HIER WOHNTE
HEDWIG LEOW
JG. 1889
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
22.10.1942
Hedwig Alice Leow wurde am 14. November 1889 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Richard Leow (*6. März 1851) und dessen Ehefrau Betty Leow geborene Meyer (*1860), war sie die jüngste Tochter von insgesamt vier Töchtern. Ihre älteste Schwester Chatharina Luise (*27. Mai 1880) war neun Jahre, Gertrud Henriette (*24. Juni 1883) sechs Jahre und Else Sophie (*30. Juni 1886) drei Jahre älter als sie.
Chatharina Luise, genannt Käthe, heiratete am 14. Dezember 1903 Simon, genannt Sim, Juda (*19. Juli 1874) Nicht einmal zwei Monate nach der Hochzeit starb Käthe am 4. Februar 1904 mit 24 Jahren an einem Herzschlag.
Else Sophie heiratete am 19. September 1908 Albert Louis Levy (*5. September 1882). Sie wurden Eltern von drei Kindern, Käthe (*20. Dezember 1909), Gerhard (*1911) und Lotte (16. Juli 1915). Sie wohnten am Nikolsburger Platz 3 (heute Trautenaustraße 6) in einer 14-Zimmer Wohnung. Albert Louis Levy war ein erfolgreicher, wohlhabender Kaufmann und betrieb in der Schöneberger Straße 25 die Firma P. Kosterlitz & Co, ein Kolonialwarenhaus engros.
Gertrud Henriette heiratete am 29. März 1910 den Rechtsanwalt Dr. Eduard Fränkel (*6. Mai 1875). Auch sie wurden Eltern von drei Kindern, Peter Eduard (*1911), Klaus Eduard (*1913) und Ottilie Katharina (*1917).
Hedwigs Vater Richard Leow starb am 15. Mai 1919 mit 66 Jahren an den Folgen eines Straßenbahnunfalls. Ihre Mutter Betty Leow wurde mit 59 Jahren Witwe. Hedwig war damals 29 Jahre alt. Sie wohnten in der Kaiserallee 206. Nur ein Jahr später, 1920, starb auch ihre Schwester Else Sophie mit 34 Jahren. Sie hinterließ den 38jährigen Albert Louis Levy, eine 5 und eine 10jährige Tochter sowie einen 9jährigen Sohn.
Als Betty Leow, Hedwigs Mutter, am 14. Oktober 1927 starb, war Hedwig allein.
Das Berliner Adressbuch 1929 führte die Witwe Betty Leow noch in der Güntzelstraße 16, vermutlich wohnte Hedwig dort.
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war sie in der Landhausstraße 13 gemeldet. In den Jahren 1934 bis 1937 war sie nicht im Berliner Adressbuch zu finden. Vermutlich lebte sie in dieser Zeit bei ihrer älteren Schwester Gertrud und deren Familie.
Gertruds Ehemann Dr. Eduard Fränkel verlor 1936 seine Zulassung als Rechtsanwalt. Danach setzte er alles dran, um mit seiner Familie aus Deutschland auszuwandern. Sie wohnten vor ihrer Ausreise in der Joachim-Friedrich-Straße 43. So lag es nahe, dass sich Hedwig 1937 eine Wohnung in der Nähe suchte und in der Joachim-Friedrich-Straße 55 fand. 1938 war sie dort das erste Mal gemeldet. Der fünfköpfigen Familie Fränkel gelang 1937 die Emigration nach Rio de Janeiro in Brasilien. 1942 erhielten sie die brasilianische Staatsangehörigkeit.
Auch den Kindern ihrer verstorbenen Schwester Else gelang die Flucht. Käthe wanderte nach Argentinien aus und Gerhard und Lotte nach Palästina. Ihr Schwager Albert Levy starb Anfang 1938, einen Tag nach dem Entzug seines Geschäftes durch die Nationalsozialisten, an einem Herzinfarkt.
Im Berliner Adressbuch 1941 war Hedwig Leow das letzte Mal, diesmal mit dem Zwangsnamen Sara, in der Joachim-Friedich-Straße 55 gemeldet. Wann genau sie die Wohnung verlor und zur Untermiete in die Heilbronner Straße 22 ziehen musste, ist nicht bekannt. Ihre Hauptmieter dort waren die Eheleute Siegfried (*1876) und Elli Rosa Schachian (*1895), die dort seit 1934 im I. Stock des Vorderhauses in einer 6-Zimmer-Wohnung lebten. Von den sechs Zimmern mussten mindestens drei Zimmer für die Zwangsuntervermietung zur Verfügung gestellt werden.
Am 14. August 1942 wurden aus der Heilbronner Str. 22 vier Mitbewohnerinnen in das Ghetto Theresienstadt deportiert, die 75jährige Lucie Baumann geborene Fränkel, die 80jährige Anna Bornhardt geborene Fronsdorff, die 76jährige Jeanette Baender geborene Levinsohn und die 76jährige Hedwig Ascher geborene Boas. Am 19. Oktober 1942 wurde Joseph Julius Goldschmidt (*1878) aus der Heilbronner Str. 22 nach Riga deportiert. Ob auch Hedwig für diesen oder einen der nächsten Transporte vorgesehen war, konnte nicht recherchiert werden. Die Ausweglosigkeit war für sie so groß, dass sie ihrem Leben selbst ein Ende setzte. Am 22. Oktober 1942 wurde sie morgens um 11.00 Uhr tot in der Wohnung aufgefunden. Die Todesstunde konnte nicht ermittelt werden. Als Todesursache wurde von der Polizei „Erhängen“ angegeben.
Hedwig Alice Leow starb kurz vor ihrem 53. Geburtstag.
Text und Recherche: Gundula Meiering, Dezember 2025
Quellen:
- Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
- Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
- My Heritage