HIER WOHNTE
SIEGFRIED WEILE
JG. 1885
FLUCHT 1939 BELGIEN
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 12.8.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ
Siegfried Salomon Weile kam am 30. Juni 1885 als Sohn von Samuel (Salomon) Weile (*1848) und dessen Ehefrau Fanny, geborene Machol (*1857) in Berlin zur Welt. Sein Vater, der ursprünglich aus Schlochau in Pommern (heute Człuchów in Polen) stammte, war Maurermeister und in Berlin als Baumeister und Architekt tätig. Unter anderem baute er wahrscheinlich 1889/90 die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Synagoge in der Behaimstraße 11 in Charlottenburg. Ab 1900 hatte er in der Unterwasserstraße in Mitte ein Büro für Architektur und Bauausführungen.
Siegfried hatte eine ältere Schwester namens Frieda (*1881), einen jüngeren Bruder namens Ernst (*1888) und eine jüngere Schwester namens Else (*1892). Beruflich trat er in die Fußstapfen seines Vaters. Nach einem Studium an der Technischen Hochschule Berlin und einem Abschluss als Diplomingenieur eröffnete er in der Passauer Straße 35 in Charlottenburg ein Architekturbüro. Er entwarf Wohn- und Geschäftshäuser, Innengestaltungen und auch Mausoleen für den jüdischen Friedhof. Erhalten ist noch ein Geschäftshaus in der Oranienstraße 159, das er 1912/13 entwarf, und das heute als Bestandteil des Ensembles Oranienstraße unter Denkmalschutz steht. Zur gleichen Zeit entwarf er für den Unternehmer Edmund Elend ein dreistöckiges Kaufhaus in der Berliner Straße (heute Tempelhofer Damm) Ecke Kaiserin-Augusta-Straße. Das „Kaufhaus Tempelhof” wurde ab den 1920er-Jahren immer wieder umgestaltet und ab 1967 von Karstadt geführt, bis es 2024 schloss. Für Edmund Elend
baute Siegfried Weile in den 1920er-Jahren auch eine prächtige Villa in Lankwitz, die heute nicht mehr steht.
Er trug den Titel eines Regierungsbaumeisters und war Stadtverordneter von Berlin, außerdem Mitglied im Architekten- und Ingenieursverein Berlin und in der Gesellschaft für Erdkunde.
Im Sommer 1918 starb sein kleiner Bruder Ernst, der als Arzt am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet worden war, mit 30 Jahren in einem Feldlazarett. Zwei Jahre später starb in Berlin ihr Vater Samuel, der bis zu seinem Tod sein Bauunternehmen in der Unterwasserstraße fortgeführt hatte. Siegfried scheint seine Firma dann übernommen zu haben. Die Mutter Fanny war bereits 1908 gestorben. Alle drei wurden auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt.
In den 1920er-Jahren heiratete Siegfried Weile die fünfzehn Jahre jüngere Eva Hein (*1900). Sie stammte ursprünglich aus Naugard (Nowogard) in Pommern. Ihre Eltern, der Justizrat Louis Hein und dessen Frau Hedwig geborene Oppel, lebten in Wilmersdorf. Wahrscheinlich war Eva zum Zeitpunkt ihrer Heirat bereits verwitwet.
Nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, verlor Siegfried bald seinen Lebensunterhalt. Die Mitgliedschaft in der Reichskammer der bildenden Künste wurde ihm als Juden verweigert, was für einen Architekten einem Berufsverbot gleichkam. Er wohnte zu diesem Zeitpunkt in der Krefelder Straße in Moabit. Seine Ehe mit Eva, die anscheinend kinderlos blieb, wurde in den 1930er-Jahren geschieden. Vor 1938 zog er in die Westfälische Straße 59 um. Hier wurde er im Mai 1939 bei der „Minderheiten-Volkszählung” erfasst.
Einige Monate später, im September 1939, verließ er Deutschland und emigrierte nach Belgien. Nach dem deutschen Einmarsch war er auch hier nicht mehr sicher. Er wurde verhaftet und im Internierungslager Drancy festgesetzt. Am 12. August 1942 wurde er von dort aus nach Auschwitz deportiert, wo man ihn ermordete. Sein Tod wurde nicht registriert. Siegfried Weile starb wahrscheinlich mit 57 Jahren.
Seiner Ex-Frau Eva war die Flucht gelungen. Sie reiste zuerst nach Frankreich, 1942 weiter in die Schweiz und 1946 in die Vereinigten Staaten. Hier scheint sie in den 1990er-Jahren im hohen Alter gestorben zu sein. Ihre Eltern Louis und Hedwig wurden beide 1943 im Ghetto Theresienstadt ermordet.
Siegfrieds große Schwester Frieda verwitwete Lachmanski, die mit ihrem Mann in Königsberg gelebt und nach dessen Tod zurück nach Berlin gezogen war, nahm sich dort am 16. Februar 1942 das Leben. Ihr Sohn Walter (*1904) konnte sich retten und starb 1965 in Großbritannien.
Siegfrieds kleine Schwester Else floh mit ihrem Ehemann, dem Professor der Medizin, Georg Rosenow und der gemeinsamen Tochter Edith in die Vereinigten Staaten und starb 1985 in Manhattan. Elses Enkelsohn Ron Wyden (*1949) ist ein amerikanischer Politiker der Demokraten und vertritt seit 1996 den Staat Oregon im Senat der USA.
Recherche und Text: Christine Wunnicke
Quellen:
- Yad Vashem
- Gedenkbuch des Bundes
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives
- mappingthelives.org
- berlingeschichte.de
- memoriart33-45.org
- Wikipedia Edmund Elend
- Wikipedia Ron Wyden