HIER WOHNTE
HELENE
MANNHEIMER
JG. 1885
DEPORTIERT 1.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET
Helene Mannheimer kam am 4. Dezember 1885 in Stettin auf die Welt. Sie war das erste Kind des Kaufmannes Phöbus (Philipp) Mannheimer aus Schwedt und seiner Frau Adele, geb. Eloesser. Ein zweites Kind, Helenes Bruder Ludwig, wurde im August 1887 geboren. Die Familie wohnte in Stettin in der Breiten Straße 41/42, Phöbus Mannheimer war Mitinhaber der Firma Louis Hirsch, Möbel- und Polsterwarenhandel. Im Juli 1890 starb er, Helene war vier Jahre alt. Er hatte zuletzt in der Bugenhagenstraße 1 gewohnt und seine Witwe Adele blieb mit den Kindern für die nächsten 15 Jahren in dieser Wohnung.
Helenes Lebenslauf ist von ihrem Bruder Ludwig gut dokumentiert worden. Sie ging auf eine sog. Höhere Töchterschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Ausbildung mit Fremdsprachenkenntnissen. Ab 1905 fand sie Anstellung als Fremdsprachensekretärin in Berlin, unter anderem bei der Borsig AG. Adele Mannheimer war 1904 nach Berlin gezogen, laut Adressbuch in die Wilhelmshavener Straße 13. Es ist anzunehmen, dass Helene mit ihr zusammen wohnte. Ab 1911 lautete Adeles – und wohl auch Helenes – Adresse Rönnestraße 5.
Helene konnte fließend Englisch und, nachdem sie 1913 ein Jahr in Paris verbrachte, auch Französisch. Ab Februar 1920 war sie am Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße tätig und nahm dort auch Unterricht in französischer Diplomatensprache. Sie arbeitete für den Chefdolmetscher Dr. Georg Michaelis und war als Sekretärin u.a. bei dem von der französischen Besatzungsmacht veranlassten Krupp-Prozess in Essen dabei. Desweiteren wurde sie zu internationalen Verhandlungen in Den Haag und Genf gesandt. Ab Oktober 1928 war sie an der Deutschen Botschaft in Rom und lernte so auch italienisch.
Im April 1933 wurde infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen. Dazu eine Auskunft des Auswärtigen Amtes von 1958: „Am 9. Juni 1933 zeigte Fräulein Mannheimer an, daß sie Jüdin ist. Ihr Dienstverhältnis wurde daraufhin […] mit Ablauf des 31. August 1933 gekündigt. Die Dienstbezüge wurden ihr bis zum 30. September weitergezahlt.“
Helene ging zurück nach Berlin. Ihre Mutter wohnte nicht mehr in der Rönnestraße, vielleicht war sie bei Helenes Bruder Ludwig untergekommen, der inzwischen promovierter Rechtsanwalt und Notar war und in Wilmersdorf mit Frau und Kindern lebte. Dort konnte vielleicht auch Helene wohnen, oder sie hat sich etwas zur Untermiete gesucht, möglicherweise schon in der Niebuhrstraße 71. Hier wurde sie bei der Volkszählung im Mai 1939 in der „Ergänzungskartei“ für Juden als Untermieterin der Arztwitwe Paula Michaelis registriert. Eventuell war sie über ihren ehemaligen Chef Dr. Georg Michaelis zu der Unterkunft gekommen, der, selbst als Jude entlassen, sie noch einige Zeit als seine Privatsekretärin beschäftigte. Georg Michaelis starb 1936.
1935 starb Helenes Mutter und Bruder Ludwig floh nach den Novemberpogromen 1938 nach Belgien. Helene wurde zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet. Wir wissen nicht, ob sie von 1939 an bei demselben Betrieb arbeiten musste, 1943 war es die Elektro-Glimmerwarenfabrik Scherb & Schwer, „vormals Jaroslaw“, eine „arisierte“ Firma. Helene war im Werk 2 in Weißensee, Lehderstraße 34, beschäftigt und es ist nicht sicher, ob sie eine Sondererlaubnis hatte, öffentliche Verkehrsmittel für den weiten Weg von der Niebuhrstraße zur Arbeit zu benutzen.
Diesen Weg trat sie Ende Februar nichtsahnend zum letzten Mal an. Im Reichssicherungshauptamt hatte man beschlossen, alle noch im Reich verbliebenen Juden ohne Vorwarnung am Arbeitsplatz zu verhaften, um sie anschließend zu deportieren. Am 27. Februar 1943 (und noch an weiteren Tagen) wurden Betriebe abgeriegelt und die jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter direkt zu verschiedenen provisorischen Sammelstellen gebracht, da das vorhandene Sammellager in der Großen Hamburger Straße nicht ausreichte. Später wurde dies die „Fabrikaktion“ genannt. Helene wurde in der Reithalle der Rathenower Kaserne in der Moabiter Feldzeugmeisterstraße festgehalten. Dort hatte sie, wie alle zu Deportierenden, ihre „Vermögenserklärung“ auszufüllen. Schon längst wohnte sie nicht mehr in der Niebuhrstraße. 1941 war sie genötigt worden umzuziehen, sie hatte ein Zimmer zur Untermiete bei Mary Leffkowitz in der Köpenicker Straße 109 bezogen. Möglicherweise handelte es sich um eine Schulkameradin, denn Mary
Leffkowitz geb. Saalfeld war ein Jahr vor Helene in Stettin geboren worden.
An Vermögen hatte Helene wenig anzugeben: spärliche Kleidungsstücke, 2 Bilder, 20 Bücher, ein Sparkassenkonto mit ca. 250 RM. Unter ihrer Unterschrift vermerkt sie „aus dem Gedächtnis in der Rathenowstr. ausgefüllt“. Zwei Tage später, am 1. März 1943, wurde sie mit ca. 1500 weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert. Dort wurden 142 Männer und 385 Frauen zur Zwangsarbeit aufgenommen, alle anderen in den Gaskammern ermordet. Zu welcher Gruppe Helene gehörte, wissen wir nicht. Aus Auschwitz kam sie jedenfalls nicht zurück, ihr Todesdatum ist unbekannt.
Mary Leffkowitz war auch von der Fabrikaktion betroffen: Sie wurde einen Tag nach Helene, am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Dass eine Schätzung des Obergerichtsvollziehers Runge in Helenes Zimmer „fruchtlos“ verlief, ist nicht überraschend. Es meldete sich jedoch bei der Gestapo die Firma „Berliner Paketfahrt, Speditions- und Lagerhaus“ mit der Frage, was sie mit zwei Kisten von Helene Mannheimer machen sollte, die ja „nach dem Osten überführt“ worden sei. Sie enthielten Hausrat und viele Bücher – offenbar hatte Helene gehofft, doch noch Gelegenheit zur Auswanderung zu bekommen. Die Kisten wurden von der Oberfinanzdirektion „eingezogen“, der Inhalt für 365 RM versteigert.
Helenes Bruder Ludwig konnte nach 1933 noch einige Jahre als Anwalt tätig sein, im September 1938 wurden jedoch alle jüdischen Rechtsanwälte aus der Rechtsanwaltschaft ausgeschlossen und im Dezember dieses Jahres – nach den Novemberpogromen – floh Ludwig Mannheimer mit seiner Familie nach Belgien. Doch als im Mai 1940 NS-Deutschland Belgien überfiel, wurden deutsche und österreichische Migranten von den belgischen Behörden verhaftet und im Rahmen einer Vereinbarung mit Paris nach Frankreich abgeschoben. Dort internierte man sie in verschiedene Lager, Ludwig Mannheimer kam in das Lager Camp de la Rye bei Le Vigeant südlich von Lyon.
Die meisten Inhaftierten wurden mehrmals in andere Lager verlegt und schließlich den Deutschen ausgeliefert. Ludwig Mannheimer konnte diesem Schicksal entkommen und kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück. 1953 wurde er Bundesrichter am Bundesdisziplinarhof.
Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Adressbuch Stettin; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin über Ancestry; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/); https://www.geni.com/people; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005;
Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf