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Kiezspaziergang am 11.5.2002

Vom S-Bhf Pichelsberg durch die Murellenschlucht bis zum U-Bhf Ruhleben

Sozial- und Umweltstadträtin Martina Schmiedhofer
Treffpunkt am S-Bhf Pichelsberg

Pichelsberg

Während Pichelsdorf, Pichelswerder und der Pichelssee jenseits der Bezirksgrenze liegen und zu Spandau gehören, liegen der Pichelsberg und der zugehörige S-Bahnhof in Charlottenburg. Auf dem Pichelsberg entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein Forsthaus, in dem auch Speisen und Getränke angeboten wurden, woraus wohl der Name des Berges entstanden ist. 1798 ließ Graf Kameke neben dem Forstaus einen 11 mal 13 Meter großen, von einem Säulengang umgebenen Pavillon bauen, der schnell zu einem beliebten Ausflugsziel wurde. Auf halber Höhe am Berg entstand 1873 das Restaurant “Reichsgarten”. 1874 wurde die Chaussee von Charlottenburg nach Pichelsberg, die heutige Heerstraße, fertiggestellt, und 1875 die Chaussee von Beelitz nach Pichelsberg, die heutige Havelchaussee.

Försterei, Pavillon und Reichsgarten wurden 1943 stark beschädigt, die Försterei 1952 abgetragen und der Pavillon 1964 abgerissen. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Filmstudiogelände seit 1958 wurden bis 1970 von Franz-Heinrich Sobotka und Gustav Müller drei Wohnblöcke mit 12 bis 16 Stockwerken gebaut und 1974 ein Sport- und Erholungszentrum mit Tennisplätzen, Sauna und Schwimmbad eröffnet. Von dem einstigen Ausflugsziel ist nichts übrig geblieben.

Am 2. Mai 1819, einen Monat nach dem Attentat des Jenaer Burschenschaftlers Carl Ludwig Sand auf den Schriftsteller August von Kotzebue, fand auf dem Pichelsberg ein ‘revolutionäres Treffen’ von Burschenschaftlern statt, von dem die Nachwelt durch einen von der Polizei abgefangenen Brief eines Studenten erfuhr. An dem Treffen nahmen auch die beiden protestantischen Theologen Wilhelm Martin Leberecht De Wette und Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher und der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel teil. Nach revolutionären Gesängen ging das Fest in ein Gelage über. Am Ende hatten die Festteilnehmer 175 Glaschen Rheinwein zu insgesamt 123 Talern geleert und für fast drei Taler Glas zerschlagen.

Gretel-Bergmann-Weg

Benannt nach der am 12.4.1914 in Laupheim geborenen deutschen Weltklasse-Hochspringerin, die als Jüdin 1936 von den Nationalsozialisten daran gehindert wurde, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, obwohl sie am 27.6.1936 mit 1,60 den deutschen Rekord eingestellt hatte. 1937 verließ sie Deutschland für immer und emigrierte in die USA.

Eingang Murellenschlucht

Wir stehen annähernd in der Ost-West-Achse des Olympiageländes, vor uns der Eingang der Murellenschlucht, rechts das Gelände der Waldbühne, links hinter dem Parkplatz der Erdgasspeicher der Gasag, hinter uns das Landesleistungszentrum für Leichtathletik. Ein kleiner Exkurs zum:

Olympiagelände

Das ehemalige Reichssportfeld mit Olympia- und Schwimmstadion, Sportforum, Maifeld und Waldbühne war ursprünglich eine Pferderennbahn. Sie wurde für die 1916 geplanten Olympischen Spiele ab 1909 nach Plänen von Otto March bebaut. 1926-38 wurde auf dem nördlich angrenzenden Terrain ebenfalls nach Entwürfen von Werner March das Deutsche Sportforum gebaut. Seit 1931 Umbau in Hinblick auf die XI. Olympischen Spiele. 1934-36 Totalabriss und Neubau des Reichssportfeldes unter Einbeziehung des Sportforums, des Parkgeländes und des heutigen Reiterstadions unter der Bauleitung von Werner March. 1936 Schauplatz der XI. Olympischen Spiele. Das Olympiastadion diente im Krieg als Flakstellung. Es wurde schwer beschädigt. 1945 bis 1994 stand das Gelände unter der Verwaltung der Britischen Streitkräfte, 1963 wurde das Olympiastadion und das Schwimmstadion in die Verwaltung des Landes Berlin überführt. Im Zuge der Auflösung alliierter Rechte wurden sämtliche Bauten des Olympiageländes an den Bund übergeben und 2001 auf das Land Berlin übertragen. – Das Gelände soll bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in einen “Olympiapark”, einen attraktiven Ort für Sport, Kultur und Freizeit umgestaltet und von einer gemeinsamen Betreiber-Gesellschaft öffentlicher und privater Teilhaber gemanagt werden.

Vor uns erstreckt sich das Gelände, das wir heute kennen lernen wollen: die Murellenschlucht mit der Anhöhe des Murellenberges und weiter nördlich angrenzend ein weitläufiges Gelände, das schon zu Kaisers Zeiten militärisch genutzt wurde. In der Zeit des 3. Reichs war es Kaserne und Exerzierplatz, nach dem Krieg wurde es von den Briten genutzt. Seit dem Abzug der Alliierten ist es ein Übungsgelände der Polizei. Später mehr dazu.

Die Waldbühne

Auf dem Areal des ehemaligen Reichssportfeldes wurde die Waldbühne im 30 m tiefen Kessel der Murellenschlucht von Werner March angelegt. Er nutzt dabei geschickt die vorhandene Geländeform. Gemäß der nationalsozialistischen Konzeption als kultische und nationale “Weihestätte” wurde sie im Stil eines griechischen Theaters für 20.000 Zuschauer errichtet und nach dem überzeugt antisemitischen und nationalsozialistischen Schriftsteller Dietrich-Eckart-Bühne genannt. 1961 wurde der kriegsbeschädigte Bühnenbereich wieder hergestellt, 1982 die Zeltdachkonstruktion über der Bühne. Nach dem Krieg zunächst vor allem für Boxveranstaltungen genutzt, entwickelte sich die Waldbühne nach der Instandsetzung zu einem kulturellen Veranstaltungsort. In Folge der Tumulte bei einem Rolling-Stones-Konzert 1965 und wegen der unkalkulierbaren Witterungsverhältnisse nur noch vereinzelte Nutzung in den 60er und 70er Jahren. Seit Anfang der 80er Jahre Wiederentdeckung der Waldbühne für Open-Air-Veranstaltungen: Rock-, Pop- und Klassikkonzerte, sowie Kinovorstellungen.

Hinter der Waldbühne geht die Murellenschlucht in das Tal der Fließwiese über, die ihren Namen einer Fließrinne verdankt, die ursprünglich weiter Richtung Norden durch das Spreetal verlief und in die Spree mündete. Unsere Wanderung führt an einem Teil der Fließwiese vorbei.

Der Verkehrsspiegel, vor dem wir stehen, markiert den Ausgangspunkt des “Denkzeichens zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg” von der Berliner Künstlerin Patricia Pisani, das erst am vergangenen Mittwoch eingeweiht wurde. Am Murellenberg existieren militärische Anlagen mit Kasernen und Schießständen seit der Zeit um 1840, nach dem 2. Weltkrieg von den Alliierten und heute von der Polizei genutzt. Unter den Nationalsozialisten wurde hier eine “Wehrmachtshinrichtungsstätte” errichtet: In der Murellenschlucht, am Hang des Murellenberges wurden zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 Deserteure, Wehrdienstverweigerer und Befehlsverweigerer unterschiedlicher Dienstgrade, mehrheitlich nach Urteilen des Reichskriegsgerichtes, standrechtlich erschossen. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, ca. 230 sind bisher namentlich ermittelt; viele der Exekutierten wurden im Spandauer Fort Hahneberg beerdigt. Erst 1998 hob der Deutsche Bundestag per Gesetz die rechststaatswidrigen Entscheidungen der “NS-Terrorjustiz” auf und sprach den Opfern “Achtung und Mitgefühl” aus.

Eine Initiative der evangelischen Kreissynode und einzelner Bürger bemühte sich seit 1994, später unterstützt von der Bezirksverordnetenversammlung, um die Errichtung einer Erinnungsstätte; im Herbst 2000 lobte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einen Wettbewerb für ein Mahnmal aus. Im März 2001 entschied sich die Jury einstimmig für den Entwurf der Berliner Künstlerin Patricia Pisani: 104 Verkehrsspiegel wurden entlang des Waldweges von der Glockenturmstraße am Olympiastadion bis in die Nähe des Erschießungsortes hinter der Waldbühne aufgestellt; der authentische Ort ist nicht zugänglich, da er sich innerhalb eines polizeilichen Sperrgebietes befindet. Auf 16 Spiegeln informieren eingravierte Texte über das Geschehen in der Murellenschlucht. Die Künstlerin erklärt ihre geplante Installation folgendermaßen: Wie Verkehrsspiegel auf Gefahrenstellen im Straßenverkehr hinweisen, sollen sie auch hier eine spezifische Situation vor Augen führen, die außerhalb des Gesichtsfeldes liegt und auf diese Weise virtuell auf die verdrängten Verbrechen der NS-Justiz verweisen.

Einer der 16 beschrifteten Spiegel steht vor dem ehemaligen Reichskriegsgericht, dem heute leerstehenden nachmaligen Kammergericht in der Witzlebenstraße und verweist auf die Geschehnisse im Gebäude und auf diesen Ort.

Ich schlage vor, den Weg langsam zu begehen, damit jeder ausreichend Zeit hat, sich den Text auf den beschrifteten Spiegeln durchzulesen.

Am Fuß der Treppe versammeln wir uns wieder und machen einen kleinen Abstecher in die Murellenschlucht.

Bitte Vorsicht! Die Treppen sind in schlechtem Zustand und sollen demnächst instandgesetzt werden.

Murellenschlucht

Die für Berliner Verhältnisse ausgesprochen bewegte Geländeoberfläche ist eiszeitlich entstanden. Der Murellenberg, die Pichelsberge und die Erhebung, auf der das Olympiagelände gebaut wurde, sind Teil dieser sogenannten Kameslandschaft (Warschau-Berliner Urstromtal).

Die beiden Findlinge am Ende der Schlucht zeugen von diesen eiszeitlichen Materialbewegungen.

Nach Westen hin öffnete sich die Murellenschlucht ursprünglich zum Stössensee und wurde erst durch den Bau der S-Bahn in Richtung Spandau unterbrochen.

Und noch ein weiterer Vorgang hat die Murellenschlucht stark verändert: Nach 1948 wurde die Südböschung und Teile der Schlucht mit Trümmerschutt verfüllt. Der große Parkplatz sowie die Gebäude des Erdgasspeichers stehen auf dieser Aufschüttung.

Der Höhenunterschied zwischen dem Talgrund und dem Murellenberg beträgt knapp 30m.

Wir stehen vor dem Südhang des Murellenberges. Die Bedeutung dieses Hanges insbesondere für die Wildbienenfauna war einer der wesentlichen Gründe, das Gebiet unter Naturschutz zu stellen. Die Ausrichtung dieses Hanges nach Süden und die damit zusammenhängende starke Sonneneinstrahlung, der sandige Boden sowie die lockere Krautschicht mit vielen vegetationsfreien Stellen bilden ideale Bedingen für die Hautflügler, die ihre Nester im Boden anlegen und auf derart trocken-warme Standorte angewiesen sind.

Nach der Bundesartenschutzverordnung gelten alle Wildbienen als gefährdet und stehen deshalb unter besonderem Schutz.

An diesem Standort einschl. dem Bereich des Übungsgeländes wurden bei einer Untersuchung in den Jahren 1991/92 insgesamt 101 Arten nachgewiesen.

Ebenfalls unter Schutz gestellt wurde der bewaldete Teil des Murellenberges und der sog. Schanzenwald; ein Bereich, der im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als Schießplatz genutzt wurde und sich seither zu einem Wald entwickelt hat.

Diese Bereiche können wir von einem anderen Standort aber besser einsehen.

Wir gehen also ein Stück des Weges zurück und laufen dann links die Treppe hoch auf den Murellenberg.

Vorsicht! Auch diese Treppe ist in einem schlechten Zustand!

Murellenberg

Sie sehen die Umzäunung des Übungsgeländes. Das Gelände ist ca. 60 ha groß und für die Öffentlichkeit nicht betretbar. Die Polizei hat sich auf Drängen des Bezirks hin bereit erklärt, den ca. 18 ha großen Schanzenwald an die Forstverwaltung zu übertragen. Für das gesamte Gelände liegt ein Landschaftsplan vor, der ein Konzept für eine behutsame Durchwegung dieses landschaftlich sehr interessanten Geländes beinhaltet.

Wir beabsichtigen gemeinsam mit der Forstverwaltung, dieses Konzept mit Mitteln für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen der Deutschen Bahn umzusetzen und den Bereich für eine sanfte Erholungsnutzung zu erschließen.

Auf den trockenen und nährstoffarmen Böden des Murellenberges und des Übungsgeländes dominiert der für Berlin so typische Kiefern-Eichenwald. Kiefern-Eichenwälder gehören laut Berliner Naturschutzgesetz zu den besonders geschützten Biotopen. Sie gelten in den neuen Bundesländern als gefährdet.

Die Baumbestände zeichnen sich aus durch eine starke horizontale Schichtung (Kraut-, Strauch-, Baumschicht) sowie einen sehr gemischten Altersaufbau mit hohem Todholzanteil. Insbesondere unter den Eichen und Kiefern gibt es einige Exemplare, die an die 300 Jahre alt sind.

Altholzbestände sind v.a. für baumbewohnende Fledermausarten (alle gefährdet), höhlenbrütende Vögel und holzbewohnende Insekten von großer Bedeutung. Durch umgestürzte Bäume ergibt sich ein urwaldartiger Eindruck.

Damit unterscheidet sich dieser Bereich deutlich von den Baumbeständen des Grunewaldes, die überwiegend aufgeforstet wurden und von ihrer Art her sog. Altersklassenbestände sind. Die Vielfalt der Lebensräume für die einheimische Tierwelt ist dort deutlich geringer und entsprechend auch die Artenzahl.

Wir gehen nun zwischen der Umzäunung der Waldbühne und dem Zaun des Übungsgeländes bis zum Zielpunkt des Denkzeichens: dem Punkt, von dem aus wir den authentischen Erschießungsort einsehen können.

Blick auf den Erschießungsort

Das Denkzeichen spricht für sich.

Nachdem sich jeder den Text durchgelesen hat noch einige Erläuterungen zur Umgebung:

Wir stehen hier nahe dem höchsten Punkt des Murellenberges. Vor uns befindet sich das Munitionsdepot, das von den britischen Alliierten für den Verteidigungsfall errichtet wurde und nun von der Berliner Polizei genutzt wird. Nach Auskunft der Polizei wird in den Lagerhäusern, die Sie hier unten sehen, alte Munition der Nationalen Volksarmee sowie beschlagnahmtes Silvesterfeuerwerk gelagert.

Die Schlucht hinter uns gehört bereits zur Ruhlebener Fließwiese. Gegenüber sehen Sie den Hang zum Olympiagelände./p>

Wir gehen den schmalen Pfad entlang des Zauns weiter.

Vor dem Kampfdorf

Das Kampfdorf wurde von den Briten zur Übung des Häuserkampfs errichtet. Es sind typische städtische Situationen nachbebaut: kleine Häuser, Hochhäuser, eine Kirche, Supermarkt, Tankstelle, Telefonzellen, ein Bahndamm mit ein paar U-Bahnwagen darauf … Das Übungsgeschehen konnte über Videokameras und Lautsprecher von einer Zentrale aus beobachtet und gelenkt werden.

Heute wird diese Einrichtung ebenfalls von der Polizei und angeblich auch anderen Einrichtungen w.z.B. dem Bundesgrenzschutz genutzt.

An dieser Stelle noch ein paar Worte zur Geschichte des Geländes:

Im 19. Jahrhundert erwies sich die Umgebung der Fließwiese Ruhleben für die Anlage von Schießständen als günstig. 1855 wurde eine Gewehrprüfungskommission etabliert, aus der 1860 eine Militärschießschule und 1883 eine Infanterieschießschule hervorging.

Durch die großräumige Anlage von Schießständen wurde für Jahrzehnte eine Bebauung verhindert.