Stolpersteine Bundesplatz 2

Ansicht Bundesplatz 2

Ansicht Bundesplatz 2

Diese Stolpersteine wurden am 7. Juni 2011 verlegt und von Dieter Büttner, Annette Huth, Barbara Konrad, Familie Krumnow, Ehepaar von Papen, Gerit Rahn, Frau Sturm, Christina Ulbrich, Siegfried Vix, Dr. Jürgen K. Wied, alle Berlin, gespendet.

Stolperstein Jenny Süssmann

Stolperstein Jenny Süssmann

HIER WOHNTE
JENNY SÜSSMANN
GEB. FÜRST
JG. 1882
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 8.5.1942
CHELMNO / KULMHOF

Jenny Süssmann geborene Fürst kam am 4. März 1882 als drittes von insgesamt sieben Kindern des Kaufmanns Isidor Isaak Fürst (*1852) und seiner Ehefrau Amalie Fürst geborene Barsch (*1855) in Berlin zur Welt. Ihr älterer Bruder Harry war bei ihrer Geburt fünf und ihre ältere Schwester Hedwig drei Jahre alt. 1885 wurde Elsbeth, 1886 Margarethe, 1889 Walter und acht Jahre später, 1897, Wolf Erich geboren. Wolf Erich starb mit drei Monaten.

Ihr älterer Bruder Harry heiratete vermutlich 1905 die Nicht-Jüdin Martha Helene Selma König (*1885). Sie bekamen drei Kinder. Werner (*1906) und Edith (*1909) starben beide im Kleinkindalter. Ilse wurde am 1. August 1907 geboren.

Jennys ältere Schwester Hedwig heiratete am 22. August 1907 den Buchdrucker Jacob Selig (*14. November 1878). Ein Jahr später, am 18. Juli 1908, wurden sie Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Herbert Isong gaben.

Wann und wo Jenny ihren späteren Ehemann, den aus Breslau stammenden Kaufmann Franz Josef Süssmann (*21. August 1877) kennenlernte, ist nicht bekannt. Jenny und Franz heirateten am 22. März 1910 in Berlin. Sie wohnten anfangs in der Alexandrinenstraße 57 in Berlin-Kreuzberg und später lange Jahre in der Koblenzer Straße 13 in Berlin-Wilmersdorf. Ihre Ehe blieb kinderlos.

Am 2. April 1911 verlobten sich in Berlin Jennys Schwester Elsbeth, genannt Else, und der 30-jährige Manager Max Bendel (*1881), der schon mit 21 Jahren nach Philadelphia in die USA gegangen war. Die Hochzeit der Beiden fand im Juli 1911 in Chicago statt. Hier kamen auch ihre drei Kinder Ruth (*1913), Donald (*1915) und Victor (*1919) zur Welt. Das Glück war nur von kurzer Dauer, denn schon am 7. Mai 1920 starb der 39-jährige Max Bendel. Elsie, wie sie sich in den USA nannte, blieb mit den Kindern in den USA.

Jennys jüngster Bruder, der Kaufmann Walter Fürst, heiratete am 6. November 1919 die evangelische Zahnarztstudentin Adda Berta Rosa Wilhelmine Charlotte Tiedcke (*1893) und zog mit ihr nach Neubabelsberg. Die Ehe wurde zwei Jahre später wieder geschieden. Am 4. April 1925 heiratete er in zweiter Ehe Elsa Herta Auguste Schneider (*6. August 1898). Diese Ehe wurde im Juli 1932 in Berlin geschieden.

Im Dezember 1919 starb ihr Vater Isidor Isaak mit 67 Jahren in seiner Wohnung in der Durlacher Straße 11. Auch ihre Mutter starb hier vier Jahre später, im Juli 1923, im Alter von 68 Jahren. Jenny meldete den Tod beim Standesamt.

1924 kamen Jennys 11-jährige Nichte Ruth, der 9-jährige Neffe Donald und der 5-jährige Neffe Victor aus den USA zu Besuch zu den Süssmanns in die Koblenzer Straße 13 in Berlin.

Am 15. August 1934 emigrierte auch Jennys jüngste Schwester Margarethe in die USA und zog zu ihrer Schwester Elsie. Auch der jüngste Bruder Walter wurde nach seinen zwei gescheiterten Ehen Amerikaner.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren die 57-jährige Jenny und ihr 62-jähriger Ehemann Franz Süssmann am Kaiserplatz 2 (heute Bundesplatz 2), wo sie seit 1934 wohnten, gemeldet.

Wie alle Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich wurden auch Jenny und Franz Süssmann ab September 1941 gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Einen Monat später, am 16. Oktober 1941, hatten sie sich zusammen mit ihrer Schwester Hedwig und deren Ehemann Jacob Selig im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7 – 8 einzufinden.

Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Nicht registriert wurde Jennys Ehemann Franz Süssmann. Er wurde laut Sterbeurkunde von der Polizei am 17. Oktober 1941 in der Landhausstraße 18 in Berlin-Wilmersdorf tot aufgefunden. In der Landhausstraße 18 befand sich das 155. Polizeirevier und die Wohnung des Schriftsetzers F. Mattick. Nach Auskunft der Polizei starb Franz Süssmann am 16. Oktober 1941 um 22.30 Uhr an einem Herzschlag. Es ist davon auszugehen, dass er am Abend des 16. Oktobers in der Wohnung des Schriftsetzers F. Mattick seinem Leben selbst ein Ende setzte, um der Deportation zu entgehen.

Am 18. Oktober 1941 ging es für die zur Deportation vorgesehenen Menschen zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten umsiedelte“, wie es verharmlosend hieß. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann, in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Einen Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Jenny Süssmann sowie Jacob und Hedwig Selig am 19. Oktober 1941 in die Blattbinder Gasse 14 in Raum 14 einquartiert. Unter erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter und das Frühjahr 1942.

Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chelmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch Jenny, Hedwig und Jacob einen „Ausreisebefehl“ für den 8. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie in einem Gaswagen ermordet.
Jenny Süssmann musste mit 60 Jahren aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.

Ihr älterer Bruder Harry, der bei der „Minderheiten-Volkszählung“ noch in Ostpreußen gemeldet war, kam am 4. November 1939 zurück nach Berlin und wohnte zur Untermiete in der Potsdamer Straße 161. Seine Tochter Ilse Popp geborene Fürst lebte mit ihrem „arischen“ Ehemann in Berlin – Mariendorf. Ilse war als Halbjüdin und durch ihren Ehemann vor der Deportation geschützt. Harry Fürst wurde am 17. Juli 1942 mit dem 24. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Zwei Jahre später, am 16. Mai 1944, deportierte die Gestapo ihn weiter in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie ihn mit 66 Jahren ermordeten.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2025

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten, Deportationslisten;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 10732 Harry Fürst

Stolperstein Margarete Wurmann

Stolperstein Margarete Wurmann

HIER WOHNTE
MARGARETE WURMANN
GEB. ENGEL
JG. 1879
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 8.5.1942
CHELMNO / KULMHOF

Margarete Wurmann geborene Engel kam am 13. Juni 1879 in Schivelbein (Świdwin, Polen) in der Provinz Pommern als jüngste Tochter von insgesamt vier Kindern des Kaufmanns Gustav Hermann Engel (*1848) und seiner Ehefrau Bertha Engel geborene Falk (*1851) zur Welt. Sie hatte drei Geschwister. Margaretes sieben Jahre ältere Schwester Martha war am 13. März 1872 in Zanow (Sianów) im Landkreis Schlawe zur Welt gekommen, ihr fünf Jahre älterer Bruder Leopold, genannt Leo, am 1. Mai 1874 in Konitz (Chojnice) und ihre exakt vier Jahre ältere Schwester Clara ist am 13. Juni 1875 ebenfalls in Schivelbein geboren worden.

Clara heiratete am 4. März 1897 in Berlin den aus Kolberg, Westpommern stammenden Kaufmann Isidor Lindenbaum (*18. Mai 1873). Sie wohnten in der Dragonerstraße 43 (heute Max-Beer-Straße) in Berlin-Mitte. Ein Jahr später, am 7. Mai 1898, wurde ihr Sohn Herbert in der Kaiser-Friedrich-Straße 37b in Berlin-Charlottenburg geboren. Ihre Tochter Käthe kam am 14. Oktober 1899 in Hamburg zur Welt, wohin die Familie in der Zwischenzeit gezogen war.

Margaretes Bruder Leopold heiratete 1901 die aus Gera stammende Henriette Wolff (*1877). Leopold lebte damals als Fabrikant in Annaberg. Am 23. Mai 1902 wurde ihr Sohn Martin in Berlin geboren.

Wann und wo Margarete ihren späteren Ehemann, den aus Offenbach stammenden katholischen Kaufmann und Geldbörsenfabrikanten Josef Karl Ferdinand Stadelmann (*5. Januar 1867), kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 30-jährige Margarete und der 43-jährige Ferdinand heirateten am 26. Januar 1910. Ein Jahr später, am 31. Januar 1911, wurden sie Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Philipp Heinz Egon gaben. Das Glück war nur von kurzer Dauer. Zwei Monate nach Egons Geburt starb Ferdinand Stadelmann mit 44 Jahren in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Waitzstraße 11 in Berlin-Charlottenburg. Margaretes Familie wohnte damals in der Barbarossastraße 56 in Berlin-Schöneberg.

Schon zwei Jahre später, am 27. Mai 1913, heiratete Margarete den aus Buczacz in Galizien (heute Butschatsch, Ukraine) stammenden Beamten Lewi Isaak Wurmann (*1. Juli 1880). 1913 wohnten sie in der Xantener Straße 8 in Wilmersdorf. Im Jahr darauf zogen sie in die Duisburger Straße 12. Am 28. Juli 1914 begann der erste Weltkrieg. Lewi Wurmann nahm an der zweiten Flandernschlacht 1915 teil und kehrte dann nach Berlin zurück, wo er am 2. Oktober 1915 mit 35 Jahren in seiner Wohnung starb. Margaretes Vater meldete den Tod seines Schwiegersohnes beim Standesamt.

Um 1916 zog Margarete mit ihrem 5-jährigen Sohn Egon zu ihren Eltern und ihrer Schwester Martha an den Kaiserplatz 2 (heute Bundesplatz). Sie wohnten dort alle zusammen in einer 3-Zimmer-Wohnung im 2. Stock des Vorderhauses. Margarete bezog eine Witwenrente und bewarb medizinische Instrumente bei Ärzten. Ihre Schwester Martha und ihre Mutter Bertha nähten im Auftrag von Kundinnen in der Wohnung.
Margarete liebte es, in das Kino „Lichtspiele Kaiserplatz“ (heute Bundesplatz-Kino) zu gehen, das sich schräg gegenüber der Wohnung befand.

Ihr Vater, der Rentier Gustav Engel, starb am 4. Oktober 1920 mit 72 Jahren. Die Wäschenäherin Martha Engel meldete den Tod des Vaters beim Standesamt.

Ein halbes Jahr später, am 1. Februar 1921, starb mit 44 Jahren Leos Ehefrau Henriette in ihrer Wohnung in der Küstriner Straße 9 (heute Damaschkestraße 21) in Berlin-Charlottenburg. Ihr Sohn, der Banklehrling Martin, meldete den Tod der Mutter beim Standesamt. Der zweite Sohn, der Nachkömmling Kurt (1914), war damals erst 6 Jahre alt. Noch im gleichen Jahr, am 23. Dezember 1921, heiratete Leo in zweiter Ehe Else von Geldern geborene Sternberg aus Düsseldorf.

Margaretes Sohn Egon besuchte das Goethe-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf und legte dort im März 1929 sein Abitur ab. Am 1. April 1929 startete er beim Mosse – Verlag bei der Volkszeitung seine Karriere als Journalist. Mit dem „Schriftleitergesetz“ schafften die Nationalsozialisten 1935 die Pressefreiheit ab und regelten, wer im Deutschen Reich für die Öffentlichkeit schreiben durfte. Mehr als 1000 Journalisten verloren ihre Arbeit, darunter auch Egon Stadelmann. Durch seinen katholischen Vater und seine jüdische Mutter war er Halbjude. Er arbeitete fortan in der Briefmarkenhandlung von Julius Hirsch am Kurfürstendamm und unterrichtete Latein an der „Privaten jüdischen Schule Dr. Leonore Goldschmidt“ in Berlin-Grunewald.

Margaretes Mutter starb 1936 mit 85 Jahren. Nach der „Reichspogromnacht“ im November 1938 war für Egon klar, dass er Deutschland so schnell wie möglich verlassen musste. Seine Tante Clara Lindenbaum war mit ihrer Familie schon nach Stockholm in Schweden ausgewandert. Seine Mutter wollte Deutschland nicht verlassen, denn sie war sich sicher, dass die Deutschen der Witwe eines Gefallenen des Ersten Weltkrieges nichts antun würden.

Nachdem Egon in Berlin ein Visum für die USA beantragt hatte, ging er im April 1939 nach England. Dort beantragte er ein Übergangsvisa für die USA beim britischen Konsulat. Um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, half er zuerst Kühlschränke zu reparieren, bis Dr. Leonore Goldschmidt sich bei ihm meldete. Sie hatte ihre Schule in Berlin am 30. September 1939 schließen müssen. Daraufhin war sie mit 80 Kindern und einigen Lehrern nach England emigriert. Sie eröffnete in Folkestone eine neue Schule und benötigte Lehrer. Daraufhin kam Leo nach Folkstone, unterrichtete wieder und kümmerte sich um die Kinder. Für sie waren die Lehrer ein Elternersatz. Als ihm das Visa für Amerika die Ausreise ermöglichte, fiel es ihm schwer, Abschied zu nehmen. Von Southampton trat er die 10-tägige Schiffsreise über den Atlantik nach New York an, wo der 29-jährige am 21. März 1940 mit 10 US-Dollar in der Tasche eintraf.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren die fast 60-jährige Margarete und ihre 67-jährige Schwester Martha immer noch am Kaiserplatz 2 gemeldet. Ihr Bruder Leo und seine Ehefrau Else wohnten in der Storkzeile 9 in Berlin-Halensee. Auch Elses Tochter Hilde von Geldern (*1914) war hier gemeldet. Ihr gelang gerade noch rechtzeitig die Flucht nach Palästina.

Ab September 1941 wurden Margarete und Martha, wie alle Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich, gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Einen Monat später, am 16. Oktober 1941, hatten sie sich zusammen mit anderen jüdischen Mieterinnen und Mietern des Kaiserplatzes 2 im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7 – 8 einzufinden.

Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Am 18. Oktober 1941 ging es für die zur Deportation vorgesehenen Menschen zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten umsiedelte“, wie es verharmlosend hieß. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź. 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt.

Dort wurden Margarete und Martha am 19. Oktober 1941 in die Blattbinder Straße 14/72a einquartiert. Im Herbst 1941 schrieb ihr Bruder Leo an Margaretes Sohn Egon Stadelmann in New York, dass seine Mutter Margarete und seine Tante Martha verreist seien, er aber nicht wisse, wohin. Ein halbes Jahr später, am 2. April 1942, wurden auch Leo und seine Ehefrau Else in das Warschauer Ghetto deportiert, wo sie den Tod fanden. Seinem jüngsten Sohn Kurt gelang noch rechtzeitig die Flucht nach Shanghai. Sein Sohn Martin und dessen Ehefrau blieben in Berlin. Sie wurden am 28. Februar 1943 im Rahmen der „Fabrikaktion“ an ihren Arbeitsplätzen von der Gestapo festgesetzt und anschließend nach Auschwitz deportiert und ermordet.

In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten Margarete und Martha den Winter und das Frühjahr 1942 im Ghetto Litzmannstadt. Als Anfang Mai 1942 von dort die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chelmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch die beiden Schwestern die „Ausreisebefehle“ für den 8. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie in einem Gaswagen ermordet.
Margarete Wurmann verwitwete Stadelmann geborene Engel musste mit 62 Jahren und ihre Schwester Martha Engel mit 70 Jahren aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2025

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten, Deportationslisten;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage;
USC Shoa Foundation, Visual History Archive, Interview mit Egon Stadelman, 1998

Stolperstein Martha Engel

Stolperstein Martha Engel

HIER WOHNTE
MARTHA ENGEL
JG. 1872
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 8.5.1942
CHELMNO / KULMHOF

Martha Engel kam am 13. März 1872 in Zanow (Sianów) im Landkreis Schlawe als älteste Tochter von insgesamt vier Kindern des Kaufmanns Gustav Hermann Engel (*1848) und dessen Ehefrau Bertha Engel geborene Falk (*1851) zur Welt. Martha hatte einen zwei Jahre jüngeren Bruder, Leopold, genannt Leo, der am 1. Mai 1874 in Konitz (Chojnice) geboren wurde. Ihre drei Jahre jüngere Schwester Clara wurde am 13. Juni 1875, ihre sieben Jahre jüngere Schwester Margarete am 13. Juni 1879 geboren, beide in Schivelbein (Świdwin).

Clara heiratete am 4. März 1897 in Berlin den aus Kolberg, Westpommern stammenden Kaufmann Isidor Lindenbaum (*18. Mai 1873). Sie wohnten in der Dragonerstraße 43 (heute Max-Beer-Straße) in Berlin-Mitte. Ein Jahr später, am 7. Mai 1898, wurde ihr Sohn Herbert in der Kaiser-Friedrich-Straße 37b in Berlin-Charlottenburg geboren. Ihre Tochter Käthe kam am 14. Oktober 1899 in Hamburg zur Welt, wohin die Familie in der Zwischenzeit gezogen war.

Marthas Bruder Leopold heiratete 1901 die aus Gera stammende Henriette Wolff (*1877). Leopold lebte damals als Fabrikant in Annaberg. Am 23. Mai 1902 wurde ihr Sohn Martin in Berlin geboren.
Marthas jüngste Schwester Margarete heiratete am 26. Januar 1910 den aus Offenbach stammenden Kaufmann und Geldbörsenfabrikanten Josef Karl Ferdinand Stadelmann (*5. Januar 1867). Ein Jahr später, am 31. Januar 1911, wurden sie Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Philipp Heinz Egon gaben. Das Glück war nur von kurzer Dauer. Zwei Monate nach Egons Geburt starb Ferdinand Stadelmann mit 44 Jahren in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Waitzstraße 11 in Berlin-Charlottenburg.
Martha und ihre Eltern wohnten damals in der Barbarossastraße 56 in Berlin-Schöneberg.
Schon zwei Jahre später, am 27. Mai 1913, heiratete Margarete in zweiter Ehe den aus Buczacz in Galizien (heute Butschatsch, Ukraine) stammenden Beamten Lewi Isaak Wurmann (*1. Juli 1880). Lewi Wurmann nahm am Ersten Weltkrieg teil und kehrte nach der zweiten Flandernschlacht 1915 nach Berlin zurück, wo er am 2. Oktober 1915 mit 35 Jahren in seiner Wohnung starb. Marthas Vater meldete den Tod seines Schwiegersohnes beim Standesamt. Damals wohnten Martha und ihre Eltern schon am Kaiserplatz (heute Bundesplatz) 2 in einer 3-Zimmer-Wohnung im 2. Stock des Vorderhauses. Um 1916 zog Margarete mit ihrem 5-jährigen Sohn Egon ebenfalls dort hin.
Martha heiratete nicht wieder. Von ihrer Mutter Bertha hatte sie das Schneiderhandwerk gelernt. Zusammen mit ihr übernahm sie in der eigenen Wohnung Nähaufträge für Kundinnen.
Ihr Vater, der Rentier Gustav Engel, starb am 4. Oktober 1920 mit 72 Jahren. Martha meldete seinen Tod beim Standesamt. Als Beruf gab sie damals Wäschenäherin an.
Ein halbes Jahr später, am 1. Februar 1921, starb mit 44 Jahren Leos Ehefrau Henriette in ihrer Wohnung in der Küstriner Straße 9 (heute Damaschkestraße 21) in Berlin-Charlottenburg. Ihr Sohn, der Banklehrling Martin, meldete den Tod der Mutter beim Standesamt. Der zweite Sohn, der Nachkömmling Kurt (1914), war damals erst 6 Jahre alt. Noch im gleichen Jahr, am 23. Dezember 1921, heiratete Leo in zweiter Ehe Else von Geldern geborene Sternberg aus Düsseldorf.

Marthas Mutter Bertha starb 1936 mit 85 Jahren. Martha war damals 64 Jahre alt.
Nach der „Reichspogromnacht“ im November 1938 war für Marthas Neffen Egon klar, dass er Deutschland so schnell wie möglich verlassen musste. Ihre Schwester Clara Lindenbaum war mit ihrer Familie schon nach Stockholm in Schweden ausgewandert. Ihre jüngste Schwester Margarete wollte Deutschland nicht verlassen, denn sie war sich sicher, dass die Deutschen der Witwe eines Gefallenen des Ersten Weltkrieges nichts antun würden. So blieb auch Martha.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren die 67-jährige Martha und ihre fast 60-jährige Schwester Margarete immer noch am Kaiserplatz 2 gemeldet. Egon war schon im April 1939 nach England und später in die USA emigriert. Leo und seine Ehefrau Else wohnten bei der „Minderheiten-Volkszählung“ in der Storkzeile 9 in Berlin-Halensee. Auch Elses Tochter Hilde von Geldern (*1914) war hier gemeldet. Ihr gelang gerade noch rechtzeitig die Flucht nach Palästina.

Ab September 1941 wurden Martha und Margarete, wie alle Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich, gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Einen Monat später, am 16. Oktober 1941, hatten sie sich zusammen mit anderen jüdischen Mieterinnen und Mietern des Kaiserplatzes 2 im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7 – 8 einzufinden.

Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Am 18. Oktober 1941 ging es für die zur Deportation vorgesehenen Menschen zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten umsiedelte“, wie es verharmlosend hieß. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt.

Dort wurden Martha und Margarete am 19. Oktober 1941 in die Blattbinder Straße 14/72a einquartiert. Ihr Bruder Leo hatte im Herbst 1941 an Margaretes Sohn Egon Stadelmann in New York einen Brief geschrieben, in dem er mitteilte, dass Egons Mutter Margarete und seine Tante Martha verreist seien, er aber nicht wisse, wohin. Ein halbes Jahr später, am 2. April 1942, wurden auch Leo und seine Ehefrau Else in das Warschauer Ghetto deportiert, wo sie den Tod fanden. Leos jüngstem Sohn Kurt gelang noch rechtzeitig die Flucht nach Shanghai. Leos ältester Sohn Martin und dessen Ehefrau blieben in Berlin. Sie wurden am 28. Februar 1943 im Rahmen der „Fabrikaktion“ am ihren Arbeitsplätzen von der Gestapo festgesetzt und Anfang März nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Unter erbärmlichen Verhältnissen verbrachten Martha und Margarete den Winter und das Frühjahr 1942 im Ghetto in Litzmannstadt. Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chelmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch sie die „Ausreisebefehle“ für den 8. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie in einem Gaswagen ermordet.Martha Engel musste mit 70 Jahren und ihre Schwester Margarete mit 62 Jahren aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2025

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten, Deportationslisten;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage; USC Shoa Foundation, Visual History Archive, Interview mit Egon Stadelman, 1998

Stolperstein Edith Blumenfeld

Stolperstein Edith Blumenfeld

HIER WOHNTE
EDITH BLUMENFELD
GEB. LEWY
JG. 1894
FLUCHT FRANKREICH 1936
DEPORTIERT 4.11.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Edith Blumenfeld geborene Lewy wurde am 9. Februar 1894 in Kattowitz (Katowice) in Schlesien geboren. Ihre Eltern Gustav Lewy und Anna (Johanna) Lewy, geb. Hirsch, stammten beide aus Dobsch (Dobrcz) in der Provinz Posen. Sie hatten nach ihrer Heirat zunächst in Berent in Pommern gelebt und waren einige Jahre vor Ediths Geburt nach Kattowitz gezogen. Ihr Vater leitete dort ein Möbelhaus, das hochwertiges und teilweise sehr modernes Mobiliar herstellte und verkaufte, etwa eines der ersten patentierten Klappbetten.

Edith hatte zwei Schwestern, Meta (*1886) und Ella (*1891), und zwei Brüder, Hugo (*1882) und Julius (*1887). Nach dem Tod des Vaters 1929 zog die ganze Familie nach Berlin.
Am 5. März 1921 heiratete sie dort den Rechtsanwalt und Notar Dr. Fritz Blumenfeld, geb. am 16. August 1883 in Neuruppin. Das Ehepaar bezog eine Wohnung am Kaiserplatz (heute Bundesplatz) 2 in Wilmersdorf, das vor einem Jahr nach Berlin eingemeindet worden war. Fritz und Edith bekamen zwei Töchter, Inge (*1922) und Ursula (*1929).

Als die Situation für Jüdinnen und Juden immer unerträglicher wurde, brachten die Blumenfelds ihre Töchter in Sicherheit: Die neunjährige Ursula wurde 1938 nach Großbritannien zu einer befreundeten Familie geschickt, die sechzehnjährige Inge reiste am 28. Dezember 1938 von Antwerpen nach New York und von dort zu ihrem Onkel Walter Blumenfeld, der bereits 1934 nach Lima in Peru emigriert war.

Edith Blumenfeld - Bundesplatz 2

Ediths Mann wurde in Berlin verhaftet und nach mehreren Monaten unter der Auflage wieder freigelassen, dass das Ehepaar Deutschland verließ.
Die Ehe der Blumenfelds war zu diesem Zeitpunkt zerrüttet; am 8. Mai 1939 ließen sie sich scheiden. Bald darauf gelang beiden unabhängig voneinander die Emigration nach Frankreich.
Über Ediths Leben im Exil war wenig herauszufinden. Ihr letzter bekannter Aufenthaltsort ist Nizza. Von dort wurde sie 1942 zunächst in das Sammel- und Durchgangslager Drancy deportiert und am 4. November weiter nach Auschwitz. Sie war 48 Jahre alt. Ihr Todesdatum ist unbekannt. Wahrscheinlich wurde sie gleich nach der Ankunft in Auschwitz ermordet.

Auch ihr Ex-Mann Fritz war nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz verschleppt worden. Er wurde dort nach dem 9. September 1942 getötet.
Ediths große Schwester Ella lebte mit ihrem Mann, dem Bergbauingenieur Edgar Wachsmann, in der Uhlandstraße 155. Bei ihnen wohnte auch die verwitwete Mutter, Anna (Johanna) Lewy. Den beiden Töchtern des Ehepaars Wachsmann gelang die Flucht nach Palästina, ihre Eltern wurden 1943 in Auschwitz ermordet. Edith Blumenfelds 82-jährige Mutter starb im selben Jahr im Ghetto Theresienstadt.
Ediths Bruder Hugo floh mit seiner Frau nach Belgien, dann wurden beide von den deutschen Besatzern nach Südfrankreich verschleppt. Hugos Frau wurde schon dort getötet, Hugo 1942 in Auschwitz.
Ediths Bruder Julius wurde im Januar 1942 im Ghetto Riga ermordet.
Von den vier Geschwistern überlebte nur Meta. Ihr Fluchtweg ist nicht zu rekonstruieren. Metas Ehemann Adolf Kastellan wurde in Amsterdam von den Deutschen verhaftet, über das Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Meta und ihre Töchter Lotte und Ruth tauchen jedoch auf keiner Deportationsliste auf. Ihre Anträge auf Entschädigung und „Wiedergutmachung” reichte Ediths Schwester 1957 aus Kirjath Bialik bei Haifa in Israel ein.
Die ältere Tochter von Edith und Fritz Blumenfeld, Inge, heiratete 1940 in Lima den Peruaner Antonio Cavero. Das Ehepaar hatte sechs Kinder. Inges Todesdatum war nicht herauszufinden.
Die jüngere Tochter, Ursula Blumenfeld, verh. Michaeli, lebte später in den Vereinigten Staaten. Sie starb am 25. Juni 2000 in Nassau / NY.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
Deportationslisten bei United States Holocaust Memorial Museum
Adressbücher
Myheritage, Ancestry
Simone Ladwig-Winters, „Anwalt ohne Recht. Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte”, Berlin 2022
Andreas Jüttemann und Benjamin Kuntz, „Walter Blumenfeld”, Leipzig 2023

Stolperstein Fritz Blumenfeld

Stolperstein Fritz Blumenfeld

HIER WOHNTE
FRITZ BLUMENFELD
JG. 1883
FLUCHT FRANKREICH 1936
DEPORTIERT 4.11.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Dr. Fritz Werner Blumenfeld wurde am 16. August 1883 im brandenburgischen Neuruppin geboren. Seine Mutter Cäcilie, geb. Meyer (*1857), stammte aus Freienwalde in Pommern, sein Vater Hermann (1849-1912) aus einer alteingesessenen Neuruppiner Kaufmannsfamilie. Die Blumenfelds wohnten in der Beletage der Friedrich-Wilhelm-Str. (heute Karl-Marx-Str.) 41 im Stadtzentrum von Neuruppin; der Vater hatte die Bekleidungsfirma des Großvaters Jacob übernommen und wurde später auch Teilhaber einer Ziegelei in Marienthal bei Zehdenick. Er war über viele Jahre Stadtverordneter von Neuruppin und Mitglied in mehreren städtischen Verwaltungsausschüssen.

Fritz hatte einen älteren Bruder, Walter (*1882) und eine jüngere Schwester, Käthe (*1886). Die beiden Jungen besuchten das humanistische Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, nur ein paar Schritte von ihrer Wohnung entfernt. Früher waren hier die berühmtesten Söhne Neuruppins, Karl Friedrich Schinkel und Theodor Fontane, zur Schule gegangen.
Nach dem Abitur studierte Fritz Blumenfeld Jura, wahrscheinlich in Berlin und Heidelberg. 1904 wurde er mit einer Dissertation „Zur staatsrechtlichen Stellung des Reichskanzlers” von der Universität Heidelberg zum Dr. jur. promoviert. 1909 erhielt er seine Anwaltszulassung in Berlin und wurde gleichzeitig zum Notar berufen. Er eröffnete eine Kanzlei in der Potsdamer Str. 24/25.

Auch sein Vater, sein Bruder Walter und seine Schwester Käthe waren nach Berlin gezogen. Käthe hatte mit 18 Jahren den Kaufmann Emanuel Jacobsohn geheiratet. Walter studierte erst Elektrotechnik und dann das noch junge Fach Psychologie innerhalb der philosophischen Fakultät. Er wurde später Professor an der Technischen Hochschule Dresden und emigrierte 1934 nach Peru. Walter Blumenfeld gilt als einer der Mitbegründer der peruanischen Psychologie und als Pionier der Arbeitspsychologie und Psychotechnik.
Hermann Blumenfeld starb 1912; seine Söhne Walter und Fritz erbten seine Anteile an der Ziegelei in Marienthal und kümmerten sich nun gemeinsam um deren technische und buchhalterische Leitung. Die Brüder standen einander sehr nahe.

Am 5. März 1921 heiratete Fritz Blumenfeld in Berlin die rund zehn Jahre jüngere Edith Lewy aus Kattowitz. Sie bezogen eine Wohnung am Kaiserplatz (heute Bundesplatz) 2 in Wilmersdorf, das vor einem Jahr nach Berlin eingemeindet worden war. Fritz und Edith bekamen zwei Töchter, Inge (*1922) und Ursula (*1929).

Fritz Blumenfeld - Bundesplatz 2

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verlor Fritz Blumenfeld seine Anwaltszulassung, bekam sie jedoch auf Antrag zunächst wieder zurück; das Notariat wurde ihm entzogen. Als die Situation für Jüdinnen und Juden immer unerträglicher wurde, brachten die Blumenfelds ihre Töchter in Sicherheit: Die neunjährige Ursula wurde 1938 nach Großbritannien zu einer befreundeten Familie geschickt, die sechzehnjährige Inge reiste am 28. Dezember 1938 von Antwerpen nach New York und von dort zu ihrem Onkel Walter nach Peru.
Fritz Blumenfeld wurde in Berlin verhaftet und nach mehreren Monaten unter der Auflage wieder freigelassen, Deutschland zu verlassen.
Die Ehe der Blumenfelds war zu diesem Zeitpunkt zerrüttet; am 8. Mai 1939 ließen sie sich scheiden. Bald darauf gelang beiden unabhängig voneinander die Emigration nach Frankreich. Fritz heiratete – wahrscheinlich dort und wahrscheinlich vor dem Sommer 1940 – in zweiter Ehe Theresia-Alexandrina Gabriella Desprets, geboren am 16. Januar 1889 in Mechelen in Belgien.
Nach dem Einmarsch der Deutschen wurde Fritz Blumenfeld mehrfach inhaftiert. Von Oktober 1940 bis März 1941 wurde er im Internierungslager Gurs festgehalten. Später stand er in den südfranzösischen Orten Castillonnès und Tourliac unter Hausarrest. Im August 1942 erfuhr er, dass er einen Tag später deportiert werden würde. Er versuchte nicht zu fliehen, weil er die Menschen, bei denen er in Tourliac untergebracht war, nicht in Gefahr bringen wollte. Heute erinnert dort eine Gedenktafel an ihn.

Er wurde in das Durchgangslager Drancy verschleppt und von dort am 9. September 1942 nach Auschwitz. Er war 59 Jahre alt. Sein Todesdatum ist unbekannt. Wahrscheinlich wurde er gleich nach der Ankunft in Auschwitz ermordet.

Sein Bruder Walter, mit dem er anscheinend bis 1942 korrespondiert hatte, erfuhr nicht von seinem Tod. Er schaltete noch im Juli 1943 in der deutsch-jüdischen Exilzeitung „Aufbau” eine Suchanzeige für seinen Bruder.
Fritz Blumenfelds Ex-Frau Edith, die zuletzt in Nizza Zuflucht gesucht hatte, wurde ebenfalls über Drancy nach Auschwitz verschleppt und dort nach dem 4. November 1942 ermordet.
Seine zweite Frau Gabriella, die mit großer Wahrscheinlichkeit keine Jüdin war, kehrte nach Belgien zurück und starb 1974 in Vilvoorde bei Brüssel.
Fritz’ Schwester Käthe war mit ihrem Mann Emil in Berlin geblieben. Das Ehepaar wurde am 14. September 1942 von dort aus mit dem „zweiten großen Alterstransport” nach Theresienstadt deportiert. Emil Jacobsohn wurde am 5. Oktober ermordet; Käthe überlebte. Sie emigrierte nach dem Krieg zu Bruder Walter und Nichte Inge nach Peru, wo sie 1974 hochbetagt starb.
Fritz’ und Ediths ältere Tochter Inge heiratete 1940 in Lima den Peruaner Antonio Cavero. Das Ehepaar hatte sechs Kinder. Inges Todesdatum war nicht herauszufinden.
Die jüngere Tochter, Ursula Blumenfeld verh. Michaeli, lebte später in den Vereinigten Staaten. Sie starb am 25. Juni 2000 in Nassau / NY.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundesarchivs
Deportationslisten bei United States Holocaust Memorial Museum
Adressbücher
Myheritage, Ancestry
Simone Ladwig-Winters, „Anwalt ohne Recht. Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte”, Berlin 2022
Andreas Jüttemann und Benjamin Kuntz, „Walter Blumenfeld”, Leipzig 2023, und Auskunft von Benjamin Kuntz
www.villerealinfos.fr

Stolperstein für Frieda Elisabeth Pinhus

Stolperstein für Frieda Elisabeth Pinhus

HIER WOHNTE
FRIEDA ELISABETH
PINTHUS
GEB. EYCK
JG. 1889
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 8.5.1942
CHELMNO / KULMHOF

Frieda Elisabeth Pinthus geborene Eyck wurde am 11. April 1889 als älteste Tochter von insgesamt neun Kindern in Berlin geboren. Ihr Vater, der aus Freystadt, Kreis Rosenberg in Westpreußen (Susz, Polen) stammende Kaufmann Sally Eyck (*1859) und Isabella Busch (*1865) hatten am 11. Mai 1888 in Posen (Poznań, Polen) geheiratet. Nach Frieda wurde 1891 Mathe (später Käthe), 1892 Charlotte, 1894 Kurt, 1896 Jean Jaques, 1898 Fritz, 1899 Johanna, 1900 Edith und 1901 ihr jüngster Bruder Herbert Eyck geboren. Fritz und Jean Jaques wurden jeweils nur ein Jahr alt.

Frieda wurde Redakteurin von Beruf.

Wann und wo sie ihren späteren Ehemann, den Kaufmann Heinrich Eduard Max Martin Ranspach (*23. März 1895), kennenlernte, ist nicht bekannt. Martin kam aus Niederschönhausen und war der Sohn des Polizeisekretärs Henri Max Ranspach und dessen Ehefrau, der Lehrerin Alma Ranspach. Die Familie Eyck wohnte lange Jahre in der Lenbachstraße 6a in Berlin-Steglitz, wo auch Philipp Scheidemann, SPD-Vorsitzender und Ministerpräsident der ersten demokratisch gewählten Regierung der „Weimarer Republik“, zur gleichen Zeit wohnte. Frieda und der sechs Jahre jüngere Martin verlobten sich im Februar 1917 und heirateten am 16. Oktober 1917. Schon drei Jahre später, am 28. April 1920, ließen sie sich wieder scheiden. 1921 heiratete Martin Ransbach zum zweiten Mal.

Am 1. August 1919 hatten Frieda und ihre Schwestern Johanna und Käthe (ehemals Mathe) die Firma „Geschwister Eyck“ in Annaberg im Erzgebirge gegründet. Diese Firma stellte Perlfransen, seidene Lampenschirme, Perlbeutel und Posamenten her. (Posamenten ist eine Sammelbezeichnung für schmückende Geflechte wie Zierbänder, gewebte Borten, Fransenborten, Kordeln, Litzen, Quasten, Volants, Spitzen aller Art, überzogene Knöpfe und Ähnliches.).

Friedas Vater Sally Eyck starb am 25. Juli 1924. Seine 32-jährige Tochter Charlotte meldete den Tod beim Standesamt. Im Dezember 1924 emigrierte Friedas jüngster Bruder Herbert als Seemann von Hamburg nach Wilmington North Carolina, USA. Er wurde amerikanischer Staatsbürger.

Frieda heiratete am 4. August 1926 mit 37 Jahren in zweiter Ehe den 50-jährigen Kaufmann Franz Siegfried Pinthus (*24. Februar 1876). Franz war Leiter des Annaberger Hauses der Firma Carl Cohn AG, Textil und Bekleidung (Handel) aus Berlin. Doch auch dieses Glück war nur von kurzer Dauer. Am 23. September 1928 starb Franz Pinthus nach kurzer Krankheit in Annaberg. Frieda wurde mit 39 Jahren Witwe. Ihre Mutter Isabella Eyck war ein Jahr vorher, am 27. April 1927, mit 62 Jahren in der Lenbachstraße 6a in Berlin-Steglitz gestorben und auf dem jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt worden.

Noch 1931 ist Frieda als Witwe im Adressbuch von Annaberg in der Scheibnerstraße 19 mit Telefonanschluss zu finden. Friedas Schwester Charlotte wohnte noch 1938 in der Meierottostraße 6 in Berlin-Wilmersdorf. Sie ließ am 12. Dezember 1938 ihren Vornamen in Lane ändern. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie zusammen mit Frieda am Kaiserplatz (Bundesplatz) 2 gemeldet. Im Berliner Adressbuch waren sie allerdings nicht zu finden. Am 31. August 1939 emigrierte die 37-jährige Stenotypistin Lane Eyck nach Großbritannien. Bei Dr. Finn in Ronford wurde sie als Haushaltshilfe beschäftigt. Auch ihre Schwester Edith Prager geborene Eyck emigrierte nach Sussex in Großbritannien.

Frieda blieb bis zu ihrer Deportation alleine am Kaiserplatz zurück. Am 16. Oktober 1941 hatte sie sich im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7 – 8 einzufinden.
Dort wurde sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Am 18. Oktober 1941 ging es für die zur Deportation Bestimmten zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten umsiedelte“, wie es verharmlosend hieß. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt.

Dort wurde Frieda am 19. Oktober 1941 in die Blattbinder Straße 14/12 einquartiert.
In erbärmlichen Verhältnissen verbrachte sie den Winter und das Frühjahr 1942 im Ghetto in Litzmannstadt. Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielt auch sie den „Ausreisebefehl“ für den 8. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurde sie in einem Gaswagen ermordet.

Frieda Elisabeth verwitwete Pinthus geschiedene Ransbach geborene Eyck musste aufgrund von Rassismus und Verschwörungstheorien mit 53 Jahren sterben.

Ihre Schwester Käthe (früher Mathe) hatte in Hamburg Hermann Weuster, einen „Arier“, geheiratet, der sie eine Zeit lang aufgrund seiner Abstammung vor der Deportation schützen konnte. Am 23. Februar 1945 wurde sie dann doch noch in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Ob sie das Ghetto überlebte, ist ungewiss. Im Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 war sie nicht zu finden. Auch ihr Bruder Kurt überlebte aufgrund der Abstammung seiner Ehefrau Gertrud geborene Riedrich (*20. Januar 1899) in Hamburg. Über Johanna Eycks weiteres Leben konnte nichts recherchiert werden.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2025

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Adressbuch von Annaberg;
Arolsen Archives – Karteikarten;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage

Stolperstein Hedwig Rosenberg

Stolperstein Hedwig Rosenberg

HIER WOHNTE
HEDWIG ROSENBERG
GEB. FABIAN
JG. 1878
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 23.1.1943

Hedwig Rosenberg wurde als Hedwig Fabian am 20. Juli 1878 (Gedenkbuch) oder 1870 (Todesfallanzeige, Ghetto Theresienstadt) in Hochzeit (Stare Osieczno, Polen) im Kreis Arnswalde in der Neumark geboren.

Wann und wo sie ihren späteren Ehemann, den Sanitätsrat Dr. Julius Rosenberg
(*1865), kennenlernte ist nicht bekannt. Julius Rosenberg hatte sich Anfang 1893 mit einer Praxis in Reppen niedergelassen. Sie heirateten am 6. April 1898 in Schönlanke (Trzcianka, Polen). Ihr erstes Kind Albert wurde am 1. März 1899 in Reppen im Kreis Weststernberg (Rzepin, Polen), 22 km östlich von Frankfurt an der Oder in der Neumark geboren. Fünf Jahre später, am 20. August 1904, kam auch ihr zweites Kind Minni in der Hindenburgstraße 29 in Reppen zur Welt.

Ihr Sohn Albert Rosenberg heiratete am 26. Dezember 1929 die aus Gröbzig, Kothen in Sachsen Anhalt stammende Margarete Schiff (*27. November 1898).

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war der Sanitätsrat Dr. Julius Rosenberg 68 Jahre alt und hatte sich schon zur Ruhe gesetzt. Bis zu seinem Tod wohnte die Familie in der Hindenburgstraße 29 in Reppen. Er starb am 19. Juni 1935 im Sankt- Hedwig-Krankenhaus in Berlin.

In den Berliner Adressbüchern war die Witwe des Sanitätsrats Julius Rosenberg 1937 das erste Mal am Kaiserplatz 2 gemeldet. Hier wohnte sie zusammen mit ihrer 34-jährigen Tochter auch noch bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939. Ihrem Sohn Albert und dessen Ehefrau Margarete gelang 1939 die Flucht nach Palästina, wo sie im Oktober 1939 in Jerusalem einen Einbürgerungsantrag stellten.

Als im Herbst 1941 jüdische Mieter und Mieterinnen des Hauses nach Lodz deportiert wurden, muss Hedwig Rosenberg in die Prager Straße 34 umgezogen sein.

Sie wurde am 14. September 1942 vom Anhalter Bahnhof in Berlin in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Auf Grund der unmenschlichen Lebensbedingungen starb die Witwe Hedwig Rosenberg geborene Fabian dort schon vier Monate später, am 23. Januar 1943.

Ihre Tochter Minni, die vermutlich zur Zwangsarbeit herangezogen wurde, deportierte die Gestapo am 29. Januar 1943 aus der Regensburger Straße 13 nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Arolsen Archives;
Landesarchiv Berlin – WGA-Datenbank,
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage; Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 31574, Hedwig Rosenberg

Stolperstein Minni Rosenberg

Stolperstein Minni Rosenberg

HIER WOHNTE
MINNI ROSENBERG
JG. 1904
DEPORTIERT 29.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein für Hedwig Selig

Stolperstein für Hedwig Selig

HIER WOHNTE
HEDWIG SELIG
GEB. FÜRST
JG. 1879
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 8.5.1942
CHELMNO / KULMHOF

Hedwig Selig geborene Fürst kam am 6. Januar 1879 als zweites von insgesamt sieben Kindern des Kaufmanns Isidor Isaak Fürst (*1852) und seiner Ehefrau Amalie Fürst geborene Barsch (*1855) in Berlin zur Welt. Ihr älterer Bruder Harry war bei ihrer Geburt zwei Jahre alt. Nach Hedwig wurden 1882 Jenny, 1885 Elsbeth, 1886 Margarethe, 1889 Walter und acht Jahre später, 1897, Wolf Erich geboren. Wolf Erich starb mit drei Monaten.
Hedwig wurde Verkäuferin von Beruf.
Ihr älterer Bruder Harry heiratete vermutlich 1905 die Nicht-Jüdin Martha Helene Selma König (*1885). Sie bekamen drei Kinder. Werner (*1906) und Edith (*1909) starben beide im Kleinkindalter. Ilse wurde am 1. August 1907 geboren.

Wann und wo Hedwig ihren späteren Ehemann, den aus Graudens (Grudziądz, Polen) stammenden Buchdrucker Jacob Selig (*14. November 1878), kennenlernte, ist nicht bekannt. Hedwig und Jacob heirateten am 22. August 1907. Ein Jahr später, am 18. Juli 1908, wurden sie Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Herbert Isong gaben. Damals wohnten sie in der Schäferstraße 6a in Berlin-Mitte.

Hedwigs drei Jahre jüngere Schwester Jenny heiratete am 22. März 1910 den Kaufmann Franz Josef Süssmann (*21. August 1877). Sie wohnten anfangs in der Alexandrinenstraße 57 in Berlin-Kreuzberg und später viele Jahre lang in der Koblenzer Str. 13 in Berlin-Wilmersdorf.

Am 2. April 1911 verlobten sich in Berlin Hedwigs Schwester Elsbeth, genannt Else, und der 30-jährige Manager Max Bendel (*12. November 1881), der schon mit 21 Jahren nach Philadelphia in die USA gegangen war. Die Hochzeit der beiden fand im Juli 1911 in Chicago statt. Hier kamen auch ihre drei Kinder Ruth (*1913), Donald (*1915) und Victor (*1919) zur Welt. Das Glück war nur von kurzer Dauer, denn schon am 7. Mai 1920 starb der 39-jährige Max Bendel. Elsie, wie sie sich in den USA nannte, blieb mit den Kindern in den USA.

Hedwigs jüngster Bruder, der Kaufmann Walter Fürst, heiratete am 6. November 1919 die evangelische Zahnarztstudentin Adda Berta Rosa Wilhelmine Charlotte Tiedcke (*1893) und zog mit ihr nach Neubabelsberg. Die Ehe wurde zwei Jahre später wieder geschieden.
Am 4. April 1925 heiratete er in zweiter Ehe Elsa Herta Auguste Schneider (*6. August 1898). Diese Ehe wurde im Juli 1932 in Berlin geschieden.

Im Dezember 1919 starb ihr Vater Isidor Isaak mit 67 Jahren in seiner Wohnung in der Durlacher Straße 11. Auch Hedwigs Mutter starb hier im Juli 1923 im Alter von 68 Jahren.

Seit ca. 1924 wohnte Hedwig mit ihrer Familie in der Durlacher Straße 21 in Berlin-Wilmersdorf. Ihr Ehemann Jacob betrieb eine Buchdruckerei ganz in der Nähe in der Sieglindestraße 8 in Berlin-Friedenau.

Ihr Sohn Herbert, der den Beruf des Kaufmanns erlernt hatte, erkannte schon mit 25 Jahren, dass er als Jude in Deutschland keine Zukunft hatte. Er verließ Deutschland Ende Dezember 1933 und reiste über Liverpool in England nach New York, wo er am 9. Januar 1934 eintraf. Seine Tante Elsie war seine Bürgin in den USA.
Am 15. August 1934 emigrierte auch Hedwigs jüngste Schwester Margarethe in die USA und zog zu ihrer Schwester Elsie. Auch der jüngste Bruder Walter wurde Amerikaner.
Drei Jahre später, am 2. Juni 1937, reiste auch Hedwig mit einem Touristenvisum von Bremen mit dem Schiff in der III. Klasse nach New York, wo sie am 8. Juni 1937 mit 14 US-Dollar eintraf. Ziel ihrer Reise war Chicago, wo sie ihren einzigen Sohn Herbert und ihre Schwestern Else und Margarethe besuchte. Sie kehrte noch 1937 zu ihrem Ehemann Jacob nach Berlin zurück.

Bei der „Minderheiten- Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren die 60-jährige Hedwig und ihr Ehemann Jacob Selig am Kaiserplatz 2 (heute Bundesplatz 2) gemeldet. In der Durlacher Straße 21, wo sie lange Jahre gewohnt hatten, mussten sie vermutlich 1938 ausziehen. Dort lebten 1939 keine jüdischen Bewohner mehr. Sie zogen an den Kaiserplatz 2, wo Hedwigs Schwester Jenny mit ihrem Ehemann Franz Süssmann schon seit 1934 wohnte.

Ab September 1941 wurden Hedwig und Jacob Selig, wie alle Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich, gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Einen Monat später, am 16. Oktober 1941, hatten sie sich zusammen mit ihrer Schwester Jenny und deren Ehemann Franz Süssmann im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7 – 8 einzufinden.

Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Nicht registriert wurde Jennys Ehemann Franz Süssmann. Er wurde laut Sterbeurkunde von der Polizei am 17. Oktober 1941 in der Landhausstraße 18 in Berlin-Wilmersdorf tot aufgefunden. In der Landhausstraße 18 befand sich das 155. Polizeirevier und die Wohnung des Schriftsetzers F. Mattick. Nach Auskunft der Polizei starb Franz Süssmann am 16. Oktober 1941 um 22.30 Uhr an einem Herzschlag. Es ist davon auszugehen, dass er am Abend des 16. Oktobers in der Wohnung des Schriftsetzers F. Mattick seinem Leben selbst ein Ende setzte, um der Deportation zu entgehen.

Am 18. Oktober 1941 ging es für die zur Deportation vorgesehenen Menschen zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten umsiedelte“, wie es verharmlosend hieß. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes, Karl Litzmann, in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Jacob und Hedwig Selig sowie Jenny Süssmann am 19. Oktober 1941 in die Blattbinder Gasse 14 in Raum 14 einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter und das Frühjahr 1942.

Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chelmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch Jacob, Hedwig und Jenny einen „Ausreisebefehl“ für den 8. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie in einem Gaswagen ermordet.
Hedwig Selig musste mit 62 Jahren aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.

Ihr ältester Bruder Harry, der bei der „Minderheiten-Volkszählung“ noch in Ostpreußen gemeldet war, kam am 4. November 1939 zurück nach Berlin und wohnte zur Untermiete in der Potsdamer Straße 161. Seine Tochter Ilse Popp geborene Fürst lebte mit ihrem „arischen“ Ehemann in Berlin – Mariendorf. Ilse war als Halbjüdin und durch ihren Ehemann vor der Deportation geschützt. Harry Fürst wurde am 17. Juli 1942 mit dem 24. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Zwei Jahre später am 16. Mai 1944 deportierte die Gestapo ihn weiter in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie ihn mit 66 Jahren ermordeten.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2025

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten, Deportationslisten;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen überAncestry;
My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 10732 Harry Fürst

Stolperstein für Jacob Selig

Stolperstein für Jacob Selig

HIER WOHNTE
JACOB SELIG
JG. 1878
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 8.5.1942
CHELMNO / KULMHOF

Jacob Selig wurde am 14. November 1878 in Graudens (Grudziądz, Polen) geboren. Er war das erste von insgesamt drei Kindern des Kaufmanns Rudolf Selig (*12. Juli 1854) und dessen Ehefrau Therese (Celia) Selig geborene Chanowski (*1857). Seine Schwester Jenny (*17. Juli 1882) kam vier Jahre nach ihm zur Welt. Vermutlich starb seine Mutter Therese bei der Geburt des dritten Kindes Frieda am 20. Mai 1895. Jacob war damals 16 Jahre alt. Sein Vater heiratete 1896 in zweiter Ehe Minna Fabian (*16. Dezember 1863) aus Bischofsburg (Biskupiec, Warmińsko-Mazurskie, Polen). Am 14. Juni 1897 wurde sein Halbbruder Willy David geboren.

Jacob wurde Buchdrucker von Beruf. Im Berliner Adressbuch 1908 war er mit einer Buchdruckerei im Erdgeschoß der Lindenstraße 57 in Berlin-Kreuzberg zu finden.

Wann und wo er seine spätere Ehefrau, die Verkäuferin Hedwig Fürst (*6. Januar 1879), kennenlernte, ist nicht bekannt. Jacob und Hedwig heirateten am 22. August 1907. Ein Jahr später, am 18. Juli 1908, wurden sie Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Herbert Isong gaben. Damals wohnten sie in der Schäferstraße 6 a in Berlin-Mitte.

Seit 1924 betrieb Jacob Selig seine Buchdruckerei in der Sieglindestraße 8 in Berlin-Friedenau. Zusammen mit seiner Familie wohnte er in der Durlacher Straße 21 in Berlin-Wilmersdorf.

Ihr Sohn Herbert, der den Beruf des Kaufmanns erlernt hatte, erkannte schon mit 25 Jahren, dass er als Jude in Deutschland keine Zukunft hatte. Er verließ Deutschland und reiste über Liverpool/England nach New York, wo er am 9. Januar 1934 eintraf.

Am 19. Januar 1937 starb Jacobs Vater Rudolf Selig mit 82 Jahren. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Seine letzten Jahre hatte er zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Minna bei seiner jüngsten Tochter Frieda Herzfeld in der Calvinstraße 8 in Berlin-Moabit gelebt. Seine Witwe Minna Selig flüchtete Anfang 1939 zusammen mit ihrem Sohn Dr. med. Willy Selig, Jacobs Halbbruder, nach Großbritannien, wo sie 1942 mit 79 Jahren starb.
Jacobs Schwester Frieda Herzfeld war schon ein Jahr zuvor, am 1. Juni 1938, mit ihrem Ehemann Sally und ihren zwei Kindern über Southampton nach New York geflüchtet.

Die Geschwister Jacob Selig und Jenny Studinski geborene Selig blieben in Berlin. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren der 61-jährige Jacob Selig und seine Ehefrau Hedwig am Kaiserplatz 2 (heute Bundesplatz 2) gemeldet. In der Durlacher Staße 21, wo sie lange Jahre gewohnt hatten, mussten sie vermutlich 1938 ausziehen. Dort lebten 1939 keine jüdischen Mitbewohner mehr. Sie zogen an den Kaiserplatz 2, wo Jacobs Schwägerin Jenny Süssmann geborene Fürst mit ihrem Ehemann schon seit 1934 wohnte.

Ab September 1941 wurden Jacob und Hedwig Selig, wie alle Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich, gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Am 16. Oktober 1941 hatten sie sich zusammen mit Jacobs Schwägerin Jenny und deren Ehemann Franz Süssmann im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7 – 8 einzufinden. Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert.

Nicht registriert wurde ihr Schwager Franz Süssmann. Er wurde laut Sterbeurkunde von der Polizei am 17. Oktober 1941 in der Landhausstraße 18 in Berlin-Wilmersdorf tot aufgefunden. In der Landhausstraße 18 befand sich das 155. Polizeirevier und die Wohnung des Schriftsetzers F. Mattick. Nach Auskunft der Polizei starb Franz Süssmann am 16. Oktober 1941 um 22.30 Uhr an einem Herzschlag. Es ist davon auszugehen, dass er am Abend des 16. Oktobers in der Wohnung des Schriftsetzers F. Mattick seinem Leben selbst ein Ende setzte, um der Deportation zu entgehen.

Zwei Tage später, am 18. Oktober, ging es zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten“ transportierte. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Jacob, Hedwig und Jenny Süssmann in die Blattbinder Gasse 14 in Raum 14 einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter und das Frühjahr 1942.

Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chelmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch Jacob, Hedwig und Jenny Süssmann einen „Ausreisebefehl“ für den 8. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie in einem Gaswagen ermordet.

Jacob Selig musste mit 63 Jahren aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.
Seine Schwester Jenny und ihr Ehemann Kasper Studinski wurden am 14. November 1941 mit rund 1.000 anderen Berliner Juden vom Bahnhof Berlin-Grunewald nach Minsk deportiert. Nach rund 1.100 km und einer viertägigen Fahrt kamen sie in der weißrussischen Hauptstadt an. Minsk wurde eines der Zentren des Massenmordes in den besetzten Ostgebieten. Jenny und Kaspar Studinski wurden im Ghetto Minsk ermordet und am 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2025

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten, Deportationslisten;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage

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Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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