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Stolpersteine Mommsenstraße 2

Bildvergrößerung: Hausansicht Mommsenstr. 2
Hausansicht Mommsenstr. 2
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 25.04.2018 verlegt.

Bildvergrößerung: Stolperstein Hirsch Bieber
Stolperstein Hirsch Bieber
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HIRSCH BIEBER
JG. 1866
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 27.10.1942

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Stolperstein Jacob Jacobsohn
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JACOB JACOBSOHN
JG. 1861
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 30.9.1942

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Stolperstein Frieda Nathan
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
FRIEDA NATHAN
JG. 1880
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 18.4.1943

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Stolperstein Otto Nathan
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
OTTO NATHAN
JG. 1865
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 8.11.1942

Otto und Frieda Nathan waren Geschwister und lebten zusammen in der Mommsenstraße 2, von wo aus sie gemeinsam deportiert und in einem Abstand von nur wenigen Monaten im Theresienstädter Ghetto ermordet wurden.
Die Eltern Heinrich (Hirsch) Nathan und Antonie geb. Zepler hatten am 26. Mai 1863 in Berlin geheiratet. Ein Jahr später, am 22. März 1864 kam die Tochter Margarethe auf die Welt, es folgten am 20. Juni 1865 der Sohn Otto, am 24. Oktober 1869 Paul Ludwig und erst 11 Jahre später, am 3. August 1880, die jüngste Tochter Frieda Friederika Fina, genannt Frieda. Die Familie wohnte während all der Jahre in Berlin – Charlottenburg.

Heinrich Nathan verstarb1885 – Frieda war gerade 5 Jahre alt – im Alter von 55 Jahren im Jüdischen Krankenhaus und Antonie 71jährig im Jahr 1910. Vielleicht zog Frieda schon bald nach dem Tod der Mutter zu ihrem Bruder Otto, der ab 1917 unter der Adresse Mommsenstraße 2 im II. OG gemeldet war.
Insgesamt ist über das Leben der Geschwister Nathan wenig überliefert. Alle Geschwister schienen kinderlos geblieben zu sein, Otto und Paul wurden wie ihr Vater Kaufleute.

Paul war mit der kaufmännischen Angestellten Emmy Wildemann verheiratet, die aber schon 1921, ein Jahr nach der Hochzeit, mit 44 Jahren verstarb. Das Ehepaar lebte damals in Friedenau am Südwestkorso.
Otto und Frieda Nathan waren beide ledig. Vermutlich führte Frieda ihrem Bruder den Haushalt in der Mommsenstraße.

Alle Geschwister wurden in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Paul wurde am 25. August 1942 mit dem sogenannten 49. Alterstransport deportiert. Er wurde 4 Monate später, am 14. Dezember ums Leben gebracht.
Otto und Frieda mussten am 3. Oktober 1942 mit dem sogenannten 3. „großen“ Alterstransport zusammen mit mehr als 1000 Menschen den Weg ohne Rückkehr in das böhmische Ghetto antreten.
Irrtümlicherweise wurden sie auf der Deportationsliste als verheiratet eingetragen, ein Fehler, der bei der Registrierung im Ghetto jedoch gleich korrigiert wurde.

Otto starb schon einen Monat nach Ankunft, am 8. November, an den Folgen einer nicht behandelten Blutvergiftung. Frieda überlebte ihn um wenige Monate, die unmenschlichen Bedingungen des Lagers ertragend. Sie wurde am 18. April 1943 ums Leben gebracht.

Margarethes Schicksal ist ungewiss. Es gibt Hinweise darauf, dass sie das Ghetto Theresienstadt überlebt und 1945 nach dessen Befreiung nach Palästina ausgewandert ist. Eine israelische Liste Holocaust Überlebender führt ihren Namen auf, jedoch kein Geburtsdatum.

Vielleicht haben sich die vier Geschwister im Konzentrationslager noch ein letztes Mal sehen und voneinander Abschied nehmen können.

Recherche und Text: Karin Sievert
Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Landesarchiv Berlin: Geburts- Heirats- und Sterbeurkunden
Deportationslisten
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank
Pinkas HaNitzolim I :List of Jewish survivors in Theresienstadt, compiled 10 May 1945,
In: Israel Genealogy Research Association – IGRA

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Stolperstein Leo Radinowski
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LEO RADINOWSKI
JG. 1896
DEPORTIERT 3.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Die Familie Radinowski stammte aus dem ostpreußischen Johannisburg, dem heutigen Pisz.
Die Spuren der ostpreußischen Juden sind durch den Holocaust verwischt. Keiner der wenigen Juden, die der Vernichtung entkommen konnten, ist in die ostpreußische Heimat zurückgekehrt. Die wenigen Überlebenden wurden in alle Winde zerstreut.

Die Eltern der Geschwister Radinowski waren Leiser Radinowski und Berta geb. Hoeppner. Ihre sieben Kinder kamen alle in Johannisburg auf die Welt.
Der Älteste, Max, wurde 1886 geboren, es folgten Anna 1887, Hermann 1890, Ida 1893, Lina 1895 und Leo am 27. November 1896. Vom Bruder Albert ist kein Geburtsdatum bekannt.

Viele Mitglieder der Familie Radinowski, unter anderem die 1926 verwitwete Mutter Berta zogen nach Berlin, Albert und zeitweise auch Max ließen sich in Angerburg und Ida in Calbe an der Saale nieder.

Leo Radinowski war Kaufmann geworden und betrieb einen Textilgroßhandel in Berlin – Mitte. Die Adress- und Telefonbücher weisen unterschiedliche Adressen in Mitte aus. Zwischen 1935 und 1939 gab es die Einträge: Spandauer Straße 27, Kupfergraben 34/36, Kaiser – Wilhelm – Straße 25 und 26 b (heute Karl – Liebknecht Str.). Nach den Novemberpogromen 1938 wird Leo, wie die meisten jüdischen Unternehmer, seinen Großhandel zwecks „Arisierung“ zwangsweise veräußert haben, seine Spur in den Adressbüchern verliert sich nach 1939. Unter der Adresse Duisburger Straße 19 war im gleichen Zeitraum ebenfalls ein Leo Radinowski gemeldet, 1938 steht dort statt Leo die Sekretärin E. Radinowski. War dieses eventuell seine Privatadresse und die Sekretärin seine Ehefrau, oder handelte es sich um eine namensgleiche andere Person?

In der Sonderkartei für Juden der Volkszählung von Mai 1939 ist Leo unter der Adresse Mommsenstraße 2 aufgeführt. Mit dem Verlust seines Großhandels musste er wohl auch seine eigene Wohnung aufgeben, da fast zeitgleich das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ verabschiedet wurde. Dieses Gesetz hob den Mieterschutz für Juden auf und erlaubte unter anderem, sie innerhalb kürzester Zeit aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Dass Leo in dieser Sonderkartei als Einzelperson steht, bestätigt eher die Annahme, dass er nicht verheiratet war. Es gibt darüber hinaus auch keine weiteren Hinweise auf eine Eheschließung. Leo hat in der Mommsenstraße 2 vermutlich bei einem der anderen jüdischen Bewohner zur Untermiete gewohnt.

Sein Bruder Max und dessen aus Angerburg stammende Frau Anna geb. Jaruslawsky hatten ebenfalls ihre Wohnung verlassen müssen und waren bei der Witwe Joseph in der Hohenstaufenstraße 36 zur Untermiete eingewiesen worden. Die drei Kinder des Ehepaares hatten Nazideutschland durch Flucht ins Ausland inzwischen verlassen können, Eva lebte in Neuseeland, Ulla in Brasilien und der Sohn Erwin emigrierte über England nach Australien. Unter dem Druck der Verfolgung und der Trennung von ihren Kindern starb Anna Radinowski am 1. Dezember 1941 an Herzversagen.

Bildvergrößerung: Geburtsanzeige Radinowski
Geburtsanzeige Radinowski
Bild: Anzeige gemeinfrei

Leo Radinowski wurde nun bei seinem Bruder Max in der Hohenstaufenstraße zur Untermiete bei Joseph einquartiert. Von dort wurden die beiden Brüder am 3. Februar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Im Gegensatz zu Leo gibt es im Gedenkbuch keinen Eintrag für Max, es fand sich auch nach Kriegsende keine Spur von ihm.

Auch die anderen Geschwister Radinowski wurden im Holocaust ermordet.
Ida war mit ihrem Mann Heinz Liepolz nach Calbe an der Saale gezogen, wo auch ihre Töchter Ruth und Margot auf die Welt kamen. Die gesamte Familie wurde am 14. April 1942 ab Magdeburg über Potsdam und Berlin in das Warschauer Ghetto deportiert und dort ermordet.

Hermann und seine Frau Johanna geb. Winkler, wurden am 15. August 1942 zusammen mit ihren Kindern, dem 7jährigen Lothar und der 10jährigen Eva, nach Riga verschleppt und drei Tage nach Ankunft ermordet.

Die ledig gebliebenen Schwestern Anna und Lina waren zuletzt in der Alten Schönhauser Straße 58 untergebracht. Zuvor wohnten Anna und ihre 1940 verstorbene Mutter Berta in der Gipsstraße 12 a, in dem Haus, in dem sich bis 1904 das Rabbinerseminar der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel befunden hatte. Von ihrer Unterkunft in der Schönhauser Straße aus wurden die Schwestern am 29. Januar 1943, vier Tage vor ihren Brüdern Leo und Max nach Auschwitz deportiert.

Albert hatte sich mit seiner Familie in Angerburg niedergelassen. Ihm gehörte dort ein Schuhgeschäft. Der ehemalige Angerburger Gerhardt Freund erinnert sich 1966 an ihn:

Angerburger Heimatbrief 1966
Angerburger Heimatbrief 1966
Bild: Angerburger Heimatbrief 1966

Eins seiner vier Kinder, den 1907 geborenen Sohn, benannte er nach seinem Bruder Leo. Aus dieser Familie konnten zwei Töchter, Cella und Gerda, und der Sohn Leo durch Flucht ins Ausland ihr Leben retten, Selmas Schicksal und das ihrer Eltern Albert und Paula ist unbekannt.

Das Schicksal von Leo Radinowski und seinen Geschwistern zeigt, wie der Rassenwahn der Nationalsozialisten nahezu die gesamte Generation einer Familie auslöschte und nur wenige Familienmitglieder sich durch Flucht nach Übersee retten konnten.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Landesarchiv Berlin: WGA, Sterbeurkunden
Bundesarchiv: Deportationslisten
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank
Erinnerungen von Gerhardt Freund in: „Angerburger Heimatbrief 1966“
genealogienetz.de: Familiendatenbank Juden im Deutschen Reich