Stolpersteine Giesebrechtstraße 13

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Hauseingang Giesebrechtstr. 13
Bild: BA CW, Plewa

Die Stolpersteine für Heinrich und Rosa Michelsohn, Julia Ehrlich und Ida Ingeborg Meinhardt wurden von Jutta von Falkenhausen gespendet und am 22.9.2010 verlegt.

Der Stolperstein für Adolf Marx wurde von David Sacks und Stefan Lukschy gespendet und am 8.5.2011 verlegt.

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Stolperstein für Heinrich Michelsohn
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
HEINRICH
MICHELSOHN
JG. 1878
DEPORTIERT 14.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

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Stolperstein für Rosa Michelsohn
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
ROSA
MICHELSOHN
GEB. SÜSSMANN
JG. 1874
DEPORTIERT 14.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

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Stolperstein für Julia Ehrlich
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
JULIA EHRLICH
JG. 1871
DEPORTIERT 13.1.1942
RIGA
ERMORDET

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Stolperstein für Ida Ingeborg Meinhardt
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
IDA INGEBORG
MEINHARDT
JG. 1893
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET NOV. 1942

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Stolperstein für Adolf Marx
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
ADOLF MARX
JG. 1893
FLUCHT 1939
FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 31.8.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Adolf Marx wurde am 18. November 1893 in Mannheim geboren als jüngster Sohn des Seidenhändlers Julius Marx und seiner Frau Ricka, geborene Silbermann. Er hatte zwei Geschwister, Olga Fanny und Martin. Adolf besuchte das Realgymnasium in Mannheim und ging dann in die Lehre bei Vocke & Cie in Lyon, ein Geschäftspartner seines Vaters, und anschließend in die Fabrik seines Onkels Charles Marx in Manchester. 1914 zogen Martin und Adolf in den Krieg, Martin fiel 1916 an der Somme. Adolf kehrte 1918 als Unteroffizier nach Mannheim zurück. Bald darauf ging er nach Berlin, wo er mit seinem Schwager Leo Fraenkel den auf Samt spezialisierten Textilhandel seines Vaters betrieb. Julius Marx hatte die Firma Julius Marx jr. Velvet en gros 1916 in Mannheim gegründet und 1922 nach Berlin verlegt.

Bildvergrößerung: Heiratsurkunde Adolf Marx
Heiratsurkunde Adolf Marx
Bild: Landesarchiv

In Berlin heiratete er am 24. Dezember 1920 die Belgierin Marcelle Hellendall, die offenbar zur Untermiete in der Giesebrechtstraße 13 wohnte, Adolfs Adresse lautete Westfälische Straße 27. Entgegen den zum Zeitpunkt der Verlegung des Stolpersteins vorhandenen Informationen, hat Adolf Marx wohl selber nicht in der Giesebrechtstraße gewohnt. Nach der Heirat zog das Paar nach Steglitz, in die Bismarckstraße 71. Dort wurde nach genau einem Jahr, am 24. Dezember 1921, die Tochter Mary Senta geboren. Ab 1924 verzeichnet das Adressbuch Adolf Marx in der Geisbergstraße 11, in dem Teil der Straße, der damals – und bis 1938 – zu Charlottenburg gehörte. Die Geschäftsräume der Firma Julius Marx jr. befanden sich in der Breiten, dann in der Markgrafen-, zuletzt in der Kommandantenstraße. 1927 schied Leo Fraenkel aus dem Geschäft aus, Adolf leitete es noch ein paar Jahre allein. In der Wirtschaftskrise 1929 kam es dann aber in Schwierigkeiten und Adolf Marx musste einen Liquidator bevollmächtigen. Im Januar 1931 war die Firma gelöscht.

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Adolf Marx
Bild: privat

Adolf Marx war weiter als Vertreter von Seidenhäusern tätig und verdiente nach Aussage seiner Witwe bis 1932 gut. Ab 1933 hatte das Geschäft aber unter dem nunmehr offiziellen Antisemitismus zu leiden und die Familie beschloss auszuwandern. Über Verwandte in den USA erhielt Marcelle eine Bürgschaft für sich und ihre Tochter und reiste im Januar 1936 aus, Adolf sollte nachkommen. Offenbar hatte er aber Schwierigkeiten bekommen, denn, so Marcelle, im Juli 1937 verließ er fluchtartig Berlin, da er gewarnt worden war, er solle verhaftet werden. Vielleicht hatte auch er wie viele Andere versucht, Geld für seine Flucht im Ausland sicherzustellen und wurde wegen „Devisenvergehen“ verfolgt – ein „Vergehen“, das NS-Behörden häufig als Anlass nahmen um gegen Juden vorzugehen.

Es ist nicht klar, wo er untertauchte, im November 1938 soll er jedenfalls „zu Besuch“ bei seiner seit 1935 verwitweten Mutter in Mannheim gewesen sein und wurde dort anlässlich der Pogromnacht vom 9. November festgenommen und in Dachau inhaftiert. Vermutlich aufgrund seines im Krieg erworbenen Eisernen Kreuzes wurde er am 20. Dezember 1938 wieder entlassen. Nun war er erst recht entschlossen Deutschland zu verlassen und ging „über die grüne Grenze“ nach Nizza. Marcelle erhielt eine Anfang Mai 1939 datierte Karte aus San Remo.

Es gelang ihm nicht, in Frankreich auf eines der Flüchtlingsschiffe zu kommen. Laut Marcelle wurde er nach Kriegsausbruch – vermutlich als „feindlicher Ausländer“ nach Mai 1940 – im Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen interniert, dann aber wieder nach Nizza entlassen. Dokumente belegen, dass er vom 26. Oktober 1940 bis 23. Oktober 1941 erneut in Gurs war. Von dort wurde er in ein weiteres Lager, Camp de Septfonds, verschleppt, wie ein Rabbiner aus Limoges Marcelle im April 1942 schrieb.

In Gurs kam Adolf Marx vielleicht noch einmal mit seiner Mutter zusammen, obschon dort die Frauen- und Männerbaracken voneinander durch Stacheldraht getrennt waren. Ricka Marx wurde im Rahmen der sogenannten „Wagner-Bürkel-Aktion“ – nach zwei besonders „eifrigen“ Gauleitern benannt – am 22. Oktober 1940 von Mannheim aus in einer vier Tage andauernden Fahrt in das Lager Gurs deportiert. Über 6.500 Juden aus Südwestdeutschland mussten innerhalb von höchstens 2 Stunden „reisebereit“ sein und wurden in 9 Zügen nach Frankreich verschleppt. Diese Aktion gilt als der Beginn der planmäßigen Deportationen von Juden aus Deutschland. Eine „Abschiebung“ in den nicht besetzten Teil Frankreichs war auf dem Hintergrund des Waffenstillstandabkommens vom 22. Juni 1940 möglich. Dieses sah allerdings nur vor, dass französische Juden aus Elsass und Lothringen in das unbesetzte Frankreich verbracht werden sollten. Durch Falschinformierung der französischen Behörden gelangten auch die sechseinhalb Tausend deutsche Juden in die unbesetzte Zone. Eine nachträgliche Protestnote der Vichy-Regierung (die nie abschließend beantwortet wurde) änderte auch nichts an der Inhaftierung der Opfer unter unsäglich schlechten Bedingungen in Gurs. Ricka Marx überlebte Schlamm, Hunger und Krankheit nicht, sie kam durch diese Umstände am 23. Oktober 1941 ums Leben – genau der Tag, an dem ihr Sohn Adolf in ein anderes Lager verbracht wurde. Er war für eine „GTE“, eine Gruppe ausländischer Zwangsarbeiter, vorgesehen, die wahrscheinlich in dem von dem Rabbiner aus Limoges erwähnten Lager von Septfonds interniert war.

Schließlich fand sich die Vichy-Regierung auch bereit, alle „staatenlosen“ Juden an Deutschland auszuliefern. Da nach der Verordnung vom 25.11.41 „ein Jude, der seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland“ habe, nicht deutscher Staatsangehöriger sein könne, kam auch Adolf Marx etwa Mitte 1942 in das Lager Drancy, von wo er am 31. August 1942 mit dem Zug Nr. „Da 901/21“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Adolf Marx’ Todesdatum ist nicht bekannt.

Recherche und Text: Micaela Haas

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Landesarchiv Berlin; Berliner Adressbücher; Serge und Beate Klarsfeld, Le mémorial de la déportation des Juifs de France, Paris 1978; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; www.geni.com