HIER WOHNTE
GERTRUD GUMPERT
GEB. HABER
JG.1867
DEPORTIERT 23.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 15.10.1942
Gertrud Gumpert wurde als Gertrud Haber am 28. Juni 1867 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den 28-jährigen Kaufmann Otto Haber (*ca.1839) und seine 27-jährige Ehefrau Ulrike Haber geborene Jaffé (*ca. 1840), war sie das erste Kind. Drei Jahre nach ihr kam am 1. Dezember 1870 die kleine Schwester Elise zur Welt.
Über die Kindheit und Jugend der beiden Schwestern konnte nichts recherchiert werden.
Am 22. Juni 1889 heiratete die fast 22-jährige Gertrud Haber den 10 Jahre älteren aus Schneidemühl, Kreis Kolmar in Posen (Piła, Polen) stammenden Kaufmann Gustav Gumpert (*8. Februar 1857). Die Familie Haber wohnte damals in der Prinzenstraße 71 in Berlin-Kreuzberg. Trauzeugen waren Gertruds Vater Otto und Gustavs ältester Bruder Alexander, da sein Vater Heimann Gumpert schon 1866 gestorben war.
Gertrud und Gustav wurden Eltern von insgesamt vier Kindern. Ihr erster Sohn Hans Waldemar wurde am 10. Juli 1890 geboren.
Gertruds Schwester Elise heiratete am 24. März 1894 den Kaufmann Ludwig Schlesinger. Sie wurden am 15. Juni 1895 Eltern einer Tochter, die sie Eva nannten. Auch Gertrud bekam im gleichen Jahr, am 3. Oktober, ihre Tochter Charlotte Margarethe, die aber nur acht Monate alt wurde. Im gleichen Jahr starb auch Gertruds Schwiegermutter Pauline Gumpert geborene Alexander (*24. August 1819), die auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt wurde.
Drei Jahre später, am 29. April 1898, schenkte Gertrud ihrem zweiten Sohn Fritz Leonhard das Leben. Damals wohnten sie in der Sigmundstraße 2 und später Siegmundshof 16 im gutbürgerlichen Hansaviertel. Ihr dritter Sohn Erich Adolf Alexander wurde schon im neuen Jahrhundert, am 23. Januar 1902, geboren.
Gertruds Schwester Elise wurde nur 42 Jahre alt, sie starb am 29. Januar 1913, im gleichen Jahr wie auch ihr Vater Otto Haber, der am 10. September starb. Sieben Jahre später, am 9. Juli 1920, mussten sie auch ihre Mutter Ulrike Haber geborene Jaffé zu Grabe tragen.
Ihr ältester Sohn Hans studierte Rechtswissenschaften in Gießen. Nach dem ersten Staatsexamen 1912 begann er mit dem Einjährig-Freiwilligen-Militärdienst und rückte mit seinem Regiment zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg ein. Nach Ende des Krieges 1918 kehrte er als Leutnant mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse zurück. 1921 schloss er sein Studium in Berlin mit dem Zweiten Staatsexamen ab und wurde als Rechtsanwalt in Berlin zugelassen.
Anfang der 20er Jahre zog die Familie Gumpert nach Berlin-Charlottenburg in die Mommsenstraße 56 in eine 285-Quadratmeter-Wohnung, in der Hans auch seine Rechtsanwaltskanzlei eröffnete.
Hier feierten sie am 11. September 1924 die Hochzeit ihres ältesten Sohnes Hans mit Minna Sophie Lilli Erika Trolldenier (*19. Februar 1900). Von 1923 bis 1927 war Hans als Syndikus der „Algemene Industrien Bank Verenigung Amsterdam“ tätig und wohnte deshalb zeitweise auch in Amsterdam. Seine Ehefrau Sophie war im Berliner Adressbuch 1925 in der Neuen Kantstraße 11 gemeldet.
An Sophies 25. Geburtstag am 19. Februar 1925 starb Gertruds Ehemann Gustav mit 68 Jahren. Hans meldete den Tod beim Standesamt. Gertrud wurde mit 57 Jahren Witwe.
Die Ehe von Hans und Sophie wurde nach vier Jahren Ehe im Dezember 1928 wieder geschieden. Bis 1932 gehörte Hans zugleich der Textilverwaltungs AG Berlin an, zuletzt als Vorstandsmitglied. Nach seiner Rückkehr aus Amsterdam wurde er in Berlin beim Landgericht I als Rechtsanwalt sowie ab 1932 als Notar zugelassen.
In zweiter Ehe heiratete er am 10. Dezember 1932, kurz vor der Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten, die Sekretärin Kitty Elisabeth Stenzel (*24. Oktober 1906). Trauzeuge war Hans’ Bruder, der Geschäftsführer und Doktor der Staatswissenschaften Fritz Gumpert. Was Hans damals noch nicht wissen konnte: Die Heirat mit der nichtjüdischen Kitty würde ihn vor der Deportation bewahren. 1935 wurden Hans und Kitty Eltern ihrer Tochter Gabriele (*2. September 1935). Gertrud wurde mit 68 Jahren Großmutter.
Seit 1935 war Hans das Notariat entzogen und 1938 die Ausübung seines Berufes als Rechtsanwalt verboten worden. Ab 1939 war er als „Konsulent“ nur für jüdische Mandanten zugelassen. Die geplante Emigration scheiterte, weil sein Pass eingezogen wurde.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ waren Hans und Fritz in der Mommsenstraße 56 im 2. Stock vorne in einem Haushalt zusammen mit Hans „arischer“ Frau Kitty und der 4-jährigen Tochter Gabriele gemeldet.
Gertruds jüngster Sohn Erich war bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939, damals 37 Jahre alt, in der Nussbaumallee 38 in Berlin-Charlottenburg-Westend gemeldet. Dort befanden sich “Dr. Weiler´s Kuranstalten für Gemüts- und Nervenkranke” sowie “Dr. J. Waldschmidt´s Privat-Heil und Pflege-Anstalt für Gemütskranke”, speziell auch für „Morphinisten“ und „Alkoholisten“. Er wohnte aber 1942 wieder in der Mommsenstraße 56.
1939 lebte Gertrud zusammen mit Max Gumpert (84 J.), Caecilie Gumpert (78 J.), Martha Gumpert (53 J.), Käthe Gumpert (52 J.) und Frieda Gumpert (61 J.) in einem Haushalt.
Max Gumpert war ihr 84-jähriger lediger Schwager aus New York, der zu Besuch in Berlin weilte. Er starb 1943 in New York. Cäcilie Gumpert war die Witwe von Alexander Gumpert, dem ältesten Bruder ihre Ehemannes, der 1933 gestorben war. Käthe (*14. Februar 1887) und Martha (*23. November 1885) waren die unverheirateten Töchter von Cäcilie (*1. Juni 1860) und Alexander Gumpert. Frieda Gumpert geborene Sternberg war die Witwe des Rechtsanwalts Eugen Gumpert, dem jüngsten Bruder ihres Ehemannes Gustav. Ihr gelang noch 1939 die Flucht nach Bombay in Indien. Cäcilie, Martha, Käthe und Frieda Gumpert waren außerdem 1939 in der Wundtstraße 64 in Berlin-Charlottenburg gemeldet. Später wohnten Martha und Käthe Gumpert in der Mommsenstraße 20.
Im Oktober 1941 begannen die Deportationen in den Osten und damit kam die große Angst, selbst deportiert zu werden. Die 75-jährige Gertrud war die erste der Familie Gumpert, die den Deportationsbefehl erhielt. Ihr gesamtes Vermögen von ca. 10.000 RM und 20.000 Kronen musste sie für einen „Heimeinkaufsvertrag“ abliefern. Am 23. September 1942 wurde sie vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt deportiert. Aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen im Ghetto starb sie schon drei Wochen später. Auf der Todesfallanzeige des Ghettos notierte der behandelnde Arzt Dr. Emil Hahn Herzfehler und Herzlähmung. Die Familie wurde nicht vom Tod ihrer Mutter benachrichtigt.
Ihr Sohn Erich war aufgrund seiner „Gemütskrankheit“ nicht erwerbsfähig und wurde deshalb schon am 19. Oktober 1942 mit dem 21. Osttransport zusammen mit 998 Berlinerinnen und Berlinern, darunter 60 Kinder aus dem Auerbach´schen Waisenhaus im Alter zwischen 2 und 16 Jahren, nach Riga deportiert. Der Zug wurde am Güterbahnhof Moabit an der Putlitzstraße abgefertigt. In Riga wurden 81 Männer mit handwerklichen Berufen ausgesucht und den verschiedensten Arbeitskommandos zugeteilt. Alle anderen Insassen des Transports wurden sofort nach der Ankunft in den Wäldern in der Nähe von Riga erschossen. Erich Gumpert wurde mit 40 Jahren ermordet.
Gertruds Nichte Martha Gumpert wurde am 14. Dezember 1942 und ihre Nichte Käthe Gumpert am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Ihre Schwägerin Cäcilie Gumpert geborene Alexander starb mit 83 Jahren am 17. Februar 1943 im „Siechenheim“ in der Auguststraße14/16, von wo sie deportiert werden sollte.
Dr. Fritz Gumpert war seit 1941 zur Zwangsarbeit verpflichtet. Im Rahmen der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 wurde er von der Gestapo am Arbeitsplatz festgesetzt und in das Sammellager Levetzowstraße gebracht. Von hier aus deportierten sie ihn am 1. März 1943 in das Vernichtungslager nach Auschwitz und ermordeten ihn dort. Dr. Fritz Gumpert starb mit ca. 45 Jahren.
Hans Gumpert lebte mit seiner „arischen“ Frau Kitty in einer sogenannten “Mischehe”. Da aus dieser Verbindung eine Tochter hervorgegangen war, handelte es sich in der Nazisprache um eine „privilegierte Mischehe“, die ihn und seine Tochter Gabriele, die als Halbjüdin auch gefährdet war, vor der Deportation in den Osten schützte. Angesichts der wachsenden Bedrohung versteckte sich die Familie zeitweilig in Staaken. Sie kehrten aber immer wieder in die Stadt zurück, um Lebensmittel zu besorgen. Die Nachbarschaft war über die bedrängte Situation informiert. 1944 musste auch Kitty Gumpert Zwangsarbeit leisten.
Nach der Befreiung im Juni 1945 wurde Hans Gumpert vorläufig wieder als Rechtsanwalt und Notar zugelassen. Da er kein Sternträger war, bekam er keine Anerkennung als „Opfer des Faschismus“. Seine Zulassung wurde ihm 1947 weiterhin nur vorläufig verlängert. Anfang 1949 wurde er zum Richterdienst beim Amtsgericht verpflichtet.
Vermutlich erhielt Hans Gumpert die Nachricht vom Tod seiner Mutter erst im August 1945, drei Jahre nach ihrem tatsächlichen Tod, von der 76-jährigen Hedwig Ems, einer Freundin und entfernten Verwandten der Familie. Hedwig Ems hatte Theresienstadt überlebt und war nach Berlin zurückgekehrt, wo niemand mehr auf sie wartete. Hans, Kitty und Gaby Gumpert nahmen sie am 19. August 1945 „liebevoll und herzlich“ in der Mommsenstraße 56 bis an ihr Lebensende 1958 auf. Gaby wurde zu einer Ersatzenkelin für sie. Ihr Sohn Richard war aus Auschwitz nicht zurückgekommen.
Hedwig Ems schrieb am 16. Juli 1947 ihre sehr lesenswerten Erinnerungen an die Nazizeit in Berlin und das Ghetto Theresienstadt – 28. Oktober 1942 bis 15. August 1945 – auf.
Da Hans vergeblich auf Nachrichten seiner Brüder Erich und Fritz wartete, ließ er sie 1957 für tot erklären. Seine Anträge beim Wiedergutmachungsamt, das Geld für den Heimeinkaufsvertrag seiner Mutter wieder zurückzubekommen, wurden allesamt abgelehnt.
Dr. Hans Gumpert starb 1962 mit 72 Jahren. Kitty Gumpert wurde 92 Jahre alt. Sie starb 1998.
Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2025
Quellen:
Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives; Landesarchiv Berlin – WGA-Datenbank, Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage; Simone Ladwig-Winters Rechtsanwaltskammer Berlin (Hg.) Anwalt ohne Recht – Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933, Ausgabe 2022, S. 238 Gumpert, Hans W. Dr.;
Zeitzeugenbericht Hedwig Ems, Charlottenburg, 16. Juli 1947