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Stolpersteine Giesebrechtstraße 11

Link zu: Hauseingang Giesebrechtstr. 11
Hauseingang Giesebrechtstr. 11
Bild: Bezirksamt CW, B.Plewa

Die Stolpersteine wurden am 8. Mai 2011 verlegt und von Helga und Wolfgang Haselhorst und Gabriele Stiegler gespendet.

Link zu: Stolperstein Max Zuttermann
Stolperstein Max Zuttermann
Bild: Bezirksamt CW, B.Plewa

HIER WOHNTE
MAX
ZUTTERMANN
JG. 1868
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 15.1.1942

Link zu: Stolperstein Gertrud Zuttermann
Stolperstein Gertrud Zuttermann
Bild: BACW, B.Plewa

HIER WOHNTE
GERTRUD
ZUTTERMANN
GEB. POPPELAUER
JG. 1876
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 20.12.1941

Anzeige Moritz Zuttermann, Adressbuch Berlin 1880
Bild: BACW

Gertrud und Max Zuttermann

Max Zuttermann kam am 14. Juni 1868 in Berlin als erster Sohn von Moritz Zuttermann und seiner Frau Rosa, geb. Bohm, zur Welt. Moritz Zuttermann war Herrenschneider und Mitinhaber einer Schneiderei an der Charlottenstraße 35a. Er wohnte ein paar Häuser weiter, in der Charlottenstraße 50. 1870 wurde ein zweiter Sohn, Otto David, geboren, der aber im Alter von acht Jahren verstarb, als Max zehn Jahre alt war. Zu diesem Zeitpunkt waren Zuttermanns in die Wilhelmstraße 40 umgezogen. Zwei Jahre später wohnten sie wieder in der Charlottenstraße, nun in der Nr. 65. Max‘ Kindheit spielte sich also größtenteils in der Charlottenstraße ab. Nach dem Schulbesuch lernte auch er Schneider, möglicherweise im väterlichen Betrieb. Als der Vater – inzwischen Alleininhaber des Geschäfts – sich 1899 zur Ruhe setzte und mit seiner Frau in die Klopstockstraße zog, übernahm Max die Schneiderei und verlegte sie in die Dorotheenstraße 11.

Wenige Jahre später, am 4. September 1902, heiratete er Gertrud Poppelauer. Auch Gertrud war Berlinerin, sie war am 20. März 1876 als Tochter des Kaufmannes Carl Jacob Poppelauer und seiner Ehefrau Sara, geb. Jacoby, in der Oranienstraße 48 geboren worden. Ihr Vater war der Inhaber eines Leinen- und Baumwollwarengeschäfts im Parterre ihres Wohnhauses. Dort blieb auch der Laden, als die Eltern wenig später in die Luckauer Straße zogen und 1890 in die Schmidstraße 7. Ob Gertrud Geschwister hatte, ist nicht bekannt. Vielleicht war sie mit Moritz Poppelauer verwandt, ein bekannter Buchhändler und Verleger jüdischer Literatur, dessen Buchhandlung in der Neuen Friedrichstraße war. Laut Heiratsurkunde erlernte Gertrud keinen „besonderen Beruf“. 1902 heiratete sie Max Zuttermann und verbrachte mit ihm die Flitterwochen in Bad Homburg, im Hotel Bellevue, wie eine Gästeliste bezeugt.

Max und Gertrud bezogen eine Wohnung am Holsteiner Ufer 5. 1905 kam ihre erste Tochter Eva zur Welt, ein Jahr später die zweite, Susanne. Möglicherweise anlässlich der Familienerweiterung waren Zuttermanns in die Crefelder Straße 18 umgezogen. Um 1910 unterhielt Max Zuttermann wieder ein Geschäft mit einem Partner: die „Feine Herrenschneiderei Zuttermann & Haß“ in der Behrenstraße 24. Die Familie bezog nun eine Wohnung in der Mommsenstraße 19. Bald wechselten noch mal Partner und Geschäftsadresse, nun war es die „Englische Maßschneiderei Maaß & Zuttermann“, in der Französischen Straße 25/26. Diese Firma überstand jedoch nicht den Ersten Weltkrieg, 1917 betrieb Max Zuttermann wieder eine Schneiderei allein, diesmal in der Französischen Straße 8. Diesen Laden hat er 1930 aufgegeben, möglicherweise eine Folge der Weltwirtschaftskrise. Im Adressbuch ist er weiterhin in der Mommsenstraße eingetragen, zunächst als Schneidermeister, dann allgemein als Kaufmann. Erst 1934, Max Zuttermann ist 66 Jahre alt, ziehen sie in die Giesebrechtstraße 11.

Möglicher Anlass für den Umzug könnte sein, dass die Töchter nun aus dem Haus waren. Eva heiratete 1934 einen Engländer namens Mitchell, den sie vermutlich durch ihre Arbeit kennen gelernt hatte. Seit 1928 war sie in der Berliner Niederlassung von Price Waterhouse tätig, eine Wirtschaftsprüferfirma. Durch ihre Ehe hatte sie die englische Staatsbürgerschaft erworben und konnte 1939 Deutschland Richtung London verlassen. Tochter Susanne war mit Heinz Block verheiratet, das Datum der Eheschließung ist nicht bekannt. Das Paar wanderte später nach Paraguay aus.

Max und Gertrud blieben in der Giesebrechtstraße. Sie nahmen 1935 Fritz Hirschfeldt als Untermieter auf, ob das freiwillig war, ist nicht sicher. Juden wurden, vor allem nach den Novemberpogromen 1938, durch immer neue Verordnungen nach und nach vollständig aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, durch ständig weitere Steuern und Abgaben verarmt, sie konnten sich nicht mehr frei bewegen und auch nicht über evtl. vorhandenes Vermögen frei verfügen. Unter diesen Umständen konnten Max und Gertrud Zuttermann eine Auswanderung zu ihren Kindern, wie sie etwa die Schwiegermutter von Susanne, Elise Block plante, nicht bewerkstelligen.

Auswanderungen – zunächst von den Nationalsozialisten erwünscht – wurden 1941 gänzlich verboten. Stattdessen setzte die Regierung auf die Politik der Deportationen und Ermordungen. Gleich mit dem ersten Deportationszug aus Berlin am 18. Oktober 1941 vom Gleis 17 im Bahnhof wurden Max und Gertrud Zuttermann zusammen mit Fritz Hirschfeldt ins Ghetto Lodz gebracht.

In dem hoffnungslos überfüllten Ghetto wurden sie hinter Stacheldraht und unter menschenunwürdigen Lebensverhältnissen im Bleichweg 21/7, „eingesiedelt“, wie es offiziell hieß. Da sie trotz ihres Alters – Max war 73, Gertrud 65 Jahre alt – als „arbeitsfähig“ eingestuft worden waren, mussten sie möglicherweise Zwangsarbeit leisten, in Munitionsfabriken oder, in Anbetracht von Maxens Beruf wahrscheinlicher, in einer Uniformschneiderei. Katastrophale hygienische Zustände, Kälte, Hunger und Krankheiten kamen hinzu.

Gertrud Zuttermann ertrug diese harten Bedingungen nur wenige Wochen. Am 20. Dezember 1941 erlag sie den Verhältnissen im Ghetto. Max Zuttermann überlebte seine Frau keinen Monat. Am 15. Januar 1942 starb auch er.

Eva Mitchell, die ältere Tochter, starb 1961 in London. Susana (vormals Susanne) Block bekam in Paraguay 1943 und 1948 zwei Söhne, Pedro Ismael und Walter Maximiliano, ihr Mann Heinz Block starb 1949 in Montevideo (Uruguay). Susanas Schwiegermutter Elise Block, geb. Seligmann, wurde am 14. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort bereits am 26. September. Für sie liegt ein Stolperstein vor dem Haus Leopoldstraße 32 im Marzahn-Hellersdorfer Ortsteil Kaulsdorf.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Link zu: Stolperstein Else Noah
Stolperstein Else Noah
Bild: BACW, B.Plewa

HIER WOHNTE
ELSE NOAH
GEB. WOLFF
JG. 1873
DEPORTIERT 17.7 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 14.3.1944

Bildvergrößerung: Alexanderstr. 41
Alexanderstr. 41
Bild: Heinrich Lichte

Else Noah wurde als Else Wolff am 16. Juli 1873 in Berlin geboren. Der Vater, Magnus Wolff, betrieb zu dem Zeitpunkt mit seinem Bruder Wilhelm die „Flanell-, Wollen- und Baumwollwaarenfabrik B. Wolff‘s Söhne“ in der Klosterstraße 78, offenbar die Fabrik des Vaters Bernhard Wolff. Elses Mutter war Albertine Wolff geb. Neufeld. Else hatte zwei Schwestern, Margarete und Rosa. Eine dritte, Alice, starb als Kleinkind. Die Wohnadresse der Familie und somit das Geburtshaus Elses war die Alexanderstraße 41, ein 1869/70 neu erbautes Wohnhaus. Es wurde 1907 abgerissen, um dort das „Lehrervereinshaus“ zu errichten, Vorläufer des heutigen 1961-1964 auf dem gleichen Grundstück gebauten „Haus des Lehrers“ (heute Alexanderstraße 9.)

Else – manchmal auch Elsa genannt – erlebte als Kind mehrere Wohnungswechsel, die Familie zog von der Alexanderstraße nach Tiergarten, dort mehrfach um und später wieder nach Mitte. Magnus Wolff wechselte auch mehrmals das Betätigungsfeld, einige Jahre war er im Getreidegeschäft tätig, dann, um 1884, eröffnete er in der Friedrichstraße einen „Baby-Bazar“, wo „Baby-Bedarf und Luxusartikel für Kinder, Wöchnerinnen und Ammen“ zu haben waren. Die Familie wohnte wieder in Mitte, zunächst in der Jäger-, dann in der Französische Straße.

1894 starb Magnus Wolff und Else zog mit ihrer Mutter – Margarete und wahrscheinlich auch Rosa waren schon verheiratet – in die Friedrichstraße 36. Albertine führte den Baby-Bazar weiter, vermutlich mit Hilfe ihrer Tochter. Am 23. Februar 1895 heiratete auch Else, der Bräutigam war der Buchhalter Otto Story. Das Paar wohnte fortan in der Königgrätzer Straße 89 (heute Stresemannstraße), und Otto Story übernahm das Baby-Geschäft, möglicherweise hatte er schon vorher dort gearbeitet. Am 1. November 1895 brachte Else ein Mädchen zur Welt, das sie Ellen Charlotte nannte – das aber schon nach 8 Monaten starb.

Auch mit Otto Story wechselte Else häufig die Wohnung. 1914, als er nur 54jährig starb, lebten sie im Bezirk Grunewald, Paulsborner Straße 46. Dort blieb Else noch einige Jahre, um dann 1918 eine Wohnung in die Wilmersdorfer Tharandter Straße 2 zu beziehen. Als sie im September nächsten Jahres den Amtsgerichtsrat Siegfried Noah aus Westpreußen heiratete, zog dieser mit in die Tharandter Straße ein. Kinder aus dieser Ehe sind nicht dokumentiert, vermutlich hatten sie keine.

Erst 1933 bezogen Noahs eine Wohnung in der Giesebrechtstraße 11. Möglicherweise stand dieser Umzug in Zusammenhang mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Schon am 7. April 1933 erließen sie das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, wonach alle „nichtarischen“ Beamten in den Ruhestand versetzt werden sollten. So erging es auch Siegfried Noah, der bald im Adressbuch als Amtsgerichtsrat i. R. bezeichnet wird. Dies sollte nicht die einzige Drangsalierung von Juden bleiben. Zahlreiche diskriminierende Verordnungen, verstärkt nach den Pogromen vom November 1938, zielten darauf, Juden die Existenz unerträglich zu machen, sie wirtschaftlich und sozial vom öffentlichen Leben auszuschließen, sie zur Auswanderung zu bewegen. Gleichzeitig wurden sie durch diverse finanzielle Maßnahmen – Sondersteuern, Sperrung der Konten – und auch durch die Zwangsablieferung von Wertgegenständen um Besitz und Vermögen gebracht. Die durch Reichsfluchtsteuer, steigende Visagebühren, teurere Schiffspassgen immer unerschwinglicher werdende Auswanderung war dadurch für viele gar nicht mehr möglich.

So wird es auch Siegfried und Else Noah ergangen sein. Zu Kriegsbeginn, als Emigration praktisch unmöglich geworden war, wohnten sie immer noch in der Giesebrechtstraße. Sie mussten die immer neuen Diskriminierungen und Erniedrigungen von Juden erdulden. Auch in ihrer Wohnung mussten sie sich einschränken: Mindestens eine Untermieterin, Frieda Loewy, hatten sie aufzunehmen aufgrund der Zwangsumsetzungen von Juden, die Wohnraum für Nichtjuden freimachen sollten. In dieser Wohnung starb Siegfried Noah am 19. März 1941, laut Sterbeurkunde an „Leistenbruch, Gefäßverkalkung, Einklemmung des Bruches, Bauchfellentzündung“.

Wenige Wochen nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes, Mitte Mai, wurde auch Else Noash genötigt, ihre Wohnung aufzugeben. Sie zog in die Pension Leubuscher in der Bamberger Straße 5, wo ihre Schwester Margarete Falkenfeld schon seit längerer Zeit lebte. Beide Schwestern teilten sich ein möbliertes Zimmer.

Margarete Wolff hatte 1892 den sozialdemokratischen Rechtsanwalt Max Falkenfeld geheiratet, mit dem sie zwei Söhne hatte, Hellmuth und Wolfgang. Sie lebte mit ihrem Mann zunächst in Fürstenwalde, ab 1902 in Frankfurt/Oder. 1926 starb Wolfgang und drei Jahre später vergifteten sich Max und Margarete mit Gas vom Küchenherd. Max starb, Margarete überlebte den Suizidversuch. Sie ging nach Berlin, wo Sohn Hellmuth lebte und sich einen Namen als Philosoph und Schriftsteller gemacht hatte. Seit 1931 wohnte Margarete in der Pension Leubuscher.

Anfang Juli 1942 erhielten beide Schwestern die Formulare zur „Vermögenserklärung“, die alle zur Deportation Bestimmten auszufüllen hatten. Viel zu erklären gab es allerdings nicht mehr: Beide hatte je ein Bankkonto mit ein paar Hundert Reichsmark, über das sie aber nur begrenzt verfügen durften, Else gab noch den Besitz von einer Couch, einem Schrank, einer Kommode, einem Bettvorleger und einer Stehlampe an, Margarete lediglich eine Plüschdecke – und ein Wertpapierdepot, das für sie keinen Wert mehr hatte. Wenige Tage später waren beide in der Großen Hamburger Straße 26 interniert, ein auf Anordnung der Gestapo in ein „Sammellager“ umfunktioniertes jüdisches Altersheim. Und am 17. Juli 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert.

Das „Altersghetto“ Theresienstadt, in dem angeblich Juden einen ruhigen Lebensabend verbringen konnten, unterschied sich kaum von anderen Konzentrationslagern. Die menschenunwürdigen Behausungen waren brutal überbelegt, die Nahrung mangelhaft, die Hygienebedingungen katastrophal. Seuchen und Krankheiten grassierten, die Überlebenschancen waren minimal. Viele Insassen wurde in Vernichtungslager weiterdepotiert und dort ermordet. Else Noah überlebte noch über anderthalb Jahre in Theresienstadt, bis auch sie den grausamen Lebensumständen erlag. Laut der Krematoriumskartei von Theresienstadt wurde sie dort am 14. März 1944 im Sarg Nr. 22506 eingeäschert.

Margaretes Schicksal ist nicht eindeutig. Offenbar war sie für die Deportation von Theresienstadt nach Treblinka am 19. September 1942 bestimmt. Aus nicht bekannten Gründen blieb sie wohl dennoch in Theresienstadt, wo sie, folgt man der „Todesfallanzeige“, am 24. Februar 1943 offiziell an „Herzmuskelentartung“ starb. Ihr Sohn Hellmuth konnte mit seiner Frau Suse Byk im Oktober 1938 über London in die USA flüchten.

Die Betreiberin der Pension in der Bamberger Straße, Valeska Leubuscher, wurde am 10. September 1942 mit zwei ihrer Schwestern, Thekla Sandheim, geb. Leubuscher, und Hedwig Heymann geb. Leubuscher ebenfalls nach Theresienstadt deportiert. Die drei Schwestern starben binnen weniger Tage bzw. Wochen nach der Ankunft, Hedwig am 27. September, Thekla am 14. Oktober und Valeska am 21. November 1942.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Link zu: Stolperstein Fritz Hirschfeldt
Stolperstein Fritz Hirschfeldt
Bild: Bezirksamt CW, B.Plewa

HIER WOHNTE
FRITZ HIRSCHFELDT
JG. 1902
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 8.5.1942
CHELMNO / KULMHOF

Fritz Hirschfeldt kam am 5. Juni 1902 in Braunsberg (heute Braniewo), Regierungsbezirk Königsberg, zur Welt. Sein Vater, Julius Hirschfeldt, war ein angesehener Zahnarzt in Braunsberg. Er hatte in zweiter Ehe Flora, geb. Klein geheiratet, Fritzens Mutter. Fritz hatte einen Halbbruder, Kurt, aus der ersten Ehe des Vaters mit Martha Laserstein. Genaueres über die Kindheit und Jugend von Fritz wissen wir nicht, vermutlich spielte sie sich in Braunsberg ab.
Als junger Mann jedenfalls lebte er in Danzig. Im Adressbuch dort findet man erstmals 1925 einen Fritz Hirschfeld (ohne „t“), Kaufmann in der Hundegasse. Ob es sich um denselben Fritz Hirschfeld, einen Redakteur, handelt, der 1931 in der Heilig-Geist-Gasse 140 wohnte, ist nicht sicher aber wahrscheinlich. Denn Fritz Hirschfeldt (der tatsächlich sehr oft ohne „t“ geschrieben wurde) war Redakteur und später Leiter des Wirtschaftsressorts der „Danziger Volksstimme“, eine 1920 gegründete sozialdemokratische Tageszeitung. Danzig war nach dem ersten Weltkrieg mit seinem Umland zur unabhängigen Freie Stadt Danzig geworden, die unter Aufsicht des Völkerbundes stand.

Fritz gab später als Berufsbezeichnung Zahntechniker an. Denkbar ist, dass er zunächst eine kaufmännische Ausbildung machte, später dann zum Journalismus überging und erst in den 30ern die Zahntechnikerausbildung machte. Es könnte aber auch umgekehrt gewesen sein, er lernte erst Zahntechniker und wandte sich dann dem Journalismus zu.

Bildvergrößerung: Dresdner Neue Nachrichten 13.11.1934
Dresdner Neue Nachrichten 13.11.1934
Bild: Archiv Dresdner Neue Nachrichten 13.11.1934

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 hatten diese zwar auch in Danzig viel Zulauf, aufgrund des Sonderstatus der Freistadt konnten sie aber hier zunächst nicht die volle Oberhoheit erlangen, obwohl bei den Wahlen im Mai 1933 auch in der Freien Stadt die Nazis die Mehrheit erlangten. Dank des Völkerbundes konnten zwar auch SPD-Zeitungen wie die Danziger Volksstimme bis 1939 weiterbestehen, mussten aber mit vielen Schikanen und Behinderungen zurechtkommen. So wurden gleich 1933 mehrere Journalisten festgenommen, unter ihnen auch Fritz Hirschfeldt. Durch Intervention von Kollegen beim Hohen Kommissar konnte Fritz 1934 freikommen, wurde aber kurz darauf in das Deutsche Reich abgeschoben. Mit ihm auch seine Lebensgefährtin Lona Berlow, eine Schauspielerin, die er in Danzig kennengelernt hatte. Fritz hatte auch an ausländische Presse Nachrichten über die Zustände in Danzig und im NS-Reich geliefert, was sich für die Danziger Polizei so anhört: „Hirschfeld [versorgte] die Emigrantenzentralen in Prag und London mit Greuelnachrichten über Deutschland und Danzig. Die Lona Berlow hat für Hirschfeld Kurierdienste verrichtet“. Unmittelbar nach der Abschiebung wurde Fritz Hirschfeldt im November 1934 wegen Hochverrats angeklagt und Anfang 1935 ins KZ Lichtenburg in Prettin, Sachsen, überführt.

Lona ging nach Berlin, wo ihre Schwester Edith lebte. Laut einer Quelle konnten sie erreichen, dass Fritz wieder freikam und er sei dann nach London gegangen, im nächsten Jahr aber nach Berlin zurückgekommen. Nach eigener Aussage wohnte er allerdings ab Anfang 1935 in der Giesebrechtstraße 11 zur Untermiete. Nachweisen lässt sich das für 1939, als er bei der Volkszählung im Mai in der „Ergänzungskartei“ für Juden als Untermieter von Familie Zuttermann registriert wurde.

Nach den Pogromen vom November 1938 wurde das Leben von Juden, das schon vorher sehr eingeschränkt war, durch eine hohe Zahl weiterer diskriminierender Verordnungen gänzlich unerträglich. Mit Kriegsbeginn wurde auch eine Auswanderung praktisch unmöglich. Fritz Hirschfeldt war doppelt der Verfolgung ausgesetzt: Als Jude und als SPD-Mitglied. So wundert es nicht, dass er mit dem allerersten „Transport“ aus Berlin am 18. Oktober 1941 nach Lodz deportiert wurde, zusammen mit seinen Vermietern, den Zuttermanns.

Vor der Deportation musste die „Vermögenserklärung“ ausgefüllt werden, die es dem Staat erleichtern sollte, den vollständigen Besitz von Juden „einzuziehen“. Nicht nur Finanzvermögen sollte in das Formular eingetragen werden, sondern alles, bis zu jedem einzelnen Löffel oder Taschentuch. Daran hielten sich allerdings viele nicht. Die meisten Juden hatten ohnehin schon den größten Teil ihres Besitzes verloren oder konnten nicht mehr frei darüber verfügen. Fritz Hirschfeldt hingegen nannte noch einiges sein eigen, das in den meisten Erklärungen gar nicht mehr vorkommt, z. B. einen Fotoapparat, eine Wanduhr, ein Fahrrad, einen Schreibtisch, ein Smokinghemd, 8 Krawatten und etliches mehr. Bei den meisten Sachen steht dahinter „fehlt“ – d.h., dass noch bevor der Gerichtsvollzieher den Zugriff hatte, schon andere vieles hatten mitgehen lassen. Die Versteigerung der noch vorhandenen Gegenstände erbrachte 239,15 RM, die Ersteigerer werden mit Namen und Adresse aufgeführt. So ging etwa ein Ledermantel für 15 RM an jemanden in der Nettelbeckstraße, 25 Bücher für zusammen 1,- RM an einen Herrn Müller in der Böhmstraße.

Fritz Hirschfeldt hatte noch 1941 als Zahntechniker gearbeitet, zuletzt für 30.- RM Wochenlohn im Zahntechnischen Labor von Hermann Kuhlmann. Nachdem er am 16. Oktober in der als Sammelstelle missbrauchten Synagoge in der Levetzowstraße interniert wurde, überwies das Labor noch einen Restlohn von 22.94 RM, den das Deutsche Reich sich ebenfalls einverleibte.

Am 18. Oktober 1941 mussten die zu Deportierenden bei strömendem Regen von der Levetzowstraße durch die ganze Stadt bis zum Bahnhof Grunewald laufen, nur Schwache und Kinder wurden auf offenen Lastwagen dorthin transportiert. Der Deportationszug nach Lodz ging von Gleis 17 ab. Heute ist dort eine Gedenkstätte.

Das hoffnungslos überfüllte Ghetto Lodz war bereits 1940 durch die deutschen Besatzer von der polnischen Industriestadt Lodz – von den Nationalsozialisten Litzmannstadt genannt – abgetrennt und mit Stacheldraht umzäunt worden. Etwa 160000 Juden aus Lodz wurden in die äußerst ärmlichen Häuser gepfercht. Ab Oktober 1941 kamen weitere 20000 Juden aus dem „Altreich“ dazu. Fritz Hirschfeldt wurde im Talweg 12/13 „eingesiedelt“, so die Amtssprache. Hier wie anderswo im Ghetto waren die Lebensbedingungen katastrophal. Keine Heizung, keine Toiletten, keine Betten, weitgehend mussten die Menschen auf Strohsäcken oder dem nackten Boden in Massenunterkünften schlafen, die Ernährung war völlig unzureichend. Hunger, Kälte, Erschöpfung und Krankheiten rafften viele Leute dahin. Für arbeitsfähig Gehaltene – wie der 39jährige Fritz – mussten Zwangsarbeit v.a. in Munitionsfabriken und Uniformschneidereien leisten.

Fritz Hirschfeldt konnte trotz der verschärften Lebensumstände den Winter überleben. Lona und Edith Berlow versuchten ohne Erfolg, ihn im Ghetto zu besuchen, konnten ihm aber noch etwas Geld schicken. Am 8. Mai 1942 jedoch verschleppte man ihn weiter in das Vernichtungslager Kulmhof. Dort wurde er, wie alle mit ihm Deportierten, bei Ankunft in „Speziallastwagen“ mit Auspuffgasen ermordet.

Fritz Hirschfeldts Mutter Flora geb. Klein wurde am 2. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Schon am 29. September wurde sie in das Vernichtungslager Treblinka verbracht und dort ermordet. Für sie liegt ein Stolperstein vor der Ettaler Straße 10. Als Flora dort wohnte, war dies die Passauer Straße 18. (www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.179267.php )

Kurt Hirschfeldt, Fritzens Halbbruder, der Orthopäde in Königsberg gewesen war, hatte dort seine Praxis aufgeben müssen und war 1936 nach Berlin gegangen. Dort hatte er sich in Lonas Schwester Edith verliebt, konnte sie jedoch nicht heiraten, da sie Nichtjüdin war. Er durfte nur noch als „Krankenbehandler“ ausschließlich für Juden praktizieren. Er und Edith Barlow waren im Widerstand aktiv, in der Gruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbruch“ von Werner Scharff. Kurz vor Kurts vorgesehener Deportation tauchte er unter und konnte dank Helfern, unter ihnen Ediths Schwager Hans Söhnker, bis Kriegsende überleben. Edith und Kurt heirateten 1945 und wanderten drei Jahre später in die USA aus. Lona folgte 1957. Kurt starb 1971 in New York. Edith Hirschfeld-Berlow wurde 1993 als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. 2018 wurde diese Auszeichnung auch postum an Hans Söhnker und Heinz Gützlaff, einen weiteren „Helfer“, verliehen. An Edith Berlow erinnert eine Berliner Gedenktafel an dem Haus Menzelstraße 9.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Adressbücher Danzig; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Aktives Museum Rundbrief 77 Juli 2017; Rebecca Schwoch, Jüdische Ärzte als Krankenbehandler: in Berlin zwischen 1938 und 1945, 2017; www.statistik-des-holocaust.de/list_ger.html

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Link zu: Stolperstein Frieda Loewy
Stolperstein Frieda Loewy
Bild: Bezirksamt CW, B.Plewa

HIER WOHNTE
FRIEDA LOEWY
GEB. HINZELMANN
JG. 1889
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
2.6.1942

Frieda Loewy kam als Frieda Hinzelmann am 16. Juni 1889 in Köslin in Westpommern, heute Koszalin, auf die Welt. Die Eltern waren der Kaufmann Leopold Hinzelmann und seine Frau Fanny, geb. Strelitz. Leopold Hinzelmann betrieb ein „Kaufhaus für Herren- und Damenmoden“ in der Bergstraße 8-10. Frieda hatte eine ältere und eine jüngere Schwester. Gertrud wurde 1883 und Margot 1891 geboren. Ob sie weitere Geschwister hatten, ist nicht dokumentiert. Nachdem Gertrud 1907 den Dr. phil. Max Leopold aus Königsberg geehelicht hatte, heiratete Frieda am 20. Oktober 1910 in Köslin den 19 Jahre älteren Kaufmann Julius Loewy, ebenfalls aus Königsberg. Margot heiratete 1921 den Regierungsbaumeister Oskar Neubauer aus Berlin.

So wie wir kaum etwas über Friedas Kindheit und Jugend in Köslin wissen, konnten wir auch nichts über ihr Leben als verheiratete Frau erfahren. Vermutlich lebte sie zunächst mit ihrem Mann in Königsberg, das Adressbuch von Königsberg nennt einen J. Löwy, Handelsmann, in der Schönberger Gasse 7. Ob dies Julius Loewy war, bleibt unklar, ungewiss ist auch, wann Frieda nach Berlin kam. Im Berliner Adressbuch sind mehrere „Julius Loewy, Kaufmann“ verzeichnet, einer von ihnen, von 1931 bis 1934 in der Karlsruher Straße 14 wohnhaft, könnte Friedas Mann gewesen sein, sicher ist das nicht. Sie könnte auch allein nach Berlin gekommen sein, vielleicht nachdem Julius in Königsberg gestorben war.

Frieda Loewy ist im Adressbuch nicht eingetragen. Ihre Spur findet sich erst 1939, als in der Volkszählung vom Mai dieses Jahres Juden auf getrennten „Ergänzungskarten“ erfasst wurden. Darauf mussten sie angeben, wie viele ihrer vier Großeltern Juden waren. Anders als in den Adressbüchern wurden bei der Volkszählung nicht nur die Haushaltsvorstände sondern alle Bewohner registriert. Frieda wohnte zur Untermiete bei Else Noah in der Giesebrechtstraße 11.

Im Mai 1941 wurde Friedas Vermieterin Else Noah genötigt, ihre Wohnung aufzugeben und in beengtere Verhältnisse in die Bamberger Straße zu ziehen. Sehr wahrscheinlich musste auch Frieda zu diesem Zeitpunkt ausziehen, denn es ging den NS-Behörden ja darum, für Nichtjuden Wohnungen frei zu machen. Frieda Loewys letzte bekannte Adresse war die Sybelstraße 54. Auf die Zwangsumsetzungen folgten ab Oktober 1941 die Deportationen von Juden. Frieda musste erleben, wie ihr Schwager Oskar Neubauer, genannt Denny, im August 1941 in Sachsenhausen inhaftiert wurde und am 29. Oktober die ganze Familie, Denny, seine Frau Margot – Friedas Schwester – und deren gemeinsamer Sohn Joachim Heinz nach Lodz verschleppt wurden. Frieda Loewy beschloss, sich einem ähnlichem Schicksal zu entziehen und noch ein letztes Mal selbst über sich zu bestimmen. Am 2. Juni 1942 nahm sie sich das Leben. Sie wurde am 12. Juni auf dem jüdischen Friedhof Weissensee beigesetzt.

Denny Neubauer starb im Ghetto Lodz an den dortigen unmenschlichen Lebensbedingungen am 8. April 1942, Margot überlebte ihn nur bis zum 19. April. Der 15-jährige Joachim Heinz wurde am 4. Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof weiterdeportiert und dort ermordet. Das Schicksal der älteren Schwester, Gertrud Leopold, geb. Hinzelmann, konnte nicht geklärt werden. Da sie in keinem Gedenkbuch aufgeführt wird, ist zu hoffen, dass sie den NS-Schergen entkommen konnte.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Adressbuch Köslin; Adressbuch Königsberg; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Statistik des Holocaust

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf