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Mommsenstraße 39

Hauseingang Mommsenstraße 39
Hauseingang Mommsenstraße 39
Bild: Stolperstein-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine für Grete und Martin Lewinsohn wurden am 28.10.2020 verlegt.

Das Haus mit der Adresse Mommsenstraße 39 wurde im 2. Weltkrieg zerstört. An seiner Stelle führt heute die Lewishamstraße über das Grundstück. Die Stolpersteine wurden deshalb vor der Nummer 40 verlegt.

Bildvergrößerung: Stolperstein Mommsenstraße 39, Grete Lewinsohn
Stolperstein Grete Lewinsohn
Bild: Stolperstein-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GRETE LEWINSOHN
GEB. HERZFELD
JG. 1888
DEPORTIERT 19.1.1942
RIGA
ERMORDET

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Stolperstein Martin Lewinsohn
Bild: Stolperstein-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARTIN LEWINSOHN
JG. 1876
DEPORTIERT 19.1.1942
RIGA
ERMORDET

Helen Baumeister
Rackliff Iland, Maine, USA
October, 9, 2020

Grete und Martin Lewinsohn
Meine Großeltern mütterlicherseits

Ich wuchs in New York City auf und dort hörte ich von meiner Mutter viel über ihre Eltern, Martin und Grete, und über Osterode in Ostpreußen, wo sie aufwuchs.
Meine Großeltern wurden für mich wieder lebendig, als ich vor 4 Jahren Berlin besuchte und ihnen dort ein letztes Geleit geben konnte von der Mommsenstraße zum Bahnhof Grunewald, Plattform 17.
Ich bin betroffen von den Parallelen im Leben meiner Großeltern mütterlicherseits und meinem Leben. Man sagt, meine Mutter Hildegard sah meiner Großmutter ähnlich und ich würde aussehen, wie meine Mutter. Mein Bruder Martin erhielt den Namen meines Großvaters.
Grete und Martin heirateten an einem 14. Februar, ich heiratete auch an einem 14. Februar. Ihr Fotoalbum beginnt mit ihrer Hochzeitsreise nach Venedig 1912. Das ist die Stadt, die ich mit 15 Jahren zum ersten Mal besuchte.
Ich lernte kochen bei meiner Mutter, die ihrerseits bei ihrer Mutter kochen lernte.
Ich besitze noch heute Großmutters handgeschriebene Rezepte, leider in einer “krakeligen” Schrift, die ich nicht lesen kann. Aber ich weiß, wie man Gretes Eierkuchen macht, wie ich ihn liebte als Kind und wie meine Söhne und Enkel ihn lieben, von mir gemacht.
Ich habe das Familiensilber mit dem eingravierten L geerbt und wenn wir es heute benutzen, dann denke ich an meine Großeltern. Ich besitze auch noch andere Silber-Erbstücke, die meine Großmutter 1941 in einem Koffer an ihre Tochter Hildegard, meine Mutter, nach England schickte.
Ein Ergebnis meiner Reise nach Berlin 2016 ist, dass ich dadurch meine Cousine in England und den Cousin in Israel zusammenführen konnte. So wurde eine neue, 3 Länder-Beziehung und Freundschaft ermöglicht: eine Familie, in Deutschland geboren, und heute in den USA, England und Israel lebend.
Das zweite Ergebnis verdanke ich meinen Berliner Freunden Dorothee Reinhold und Martin Wiebel, die mich auf die Solperstein-Initiative hinwiesen, dem verstorbenen Helmut Lohlöffel und Karin Sievert, die die heutige Verlegung der Stolpersteine betreut und ermöglicht haben, gehören my warmest thanks!

Helen Baumeister
Rackliff Island, Maine, USA
October 9, 2020

Grete and Martin Lewinsohn
My maternal grandparents

I grew up in New York City hearing about my mother’s parents, Martin and Grete, and Osterode in East Prussia where she grew up. My grandparents came alive for me when my husband and I visited Berlin four years ago. We followed their path from Mommsenstrasse to Grunewald Station Platform 17.
I am struck by parallels between my maternal grandparents and me. My mother looked like my grandmother and I look like my mother. My brother, Martin, was named after our grandfather.

Grete and Martin were married on February 14th, as were my husband and me 64 years later. I have my grandmother’s beautiful album that she began when she married Martin in 1912. They honeymooned in Venice, a city I first visited when I was 15.

I learned to cook from my mother, who learned to cook from her mother. I have my grandmother’s handwritten recipes written in spidery script that I cannot read. But I know how to make Grete’s eierkuchen – loved by me as I grew up, my sons, and now my grandchildren.
I inherited all the Lewinsohn silverware monogramed with “L”. When I use it, I think of my grandparents. I have silver objects that my grandmother sent to my mother in a suitcase to England in 1941.

As a result of the family research I did in Berlin, I discovered a second cousin living in England and connected her with our second cousin in Israel. A new, three-way relationship and friendship was formed. Our family, born in Germany, lives on in the United States, England, and Israel.

Warmest thanks to my dear friends Martin and Doro who introduced me to their friend Helmut who initiated the stolpersteine process for me that resulted in the laying of two stones today.

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Das Geschäft der Lewinsohns
Bild: Helen Baumeister

Die Geschichte beginnt mit Martin Lewinsohn und Grete Herzfeld. Sie endet im Ghetto Riga, wohin sie am 19. Januar 1942 mit dem Zug vom Bahnhof Grunewald abtransportiert wurden. Martin wurde am 18. Dezember 1876 in Osterode*(Ostpreußen) geboren. Ostpreußen war vor dem Zweiten Weltkrieg der östlichste Teil des deutschen Reiches. Er war eines von sechs Kindern – vier Schwestern und ein Bruder. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er das Familienunternehmen – eine Destillerie, die Spirituosen, Wein und Soda herstellte.

Zwei seiner Schwestern blieben ledig und verließen nie ihr Zuhause. Eine wurde Geschäftsführerin und die andere kümmerte sich um den Haushalt. Martins Mutter, trotz Erziehung von sechs Kindern, fand Zeit, um sich um den Ausschank zu kümmern, wenn Not am Manne war. Der Ausschank war Teil des Geschäfts. Er fand im Parterre statt und war äußerst beliebt.

Bildvergrößerung: Grete Lewinsohn, geb. Herzfeld
Grete Lewinsohn, geb. Herzfeld
Bild: Helen Baumeister

Grete Herzfeld wurde am 8. April 1888 im niedersächsischen Peine bei Hannover geboren. Sie war die Älteste von drei Geschwistern. Nach dem Abitur boten sich nicht viele Möglichkeiten für Grete in ihrer Heimatstadt, und die Aussichten für eine Ehe vor Ort waren schlecht. Ihre Eltern schickten sie nach Berlin in eine Pension mit Kost und Logis und wo sie pädagogische und kulturelle Angebote wie Theater, Oper, Konzerte vorfand und eine zusätzliche Schulbildung genießen konnte.

Bildvergrößerung: Grete und Martin Lewinsohn 1921
Grete und Martin Lewinsohn 1921
Bild: Helen Baumeister

Nach einem Jahr kehrte sie nach Hause zurück. Ein Onkel, der in Königsberg/Ostpreußen lebte, arrangierte ein Treffen mit einem geeigneten jungen Mann, der Schwierigkeiten hatte, eine passende junge Dame zu finden. Sie fanden Gefallen aneinander und heirateten bald darauf, am 14. Februar 1912. Man fuhr nach Venedig in die Flitterwochen.

Bildvergrößerung: Das Wohnhaus der Lewinsohns
Das Wohnhaus der Lewinsohns
Bild: Helen Baumeister

Zehn Monate später, am 13. Dezember 1912 kam Curt auf die Welt. Martin und Grete mieteten eine große Wohnung in Osterode in der Wilhelmstraße Nr. 8. Diese nahm ein ganzes Stockwerk ein und war elegant eingerichtet.

Bildvergrößerung: Martin mit seinen Kindern Curt und Hildegard
Martin mit seinen Kindern Curt und Hildegard
Bild: Helen Baumeister

Am 17. Dezember 1916 wurde die Tochter Hildegard, geboren. Grete hatte die Aufgabe, den Haushalt reibungslos zu führen, Martin leckeres Essen zu servieren und sich um die Kinder zu kümmern. Er wurde zu Hause verwöhnt und erwartete von allem das Beste – was er bekam. Grete war gesund und munter. Sie war stets beschäftigt ohne zu ermüden und hat sich nie ausgeruht. Sie hat gebacken und Obst eingekocht. Zweimal die Woche ging sie auf den Markt, kaufte frisches Gemüse und Dinge, die der Markt zu bieten hatte.

Mitten in der Stadt lag der schöne Drewenzer See. Es war ein großer See, geeignet für alle Wassersportarten und Angeln. Grete ging dorthin, um ein schnelles Bad zu nehmen. Sie brachte Curt und Hildegard das Schwimmen bei. Sie schwammen jeden Tag nach der Schule und wenn es fror, was es jeden Winter tat, gingen sie Eislaufen.

*Hinweis: Die ehemalige deutsche Stadt Osterode in Ostpreußen ist heute Ostróda im heutigen Polen. Die jüdische Bevölkerung im Jahr 1933 betrug 123 Menschen. Im Mai 1939 hatten alle bis auf einen Juden Osterode verlassen. Im Januar 1945 wurde Osterode kampflos von der Roten Armee der Sowjetunion erobert. Mit der Eroberung durch die Sowjetunion und der Potsdamer Konferenz wurde die Stadt polnisch. Martin besaß einen Chevy Pickup für Lieferungen und installierte bewegliche Holzbänke, um Leute zu transportieren. An sonnigen Tagen kamen oft Freunde mit Picknickkörben vorbei und machten sich auf den Weg zu einem hübschen Ort. Sie brachten Decken mit, um sich auf Bänken niederzulassen. Martin saß vorne neben dem Chauffeur, um ihm den Weg zu weisen. Er selbst ist nicht gefahren.
Die Nazi-Probleme in Ostpreußen begannen früh. Als Martin aufgefordert wurde, zu erscheinen um seine Vermögenserklärung auszufüllen, ging Grete dorthin, weil sie Angst um Martin hatte. Sie wurde gezwungen – mit einer Waffe neben dem Formular -, die traurige Aufgabe zu erledigen. Mit diesem letzten Akt erkannten die Beiden den Ernst der Lage und beschlossen, nach Berlin zu ziehen. Sie teilten sich eine kleine Wohnung mit Freunden, die aus dem gleichen Grund dorthin gegangen waren. Grete und Anna, die beiden Jungtanten, folgten. Sie nahmen eine andere Wohnung – primitiv und klein.
Die vier fühlten sich irgendwie sicher, da Martin im Ersten Weltkrieg gedient hatte und mit einem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war. Er dachte, das würde ihnen helfen.

Am 19. Januar 1942 wurden sie von der Gestapo verhaftet und nach Riga in Lettland deportiert. Martin und Grete wurden Opfer des Holocaust. Die Jungtanten schafften es nach England.

Nach Curts Abitur mit 18 Jahren ging er an die Universität Freiburg, um Medizin zu studieren. Er hatte halb fertig studiert, durfte aber nicht weitermachen. Um sich auf ein Leben in Palästina vorzubereiten, ging er in die Niederlande, um für einen Bauern zu arbeiten. In Palästina lebte er in einem Kibbuz, wo er seine Frau kennenlernte. Seinen Namen änderte er von Curt Lewinsohn in Yoram Ariely. Er arbeitete als Buchhalter. Curt starb im Januar 1982.

Nach der Schule zog Hildegard nach Berlin. Von 1934 bis 1935 arbeitete sie – in Vorbereitung auf ein Jahr in Israel – im jüdischen Kinderwaisenhaus in Ost-Berlin. Von 1935 bis 1936 absolvierte sie eine Krankenschwesterausbildung an der Jüdischen Kinderklinik in Charlottenburg (Berlin) und von 1936 bis 1938 eine Krankenpflegeausbildung im Jüdischen Krankenhaus in Frankfurt am Main und legte das Staatsexamen ab. Das Krankenhaus beschäftigte sie, bis sie im April 1939 nach England aufbrach.

Sie fand in Sheffield einen Job durch eine jüdische Organisation als Krankenschwester im Kinderkrankenhaus. Hildegard heiratete im Mai 1940 in Blackburn. Zwei Wochen nach der Hochzeit emigrierte ihr Mann in die Vereinigten Staaten und ließ sich in New York City nieder. Hildegard blieb bis Ende des Jahres in England und emigrierte dann nach New York. Nach ihrer Einbürgerung änderte sie ihren Namen von Hildegard in Hilda. 1976 zog sie nach Kalifornien. Hilda starb 92jährig im November 2009 an Herzinsuffizienz.

Helen Baumeister, Mai 2020

The story begins with Martin Lewinsohn and Grete Herzfeld. It ends in Ghetto Riga where they were taken on January 19, 1942 by train from Grunewald station.

Martin was born on December 18, 1876 in Osterode*, Ostpreussen (East Prussia). East Prussia was, prior to World War II, the eastern-most portion of the German empire. He was one of six children – four sisters and one brother. After his father died, he took over the family business – a distillery producing liquor, wine, and soda.

Two sisters could not find husbands and never left home. One became head of the business office and the other kept home for the two of them. Martin’s mother, in spite of raising six children, found time to tend bar when needed. The bar was part of the business. It was on street level and very popular.

Grete Herzfeld was born in Peine, Lower Saxony near Hanover, on April 8, 1888. She was the oldest of three. After finishing high school, there was not much for Grete in her hometown and the outlook for local marriage was poor. Her parents sent her to Berlin, to a pension where she was housed, fed, and exposed to educational and cultural experiences like plays, opera, concerts, and additional schooling.

After a year, she returned home. An uncle who lived in Koenigsberg, East Prussia, arranged a meeting with an eligible young man who had difficulties finding a suitable young lady. They fell for each other and married soon after, on February 14, 1912. They honeymooned in Venice. Ten months later, Curt arrived on December 13, 1912. They rented a large apartment in Osterode on Wilhelmstrasse no 8. It occupied an entire floor and was elegantly furnished. On December 17, 1916, a daughter, Hildegard, was born.

Grete’s responsibilities were to run a smooth household, provide Martin delicious food, and take care of the children. He was spoiled at home and expected the best of everything – which he got.
Grete was always well and fit. She was always busy, never took a rest, never tired. She baked and canned fruit. Twice a week she went to the market, buying fresh vegetables and things the market had to offer.

In the middle of town, was the beautiful Drewenz See. It was a sizable lake, good for all water sports and fishing. Grete went there for quick swims. She taught Curt and Hildegard to swim. They swam every day after school and when it froze over, which it did every winter, they went ice skating.

*Note: The former German town of Osterode in East Prussia is now Ostróda in present-day Poland. The Jewish population in 1933 was 123. By May 1939, all but one Jew had left Osterode. On January 21, 1945, Osterode was captured by the Soviet Union Red Army without fighting but 70% of the town was destroyed afterwards. With the conquest by the Soviet Union and the Potsdam Conference, the town became part of Poland.Martin had a Chevy pickup truck for deliveries and installed moveable wooden benches for people to ride on. Often, on sunny days, friends would come over with picnic baskets and join for a ride to some pretty spot. They brought blankets to sit on benches. Martin sat in front, next to the chauffeur, to tell him the way. He did not drive.

Nazi troublemaking in East Prussia started early. When Martin was ordered to appear and sign over what he owned, Grete went because she feared for Martin. She was forced, with a gun placed next to the paper, to do the sad task. With that final act, they recognized the seriousness of the situation and decided to move to Berlin. They shared a small apartment with friends who had gone there for the same reason.

Grete and Anna, the two maiden aunts, followed. They took another apartment – primitive and small. The four of them somehow felt safer. Martin had served in World War I and earned a red cross. He thought that would help them.

On January 19, 1942, they were arrested by the Gestapo and deported to Riga in Latvia. Martin and Grete became victims of the Holocaust. The maiden aunts made it to England.

After Curt’s ‘abitur’ (age 18), he went to Freiburg University to study medicine. He was halfway through but unable to continue. In order to prepare for a life in Palestine, he went to the Netherlands to work for a farmer. He lived on a kibbutz where he met his wife. He changed his name from Curt Lewinsohn to Yoram Ariely. He worked as a bookkeeper. Curt died in January 1982.

After finishing school, Hildegard left for Berlin. From 1934 to 1935, in preparation for a year in Israel, she worked a preparatory year in the Jewish orphanage for children in East Berlin. She did baby nurse training at the Jewish Kinderklinik in Charlottenburg (Berlin) from 1935 to 1936. From 1936 to 1938, she did nursing training in the Jewish Hospital in Frankfurt am Main and passed the state board exam. The hospital employed her until she left for England in April 1939.
She found a job in Sheffield through a Jewish organization as a staff nurse at the children’s hospital. Hildegard got married in Blackburn in May 1940. Two weeks after the wedding, her husband immigrated to the United States and settled in New York City. Hildegard remained in England until the end of the year and immigrated to New York.

When she became a naturalized U.S. citizen, she changed her name from Hildegard to Hilda.

In 1976, she moved to California. Hilda died in November 2009 at 92 of heart failure.

by Helen Baumeister May 2020