Stolpersteine Fasanenstraße 59

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Hausansicht Fasanenstr. 59
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

Die Stolpersteine zum Gedenken an Richard und Martha Schlesinger wurden auf Wunsch ihrer Enkeltochter Helga Silberberg (San Francisco) am 12.4.2010 verlegt.

Weitere Stolpersteine wurden am 22.6.2014 verlegt.

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Stolperstein Richard B. Schlesinger
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
RICHARD B.
SCHLESINGER
JG. 1872
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 29.8.1942

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Stolperstein Martha Schlesinger
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
MARTHA
SCHLESINGER
GEB. SALOMON
JG. 1872
DEPORTIERT17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET SEPT. 1942 IN
TREBLINKA

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Richard Schlesinger
Bild: Familienarchiv

Richard Schlesinger wurde am 1. Februar 1872 in Berlin geboren.
Er heiratete die am 15. Mai 1872 in Poznan (Posen) geborene Martha Salomon. Das Ehepaar bekam zwei Töchter; Käthe wurde am 11. Januar 1903 und Liselotte am 20. Juli 1910 geboren.
Richard Schlesinger hatte eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung und arbeitete als Handelsvertreter. Er vertrat die Firmen Rheinische Buntpapierfabrik in Erkrath bei Düsseldorf, Blumberg & Co in Düsseldorf und Kunze in Buchholz/Sachsen.
In der 8-Zimmerwohnung in der Köpenicker Straße 108/109 in Kreuzberg befanden sich neben den Wohnräumen der Familie auch das Büro und die Lagerräume von Richard Schlesinger. Während der zunehmenden Diskriminierung der Juden kündigte die Rheinische Buntpapierfabrik Richard Schlesinger die Generalvollmacht.

Die Tochter Liselotte erinnerte sich, dass dieses 1935 oder 1936 geschehen sein müsste. Im Berliner Adressbuch war Richard Schlesinger – Handelsvertreter unter der Adresse Köpenicker Straße 108/109 noch bis 1938 eingetragen.
Die Familie Schlesinger musste aufgrund der nun entstandenen finanziellen Einschränkungen die geräumige Wohnung in Kreuzberg verlassen und zog nach Wilmersdorf in die wesentlich kleinere Wohnung in der Fasanenstraße 59.

Tochter Liselotte hatte inzwischen Samuel Meyer geheiratet und war mit ihm und der inzwischen 6jährigen Tochter Helga 1938 oder 1939 nach Schanghai emigriert. Es gelang den Meyers, auch für die Eltern Auswanderungspapiere nach Schanghai zu beschaffen. Die Wohnung in der Fasanenstraße wurde deshalb 1940 aufgelöst. Kurz vor der geplanten Abreise erlitt Richard Schlesinger jedoch einen Schlaganfall und war- welche Tragik! – nicht mehr reise- und transportfähig. Damit waren die Pläne, die ihnen ein Überleben ermöglicht hätten, zunichte gemacht.
Richard und Martha Schlesinger mussten nun zu ihrer Tochter Käthe, deren Ehemann Egon, geboren am 16. November 1902, und der Tochter Inge, geboren am 20. Januar 1926, nach Berlin Mitte, Marseliusstraße 23 in ein möbliertes Zimmer ziehen. In seiner Vermögenserklärung gab Richard Schlesinger an, dort am 14. Dezember 1940 eingezogen zu sein.

Von der ursprünglich üppigen und wertvollen Wohnungseinrichtung in Kreuzberg waren 1940 nur noch ein paar Habseligkeiten übrig geblieben. Die Händlerfirma Karl Peest bewertete den Gesamtbesitz der Schlesingers mit 730 RM. Die letzten Wertgegenstände waren eine Briefmarkensammlung im Wert von 10000 RM und 400 RM in bar („im Schrank eingeschlossen in meiner Wohnung“, wie Richard Schlesinger in seiner Vermögenserklärung angab).

Martha und Richard wohnten bis zu ihrer Deportation am 17. August 1942 bei Familie Sommerfeld. Am 17. August 1942 wurden vom Lehrter Güterbahnhof aus 1002 ältere Menschen nach Theresienstadt deportiert. Sie wurden zuvor in einigen Altersheimen in Berlin Mitte zusammengepfercht, bevor sie auf Lkws zum Lehrter Bahnhof gebracht wurden. In Theresienstadt kamen mit diesem Transport nur noch 997 Menschen lebend an.

Richard Schlesinger wurde am 29. August 1942 im Ghetto Theresienstadt ums Leben gebracht. In seiner Todesfallanzeige wurde „Paralysis Cordis“ (Herzlähmung oder Herzschlag) als Todesursache angegeben.

Richard Schlesingers Schwiegersohn Egon Sommerfeld, dessen Frau Käthe, sowie die 17jährige Tochter Inge wurden am 26. Februar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.

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Martha Schlesinger
Bild: Familienarchiv

Martha Schlesinger, geb. Salomon wurde am 15. Mai 1872 in Poznan (Posen) geboren. Sie hatte einen Bruder namens Phillip. Martha heiratete Richard Baruch Schlesinger. Das Ehepaar bekam zwei Töchter; Käthe wurde am 11.Januar 1903 und Liselotte am 20.Juli 1910 geboren. Über eine Berufsausbildung Martha Schlesingers ist nichts bekannt, sie wird sich um den großen Haushalt und die Erziehung der beiden Töchter gekümmert haben.

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Liselotte und Käthe Schlesinger
Bild: Familienarchiv

Die Familie lebte in einer 8-Zimmerwohnung in der Kreuzberger Köpenicker Straße 108/109, in der der Vater als Handelsvertreter auch seine Büro- und Lagerräume hatte. Die Tochter Liselotte erinnerte sich noch 1962 an die Einzelheiten der Wohnungseinrichtung.
Das Schlafzimmer war aus heller Eiche, im Herrenzimmer befanden sich ein Schreibtisch mit Sessel, eine große Bibliothek, Ledersofa und Ledersessel, sowie ein großer Perserteppich. Das Esszimmer war aus Nussbaum gefertigt, der Tisch hatte sechs Einlegeplatten, zwölf dazugehörige Stühle waren mit Gobelin bezogen. Auch das Elternschlafzimmer war aus hellem Nussbaumholz. Im Büro standen ein eichener Schreibtisch, ein Schreibtisch für die Kontoristin, sowie Aktenschränke und Regale. Der große Lagerraum enthielt große Holzregeale und einen Packtisch in der Mitte.
Die hier unvollständig gehaltene Beschreibung der Wohnung verriet einen relativen Wohlstand der Familie Schlesinger, was sich jäh änderte, als Richard Schlesinger die Generalvertretung für seinen Hauptauftraggeber verlor. Die Wohnung in Kreuzberg wurde aufgelöst und die Schlesingers zogen nach Wilmersdorf in die Fasanenstraße 59.

Bildvergrößerung: verschiedene Fotos von Inge Sommerfeld
verschiedene Fotos von Inge Sommerfeld
Bild: Familienarchiv

Liselotte Schlesinger hatte Samuel Meyer geheiratet, der zunächst eine Gewürzhandlung in der Stallschreiberstraße und später ein Möbelgeschäft in der Wallstraße 34 besaß. Im Dezember 1932 war die Tochter Helga geboren worden.
Käthe Schlesinger heiratete Egon Sommerfeld, ihre gemeinsame Tochter Inge wurde am 20. Januar 1926 geboren.
Liselotte und Samuel Meyer emigrierten mit ihrer Tochter Helga im April 1939 nach Schanghai und versuchten die Eltern nachzuholen. Ein Schlaganfall Richard Schlesingers verhinderte jedoch die Ausreise. Da die Wohnung in der Fasanenstraße bereits aufgelöst war, nahmen Egon und Käthe Sommerfeld die Eltern in der Marsiliusstraße 23 in Berlin-Mitte bei sich auf. Richard und Martha wohnten dort von 1940 bis 1942 in einem möblierten Zimmer. Am 17. August 1942 wurden vom Lehrter Güterbahnhof aus 1002 ältere Menschen, darunter Martha und Richard Schlesinger, nach Theresienstadt deportiert. Sie wurden zuvor in einigen Altersheimen in Berlin-Mitte zusammengepfercht, bevor sie auf Lkws zum Lehrter Bahnhof gebracht wurden. In Theresienstadt kamen mit diesem Transport nur noch 997 Menschen lebend an.

Für Martha Schlesinger war es noch nicht die letzte Lebensstation. Sie wurde einen Monat später, am 19. September 1942, in das Vernichtungslager Treblinka gebracht, wo sie vermutlich sofort nach ihrer Ankunft ermordet wurde.
Ihre Tochter Liselotte wanderte nach achtjährigem Aufenthalt in Schanghai nach La Paz (Bolivien) aus. Samuel Meyer starb dort 1948. 1952 heiratete sie Erich Silbermann. Die Familie übersiedelte 1954 in die USA, wo sie zunächst in New York, später in San Francisco wohnten. Dort lebte ihre Tochter Helga mit ihrer Familie noch 2016. Liselotte starb im März 1989.

Käthe wurde zusammen mit ihrem Ehemann Egon Sommerfeld und der 17jährigen Tochter Inge am 26. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Text: Karin Sievert, mit Informationen von Helga Silberberg

Quellen: Entschädigungsamt Berlin, Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Berliner Adressbücher, Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945, Yad Vashem Datenbank, Statistik des Holocaust, holocaust.cz Ghetto Theresienstadt

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Stolperstein Salo Siegfried Drucker
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
SALO SIEGFRIED
DRUCKER
JG. 1885
VERHAFTET 11.6.1940
GESTAPOGEFÄNGNIS BERLIN
SACHSENHAUSEN
ERMORDET 19.7.1940

Dr. Salomon (Salo) Drucker wurde am 17.September 1885 in Lissa (Leszno) bei Posen (Poznan) geboren. Er arbeitete in Berlin als Kinderarzt, Sozialmediziner und Stadtarzt in Wedding und Frohnau. Seine Frau war Liesbeth Drucker, geb. Sachs, geboren am 6. April 1884 in Strasburg (Brodnica) in Westpreußen. Sie hatte keine Kinder, war selbst berufstätig und unterstützte die gesundheitspolitische Arbeit ihres Mannes.

Von 1922 bis 1933 war Salo Drucker als erster Stadtarzt des Bezirks Wedding tätig. Als Leiter des Gesundheitsamtes Wedding war er maßgeblich am Ausbau des Gesundheitssystem beteiligt. Unter seiner Leitung wurden das Schulgesundheitswesen, die Tuberkulosefürsorge und die Kleinkinderfürsorge ausgebaut.

Als Sozialdemokrat trat er als „gesundheitspolitischer Wanderredner“ auf. Seine umfangreichen Vorträge und Publikationen beinhalteten die Themen Krankheiten und soziale Lage sowie alle Gebiete der hygienischen Volksaufklärung. Ein besonderes Thema war der Alkoholismus in der Arbeiterschaft. In zahlreichen Publikationen behandelte Drucker den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und nicht nur Krankheiten wie „Schwindsucht“, sondern vor allem auch dem Alkoholismus. Dazu schrieb er 1928: „Jede Maßnahme zur Einschränkung des Alkoholkonsums stößt nicht nur auf erbittertsten Widerstand des materiell interessierten Alkoholkapitals, sondern auch aller bürgerlicher Parteien, die in der alkoholischen Durchfeuchtung des Proletariats eines ihrer Herrschaftsmittel erblicken.“ Seine Arbeit umfasste nicht nur die Aufklärung, sondern auch die Schaffung von alkoholfreien Jugendheimen und Volkshäusern.

Am 15. April 1933 wurde Dr. Drucker aus dem Dienst entlassen. Er versuchte in der Schweiz seiner Arbeit fortzusetzen, erhielt aber keine Genehmigung als Arzt zu arbeiten.
Da von Deutschland mit der Einstellung der Pensionszahlungen gedroht wurde, kehrte er mit seiner Ehefrau Liesbeth nach Berlin zurück. Alle Bemühungen, nach England oder in die USA auszuwandern, scheiterten.

Da er sich in seinem Haus in Frohnau nicht mehr sicher fühlte, zog er in die Wohnung Fasanenstraße 59, in der er von 1935 bis 1938 eine Kinderarztpraxis für jüdische Kinder als „Krankenbehandler“ betrieb.

Laut der „Sistiertenkladde“ der Gestapo wurde Dr. Salo Drucker im Juni 1940 in seiner Wohnung verhaftet. Als Grund für seine Verhaftung wurde Verbreitung von Gräuelpropaganda angegeben. Dabei spielte sicher auch die Tatsache, dass Salo Drucker nicht nur Jude, sondern auch aktives Mitglied der SPD war, eine Rolle. Er wurde in das Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht und nach mehreren Verhören im Polizeipräsidium am Alexanderplatz zurück in das Gestapogefängnis. Von dort wurde er ins Lager Sachsenhausen überführt. Eine Zugangsmeldung der Kommandantur des KZ Sachsenhausens ist nicht vorhanden, da fast alle Akten einschließlich der Häftlingskarteien von der SS noch vor der Befreiung des KZ vernichtet wurden. Der Häftling Emil Büge, der als Schreiber der Politischen Abteilung tätig war, notierte den 19. Juli 1940 als Zugangsdatum.

Dr. Salo Drucker starb am 19. August 1940 im KZ Sachsenhausen, wahrscheinlich an einer Lungenentzündung. Seine Ehefrau konnte gegen ein Entgelt seine Asche auslösen. Auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee wurde er beigesetzt.

Zum Gedenken an Dr. Salo Drucker wurde vom Bezirksamt Wedding zu seinem 50. Todestag 1990 eine Gedenktafel am Haus der Gesundheit in der Reinickendorfer Straße 60 b angebracht.

Quellen: Landesamt Berlin für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsbehörde; Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen; Heinz Domeinski in Meyer/Mende: Berliner jüdische Ärzte in der Weimarer Republik. Berlin 1996. S.41ff.; weitere Fundstellen im Internet.

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Stolperstein Liesbeth Drucker
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
LIESBETH DRUCKER
GEB. SACHS
JG. 1884
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941

Liesbeth Drucker, geb. Sachs wurde am 6. April 1884 in Strasburg (Brodnica) in Westpreußen geboren. Sie war die Ehefrau von Dr. Salo Drucker, die Ehe blieb kinderlos. Liesbeth Drucker war wie ihr Ehemann Mitglied der SPD und unterstütze ihn in seinem Kampf gegen den Alkoholismus in der Arbeiterschaft. Ein Ablehnungsbescheid des Entschädigungsamtes Berlin über weitere Ansprüche auf „Entschädigung wegen Schadens in beruflichem Fortkommen“ lässt vermuten, dass Liesbeth Drucker im öffentlichen Dienst tätig war.

Bei der Beisetzung ihres am 19. August 1940 in Sachsenhausen ums Leben gebrachten Ehemannes auf dem Jüdischen Friedhof in Berllin-Weißensee soll sie drei Mal „Mörder“ gerufen haben.

Am 27. November 1941 wurde Liesbeth Drucker am Bahnhof Grunewald in einen Eisenbahnzug getrieben und mit 1053 Menschen nach Riga transportiert. Dort wurde sie am 30. November 1941 in einem Wald von Rumbula wie alle Insassen, darunter 38 Kinder unter 10 Jahren, erschossen. Eine andere Angabe, sie sie nach Auschwitz deportiert worden, hat sich als nicht stichhaltig erwiesen.

Quellen: Bundesarchiv; Gottwald/Schulle: Die Judendeportationen Wiesbaden 2005; Landesamt Berlin für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsbehörde; Heinz Domeinski in Meyer/Mende: Berliner jüdische Ärzte in der Weimarer Republik. Berlin 1996. S.47 und S.77

Texte: Monika Hein

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Stolperstein Sophie Cohn
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
SOPHIE COHN
JG. 1883
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Sophie Cohn und Julius Cohn waren Geschwister. Ihre Eltern hießen Hugo und Hulda Cohn, geb. Guttentag. Sophie war die Ältere, sie wurde am 2. August 1883 in Breslau geboren. Nach der Übersiedlung nach Berlin kam sechs Jahre später, am 27. Oktober 1889, Julius Daniel auf die Welt. Die Familie wohnte damals in der Lothringer Straße 25.

Julius war verheiratet, die Ehe wurde aber zu einem nicht bekannten Zeitpunkt geschieden, Sophie hingegen blieb ledig. Bereits 1931 ist im Jüdischen Adressbuch unter der Adresse Steifensandstraße 9 ein gemeinsamer Wohnsitz der Geschwister verzeichnet.

Die räumliche Nähe wurde später gezwungenermaßen noch intensiver. Bis zu ihrer Deportation 1943 lebten beide in einem Zimmer zur Untermiete bei der jüdischen Witwe Else (Elly) Liebermann in der Fasanenstraße 59. Die Wohnung befand sich im Gartenhaus parterre. Sie zahlten für das Zimmer 35 RM Miete. Die Geschwister wohnten dort unter sehr beengten und äußerst primitiven Verhältnissen. In der Vermögenserklärung, die kurz vor der Deportation abgegeben werden musste, wurde nur ein Bettgestell, sowie ein Tisch mit zwei Stühlen, Schrank und einige wenige Wäschestücke aufgeführt.

Über berufliche und private Dinge von Sophie und Julius ist in den zugänglichen Dokumenten nichts aufgeführt. Sophie leistete in den letzten Jahren ihres Lebens Zwangsarbeit in der Britzer Chemikalienfirma Riedel – E. de Haen. Julius war als Arbeiter beim „Reichsdeutschen Blindenverband“ in der Friedenauer Rubensstraße 72 zwangsbeschäftigt.

Die Geschwister mussten sich in der Sammelstelle Große Hamburger Straße einfinden, bevor sie zusammen am 2. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt wurden, wo sie vermutlich sofort nach ihrer Ankunft ermordet wurden.

Ihre Vermieterin Elly Liebermann nahm sich angesichts der bevorstehenden Deportation am 20. Januar 1943 das Leben. Sie starb im Jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer Überdosis von Schlafmitteln. Zuvor hatte sie noch ihre Wohnung in der Fasanenstraße verlassen müssen und war zwangsweise in der Tile-Wardenberg-Straße 90 untergebracht worden. Das Zimmer von Julius und Sophie Cohn war am 24.Mai 1943, die gesamte Wohnung am 30.Mai 1943 geräumt worden.

Text und Recherche: Karin Sievert

Quellen:

  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945,
  • Berliner Adressbücher,
  • Statistik des Holocaust Deportationslisten,
  • Landesarchiv Berlin,
  • Archiv Centrum Judaicum,
  • Brandenburgisches Landes Hauptarchiv Potsdam.
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Stolperstein Julius Daniel Cohn
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
JULIUS DANIEL COHN
JG. 1889
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Henriette Grünstein
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HENRIETTE
GRÜNSTEIN
GEB. SIMON-ZILLGIT
JG 1886
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Henriette Grünstein geb. Simon wurde am 26. Mai 1886 in Hamburg geboren. Ihre Mutter war die damals 16-jährige ledige Bertha Simon. Sie heiratete ein Jahr nach Henriettes Geburt am 15. September 1867 den Lotteriekollekteur Rudolf Zillgit. Vermutlich war dieser auch Henriettes Vater, denn Henriette trug bis zu ihrer eigenen Eheschließung den Doppel-Mädchennamen Simon-Zillgit.

Am 23. Dezember 1916 heiratete Henriette den 37-jährigen Berliner Kaufmann Leo Grünstein. Dieser hatte zum Zeitpunkt der Eheschließung seinen Wohnsitz bei seinem Vater Joseph in Berlin, am Hansaufer 5.
Das Ehepaar wohnte in der Holsteinischen Straße 37. Beide waren mit ihrem Namen als Einzeleinträge im Berliner Adressbuch vertreten, Henriette auch mit dem Vornamen Henny. Neun Jahre nach der Eheschließung, am 8. November 1925, starb Leo Grünstein an den Folgen eines Autounfalls im Brandenburgischen Gransee. Seine Leiche wurde nach Berlin überführt und am 12. November auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt.

Henriette lebte bis 1934 weiter in der ehelichen Wohnung und zog 1935 in die Fasanenstraße 59. Sie wohnte dort im Gartenhaus in der 2. Etage links. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie als Kassiererin. Ab 1939 war sie als Buchhalterin im Berliner Adressbuch eingetragen. Leider sind keinerlei Unterlagen erhalten, die Genaueres über ihr Leben nach dem Tod ihres Mannes verrieten.

Henriette Grünstein wurde am 19. Oktober 1942 zusammen mit zahlreichen jüdischen Familien mit Kindern nach Riga deportiert. Insgesamt 936 Menschen traten mit diesem sogenannten 21. Osttransport die Reise in den Tod an. Drei Tage nach ihrer Deportation wurde Henriette Grünstein ermordet und vermutlich in einem Massengrab verscharrt.

Text und Recherche: Karin Sievert

Quellen:

  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945,
  • Berliner Adressbücher,
  • Statistik des Holocaust Deportationslisten,
  • Landesarchiv Berlin,
  • Archiv Centrum Judaicum.
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Stolperstein Elisabeth Lilly Plaut
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ELISABETH LILLY
PLAUT
GEB. ADLER
JG. 1874
DEPORTIERT 19.11.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 15.2.1943

Elisabeth Lilly (Lilli) Plaut, geb. Adler wurde am 1. Juli 1874 im mecklenburgischen Parchim geboren. Ihre Eltern waren Moritz und Mathilde Adler. Elisabeths Schwester hieß Martha. Sie war ein Jahr älter, mit Louis Israel verheiratet und hatte eine Tochter mit Namen Analiese. Diese lebte zur Zeit der Volkszählung im Dezember 1900 im Haus ihrer Großeltern Adler.

Elisabeth, sie wurde in allen weiteren Dokumenten Lilli genannt, lernte in Parchim den aus dem hessischen Eschwege stammenden Kaufmann und späteren Fabrikanten Alfred Plaut, geboren am 29. Mai 1867, kennen. Sie heirateten am 10. August 1899 in Parchim und zogen alsbald nach Eschwege.

Bildvergrößerung: Lotte Plaut
Lotte Plaut
Bild: Stadtarchiv Eschwege

Dort wurde am 17. Februar 1902 der Sohn Otto geboren. Zehn Tage nach der Geburt starb das Baby. Im darauf folgenden Jahr, am 11. August 1903, kam die Tochter Lotte auf die Welt. Im Eschweger Tageblatt erschien die Anzeige der stolzen Eltern:
“Die glückliche Geburt eines kräftigen Mädchen zeigen hocherfreut an Alfred Plaut u. Frau Lilli, geb. Adler.”

Alfred Plaut war Fabrikant für Kurz/Weiß/Manufakturwaren. Sein Leben fand ein dramatisches Ende. Am 26. September 1911 berichtete dasselbe Eschweger Tageblatt über den „Selbstmordversuch eines hiesigen Fabrikanten durch Erschießen am 25. September“. Es handelte sich um Alfred Plaut, der noch ins Kasseler Landeskrankenhaus eingeliefert wurde, seinen schweren Verletzungen aber erlag. Er wurde einige Tage später in Eschwege beigesetzt.

Elisabeth und ihre Tochter Lotte zogen im Mai 1931 nach Berlin. Sie wohnten gemeinsam in der Schöneberger Grunewaldstraße 50. Lotte war bereits im Herbst 1920 für vier Wochen in Berlin gewesen. Sie war in der Augsburger Straße als „Pensionärin“ gemeldet.

1937 zogen Mutter und Tochter in die Fasanenstraße 59. Sie wohnten im Gartenhaus, III. Etage rechts, in zwei Zimmern mit Küche und Bad. Die Wohnung war laut Inventarliste, die Elisabeth kurz vor ihrer Deportation erstellen musste, mit modernen und hochwertigen Möbeln eingerichtet.

Am 5. September 1942 wurde zunächst die 39-jährige Lotte nach Riga verschleppt, wo sie drei Tage später ums Leben gebracht wurde.

Nach der Deportation ihrer Tochter hatte Elisabeth Lilli Plaut noch fünf Monate zu leben. Am 11. November 1942 wurde sie nach Theresienstadt verschleppt, wo sie am 15. Februar 1943 starb. Als offizielle Todesursachen wurden „Darmkatarrh“ und „Herzmuskelentartung“ angegeben. In Wirklichkeit dürften die furchtbaren unmenschlichen Lebensbedingungen in Theresienstadt Elisabeth Plauts Tod herbeigeführt haben.

Text und Recherche: Karin Sievert

Quellen:

  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv,
  • Berliner Adressbücher,
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945,
  • Yad Vashem Opferdatenbank,
  • Stadtarchiv Eschwege,
  • Stadtarchiv Parchim,
  • Opferdatenbank KZ Theresienstadt.
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Stolperstein Simon Rawikowitsch
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
SIMON
RAWIKOWITSCH
JG. 1880
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

Simon Rawikowitsch wurde am 22. September 1880 in Kiew in der Ukraine geboren. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt siedelte er nach Berlin über. Es existieren über Simon Rawikowitsch keinerlei zugängliche Dokumente, die Aufschluss über seine familiären Verhältnisse geben könnten.

Den historischen Berliner Adressbüchern ist zu entnehmen, dass er ab 1933 als Gastwirt ein „Russisches Speisehaus“ am Nürnberger Platz 6 betrieb. 1935 und 1936 wohnte er in der Kaiserallee 17, der heutigen Bundesallee. Ab 1937 ist kein Eintrag mehr vorhanden, was darauf hindeutet, dass er als Jude seine eigene Wohnung aufgeben musste und fortan zur Untermiete in der Fasanenstraße 59 lebte. Er wohnte im rechten Seitenflügel in einer Parterrewohnung.

Am 28. März 1942 wurde Simon Rawikowitsch in das Ghetto von Piaski verschleppt. Das Ghetto war 1940 im jüdischen Stetl von Piaski errichtet worden. Im November 1942 waren dort weit über 6000 Menschen zusammengepfercht, sodass alle Männer des Ghettos, unter ihnen Simon Rawikowitsch, in das Zwangsarbeiterlager Trawniki deportiert wurden. Das Zwangsarbeiterlager war 1941 auf dem Gelände einer alten Zuckerfabrik errichtet worden. Bei der Auflösung des Lagers im Oktober 1943 wurden die rund 6000 Insassen erschossen.

Simon Rawikowitschs Todestag ist nicht bekannt.

Text und Recherche: Karin Sievert

Quellen:

  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945,
  • Berliner Adressbücher,
  • Statistik des Holocaust Deportationslisten,
  • Brandenburgisches Landes Hauptarchiv Potsdam.