HIER WOHNTE
ROSA THALBAUER
GEB. SCHALLER
JG. 1874
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 27.12.1942
Rosa Thalbauer wurde als Rosa Neuberger am 26. Oktober 1874 in Jaroslau im Kronland Galizien (Jarosław, Polen) von der unverheirateten Hendel Neuberger zur Welt gebracht. Da ihre Mutter später Laib Schaller heiratete, wurde auch Rosas Geburtsname in „Neuberger genannt Schaller“ umbenannt. Rosa wurde Putzmacherin von Beruf und ging nach Berlin.
Wann und wo sie ihren späteren Ehemann, den aus Czernowitz, Teil der Bukowina (heute Ukraine) stammenden Kaufmann und Geschäftsinhaber Moritz Tattelbaum (*5. August 1870) kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 26-jährige Rosa und der 30-jährige Moritz heirateten am 30. November 1900 in Berlin. Rosa hatte vor ihrer Heirat in der Lothringer Straße 10 (heute Torstraße) in Berlin-Mitte gewohnt. Als ihre Tochter Leopoldine Wally am 20. Dezember 1901 geboren wurde, wohnte sie mit ihrem Mann in der Lothringer Straße 1/2. Ihre zweite Tochter Jolan kam am 24. Mai 1906 in der Allensteiner Straße 22 in Berlin-Prenzlauer Berg zur Welt. Rosas Ehemann Moritz arbeitete als Selbstständiger und Geschäftsführer, was der Familie einen gutbürgerlichen Lebensstandard ermöglichte.
Am 25. Juni 1917 bekamen die Tattelbaums die Genehmigung, den Nachnamen Thalbauer zu führen. 1921 zog die Familie in eine Drei-Zimmer-Wohnung im II. Stock der Konstanzer Straße 50 in Berlin-Wilmersdorf. Zu Leopoldine konnte nichts recherchiert werden, vermutlich starb sie als Kind. Jolan heiratete zu einem unbekannten Datum Isidor Blumenfeld (*18. Januar 1900).
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Rosa 58 Jahre alt. Ihr Ehemann verlor seine Stelle als Geschäftsführer und ihr Leben änderte sich zunehmend durch verordnete Ausgrenzungen und Diskriminierungen.
Als Jolans Ehemann Isidor nach Argentinien auswanderte, zog sie in der Hoffnung, bald auch auswandern zu können, wieder zurück zu ihren Eltern. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie mit ihnen weiterhin in der Konstanzer Straße 50 gemeldet. Anfang 1942 wurde ihnen die Untermieterin Gerda Löwner (*16. Dezember 1909) zugewiesen. Bei der “Minderheiten-Volkszählung” war diese noch zusammen mit ihrer Mutter Ida (*1879) in der Geisenheimer Straße 34 gemeldet gewesen. Gerda verlor die Wohnung, als ihre Mutter am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert wurde.
Anfang September 1942 bekamen auch Rosa und Moritz den Deportationsbefehl. Im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 unterschrieben sie am 10. September 1942 ihre Vermögenserklärungen. Am 14. September 1942 deportierte die Gestapo sie zusammen mit 1.011 anderen mehrheitlich über 65-jährigen Menschen, die nicht in Heimen, sondern in Wohnungen wohnten, vom Anhalter Bahnhof in das Altersghetto Theresienstadt. Aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen starb Rosas Ehemann Moritz dort drei Monate später, am 16. Dezember 1942, mit 72 Jahren. Elf Tage nach ihm, am 27. Dezember 1942, starb auch sie, Rosa Thalbauer geborene Neuberger genannt Schaller, mit 68 Jahren.
Ihre Tochter Jolan musste nach der Deportation der Eltern in die erste Etage der Konstanzer Straße 50 in eine 5-Zimmer-Wohnung ziehen. Sie leistete für 20 RM in der Woche Zwangsarbeit bei Nordland Schneeketten in der Kurfürstenstraße. Von diesem Lohn konnte sie unmöglich die Miete von mehr als 180 RM inklusive Untermietzuschlag zahlen. Demnach müssen weitere Untermieter und Untermieterinnen bei ihr gewohnt haben.
Die Untermieterin ihrer Eltern, Gerda Löwer, wurde am 19. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Vermutlich sollte auch Jolan mit diesem Transport nach Auschwitz deportiert werden, denn sie unterschrieb die Vermögenserklärung schon am 13. Februar 1943. Da sie Zwangsarbeit als Schweißerin leistete, wurde ihr aber noch ein 14tägiger Aufschub gegeben. Bei der “Fabrikaktion” am 27. Februar 1943 setzte die Gestapo sie an ihrem Arbeitsplatz fest und brachte sie in ein Sammellager. Am 2. März 1943 erfolgte die Deportation zusammen mit 1.836 Leidensgenossinnen und -genossen mit dem 32. Osttransport nach Auschwitz. Vermutlich wurde sie kurz nach der Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet. Jolan Blumenfeld geborene Thalbauer wurde 36 Jahre alt.
Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 3453, Jolan Blumenfeld, Reg. 36A (II) 37965, Moritz Thalbauer