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Stolperstein Kurfürstendamm 141

Bildvergrößerung: Hauseingang Kurfürstendamm 141
Hausansicht Kurfürstendamm 141
Bild: Stolperstein-Initiative CW, Hupka

Dieser Stolperstein wurde am 28.10.2020 verlegt und von Günther Butkus, Pendragon-Verlag, gespendet.

Bildvergrößerung: Stolperstein Kurfürstendamm 141, Dr. Erich Bragenheim
Stolperstein Dr. Erich Bragenheim
Bild: Stolperstein-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
DR. ERICH
BRAGENHEIM
JG. 1896
DEPORTIERT 4.8.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Erich Kurt Bragenheim kam am 21. Juni 1896 als Sohn des Fabrikbesitzers Isidor Bragenheim (geb.12. September 1861) und dessen zweiter Ehefrau Recha geborene Israel (geb. 26. Mai 1867) in Bromberg in der damaligen preußischen Provinz Posen zur Welt (heute Bydgoszcz in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern, województwo kujawsko-pomorskie). Über seine Geschwister gibt es unterschiedliche und schwer verifizierbare Informationen. Relativ sicher scheint, dass er einen jüngeren Bruder Hans (geb. am 15. November 1886 in Güstrow) hatte, der 1943 in Berlin verstorben sein soll.

Im Berliner Adressbuch von 1932 ist in der Frobenstraße 20 in Spandau, wo Erich Bragenheim damals wohnte, auch ein Kaufmann Karl Bragenheim verzeichnet. In der Pflügerstraße 27 in Neukölln lebten gleichzeitig vier Bragenheims – der Rentier I., der Vertreter Hans, der Beamte Isidor und der Handelsvertreter Walter. Ob es sich bei dem Rentier um Erichs Vater Isidor und bei den drei weiteren Männern um seine Brüder handelt, konnte nicht geklärt werden. Im Adressbuch 1937 steht Dr. med. Erich Bragenheim als praktischer Arzt unter der Adresse Kurfürstendamm 141, der Vertreter Hans Bragenheim weiterhin in der Pflügerstr 27. Die drei anderen Bragenheims sind nicht mehr erwähnt. 1939 ist für Erich Bragenheim kein Adresseintrag mehr zu finden – er war zwangsweise in einer sogenannten „Judenwohnung“ untergebracht – wohl aber nach wie vor für Hans Bragenheim. 1941 ist auch er nicht mehr verzeichnet.

Im Ersten Weltkrieg diente der junge Erich – gerade um die 20 Jahre alt – als Unteroffizier, wurde u.a. mit dem Verwundetenabzeichen und dem „Eisernen Kreuz Erster Klasse“ ausgezeichnet und geriet in französische Gefangenschaft. Wie so viele deutsche Männer jüdischen Glaubens, die damals eingezogen waren oder sich freiwillig zum Dienst für das Vaterland gemeldet hatten, glaubte er nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten vor deren Verfolgung geschützt zu sein, denn er hatte für sein deutsches Vaterland gekämpft, sein Leben riskiert und war mehrfach ausgezeichnet worden.

Erich Bragenheim studierte Medizin an verschiedenen deutschen Universitäten und auch in Berlin, promovierte, wurde 1924 approbiert und ließ sich als praktischer Arzt mit einer kleinen Privatklinik am Kurfürstendamm 141 nieder. Er wohnte auch in diesem Haus und lud als sehr charmanter und geselliger Mensch regelmäßig zu Gesellschaften in seine Wohnung ein.

1929 lernte er Irmgard Weckmüller kennen, die im März 1911 ebenfalls in Bromberg geboren worden war. Sie arbeitete als Verkäuferin in der Firma Abraham, einem Fachgeschäft für Teppiche, Gardinen etc. in Berlin-Mitte. Später wechselte sie – ausgestattet mit einem sehr guten Zeugnis – als Einkäuferin in das Kaufhaus des Westens (KDW). Bald stellte Dr. Bragenheim die 15 Jahre jüngere Irmgard seinen Gästen vor und erklärte, dass sie heiraten wollten. Die Beiden reisten viel – er zeigte ihr die Welt. 1935 verlobten sie sich in der Schweiz.

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Erich Bragenheim und Irmgard Weckmüller
Bild: Anke Gebert

Das Paar musste die Hochzeitspläne aber zunächst zurückstellen, da Erich Bragenheims Bruder Karl bei ihm einzog, der im Adressbuch 1937 nicht mehr mit einer eigenen Adresse erwähnt ist. Er hatte wohl ein Autohaus betrieben und war infolge der ab April 1933 von den Nazis systematisch organisierten und stetig zunehmenden Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäftsleute, Gewerbetreibende und Freiberufler in wirtschaftliche Not geraten. Unmittelbar nach Verkündung der sogenannten „Nürnberger Gesetze“ im September 1935, durch die Deutsche jüdischen Glaubens praktisch aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und ihrer Staatsbürgerschaft beraubt wurden, nahm er sich das Leben.

Ebenfalls aufgrund dieser antijüdischen Gesetze – konkret des „Gesetzes zur Reinhaltung des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ – konnten Dr. Erich Bragenheim und Irmgard Weckmüller definitiv nicht heiraten. Dieses „Blutschutzgesetz“ verbot die Eheschließung und jegliche Beziehung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen. Die Verlobten musste sich also ab 1935 heimlich treffen, wozu gute Freunde ihnen die Möglichkeit gaben, und lebte in ständiger Gefahr verraten zu werden.

Im Unterschied zu vielen jüdischen Ärzten, die dem zunehmenden Boykott durch ihre nichtjüdischen und dem Nationalsozialismus zuneigenden Patienten ausgesetzt waren, konnte Dr. Bragenheim bis 1938 relativ unbehelligt in seiner Praxis arbeiten.Vermutlich hatte er etliche Patienten, die ihm zu Dank verpflichtet waren und ihn dadurch schützten. Es gab wohl Gerüchte, dass er gelegentlich Patientinnen in persönlichen Notlagen geholfen habe. Es scheint, dass er von einer Mitarbeiterin seiner Klinik wegen der sog. „Rassenschande“ – nämlich seiner Verbindung zu der nichtjüdischen Irmgard – oder wegen anderweitiger angeblicher Vergehen gegen die Nazi-Bestimmungen denunziert wurde.

Sicher ist, dass auch ihm durch die „Vierte Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 25.7.1938 die Approbation zum 30. September 1938 entzogen wurde. Seine Klinik wurde geschlossen und er selbst – laut der späteren Heiratsurkunde – zwangsweise aus der Wohnung am Kurfürstendamm 141 aus- und in ein Haus am Nürnberger Platz 4 als Untermieter eingewiesen. Bis gegen Ende November 1941 wurde Dr. Erich Bragenheim als sogenannter „Krankenbehandler“ für jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen eingesetzt. Schließlich wurde er in ein Internierungslager für Zwangsarbeiter im besetzten Polen beordert, in dem Seuchen grassierten. Er erkrankte dort selbst an Flecktyphus.

Erich schickte seiner Verlobten Briefe über Deckadressen, die sie wahrscheinlich für Antwortbriefe und möglicherweise auch Pakete nutzte. Doch plötzlich blieben seine Briefe aus. Dr. Erich Bragenheim wurde – was Irmgard natürlich nicht wusste – am 4. August 1943 nach Theresienstadt deportiert und am 10. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz verschleppt und dort in einer der Gaskammern ermordet.

Irmgard Weckmüller suchte nach dem Krieg verzweifelt nach ihrem Verlobten und gab 1947 eine Suchanzeige auf. Daraufhin meldete sich ein Mann, der mit Dr. Erich Bragenheim in Theresienstadt inhaftiert gewesen war und über sein grausames Schicksal Auskunft geben konnte. Sie kämpfte sieben Jahre lang hartnäckig darum, ihren Verlobten post mortem heiraten zu können, und legte mehrere Zeugenaussagen vor, um die schon 1935 manifeste Heiratsabsicht nachzuweisen.

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Heiratsurkunde über Eheschließung Bragenheim
Bild: Irmgard Bragenheim

1952 bewilligte der Senator für Justiz von Berlin ihr Anliegen. 1953 wurde die Heiratsurkunde ausgestellt und die Eheschließung auf den 15. November 1935 datiert. In dem Dokument steht fälschlicherweise, Dr. Erich Bragenheim sei Ende September 1943 im KZ Theresienstadt verstorben. Damals war die nationale und internationale Recherche und Dokumentation über Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft noch recht unvollständig. Heute sind die Datenbanken vielfältiger und wesentlich zuverlässiger, von Vollständigkeit aber immer noch weit entfernt.

Dies scheint ein sehr seltener – wenn nicht einmaliger – Fall einer Eheschließung post mortem in Deutschland gewesen zu sein. Irmgard Bragenheim, geb. Weckmüller, starb 1992 in einem Pflegeheim in Berlin-Zehlendorf – vermutlich nach den wenigen glücklichen Jahren mit Dr. Erich Bragenheim als sehr unglückliche Frau.

Eine Großnichte von Irmgard Bragenheim fand in ihrem Keller einen Koffer mit Unterlagen über deren Lebens- und so außergewöhnliche Liebesgeschichte.
Die Hamburger Autorin Anke Gebert hat sie in einem Roman verarbeitet: „Wo Du nicht bist“, der im Frühjahr 2020 im Pendragon-Verlag erschienen ist.

Am 16. Juli 2020 erschien über diese außergewöhnliche und sehr berührende Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte ein ganzseitiger Artikel von Maris Hubschmid im Tagesspiegel: „Ein Koffer, zwei Leben“.

Text: Gisela Morel-Tiemann nach Angaben von:
  • Hans Bragenheim: http://bragenheim.de/gedenkbuch.html
  • Anke Gebert: „Wo Du nicht bist“, Pendragon-Verlag, 2020. ISBN: 978-3-86532-672-0
  • Rebecca Schwoch: „Jüdische Ärzte als Krankenbehandler in Berlin zwischen 1933 und 1945“, Mabuse-Verlag, 2018
  • Berliner Adressbücher von 1932, 1937 und 1941
  • Volkszählung vom 17.5.1939
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933–1945, Bundesarchiv
  • Tagesspiegel, 16.7.2020, Nr. 24 241
  • Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus (hrsg, FU Berlin, Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung) Berlin, Edition Hentrich, 1995