Stolperstein Lietzenseeufer 1

Hausansicht Lietzenseeufer 1

Der Stolperstein für Margarete Eloesser wurde auf Initiative von Nachkommen und des Buchhändlers Horst Olbrich (Berlin) am 23. August 2011 verlegt.

Die Stolpersteine für die Familie Greve wurden am 17. Juli 2025 verlegt und von Peter Hoenig, New York, gespendet.

Stolperstein Margarete Eloesser, Foto:H.-J. Hupka, 2013

Stolperstein Margarete Eloesser, 2013

HIER WOHNTE
MARGARETE
ELOESSER
GEB. NAUENBERG
JG. 1881
DEPORTIERT 25.1.1942
ERMORDET IN
RIGA

Margarete Eloesser ist am 13. Mai 1881 mit dem Namen Margarete Nauenberg in Berlin geboren. Sie war die Tochter von Sophie Nauenberg geb. Crohn (18. Oktober 1848-20. Januar 1918) und Philipp Nauenberg (17. Juli 1842-1. September 1906). Der Vater war Inhaber einer Textilfirma.

1903 heiratete sie den am 20. März 1870 in Berlin als Sohn des Kaufmanns Theodor (Tobias) Eloesser und dessen Frau Margarete geborenen Arthur Eloesser, der Journalist und Literaturwissenschaftler war. 1905 wurde der Sohn Max geboren, 1907 die Tochter Elisabeth. Von 1908 bis 1933 wohnte die Familie in der Dahlmannstraße 29.

Seit etwa 1910 waren sie mit dem führenden Sozialdemokraten und Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank (1874-1914) bekannt. Briefe von Ludwig Frank an Margarete Eloesser sind abgedruckt in dem 1924 von der ebenfalls mit ihm befreundeten Sozialdemokratin Hedwig Wachenheim publizierten Buch: Ludwig Frank. Aufsätze, Reden und Briefe. Margarete Eloesser war im Besitz der Frank-Büste von Carl Ebbinghaus.

Um 1915 wurde „Teufelchens Großmutter“ im Deutschen Künstlertheater an der Nürnberger Straße aufgeführt. So erinnerte sich ein Mitwirkender schriftlich. Erhalten ist die Abschrift einer Szene des Märchenspiels. Im Juli 1925 erfolgte die Aufführung des „Blumenmärchens“ auf der Freilichtbühne Jungfernheide. Von 1926 bis 1932 erschienen gelegentlich Gedichte in der Vossischen Zeitung.

Von 1933 bis 1939 wohnte sie am Lietzenseeufer 1. Zwischen 1934 und 1937 war ihr Mann in Palästina, dann kehrte er ins nationalsozialistische Deutschland zurück. Am 18. März 1938 publizierte die Jüdische Rundschau, wo Arthur Eloesser seit 1933 arbeiten musste, das Gedicht „Flehen“ zum Andenken an dessen 68. Geburtstag. Er war am 14. Februar 1938 gestorben. Sein Grab befindet sich auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf.

Von 1939 bis 1942 lebte sie dann in der Marburger Straße 9a. Alle Versuche, Deutschland zu verlassen, scheiterten. Am 25. Januar 1942 wurde Margarete Eloesser nach Riga deportiert. Zwei Tage nach der Ankunft des Deportationszuges auf dem Rangierbahnhof Skirotava, etwa acht Kilometer nordöstlich von Riga, wurde sie zusammen mit den anderen Deportierten in einem nahegelegenen Wäldchen bei Rumbula erschossen. Es gibt keine Überlebenden und keine Dokumente. Die Toten wurden in Massengräbern verscharrt.

Der schriftstellerische und persönliche Nachlass Margarete Eloessers muss – außer einigen wenigen in Archiven erhaltenen Briefen – als verschollen gelten.

Im Herbst 1997 ist ein Gedenkstein auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee für Arthur Eloesser, seine Frau Margarete Eloesser und seine Schwester Fanny Levy geb. Eloesser durch die Enkel Irene Freudenheim und Michael Eloesser errichtet worden.

Am 6. September 2011 fand in Charlottenburg an der Ecke Gervinusstraße/Droysenstraße die Einweihung des Margarete-und-Arthur-Eloesser-Parks statt.

Biografische Zusammenstellung: Horst Olbrich.

Siehe auch den “Artikel der Jüdischen Allgemeinen”: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/11251 und Hedwig Wachenheim (Hrsg.): Ludwig Frank. Aufsätze, Reden und Briefe. Berlin 1924.

Familie Greve, Berlin 1939

Stolpersteine der Familie Greve

Familie Greve wohnte seit ca. 1925 in einer großen Wohnung am Lietzenseeufer 1. Das ursprüngliche Gebäude wurde im Krieg beschädigt und später durch einen Neubau ersetzt. Die Großmutter Caroline wohnte im selben Haus in einer kleineren Wohnung.

  • Caroline Greve, geb. Friede (18.10.1859, Bega – 24.01.1943 Südfrankreich)
  • Ernst Greve (14.10.1887 Gadderbaum/Bielefeld– September 1942 Auschwitz)
  • seine Ehefrau, Anna Greve, geb. Wallach (15. April 1897 Wiedenbrück – September 1942 Auschwitz)
  • Sohn von Ernst und Anna Greve: Hans Günther Greve (28.08.1920 Bielefeld – September 1942, Auschwitz)
  • Tochter von Ernst und Anna Greve: Inge Hoenig, geb. Greve (28.03.1923, Bielefeld – 2007 Toronto)
Lietzenseeufer 1 Caroline Greve

HIER WOHNTE
CAROLINE GREVE
GEB. FRIEDE
JG. 1859
FLUCHT 1939 FRANKREICH
TOT 24.1.1943

Sie lebten als ganz „normale“ Berliner Familie, vollständig integriert. Die jüdische Abstammung war für sie ohne Bedeutung: Ludwig Greve (Cousin von Hans Günther und Inge) schreibt in seinem Buch „Wo gehörte ich hin“: „Ernst wollte nichts vom Jüdischsein wissen“ „Wir wurden zu Juden gemacht“. Ernst war in der Hemdenbranche tätig, seine Frau Anna, die immer Änne genannt wurde, war nicht berufstätig.

Hans-Günther und Inge Greve, circa 1930

Hans-Günther und Inge Greve

Die „Kinder“: Inge und Hans Günther gingen in Charlottenburg zur Schule: Inge zunächst in die Witzleben Schule (wahrscheinlich die heutige Lietzensee-Schule) und dann bis 1939 in die Waldschule Grunewald am Roseneck, auch Lessler-Schule genannt, eine konfessionell ungebundene Montessori- Privatschule.

Ab 1935 legitimierten die “Nürnberger Gesetze” die staatliche Diskriminierung und Verfolgung von Juden im Nationalsozialismus. In der sogenannten „Dritten Phase der Judenverfolgung“ (1938 – 1941), der forcierten Vertreibung, wurden 485 antijüdische Maßnahmen und Gesetze erlassen, die einen weiteren Aufenthalt in Deutschland unmöglich machen sollten, so z.B. die “Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“, „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“, „Judenbannbezirke“ u.a.m.

Lietzenseeufer 1 Anna Greve

HIER WOHNTE
ANNA GREVE
GEB. WALLACH
JG. 1897
FLUCHT 1939 FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 2.9.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Nach den Novemberpogromen 1938, die den Übergang zur systematischen Vertreibung und Unterdrückung der Juden einleiteten, wurde Ernst Greve als „politischer Jude“ im Juni 1939 von der Gestapo in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert, nachdem er bereits im Mai 1939 für kurze Zeit in Berlin im Polizeigefängnis inhaftiert worden war. Dank guter Beziehungen zu einem Mitglied des Olympischen Komitees gelang es ihm jedoch, bereits im Juli des Jahres wieder entlassen zu werden.

Lietzenseeufer 1 Ernst Greve

HIER WOHNTE
ERNST GREVE
JG. 1887
VERHAFTET MAI 1939
POLIZEIGEFÄNGNIS BERLIN
KZ BUCHENWALD
FLUCHT 1939 FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 2.9.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Die Familie war gezwungen schnell Entscheidungen zu treffen: Man entschied sich, die Tochter Inge, die als einzige die Bedingung erfüllte, noch knapp unter 16 Jahre alt zu sein, mit einem der letzten Kindertransporte nach England zu verschicken. Sie kam zunächst nach Harwich, dann nach Glasgow in eine streng orthodoxe, jüdische Familie. Inge, die einzige Überlebende aus der Familie, heiratete 1946 in London Julius Hoenig (gen. Yussl), einen geflüchteten, tschechischen Juden. Sie arbeitete als Sonderpädagogin und später als freischaffende Malerin. Inge und Yussl wanderten nach Toronto aus, wo Yussl in eine Professorenstelle am „Clark Institut Psychiatry“ berufen worden war. Inge und Yussl hatten zwei Kinder: Die Tochter Liesl wurde 1942 noch in Glasgow geboren, lebte in London und verstarb 2019 in New York. Der Sohn Peter, 1944 in Petersborough geboren, hat mit seiner Frau seinen Lebensmittelpunkt in New York und war als Jurist tätig.

Die Eltern von Inge, Ernst und Änne, flüchteten im Juli 1939 mit Oma Lina (Caroline) und ihrem Sohn Hans Günther nach Paris. Unterstützt wurden sie von dem Juristen Henri Léraillé, der im 1. Weltkrieg Kriegsgefangener in Deutschland war. Sein damaliger Wächter, der Feldwebelleutnant Ernst Greve, hatte ihn als kriegsgefangenen französischen Offizier 1917/18 im Sennelager korrekt und zuvorkommend behandelt. Zum Dank setzte sich Dr. Léraillé bei den französischen Behörden für eine korrekte Behandlung und Hilfestellungen der Familie Greve ein und bat in einem Schreiben ihr „jede mögliche Hilfe zuteilwerden zu lassen“.

Lietzenseeufer 1 Hans Günther Greve

HIER WOHNTE
HANS GÜNTHER
GREVE
JG. 1920
FLUCHT 1939 FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 2.9.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Léraillé schrieb in seiner Funktion als Präsident des Veteranenverbands von Versailles und als ehemaliger Kriegsgefangener in Westfalen im 1. Weltkrieg am 5.September 1939 u.a.:

“Ich … habe Herrn Ernst Greve,.. sehr gut gekannt…Er hat uns während der ganzen Zeit unserer Gefangenschaft mit größtem Wohlwollen behandelt und….unser Schicksal oft erleichtert….Greve ist als Jude von den Nazis vollkommen ausgeraubt … und in einem Konzentrationslager in Deutschland interniert worden. …Ich bitte die französischen Autoritäten, die ganze Familie Greve…mit dem größten Wohlwollen zu behandeln und seinem guten Verhalten uns gegenüber Rechnung zu tragen.”

Ludwig Greve schreibt in seinen Memoiren: „Wo gehörte ich hin“: „Bei Kriegsausbruch wurden (in Frankreich) sämtliche männlichen Ausländer feindlicher Nationalität teils verhaftet, teils mussten sie sich stellen., Mein Vater (Walter) und mein Onkel (Ernst) kamen ins Stade Colombes (bei Paris)“, das mit Beginn des Zweiten Weltkriegs als Sammellager für deutsche und österreichische Internierte zweckentfremdet wurde. Sie “wurden aber bald freigelassen, da hochgestellte Bekannte (Léraillé) für sie bürgten.“

Nach wenigen Kriegswochen – im Juni 1940 – konnte Hitler Frankreich einen Waffenstillstand diktieren, der das Ende der Dritten Republik bedeutete. Ab diesem Moment wurde das bisherige Exilland für die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland zur lebensgefährlichen Falle – es begann ein Wechsel von Verfolgung und Entkommen.

Lietzenseeufer 1 Inge Greve

HIER WOHNTE
INGE GREVE
VERH. HOENIG
JG. 1923
KINDERTRANSPORT 1939
ENGLAND

Änne Greve wurde in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen gebracht, wo viele der in Frankreich festgenommenen Ausländer, vor allem aber jüdische Flüchtlinge, interniert wurden. Ernst Greve wurde zuerst im Stade Roland Garros bei Paris festgehalten. Hier wurde er vor die Alternative gestellt: Fremdenlegion oder Arbeitskompanie (Compagnies de prestataires). Er entschied sich für eine Arbeitskompanie, kam erst in ein Lager bei Bordeaux, später dann in die Nähe von Grenoble. Die Großmutter Lina blieb mit Verwandten in Paris zurück.

Im August 1940 wurde Ernst Greve aus dem Prestataire-Lager bei Grenoble entlassen und kam bei Bekannten im Fischerdorf La Nouvelle bei Perpignan unter. Hier traf er dann auch die restliche Familie: Lina, Änne und Hans Günther. Sie hatten so gut wie keine Möglichkeit, sich Lebensmittel zu beschaffen, und mussten sehr hungern. So flüchteten sie mit der alten und behinderten Großmutter im Januar 1942 weiter nach Forcalquier, Basses Alpes, ca. 89 km nordöstlich von Aix-en Provence, wiederum mit einem Empfehlungsschreiben von Henri Léraillé. Ernst Greve arbeitete dort zunächst in der Kohlenmine von Saint Maime und später in Forstbetrieben der Gemeinde.

Im Sommer 1942 begann die systematische Repression und Deportation der jüdischen, staatenlosen Emigranten im noch unbesetzten, aber kollaborierenden Vichy-Frankreich. Sie wurden zu “ennemis étrangers” (feindlichen Ausländern) erklärt, die jeglichen Rechtsschutz verloren und vollständig der Willkür und den Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt waren, organisiert und weitergeleitet von den Präfekten und Unterpräfekten an die lokalen Gendarmerien. Ernst Greve mit Frau und Sohn standen auf der Fahndungsliste als „ausländische Israeliten in Zwangsaufenthalt, die nicht arbeiten“. Dem lag eine Anordnung des französischen Polizeiministers Bousquet zugrunde, 10.000 Juden aus der freien Zone zu verhaften und nach Drançy zu deportieren. Staatenlosigkeit war das Hauptkriterium. Hinzu kam, dass Greves wegen verbotenen Handels auf dem Schwarzmarkt belangt wurden, da sie ihren Lebensunterhalt nicht anders bestreiten konnten.

Als „unerwünschte Personen“ wurde die Familie um Mitternacht am 26. August 1942, verhaftet, was – wie so vieles – von der Präfektur in der Fahndungsliste aufs Genaueste dokumentiert wurde. Über Nizza und Paris wurde die Familie mit einem Gefangenentransport nach Drançy in ein Sammel- und Durchgangslager bei Paris verbracht. Am 2. September 1942 wurden sie von dort im Konvoi Nr. 27 nach Auschwitz deportiert.

Inge, die ihre Eltern nie wieder sah, erhielt nach dem Krieg vom Roten Kreuz die letzte Nachricht in der mitgeteilt wurde, dass ihre Eltern und ihr Bruder in Auschwitz ermordet wurden.

Die über 80 jährige Großmutter Lina verblieb zunächst in Forcalquier bei Verwandten, die sie jedoch wegen der starken Unterernährung auf der weiteren Flucht über die Berge bei Freunden zurücklassen mussten. Sie brachten sie dann aus Vorsicht in ein Krankenhaus, wo sie im Winter 1943 verhungerte.
.
Recherche und Text: Cornelia Greve

Quellen:
  • Greve, Ludwig (1994).Wo gehörte ich hin? Geschichte einer Jugend. Tgahrt, Reinhard (Hrsg.). Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-027806-2
  • Klarsfeld, Serge (1989). Vichy-Auschwitz. Nördlingen: DELPHI Politik Verlegt bei GRENO . Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 9. ISBN 3-89190-958-6
  • Klarsfeld, Serge (1983). Memorial to the Jews deported from France, 1942 * 1944 : Documentation of the deportation of the victims of the final solution in France. New York. Beate Klarsfeld Foundation
  • Labadie, Jean-Christophe (2013). Vichy et les juifs, Basses-Alpes 1940 – 1944. Conseil général des Alpes-de-Haute-Provence (Hrsg.). Archives départementales. Digne-les-Bains. ISBN 978 2 86004 012 9
  • Verein zur Förderung des Gedenkbuches für Charlottenburger Juden e.V. (Hrsg.). (2009). Juden in Charlottenburg. Ein Gedenkbuch. Berlin. text verlag edition. ISBN 978-3-938414-50-7

Alle Texte und Bilder auf dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Erlaubnis des/r Rechteinhaber*in verwendet werden.

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Wegen der Wartezeit von 3 bis 4 Jahren können keine neuen Anträge für Stolpersteine angenommen werden. Bereits registrierte Anträge werden bearbeitet.

Because of a waitingtime of 3 to 4 years new requests for Stolpersteine cannot be accepted. Requests already registered will be processed.

Adresse

Stolperstein

Verkehrsanbindungen