogen. Ein Teil der Familie Cassirer emigrierte 1938 nach Oxford, wo Bruno Cassirers Schwiegersohn Günther Hell [dann: George Hill] die Tradition des Verlages weiterführte und das Unternehmen B. Cassirer (Publ.) Ltd gründete. Zu den ersten englischsprachigen Büchern gehörten die Brief-Editionen von Edgar Degas und Paul Cézanne sowie Paul Gauguins Noa-Noa. Ferner wurde hier das vollständige Werkverzeichnis der Grafiken Goyas verlegt. Der Verlag besteht bis heute. Bruno Cassirer starb 1941 im Exil.

Station 7.2: Branitzer Platz
Die Pläne zu dem Platz als Zentrum Alt-Westends waren schon in der ursprünglichen Planung von 1866 enthalten, aber er wurde erst 1894-95 angelegt. Der ursprünglich wesentlich größer konzipierte Platz sollte eine Schule, eine Kirche, das Pfarrhaus und den Markt beherbergen, weshalb er zunächst auch den Namen Kirchplatz trug. 1897 erhielt er den Namen Branitzer Platz nach dem Schloss Branitz des Fürsten Pückler-Muskau. Zentrum des Platzes ist die begrünte Mittelinsel mit 100m Durchmesser, eine Rasenfläche mit Allee-Umrahmung. Joachim Kaiser stellte den Platz 1950 wieder her. 1960 wurde er umgestaltet.

Station 7.3: Branitzer Platz 7 / Hans Brausewetter
In dem etwas kleineren Häuschen, was Sie hier rechts sehen, hat Hans Brausewetter gewohnt. Brausewetter wurde 1899 geboren und wurde nach mehreren begonnen und wieder abgebrochenen Studien Schauspieler. Er trat sowohl im Theater, vor allem im Deutschen Theater Berlin auf, als auch im Film. Dort spielte er häufig einen bei Frauen erfolglosen, aber sympathischen Typen. Brausewetter hatte als Jugendlicher am Ersten Weltkrieg teilgenommen und hatte 1926 als einziger Deutscher eine Rolle in dem monumentalen Antikriegsfilm „Verdun“ von Léon Poirier. Brausewetter spielte in mehr als 100 Filmen mit. Im Dritten Reich geriet er aufgrund seiner Homosexualität mehrfach in Konflikt mit dem NS-Regime. So wurde Brausewetter im Oktober 1936 wegen Verstoßes gegen § 175 in Berlin verhaftet. Durch Intervention der Schauspielerin Käthe Haack bei Goebbels wurde er jedoch wieder freigelassen. Brausewetter starb während eines Bombenangriffs auf Berlin im April 1945.

Wir gehen nun ein Stück weiter, bleiben aber auf der Mittelinsel, bis kurz nach der südlichen Einmündung der Kastanienallee auf den Branitzer Platz.

Station 8: Branitzer Platz II

Kastanienallee 34
Kastanienallee 34 Bild: BA-CW, Hischer

Station 8.1: Kastanienallee 34 / Alfred Braun
Hier wohnte der Rundfunkpionier Alfred Braun. Er wurde am 3. Mai 1888 in Berlin geboren und erhielt 1907 nach seiner Ausbildung bei Max Reinhardt sein erstes Engagement als Schauspieler am Berliner Schiller-Theater. Ab November 1924 begann Brauns Tätigkeit beim Rundfunk, zunächst als Sprecher, später auch als Regisseur der Funk-Stunde Berlin, dem ersten Radiosender Deutschlands. In die Rundfunkgeschichte eingegangen ist seine Live-Reportage von der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Thomas Mann am 10. Dezember 1929. Der Machtantritt der Nationalsozialisten beendete 1933 vorläufig Brauns Karriere. Er war zeitweilig inhaftiert und ging nach seiner Entlassung über die Türkei in die Schweiz. Dort arbeitete er als Schauspiellehrer und war in der Spielzeit 1937/38 Regisseur am Stadttheater Basel. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kehrte er aber nach Deutschland zurück und arbeitete als Regieassistent, Sprecher und Drehbuchautor. 1954 wurde er zum ersten Intendanten des neugegründeten Sender Freies Berlin gewählt. Alfred Braun starb am 3. Januar 1978 und wurde auf dem Friedhof Heerstraße begraben.

Wir gehen auf dem Platz noch einmal ein Stück weiter bis kurz vor die westliche Einmündung der Eichenallee.

Station 9: Branitzer Platz III

Branitzer Platz 5
Branitzer Platz 5 Bild: BA-CW, Hischer

Station 9.1: Branitzer Platz 5
Auch das große weiße Wohnhaus am Branitzer Platz 5 ist von dem Architekten Uterwedde, in Zusammenarbeit mit den Architeken Zaal und Vahl. Wenn man die drei Häuser noch einmal Revue vor dem inneren Auge Revue passieren lässt, kann man Uterweddes große Bandbreite architektonischen Könnens feststellen. Das Haus wurde mehrmals umgebaut und steht jetzt unter Denkmalschutz. Die Steingartenanlage stammt von der Firma Ludwig Späth, die auch den Hubertus-Sportplatz angelegt hat.

Station 9.2: Branitzer Platz 4
Das altertümlich wirkende Haus rechts auf der anderen Seite der Eichenallee wurde 1892 für den Fabrikanten Franz Wigankow erbaut und ist wieder ein Beispiel für den Historismus in der Architektur. Das spätromanische Fenster im Erdgeschoss soll auf die Verwurzelung in der Blütezeit mittelalterlichen Kaisertums hinweisen und folgt damit auch dem Denken Kaiser Wilhelms II.

Nun gehen wir die Eichenallee entlang und biegen dann rechts in die Eschenallee.

Station 10: Eschenallee 9

Eschenallee 9 / Botschaft der Vereinigten Republik Tansania
Eschenallee 9 / Botschaft der Vereinigten Republik Tansania Bild: BA-CW, Hischer

Station 10.1:Eschenallee 9 / Botschaft der Vereinigten Republik Tansania
Tansania liegt am Indischen Ozean in Ostafrika. Die rund 50 Millionen Tansanier sprechen 125 Sprachen, größtenteils Bantusprachen, aber auch Arabisch sowie indische Sprachen. Hauptstadt des Staates ist Dodoma, Regierungssitz und größte Stadt ist jedoch die Küstenstadt Daressalam. Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung sind Muslime, ein Drittel Christen und ein Drittel Anhänger von Naturreligionen.

Ab 1885 erwarb die Gesellschaft für deutsche Kolonisation Ansprüche auf Teile des Binnenlandes und versuchte, eine Kolonie zu begründen. Ihre Herrschaft brach 1888 im Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung zusammen, woraufhin das Deutsche Reich mit militärischen Kräften die Gebiete eroberte, aus denen dann die Kolonie Deutsch-Ostafrika wurde, die auch Ruanda und Burundi umfasste. Im Ersten Weltkrieg wurde die Kolonie von britischen und belgischen Truppen erobert und anschließend unter den Siegern aufgeteilt. Am 9. Dezember 1961 wurde Tansania unabhängig und ist seitdem Mitglied des Commonwealth.

Gleich gegenüber ist die Botschaft der Republik Kamerun.

Station 10.2: Ulmenallee 32 / Botschaft der Republik Kamerun
Kamerun ist ein tropisches Land und liegt am Atlantischen Ozean. Es hat etwa 20 Millionen Einwohner, die 285 verschiedene Sprachen sprechen. Amtssprachen sind Französisch und Englisch, da beide Staaten Mandatsgebiete nach dem Ersten Weltkrieg in Kamerun hatten. Die Bevölkerung ist zu zwei Dritteln christlich, 20% sind Muslime. Ein großer Teil der Bevölkerung praktiziert außerdem überlieferte lokale Glaubensvorstellungen.

Auch Kamerun gehört zur deutschen Kolonialgeschichte. 1868 wurden deutsche Handelsniederlassungen in Kamerun errichtet. 1884 proklamierte der deutsche Generalkonsul Kamerun als deutsche Kolonie, die eigentliche Kolonisierung fand dann in den folgenden 30 Jahren statt. Durch den Versailler Vertrag von 1919 wurde Kamerun Mandatsgebiet von Frankreich (80%) und Großbritannien (20%). Am 1. Januar 1960 erhielt das französische Kamerun die Unabhängigkeit, der britische Teil am 1. Oktober 1961.

Wir biegen nun links um die Ecke und gehen bis zur Ulmenallee 35.

Station 11: Ulmenallee 35

Ulmenallee 35 / Ehemaliges Kurhaus Westend für Nervenleidende
Ulmenallee 35 / Ehemaliges Kurhaus Westend für Nervenleidende Bild: BA-CW, Hischer

Station 11.1: Ulmenallee 35 / Ehemaliges Kurhaus Westend für Nervenleidende
Das Kurhaus Westend für Nervenleidende und der links im Garten liegende Pavillon wurden 1896-1897 von Heinrich Seeling gebaut, der uns ja als Baustadtrat und Theaterarchitekt schon mehrfach auf unseren Kiezspaziergängen begegnet ist. Die Erweiterung des Gebäudes oblag Adolf Wollenberg. Auf dem Gelände befand sich auch die Nervenheilanstalt Charlottenburg mit der Adresse Eschenallee 3, die 1887 als „Privat-Irrenanstalt“ gegründet wurde und aus denen 1910 die „Kuranstalten Westend“ hervorgingen. 1952 wurden die Kuranstalten von der vier Jahre zuvor gegründeten Freien Universität übernommen und zur Psychiatrischen Klinik und Poliklinik umgewidmet. Im Januar 2015 ist die Klinik an den Campus Benjamin Franklin an den Hindenburgdamm umgezogen.

Danach wurde die Klinik zur Flüchtlingsunterkunft umgestaltet. Frau Delever, die Leiterin der Unterkunft, habe ich Ihnen ja bereits vorgestellt. Sie wird uns nun etwas zu ihrer Arbeit sagen. Ich übergebe nun das Mikrofon an Frau Delever.

Vielen Dank, Frau Delever!

Zur Unterstützung der Geflüchteten in Westend hat sich ziemlich schnell die Initiative „Willkommen in Westend“ gegründet. Aus dieser Arbeit entstand der Verein Interk(ult)uranstalten e.V. mit der Projektidee ULME 35, die das ehemalige Kurhaus Westend zu einem Begegnungsort für alle hier lebenden Menschen machen möchte. Schwerpunkt soll die Arbeit mit geflüchteten Frauen sein. Aber auch Kunst und Kultur sollen hier Platz finden, denn in einem Teil des Hauses sollen Ateliers für Künstler und Künstlerinnen entstehen. Zudem sind ein Café, ein Buchladen und eine Bibliothek geplant, sowie Seminar- und Beratungsräume, eben alles was so eine Begegnungsstätte braucht. Ich möchte aber nicht allzu viel erzählen, sondern reiche das Mikrofon an Frau von Huelsen-Poensgen weiter.

Vielen Dank, Frau von Huelsen-Poensgen!

Nun gehen wir weiter bis zur Kirschenallee, dort biegen wir links ein und dann wieder rechts in die Eichenallee bis zur Kirche Neu-Westend in der Eichenallee 45/47.

Station 11.2: Eichenallee 37 / Alfred Cogho
Auf dem Weg dorthin kommen wir an der Ecke Kirschenallee / Eichenallee an dem links liegenden Eckhaus Eichenallee 37 vorbei, in dem Alfred Cogho gewohnt hatte. Alfred Cogho wurde am 7.4.1923 geboren und war als Schauspieler seit den 50-er Jahren immer wieder auf der Leinwand und im Fernsehen zu sehen. Bekannt wurde er aber als Bühnenschauspieler. Ab 1945 hatte er ein Engagement beim Deutschen Theater, das erste Theater, in dem nach dem Krieg wieder gespielt werden konnte. Dort lernte er auch seine Frau Lieselotte Noelle kennen. Lieselotte Noelle und Alfred Cogho waren im Laufe ihres Lebens auf verschiedenen Ost- und Westberliner Bühnen, im Deutschen Theater, an der Volksbühne, an der Freien Volksbühne, an der Schaubühne und an der Tribüne zu sehen. 2006 zogen sie sich zurück. Anfang Mai starb Alfred Cogho in einer Altersresidenz in Überlingen am Bodensee, kurz darauf seine Frau.

Station 11.3: Eichenallee 43 / Botschaft der Kirgisischen Republik
Wenn wir dann von der Kirschenallee in die Eichenallee eingebogen sind, kommen wir recht bald zur Botschaft der Kirgisischen Republik. Kirgistan liegt in Zentralasien und hat ca. 5,5 Millionen Einwohner. Die Hauptstadt ist Bischkek. 94% der Landesfläche sind gebirgig, nur auf 20% der Fläche ist das Betreiben von Landwirtschaft möglich. Der höchste Berg ist 7439 m hoch. 64,9% der Bevölkerung sind Kirgisen. Es gibt zahlreiche weitere unterschiedliche Volksgruppen in Kirgistan, vor allem Usbeken, Russen, Uiguren, Ukrainer u.a. Anfang der 90er Jahre gab es auch noch 100.000 Deutsche, heute wird ihre Anzahl auf 12.000 geschätzt. Einen zentralen Platz in der kirgisischen Kultur haben die Pferdezucht und die Jagd mit Falken und Windhunden. Der wohl bekannteste moderne kirgisische Autor war der in russischer Sprache schreibende Tschingis Aitmatow.

Und nun in die Eichenallee 47.

Station 12: Eichenallee 47 / Evangelische Kirchengemeinde Neu-Westend

Eichenallee 47 / Evangelische Kirchengemeinde Neu-Westend
Eichenallee 47 / Evangelische Kirchengemeinde Neu-Westend Bild: BA-CW, Hischer

Die evangelische Gemeinde Neu-Westend entstand 1957 durch Abspaltung von der Epiphanien-Gemeinde. Dazu brauchte man natürlich auch eine neue Kirche. Als Standort für einen Kirchenbau war zunächst der Branitzer Platz vorgesehen, der bis 1897 Kirchplatz hieß. Die damalige Stadt Charlottenburg lehnte dessen Bebauung jedoch ab. In den Jahren 1958–1960 entstand dann nach den Entwürfen von Konrad Sage und Karl Hebecker ein Kirchengebäude mit einer Kapazität für 500 Besucher. Einweihung war am 3. April 1960. Die Kirche ist ein fünfeckiger, zeltartiger Saalbau mit verkupfertem Dach. Hier ein Ausschnitt von G. Jedermanns Text auf der Gemeindewebseite. Ich zitiere:

„Der Architekt, Herr Prof. Sage, hat sich jahrelang um dieses Projekt bemüht; dann war es sein Gedanke, dass die Kirche wie ein unregelmäßiger Kristall aus dem Boden wachsen und ein hohes schweres Dach, das nach der Altarseite tief heruntergeht, sie schützend abschließen sollte. …

Auch das Innere der Kirche sollte in seiner besonderen Gestaltung aufmerksam betrachtet werden. Die Decke und ein Teil der Wände sind fast im Zustand des Rohbaus gehalten, die Altarwand und die unteren Flächen der übrigen Wände sind zum großen Teil mit schönem afrikanischen Mansoniaholz verkleidet. … Alles was dem Gottesdienst dient, steht an der Altarseite beieinander: Lesepult, Altar, Kanzel, Taufbecken, Chorraum und Orgel. Dies und die Führung der Wand sowie die tief herabgehende Decke ziehen förmlich den Blick nach vorn. Die Kirche hat dadurch die Atmosphäre der Sammlung, die, wenn auch unbewußt, fast alle Besucher des Gottesdienstes beherrscht. …“

Auf der abgeschrägten Dachfläche im Nordosten des Kirchenschiffs sind neben- und übereinander insgesamt zehn dreieckige Dachgauben angeordnet, durch deren Fenster die Morgensonne auf den Altar fällt. Der Giebel der Westwand ist über der Höhe des Erdgeschosses mit 15 gegenseitig verschobenen Dreiecken verglast, sie bilden die Hauptquelle für das Tageslicht. Dagegen ist der Giebel im Osten durchgängig mit Kupferplatten behängt. Alles, was dem Gottesdienst dient, stammt fast ausschließlich aus der Bebauungszeit und wurde von den Architekten selbst entworfen.

Das auffälligste von außen ist der freistehende Glockenturm. Die Ummantelung des Glockenstuhls ist aus vier dreieckigen Metallkörpern, die an einen Weihnachtsbaum erinnern. Der Turm musste 1993 wegen Bauschäden abgerissen werden. 1994 wurde der Unterbau originalgetreu wiederhergestellt, der Glockenträger unverändert wieder verwendet. An Heiligabend findet seit dem Jahr 1959 spätabends auf dem Turm ein Turmblasen statt. Zu diesem Ereignis kommen meist mehrere Hundert Besucher zur Kirche.

Wir gehen nun auf der gegenüberliegenden Gehwegseite vor bis zur Ecke.

Station 13: Bolivarallee 9 / Miethaus von Peter Behrens

Bolivarallee 9
Bolivarallee 9 Bild: BA-CW, Hischer

Station 13: Bolivarallee 9 / Miethaus von Peter Behrens
Die Eckhausanlage schräg gegenüber in der Bolivarallee 9 stammt von Peter Behrens und wurde von 1929 bis 1930 gebaut. Es sind Stahlskelettbauten, die mit Mauerwerk ausgefacht sind. Die Anlage steht unter Denkmalschutz. Peter Behrens, der von 1888 bis 1940 lebte, ist uns auch schon bei unserem letzten Kiezspaziergang begegnet, als Chef-Industrie-Designer bei AEG. Er war aber nicht nur das, sondern auch Maler und schon vor dem Ersten Weltkrieg als Architekt Wegbereiter der neuen Sachlichkeit.

Jetzt haben wir Alt-Westend verlassen und sind in Neu-Westend, was seit 1913 rund um die Reichsstraße entstanden ist. Die Bebauung ist mit derjenigen der Villenkolonie nicht zu vergleichen: Es handelt sich größtenteils um gut ausgestattete Miets-, Reihen- und Einfamilienhäuser.

Station 14: Steubenplatz

Steubenplatz
Steubenplatz Bild: BA-CW, Hischer

Station 14.1: Steubenplatz
Der Platz wurde um 1930 angelegt und nach Friedrich Wilhelm Graf von Steuben (1730-1794) benannt. Steuben war preußischer General und kämpfte unter Friedrich II. in den Schlesischen Kriegen. 1777 schloss er sich im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kontinentalarmee an, in der er preußische Exerziermethoden und Dienstvorschriften einführte, und nahm mit eigenen Truppenkommandos am Kampf gegen die Engländer teil.

Auf der Mittelinsel des Platzes steht seit 1961 die Reiterskulptur “Der Sieger”. Sie wurde 1902 von Louis Tuaillon ursprünglich für den Wannseer Wohnsitz von Geheimrat Hans Arnhold, dem heutigen Sitz der American Academy, geschaffen. 1997 wurde die Plastik restauriert.

An der Westseite befindet sich der unter Denkmalschutz stehende U-Bahnhof Neu-Westend.

Station 14.2: U-Bahnhof Neu-Westend
Der U-Bahnhof Neu-Westend wurde 1922 eröffnet. Die ersten Bauarbeiten wurden allerdings bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen, um die U-Bahnlinie weiter in Richtung Ruhleben zu verlängern. Es wohnten damals aber noch zu wenig Menschen in der Gegend, als dass sich ein U-Bahnhof wirtschaftlich hätte rechtfertigen lassen.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Wohnsituation geändert, sodass die Hochbahngesellschaft den Ausbau des Bahnhofs fortführte. Sie beauftragte Alfred Grenander mit dem Entwurf. Aufgrund der damaligen schlechten Wirtschaftslage und den damit einhergehenden knappen Mitteln erhielt der Bahnhof nur einen grünen Anstrich. Eine Besonderheit hat der Bahnhof dennoch: Nach dem Neubau des Bahnhofs Nollendorfplatz 1926 gab es für das Eingangsportal des alten U-Bahnhofs keine Verwendung mehr, sodass dieser nun den U-Bahnhof Neu-Westend ziert. Der aus Muschelkalk bestehende Eingang mit Säulen und Laternen ist demnach älter als der Bahnhof selbst.

Station 14.3: Reichsstraße 80b / Westend-Klause
Die Wohnanlage an der Reichsstraße 80b wurde 1924-27 von Peter Jürgensen gebaut. Darin befindet sich die Westend-Klause, die 1927 eröffnet wurde. Die Alt-Berliner Eckkneipe ist u.a. aus zwei Gründen besonders bekannt, zum einen wurden hier in den 80er-Jahren zahlreiche Folgen der Drei Damen vom Grill mit Brigitte Mira und Brigitte Grothum gedreht. Zum anderen wurde sie die Stammkneipe von Joachim Ringelnatz, als er 1930 von München nach Berlin zog. Berühmt war Ringelnatz nicht nur seiner schrägen Gedichte wegen, sondern auch und vor allem, wie er sie auf Kleinkunstbühnen vortrug. Dort wurden er und seine Gedichte lebendig. Die Nazis machten seiner Kunst ein Ende und verbrannten seine Werke. Ringelnatz zog sich zurück. 1934 starb er in bitterer Armut in seinem Wohnhaus am Brixplatz in Neu-Westend und wurde auf dem Friedhof Heerstraße beerdigt.

Zum Schluss noch zwei Kostproben Ringelnatzscher Dichtkunst:

Morgenwonne
Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich »Euer Gnaden«.
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Denn auf den letzten Teil der Reise.
(So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.)

Und dann noch einen Hinweis: In der Epiphanienkirche findet morgen, Sonntag, den 12.6., um 18 Uhr ein Konzert mit Ulrike Blume und Anna Lusikov statt. Es werden Orgelkompositionen für vier Hände und vier Füße gespielt von Albrechtsberger, Berwald, Höpner, Gade, Labor und Rutter. Der Eintritt ist frei, aber die Epiphaniengemeinde freut sich natürlich über Spenden.

Und jetzt freue ich mich auf die Eröffnung des Jubiläumsjahrs mit der Interessensgemeinschaft Reichsstraße. Für das leibliche Wohl sorgen das Ristorante Piccolo Mondo und die Salumeria Via Vai. An einem Stand wird es Informationsmaterial zur IG Reichsstraße geben und unser neues Bezirksmagazin. Bei einer Verlosung können Einkaufsgutscheine für die Geschäfte der Reichsstraße gewonnen werden.

Der Kiezspaziergang ist damit beendet. Ich erinnere Sie noch einmal an das Datum und den Treffpunkt des 175. Kiezspaziergangs, der am Samstag, den 9. Juli, um 14 Uhr stattfindet, Treffpunkt ist der Eingang des Alten Luisenfriedhofs oder Luisenfriedhof I. Viel Spaß hier auf dem Steubenplatz!