Inhaltsspalte

Stolpersteine Giesebrechtstraße 13

Link zu: Hauseingang Giesebrechtstr. 13
Hauseingang Giesebrechtstr. 13
Bild: BA CW, Plewa

Die Stolpersteine für Heinrich und Rosa Michelsohn, Julia Ehrlich und Ida Ingeborg Meinhardt wurden von Jutta von Falkenhausen gespendet und am 22.9.2010 verlegt.

Der Stolperstein für Adolf Marx wurde von David Sacks und Stefan Lukschy gespendet und am 8.5.2011 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Heinrich Michelsohn
Stolperstein für Heinrich Michelsohn
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
HEINRICH
MICHELSOHN
JG. 1878
DEPORTIERT 14.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Heinrich Michelsohn wurde am 25. April 1878 in Krone a. d. Brahe, Posen (heute poln. Koronowo) geboren. Er war ein Sohn des Fabrikanten Jonathan Michelsohn und dessen Frau Lina geb. Lehmann. Über sein Elternhaus wissen wir leider nicht viel mehr, weder ob Heinrich noch Geschwister hatte und auch nicht, in welcher Branche sein Vater tätig war. Heinrich machte eine kaufmännische Ausbildung und möglicherweise auch eine Lehre als Bautischler. Als er im Juni 1904 Rosa Süßmann in Berlin heiratete, war seine Mutter bereits verstorben, der Vater lebte weiterhin in Krone an der Brahe. Wann Heinrich in die Hauptstadt kam, bleibt unklar. 1904 wohnte er in der Königsstraße 56, offenbar zur Untermiete, da er im Adressbuch nicht verzeichnet ist. Nach der Heirat bezog er mit Rosa sehr wahrscheinlich eine eigene Wohnung: Das Adressbuch 1905 führt einen Heinrich Michelsohn an, Tischlermeister, und Mitinhaber der „Bautischlerei mit elektrischem Betrieb“ A. Paul H. Neumann & Co in der Chausseestr 67, er selbst wohnhaft in der Prinzenstraße 42. Da Heinrich Michelsohn auch später als Tiefbauunternehmer tätig war, ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich hier um ihn handelt.

Link zu: Stolperstein für Rosa Michelsohn
Stolperstein für Rosa Michelsohn
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
ROSA
MICHELSOHN
GEB. SÜSSMANN
JG. 1874
DEPORTIERT 14.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Rosa Süßmann kam am 12. April 1874 in Breslau als Tochter des kaufmännischen Agenten Gumpert (Gustav) Süßmann und seiner Frau Friederike geb. Fröhlich auf die Welt. 1904 wohnte die Familie Süßmann nicht mehr in Breslau sondern bereits in Berlin, in der Raupachstraße 12. Neun Monate nach der Hochzeit, am 31. März 1905, brachte Rosa ihre Tochter Lisbeth zur Welt. Kurz darauf zogen Michelsohns in die Chausseestraße, in die Nähe des Betriebes, zunächst in die Nr. 94, nach dem Ersten Weltkrieg in die Nr. 111/112. Noch vor dem Krieg scheint die Bautischlerei nicht mehr bestanden zu haben, Heinrich Michelsohn ist nun als Vertreter der Firma Schall Secura u Co f. Straßen u Tiefbau eingetragen. Neun Jahre nach dem ersten Kind gebar Rosa am 16. Februar 1914 einen Sohn, Günther Ernst.

Heinrich Michelsohn war Mitglied in dem Freimaurerorden der „Odd Fellows“, Berolina Loge Nr. 15. Es handelt sich – er existiert heute noch – um einen philanthropischen, weltlichen Orden, in dem man unabhängig von der Religionszugehörigkeit eintreten konnte. In einem Mitgliederverzeichnis von 1920 wird Heinrich Michelsohn als Tiefbauunternehmer bezeichnet. Um 1928 kaufte er zusammen mit Hermann Korytowski eine Kiesgrube, wahrscheinlich die Kiesgrube „Ceres“ in Petersdorf bei Fürstenwalde, bei der er bis in die 30er Jahre Geschäftsführer war. Um 1933 – laut Adressbuch – bezog die Familie eine sechs-Zimmer-Wohnung in der Giesebrechtstraße 13. Folgt man Tochter Lisbeth, war Heinrich Michelsohn schon vorher an der Grund-Erwerbsgesellschaft beteiligt, der das Haus gehörte, und somit Miteigentümer.

Heinrich Michelsohn verdiente sehr gut und laut mehreren Zeugen pflegten er und seine Familie einen gediegenen Lebensstil, mit Dienstpersonal, Auto und wertvollen Möbeln. Als Kapitalanlage erstand Heinrich nicht nur erlesenen Schmuck, sondern auch ungefasste Brillanten. Rosa spielte auf dem eigenen Flügel, ihre Tochter berichtet, sie sei eine ausgebildete Pianistin gewesen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet jedoch für Michelsohns das alles ins Wanken. Das Haus Giesebrechtstraße 13 wurde 1934 zwangsversteigert, die Kiesgrubenfirma wurde wenige Jahre darauf „arisiert“. Wie alle Juden bekamen Heinrich und Rosa zunehmend den staatlich sanktionierten Antisemitismus im Alltag zu spüren. Am schmerzlichsten sicherlich war aber, dass am 15. Februar 1935, einen Tag vor seinem 21. Geburtstag, ihr Sohn Günther im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus starb, „auch er ein Opfer Hitlers“, wie seine Schwester später schrieb – ohne dass die genaueren Umstände bekannt wären. Lisbeth selbst wanderte noch im gleichen Jahr im November nach Palästina aus.

Heinrich und Rosa blieben in der Giesebrechtstraße. Zwar konnte Rosa ihre Tochter 1936/37 in Tel Aviv besuchen, sie kehrte jedoch nach Berlin zurück. Hier verschärfte sich die Lage für Juden zunehmend, besonders stark nach den Pogromen im November 1938. Heinrich fand eine Beschäftigung bei der Jüdischen Gemeinde, musste aber auch eine monatliche Unterstützung von 150.- RM durch einen Bruder annehmen (es bleibt unklar, ob es ein leiblicher Bruder oder ein Logenbruder war). In ihre große Wohnung wurden ihnen jüdische Untermieter eingewiesen, Ida Ingeborg Meinhardt und Julia Ehrlich. 1940 wurden Michelsohns gezwungen, ihre Wohnung ganz aufzugeben und selber in eine 2-Zimmer-Wohnung in der Prager Straße 23 zu ziehen. Ihre Möbel mussten sie größtenteils weit unter Preis „verschleudern“. Schmuck und Wertsachen – natürlich auch die Brillianten – hatten sie in der Pfandleihanstalt in der Jägerstraße abzugeben.

In der Prager Straße wurden Heinrich und Rosa Michelsohn Mitte Dezember 1942 von der Gestapo abgeholt und in das Sammellager im umfunktionierten jüdischen Altersheim in der Großen Hamburger Straße 26 gebracht. Am 14. Dezember 1942 deportierte man sie mit 813 weiteren Leidensgenossen nach Auschwitz. Dort wurden sie ermordet.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Recherchen/Text: Micaela Haas

Link zu: Stolperstein für Julia Ehrlich
Stolperstein für Julia Ehrlich
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
JULIA EHRLICH
JG. 1871
DEPORTIERT 13.1.1942
RIGA
ERMORDET

Julia Ehrlich wurde am 17. September 1871 in Berlin geboren. Ihr Vater war der Rabbi Adolf Abraham Ehrlich, die Mutter Nanni geb. Jacobi. Adolf Ehrlich stammte aus Lettland, er wuchs auf in Mitau (Jelgava) in einer Familie, die das orthodoxe Judentum mit der modernen Alltagswelt zu verbinden trachtete, und es ist anzunehmen, dass er seine Kinder auch in dieser „Derech Eretz“ genannten Richtung aufzog. Nachdem er in Mitau Schule und Talmudausbildung absolviert hatte, zog Adolf Ehrlich 1861 nach Berlin, besuchte dort das Gymnasium und die Universität. Er promovierte 1868 in Halle und lebte dann wieder in Berlin, wo 1871 seine Tochter Julia zur Welt kam. Julia hatte fünf jüngere Geschwister, Rosa, Alma, Hedwig, Arthur und Bianka, und einen weiteren Bruder, Hugo, dessen Geburtsjahr nicht zu ermitteln war. Als Julia noch ein Kleinkind war, zog die Familie vorübergehend nach Riga, wo Schwester Rosa 1873 geboren wurde.
Adolf Ehrlich war dort zum Oberrabbiner gewählt worden. Offenbar war aber noch eine Bestätigung von höherer Stelle notwendig, und die wurde nicht erteilt. Daher kehrte er nach Berlin zurück, wo 1874 Alma auf die Welt kam. In diesem Jahr findet sich erstmals ein Eintrag im Adressbuch: Ehrlich, A. Dr. Phil., Direktor einer Knaben-Erziehungsanstalt und eines Halbpensionats für Knaben und Mädchen, Alexanderstraße 9. 1876, als Julias Schwester Hedwig geboren wurde, wohnte die Familie in der Linkstraße 23, in der sich auch wieder die Knabenerziehungsanstalt und das Halbpensionat befanden. Dann wurde Adolf Ehrlich zum Leiter der Jüdischen Schule in Riga ernannt, 1878 – Julia war noch nicht ganz 7 Jahre alt – sah dort Sohn Arthur das Licht der Welt, drei Jahre später, Bianka.

Um die Jahrhundertwende zog Adolf Ehrlich nach Tilsit, um dort ein Rabbinat zu übernehmen. Auch die Söhne Hugo und Arthur, beide inzwischen Rechtsanwälte, lebten zu der Zeit in Tilsit. Es ist nicht klar, ob die mittlerweile knapp dreißigjährige Julia gleich mit nach Tilsit übersiedelte. Sie hatte eine Lehrerinnenausbildung gemacht, und war möglicherweise anderswo eingesetzt. Sicher ist, dass sie in späteren Jahren in Tilsit lebte: In einem Adressbuch von 1933 finden wir sie als Lehrerin eingetragen, wohnhaft in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27. Auch Hugo und Arthur waren noch in Tilsit, Vater Adolf war 1913 gestorben. Arthur war zum Regierungsbauinspektor avanciert. Wenn Julia eine verbeamtete Anstellung hatte, verlor sie sie kurz nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten: Am 7. April 1933 erließen sie das Gesetz „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, nach dem mit wenigen Ausnahmen alle „nicht arischen“ Beamte in den Ruhestand versetzt werden sollten. Vielleicht war dies der Grund, warum Julia in den 30er Jahren nach Berlin zog. Dort wohnte sie in der Giesebrechtstraße 13 zur Untermiete bei Michelsohn. 1939, bei der Volkszählung im Mai, in der Juden in einer eigenen Ergänzungskartei registriert wurden, erfasste man sie in der Giesebrechtstraße. Allerdings wurde sie bald darauf genötigt umzuziehen, in sicherlich beengtere Verhältnisse zur Untermiete bei Anna Rosenow in der Niebuhrstraße 77. Dort erhielt Julia, die sich als Privatlehrerin durchschlug, im Dezember 1941 das Formular zur „Vermögenserklärung“ – der Vorbote zur Deportation. Julia Ehrlich füllte es gewissenhaft aus. Die sehr detaillierten Angaben zu ihrer Habe – z.B. 4 Koffer, 3 Brillen, 10 Taschentücher, 55 Bücher, 5 Lexika, 1 Pelz, 9 Paar Strümpfe und vieles mehr, inklusive ihres Restvermögens bei der Sparkasse Tilsit – lässt ahnen, dass sie einst gutsituiert gewesen sein muss. Das Inventar des Gerichtsvollziehers nach ihrer Deportation enthält aber eine nur spärliche Auflistung: 1 Koffer enthaltend Kleider und Wäsche, stark gebraucht, 1 eiserne Kassette, leer, Gesamtwert 8 RM. Alles andere scheint – von wem auch immer – geplündert worden sein.

Im Januar 1942 wurde Julia von der Gestapo abgeholt und in die zum Sammellager umfunktionierte Synagoge in der Levetzowstraße 7/8 gebracht. Anschließend musste sie mit weiteren rund Tausend Leidensgenossen am 13. Januar 1942 zu Fuß bis zum Bahnhof Grunewald laufen, von wo aus sie nach Riga – die Stadt ihrer Kindheit, welch bittere Schicksalswendung! – deportiert wurden. Von der Stadt sah sie jedoch nichts mehr, alle Deportierten wurden direkt in das Ghetto verbracht.
Das Ghetto Riga war von den Deutschen nach der Einnahme der Stadt im Juli 1941 eingerichtet worden. Fast 30000 lettische Juden waren dort auf engstem Raum und unter erbärmlichen Bedingungen eingepfercht. Ende November und Anfang Dezember des Jahres ließ die SS über 90% von ihnen ermorden – um Platz für die zu deportierenden „Reichsjuden“ zu schaffen. Die Menschen in dem ersten Zug aus Berlin, der am 30. November 1941 ankam, wurden alle ebenfalls sofort erschossen, eine „Eigenmächtigkeit“ des SS-Führers Friedrich Jeckeln, die ihm eine Rüge von Himmler einbrachte. Himmler hatte dieses Schicksal nur „Arbeitsunfähigen“ zugedacht. Julia war als „arbeitsfähig“ eingestuft worden. Ihr Zug erreichte Riga am 16. Januar 1942. Wir wissen nicht, ob sie dort überhaupt lebend ankam, denn viele Insassen erfroren bereits auf der Fahrt. Zahlreiche andere wurden bei Ankunft erschossen. Wenn sie nicht zu den sofort Ermordeten gehört haben sollte, erwarteten sie äußerst harte Lebensbedingungen: Zu sechst hatten sie sich 2 Zimmer zu teilen, überall sah man noch Spuren der Massenermordung der lettischen Juden, Ernährung und Hygiene waren katastrophal, im Winter gab es kein Wasser, da die Rohre eingefroren waren. Zudem wurden die Insassen zu harter Zwangsarbeit herangezogen. Nur 15 Deportierte dieses Zuges überlebten, Julia Ehrlich war nicht unter ihnen. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Julias Schwestern Alma, Hedwig und wahrscheinlich auch Rosa wurden ebenfalls Opfer der Shoa. Alma, verheiratete Wilk, wurde von Tilsit aus am 25. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 10. Januar 1943 den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlag. Hedwig, verheiratete Hausen, verschleppte man am 19. Februar 1943 nach Auschwitz. Sie kam nicht zurück.
Rosa war mit ihrem Cousin Ivan Hans Jacobi verheiratet, ein Wirtschaftsjurist und zionistischer Aktivist, und lebte mit ihm in Zagreb. Ivan starb 1941 nach Verfolgung durch kroatische Faschisten, Rosa soll 1942 „in einem Konzentrationslager“ umgekommen sein, sie ist allerdings in keinem Gedenkbuch verzeichnet.
Von Bianka wissen wir nur, dass sie 1933 in zweiter Ehe Moritz Silberblatt heiratete und mit ihm in der Trautenaustraße lebte. Sie ist aber vermutlich vor 1939 gestorben, da sie nicht bei der Volkszählung mit registriert wurde. Moritz Silberblatt wurde nach Theresienstatt deportiert und traf dort auf seine Schwägerin Alma Wilk. Er starb im Ghetto im Februar 1943, für ihn liegt ein Stolperstein vor der Trautenaustraße 18.
Hugos Schicksal bleibt ungeklärt. Er betrieb in Tilsit eine Anwaltskanzlei zusammen mit seinem Bruder Arthur und seinem Schwager Leo Wilk. Noch 1933 ist er im Adressbuch Tilsit aufgeführt, dann verliert sich seine Spur. Arthur hingegen konnte mit seiner Frau Elise knapp vor Kriegsausbruch nach Palästina flüchten. Sie sind die Eltern des in Israel bekannten Komponisten Abel Ehrlich.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Adressbücher Riga; Adressbücher Tilsit; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Landesarchiv Berlin; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
Recherchen/Text: Micaela Haas

Link zu: Stolperstein für Ida Ingeborg Meinhardt
Stolperstein für Ida Ingeborg Meinhardt
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
IDA INGEBORG
MEINHARDT
JG. 1893
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET NOV. 1942

Am 19. Mai 1893 kam Ida Ingeborg in Schwedt/Oder zur Welt. Sie war die Tochter des Pferdehändlers Max Meinhardt und seiner Frau Dine Dorchen geb. Schulvater, genannt Toni, aus Berlin. Ida Ingeborg hatte eine Halbschwester, Ilse, aus der ersten Ehe ihres Vaters mit Ida geb. Tucholsky, eine Tante des Schriftstellers Kurt Tucholsky. Diese war 1890 gestorben, als ihre Tochter noch nicht ganz 3 Jahre alt war. Daher ist es gut möglich, dass Ilse nicht bei dem verwitweten Vater blieb, sondern bei Verwandten aufwuchs. Zwei Jahre später heiratete Max Meinhardt Dine Dorchen Schulvater.

Max Meinhardt stammte aus dem nahe gelegenen Vierraden (seit 2003 zu Schwedt eingemeindet), wo sein Großvater Gumpel Lewin sich im 19. Jahrhundert, aus Tütz (heute Tuczno) in Westpommern kommend, niederließ. In Vierraden und Schwedt gab es bedeutende jüdische Gemeinden, die eng miteinander verbunden waren.

Ida Ingeborg – in Dokumenten mal nur Ida genannt, mal nur Ingeborg – hatte zunächst ein ähnliches Schicksal wie ihre Halbschwester Ilse: Am 21. September 1895, Ida war 3 Jahre alt, starb ihre Mutter. Max Meinhardt heiratete noch einmal am 17. März 1898, die Braut war Rosa geb. Wollstein. Mit ihr hatte er einen Sohn, Fritz Aron, geboren 1899, also hatte Ida Ingeborg auch einen Halbbruder.

Die Beziehungen der Familie zu Berlin – auch Rosa kam aus der Hauptstadt – waren vermutlich eng und so wundert es nicht, dass Ida dort an der Höheren Handelsschule des Lettevereins eine Ausbildung zur Sekretärin machte. Sie blieb ledig, und konnte sich mit ihrem Beruf den Lebensunterhalt sichern. Wir wissen aber nicht, wo sie sich niederließ und wann sie nach Berlin kam. 1920 starb ihr Vater in Schwedt, Bruder Fritz verließ die Stadt nach dem Krieg, er ging zunächst nach Guben, dann nach Danzig, schließlich nach Dresden. Idas Stiefmutter Rosa folgte Fritz nach Dresden. Vielleicht war dies der Zeitpunkt, an dem auch Ida von Schwedt wegging.

In Berlin hatte Ida allerdings keine eigene Wohnung, in den Adressbüchern wird sie nicht aufgeführt. Wir finden sie erst in der „Ergänzungskartei“ zu der Volkszählung vom 17. Mai 1939, in der Juden getrennt erfasst wurden. Dort ist Ida Meinhardt als Untermieterin von Heinrich Michelson in der Giesebrechtstraße 13 registriert. Gleichzeitig war sie aber auch in der Nürnberger Straße 66 eingetragen. Da dieses Haus der Jüdischen Gemeinde Berlin gehörte, hatte sie dort vielleicht eine zweite Unterkunft. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie als Sekretärin für die Gemeinde arbeitete und in diesem Zusammenhang dort auch gezählt wurde. 1940 wurde Heinrich Michelson genötigt, seine Wohnung aufzugeben, um Wohnraum für Nichtjuden freizumachen. Es ist anzunehmen, dass auch seine Untermieterinnen, Julia Ehrlich und Ida Meinhardt gezwungen waren umzuziehen.

Juden hatten mittlerweile keine Mieterrechte mehr, und Ida wurde in ein – sicherlich kleineres – Zimmer in der Kurfürstenstraße 115, bei Paula Mühsam eingewiesen. Die Entrechtung und Demütigung von Juden, die bereits 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begonnen hatte, nahm nach den Pogromen vom November 1938 drastisch zu. Eine Flut von Verordnungen zielte auf die Ausgrenzung von Juden aus dem öffentlichen Leben: Sie durften nicht mehr in Theater, Konzerte, Kinos usw. gehen, zu bestimmten Zeiten durften sie gar nicht auf die Straße, durften nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen. Alle Wertgegenstände mussten sie abliefern, Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt. Ihre Konten wurde zu „Sicherheitskonten“ erklärt, von denen sie nur durch „Sicherungsanordnung“ festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abheben durften. Sie hatten ihrem Namen den Namen „Sara“ oder „Israel“ als Kennzeichnung hinzuzufügen, ab September 1941 mussten sie zudem den Judenstern tragen. Im Oktober 1941 begannen die Deportationen, gleichzeitig wurde die – ursprünglich erwünschte – Auswanderung von Juden verboten.

Von der Kurfürstenstraße 115 holte man Ida Meinhardt im Januar 1942 ab und brachte sie zunächst in die zum Sammellager umfunktionierte Synagoge in der Levetzowstraße 7/8. Von dort aus wurde sie am 25. Januar, wenige Tage nach ihrer ehemaligen Mitbewohnerin Julia Ehrlich, mit rund 1000 weiteren Menschen nach Riga deportiert. Die 5-tägige Fahrt fand bei klirrender Kälte in Güterwagen statt und viele Insassen überlebten sie nicht. Ob Ida Ingeborg Meinhardt schon vor Ankunft in Riga erfror, dort gleich erschossen wurde, oder noch in das Rigaer Ghetto gelangte, ist nicht ganz klar. Eine Quelle gibt als Todesdatum November 1942 an, dies könnte aber auch das Datum sein, zu dem sie später für tot erklärt wurde. Sollte sie noch so lange im Ghetto überlebt haben, so hatte sie dort katastrophale und menschenunwürdige Lebensbedingungen zu erleiden – Überfüllung, Kälte, Hunger, zahlreiche Krankheiten und mitunter auch harte Zwangsarbeit führten zum Tod der allermeisten Bewohner. Aus Idas Zug überlebten nur 13 Menschen, Ida Meinhardt gehörte nicht zu ihnen.

Idas Halbbruder Fritz, seit 1924 in Dresden, war der Kommunistischen Partei beigetreten und als Arbeiterfunktionär und später auch im Untergrund politisch tätig. Er wurde gleich 1933 verhaftet, nach 4 Monaten aber wieder freigelassen. Durch seine nichtjüdische Ehefrau geschützt, musste er später dennoch Zwangsarbeit leisten, unter anderem in der „Heilkräuter- und Teefabrik Willy Schlüter“, in der auch der Schriftsteller Viktor Klemperer arbeiten musste. Im April 1943 wurde Fritz Meinhardt wegen einer abfälligen Bemerkung zu dem Essen für Zwangsarbeiter an Hitlers Geburtstag denunziert und tags darauf verhaftet. Nach zwei Tagen im Polizeigefängnis fand er am 23. April 1943 dort den Tod – laut Einäscherungsregister durch Erhängen. In seinen Tagebüchern erwähnt Viktor Klemperer die Beisetzung der Urne am 3. Mai. Für Fritz Meinhardt liegt ein Stolperstein in Dresden, in der nach ihm benannten Straße, vor der Nr. 22.

Ilse Meinhardt hingegen, Idas Halbschwester, konnte mit ihrem Mann Robert Neumann schon früh nach Italien fliehen. Robert Neumann starb jedoch 1937 in Mailand und Ilse emigrierte über die Schweiz in die USA. Dort starb aber auch sie kurz darauf, am 14. August 1940 in Los Angeles.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Landesarchiv Berlin; Stadtmuseum Schwedt/Oder; zu Ida Tucholsky: Bettina Müller, „Viele Töchter haben sich als tüchtig erwiesen, du aber übertriffst sie alle“, Tucholsky-Gesellschaft, Rundbrief 2/2018; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; zu Fritz Meinhardt

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Link zu: Stolperstein für Adolf Marx
Stolperstein für Adolf Marx
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
ADOLF MARX
JG. 1893
FLUCHT 1939
FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 31.8.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Adolf Marx wurde am 18. November 1893 in Mannheim geboren als jüngster Sohn des Seidenhändlers Julius Marx und seiner Frau Ricka, geborene Silbermann. Er hatte zwei Geschwister, Olga Fanny und Martin. Adolf besuchte das Realgymnasium in Mannheim und ging dann in die Lehre bei Vocke & Cie in Lyon, ein Geschäftspartner seines Vaters, und anschließend in die Fabrik seines Onkels Charles Marx in Manchester. 1914 zogen Martin und Adolf in den Krieg, Martin fiel 1916 an der Somme. Adolf kehrte 1918 als Unteroffizier nach Mannheim zurück. Bald darauf ging er nach Berlin, wo er mit seinem Schwager Leo Fraenkel den auf Samt spezialisierten Textilhandel seines Vaters betrieb. Julius Marx hatte die Firma Julius Marx jr. Velvet en gros 1916 in Mannheim gegründet und 1922 nach Berlin verlegt.

Bildvergrößerung: Heiratsurkunde Adolf Marx
Heiratsurkunde Adolf Marx
Bild: Landesarchiv

In Berlin heiratete er am 24. Dezember 1920 die Belgierin Marcelle Hellendall, die offenbar zur Untermiete in der Giesebrechtstraße 13 wohnte, Adolfs Adresse lautete Westfälische Straße 27. Entgegen den zum Zeitpunkt der Verlegung des Stolpersteins vorhandenen Informationen, hat Adolf Marx wohl selber nicht in der Giesebrechtstraße gewohnt. Nach der Heirat zog das Paar nach Steglitz, in die Bismarckstraße 71. Dort wurde nach genau einem Jahr, am 24. Dezember 1921, die Tochter Mary Senta geboren. Ab 1924 verzeichnet das Adressbuch Adolf Marx in der Geisbergstraße 11, in dem Teil der Straße, der damals – und bis 1938 – zu Charlottenburg gehörte. Die Geschäftsräume der Firma Julius Marx jr. befanden sich in der Breiten, dann in der Markgrafen-, zuletzt in der Kommandantenstraße. 1927 schied Leo Fraenkel aus dem Geschäft aus, Adolf leitete es noch ein paar Jahre allein. In der Wirtschaftskrise 1929 kam es dann aber in Schwierigkeiten und Adolf Marx musste einen Liquidator bevollmächtigen. Im Januar 1931 war die Firma gelöscht.

Link zu: Adolf Marx
Adolf Marx
Bild: privat

Adolf Marx war weiter als Vertreter von Seidenhäusern tätig und verdiente nach Aussage seiner Witwe bis 1932 gut. Ab 1933 hatte das Geschäft aber unter dem nunmehr offiziellen Antisemitismus zu leiden und die Familie beschloss auszuwandern. Über Verwandte in den USA erhielt Marcelle eine Bürgschaft für sich und ihre Tochter und reiste im Januar 1936 aus, Adolf sollte nachkommen. Offenbar hatte er aber Schwierigkeiten bekommen, denn, so Marcelle, im Juli 1937 verließ er fluchtartig Berlin, da er gewarnt worden war, er solle verhaftet werden. Vielleicht hatte auch er wie viele Andere versucht, Geld für seine Flucht im Ausland sicherzustellen und wurde wegen „Devisenvergehen“ verfolgt – ein „Vergehen“, das NS-Behörden häufig als Anlass nahmen um gegen Juden vorzugehen.

Es ist nicht klar, wo er untertauchte, im November 1938 soll er jedenfalls „zu Besuch“ bei seiner seit 1935 verwitweten Mutter in Mannheim gewesen sein und wurde dort anlässlich der Pogromnacht vom 9. November festgenommen und in Dachau inhaftiert. Vermutlich aufgrund seines im Krieg erworbenen Eisernen Kreuzes wurde er am 20. Dezember 1938 wieder entlassen. Nun war er erst recht entschlossen Deutschland zu verlassen und ging „über die grüne Grenze“ nach Nizza. Marcelle erhielt eine Anfang Mai 1939 datierte Karte aus San Remo.

Es gelang ihm nicht, in Frankreich auf eines der Flüchtlingsschiffe zu kommen. Laut Marcelle wurde er nach Kriegsausbruch – vermutlich als „feindlicher Ausländer“ nach Mai 1940 – im Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen interniert, dann aber wieder nach Nizza entlassen. Dokumente belegen, dass er vom 26. Oktober 1940 bis 23. Oktober 1941 erneut in Gurs war. Von dort wurde er in ein weiteres Lager, Camp de Septfonds, verschleppt, wie ein Rabbiner aus Limoges Marcelle im April 1942 schrieb.

In Gurs kam Adolf Marx vielleicht noch einmal mit seiner Mutter zusammen, obschon dort die Frauen- und Männerbaracken voneinander durch Stacheldraht getrennt waren. Ricka Marx wurde im Rahmen der sogenannten „Wagner-Bürkel-Aktion“ – nach zwei besonders „eifrigen“ Gauleitern benannt – am 22. Oktober 1940 von Mannheim aus in einer vier Tage andauernden Fahrt in das Lager Gurs deportiert. Über 6.500 Juden aus Südwestdeutschland mussten innerhalb von höchstens 2 Stunden „reisebereit“ sein und wurden in 9 Zügen nach Frankreich verschleppt. Diese Aktion gilt als der Beginn der planmäßigen Deportationen von Juden aus Deutschland. Eine „Abschiebung“ in den nicht besetzten Teil Frankreichs war auf dem Hintergrund des Waffenstillstandabkommens vom 22. Juni 1940 möglich. Dieses sah allerdings nur vor, dass französische Juden aus Elsass und Lothringen in das unbesetzte Frankreich verbracht werden sollten. Durch Falschinformierung der französischen Behörden gelangten auch die sechseinhalb Tausend deutsche Juden in die unbesetzte Zone. Eine nachträgliche Protestnote der Vichy-Regierung (die nie abschließend beantwortet wurde) änderte auch nichts an der Inhaftierung der Opfer unter unsäglich schlechten Bedingungen in Gurs. Ricka Marx überlebte Schlamm, Hunger und Krankheit nicht, sie kam durch diese Umstände am 23. Oktober 1941 ums Leben – genau der Tag, an dem ihr Sohn Adolf in ein anderes Lager verbracht wurde. Er war für eine „GTE“, eine Gruppe ausländischer Zwangsarbeiter, vorgesehen, die wahrscheinlich in dem von dem Rabbiner aus Limoges erwähnten Lager von Septfonds interniert war.

Schließlich fand sich die Vichy-Regierung auch bereit, alle „staatenlosen“ Juden an Deutschland auszuliefern. Da nach der Verordnung vom 25.11.41 „ein Jude, der seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland“ habe, nicht deutscher Staatsangehöriger sein könne, kam auch Adolf Marx etwa Mitte 1942 in das Lager Drancy, von wo er am 31. August 1942 mit dem Zug Nr. „Da 901/21“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Adolf Marx’ Todesdatum ist nicht bekannt.

Recherche und Text: Micaela Haas

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Landesarchiv Berlin; Berliner Adressbücher; Serge und Beate Klarsfeld, Le mémorial de la déportation des Juifs de France, Paris 1978; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; www.geni.com