Stolpersteine Niebuhrstraße 71

Hauseingang Niebuhrstr. 71

Hauseingang Niebuhrstr. 71

Die Stolpersteine für Josefine Engel, Anna Grünschild, Käthe Grünschild, Helene Mannheimer, Julius Moszkiewicz, Anna Pinkus, Paul Zeller und Frieda Zeller wurden am 1. Juni 2011 verlegt. Die Stolpersteine für Bruno, Hildegard und Gerd Wollmann wurden am 24. März 2023 verlegt.

Stolperstein für Josefine Engel

Stolperstein für Josefine Engel

HIER WOHNTE
JOSEFINE ENGEL
GEB. REDLICH
JG. 1890
DEPORTIERT 19.1.1942
RIGA
ERMORDET

Josefine Engel geb. Redlich kam am 20. September 1890 in Mährisch Neustadt zur Welt. Die Stadt liegt im Osten Tschechiens in der Nähe von Olmütz (heute Olomouc) und gehörte damals zur österreich-ungarischen Monarchie. Heute heißt sie Uničov. Josefines Vater war der Kaufmann Eduard Redlich, ihre Mutter Cäcilie Redlich geborene Feldhendler. Ob Josephine weitere Geschwister hatte, konnte nicht ermittelt werden.

Leider wissen wir auch nichts über Josefines Kindheit und Jugend. Als sie am 17. Februar 1913 heiratete, waren beide Eltern bereits verstorben und sie lebte in Wien, vermutlich bei Verwandten.
Die Heirat fand in Berlin statt, der Bräutigam war der fünf Jahre ältere Kaufmann Ernst Engel, gebürtig aus Breslau. Ein Trauzeuge war Ernsts Onkel Fritz Engel, ein damals bekannter Theaterkritiker und Redakteur des Berliner Tageblatts, bei dem Ernst möglicherweise aufgewachsen war. Denn seine Mutter Therese Engel geborene Friedländer starb bei der Geburt seiner Schwester Magda, als er selbst erst ein Jahr alt war. Magda überlebte nur einen Tag. Ernsts Vater Carl Engel starb als Ernst acht Jahre alt war. Der zweite Trauzeuge war der Kaufmann Jacob Leppmann, bei dem Ernst Engel am Lützowufer 24 wohnte. Wahrscheinlich war er auch mit ihm über seine Tante Elise Leppmann geborene Engel verwandt.

Da der Name Ernst Engel im Adressbuch Berlin sehr häufig ist, konnte nicht verlässlich festgestellt werden, wo sich das Paar nach der Heirat niederließ. Bei Josefines Ehemann könnte es sich um den Verlagsbuchhändler Ernst Engel handeln, der ab 1914 im Adressbuch in der Schaperstraße 17 eingetragen ist. Wenn das stimmt, lebten sie bis 1936 dort, wobei Ernst den Buchhandel wohl zuletzt aufgeben musste, er wird nur noch als Kaufmann bezeichnet. Mittlerweile war das Leben für Juden schwierig geworden.

Die 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten betrieben Schritt für Schritt die Diskriminierung und Ausgrenzung von Juden, sowohl im Berufsleben wie im Alltagsleben. Nach den Pogromen vom November 1938 nahmen die judenfeindlichen Verordnungen massiv zu. Juden durften nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen, nicht in Theater, Konzerte, Kinos usw. gehen. Zu bestimmten Zeiten durften sie gar nicht mehr auf die Straße, durften nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen. Alle Wertgegenstände mussten sie abliefern, Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt, ihre Konten wurde zu „Sicherheitskonten“ erklärt, von denen sie nur durch „Sicherungsanordnung“ festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abheben durften, der Mieterschutz wurde für Juden aufgehoben.

Auch Ernst und Josefine waren wohl genötigt, eine eigene Wohnung aufzugeben und lebten zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 17. Mai 1939 zur Untermiete in der Niebuhrstraße 71 – so festgehalten in der „Ergänzungskartei“, in der nur Juden erfasst wurden.

In dieser Wohnung starb Ernst Engel verarmt und gedemütigt am 17. März 1941, laut Sterbeurkunde an „Herzmuskelentartung und Nephrophlegie“. Den Todesfall meldete Georg Redlich (*1884), ein ehemaliger Vertreter für Damenwäsche, der als „Beerdigungskommissar“ für die Jüdische Gemeinde tätig war. Er könnte ein Bruder oder Cousin von Josefine gewesen sein. Für ihn liegt ein Stolperstein vor der Starnberger Straße 3 in Schöneberg.
Josefine blieb allein zurück, ob sie Kinder hatte, wissen wir nicht.

Zehn Monate nach dem Tod ihres Mannes wurde sie von der Gestapo abgeholt, ins sogenannte Sammellager in der Levetzowstraße 7/8 gebracht (eine von den Nazis missbrauchte Synagoge) und am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert. Der „Transport“ umfasste 1.002 Menschen und fuhr vom Bahnhof Grunewald, Gleis 17, ab. Wir wissen nicht, ob Josephine überhaupt die 4-tägige Fahrt in gedeckten Güterwagen bei Eiseskälte überlebte oder ob sie später an den katastrophalen Lebensbedingungen im Ghetto Riga starb. Nur 19 Überlebende dieses Zuges sind bekannt, Josephine Engel gehört nicht dazu.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006;
Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995;
Berliner Adressbücher;
Landesarchiv Berlin über Ancestry;
Arolsen Archives;
https://www.geni.com/people/Ernst-Engel/6000000037424632524; Mapping the Lives;
Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005;

Stolperstein für Anna Grünschild

Stolperstein für Anna Grünschild

HIER WOHNTE
ANNA GRÜNSCHILD
GEB. HURWITZ
JG. 1874
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
2.8.1942

Anna Grünschild geb. Hurwitz wurde in Tilsit am 27. Mai 1874 als Tochter von Isaak Hurwitz und seiner Frau Rahel, geb. Weinstein geboren. Sie hatte eine vier Jahre ältere Schwester, Jenny, und drei jüngere: Fanny (*1878), Gertrud (*1884) und Frieda (*1888). Mögliche weitere Geschwister sind nicht bekannt.

Isaak Hurwitz war Kaufmann und wohnte in Tilsit in der Drummstraße 2/3. In den 1890er- Jahren konnte er eine Schneidemühle erwerben, also ein wassergetriebenes Sägewerk, vermutlich war er auch vorher im Holzhandel tätig. Außerdem kaufte er das Haus in der Stolbecker Straße 3, in dem die Familie fortan lebte. Hier wohnte sie auch weiter, nachdem Isaak Hurwitz um die Jahrhundertwende starb. Unklar ist, ob seine Witwe die Schneidemühle weiter betrieb.

Etwa ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters, am 4. Juli 1901, heiratete Anna den aus Posen stammenden, vier Jahre älteren Moritz Grünschild und zog zu ihm nach Posen. Moritz‘ Vater Philipp betrieb in Posen zusammen mit einem Partner einen Holzgroßhandel und es liegt nahe anzunehmen, dass Anna und Moritz über Geschäftsbeziehungen der Eltern zueinander fanden. Philipps Vater war ebenfalls 1900 gestorben, und Moritz führte nun die Firma Grünschild & Bythiner weiter.

Stolperstein für Käthe Grünschild

Stolperstein für Käthe Grünschild

HIER WOHNTE
KÄTHE GRÜNSCHILD
JG. 1911
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
5.8.1942

Das Paar bezog zunächst eine Wohnung in der Posener Ritterstraße 10, zog aber später mehrmals innerhalb der Stadt um. Am 11. Mai 1902 kam die erste Tochter Elli Paula zur Welt, am 13. August 1911, folgte die zweite Tochter, Käthe [Käte].

Nach dem Ersten Weltkrieg kam Posen zu dem restaurierten polnischen Staat und es entwickelten sich starke Spannungen zwischen Polen und Deutschen. Viele Deutsche verließen die Stadt, auch Moritz Grünschild beschloss, nach Berlin zu ziehen, wo bereits sein Bruder Julius seit der Jahrhundertwende als Anwalt lebte. Er beauftragte 1920 letzteren, seinen Holzgroßhandel bei den Berliner Behörden anzumelden. Das Kontor sollte in der Rönnestraße 12 sein. Wenig später zog die Familie ganz nach Berlin, in die Rankestraße 31/32.

Bereits drei Jahre später, am 9. Dezember 1924, starb Moritz Grünschild im Alter von 54 Jahren. Ein weiteres Unglück belastete die Familie: Elli war an Multipler Sklerose erkrankt. Wir wissen nicht, wann die Diagnose gestellt wurde, ob Moritz es noch erfahren hat. Jedenfalls war die verwitwete Anna auch für die Pflege der Tochter allein verantwortlich. Außerdem führte sie das Holzgeschäft weiter. Anfang Juli 1931 musste sie dann den Betrieb einstellen, möglicherweise hatten Inflation und Weltwirtschaftskrise die Geschäfte zu stark belastet. Die Industrie und Handelskammer drängte Anna in den folgenden Jahren, die Löschung der Firma zu beantragen. Dies zögerte sie hinaus, da sie noch bedeutende Außenstände hätte. Schließlich wurde das Unternehmen 1936 gelöscht, es ist nicht bekannt, ob Anna die ihr geschuldeten Gelder noch eintreiben konnte. Verfolgung und Diskriminierung von Juden waren bereits in vollem Gange und Nichtjuden nutzten das oftmals, um ungestraft ihre Schulden bei Juden nicht zu bezahlen.

Nach Aufgabe des Geschäfts zog Anna 1931 in die Dolomitenstraße (Berlin-Pankow) – wohl mit beiden Töchtern. Wie die drei Frauen ihren Lebensunterhalt bestritten, ist nicht eindeutig. Anna hatte wohl Rücklagen, Käthe arbeitete als Sekretärin, Elli war vermutlich nicht arbeitsfähig. 1934 nahmen sie eine Wohnung in der Niebuhrstraße 71, Gartenhaus (Parterre). Dort wurden Anna und Käthe auch in der „Ergänzungskartei“ bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 registriert. In dieser Kartei wurden Juden gesondert erfasst. Elli war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon im Jüdischen Krankenhaus in der Schulstraße (heute Heinz-Galinski-Straße), dort starb sie kurz darauf am 25. Juni 1939. Sie war wohl schon lange bettlägerig, als Todesursachen sind Multiple Sklerose, Decubitus und Sepsis angegeben.

Dieser Schicksalsschlag musste Anna besonders treffen in einer Zeit, in der Juden das Leben durch zahllose Diskriminierungen und Verordnungen unerträglich gemacht wurde. Besonders nach den Pogromen vom November 1938 hatten die Verfolgungsmaßnahmen drastisch zugenommen. 1940 oder 1941 wurde Käthe dann zur Zwangsarbeit herangezogen, sie galt fortan als „Arbeiterin“. Im Herbst 1941 begannen die Deportationen aus Berlin, Anna und Käthe bekamen sicherlich mit, wie um sie herum Menschen mit unbekanntem Ziel verschleppt wurden. So wurde im Juli 1942 Annas Schwager David Grünschild deportiert. Als noch im gleichen Monat Anna und Käthe angekündigt wurde, sie seien auch für die baldige Deportation vorgesehen, beschlossen sie, sich dem durch Freitod zu entziehen. Anna wurde am 2. August 1942 in der Wohnung tot aufgefunden, Käthe wurde noch ins jüdische Krankenhaus gebracht und starb dort am 5. August. Bei beiden wurde „Selbstmord durch Schlafmittelvergiftung“ als Todesursache angegeben. Ihr gesamter Besitz, der Hausrat – von einem Obergerichtsvollzieher Lesnik auf 691 RM geschätzt – das Konto und Wertpapiere wurden „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“.

Annas Schwestern überlebten den Krieg. Jenny, verheiratete Blau, konnte in die USA emigrieren, Fanny wurde mit ihrem Mann Karl Herzog im Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert. Karl Herzog starb dort 1944, aber Fanny überlebte und wohnte nach dem Krieg bei ihrer Schwester Frieda, verheiratete Dobriner, in Berlin. Gertrud konnte rechtzeitig mit ihrem Ehemann Hermann Rudberg nach Palästina auswandern.

Annas Schwager Julius Grünschild (*1860) war bereits 1927 verstorben, sein und Moritz‘ Bruder David Grünschild (*1865) wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er noch im gleichen Jahr verstarb. Moritz‘ Schwester Balbina (*1866), verheiratete Joachimsthal, verbrachte man im August 1942 ebenfalls nach Theresienstadt und von dort nach Treblinka, wo sie ermordet wurde. Von zwei weiteren Schwestern, Emma (*1862), verheiratete Winterfeld, und Rosalie (*1863), verheiratete Peiser, fehlen weitere Daten.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Adressbuch Tilsit; Adressbuch Posen; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin über Ancestry; Landesarchiv Berlin Handelsregisterakten; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Mapping the Lives; https://www.geni.com/people; Einwohnermeldekartei Posen

Stolperstein für Helene Mannheimer

Stolperstein für Helene Mannheimer

HIER WOHNTE
HELENE
MANNHEIMER
JG. 1885
DEPORTIERT 1.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Helene Mannheimer kam am 4. Dezember 1885 in Stettin auf die Welt. Sie war das erste Kind des Kaufmannes Phöbus (Philipp) Mannheimer aus Schwedt und seiner Frau Adele, geb. Eloesser. Ein zweites Kind, Helenes Bruder Ludwig, wurde im August 1887 geboren. Die Familie wohnte in Stettin in der Breiten Straße 41/42, Phöbus Mannheimer war Mitinhaber der Firma Louis Hirsch, Möbel- und Polsterwarenhandel. Im Juli 1890 starb er, Helene war vier Jahre alt. Er hatte zuletzt in der Bugenhagenstraße 1 gewohnt und seine Witwe Adele blieb mit den Kindern für die nächsten 15 Jahren in dieser Wohnung.

Helenes Lebenslauf ist von ihrem Bruder Ludwig gut dokumentiert worden. Sie ging auf eine sog. Höhere Töchterschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Ausbildung mit Fremdsprachenkenntnissen. Ab 1905 fand sie Anstellung als Fremdsprachensekretärin in Berlin, unter anderem bei der Borsig AG. Adele Mannheimer war 1904 nach Berlin gezogen, laut Adressbuch in die Wilhelmshavener Straße 13. Es ist anzunehmen, dass Helene mit ihr zusammen wohnte. Ab 1911 lautete Adeles – und wohl auch Helenes – Adresse Rönnestraße 5.

Helene konnte fließend Englisch und, nachdem sie 1913 ein Jahr in Paris verbrachte, auch Französisch. Ab Februar 1920 war sie am Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße tätig und nahm dort auch Unterricht in französischer Diplomatensprache. Sie arbeitete für den Chefdolmetscher Dr. Georg Michaelis und war als Sekretärin u.a. bei dem von der französischen Besatzungsmacht veranlassten Krupp-Prozess in Essen dabei. Desweiteren wurde sie zu internationalen Verhandlungen in Den Haag und Genf gesandt. Ab Oktober 1928 war sie an der Deutschen Botschaft in Rom und lernte so auch italienisch.

Im April 1933 wurde infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen. Dazu eine Auskunft des Auswärtigen Amtes von 1958: „Am 9. Juni 1933 zeigte Fräulein Mannheimer an, daß sie Jüdin ist. Ihr Dienstverhältnis wurde daraufhin […] mit Ablauf des 31. August 1933 gekündigt. Die Dienstbezüge wurden ihr bis zum 30. September weitergezahlt.“

Helene ging zurück nach Berlin. Ihre Mutter wohnte nicht mehr in der Rönnestraße, vielleicht war sie bei Helenes Bruder Ludwig untergekommen, der inzwischen promovierter Rechtsanwalt und Notar war und in Wilmersdorf mit Frau und Kindern lebte. Dort konnte vielleicht auch Helene wohnen, oder sie hat sich etwas zur Untermiete gesucht, möglicherweise schon in der Niebuhrstraße 71. Hier wurde sie bei der Volkszählung im Mai 1939 in der „Ergänzungskartei“ für Juden als Untermieterin der Arztwitwe Paula Michaelis registriert. Eventuell war sie über ihren ehemaligen Chef Dr. Georg Michaelis zu der Unterkunft gekommen, der, selbst als Jude entlassen, sie noch einige Zeit als seine Privatsekretärin beschäftigte. Georg Michaelis starb 1936.

1935 starb Helenes Mutter und Bruder Ludwig floh nach den Novemberpogromen 1938 nach Belgien. Helene wurde zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet. Wir wissen nicht, ob sie von 1939 an bei demselben Betrieb arbeiten musste, 1943 war es die Elektro-Glimmerwarenfabrik Scherb & Schwer, „vormals Jaroslaw“, eine „arisierte“ Firma. Helene war im Werk 2 in Weißensee, Lehderstraße 34, beschäftigt und es ist nicht sicher, ob sie eine Sondererlaubnis hatte, öffentliche Verkehrsmittel für den weiten Weg von der Niebuhrstraße zur Arbeit zu benutzen.

Diesen Weg trat sie Ende Februar nichtsahnend zum letzten Mal an. Im Reichssicherungshauptamt hatte man beschlossen, alle noch im Reich verbliebenen Juden ohne Vorwarnung am Arbeitsplatz zu verhaften, um sie anschließend zu deportieren. Am 27. Februar 1943 (und noch an weiteren Tagen) wurden Betriebe abgeriegelt und die jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter direkt zu verschiedenen provisorischen Sammelstellen gebracht, da das vorhandene Sammellager in der Großen Hamburger Straße nicht ausreichte. Später wurde dies die „Fabrikaktion“ genannt. Helene wurde in der Reithalle der Rathenower Kaserne in der Moabiter Feldzeugmeisterstraße festgehalten. Dort hatte sie, wie alle zu Deportierenden, ihre „Vermögenserklärung“ auszufüllen. Schon längst wohnte sie nicht mehr in der Niebuhrstraße. 1941 war sie genötigt worden umzuziehen, sie hatte ein Zimmer zur Untermiete bei Mary Leffkowitz in der Köpenicker Straße 109 bezogen. Möglicherweise handelte es sich um eine Schulkameradin, denn Mary Leffkowitz geb. Saalfeld war ein Jahr vor Helene in Stettin geboren worden.

An Vermögen hatte Helene wenig anzugeben: spärliche Kleidungsstücke, 2 Bilder, 20 Bücher, ein Sparkassenkonto mit ca. 250 RM. Unter ihrer Unterschrift vermerkt sie „aus dem Gedächtnis in der Rathenowstr. ausgefüllt“. Zwei Tage später, am 1. März 1943, wurde sie mit ca. 1500 weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert. Dort wurden 142 Männer und 385 Frauen zur Zwangsarbeit aufgenommen, alle anderen in den Gaskammern ermordet. Zu welcher Gruppe Helene gehörte, wissen wir nicht. Aus Auschwitz kam sie jedenfalls nicht zurück, ihr Todesdatum ist unbekannt.

Mary Leffkowitz war auch von der Fabrikaktion betroffen: Sie wurde einen Tag nach Helene, am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Dass eine Schätzung des Obergerichtsvollziehers Runge in Helenes Zimmer „fruchtlos“ verlief, ist nicht überraschend. Es meldete sich jedoch bei der Gestapo die Firma „Berliner Paketfahrt, Speditions- und Lagerhaus“ mit der Frage, was sie mit zwei Kisten von Helene Mannheimer machen sollte, die ja „nach dem Osten überführt“ worden sei. Sie enthielten Hausrat und viele Bücher – offenbar hatte Helene gehofft, doch noch Gelegenheit zur Auswanderung zu bekommen. Die Kisten wurden von der Oberfinanzdirektion „eingezogen“, der Inhalt für 365 RM versteigert.

Helenes Bruder Ludwig konnte nach 1933 noch einige Jahre als Anwalt tätig sein, im September 1938 wurden jedoch alle jüdischen Rechtsanwälte aus der Rechtsanwaltschaft ausgeschlossen und im Dezember dieses Jahres – nach den Novemberpogromen – floh Ludwig Mannheimer mit seiner Familie nach Belgien. Doch als im Mai 1940 NS-Deutschland Belgien überfiel, wurden deutsche und österreichische Migranten von den belgischen Behörden verhaftet und im Rahmen einer Vereinbarung mit Paris nach Frankreich abgeschoben. Dort internierte man sie in verschiedene Lager, Ludwig Mannheimer kam in das Lager Camp de la Rye bei Le Vigeant südlich von Lyon.
Die meisten Inhaftierten wurden mehrmals in andere Lager verlegt und schließlich den Deutschen ausgeliefert. Ludwig Mannheimer konnte diesem Schicksal entkommen und kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück. 1953 wurde er Bundesrichter am Bundesdisziplinarhof.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Adressbuch Stettin; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin über Ancestry; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/); https://www.geni.com/people; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005;

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Julius Moszkiewicz

Stolperstein für Julius Moszkiewicz

HIER WOHNTE
JULIUS
MOSZKIEWICZ
JG. 1915
DEPORTIERT 4.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Julius Moszkiewicz wurde am 9. April 1915 in Berlin geboren. Viel mehr wissen wir leider nicht über ihn. Nicht, wer die Eltern waren, wo sie wohnten und ob er eine Ausbildung machte. Über ihn sind so gut wie keine Dokumente auffindbar. Erschwert wird die Recherche dadurch, dass der Name verschiedene Schreibweisen aufweist, Moszkiewicz, Moskiewicz oder auch Moskiewitz oder Moschkiewitz. Im Berliner Adressbuch ist lediglich der Name Moskiewicz vertreten und da auch selten. So könnte der Bankprokurist Curt Moskiewicz, der zum Zeitpunkt von Julius‘ Geburt in der Eisenacher Straße 23 wohnte, sein Vater sein. Doch das muss Spekulation bleiben.

Belastbare Daten zu Julius finden sich erst in der „Ergänzungskartei“ zur Volkszählung vom 17. Mai 1939, in der Juden separat registriert wurden. Demnach wohnte der damals 24-Jährige in der Niebuhrstraße 71. Ein weiterer Hinweis in der Kartei gibt zusätzliche Fragen auf: Er wohne bei der „arischen“ Pflegemutter Margarete Hellstern. Wieso braucht ein erwachsener junger Mann eine Pflegemutter? War er vielleicht krank oder behindert? Oder handelte es sich vielmehr um eine Maßnahme, um ihn vor der NS-Verfolgung zu schützen? Eine sonstige Verbindung von Margarete zur Familie Mos(z)kiewicz ist nicht zu erkennen. Sie betreibt in der Niebuhrstraße 71 eine Plätterei, also einen Betrieb, in dem Wäsche gebügelt wird.

Die Plätterei hatte 1930 Albert Hellstern, vermutlich Margaretes Mann, eröffnet, vier Jahre später ist Margarete im Adressbuch als Hauptmieterin verzeichnet. Hat Julius vielleicht in der Plätterei gearbeitet? 1943, dem Jahr, in dem er deportiert wurde, wohnte Julius nicht mehr in der Niebuhrstraße sondern laut Deportationsliste in der Pestalozzistraße 64 bei Moritz. Auch hier scheint eine Namensverwechslung vorzuliegen: Unter dieser Adresse lebte Margarete Morris, sie war wohl gemeint. Nach einer anderen Quelle soll Julius nach 1939 auch in der Knesebeckstraße 18/19 bei Jedjal gewohnt haben – wohl wieder eine Namensverwechslung: Hier wohnten Max und Rosa Jedwab. Margarete Morris gab in ihrer „Vermögenserklärung“ vom 26. September 1942 Julius als einen Untermieter an. Darunter notierte die Polizei gut zehn Monate später, am 31. Juli 1943, „Moskowicz wird in der Kartei nicht geführt“. Kein Wunder, Margarete hatte ihn als Julius Moschkowitz angegeben.

Julius Moszkiewicz wurde am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Er hatte sich nach 1939 genötigt gesehen, seine „Pflegemutter“ zu verlassen und war wahrscheinlich zunächst bei Max Jedwab untergekommen und zuletzt bei Margarete Morris, beides vermutlich nicht freiwillig. Die Tatsache, dass der Deportationszug vom 4. März 1943 der vierte nach der sogenannten Fabrikaktion war – jener Aktion, bei der alle noch verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiter am Arbeitsplatz festgenommen und direkt deportiert werden sollten – legt den Schluss nahe, das auch Julius Moszkiewicz zur Zwangsarbeit herangezogen worden war, auch wenn wir nicht wissen in welchem Betrieb. Der „Transport“ umfasste 1120 Menschen, von denen in Auschwitz 643 gleich im neu errichteten „Krematorium II“ ermordet wurden. 389 Männer und 96 Frauen sollten weiter Zwangsarbeit leisten. Es ist gut möglich, dass der noch junge Julius nicht gleich getötet, sondern erst durch die völlig unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen im Konzentrationslager zu Tode kam. Sein Todesdatum bleibt unbekannt.

Max und Rosa Jedwab waren am 14. Dezember 1942 auch nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Schon am 26. September desselben Jahres hatte man Margarete Morris geb. Manasse nach Raasiku bei Reval (Tallin) in Estland verschleppt, von wo sie nicht zurückkam.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/); Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Anna Pinkus

Stolperstein für Anna Pinkus

HIER WOHNTE
ANNA PINKUS
GEB. FOCK
JG. 1880
DEPORTIERT 19.1.1942
RIGA
ERMORDET

Anna Pinkus wurde als Anna Fock am 1. März 1880 in Zempelburg, Westpreußen geboren (heute polnisch Sępólno Krajeńskie). Sie war das älteste Kind des Kaufmanns Adolph (Adolf) Fock und seiner Frau Friederike, geb. Latte und hatte vier weitere Geschwister: Julius kam 1881 zur Welt, Martha 1883, Max 1889 und Flora 1890, alle in Zempelburg geboren. Annas Großvater Israel Fock betrieb einen Kolonialwarenladen in Zempelburg, möglicherweise führte Adolf Fock das Geschäft weiter. Sein ältester Sohn Julius starb 1917 im Ersten Weltkrieg.

Zempelburg kam nach dem Ersten Weltkrieg 1920 im Zuge der Errichtung des polnischen Korridors zu Polen. Vermutlich zog Adolf Fock daraufhin nach Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski). 1925 ist er im dortigen Adressbuch in der Hindenburgstraße 30 als Rentner vermerkt. Er starb dort 1926. Der Schwiegersohn Hermann Crohn, Ehemann von Annas Schwester Martha, meldete den Todesfall.

Zu diesem Zeitpunkt war Anna schon längst verheiratet, das genaue Datum der Hochzeit wissen wir nicht. Der Bräutigam war Paul Pinkus, gebürtig aus Lobsens, nahe Zempelburg gelegenen. Spätestens 1913 zog das Paar nach Berlin, im Adressbuch 1914 ist Paul Pinkus in der Blankenfeldestraße 12 in Mitte vermerkt. (Diese Straße existiert nicht mehr, sie wurde 1963 aufgehoben und überbaut). Paul wird zunächst als „Agent“, später als Kaufmann bezeichnet. Er hatte – zumindest zeitweise – ein Büro in dem heute „Schicklerhaus“ genannten Gebäude in der Schicklerstraße 5, unweit seiner Wohnung. In welcher Branche er tätig war, ist nicht dokumentiert. Das Paar blieb, soweit bekannt, kinderlos.

1934 wohnten Anna und Paul weiterhin in der Blankenfeldestraße. Aber am 13. November des Jahres starb Paul mit 64 Jahren in einer Privatpraxis in der Lessingstraße 1. Ein Jahr später, am 2. Mai, starb auch Annas Mutter in Landsberg. Anna, nun verwitwet, bezog eine wahrscheinlich kleinere Wohnung im Hinterhaus 1. Stock der Niebuhrstraße 71. Dort wohnte sie auch 1939, als am 17. Mai bei der reichsweiten Volkszählung Juden in einer gesonderten Kartei erfasst wurden.

Der Alltag war mittlerweile für Juden stark eingeschränkt, sie wurden durch eine wachsende Anzahl von Verordnungen nach und nach gesellschaftlich ausgegrenzt. Vor allem nach den Novemberpogromen 1938 häuften sich die diskriminierenden und demütigenden Maßnahmen, die zu Verarmung und Isolierung führten. Zunächst sollten dadurch Juden zur Emigration getrieben werden – obwohl ihnen dazu auch zahlreiche finanzielle Hürden gestellt wurden. Mit Kriegsbeginn wurde die Flucht immer schwieriger, im Oktober 1941 gänzlich verboten. Die Nationalsozialisten waren nun zu einem drastischeren Vorgehen gekommen: die Deportation und in ihrer Folge die Ermordung von Jüdinnen und Juden. Wie ihre Mitbewohnerin im Haus Josefine Engel wurde Anna Pinkus Ende 1941 oder Anfang 1942 in der zur Sammelstelle umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße interniert. Von da aus mussten die Menschen, 1002 an der Zahl, am 19. Januar 1942 zum Bahnhof Grunewald gelangen, einige in Lastwagen, die meisten zu Fuß in langen Schlangen, für alle in der Stadt sichtbar. Ziel der Deportation war das Ghetto in Riga, die Fahrt fand bei eisiger Kälte in gedeckten Güterwagen statt und dauerte 4 Tage. Nur 19 Menschen dieses Zuges überlebten überhaupt den Krieg, Anna Pinkus aber starb entweder schon – wie viele – auf der Fahrt oder an den schrecklichen Bedingungen im Rigaer Ghetto.

Auch Annas Schwester Flora wurde mit ihrem Mann Leo Lewin Moses Opfer der Shoa. Nur eine Woche vor Anna wurden sie ebenfalls nach Riga deportiert und kamen dort um. Die anderen beiden Geschwister Max und Martha konnten rechtzeitig flüchten. Max Fock starb 1965 in Dänemark, Martha, deren Mann Hermann Crohn bereits 1936 gestorben war, konnte in die USA emigrieren, wo sie 1964 starb.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Adressbuch Landsberg an der Warthe; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin über Ancestry; Arolsen Archives; Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/); https://www.geni.com/people; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein für Paul Zeller

Stolperstein für Paul Zeller

HIER WOHNTE
PAUL ZELLER
JG. 1873
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET

Paul Zeller wurde am 31. Oktober 1873 in Oderberg im Kreis Angermünde geboren. Er war das zweite Kind des Handelsmannes Max Zeller und dessen Ehefrau Frau Bertha geb. Levin (Lewin). Pauls Schwester Martha war zwei Jahre älter als er. Als Paul 4 Jahre alt war, starb sein Vater mit nur 42 Jahren in Eberswalde an einer Lungenentzündung. Spätestens um 1890 zog Bertha Zeller mit ihren Kindern nach Berlin. Im Adressbuch ist sie erstmals 1892 eingetragen in der Auguststraße 37, später in der Lothringer Straße 86 (heute Torstraße). Paul machte höchstwahrscheinlich eine kaufmännische Ausbildung, denn er betrieb die Vertretung mehrerer Konfektionsfirmen und Stoffherstellern. Er nannte sich „Confectionair“. Bis zu seiner Heirat wohnte er mit seiner Mutter zusammen. Am 30. Oktober 1902 heiratete er Frida Bernhard.

Stolperstein für Frieda Zeller

Stolperstein für Frieda Zeller

HIER WOHNTE
FRIEDA ZELLER
GEB. BERNHARD
JG. 1877
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET

Frida Zeller geb. Bernhard wurde am 29. Dezember 1877 in Berlin geboren. Ihre Eltern Wilhelm Bernhard und Netti (Henriette) geb. Reiner stammten aus dem Burgenland in Österreich. Wilhelm Bernhard war Schächter und später Weinhändler. Vier der älteren Geschwister Fridas waren in Österreich auf die Welt gekommen: Elisabeth (*1864), Leopold (*1866), Max Isaak (*1867) und Karoline (*1869). Bald nach Karolines Geburt muss auch Fridas Familie nach Berlin gezogen sein, denn 1871 kam dort das nächste Kind, Samuel, zur Welt. Eugenie (*1874) und Lea (*1876) folgten noch vor Frida. Es werden noch zwei weitere Schwestern genannt, Bella – wahrscheinlich mit Elisabeth identisch – und Clara, deren Geburtstag und -ort nicht festzustellen war.

Laut Adressbuch betrieb Wilhelm Bernhard spätestens seit 1875 den Weinhandel, zunächst in der Neuen Schönhauser Straße, dann in der Münzstraße 16, in der auch Frida geboren wurde. Später wohnte die Familie in der Linienstraße 50, der Laden war nun in der Alten Schönhauser Straße 35. In das Handelsregister wurde das Geschäft erst 1897 eingetragen, da habe es Wilhelm Bernhard von einem Max Reiner gekauft. Gegründet wurde die Firma aber bereits 1869. Die Annahme liegt nahe, dass Max Reiner ein Verwandter von Wilhelms Frau Netti war und beide Männer den Weinhandel gemeinsam betrieben, Wilhelm wurde dann später zum alleinigen Inhaber. 1895 wohnten sowohl Max Reiner wie Wilhelm Bernhard in der Weinmeisterstraße 12, das Geschäft war weiterhin in der Alten Schönhauser Straße 35.

Nur ein Jahr später, am 20. April 1898 starb Fridas Vater. Seine Witwe Netti führte zunächst das Geschäft weiter, übergab es 1902 an ihren Sohn Samuel, wozu alle Geschwister als Miterben ihr Einverständnis erklären mussten. Als Frida kurz darauf, im Oktober 1902, Paul Zeller heiratete, wohnte sie in der Choriner Straße 82 bei ihrer Mutter – die davor einige Jahre in die Lothringer Straße 85 (heute Torstraße) gemeldet gewesen war.

Paul und Frida zogen in die Linienstraße 61. Auffallend ist, dass sowohl Familie Zeller als auch Familie Bernhard wiederholt nahe beieinanderliegende Adressen im sogenannten Scheunenviertel in der Spandauer Vorstadt hatten – Lothringer Straße, Linienstraße, auch Münz- und Weinmeisterstraße gehörten dazu. Es ist also vorstellbar, dass das Paar sich aus der Nachbarschaft kannte.
Am 12. März 1904 kam ihr Sohn Max in der Linienstraße 61 zur Welt. Ein Jahr später zog die Kleinfamilie weiter nördlich in die Schönhauser Allee 165, vielleicht weil das Scheunenviertel vor allem seit der Jahrhundertwende durch wachsende Armut und Kleinkriminalität einen schlechten Leumund bekommen hatte. Vielleicht auch, weil inzwischen Fridas und wahrscheinlich auch Pauls Mutter gestorben waren.

Paul Zeller baute sich eine Vertretung für Stoffe und Konfektion auswärtiger Hersteller auf und spätestens ab 1913 hatte er dafür auch ein Büro außerhalb seiner Wohnung in der Krausenstraße 31/32, das um 1930 in die Niederwallstraße 37 verlegt wurde, mitten in dem Konfektionsviertel rund um den Hausvogteiplatz. Nach dem 1. Weltkrieg meldete Paul Zeller sein Unternehmen bei der Industrie- und Handelskammer an als „Paul Zeller, Stoffe engros Geschäft“. 1935 nahm er seinen Sohn Max – inzwischen Dr. jur. – als Gesellschafter mit auf.

Trotz Weltwirtschaftskrise und dem Judenboykott im April 1933 nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten scheint Pauls Geschäft zunächst weiter gut gelaufen zu sein, denn 1935 konnte sich die Familie eine Wohnung in der Gelfertstraße 52 im vornehmen Dahlem leisten. Während der Inflationsjahre hatte Paul Zeller sich seine Provisionen in holländischen Gulden und Schweizer Franken auszahlen lassen. 1920 hatte er Exklusivverträge mit zwei Firmen, Müller & Kramer in Greiz und Siegel & Schütze in Pössneck abgeschlossen, die ihm gute Einkünfte erbrachten und mit denen er auch bis 1938 weiter arbeiten konnte, obwohl 1937 der Umsatz leicht zurück ging. Im Frühjahr 1938 kündigte aber die Fa. Siegel & Schütze „infolge der eingetretenen Ereignisse“ und „zu unserem Bedauern“ zum 1. Oktober den Vertrag. Nach den Pogromen vom November 1938 verschlechterte sich für Paul Zeller die Lage noch drastischer: auch Müller& Kramer kündigten ihm zum 31. Dezember 1938 „nach den letzten Bestimmungen über die Existenz der nichtarischen Geschäfte“. Zum 31. Dezember 1938 beantragten Paul und Max Zeller die Löschung der Firma. Zellers gaben ihre Wohnung in Dahlem auf und zogen in die Niebuhrstraße 71.

Im Mai 1939 fand im gesamten Deutschen Reich eine Volkszählung statt. Juden wurden in gesonderten „Ergänzungskarten“ registriert, sie mussten die Religion ihrer vier Großeltern angeben – so wurden auch assimilierte Juden erfasst. Unter Historikern ist umstritten, inwieweit diese Daten für die Deportationen genutzt werden konnten, die Auswertung wurde erst im März 1941 abgeschlossen. Laut dieser Kartei wohnten Paul und Frida Zeller zu dem Zeitpunkt in der Niebuhrstraße 71. Auch ihr Sohn Max, dessen Frau Eleonore (Lore), geb. Haber und deren noch nicht zweijährige Sohn Wolfgang Daniel waren dort gemeldet. Max hatte vorher eine eigene Wohnung in der Wiesbadener Straße, war aber vermutlich in Vorbereitung seiner bevorstehenden Auswanderung zu seinen Eltern gezogen. Mit Löschung der Firma war auch seine Existenzgrundlage hinfällig. Am 5. Juni 1939 reisten Max, Lore und der kleine Wolfgang über England in die USA.

Paul und Frida blieben zurück. Vermutlich hatten sie vor nachzukommen, sie hatten bereits „Reichsfluchtsteuer“ hinterlegt. Die Flucht gelang jedoch nicht. Ende Dezember 1941 mussten sie die „Vermögenserklärung“ ausfüllen, die der Deportation vorausging, Sie wurde am 23. Dezember unterschrieben. Zellers besaßen noch einiges an Vermögen, über das sie jedoch nicht frei verfügen konnten. Auch ihre Wohnungseinrichtung, von Paul Zeller penibel beschrieben, war noch vergleichsweise reichhaltig. Sie wurde später für die Finanzdirektion auf 1534 RM geschätzt. Zuvor hatten Zellers schon im Februar 1939 ihren gesamten Schmuck und Gold-und Silbergegenstände entschädigungslos bei der Pfandleihanstalt abgeben müssen. Alles galt als beschlagnahmt und„verfiel“ dem Reich. Der Oberfinanzdirektion war selbst die Überweisung eines Guthabens von 1,73 RM bei der BEWAG zwei Mahnungen wert.

Im Januar 1942 wurden Paul und Frida Zeller dann in der als Sammelstelle umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße interniert und nach wenigen Tagen, am 25. Januar, nach Riga deportiert. Der Deportationszug fuhr am Gleis 17 im Bahnhof Grunewald mitten in einer anhaltenden Kältewelle ab und bestand aus gedeckten Güterwagen. Viele Insassen erfroren während der 5-tägigen Fahrt, die sichtlich geschwächten wurden auf Ankunft erschossen. Ob das Ehepaar Zeller dieses Schicksal erfuhren oder noch das Ghetto Riga errichten und dort den elenden Lebensbedingungen erlagen, wissen wir nicht. Nur 13 Menschen aus diesem „Transport“ überlebten, Paul und Frida Zeller waren nicht unter ihnen.

Eine Woche vor Paul und Frieda waren Pauls Schwester Martha und ihr Ehemann Jacob Auerbach ebenfalls nach Riga deportiert und dort ermordet worden. Von Fridas 8 Geschwistern wurden nachweislich drei in der Deportation ermordet: in Auschwitz 1943 Leopold, dessen Frau Charlotte sich das Leben nahm, um der Deportation zu entgehen. In Theresienstadt kamen im gleichen Jahr Jenny, verheiratete Herzog und Lea, verheiratete Reiner ums Leben.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin über Ancestry; Landesarchiv Wiedergutmachungsakten und Haldelsregisterakten; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Mapping the Lives; https://www.geni.com/people; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Stolperstein Bruno Wollmann

Stolperstein Bruno Wollmann

HIER WOHNTE
BRUNO
WOLLMANN
JG. 1895
FLUCHT 1938
USA

Stolperstein Hildegard Wollmann

Stolperstein Hildegard Wollmann

HIER WOHNTE
HILDEGARD
WOLLMANN
GEB. GRAUPE
JG. 1903
FLUCHT 1938
USA

Stolperstein Gerd Wollmann

Stolperstein Gerd Wollmann

HIER WOHNTE
GERD
WOLLMANN
JG. 1929
FLUCHT 1938
USA

Gerd Wollmann wohnte mit seinen Eltern Bruno Wollmann und Hildegard, geb. Graupe in der Niebuhrstraße 71. Gerd wurde am 9. November 1929 in Berlin geboren.

Gerd Wollmann erzählt 2023 mit 93 Jahren:
„Wir waren eine der glücklichen Familien in Berlin, die dem Holocaust entkamen. 1938 erkannte mein Vater, was mit den Juden in Deutschland geschah und wie düster die Zukunft für unsere Familie war. Die Nazis hatten Zwangsbeschränkungen verhängt, mit unüberwindlichen Schwierigkeiten für jüdische Geschäftsinhaber wie meine Eltern. Im Alter von 8 Jahren wurde mir der Besuch einer öffentlichen Schule in Berlin verboten, weil ich Jude war. Wir sahen keine Möglichkeit zu entkommen, keinen Ort, an den wir gehen konnten. Dann erinnerte sich mein Vater an den entfernten Cousin meiner Mutter, der in Pasadena, Kalifornien lebte. Es war eine winzige Hoffnung, denn es bedeutete, dass Cousin Baldwin voll und ganz für uns verantwortlich sein würde. Meine Eltern waren überrascht, erleichtert und dann begeistert, als Baldwin antwortete: „Warum hast du so lange gebraucht?“

In späteren Jahren kamen mir jedes Mal die Tränen, wenn mein Vater diese Geschichte erzählte. Wir baten Oma Lina, mit der wir sehr eng verbunden waren, mit uns zu gehen. Traurig antwortete sie: „Einen alten Baum kann man nicht umpflanzen.“ Wir verließen Berlin am 8. November 1938, einen Tag vor der Reichspogromnacht, und kamen am 9. November 1938 in Paris an, was zufällig mein 9. Geburtstag war. Erst hinterher habe ich erkannt, dass wir nur knapp dem sicheren Tod entkommen sind, vielleicht nur um einen Tag. Nachdem wir uns von meiner Tante verabschiedet hatten, die in Paris lebte (bis sie vor dem Ansturm der Nazis fliehen musste), nahmen wir einen niederländischen Frachter aus Rotterdam. Es dauerte 6 Wochen, bis wir in Los Angeles waren, mit vielen Stopps, einschließlich des Panamakanals.

Wir versuchten verzweifelt, aber leider vergeblich, mit Oma Lina in Kontakt zu bleiben. Schließlich erhielten wir vom Roten Kreuz die Nachricht, dass sie vier Jahre nach unserer Abreise von Berlin nach Theresienstadt deportiert worden war und dort gestorben ist. Wir waren am Boden zerstört.

Meine Eltern lebten den Rest ihres Lebens als deutsche Flüchtlinge wie Transplantate. Sie sprachen immer Deutsch miteinander, kochten deutsches Essen, sprachen Englisch mit starkem Akzent und hatten einen Kreis deutsch-jüdischer Freunde in Los Angeles. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen. Meine Eltern kämpften mit ihrem neuen Leben, und mein Vater schaffte es, mit dem Import europäischer Lebensmittel über die Runden zu kommen. Ich war entschlossen, so schnell wie möglich „amerikanisch“ zu werden. Ich weigerte mich, die kurze Hose zu tragen, die ich in Berlin getragen hatte, und verlor jeden Anflug von deutschem Akzent. Nur mein Name Gerd verrät meine deutsche Herkunft.

Nach der Schule ging ich an die UCLA und studierte dann Kieferorthopäde. Ich habe drei Kinder und sechs Enkelkinder. Mein ganzes Erwachsenenleben lang blieb ich neugierig auf meinen Geburtsort. Ich war schon einige Male wieder in Berlin, das letzte Mal vor meinem 90. Geburtstag mit meiner Familie. Es stellte sich heraus, dass ich immer noch etwas Deutsch sprechen kann, anscheinend mit einem leicht erkennbaren Berliner Akzent. Ich zeigte meinen Töchtern und Enkelkindern diese Straße – ich wurde gleich am anderen Ende geboren – und wir besuchten die nahe gelegene Synagoge, die für mich als Schule diente, als ich keine öffentliche Schule besuchen konnte. Wenn es meine Gesundheit erlaubt hätte, wäre ich heute hier, um an dieser Stolperstein-Zeremonie teilzunehmen.”

Text: Monika Herz nach Angaben von Gerd Wolman

Hildegard, Gerd und Bruno Wollmann

Hildegard, Gerd und Bruno Wollmann

Adresse

Stolpersteine

Verkehrsanbindungen