HIER WOHNTE
OTTO JACOBI
JG. 1856
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 27.4.1943
SOBIBOR
ERMORDET 30.4.1943
Otto Jacobi wurde am 20. Juni 1856 in Fürstenwalde geboren. Von Beruf wurde er Kaufmann.
Wann und wo er seine spätere Ehefrau, die aus Woldenberg/Neumark im preußischen Kreis Friedeberg in der Provinz Brandenburg (Powiat Strzelecko-Drezdenecki, Polen) stammende Clara Blumenfeld (*31. August 1859) kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten 1882 in Woldenberg, Claras Geburtsort. Am 26. September 1985 wurden sie Eltern einer Tochter, der sie den Namen Katharina, genannt Käthe, gaben. Zwei Jahre später wurde ihre zweite Tochter Martha (*1887) geboren. Ihre dritte Tochter Margarethe (*1889) und ihr jüngster Sohn Louis (*1895) kamen in Beeskow in der Nähe von Berlin zur Welt.
Wann genau die Familie nach Berlin zog, ist nicht bekannt. Ihre jüngste Tochter Margarethe heiratete mit 33 Jahren am 16. Januar 1923 den Handelsvertreter Eugen Hirschberg in Berlin-Charlottenburg. Am 19. Oktober 1925 wurde deren Sohn Heinz Martin (später Harry genannt) geboren. Otto wurde zum ersten Mal Großvater.
Die älteste Tochter Käthe heiratete mit 46 Jahren am 25. Februar 1932 Leo Salomon in Berlin. Sie wohnten in der Boxhagener Straße 28 in Horst-Wessel-Stadt (heute Berlin-Friedrichshain).
Otto und Claras Tochter Martha blieb ledig. Der jüngste Sohn Louis heiratete am 3. August 1933 die 20-jährige Eva Siedner (*6. August 1912). Am 14. September 1934 wurde deren Tochter Anneliese, auch Amilie genannt, in Berlin geboren und Otto wurde zum zweiten Mal Großvater.
Otto und Clara Jacobi gehörten der Synagoge in der Pestalozzistraße an. Während der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde diese Synagoge nicht zerstört, weil aufgrund ihrer Lage in einem Hinterhof die Gefahr zu groß war, dass die Flammen auf die Nachbarhäuser übergreifen könnten; deshalb wurde sie gerettet.
In einem Interview der USC Shoa Foundation erzählte Ottos Enkel Harry 1998, dass er von 1935 bis 1939 bei seinen Großeltern gewohnt und Otto auch im Ruhestand noch ein Haus verwaltet und für die Familie die Einkäufe erledigt habe.
1937 wanderten der Sohn Louis und dessen Familie nach Amsterdam in den Niederlanden aus. Er gründete dort mit seinem Kompagnon W. Grünberg eine Fabrik für Damenwäsche. Anfang 1939 gaben auch Otto und Clara ihre Wohnung in der Kantstraße 59 in Berlin-Charlottenburg auf und wagten mit 83 Jahren und fast 80 Jahren einen Neuanfang in Amsterdam. Ihre Töchter Martha und Margarethe zogen zu der ältesten Tochter Käthe in die Boxhagener Straße 28 in Horst-Wessel-Stadt. Ihr Enkel Heinz kam im März 1939 mit einem Kindertransport ebenfalls in die Niederlande, zuerst nach Rotterdam und kurz darauf in ein Kinderheim in Amsterdam.
Als Otto und Clara am 9. März 1939 in Amsterdam ankamen, wohnten sie zusammen mit Louis Familie in der Trompenburgstraat 34. Am 29. April 1940 zogen sie in die Louis Bothastraat 22.
Nachdem die Nationalsozialisten die Niederlande am 10. Mai 1940 in einem Blitzkrieg besetzten, gelang es Truus Weijsmuller, jüdischen Waisenkindern, darunter auch Ottos 15-jährigem Enkel Heinz (später Harry), in letzter Minute die Flucht nach Großbritannien zu ermöglichen. Louis, Eva und Anneliese hatten eine Einreisegenehmigung für die USA. Da Louis aber für seine Eltern keine Papiere bekam und er sie nicht alleine lassen wollte, blieben sie alle in den Niederlanden.
Ottos Töchter Martha und Käthe sowie sein Schwiegersohn Leo Salomon wurden mit dem ersten Deportationszug aus Berlin am 18. Oktober 1941 nach Łódź deportiert. Seine Tochter Margarethe und deren geschiedenen Ehemann Eugen Hirschberg deportierte die Gestapo am 17. November 1941 nach Kauen (Kowno, Litauen) Fort IX, wo sie sie am 25. November 1941 ermordeten. Martha, Käthe und Leo transportierten sie am 8. Mai 1942 in die Vernichtungsstätte Kulmhof (Chelmno, Polen), wo sie in einem Gaswagen ermordet wurden. Von dem Tod ihrer Töchter erhielten Otto und Clara keine Nachricht. Da sie aber fortan nichts mehr von ihnen hörten, waren sie sich sicher, dass sie nicht mehr lebten.
Am 4. Dezember 1942 setzte die SS (Nationalsozialistische Schutzstaffel) Otto und Clara in ihrer Wohnung in Amsterdam fest und internierten sie im Durchgangslager Westerbork. Hier feierten sie noch ihre Diamantene Hochzeit (60 Jahre). Von Westerbork deportierten sie sie am 27. April 1943 in das Vernichtungslager Sobibór in der Nähe von Lublin, wo sie sie am 30. April 1943 ermordeten. Clara Jacobi geborene Blumenfeld starb mit 83 Jahren. Otto Jacobi starb mit 86 Jahren.
Ihr Sohn Louis, ihre Schwiegertochter Eva und ihre Enkelin Anneliese wurden im Juni 1943 ebenfalls im Durchgangslager Westerbork interniert und am 1. Februar 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Dort wurden sie im sogenannten Sternlager, einem Teillager mit potenziellen „Austauschjuden“, interniert. Als die Britische Armee sich dem Lager näherte, verschleppte die Gestapo am 11. April 1945 2.400 Insassen dieses Lagers aus Bergen-Belsen, darunter Louis und seine Familie, per Zug Richtung Theresienstadt, wo sie aber nie ankamen. Bis zum 23. April 1945 irrte der “verlorene Zug” durch Deutschland, bis seine Insassen in der Nähe von Tröbitz von der Roten Armee befreit wurden. An dem Fleckfieber, das im Zug ausgebrochen war, starben mehr als 500 Menschen. Louis, Eva und Anneliese überlebten und gingen nach der Befreiung zurück nach Amsterdam. Louis war später siebzehn Jahre Präsident der „Liberal Jewish Community of Amsterdam“. Er starb am 29. Oktober
1966 mit 71 Jahren.
Text und Recherche: Gundula Meiering, Januar 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher und Amtliche Fernsprechbücher Berlin
- Arolsen Archives –
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
- My Heritage
- USC Shoa Foundation – Interview mit Harry Martin Jacoby (ehemals Heinz Martin Hirschberg) 42896 vom 31. März 1998
- “Die Familie Eisner” Andere jüdische Familien aus Guttentag – Familie Siedner – Impressum: Prof. Dr. Monika Dobberstein, Lippstadt