HIER WOHNTE
MARGARETE WURMANN
GEB. ENGEL
JG. 1879
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 8.5.1942
CHELMNO / KULMHOF
Margarete Wurmann geborene Engel kam am 13. Juni 1879 in Schivelbein (Świdwin, Polen) in der Provinz Pommern als jüngste Tochter von insgesamt vier Kindern des Kaufmanns Gustav Hermann Engel (*1848) und seiner Ehefrau Bertha Engel geborene Falk (*1851) zur Welt. Sie hatte drei Geschwister. Margaretes sieben Jahre ältere Schwester Martha war am 13. März 1872 in Zanow (Sianów) im Landkreis Schlawe zur Welt gekommen, ihr fünf Jahre älterer Bruder Leopold, genannt Leo, am 1. Mai 1874 in Konitz (Chojnice) und ihre exakt vier Jahre ältere Schwester Clara ist am 13. Juni 1875 ebenfalls in Schivelbein geboren worden.
Clara heiratete am 4. März 1897 in Berlin den aus Kolberg, Westpommern stammenden Kaufmann Isidor Lindenbaum (*18. Mai 1873). Sie wohnten in der Dragonerstraße 43 (heute Max-Beer-Straße) in Berlin-Mitte. Ein Jahr später, am 7. Mai 1898, wurde ihr Sohn Herbert in der Kaiser-Friedrich-Straße 37b in Berlin-Charlottenburg geboren. Ihre Tochter Käthe kam am 14. Oktober 1899 in Hamburg zur Welt, wohin die Familie in der Zwischenzeit gezogen war.
Margaretes Bruder Leopold heiratete 1901 die aus Gera stammende Henriette Wolff (*1877). Leopold lebte damals als Fabrikant in Annaberg. Am 23. Mai 1902 wurde ihr Sohn Martin in Berlin geboren.
Wann und wo Margarete ihren späteren Ehemann, den aus Offenbach stammenden katholischen Kaufmann und Geldbörsenfabrikanten Josef Karl Ferdinand Stadelmann (*5. Januar 1867), kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 30-jährige Margarete und der 43-jährige Ferdinand heirateten am 26. Januar 1910. Ein Jahr später, am 31. Januar 1911, wurden sie Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Philipp Heinz Egon gaben. Das Glück war nur von kurzer Dauer. Zwei Monate nach Egons Geburt starb Ferdinand Stadelmann mit 44 Jahren in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Waitzstraße 11 in Berlin-Charlottenburg. Margaretes Familie wohnte damals in der Barbarossastraße 56 in Berlin-Schöneberg.
Schon zwei Jahre später, am 27. Mai 1913, heiratete Margarete den aus Buczacz in Galizien (heute Butschatsch, Ukraine) stammenden Beamten Lewi Isaak Wurmann (*1. Juli 1880). 1913 wohnten sie in der Xantener Straße 8 in Wilmersdorf. Im Jahr darauf zogen sie in die Duisburger Straße 12. Am 28. Juli 1914 begann der erste Weltkrieg. Lewi Wurmann nahm an der zweiten Flandernschlacht 1915 teil und kehrte dann nach Berlin zurück, wo er am 2. Oktober 1915 mit 35 Jahren in seiner Wohnung starb. Margaretes Vater meldete den Tod seines Schwiegersohnes beim Standesamt.
Um 1916 zog Margarete mit ihrem 5-jährigen Sohn Egon zu ihren Eltern und ihrer Schwester Martha an den Kaiserplatz 2 (heute Bundesplatz). Sie wohnten dort alle zusammen in einer 3-Zimmer-Wohnung im 2. Stock des Vorderhauses. Margarete bezog eine Witwenrente und bewarb medizinische Instrumente bei Ärzten. Ihre Schwester Martha und ihre Mutter Bertha nähten im Auftrag von Kundinnen in der Wohnung.
Margarete liebte es, in das Kino „Lichtspiele Kaiserplatz“ (heute Bundesplatz-Kino) zu gehen, das sich schräg gegenüber der Wohnung befand.
Ihr Vater, der Rentier Gustav Engel, starb am 4. Oktober 1920 mit 72 Jahren. Die Wäschenäherin Martha Engel meldete den Tod des Vaters beim Standesamt.
Ein halbes Jahr später, am 1. Februar 1921, starb mit 44 Jahren Leos Ehefrau Henriette in ihrer Wohnung in der Küstriner Straße 9 (heute Damaschkestraße 21) in Berlin-Charlottenburg. Ihr Sohn, der Banklehrling Martin, meldete den Tod der Mutter beim Standesamt. Der zweite Sohn, der Nachkömmling Kurt (1914), war damals erst 6 Jahre alt. Noch im gleichen Jahr, am 23. Dezember 1921, heiratete Leo in zweiter Ehe Else von Geldern geborene Sternberg aus Düsseldorf.
Margaretes Sohn Egon besuchte das Goethe-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf und legte dort im März 1929 sein Abitur ab. Am 1. April 1929 startete er beim Mosse – Verlag bei der Volkszeitung seine Karriere als Journalist. Mit dem „Schriftleitergesetz“ schafften die Nationalsozialisten 1935 die Pressefreiheit ab und regelten, wer im Deutschen Reich für die Öffentlichkeit schreiben durfte. Mehr als 1000 Journalisten verloren ihre Arbeit, darunter auch Egon Stadelmann. Durch seinen katholischen Vater und seine jüdische Mutter war er Halbjude. Er arbeitete fortan in der Briefmarkenhandlung von Julius Hirsch am Kurfürstendamm und unterrichtete Latein an der „Privaten jüdischen Schule Dr. Leonore Goldschmidt“ in Berlin-Grunewald.
Margaretes Mutter starb 1936 mit 85 Jahren. Nach der „Reichspogromnacht“ im November 1938 war für Egon klar, dass er Deutschland so schnell wie möglich verlassen musste. Seine Tante Clara Lindenbaum war mit ihrer Familie schon nach Stockholm in Schweden ausgewandert. Seine Mutter wollte Deutschland nicht verlassen, denn sie war sich sicher, dass die Deutschen der Witwe eines Gefallenen des Ersten Weltkrieges nichts antun würden.
Nachdem Egon in Berlin ein Visum für die USA beantragt hatte, ging er im April 1939 nach England. Dort beantragte er ein Übergangsvisa für die USA beim britischen Konsulat. Um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, half er zuerst Kühlschränke zu reparieren, bis Dr. Leonore Goldschmidt sich bei ihm meldete. Sie hatte ihre Schule in Berlin am 30. September 1939 schließen müssen. Daraufhin war sie mit 80 Kindern und einigen Lehrern nach England emigriert. Sie eröffnete in Folkestone eine neue Schule und benötigte Lehrer. Daraufhin kam Leo nach Folkstone, unterrichtete wieder und kümmerte sich um die Kinder. Für sie waren die Lehrer ein Elternersatz. Als ihm das Visa für Amerika die Ausreise ermöglichte, fiel es ihm schwer, Abschied zu nehmen. Von Southampton trat er die 10-tägige Schiffsreise über den Atlantik nach New York an, wo der 29-jährige am 21. März 1940 mit 10 US-Dollar in der Tasche eintraf.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren die fast 60-jährige Margarete und ihre 67-jährige Schwester Martha immer noch am Kaiserplatz 2 gemeldet. Ihr Bruder Leo und seine Ehefrau Else wohnten in der Storkzeile 9 in Berlin-Halensee. Auch Elses Tochter Hilde von Geldern (*1914) war hier gemeldet. Ihr gelang gerade noch rechtzeitig die Flucht nach Palästina.
Ab September 1941 wurden Margarete und Martha, wie alle Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich, gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Einen Monat später, am 16. Oktober 1941, hatten sie sich zusammen mit anderen jüdischen Mieterinnen und Mietern des Kaiserplatzes 2 im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7 – 8 einzufinden.
Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Am 18. Oktober 1941 ging es für die zur Deportation vorgesehenen Menschen zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten umsiedelte“, wie es verharmlosend hieß. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź. 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt.
Dort wurden Margarete und Martha am 19. Oktober 1941 in die Blattbinder Straße 14/72a einquartiert. Im Herbst 1941 schrieb ihr Bruder Leo an Margaretes Sohn Egon Stadelmann in New York, dass seine Mutter Margarete und seine Tante Martha verreist seien, er aber nicht wisse, wohin. Ein halbes Jahr später, am 2. April 1942, wurden auch Leo und seine Ehefrau Else in das Warschauer Ghetto deportiert, wo sie den Tod fanden. Seinem jüngsten Sohn Kurt gelang noch rechtzeitig die Flucht nach Shanghai. Sein Sohn Martin und dessen Ehefrau blieben in Berlin. Sie wurden am 28. Februar 1943 im Rahmen der „Fabrikaktion“ an ihren Arbeitsplätzen von der Gestapo festgesetzt und anschließend nach Auschwitz deportiert und ermordet.
In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten Margarete und Martha den Winter und das Frühjahr 1942 im Ghetto Litzmannstadt. Als Anfang Mai 1942 von dort die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chelmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch die beiden Schwestern die „Ausreisebefehle“ für den 8. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie in einem Gaswagen ermordet.
Margarete Wurmann verwitwete Stadelmann geborene Engel musste mit 62 Jahren und ihre Schwester Martha Engel mit 70 Jahren aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.
Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2025
Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten, Deportationslisten;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage;
USC Shoa Foundation, Visual History Archive, Interview mit Egon Stadelman, 1998