Stolpersteine Lietzenburger Str. 72 (Damals Lietzenburger Str. 5)

Hauseingang Lietzenburger Str. 72

Hauseingang Lietzenburger Str. 72

Die an der Lietzenburger Straße 72 verlegten Stolpersteine wurden gespendet von Karl-Heinz Klaiber (Würzburg) für Maria Terwiel und von der Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf für Helmut Himpel. Die Stolpersteine für Maria Terwiel und Helmut Himpel wurden am 13. März 2012 verlegt.

Der Stolperstein für Franz Marcuse wurde am 29. Oktober 2025 verlegt und von Klaus Dieter Spangenberg und Barbara Reisner gespendet.

Stolperstein Maria Terwiel

Stolperstein Maria Terwiel

HIER WOHNTE
MARIA TERWIEL
JG. 1910
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 17.9.1942
HINGERICHTET 5.8.1943
BERLIN-PLÖTZENSEE

Maria Terwiel und Helmut Himpel waren ein Paar und Widerstandskämpfer gegen die nationalsozialistische Tyrannei. Sie gehörten zu einer Widerstandsgruppe, die als „Rote Kapelle“ bekannt geworden ist. Beide sind in der Hinrichtungsstätte des Gefängnisses Plötzensee enthauptet worden.

Maria Terwiel wurde am 7. Juni 1910 in Boppard am Rhein geboren und machte 1931 in Stettin Abitur. Ihr Vater war der Katholik und Sozialdemokrat Johannes Terwiel, ihre jüdische Mutter hieß Rosa.

Wie ihr Vater wollte sie Juristin werden und begann in Freiburg ein Jurastudium, das sie in München fortsetzte. 1935 begann sie mit ihrer Doktorarbeit, die sie aber kurz danach abbrach, weil sie als „Halbjüdin“, wie die Nazis sie auf Grund der damaligen, von ihnen eingeführten Rassengesetze einstuften, keine Aussicht auf eine Referendarstelle hatte. Bis 1942 arbeitete sie als Sekretärin in einem deutsch-schweizerischen Textilunternehmen in Berlin.

Während ihres Studiums in Freiburg hatte sie sich mit dem Zahnmedizinstudenten Helmut Himpel befreundet, verlobte sich mit ihm und lebte nach ihrem Umzug nach Berlin, wo Himpel um 1937 eine Praxis eröffnete, von 1940 an mit ihm zusammen. Heiraten durften sie wegen ihrer jüdischen Abstammung nicht.

Maria Terwiel und Helmut Himpel

Maria Terwiel und Helmut Himpel

Maria Terwiel, die katholisch war, und der evangelische Christ Helmut Himpel gehörten zum Widerstandkreis „Rote Kapelle“, zu dessen Mitgliedern sie Kontakte hatten. Sie vervielfältige 1941 die Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August von Galen (1878-1946) gegen die als „Euthanasie“ bezeichneten Morde kranker Menschen, und 1942 ein Flugblatt mit dem Titel „Die Sorge und Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“. Sie verbreitete diese und andere Flugschriften und klebte Zettel mit Protesten gegen das Nazi-Regime.

Am 17. September 1942 wurde sie in ihrer Wohnung an der Lietzenburger Straße 72 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet und am 26. Januar 1943 vom Reichskriegsgericht wegen „Landesverrats“ zum Tod verurteilt. Vom 30. März bis 3. Mai war sie im Frauengefängnis an der Kantstraße 79 inhaftiert, von hier aus kam sie ins Lazarett des Untersuchungsgefängnisses Moabit. Ein Gnadengesuch lehnte Adolf Hitler am 21. Juli 1943 ab. Das Todesurteil wurde am 5. August vollstreckt. Sie war gerade 33 Jahre alt.

Der im Prozess gegen die „Rote Kapelle“ für die Anklage und für die insgesamt 56 Todesurteile mitverantwortliche Staatsanwalt Manfred Roeder (1900-1971) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Rechtsbeugung und Aussageerpressung angezeigt. Aber das Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde niedergeschlagen. Stattdessen durfte der Nazi-Militärrichter noch 1951 für die damalige neonazistische Sozialistische Reichspartei (SRP) unbehelligt Wahlkampf führen; er war später aktives Mitglied der CDU und sogar mehrere Jahre stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Glashütten im Taunus.
An Marias Terwiel erinnert eine Straße in der Nähe der Hinrichtungsstätte Plötzensee (Terwielsteig); in ihrer Geburtsstadt Boppard und in anderen Städten gibt es Straßen mit dem Namen „Maria-Terwiel-Straße“.

Stolperstein Helmut Himpel

Stolperstein Helmut Himpel

HIER WOHNTE
HELMUT HIMPEL
JG. 1907
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 17.9.1942
HINGERICHTET 13.5.1943
BERLIN-PLÖTZENSEE

Helmut Himpel wurde am 14. September 1907 in Schönau im Schwarzwald geboren, studierte Zahnheilkunde in Freiburg und in München. Während des Studiums lernte er seine spätere Verlobte und Lebensgefährtin Maria Terwiel kennen. Sie durften allerdings nicht heiraten, da er evangelisch und sie – nach den Nazi-Rassegesetzen – „Halbjüdin“ war. Nach Himpels Promotion zogen beide nach Berlin, wo Himpel um 1937 eine Zahnarztpraxis eröffnete. Er hatte viele prominente Patienten, unter anderen den Schauspieler Heinz Rühmann.
Während der Nazizeit behandelte Himpel heimlich und kostenlos jüdische Patienten, manchmal sogar, damit sie mit ihren Erkennungszeichen, den „Judensternen“ nicht auffielen, in deren Wohnungen. Und er nahm Einfluss auf Untersuchungen zur Wehrtauglichkeit, um Wehrpflichtige von Fronteinsätzen zu verschonen.

Maria Terwiel, deren Eltern in Berlin lebten, zog mit Helmut Himpel zusammen. Sie kamen in Kontakt zur Gruppe von Harro Schulze-Boysen, die als „Rote Kapelle“ bezeichnet wurde. Beide nahmen an Aktionen der Gruppe teil, besonders an der Verbreitung von Schriften und der Verteilung von Flugzetteln. Auch die Flugschrift „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“ verbreiteten sie unter Diplomaten und Journalisten.

Beide wurden am 17. September 1942 zusammen verhaftet, Helmut Himpel ist nach seinem Prozess vor dem Reichskriegsgericht als „Landesverräter“ am 13. Mai 1943 in Plötzensee hingerichtet worden.

Lietzenburger Str. 72 Franz Marcuse

Stolperstein Franz Marcuse

HIER WOHNTE
FRANZ MARCUSE
JG. 1881
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941
RIGA-RUMBULA

Franz Rudolf Marcuse (*30. November 1881) war der jüngste Sohn einer gutbürgerlichen, wohlhabenden jüdischen Familie, die zunächst in Berlin-Mitte lebte und dann ins vornehme Tiergartenviertel umzog. Sein Vater Albert (1838 – 1894) arbeitete als Finanzmakler, seine Mutter Ottilie, geborene Aron (1853-1934) stammte aus einer angesehenen Frankfurter Kaufmannsfamilie.

Franz hatte zwei Brüder und eine Schwester. Der älteste, Joseph (1875-1927), machte ab 1912 eine glänzende Karriere beim Militär als Rittmeister bei den Garde-Kürassieren und gründete später eine Privatbank; der zweite, Harry (1876-1931), arbeitete als Nervenarzt in der Heil- und Pflegeanstalt Herzberge; auch Schwester Hedwig (1880-1956) studierte Medizin, schloss das Studium aber nicht ab, sondern heiratete einen Chirurgen und hatte mit ihm drei Kinder.

Wahrscheinlich besuchte Franz Marcuse ebenso wie seine Brüder das Königliche Wilhelms-Gymnasium im Tiergartenviertel, und vielleicht absolvierte er danach eine kaufmännische Ausbildung; für große berufliche Erfolge war er aber nicht geschaffen. Der schmale, hochgewachsene Junge, den man in der Familie „Fränzchen” nannte, tat sich schwer damit, eine Stellung zu finden, und noch schwerer, sie zu behalten. Nach dem frühen Tod des Vaters blieb er bei seiner Mutter wohnen, in einer schönen Erkerwohnung im Hochparterre, Tiergartenstraße Ecke Hohenzollernstraße. Die Mutter umsorgte ihn und behandelte ihn oft wie einen kleinen Jungen, was er, wie seine Nichte Ursula Hirschmann beschreibt, gut gelaunt und mit einer gewissen Selbstironie über sich ergehen ließ. Mit seinen Neffen und Nichten, die wohl sehr an ihm hingen, verbrachte er viel Zeit, in Berlin und auch in der Sommerfrische in Bad Teplitz. „Er zog immer ein Gesicht, das zwar nicht richtig traurig war, aber aussah, als habe man ihn gerade ausgeschimpft”, erinnerte sich Ursula Hirschmann.

Die Familie Marcuse mit all ihren angeheirateten Verwandten war eng und liebevoll verbunden; fast alle wohnten im Tiergartenviertel. Die Marcuses waren kaisertreue Patrioten; Franz’ Bruder Joseph soll einer der engsten Vertrauten des Kronprinzen gewesen sein.

Nach mehreren Fehlschlägen wurde Franz 1914 Filialleiter eines Pelz- und Konfektionsgeschäfts und blieb dort etwa anderthalb Jahre. Dann wurde er entlassen, weil die Filiale schloss. Seine Brüder waren zu diesem Zeitpunkt schon längst im Krieg, Joseph zunächst an der Westfront, Harry als Sanitätsarzt an der Ostfront. Im Mai 1916 erhielt dann auch Franz seinen Einberufungsbefehl. Er sollte als „Schipper” in einem Armierungsbataillon in Frankreich dienen und Schützengräben ausheben. Die Familie war sehr besorgt um ihn und hoffte, dass man den zarten Mann ausmustern oder ihm einen Schreiberposten geben würde; das geschah aber nicht. In Frankreich und Belgien überstand er den Krieg mehr schlecht als recht, erkrankte an Typhus und landete mehrfach im Berliner Virchow-Krankenhaus, nur noch Haut und Knochen und mit offenen Beinen, weil er ständig bis zu den Knien im Wasser stehen musste. „Er hat es nicht gutgehabt”, schrieb sein Bruder Harry an seine Frau.

Im Krankenhaus pflegte ihn eine junge Frau namens Liesel, deren Nachnamen wir nicht kennen; 1918 verlobte sich Franz mit ihr. Die Familie betrachtete diese Verbindung mit gewissen Vorbehalten, dann aber mit Freude; Liesel scheint eine tüchtige und tatkräftige Frau gewesen zu sein, die allen sympathisch war. Die Hochzeit kam aber nie zustande.

Franz’ Cousine mütterlicherseits, die berühmte Filmkritikerin Lotte Eisner, schreibt in ihren Memoiren, er sei homosexuell gewesen – „etwas, was es für meine Eltern gar nicht gab”. Über sein weiteres Leben ist nur sehr wenig bekannt. Seine Brüder starben jung, Joseph 1927 und Harry 1931; die Mutter starb 1934. Franz’ Schwester Hedwig, die früh verwitwet war, gelang 1939 mit ihren Kindern die Flucht nach England. Laut ihrer Tochter Ursula Hirschmann machte sie sich ihr Leben lang Vorwürfe, dass sie Franz nicht mitgenommen hatte.

Zum Zeitpunkt der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wohnte er in der Lietzenburger Straße 5. 1940, als er einen Todesfall amtlich meldete, gab er die Joachimsthaler Straße 13 als Adresse an; in diesem Haus befand sich das jüdische Gemeindezentrum, weshalb dies wohl nicht sein freiwilliger Wohnsitz war.

Ursula Hirschmann berichtet, dass Franz seit den 1930er-Jahren zurückgezogen mit einer Freundin im Norden Berlins wohnte. Die Familie betrachtete diese Beziehung als Mesalliance und vermied es, darüber zu sprechen. Franz’ Schwester Hedwig, so ihre Tochter Ursula, habe sich beschwert, dass Franz „das Geld seiner Mutter mit einem Fräulein verschleudere, einer Christin”. Diese Freundin, deren Namen man leider nicht mehr in Erfahrung bringen kann, habe Franz dann versteckt, „auf die Gefahr hin, dass dieser Liebesakt ihr dasselbe Ende bescheren könne wie ihm; bis sie ihn dann schließlich fanden.”

Sie fanden ihn spätestens im November 1941. Er war sechzig Jahre alt. Man brachte ihn in die Synagoge in der Levetzowstraße, die als „Sammellager” für die ersten Deportationen diente, und von dort aus am 27. November zum Bahnhof Grunewald. Nach drei Tagen Zugfahrt in überfüllten Waggons erreichte er zusammen mit 1052 anderen Berliner Jüdinnen und Juden am frühen Morgen des 30. November bei klirrender Kälte den Bahnhof Šķirotava am Stadtrand von Riga. Als Ziel der Deportation war ursprünglich das Ghetto von Riga vorgesehen gewesen, aber es war völlig überfüllt. Der Zug aus Berlin wurde in den Bahnhof Rumbula umgeleitet und die Deportierten mussten sich dort den Marschkolonnen der aus dem Ghetto von Riga abgeholten lettischen Jüdinnen und Juden anschließen. Man führte sie in einen Kiefernwald, wo russische Kriegsgefangene bereits Gruben ausgehoben hatten. Sie mussten ihre Wertsachen abgeben, sich entkleiden und mit dem Gesicht nach unten in die Gruben legen. Dann schoss man ihnen mit Maschinenpistolen ins Genick. Franz Marcuse und alle anderen Berlinerinnen und Berliner waren zuerst an der Reihe, sie starben am 30. November 1941 zwischen 8:15 und 9:00 Uhr. Nach ihnen wurden noch rund 14.000 Personen aus dem Ghetto von Riga ermordet. Nach anderthalb Stunden wechselte man jeweils die Schützen aus. Die Erschießungen dauerten, von schwerem Schneefall unterbrochen, bis in die Dämmerung.

Recherche: Klaus D. Spangenberg, Barbara Reisner, Christine Wunnicke

Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechischen Juden, Bd. 1, München 2003
  • Klaus D. Spangenberg, Joseph R. Marcuse. Eine Spurensuche. Berlin 2017
  • Dr. Harry und Mimi Marcuse, Kriegsbriefe 1914-1918. Hg. Barbara Reisner. 2013
  • Ursula Hirschmann, Noi senzapatria. Bologna 1993
  • Lotte Eisner, Ich hatte einst ein schönes Vaterland. Heidelberg 1984

Alle Texte und Bilder auf dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Erlaubnis des/r Rechteinhaber*in verwendet werden.

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Wegen der Wartezeit von 3 bis 4 Jahren können keine neuen Anträge für Stolpersteine angenommen werden. Bereits registrierte Anträge werden bearbeitet.

Because of a waitingtime of 3 to 4 years new requests for Stolpersteine cannot be accepted. Requests already registered will be processed.

Adresse

Stolperstein

Verkehrsanbindungen