Stolpersteine Westfälische Straße 59

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Hauseingang Westfälische Str. 59
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

Diese zwölf Stolpersteine wurden am 6.5.2014 verlegt.

Der Stolperstein für Hans Holländer wurde am 14.4.2015 verlegt.

Der Stolperstein zum Gedenken an Samuel Hoffnung wurde von Ralf Husemann (Berlin/München) gespendet.

Die Stolpersteine zum Gedenken an Hedwig Goldstein und Ernst Max Kantorowicz wurden von Gisela Gantzel-Kress und Bernt Albrecht gespendet.

Die Enkel von Carl und Johanna Fuchs, Frank und Fanny Lippmann (New York), waren anwesend.

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Stolperstein Carl Fuchs
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
CARL FUCHS
JG. 1874
DEPORTIERT 23.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 13.12.1943

Carl Fuchs wurde am 20. August 1874 in Schlawe als Sohn des Kaufmanns Hermann Fuchs und dessen Frau Henriette, geb. Jacobi geboren. Er besuchte dort das Progymnasium und wurde in Stettin und Aachen kaufmännisch ausgebildet.
Mit 29 Jahren gründete er mit Max Hamburger in Berlin die Wellpappenwerke Hamburger & Fuchs, deren Zweigniederlassung an der Glasower Straße in Neukölln standen und sich später zu einem Musterbetrieb der deutschen Papierindustrie entwickelten. 1936 mussten sie den Betrieb verkaufen.

1904 hatte er Johanna Goldmann, geboren am 17. Juni 1881 in Breslau, geheiratet, das Ehepaar bekam drei Töchter. Die Familie wohnte zunächst seit 1919 als Mieter in der Westfälischen Straße 59, 1921 kaufte er von den Erben des Architekten W. Schmidt das Haus, das er bis 1942 besaß.

Carl Fuchs kam aus einem bewusst jüdischen orthodoxen Haus. Er schloss sich aber dem liberalen Judentum an und interessierte sich für jüdische Wohlfahrtsaufgaben. Schon im Ersten Weltkrieg betätigte er sich in der Waisenkommission und Kinderfürsorge der Gemeinde. In den 1920er Jahren wurde er in den Gemeindevorstand gewählt und übernahm das Dezernat für das Friedhofswesen. Musterhaft führte er die Beerdigungs-, Friedhofs- und Gärtnereiverwaltung. Der gepflegte Friedhof in Berlin-Weißensee war ein sichtbarer Ausdruck seiner Leistungen. Später übernahm er wegen seiner geschäftlichen Erfahrungen noch das Finanzdezernat der Gemeinde.

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Carl und Johanna Fuchs am Tag ihrer Hochzeit
Bild: Privatarchiv Frank Lippmann

Seine drei Töchter und ihre Familien konnten rechtzeitig in die USA auswandern. Sie schickten den Eltern noch die für die Einreise nötigen Affidavits, doch die Auswanderung gelang nicht mehr. Das Ehepaar wurde am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er starb dort an Hunger und Krankheit als Folge der unmenschlichen Bedingungen im Ghetto am 13. Dezember 1943.

Quelle: E.G. Lowenthal (Hrsg): Bewährung im Untergang, 1965
Text: Monika Falkenhagen

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HIER WOHNTE
JOHANNA FUCHS
GEB. GOLDEMANN
JG. 1881
DEPORTIERT 23.9.1942
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Johanna Fuchs, geb. Goldmann wurde am 17. Juni 1881 in Breslau geboren. Seit 1904 war sie mit Carl Fuchs verheiratet, dem Inhaber einer Wellpappenfabrik in Berlin. Sie hatten drei Töchter, die der nationalsozialistischen Judenverfolgung aus Deutschland entkamen und mit ihren Familien in die USA auswanderten. Es gelang ihnen aber nicht, wie geplant ihre Eltern zu sich nachzuholen.

Am 23. September 1942 wurde Johanna Fuchs wie ihr Mann in einem Zug der Reichsbahn, an den zwei Waggons mit 100 jüdischen Berlinerinnen und Berlinern angehängt waren, vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt deportiert. Nachdem ihr Mann Ende 1943 im Ghetto qualvoll gestorben war, wurde sie m 12. Oktober 1944 nach Auschwitz weiterdeportiert und ist dort ermordet worden.

Die beiden Schwestern von Johanna Fuchs, Luise Broch und Elise Cecilie Heidemann, die in der Westfälischen Straße 59 Unterschlupf fanden, hatten sich unmittelbar vor ihren Deportationen das Leben genommen.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Die Haushälterin der Familie Fuchs hat in einem Brief, den uns der Enkel
Frank Lippmann (USA) zur Verfügung stellte, 1946 über die Zustände in
der Westfälischen Straße 59 während der Verfolgung und nach dem Ende des
Zweiten Weltkriegs berichtet.

Brief der Haushälterin der Familie Fuchs

PDF-Dokument (2.9 MB)

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Stolperstein Luise Broch
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
LUISE BROCH
GEB. GOLDEMANN
JG 1882
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
29.8.1942

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Stolperstein Elise Cecilie Heidemann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ELISE CECILIE
HEIDEMANN
GEB. BLOCH
JG. 1886
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
25.9.1942

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Stolperstein Samuel Hoffnung
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
SAMUEL HOFFNUNG
JG. 1854
DEPORTIERT 21.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 9.10.1942

Samuel Hoffnung wurde am 10. März 1854 in Freystadt (Westpreußen) geboren und siedelte zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Berlin um. Er war Kaufmann und einer der zwölf aus dem Haus Westfälische Straße 59 deportierten Juden.

Samuel Hoffnung wohnte im Vorderhaus im 2. Stock. Welche Art von Kaufmann er war, wissen wir nicht. In seiner Vermögenserklärung von 1942 gab er an „ohne Beruf“, 1940 hatte er beim Finanzamt Wilmersdorf-Nord seine Einkünfte des Vorjahrs auf „890 RM“ beziffert. Außerdem hatte er Wertpapiere, die später mit 1909,17 RM angegeben wurden, und ein Commerzbank-Konto mit 650,20 RM. Allerdings hatte er früher wohl in Wohlstand gelebt, wie sich an der Inventarliste ablesen lässt. Darin enthalten waren die Einrichtung eines „Speisezimmers“ für sechs Personen, zwei Leder-Klubsessel und ein „Ruhebett mit Decke Plüsch“. Am wertvollsten dürften wohl ein Rokokotisch und -schrank sowie fünf Ölbilder gewesen sein.

Vor seiner Deportation konnte er jedoch die Miete von 103 Reichsmark nicht mehr aufbringen. Darum nahm er Untermieter auf: Louis und Alice Michalis, die am 3. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden.

Am 21. September 1942 verschleppten die Nazis den schon 88-Jährigen vom Anhalter Bahnhof mit 100 Menschen in einem an den fahrplanmäßigen Zug nach Prag angehängten Waggon ins Ghetto Theresienstadt. Dort wurde er nach 18 Tagen, am 9. Oktober 1942, ermordet. Nach der „Todesfallanzeige“ www.holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.7681 aus Theresienstadt, unterschrieben von vier (!) Ärzten, starb er an „Altersschwäche“. Offensichtlich war selbst den Nazis ihr verbrecherisches Tun so peinlich, dass sie meinten, es kaschieren zu müssen.

Der größte Teil des Vermögens wurde „zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen“, einen Teil des Inventars sicherte sich der Leiter der Wehrmachtsfürsorge im Wehrkeis III Berlin, indem er es „gegen bar“ mit 30 Prozent Nachlass auf den Schätzwert kaufte – für 338,45 RM. Ein Nachspiel hatte Samuel Hoffnungs Deportation noch, als sich der Hausverwalter Georg Reinemuth, Architekt, bei der Oberfinanzdirektion beklagte: „Vorgenannte Mieter wurde dieser Tage von der Gestapo entfernt, in der Wohnung Hoffnung befanden sie noch 3 Untermieter.“ Er habe „keine Miete erhalten“. Erst am 4.4.1943 atmete er endlich auf: „…bestätige ich bestens dankend den Eingang“ von 515 Reichsmark, im übrigen sei Hoffnungs Wohnung wieder vermietet.

1941 haben in Berlin noch 66 000 Juden (1933: etwa 170 000) gelebt. In 61 sogenannten „Osttransporten“ wurden 35 000 von ihnen deportiert und ermordet. Dazu kamen 123 „Alterstransporte“ mit mehr als 15 000 Juden nach Theresienstadt. Der makabre Unterschied: Sie wurden dort nicht sofort umgebracht. Einer von ihnen war der von der Reichsbahn so bezifferte Transport I/66, mit dem auch Samuel Hoffnung nach Theresienstadt gebracht wurde. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 lebten in Berlin gerade noch 7 000 Juden.

Bildvergrößerung: Grabstelle von Jenny und Samuel Hoffnung
Grabstelle von Jenny und Samuel Hoffnung
Bild: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Auch viele Verwandte von Samuel Hoffnung, wie wir aus der Webseite der Gedenkstätte Yad Vashem wissen, fielen dem Holocaust zum Opfer. Unter anderem eine am 1. März 1943 nach Auschwitz deportierte Tochter Gertrud, geboren am 9. Mai 1893 in Berlin, verheiratete Pinkus, die in der Marburger Straße 13 bei Dr. Albert und Dora Fröhlich wohnte (beide deportiert am 4. November 1942 nach Theresienstadt), und weitere acht nahe Verwandte. Seine Frau Lilly war bereits 1938 gestorben. Auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee liegt ihr Grab, auf dem auch an Samuel Hoffnung erinnert wird. 1947 machte eine andere Tochter, Rosa Herkus geb.Hoffnung, aus Haifa Wiedergutmachungsansprüche in Berlin geltend.

Das Drama der Familie war damit aber noch längst nicht zu Ende. Die Enkelin Ellen war 1939 als 18-Jährige von Berlin nach Argentinien geflohen. Sie und ihr Mann Erich bekamen dort vier Kinder. Die jüngste von ihnen, Gertrudis Leonor, genannt Nora, eine damals 28-jährige engagierte Gewerkschafterin, die sich für die Bewohner in den Elendsquartieren einsetzte und vielen Kindern Nachhilfeunterricht gab, verschwand am 21. August 1976 spurlos – wie viele Tausende dem diktatorischen argentinischen Regime unbequeme Menschen. Ihre Mutter Ellen gehörte dann zu den unerschrockenen Müttern, die auf der „Plaza de Mayo“ in Buenos Aires jahrelang die Aufklärung der Verbrechen verlangten. Sie starb 2008 in einem jüdischen Altersheim in der argentinischen Hauptstadt. Die Potsdamer Ethnologin und Filmemacherin Dr. Jeanette Erazo Heufelder hat 2014 in Berlin eine Biographie über Ellen Marx unter dem Titel „Von Berlin nach Buenos Aires. Ellen Marx. Deutsch-jüdische Emigrantin und Mutter der Plaza de Mayo“ vorgestellt.

Text: Ralf Husemann, ergänzt von Helmut Lölhöffel
Quellen: Bundesarchiv; Yad Vashem Opferdatei; Theresienstadt Opferdatei; Brandenburgisches Landeshauptarchiv; Berliner Adressbücher

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Stolperstein Gertrud Pohl
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD POHL
JG. 1887
DEPORTIERT 12.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Steffi Holländer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
STEFFI HOLLÄNDER
GEB. HOHENSTEIN
JG. 1919
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

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Stolperstein Hans Holländer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HANS HOLLÄNDER
JG. 1902
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

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Stolperstein Hedwig Goldstein
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HEDWIG GOLDSTEIN
GEB. JARACZEWER
JG. 1880
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Hedwig Goldstein, geb. Jaraczewer, verwitwete Kantorowicz, die am 30. September 1880 in Ostrowo (Kreis Posen/Poznan) geboren wurde, war eine polnische Jüdin und lebte schon mit ihrem ersten Ehemann Edmund Kantorowicz in Berlin, der anfangs in der Winterfeldtstraße 25, dann in der Luitpoldstraße 31, später in der Hohenstaufenstraße 25 wohnte und von 1896 bis 1927 Inhaber der Berliner West-Buchhandlung in der Potsdamer Straße 135 war, die 1904 als Gewerbebetrieb registriert wurde.

Bildvergrößerung: Adressbucheintrag Kantorowicz, 1904
Adressbucheintrag Kantorowicz, 1904
Bild: Berliner Adressbuch

- E. Kantorowicz, Berliner West
Buchhandlung u. Antiquariat, W
Potsdamerstr. 135 pt (Tel IX 7022)
- Edmund, Buchhdl., W 30, Hohenstaufenstr. 25

Am 1. Juni 1903 wurde ihr Sohn Ernst Max Kantorowicz geboren. Die Mutter stammte aus einer wohlhabenden polnischen Familie, lernte ihren ersten Ehemann vermutlich in seiner Buchhandlung kennen und widmete sich nach der Geburt des zweiten Sohnes Kurt-Heinz Kantorowicz am 23. September 1918, wie damals in gutsituierten bürgerlichen Mittelstandsfamilien üblich, der Familie und dem Haushalt. So jedenfalls berichtete Kurt, der 1938 mit einem Kindertransport entkommen und sich in die USA retten konnte. Dort änderte er seine Namen in Kurt Kent. Er arbeitete in seinem noch in Berlin erlernten Tischlerberuf zunächst in New York, später in Detroit und erfuhr erst in den 1950er Jahren vom Holocaust-Schicksal seiner Mutter und seines älteren Bruders.

Edmund Kantorowicz, der Buchhändler aus der Potsdamer Straße, starb wahrscheinlich 1927 – doch sein Geschäft bestand weiter unter seinem Namen, aber an neuem Standort und unter der Inhaberschaft seiner Witwe:
E. Kantorowicz, Berliner West-Buchhandlung
Buchhdlg. u. Antiquariat.
Halens. GeorgWilh.Straße 21 T. Inh.H.Kantorowicz

Seit 1928 war sie im Einwohnerverzeichnis und im Gebäudeverzeichnis des Adressbuchs eingetragen. 1933 stand dann allein H.’s Name im Adressbuch. Im Branchenbuch 1935 stand wiederum E. Kantorowicz, allerdings in der Westfälischen Straße 59. Und im Adressbuch 1938 war unter der Westfälischen Straße 59 angegeben:

Bildvergrößerung: Adressbucheintrag Kantorowicz, 1938
Adressbucheintrag Kantorowicz, 1938
Bild: Adressbuch 1938

Kantorowicz, Hedwig
Buchhlg. T.

Hedwig Goldstein heiratete wieder, aber ihr zweiter Mann, der Kaufmann Max Goldstein, hinterließ keine Spuren in Berlin. Er emigrierte ohne seine Ehefrau entweder 1934 oder 1938/39 nach Argentinien und starb 1952 in Buenos Aires. Für das frühere Datum spricht, dass Ernst Kantorowicz 1934 zur Mutter in die Westfälische Straße 59 zog. Kurt, der 1938 verließ, suchte seinen Stiefvater Goldstein erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, als die Berliner Entschädigungsbehörde einen Nachweis für seine alleinige Erbberechtigung verlangte. Die Ehe von Hedwig und Max Goldstein war kinderlos, auch die beiden Söhne blieben unverheiratet und hatten keine Kinder.

1938 wurde die West-Buchhandlung liquidiert. 1942, als Hedwig Goldstein immer noch unter dem Namen Kantorowicz im Adressbuch stand, musste sie als Zwangsarbeiterin bei der Firma Rappe, Ernst & Hecht in Reinickendorf arbeiten und vierdiente 36 Reichsmark wöchentlich. Der Sohn Ernst Kantorowicz verdiente im Elektroinstallationsgeschäft Theodor Körner in Friedenau damals 80 RM in der Woche. Ihre Zweizimmer-Wohnung im zweiten Stock des Hauses Westfälische Straße 59, das dem jüdischen Ehepaar Carl und Johanna Fuchs gehörte, die beide am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert worden sind, kostete 88,20 RM Miete. Zuletzt mussten sich Mutter und Sohn auf ein einziges Zimmer beschränken, um das zweite für 50 RM an Sara Reimann (Sara war wahrscheinlich der ihr aufgezwungene, nicht ihr echter Vorname) unterzuvermieten.

Am 14. August 1942 wurden Mutter und Sohn von der Geheimen Staatspolizei abgeholt und in die Sammelstelle in der entweihten Synagoge Levetzowstraße in Moabit verschleppt. Tags zuvor hatten sie Vermögenserklärungen ausfüllen müssen, wonach beide fast nichts mehr besaßen. Hedwig Goldstein hatte ein Konto bei der Commerzbank mit 180 RM Guthaben.

Dieses Guthaben und die ausstehenden Löhne wurden von der Oberfinanzdirektion beansprucht und eingezogen. Das Wohnungsinventar wurde vom Obergerichtsvollzieher Karl Schneider auf 1 330 RM geschätzt und an einen Händler für 931 RM verhökert. Am 8.10.1942 wurde die Wohnung geräumt. Im November erstattete die BEWAG noch 10 RM für vorausbezahlten Strom zurück, die Gothaer Feuerversicherung forderte nachträglich von der Oberfinanzverwaltung eine Prämie mit dem Hinweis: „Die Versicherungsnehmerin ist unbekannt verzogen.“ Und noch im März 1943 meldete sich das Finanzamt Wilmersdorf und verlangte von Ernst Kantorowicz 10 RM Vermögenssteuer plus 2 RM Vollstreckungsgebühr, was von der übergeordneten an die nachgeordnete Behörde beglichen wurde. Selbst diese allerletzte Gewinn- und Verlustrechnung bei der vollständigen Entrechtung und Ausraubung der deutschen Juden war im zuletzt 1941 novellierten „Reichsbürgergesetz“ geregelt worden.

Am 15. August 1942 sind Hedwig Goldstein und Ernst Kantorowicz zu Fuß aus Moabit durch bewohnte Straßen nach Grunewald und dort am Gleis 17 mit über 1 000 anderen Verfolgten in die überfüllten Güterwagen getrieben worden. Drei Tage später wurden sie nach der Ankunft in den Wäldern um Riga erschossen.

1952 begann der Sohn Kurt Kent von Detroit aus einen neun Jahre dauernden Kampf mit der Berliner Entschädigungsbehörde um wenigstens bescheidene „Wiedergutmachung“. Nach immer neuen zeitraubenden Verzögerungen durch die bundesdeutsche Bürokratie, Wiederholungen seiner Ansprüche durch wechselnde Rechtsanwälte, Infragestellung seiner Erbberechtigung, bis schließlich die letzten Nachweise den zuständigen Ämtern vorlagen, wurden ihm 1961 endlich „für Freiheitsberaubung und Verlust des Lebens der Mutter“ 6 450 DM und für den Raub von Vermögen und Hausrat 11 615 DM zugestanden. Anfragen und Forderungen für den Tod seines Bruders Ernst durch den staatlichen NS-Terror wurden abgelehnt.

Sara Reimann, die mit Kantorowicz‘ „auswandern“ sollte, wie die Deportation in der NS-Sprache amtlich genannt wurde, ist offenbar mit dem Leben davongekommen. Ihr Schicksal scheint sich in der Nacht, bevor sie abgeholt werden sollte, gewendet zu haben: Vielleicht konnte sie flüchten oder versteckt überleben, jedenfalls stand sie auf keiner Deportationsliste.

Recherchen und Text: Gisela Gantzel-Kress und Helmut Lölhöffel
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam; Entschädigungsbehörde im Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin; Berliner Adressbücher 1896 bis 1942; Humboldt-Universität zu Berlin: Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945

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Stolperstein Ernst Max Kantorowicz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ERNST MAX
KANTOROWICZ
JG. 1903
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

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Stolperstein Toni Pohl
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
TONI POHL
GEB. FRAENKEL
JG. 1886
DEPORTIERT 12.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Siegfried Weile
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
SIEGFRIED WEILE
JG. 1885
FLUCHT 1939 BELGIEN
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 12.8.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Rosa Beer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ROSA BEER
GEB. BEER
JG. 1870
DEPORTIERT 21.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 4.3.1943

Rosa Beer, geschiedene Blaustein, kam am 28. Dezember 1870 in Bütow / Pommern als das jüngste von drei Kindern zur Welt. Ihre Schwester Martha wurde am 6. Januar 1859 in Bütow/Pommern geboren und ihr Bruder Alfred am 11. November 1866.

Der Zeitpunkt der Heirat von Rosa Beer ist unbekannt. Es ist jedoch sicher, dass die Ehe wieder geschieden wurde, denn in den Entschädigungsakten ist sehr häufig von Rosa Beer, geschiedene Blaustein, die Rede.

Wann genau die Familie Beer nach Berlin kam, ist unbekannt.

Als ihre Schwester Martha Blumenthal, geb. Beer, 1908 verstarb und vier noch minderjährige Kinder hinterließ, kümmerte sich die damals 38-jährige, kinderlose Rosa Beer um ihre Neffen Leopold (geb. 1888), ihre Nichte (Name und Geburtsdatum sind unbekannt), Rudolf (geb.1894) und Heinrich (geb.1896) als seien es ihre eigenen Kinder.

In den 1920er Jahren war Rosa Beer die Lebensgefährtin von Albert Loeske, der damals der vermutlich wohlhabendste Kunst- und Juwelenhändler Berlins war und zudem etliche Immobilien besaß. Sie wohnten wohl in Potsdam. Als Albert Loeske am 01.10.1929 verstarb – er wurde auf dem jüdischen Friedhof Weissensee begraben – hinterließ er Rosa Beer und seinem Geschäftspartner – nicht aber der Familie Loeske – ein erhebliches Vermögen. Sein Testament löste den größten Erbschaftsprozeß nach dem 1. Weltkrieg aus. Die Familie Loeske unterlag und Rosa Beer bekam einen sehr beträchtlichen Teil seines Vermögens zugesprochen. Allein die „Judenvermögensabgabe“ (JuVa), die alle Juden nach der Pogromnacht 1938 auf Vermögen über 5000 TM als „Sühneleistung“ bezahlen mussten, machte bei Rosa Beer mehr als eine halbe Million RM aus.

Rosa Beer zog zu ihrem Bruder Alfred in die Friedrich-Wilhelm-Straße 24.

Es gibt ein Foto von Rosa Beers 61. Geburtstag am 28. Dezember 1931, das die Familie Blumenthal-Beer zeigt. Dabei sitzt nicht etwa die Jubilarin in der Mitte sondern das Familienoberhaupt, Louis Blumenthal, Rosas Schwager und Vater der Kinder, die sie aufzog und die inzwischen alle verheiratet waren und z. T. selbst Kinder hatten.

Hinten von links nach rechts: Heinrich Blumenthal, Schwester, Else (Ehefrau von Leopold), Rudolf und Vera Blumenthal, Leopold Blumenthal, vorne von links nach rechts: Rosa Beer, Louis Blumenthal, Margarethe Blumenthal (Ehefrau von Heinrich) mit Sohn Klaus
Hinten von links nach rechts: Heinrich Blumenthal, Schwester, Else (Ehefrau von Leopold), Rudolf und Vera Blumenthal, Leopold Blumenthal, vorne von links nach rechts: Rosa Beer, Louis Blumenthal, Margarethe Blumenthal (Ehefrau von Heinrich) mit Sohn Klaus
Bild: Nachkommen der Familie Beer

Rosa Beers Bruder Alfred verstarb am 9. Mai 1937 und wurde in demselben Erbbegräbnis wie ihr Lebensgefährte Albert Loeske in Weissensee beigesetzt.

Dann zog Rosa Beer in die Westfälische Straße 59. Von hier wurde sie am 21. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 4. März 1943 ermordet.

Sie hat sicher während ihrer Inhaftierung in Theresienstadt nicht mehr erfahren, dass ihr Neffe Rudolf Blumenthal und seine Frau Vera, geb. Senger, am 26. Oktober 1942 nach Riga deportiert und dort unmittelbar nach Ankunft des Transports am 29. Oktober 1942 ermordet wurden. In der Vermögensakte von Rudolf Blumenthal wurde die Aufstellung des Vermögens mit einem Stempel versehen „der Jude wurde evakuiert“. An die beiden erinnern Stolpersteine seit dem 10. November 2013 in der Friedbergstraße 14.

Rosa Beer hat bestimmt auch nicht erfahren, dass ihr ältester Neffe Leopold sich am 14.03.1943 – nach der Deportation seines Bruders Rudolf und dessen Frau sowie seiner Tante Rosa – vermutlich das Leben nahm. Er ist gemeinsam mit seiner Ehefrau Elisabeth auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee begraben.

Der jüngste Neffe, Heinrich, wurde am 31.12.1944 in Auschwitz ermordet. An ihn erinnert seit Juni 2013 ein Stolperstein in der Rönnestraße 11. Über das Leben der Schwester ist nichts bekannt, allerdings muss man davon ausgehen, dass auch sie den Naziterror nicht überlebt hat.

Rosa Beer war Mitglied einer glücklichen, großbürgerlichen Charlottenburger Familie – die von allen geschätzte, geliebte und respektierte Tante Rosa eben – bis Hitler an die Macht kam. Durch die mörderische Rassenpolitik der Nationalsozialisten wurde auch diese Familie – wie so unvorstellbar viele andere – verfolgt, zerstört und fast auslöscht. Und angeblich hat es damals niemand gesehen und niemand gewusst.

Joachim Blumenthal, der Sohn von Rosa Beers jüngstem Neffen Heinrich ist der lebende Beweis, dass es den Nazis nicht gelungen ist, jüdisches Leben in Deutschland völlig auszulöschen.

Sorgen wir alle gemeinsam dafür, dass Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft sich im heutigen Deutschland sicher und auch wohl fühlen können. Und sorgen wir gemeinsam dafür, dass dies für alle Menschen in Deutschland gilt, egal welcher Herkunft, welchen Glaubens und welcher Hautfarbe.

Das sind wir allen Opfern der Nazibarbarei schuldig. Und das sind wir uns selbst schuldig, wenn wir zu Recht Menschen genannt werden wollen.