Stolpersteine Westfälische Str. 85

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Hauseingang Westfälische Str. 85
Bild: H.-J. Hupka

Die Stolpersteine zum Gedenken an Johanna Barschall und Jenny Loewenheim wurden am 21.9.2013 verlegt, die für Alfred und Alica Russak am 14.10.2014. Alle vier wurden, ebenso wie die an der Westfälischen Straße 70 und 82, von der Deutschen Rentenversicherung Bund am Fehrbelliner Platz gespendet.

Der Präsident der DRV Bund, Herbert Rische, hielt zum Gedenken an die Opfer eine Ansprache .

Eigentümer des Wohnhauses Westfälische Straße 85 war Dr. Ernst Rosenthal, der im Jüdischen Adressbuch 1931 mit dieser Wohnadresse und im Berliner Adressbuch 1940 mit dem Wohnsitz London eingetragen war. Also war er vermutlich Jude und aus Berlin geflüchtet. In seinem Haus hatte er Wohnungen an Juden vermietet: an Jenny Loewenheim, deren Tochter Johanna mit dem Kaufmann Willi Barschall verheiratet war, und an Alice Schoeps, die nach ihrer Scheidung von einem Anwalt den Kaufmann Alfred Russak heiratete.
Das Haus existiert nicht mehr, hier befindet sich heute ein Getränkemarkt.

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Stolperstein Johanna Barschall
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
JOHANNA BARSCHALL
GEB. LOEWENHEIM
JG. 1889
DEPORTIERT 19.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Johanna Barschall , geb. Loewenheim, war wahrscheinlich die Tochter Jenny Loewenheims und wurde am 4. März 1889 geboren. Ihr Mann Willi war 1939 mit der Bezeichnung Kaufmann/Papiergroßhandel und noch 1940 im Adressbuch eingetragen. Danach ist er nirgendwo mehr aufzufinden, nach Angaben seiner Frau war er gestorben. Ihr Sohn Karl-Heinz, der 1912 geboren wurde, konnte rechtzeitig emigrieren.
Johanna betrieb einen Bridgeclub in der Wielandstraße und lebte von den Einnahmen, weil faktisch jede andere Tätigkeit für Juden verboten war. 1939 schrieb sie ihrem Sohn, dass sie gezwungen wurde, ihren Schmuck und sonstiges Silber abzuliefern und ihre Wertgegenstände versteigern zu lassen. Sie musste alles aufgeben und wurde in die Große Hamburger Straße gebracht. Am 19. Februar 1943 musste sie sich in einen von den Nazis verharmlosend als „Alterstransport“ bezeichneten mit 997 Menschen besetzten Todeszug nach Auschwitz drängeln.
Am nächsten Tag kamen sie dort an, fast alle wurden vergast.

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Stolperstein Jenny Loewenheim
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
JENNY LOEWENHEIM
GEB. RUBEN
JG 1864
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 10.4.1943

Jenny Loewenheim , geb. Ruben, ist am 15. Juli 1864 in Hamburg geboren. Sie hatte nur eine kleine Wohnung in der Westfälischen Straße 85. Ein Zimmer vermietete sie, um die Wohnung bezahlen zu können, an Walter Grunwald, von dem nichts bekannt ist.
Von ihrem Neffen, der in der Metallgesellschaft in Frankfurt am Main arbeitete, erhielt Jenny Loewenheim monatlich 200 Reichsmark, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, da Juden jedwede Tätigkeit verboten worden war.
Vor ihrer Deportation musste sie Anfang März 1943 eine Vermögensaufstellung machen, der Wert ihrer Habe betrug 340 RM. Alles wurde konfisziert. Mitte März 1943 wurde sie in die Sammelstelle in der Levetzowstraße, eine zu diesem Zweck missbrauchte, noch teilweise intakte Synagoge, gebracht und am 17. März nach Theresienstadt deportiert. Am 10. April 1943 ist sie dort ums Leben gebracht worden.

Stolperstein Alice Russack
Stolperstein Alice Russack
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ALICE RUSSACK
GEB. LEWIN
JG. 1889
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
24.9.1942

Alice Russack, geb. Lewin, geboren am 13. Dezember 1889 in Stettin, war in erster Ehe mit dem Anwalt Dr. Georg Schoeps verheiratet gewesen. Er hatte in Hannover eine gutgehende Praxis hatte war 1924/25 Präsident eines Vereins, der ein jüdisches Kindererholungsheim des Ordens B’nai Brith auf Norderney betrieb. Auf Grund einer Affaire wurde ihr Mann nach den Nürnberger Rassegesetzen wegen “Rassenschande“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und durfte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Sie ließ sich scheiden und zog mit ihrer Tochter, die 1924 geboren wurde, nach Berlin. Sie vermietete Zimmer mit Verpflegung und unterstützte ihren geschiedenen Mann, der völlig mittellos war und noch einmal ins Konzentrationslager gebracht wurde.

Stolperstein Alfred Russack
Stolperstein Alfred Russack
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ALFRED RUSSACK
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
24.9.1942

Im Januar 1940 heiratete sie Alfred Russack, geboren am 18. August 1878 in Posen (Poznan). Er war 1939 noch in der Lessingstraße 18 in Tiergarten gemeldet, ließ sich allerdings im Adressbuch 1940 in der Westfälischen Straße 85 mit dem Beruf Kaufmann verzeichnen. Alice Russak hatte einen eigenen Eintrag mit dem Zusatz „Frau“. Von ihrem geschiedenen Mann Georg Schoeps hatte sie über die KZ-Bedingungen gehört. Deshalb entschloss sie sich zusammen mit ihrem Mann Alfred zum Freitod, nachdem sie von der bevorstehenden Deportation erfuhren. Am 24. September 1942 nahmen sie sich das Leben.
Im Bericht der Geheimen Staatspolizei (GeStaPo) zur “Einziehung jüdischen Vermögens“, veröffentlicht im „Deutschen Reichsanzeiger/Preußischer Staatsanzeiger“, hieß es am 14.10.1942: „Schlüssel der Wohnung sind nicht vorhanden. Abgenommene Türklinken befinden sich im Kriminalbüro des 152. Polizeireviers.“

Recherchen und Texte: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv; Berliner Adressbücher 1939/40; Deutscher Reichsanzeiger/Preußischer Staatsanzeiger 1942