Stolpersteine Hektorstr. 20

Hausansicht Hektorstraße 20

Hausansicht Hektorstraße 20

Die Stolpersteine für Recha Gotthilf, Oskar Hamburger, Max und Anna Marcus, Ida und Franz Oliven, Selma Oppenheim, Rosa Simson, Erna Steckel, Claire Kaiser wurden am 20. Oktober 2009 verlegt.

Die Stolpersteine für Hertha und Franz Kuhn wurden am 17. Juli 2007 verlegt.

Die Stolpersteine für Kurt und Ruth Silbermann wurden am 9. März 2026 verlegt.

Stolperstein für Recha Gotthilf

Stolperstein für Recha Gotthilf

HIER WOHNTE
RECHA GOTTHILF
GEB. WOLFSOHN
JG. 1875
DEPORTIERT 22.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET SEPT. 1942 IN
TREBLINKA

Recha Gotthilf wurde als Recha Wolfsohn am 16. April 1875 in Neustadt bei Pinne im Posener Land (Lwówek, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Philipp Wolfsohn (*1843) und dessen aus Charlottenburg stammende Ehefrau Amalie Wolfsohn geborene Kwilecki (*7. April 1842), war sie das zweite von insgesamt fünf Kindern. Elfriede Fryda (*1873) war zwei Jahre älter als Recha. Anna starb 1876 in ihrem ersten Lebensjahr. Margarethe (*1878) war drei Jahre jünger als sie. Irma (*1881) starb in ihrem zweiten Lebensjahr. Als Recha 21 Jahre alt war, starb ihr Vater am 28. August 1896. Ihre Mutter Amalie wurde mit 54 Jahren Witwe.

Zwei Jahre nach dem Tod Philipp Wolfsohns, am 16. März 1898, gab Amalie Wolfsohn die Verlobung ihrer Tochter Recha mit dem aus Thorn in Pommern (Toruń, Polen) stammenden Goldarbeiter (Goldschmied) Hermann Gotthilf (*15. September 1861) bekannt. Hermanns Eltern wohnten in dem nahegelegenen Culmsee (Chełmża, Polen). Recha und Hermann heirateten am 11. Oktober 1898 in Berlin. Der Bräutigam wohnte damals in der Alexandrinenstraße 64 in Berlin-Mitte. Ihr erstes Kind, Felix Philipp, wurde am 28. September 1899 in der Elsässer Straße 38 (heute Torstraße) in Berlin-Mitte geboren. Zwei Jahre später kam am gleichen Ort ihr Sohn Martin (*14. Juni 1901) und wiederum zwei Jahre später ihre Tochter Hertha (*12. Juli 1903) in der Linienstraße 110 zur Welt.

Rechas älteste Schwester Elfriede Freyda starb schon 1907 mit 34 Jahren. Sie hinterließ ihren Ehemann Hugo Steckel und die Tochter Henny (*1898). Hugo heiratete ein zweites Mal und wurde Vater von Erna (*1909) und Heinz Wilhelm (*1911) Steckel. Auch Rechas jüngere Schwester Margarethe hatte geheiratet, wurde aber am 15. Juli 1921 wieder geschieden. Sie starb vier Monate nach der Scheidung mit 43 Jahren am 10. November 1921 in einem Kurhaus in Zehlendorf. Fünf Tage später, am 15. November 1921, starb mit 79 Jahren auch ihre Mutter.

Als Rechas Ehemann Hermann am 7. September 1925 mit 64 Jahren starb, wohnten sie wieder in der Elsässer Straße, diesmal in der Nr. 31. Der älteste Sohn, der wie sein Vater Goldschmied von Beruf geworden war, meldete den Tod beim Standesamt. Recha wurde mit 50 Jahren Witwe.

Ihr mittlerer Sohn Martin war das erste ihrer Kinder, das die gemeinsame Wohnung in der Elsässer Straße 31 verließ. Am 11. November 1926 heiratete er die 20-jährige Ruth Rahel Neumann (*24. Februar 1906). Drei Jahre später, am 14. November 1929, heiratete ihre Tochter Hert(h)a den Verkäufer Alfred Gerber (*19. Dezember 1903). Am 14. Juli 1933 kam ihre Tochter Marion zur Welt. Recha wurde zum ersten Mal Großmutter. Als Letzter heiratete ihr ältester Sohn, der 34-jährige Felix, am 24. Mai 1934 die 22-jährige kaufmännische Angestellte Käthe Guendel Grünthal (*25. Oktober 1912).

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Recha 57 Jahre alt. Allen Kindern und Schwiegerkindern gelang noch vor 1939 die Flucht nach Shanghai. Recha war allein in Berlin zurückgeblieben. Ihre Nichte Henny, Tochter ihrer ältesten Schwester, wohnte in der Düsseldorfer Straße 23 in Berlin-Wilmersdorf. Ihr gelang noch am 26. Juni 1939 die Flucht nach Großbritannien. Vermutlich war der Grund für ihren Umzug nach Wilmersdorf ihre Cousine Selma Oppenheim, Tochter ihrer Tante Ernestine Baron geborene Wolfsohn, die in der Hektorstraße 20 in Halensee, einem gutbürgerlichen Bezirk, wohnte.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Recha ebenfalls in der Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee gemeldet. Seit wann sie hier wohnte, konnte nicht recherchiert werden. Auch Hennys Stiefschwester Erna Steckel war als Untermieterin bei Dr. Meyer in der Hektorstraße 20 gemeldet. Sie arbeitete als Hausangestellte.

Am 8. Juli 1941 zog Recha in die Klopstockstraße 23 in Berlin-Tiergarten. Seit dem 15. Februar 1942 war sie Insassin des Sammellagers in der Auguststraße 14-16. Am 22. Juli 1942 wurde sie vom Anhalter Bahnhof in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Im September 1942 wurde sie weiter in die Vernichtungsstätte Treblinka deportiert und dort ermordet. Recha Gotthilf geborene Wolfsohn starb mit 67 Jahren.

Ihr ältester Sohn Felix emigrierte 1947 in die USA und nannte sich dort Felix Goddard. Ihre Tochter Herta Gerber nahm, wie auch ihr Sohn Martin, die australische Staatsangehörigkeit an. Auch Martin nannte sich in Australien mit Nachnamen Goddard.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Januar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
Stolperstein für Oskar Hamburger

Stolperstein für Oskar Hamburger

HIER WOHNTE
OSKAR HAMBURGER
JG. 1873
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
2.1.1943

Oskar Hamburger kam am 25. März 1873 im oberschlesischen Sternalitz (heute Sternalice in Polen) als Sohn des Kaufmanns Salomon Hamburger (1820-1911) und dessen Frau Charlotte geborene Epstein (1840-1915) zur Welt.

1896 heiratete er die sechs Jahre jüngere Bertha Neumark. Das Ehepaar bekam zwei Söhne, Erwin (* 11.01.1898) und Günther (* 21.10.1902), und eine Tochter, Ruth. Die Familie lebte weiterhin in Oberschlesien.

Postkarte von Oskar Hamburgers Gasthaus im ehemaligen Friedenshütte, heute Nowy Bytom (Oberschlesien)

Ab der Jahrhundertwende besaß Oskar Hamburger ein großes Gasthaus in Friedenshütte/Beuthen (Nowy Bythom), bestehend aus Hotel, Restaurant und Schankwirtschaft. Außerdem hatte er in Bielschowitz (Bielszowice) eine Firma, die 1908 ins Handelsregister eingetragen wurde, wahrscheinlich ein landwirtschaftliches Handelsunternehmen.

Seine Tochter Ruth starb jung und unverheiratet am 19. September 1922.
Bald darauf zogen Oskar und Bertha Hamburger nach Berlin. Sie wohnten am Kurfürstendamm, Ecke Albrecht-Achilles-Straße. Auch ihre Söhne Erwin und Günther, die beide kaufmännisch tätig waren, zogen nach Berlin. Günther hatte zuvor Jura studiert.
Erwin blieb unverheiratet.

Günther, der in der Hardenbergstraße 10 lebte, lernte 1936 oder 1937 in einem jüdischen Bridgeclub die junge Witwe des Stummfilmstars Erwin Reicher kennen, Susanne Reicher geborene Fehl (* 07.09.1909). Susannes Mutter, Kamilla Fehl geborene Sorger, unterhielt diesen Bridgeclub in der Waitzstraße in Charlottenburg, wo Mutter und Tochter auch lebten. Günther und Susanne verliebten sich und wurden ein Paar. 1939 kratzte die Familie genügend Geld zusammen, um die hochschwangere Susanne in Sicherheit zu bringen. Im Mai 1939 gelang ihr die Flucht nach Großbritannien. Die finanzielle Situation von Günther und Kamilla – und von Günthers Eltern Oskar und Bertha Hamburger – war zu diesem Zeitpunkt schon so desolat, dass sie keine weiteren Garantiesummen aufbringen konnten. Am 19. Juli 1939 bekam Susanne in Cricklewood/London einen Sohn und nannte ihn Peter.

Aus dem Jahr 1939 sind einige herzzerreißende Briefe und Postkarten von Günther Hamburger in Berlin an Susanne Reicher in London erhalten geblieben, deren Abschriften in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme verwahrt werden. Das auseinandergerissene Paar war verzweifelt; aber Günther versuchte mit seinem „nie versiegendem Optimismus“, wie er schrieb, immer weiter, einen Fluchtweg zu finden: für sich, für Susannes Mutter und für seinen Vater Oskar Hamburger; seine Mutter Bertha war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits verstorben. Günther träumte von den Vereinigten Staaten, wohin er „Susele“ und „Peterchen“ nachholen wollte, von Lateinamerika und natürlich von Großbritannien – alle seine Hoffnungen wurden enttäuscht. Nach 1939 sind keine weiteren Briefe erhalten.

Nach dem Tod seiner Frau Bertha heiratete Oskar Hamburger ein zweites Mal, die dreißig Jahre jüngere Berlinerin Elvira Cronheim (* 23.01.1903). Spätestens ab 1941 wohnte er mit ihr und ihrem verwitweten Vater Max Cronheim in einer kleinen Parterrewohnung in der Hektorstraße 20, wahrscheinlich zur Untermiete; alle jüdischen Familien waren zu diesem Zeitpunkt völlig verarmt. Oskars junge Frau Elvira musste Zwangsarbeit verrichten. Ihr Vater Max Cronheim wurde im August 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Oskar und Elvira wollten die Deportation nicht abwarten. Wahrscheinlich nahmen sie gemeinsam am ersten Tag des Jahres 1943 eine Überdosis Schlaftabletten ein. Sie wurden noch ins jüdische Krankenhaus eingeliefert, wo sie starben – Oskar Hamburger am 2. Januar und Elvira Hamburger am 3. Januar 1943. Oskar wurde 69 Jahre alt, seine zweite Frau 39. Sie sind auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beigesetzt.

Oskars Sohn Günther wurde festgenommen und in Plötzensee inhaftiert, dann ins KZ Neuengamme verschleppt, wo er als Tiefbauarbeiter schwerste Zwangsarbeit verrichten musste. Im Sommer 1942 wurde er, weil man ihn wohl als nicht mehr arbeitsfähig eingestuft hatte, in die Tötungsanstalt Bernburg überstellt, wo man ihn am 17. Juni 1942 ermordete. Günther Hamburger hat seine Susanne nie wiedergesehen und seinen Sohn Peter nie kennengelernt. Er wurde 39 Jahre alt.

Susannes Mutter Kamilla Fehl war bereits im Oktober 1941 von Berlin ins Ghetto Łódź deportiert worden. Ihr Todesdatum ist unbekannt. Susannes Vater Ernst, der von ihrer Mutter getrennt war und in Wien lebte, wurde 1941 deportiert und wahrscheinlich in Auschwitz ermordet.

Auch Oskar Hamburgers älterem Sohn Erwin war es nicht gelungen, zu emigrieren. Der Junggeselle, der in der Dahlmannstraße 1 in einem möblierten Zimmer wohnte, verrichtete in den 1940er-Jahren Zwangsarbeit in Reinickendorf, wohl in der Rüstungsindustrie. Im September 1942 wurde er nach Estland verschleppt, das zu diesem Zeitpunkt deutsch besetzt war. Wahrscheinlich wurde er im Hinterland des Bahnhofs Raasiku erschossen. Sein Todesdatum ist unbekannt.

Susanne Reicher blieb in Großbritannien, wo sie später wieder heiratete. Sie starb 2001. Von ihrer Vergangenheit hat sie nie erzählt.

Günther Hamburgers Sohn – Oskar Hamburgers Enkel – Peter Hartley lebt ebenfalls in Großbritannien. Er ist seit 56 Jahren verheiratet und hat mit seiner Frau Catherine drei Kinder und fünf Enkelkinder.

Text und Recherche: Christine Wunnicke (2024), mit Dank an Gundula Meiering und Peter Hartley

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch
  • Berliner Adressbücher
  • „Der oberschlesische Wanderer“ 1905 ff.
  • Amtliche Urkunden über MyHeritage und Ancestry
  • Vermögenserklärungen
  • Deportationslisten
  • Transkript der Korrespondenz von Günther Hamburger in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme
  • Persönliche Auskunft von Oskar Hamburgers Enkelsohn Peter Hartley
Stolperstein für Max Marcus

Stolperstein für Max Marcus

HIER WOHNTE
MAX MARCUS
JG. 1881
DEPORTIERT 1.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Max Marcus wurde am 25. Juli 1881 in Lüneburg in der Provinz Hannover geboren. Für seine Eltern, den aus Peckelsheim im Kreis Warburg in der Provinz Westfalen stammenden Kaufmann Samuel Marcus (*1835) und dessen aus Ottbergen im Kreis Höxter stammende Ehefrau Röschen, geborene Rosenbaum (*28. Mai 1853) war er das erste von insgesamt sechs Kindern. Seine Schwester Friederike (*1882-1884) und sein Bruder Hugo (*1889-1890) starben schon im Kleinkindalter. Seine Schwester Klara (*2. März 1884) war drei Jahre, sein Bruder Moritz (*14. Februar 1886) fünf Jahre und seine Schwester Thekla (*29. April 1887) sechs Jahre jünger als er. Aus der ersten Ehe seines Vaters gab es noch neun Halbgeschwister. Die Familie Marcus war in Lüneburg im Schuhhandel tätig.

Max wurde wie sein Vater Kaufmann von Beruf.

Wann und wo Max seine spätere Ehefrau, die aus Berlin stammende Anna Nathan, kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 7. Mai 1920 in Berlin und lebten fortan in Dresden, wo Max als Kaufmann tätig war. Hier wurde ihre Tochter Ruth Bärbel am 23. Februar 1921 geboren. Max’ Vater starb 1923 mit 88 Jahren.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, stand Max kurz vor seinem 42. Geburtstag. Die Tochter Ruth war damals 12 Jahre alt. Aufgrund der diskriminierenden Verordnungen und Gesetze kam die Familie Marcus vermutlich 1936 von Dresden zurück in die Heimatstadt seiner Ehefrau nach Berlin. Das Berliner Adressbuch 1937 führte sie zum ersten Mal in der Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee, wo sie eine 2 ½ -Zimmerwohnung für 58 RM im Gartenhaus (Quergebäude) Parterre gemietet hatten. Am 8. November 1937 starb mit 84 Jahren seine Mutter in Lüneburg. Seiner Schwester Klara gelang mit ihrer Familie im Mai 1938 die Emigration nach Buenos Aires in Argentinien.

Ihre 21-jährige Tochter Ruth leistete 1942 Zwangsarbeit bei Siemens & Halske, als sie am 8. Juni 1942 wegen Diebstahls verhaftet wurde. Sie verbüßte eine Haftstrafe im Frauenstrafgefängnis Barnimstraße in Berlin-Friedrichshain.

Auch Max musste Zwangsarbeit leisten. Er war als Arbeiter in dem Siemens-Kabelwerk in Gartenfelde verpflichtet. Als er am 27. Februar 1943 zur Arbeit ging, ahnte er nicht, dass er niemals in die Hektorstraße 20 zurückkehren würde. Wie viele andere jüdische Zwangsarbeiter, wurde er an seinem Arbeitsplatz von der Gestapo im Rahmen der „Fabrikaktion“ festgesetzt und in ein Sammellager gebracht. Hier wurde er aufgefordert, seine Vermögenserklärung auszufüllen. Auf der Deportationsliste wurden er und Anna zusammen aufgeführt, bis man ihn mit rotem Buntstift aus der Liste strich und schon zwei Tage eher, am 1. März 1943, mit dem 31. Osttransport mit 1.882 Leidensgenossinnen und -genossen nach Auschwitz deportierte und in Auschwitz-Birkenau in einer Gaskammer ermordete. Max Marcus starb mit 62 Jahren. Als Anna mit dem 33. Osttransport zusammen mit 1.887 Leidensgenossinnen und -genossen an ihrem 52. Geburtstag am 6. März 1943 in Auschwitz ankam, wurde vermutlich auch sie nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet. Anna Marcus geborene Nathan starb mit 52 Jahren.

Sein jüngerer Bruder Moritz starb am 29. Februar 1944 in Berlin eines natürlichen Todes und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Ihre Tochter Ruth überlebte den Holocaust. Sie emigrierte 1948 nach Brasilien, kam aber später nach Berlin zurück. Sie gab am 25. April 1997 in Berlin der USC Shoa Foundation ein Interview.
Am 19. Februar 2013 wurde am Schifferwall 3 in Lüneburg für Max Marcus ein zweiter Stolperstein und ein Stolperstein für seine jüngste Schwester Thekla, die unfreiwillig 1941 nach Hamburg ziehen musste und 1942 in Riga ermordet wurde, verlegt.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • USC Shoa Foundation – Interview mit Ruth Krueger-Heinrich geborene Marcus. 30800 vom 25. April 1997
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II)
  • 25239 Anna Marcus, 25364 Max Marcus, 25393 Ruth Marcus
Stolperstein für Anna Marcus

Stolperstein für Anna Marcus

HIER WOHNTE
ANNA MARCUS
GEB. NATHAN
JG. 1891
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Anna Marcus wurde als Anna Nathan am 3. März 1891 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den Damenschneidermeister Meyer Max Nathan (*1853) und dessen Ehefrau Minna, geborene David (*1852), war sie das neunte von insgesamt zwölf Kindern. Bei ihrer Geburt war ihr ältester Bruder Gustav (*20. März 1879) zwölf, ihre älteste Schwester Jettchen (*29. November 1880) elf, ihr Bruder Isidor (*6. Januar 1882) neun Jahre, ihr Bruder Michaelis (Martin) (*25. Januar 1883) acht, ihre Schwester Frida (*1. Dezember 1884) sieben, ihre Schwester Hedwig (*10. November 1886) fünf und ihre Schwester Emma (*1889) zwei Jahre alt. Ihre vier Jahre ältere Schwester Grete (*1887) konnte Anna nicht kennenlernen, da sie nur ein Jahr alt geworden war.

Ein Jahr nach Anna wurde ihre Schwester Clara (*12. April 1892) und wiederum zwei Jahre später ihre Schwester Lieschen (*1894), die nur vier Jahre alt wurde, geboren. Ihr jüngster Bruder Hermann (*26. Juli 1896) kam 1896 zur Welt. Über Annas Kindheit und Jugend konnte nichts recherchiert werden.

Als ihre älteste Schwester, die Verkäuferin Jettchen, als erste ihrer Geschwister am 2. April 1903 heiratete, wohnte die Familie Nathan in der Büschingstraße 13 in Berlin-Friedrichshain. Anna war damals 12 Jahre alt.

Ihr Vater Max Nathan starb am 9. Oktober 1914 mit 61 Jahren als Rentier. Der Humanitätsverein „Gewul Tauw“ erwies ihm als langjährigem Mitglied mit einer Anzeige in der Zeitung die letzte Ehre. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Wann und wo Anna ihren späteren Ehemann, den aus Lüneburg stammenden, in Dresden lebenden Kaufmann Max Marcus (*25. Juli 1881) kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 7. Mai 1920 in Berlin und lebten fortan in Dresden, wo auch ihre Tochter Ruth Bärbel am 23. Februar 1921 geboren wurde.

Ein Jahr nach der Geburt ihres Enkelkindes Ruth starb Annas Mutter am 3. April 1922 mit 70 Jahren in der Gleditschstraße 37 in Berlin-Schöneberg. Vier Jahre später, 1926, starb auch Annas älteste Schwester Jettchen mit 46 Jahren.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, stand Anna kurz vor ihrem 42. Geburtstag. Ihre Tochter Ruth war damals 12 Jahre alt. Aufgrund der diskriminierenden Verordnungen und Gesetze zog die Familie Marcus vermutlich 1936 von Dresden zurück in Annas Heimatstadt Berlin. Das Berliner Adressbuch 1937 führte sie zum ersten Mal in der Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee. Sie hatten eine 2 ½ -Zimmerwohnung für 58 RM im Gartenhaus (Quergebäude) Parterre gemietet.

Annas ältester Bruder Gustav emigrierte am 21. Februar 1935 nach Palästina und ihr Bruder Isidor noch vor 1939 nach Shanghai. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren ihr jüngster Bruder Hermann und seine Ehefrau Charlotte geborene Gries noch in der Weißenburger Straße 39 in Berlin-Prenzlauer Berg gemeldet. Ihnen gelang noch am 1. Februar 1940 die Emigration nach Brasilien.

Annas Bruder Michaelis (Martin) war der erste aus der Familie, den die Gestapo am 25. Oktober 1941 nach Litzmannstadt (Łódź, Polen) deportierte. Er starb dort am 6. März 1942 aufgrund der unmenschlichen Bedingungen im Ghetto. An ihn erinnert ein Stolperstein in der Taunusstraße 20 in Berlin-Friedenau.
Annas Schwester Hedwig und deren Ehemann Abraham (Adolf) Goldberg (*20. April 1881) deportierte die Gestapo am 17. November 1941 nach Kaunas (Kowno, Litauen), wo sie sie am 25. November 1941 ermordeten. Hedwig starb mit 55 Jahren und Abraham mit 60 Jahren. Auch an Abraham Goldberg erinnert ein Stolperstein in der Taunusstraße 20 in Berlin-Friedenau.

Ihre Schwester Frida und deren Ehemann Max Klein deportierte die Gestapo 17. März 1943 in das Ghetto Theresienstadt.

Ihre 21-jährige Tochter Ruth leistete 1942 Zwangsarbeit bei Siemens & Halske. Am 8. Juni 1942 wurde sie wegen Diebstahls verhaftet und verbüßte eine Haftstrafe im Frauenstrafgefängnis Barnimstraße in Berlin-Friedrichshain.

Auch Annas Ehemann Max musste Zwangsarbeit leisten. Er war als Arbeiter in dem Siemens-Kabelwerk in Gartenfelde verpflichtet. Als er am 27. Februar 1943 zur Arbeit ging, ahnte er nicht, dass er niemals in die Hektorstraße 20 zurückkehren würde. Wie viele andere jüdische Zwangsarbeiter, wurde er an seinem Arbeitsplatz von der Gestapo im Rahmen der „Fabrikaktion“ festgesetzt und in ein Sammellager gebracht. Hier wurde er aufgefordert, seine Vermögenserklärung auszufüllen. Auf der Deportationsliste wurden Anna und er zusammen aufgeführt, bis man ihn mit rotem Buntstift aus der Liste strich und schon zwei Tage eher nach Auschwitz deportierte und ermordete. Max Marcus starb mit 62 Jahren.

Anna wurde mit dem 33. Osttransport zusammen mit 1.887 Leidensgenossinnen und -genossen an ihrem 52. Geburtstag nach Auschwitz deportiert und kurz nach ihrer Ankunft am 6. März 1943 vermutlich in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet. Anna Marcus geborene Nathan starb mit 52 Jahren.

Auch ihre Schwester Emma, verheiratete Hurwitz wurde am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Emmas Ehemann Ludwig Hurwitz (*6. März 1890) war vorher nach Belgien und Frankreich geflüchtet und von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet worden. Emmas 18-jährige Tochter Ursula Hurwitz (*30. April 1924) wurde schon am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Auch sie überlebte nicht.

Ihre Schwester Frida und deren Ehemann Max Klein überlebten das Ghetto Theresienstadt. Sie wanderten 1951 nach Rio de Janeiro in Brasilen aus.

Auch ihre Tochter Ruth überlebte den Holocaust. Sie emigrierte 1948 nach Brasilien, kam aber später nach Berlin zurück. Sie gab am 25. April 1997 in Berlin der USC Shoa Foundation ein Interview.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • USC Shoa Foundation – Interview 30.800 mit Ruth Krueger-Heinrich geborene Marcus vom 25. April 1997
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 25239 Anna Marcus, 25364 Max Marcus, 25393 Ruth Marcus
Stolperstein für Ida Oliven

Stolperstein für Ida Oliven

HIER WOHNTE
IDA OLIVEN
GEB. DANZIGER
JG. 1868
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 24.11.1943

Ida Oliven wurde als Ida Danziger am 17. September 1868 in Auras (Uraz, Polen) im Kreis Wohlau in Schlesien geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Simon Danziger und dessen Ehefrau Pauline geborene Brann, war sie das jüngste Kind von insgesamt vier Kindern. Auguste (*1861) war sieben Jahre, Fanny (*1862) sechs Jahre und Max (*1867) ein Jahr älter als sie. Als Auguste, genannt Gustel, 1883 den Kaufmann Markus Prager heiratete, lebte die Familie Danziger in Kreuzburg (Kluczbork, Polen).

Wann und wo Ida ihren späteren Ehemann, den aus Lissa (Leszno, Polen) stammenden Kaufmann Neumann Oliven (*15. August 1865), kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 7. Oktober 1896 in Liegnitz in Niederschlesien (Legnica, Polen). Zusammen gingen sie nach Berlin, wo am 1. Dezember 1897 ihr erster Sohn Franz geboren wurde. Zehn Jahre später, am 3. März 1907, kam ihr zweiter Sohn Walter im Eppendorferweg 273 in Hamburg zur Welt. Walter studierte später an der Universität in Berlin Rechtswissenschaften.
Die Familie wohnte damals in der Charlottenbrunner Straße 2 in Berlin-Schmargendorf.

Am 28. August 1931 starb Idas Ehemann Neumann mit 66 Jahren. Ida wurde mit 62 Jahren Witwe. 1932 zog sie daraufhin mit ihren Söhnen in die Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee. Sie bewohnten eine Drei-Zimmer-Wohnung im Parterre des Hauses für 90 RM monatlich.

Kurz nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurde jüdischen Rechtsanwälten die Zulassung entzogen. Walter musste sich daraufhin eine neue Existenz suchen. Er fand eine Anstellung als kaufmännischer Angestellter. Der älteste Sohn Franz war noch 1937 im Telefonbuch mit dem Zusatz „Chemische Produkte Wilmersdorf“ zu finden.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Ida mit ihren beiden Söhnen weiterhin in der Hektorstraße 20 gemeldet. Walter hatte am 22. Dezember 1938 die kaufmännische Angestellte Bella Ebenstein (*6. Juni 1905) aus Berlin-Tiergarten geheiratet, die bei der „Minderheiten-Volkszählung“ noch bei ihren Eltern in Alt-Moabit 85 gemeldet war. Vermutlich waren beide zu dem Zeitpunkt schon nach Großbritannien geflüchtet. 1940 ließen sie sich in Buffalo im Staat New York in den USA registrieren. Am 16. Januar 1943 wurden sie Eltern eines Sohnes Melvin.

Ida erhielt den Deportationsbefehl Ende September 1942. Ihre Vermögenserklärung unterschrieb sie am 25. September 1942. Bis zur Deportation wurde sie im Haus Artilleriestraße 31 (heute Tucholskystraße 40) im Altenheim interniert. Zusammen mit 959 Leidensgenossinnen und -genossen deportierte die Gestapo Ida Oliven am 3. Oktober 1942 mit dem „3. Große Alterstransport“ vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt. Trotz der menschenunwürdigen Lebensbedingungen überlebte sie in dem Ghetto mehr als ein Jahr. Ida Oliven starb am 24. November 1943 mit 75 Jahren.

Ihr ältester Sohn Franz heiratete noch am 22. Dezember 1942 Edith Hildegard Beckmann (*7. Juni 1901) aus der Ludwigkirchstraße 11a. Sie wohnten in der Sybelstraße 12 in Berlin-Charlottenburg. Vermutlich mussten die beiden Zwangsarbeit leisten und wurden im Rahmen der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 an ihren Arbeitsplätzen von der Gestapo festgesetzt und in einem Sammellager interniert, bis sie am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Franz Oliven starb mit 45 Jahren, seine Ehefrau Edith Hildegard Oliven geborene Beckmann starb mit 40 Jahren.

Idas älteste Schwester Auguste Prager geborene Danziger starb am 14. Mai 1943 mit 82 Jahren eines natürlichen Todes in Berlin.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 28727 Ida Oliven
Stolperstein für Franz Oliven

Stolperstein für Franz Oliven

HIER WOHNTE
FRANZ OLIVEN
JG. 1897
DEPORTIERT 4.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Franz Oliven wurde am 1. Dezember 1897 in Berlin geboren. Für seine Eltern, den aus Lissa (Leszno, Polen) stammenden Kaufmann Neumann Oliven (*15. August 1865) und dessen Ehefrau, die in Auras in Schlesien geborene Ida Oliven geborene Danziger (*17. September 1868), war er das erste von später insgesamt zwei Kindern. Als Franz neun Jahre alt war, wurde sein Bruder Walter (*3. März 1907) in Hamburg geboren.

Franz wurde wie sein Vater Kaufmann von Beruf und arbeitete später als Vertreter für chemische Produkte.

Die Familie wohnte in den 1920er- Jahren in der Charlottenbrunner Straße 2 in Berlin-Schmargendorf. Am 28. August 1931 starb Franz Vater Neumann Oliven mit 66 Jahren. Seine Mutter Ida wurde mit 62 Jahren Witwe. Jetzt war Franz mit 33 Jahren das Oberhaupt der Familie. 1932 zogen sie in die Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee. Sie bewohnten eine Drei-Zimmer-Wohnung im Parterre des Hauses für 90 RM monatlich.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Franz im Telefonbuch mit dem Zusatz „Chemische Produkte Wilmersdorf“ zu finden. Seinem jüngeren Bruder Walter wurde als Rechtsanwalt die Zulassung entzogen. Er musste sich daraufhin eine neue Existenz suchen. Er fand eine Anstellung als kaufmännischer Angestellter.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Franz mit Mutter und Bruder weiterhin in der Hektorstraße 20 gemeldet. Sein Bruder Walter hatte am 22. Dezember 1938 die kaufmännische Angestellte Bella Ebenstein (*6. Juni 1905) aus Berlin-Tiergarten geheiratet, die bei der „Minderheiten-Volkszählung“ noch bei ihren Eltern in Alt-Moabit 85 gemeldet war. Vermutlich flüchteten beide noch 1939 nach Großbritannien. 1940 ließen sie sich in Buffalo im Staat New York in den USA registrieren. Am 16. Januar 1943 wurden sie Eltern eines Sohnes Melvin.

Franz’ Mutter erhielt Ende September 1942 den Deportationsbefehl. Bis zur Deportation wurde sie im Haus Artilleriestraße 31 (heute Tucholskystraße 40) im Altenheim interniert. Zusammen mit 959 Leidensgenossinnen und -genossen deportierte die Gestapo Ida Oliven am 3. Oktober 1942 mit dem „3. Große Alterstransport“ vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt. Trotz der menschenunwürdigen Lebensbedingungen überlebte sie in dem Ghetto mehr als ein Jahr. Ida Oliven starb am 24. November 1943 mit 75 Jahren.

Wann und wo Franz seine spätere Ehefrau Edith Hildegard Beckmann (*7. Juni 1901) aus der Ludwigkirchstraße 11a in Berlin-Wilmersdorf kennenlernte, ist unbekannt. Sie heirateten noch am 22. Dezember 1942 und wohnten zur Untermiete in der Sybelstraße 12 in Berlin-Charlottenburg. Vermutlich mussten die beiden Zwangsarbeit leisten und wurden im Rahmen der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 an ihren Arbeitsplätzen von der Gestapo festgesetzt und in einem Sammellager interniert, bis sie am 4. März 1943 mit dem 34. Osttransport mit 1160 Leidensgenossen und -genossinnen nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Franz Oliven starb mit 45 Jahren, seine Ehefrau Edith Hildegard Oliven geborene Beckmann starb mit 40 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 28727 Ida Oliven
Stolperstein für Selma Oppenheim

Stolperstein für Selma Oppenheim

HIER WOHNTE
SELMA OPPENHEIM
GEB. BARON
JG. 1874
DEPORTIERT 14.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET SEPT. 1942 in
TREBLINKA

Selma Oppenheim wurde als Selma Baron am 21. September 1874 in Grätz (Grodzisk, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den Buchhalter Siegfried Baron (*1842) und dessen aus Neustadt bei Pinne im Posener Land (Lwówek, Polen) stammende Ehefrau Ernestine Baron geborene Wolfsohn (*1841), war sie die jüngste von insgesamt drei Töchtern. Ihre Schwester Karoline Rosa (*16. Januar 1871) war drei Jahre und Gertrud (*1872) zwei Jahre älter als sie. Über Selmas Kindheit und Jugend konnte nichts recherchiert werden. Als sie 13 Jahre alt war, starb ihr Vater am 13. Juli 1888 in Berlin.

Ihre Schwester Gertrud heiratete am 16. April 1896 den Kaufmann Max Levy (*25. August 1867). Damals wohnte die Familie Baron in der Oranienburger Straße 86 in Berlin-Mitte.

Wann und wo Selma ihren späteren Ehemann, den Handlungsgehilfen Felix Oppenheim, kennenlernte, ist nicht bekannt. Felix war am 20. Februar 1875 in Neuenburg, Kreis Schwetz (Nowe, Polen) geboren. Er war der einzige Sohn des Kaufmanns Hermann Hirsch (*23. August 1839) und dessen Ehefrau Johanne Oppenheim geborene Heymann (*1851). Als Felix fünf Jahre alt war, starb 1880 seine Mutter. Vermutlich ging sein Vater daraufhin mit ihm nach Berlin. Hier heiratete der Witwer Hermann Oppenheim in zweiter Ehe Lina Klara Cohn. Sie wohnten in der Großen Hamburger Straße 36 in Berlin-Mitte.

Selma und Felix heirateten am 26. Januar 1898 in Berlin. Als Trauzeugen waren Selmas Onkel, der Kaufmann Isidor Wolfsohn, und ihr Schwager, der Pfandleiher Max Levy, anwesend. Ein gutes Jahr später wurde ihre erste Tochter Käthe Johanna am 20. Juni 1899 in ihrer Wohnung in der Knesebeckstraße 77 in Charlottenburg bei Berlin geboren. Am 26. April 1902 kam Ruth und am 21. April 1904 Elli Marie am gleichen Ort zur Welt. Felix‘ Vater Hermann Oppenheim starb am 9. Juni 1905 mit 65 Jahren. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Die Familie Oppenheim ging nach Düsseldorf, wo ihr Sohn Werner Hermann am 30. Januar 1910 geboren wurde. Selmas älteste Schwester, die Stenotypistin Karoline Rosa, heiratete am 8. November 1913 mit 42 Jahren den Kaufmann Jonny Benzion (*30. Juli 1870) aus Hamburg.

Am 4. Mai 1919 ereilte Selma und Felix ein herber Schicksalsschlag, sie verloren ihre älteste Tochter Käthe Johanna, die im Düsseldorfer Krankenhaus mit 19 Jahren und 10 Monaten starb. Ein Jahr später starb auch Selmas Mutter Ernestine Baron geborene Wolfsohn am 20. Juli 1920 mit 79 Jahren. Vier Jahre später, am 6. November 1924, starb auch ihre Schwester Gertrud Levy geborene Baron. Auch sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Wann Selma mit ihrer Familie wieder zurück nach Berlin kam, ist nicht bekannt. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, zogen Selma und Felix in die Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee. Im Berliner Adressbuch waren sie dort 1934 zum ersten Mal gemeldet. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte auch Selmas Cousine Recha Gotthilf geborene Wolfsohn (*16. April 1875), Tochter ihres Onkels Philipp Wolfsohn, im Haus. Rechas drei Kindern war die Flucht ins Ausland gelungen und sie war alleine in Berlin übriggeblieben.

Selmas und Felix‘ Sohn, dem Korrespondenten Werner Oppenheim, gelang noch vor 1939 die Flucht nach Schweden. Wohin die Tochter Ruth, verheiratete Ernst flüchtete, konnte nicht recherchiert werden.

Selmas Ehemann Felix starb am 27. Februar 1941 in der gemeinsamen Wohnung in der Hektorstraße 20 an einem Kranzaderverschluss. Er wurde 66 Jahre alt. Selmas Schwester Rosa Benzion starb am 13. November 1941 an einem Schlaganfall und Herzschwäche.

Am 8. Juli 1941 zog ihre Cousine Recha in die Klopstockstraße 23 in Berlin-Tiergarten. Seit dem 15. Februar 1942 war Recha Insassin des Sammellagers in der Auguststraße 14-16. Am 22. Juli 1942 wurde sie vom Anhalter Bahnhof in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Selma wurde am 14. August 1942 aus der Hektorstraße 20 ebenfalls in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Vermutlich traf sie ihre Cousine Recha dort noch einmal, bevor diese im September 1942 in die Vernichtungsstätte Treblinka weiter deportiert und ermordet wurde. Recha Gotthilf geborene Wolfsohn starb mit 67 Jahren. Auch Selma wurde am 26. September 1942 in die Vernichtungsstätte Treblinka transportiert und ermordet. Selma Oppenheim geborene Baron starb kurz nach ihrem 68. Geburtstag.

Ihre Tochter Elli Marie verheiratete Joelson wurde mit dem 37. Osttransport am 19. April 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort arbeitete sie im Frauenlager als Ärztin. Sie überlebte Auschwitz und kehrte 1945 nach Berlin zurück.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Januar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
Stolperstein für Rosa Simson

Stolperstein für Rosa Simson

HIER WOHNTE
ROSA SIMSON
JG. 1878
DEPORTIERT 29.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Rosa Simson wurde am 20. Juli 1878 in Memel (Klaipėda, Litauen) geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Lewin Isser (Israel) Simson (*17. April 1840) und dessen Ehefrau Basse (Bertha) Simson geborene Siew (*19. Mai 1848), war sie das fünfte von insgesamt neun Kindern. Ihre älteren Geschwister Lina Amalie (Leive Marke) (*29. April 1870) und Adolf Isidor (*1. März 1873) wurden vor der Heirat ihrer Eltern in Memel geboren. Ephraim Michael (*23. Januar 1875) war drei Jahre und Caecilie Grethe (*21. April 1876) zwei Jahre älter als sie. Vier Jahre jünger als sie war ihre Schwester Fanny Olga (*14. Juni 1882). Ihre jüngeren Geschwister Dorothea Helene (*26. April 1880), Käthe Rebecca (*1884) und Max Laser (*19. Februar 1885) starben schon im Kleinkindalter.

Ihre älteste Schwester Lina Amalie heiratete in Memel einen Herrn Wolfsohn. Ihr älterer Bruder Ephraim Michael heiratete am 2. Dezember 1900 Olga (Hinde Jole) Wolfsohn (1878-1930), die Tochter von David und Sara Wolfsohn geborene Jacobsohn. Ihr Bruder Adolf Isidor starb 1903 in Italien.

Ihre Schwester Caecilie Grethe heiratete am 21. Juli 1914 mit 38 Jahren den aus Gürkwitz/ Prausnitz, Kreis Militsch in Schlesien (Prusice, Polen) stammenden Chemiker Hermann Karl Oskar Gerber (*23. Dezember 1875). Er war evangelischer Konfession. Vermutlich folgten ihr Rosa und Fanny 1919 nach Berlin. Sie zogen zu ihnen in eine 4-Zimmer-Wohnung im 4. Stock des Vorderhauses in der Hektorstraße 20 in Halensee, einem gutbürgerlichen Viertel Berlins.

Die 40-jährige Fanny heiratete am 6. April 1923 den gleichaltrigen, aus Homberg stammenden Ingenieur Bernhard Josef Johannes Goetjes (*25. September 1882). Sie wohnten in der Krummen Straße 44 in Berlin-Charlottenburg.

Nachdem ihre Schwester Caecilie Grethe Gerber am 17. September 1929 mit 53 Jahren starb, wohnte Rosa drei Jahre lang mit ihrem Schwager, dem Apotheker und Nahrungsmittelchemiker Dr. phil. Hermann Gerber, zusammen in der Hektorstraße 20. Als er am 8. Juni 1933 zum zweiten Mal heiratete, war Rosa die Trauzeugin. Das Brautpaar wohnte fortan in Merseburg. Rosa übernahm den Mietvertrag und war 1934 im Berliner Adressbuch unter „Simon, R. Frau“ in der Hektorstraße 20 zu finden. Die falsche Schreibweise ohne s ließ sie erst 1936 korrigieren. Das letzte Mal führte das Berliner Adressbuch 1941 ihren Namen ohne den Zwangsnamen Sara. Das war ihre Art, sich über die nationalsozialistischen Verordnungen und Gesetze hinwegzusetzen. Drei Zimmer ihrer Wohnung vermietete sie unter.

Als Rosa am 8. Oktober 1942 ihre Vermögenserklärung ausfüllte, hatte sie absolut nichts mehr, was die Nationalsozialisten hätten zu Geld machen können. Vermutlich hatte sie die Möbel im Vorfeld verkauft oder verschenkt. Bei der Angabe zu Damenkleidung und Tischwäsche der Erklärung schrieb sie: „wird mitgenommen“.

Bis zu ihrer Deportation wurde sie im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Am 29. Oktober 1942 transportierte die Gestapo sie vom Anhalter-Bahnhof nach Theresienstadt. Trotz unmenschlicher Bedingungen im Ghetto überlebte sie dort anderthalb Jahre. Am 16. Mai 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert und ermordet. Rosa Simson starb mit 64 Jahren.

Auch ihre älteren Geschwister Lina Amalie Wolfsohn geborene Simson und Ephraim Michael Simson wurden 1944 in Auschwitz ermordet.

Ihre jüngste Schwester Fanny Olga Goetjes geborene Simson war durch die „Mischehe” mit dem Katholiken Bernhard Goetjes vor der Deportation geschützt und überlebte die Shoa in Berlin.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Januar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 36501, Rosa Simso(h)n
Stolperstein für Erna Steckel

Stolperstein für Erna Steckel

HIER WOHNTE
ERNA STECKEL
JG. 1909
DEPORTIERT 29.10.1941
LODZ
ERMORDET 4.5.1942
KULMHOF

Erna Steckel wurde am 1. März 1909 in Neustadt bei Pinne im Posener Land (Lwówek, Polen) als Zwilling geboren. Ihre Zwillingsschwester Charlotte starb acht Tage nach der Geburt am 8. März 1909. Für ihre Eltern, den Kaufmann Hugo Steckel (*27. September 1868) und dessen zweite Ehefrau, die aus Breslau stammende Frieda Ida Steckel geborene Süssmann (*27. Juni 1880), war Erna das erste gemeinsame Kind.

Ihr Vater Hugo hatte aus erster Ehe mit Elfriede Steckel geborene Wolfsohn, die 1907 gestorben war, schon eine Tochter Henriette, genannt Henny (*19. November 1898), Ernas elf Jahre ältere Halbschwester. Am 26. Dezember 1911 kam ihr Bruder Heinz Wilhelm zur Welt. Die Ehe ihrer Eltern wurde geschieden. Als ihr Vater am 10. Mai 1920 mit 51 Jahren in Berlin starb, war er in dritter Ehe mit Erna Stephan verheiratet. Erna Steckel war damals 11 Jahre alt. Wann sie nach Berlin ging, ist unbekannt.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Erna im 32. Lebensjahr. Sie arbeitete als Hausangestellte.

Ernas ältere Halbschwester Henny wohnte in der Düsseldorfer Straße 23 in Berlin-Wilmersdorf. Sie konnte noch am 26. Juni 1939 nach Großbritannien flüchten. Der jüngste Bruder Heinz wohnte bis zum 22. Oktober 1941 in der Wilhelmstraße 115 in Berlin-Kreuzberg. Er arbeitete als Büroangestellter bei der UFA Film AG am Dönhoff Platz (heute Marion-Gräfin-Dönhoff-Platz).

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Erna in der Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee gemeldet. Im gleichen Haus wohnte auch Recha Gotthilf geborene Wolfsohn. Sie war die Schwester von Hugo Steckers erster Ehefrau. Am 30. September 1940 zog Erna zur Untermiete zu der 58-jährigen Lilli Jette Schmidt in die Konstanzer Straße 7.

Die erste Deportation nach Litzmannstadt erfolgte am 18. Oktober 1941. In dieser Zeit wird auch Erna der Deportationsbefehl erhalten haben. Am 27. Oktober 1941 musste sie sich im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7- 8 einfinden. Dort wurde sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert.

Zwei Tage später, am 29. Oktober, ging es zu Fuß für alle sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der dritte Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den Osten transportierte. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź 478 km von Berlin entfernt, welche die deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann, in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt, wo Erna Steckel einquartiert wurde. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachte sie hier den Winter und das Frühjahr 1942.

Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielt auch Erna einen „Ausreisebefehl“ für den 2. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurde sie am 4. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet. Erna Steckel musste aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien mit 33 Jahren sterben.

Ihr Bruder Heinz überlebte im Versteck in Berlin.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Januar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
Stolperstein für Claire Kaiser

Stolperstein für Claire Kaiser

HIER WOHNTE
CLAIRE KAISER
GEB. KUZNITZKY
JG. 1886
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
27.11.1939

Claire Kaiser wurde als Elise Klara Kuznitzki am 28. Juli 1886 in der Marienstraße 10 in Halle an der Saale geboren. Für Ihre Eltern, den aus Myslowitz in Schlesien (Mysłowice, Polen) stammenden Kaufmann Eugen Kuznitzki (auch Kutznitzky) (*7. Februar 1851) und dessen Ehefrau Hedwig Kuznitzki geborene Rothenberg (*17. Juli 1861), war sie das zweite Kind von insgesamt drei Kindern. Ihre Schwester Emma (*19. Oktober 1882) war vier Jahre älter und ihr Bruder Ernst Heinrich (*7. Oktober 1894) acht Jahre jünger als sie.

Über ihr Leben war nur wenig herauszufinden. Sie war verheiratet (Kaiser) und wieder geschieden. Sie behielt aber nach der Scheidung den Nachnamen ihres Mannes bei, denn sie hatte sich als Claire Kaiser einen Namen als Schauspielerin gemacht.

Ihr jüngerer Bruder Ernst studierte in Würzburg Medizin und heiratete Else Strauß (*25. Juni 1896) aus Darmstadt. Schon 1924 wanderten beide nach New York in die USA aus.

Auch ihre ältere Schwester Emma war verheiratet (Freimann) und wieder geschieden. Sie nahm nach der Scheidung ihren Mädchennamen Kuznitzki wieder an.

1912 hatte Claire ein Engagement am Stadttheater Berlin-Moabit in der Turmstraße 85. Noch 1934, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, spielte sie Theater. Im Shakespeare Jahrbuch 1935 wurde erwähnt, dass Claire Kaiser der Gestalt der Königin all ihren Liebreiz verlieh und vor allem deren Abschiedsszenen wundervoll ergreifend gestaltete. Noch 1936 war sie neben den Schauspielerinnen Ellen Daub, Else Knott, Anita May und Maria Karsten eine der weiblichen Stützen des Frankfurter Schauspielhauses. Danach verliert sich ihre Spur. Vermutlich wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft entlassen.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie als „Nicht-Jüdin“ in der Hektorstraße 20 bei Dr. Meyer im Erdgeschoss links gemeldet. Der Hauptmieter Dr. Georg Meyer war am 15. Dezember 1916 im Ersten Weltkrieg gefallen. In der Wohnung lebte seine Witwe Flora Helene, genannt Lore, Meyer. Ellen Meyer (*8. November 1908), Lores 30-jährige Tochter, war Anfang 1939 nach Großbritannien ausgewandert. Auch Lores Sohn Klaus Ulrich Meyer (*13. Februar 1912) und dessen Ehefrau Ruth Irene geborene Pick gelang die Flucht aus Berlin. Ihm ist es zu verdanken, dass auch Lore Meyer noch im März 1941 nach Brasilien ausreisen konnte.

Warum Claire Kaiser im November 1939 nicht mehr in der Hektorstraße 20 gemeldet war, ist nicht bekannt. Sie zog in die Paulsborner Straße 2 in Berlin-Schmargendorf.

Dort wird sie vermutlich am Sonntagabend des 26. Novembers 1939 eine Überdosis Schlafmittel genommen haben, um ihrem Leben mit 53 Jahren ein Ende zu setzen. Am Tag darauf, am Montag, dem 27. November 1939, wurde sie morgens in ihrem Zimmer in der Paulsborner Straße 2 gefunden und in das Martin-Luther-Krankenhaus in der Caspar-Theyß-Straße 27-29 gebracht, wo nur noch der Tod festgestellt werden konnte. Claire Kaiser geborene Kuznitzki wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

In der Sterbeurkunde, die nach Verlust der ersten Beurkundung am 27. September 1990 erneut ausgestellt worden war, wurde vermerkt: „Schriftstellerin Klara Kaiser geborene Kutznitzki, mosaisch, wohnhaft in Berlin-Wilmersdorf, Paulsborner Straße 2, ist am 27. November 1939 um 12 Uhr in Berlin-Schmargendorf, Caspar-Theyß-Straße 27-29 verstorben.“

Ihre Schwester Emma wurde wegen mehrfachen Betrugs, Urkundenfälschung, Bestechung, Beleidigung und Hehlerei in Leipzig inhaftiert und am 6. April 1940 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie am 31. Mai 1942 starb.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Januar 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
Stolperstein für Franz Kuhn

Stolperstein für Franz Kuhn

HIER WOHNTE
FRANZ KUHN
JG. 1896
DEPORTIERT 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Franz Ferentz Kuhn wurde am 4. April 1896 in Breslau geboren. Für seine Eltern, den aus Zobten am Berge (Sobótka, Polen) in Niederschlesien stammenden praktischen Arzt Dr. med. Leopold Kuhn (*28. Juli 1858) und dessen Ehefrau Martha Kuhn geborene Danziger (*23. September 1853), war er das älteste von insgesamt zwei Kindern. Seine Schwester Lotte (*1898) wurde geboren als Franz zwei Jahre alt war.

Seine Mutter war bei seiner Geburt schon 43 und bei der Geburt seiner Schwester 45 Jahre alt. Wann sie starb, ist nicht bekannt. Sein Vater Leopold heiratete in zweiter Ehe Meta Winkler (*16. Juli 1889) aus Obernigk (Oborniki Śląskie, Polen) im Kreis Trebnitz (Trzebnica, Polen).

Franz Kuhn lernte seine spätere Ehefrau Hertha Löwenthal (*1. Oktober 1899 ) aus Magdeburg im Studium an einer Handelshochschule in Berlin kennen. Beide schlossen ihre Ausbildung als „Diplom-Kaufmann“ ab und heirateten im Mai 1924 in Magdeburg. Ihre Tochter Hannah wurde am 15. August 1928 in Berlin geboren. 1929 ging die kleine Familie nach Köln. Dort besuchte Hannah einen Kindergarten und wurde zum Teil von einem Kindermädchen betreut, weil ihre Eltern beide voll berufstätig waren.

Franz und Hertha waren ein sehr modernes Paar. Zuhause trug Hertha lila Samthosen und rauchte Pfeife. Franz war sehr musikalisch und machte in der Wohnung Kammermusik mit Freunden. Er spielte Cello und Piano. Am Wochenende fuhren sie mit ihrem Boot auf dem Rhein.

Von Köln zogen sie nach Cottbus, wo Hannah 1934 in die städtische Volksschule eingeschult wurde. Nach der Verabschiedung der Nürnberger Rassegesetze machte Franz eine Ausbildung zum Podologen und Masseur in Berlin, da er glaubte, dass dieser Beruf ihnen die Auswanderung erleichtern würde, denn als Geschäftsmann waren alle seine Anträge zur Auswanderung nach Neuseeland, Australien und die USA abgelehnt worden. Als er seine Ausbildung zum Fußpfleger abgeschlossen hatte, praktizierte er anfangs in der Lietzenburger Straße 5 im Gartenhaus Parterre. Seine Ehefrau Hertha und seine Tochter Hannah, die inzwischen schon 10 Jahre alt war, folgten ihm im September 1938 nach Berlin. Franz und Hertha war klar, dass zumindest ihre Tochter so schnell wie möglich Deutschland verlassen müsse.

Nach den Ausschreitungen in der Pogromnacht hielt sich die Familie am 10. November 1938 den ganzen Tag auf der Straße auf, aus Angst, von der Gestapo festgenommen zu werden. Am 1. Dezember 1938 zogen sie in das Gartenhaus der Düsseldorfer Straße 14 in Berlin-Wilmersdorf.

Ein Versuch, Hannah mit der Heilsarmee außer Landes zu bringen, scheiterte. Eine schon ausgewanderte Freundin mit Namen Edith Heskel stellte Kontakte zu Verantwortlichen der Kindertransporte in London her. Briefe gingen hin und her, bis sie schließlich alle Papiere zusammen hatten. Am 15. April 1939 wurde Hannahs Kinderausweis ausgestellt. Am 19. April 1939 morgens um 6.30 Uhr hieß es auf dem Bahnhof von ihrer Tochter Abschied zu nehmen.

Alle drei klammerten sich an den Spruch: „Das wird ein tolles Abenteuer.“ Sie versprachen ihrem „Hannele“ nachzukommen, sobald sie alle Papiere beisammenhätten. Um den Abschied zu erleichtern, baten sie ihre Tochter, bei der übernächsten Station aus dem Fenster zu schauen. Das tat sie und da standen ihre Eltern auf dem Bahnsteig und winkten ihr zu. Das war das letzte Mal, dass sie ihre Eltern sah. Nach ca. 30 Stunden Fahrt kam sie am 21. April 1939 in London an, wo sie von ihren neuen „aunties“ (Tanten), den jüdischen Schwestern Millie und Sophie Levy, abgeholt wurde.

Bei der Minderheiten-Volkszählung am 17. Mai 1939 waren Franz und Hertha noch in der Düsseldorfer Straße 14 gemeldet. Am 1. September 1939 zogen sie in die Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee, wo sie ein Zimmer im Vorderhaus der zweiten Etage für 42,75 RM mieteten. Die Benutzung einer gemeinsamen Küche war in der Miete enthalten.

Bis zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 konnten sie sich Briefe mit Hannah schreiben. Danach ging der Postverkehr über die neutrale Schweiz und das Rote Kreuz. Erlaubt war nur noch eine Postkarte mit höchstens 25 Worten. Manche Briefe wurden durch Freunde aus Deutschland herausgeschmuggelt und dann aus dem Ausland nach Großbritannien versandt.

Franz und Hertha wurden nicht zur Zwangsarbeit herangezogen, da sie beide durch die selbstständige Arbeit als „Fußbehandler“ für ihren Lebensunterhalt aufkommen konnten.
Am 22. Juni 1942 bekam Hannah den letzten Brief ihrer Eltern.

Am 7. Dezember 1942 wurde Hertha aufgefordert, eine Vermögenserklärung auszufüllen. Sie wurde bis zu ihrer Abreise in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Mit dem 25. Osttransport deportierte die Gestapo sie am 14. Dezember 1942 zusammen mit 812 Leidensgenossinnen und -genossen in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie sie ermordeten.

Noch im Dezember 1942 schrieb Franz seiner Tochter und deren „Tanten“ in Großbritannien: „Tut mir leid, schlechte Nachrichten. Mama ist am 14. Dezember ausgewandert. Ich bin selbst entsetzt, aber zuversichtlich, dass es nach dem Krieg zu einer Familienwiedervereinigung kommen wird.“ Am 24. Januar 1943 schrieb er eine letzte Nachricht an seine Tochter.

Mit dem 29. Osttransport wurde Franz Kuhn am 19. Februar 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und ermordet. Franz Kuhn starb mit 46 Jahren aufgrund eines großen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.

Franz Stiefmutter Meta Kuhn, die keine Jüdin war, hielt weiterhin Kontakt zu ihrer Stiefenkelin Hannah in Großbritannien. In ihrem letzten Schreiben vom 13. Juni 1944 schrieb sie: „Sobald ich Näheres von Eltern höre, folgt umgehende Nachricht“. Meta Kuhn wurde vermutlich beim Vormarsch der Roten Armee getötet.

Hannah Kuhn heiratete am 21. Mai 1950 Bob Kirk, der als Kind ebenfalls mit einem Kindertransport aus Hannover nach England gebracht worden war. Hannah, die sich in Großbritannien Ann nannte, leistete ihr Leben lang Holocaust-Aufklärung und pädagogische Erinnerungs- und Gedenkarbeit. Sie war davon überzeugt, dass „die kommenden Generationen wissen müssen, was geschehen ist. Denn ohne Wissen gibt es keine Erinnerung“. Die Stolpersteine für ihre Eltern Franz und Hertha Kuhn wurden von ihr initiiert.

Ann Kirk starb am 28. Januar 2025 mit 97 Jahren, sechs Wochen nach dem Tod ihres Ehemannes Bob Kirk, der im Dezember 2024 mit 99 Jahren gestorben war.

Text und Recherche: Gundula Meiering unter Zuhilfenahme der Veröffentlichungen und Interviews von Ann Kirk, November 2025

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
  • Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung, Reg. 36A (II) 20725 Franz Kuhn und Hertha Kuhn
  • The Wiener Holocaust Library, Hannah Kuhn: Familienpapiere
  • ZDF History: Rettung der Zehntausend – Die Kindertransporte (You Tube 20.10.2018)
  • Ausstellung in der Halle des Paul-Löbe-Hauses: I said, „Auf Wiedersehen“ – 85 Jahre Kindertransport nach Großbritannien, Januar 2024
Stolperstein für Hertha Kuhn

Stolperstein für Hertha Kuhn

HIER WOHNTE
HERTHA KUHN
GEB. LÖWENTHAL
JG. 1899
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Hertha Kuhn wurde als Hertha Löwenthal am 1. Oktober 1899 in Magdeburg geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann und Schürzenfabrikanten Gustav Löwenthal (*20. September 1861) und dessen Ehefrau Auguste Löwenthal geborene Jacob (*2. November 1861), war sie das jüngste von insgesamt drei Kindern. Elsbeth (*27. Januar 1891), genannt Elsa, war acht Jahre und Kurt (26. Febraur 1892) sieben Jahre älter als sie.

Hertha studierte an einer Handelshochschule in Berlin und schloss ihr Studium als „Diplom-Kaufmann“ ab. Im Studium lernte sie ihren späteren Ehemann Franz Kuhn (*4. April 1896) kennen. Sie heirateten im Mai 1924 in Magdeburg. Ihre Tochter Hannah wurde am 15. August 1928 in Berlin geboren. 1929 ging die kleine Familie nach Köln. Dort besuchte Hannah einen Kindergarten und wurde zum Teil von einem Kindermädchen betreut, weil ihre Eltern beide voll berufstätig waren, was für Frauen in der damaligen Zeit eher selten war.

Hertha und Franz waren ein sehr modernes Paar. Zuhause trug Hertha, die sich selber ohne h schrieb, lila Samthosen und rauchte Pfeife. Franz war sehr musikalisch und machte in der Wohnung Kammermusik mit Freunden. Er spielte Cello und Piano. Am Wochenende fuhren sie mit ihrem Boot auf dem Rhein.

Herthas Schwester Elsbeth, die 1917 ihren Cousin Richard Perlstein geheiratet hatte, zog 1927 zurück zu ihren Eltern nach Magdeburg. 1928 wurde sie von ihrem Ehemann geschieden. Sie pflegte daraufhin ihre Mutter, die am 28. Oktober 1930 mit 69 Jahren starb, und kümmerte sich um den Vater.

Von Köln zog Hertha zusammen mit ihrer Familie nach Cottbus, wo Hannah 1934 in die städtische Volksschule eingeschult wurde. Franz machte 1936 eine Ausbildung zum Podologen und Masseur in Berlin, um mehr Chancen bei der Auswanderung zu haben.

Hertha nahm eine Stelle im 500 km entfernten Wuppertal-Elberfeld an, folgte dann aber im September 1938 ihrem Mann nach Berlin, zusammen mit Hannah, die inzwischen schon 10 Jahre alt war. Hertha und Franz war klar, dass wenigstens ihre Tochter so schnell wie möglich Deutschland verlassen müsse.

Nach den Ausschreitungen in der Pogromnacht hielt sich die Familie am 10. November 1938 aus Angst, von der Gestapo festgenommen zu werden, den ganzen Tag auf der Straße auf. Am 1. Dezember 1938 zogen sie in das Gartenhaus der Düsseldorfer Straße 14 in Berlin-Wilmersdorf.

Ein Versuch, Hannah mit der Heilsarmee außer Landes zu bringen, scheiterte. Eine schon ausgewanderte Freundin mit Namen Edith Heskel stellte Kontakte zu Verantwortlichen der Kindertransporte in London her. Briefe gingen hin und her, bis sie schließlich alle Papiere zusammen hatten. Am 15. April 1939 wurde Hannahs Kinderausweis ausgestellt. Am 19. April 1939 morgens um 6.30 Uhr hieß es Abschied nehmen.

Alle drei klammerten sich an den Spruch: „Das wird ein tolles Abenteuer.“ Sie versprachen ihrem Hannele nachzukommen, sobald sie alle Papiere beisammenhätten. Um den Abschied zu erleichtern, baten sie Hannah, bei der übernächsten Station aus dem Fenster zu schauen. Das tat sie und da standen ihre Eltern auf dem Bahnsteig und winkten ihr zu. Es war das letzte Mal, dass sie ihre Eltern sah. Nach ca. 30 Stunden Fahrt kam sie am 21. April 1939 in London an, wo sie von ihren neuen „aunties“ (Tanten), den jüdischen Schwestern Millie und Sophie Levy, abgeholt wurde.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung” am 17. Mai 1939 waren Hertha und Franz noch in der Düsseldorfer Straße 14 gemeldet. Am 1. September 1939 zogen sie in die Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee, wo sie ein Zimmer im Vorderhaus der zweiten Etage für 42,75 RM mieteten. Die Benutzung einer gemeinsamen Küche war in der Miete enthalten.

Bis zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 konnten sie sich Briefe mit Hannah schreiben. Danach ging der Postverkehr über die neutrale Schweiz und das Rote Kreuz. Erlaubt war nur noch eine Postkarte mit höchstens 25 Worten. Einige Briefe wurden durch Freunde aus Deutschland herausgeschmuggelt und aus dem Ausland versandt.

Hertha und Franz wurden nicht zur Zwangsarbeit herangezogen, da sie beide durch die selbstständige Arbeit als „Fußbehandler“ für ihren Lebensunterhalt aufkommen konnten. Am 22. Juni 1942 bekam Hannah den letzten langen Brief ihrer Eltern.

Herthas Vater Gustav Löwenthal starb am 29. Juni 1942 mit 81 Jahren. Ihm blieb dadurch die Deportation erspart. Ihre Schwester Elsbeth wurde kurz darauf, am 11. Juli 1942, mit dem 2. Osttransport von Magdeburg über Berlin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Elsbeth Perlstein geborene Löwenthal starb mit 51 Jahren.

Ein halbes Jahr später, am 7. Dezember 1942, wurde auch Hertha aufgefordert, eine Vermögenserklärung auszufüllen bevor sie in den Osten verbracht werden sollte. Bis zu ihrer Abreise wurde sie in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Mit dem 25. Osttransport deportierte die Gestapo sie am 14. Dezember 1942 zusammen mit 812 Leidensgenossinnen und -genossen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie sie ermordeten. Hertha Kuhn geborene Löwenthal starb mit 43 Jahren.

Noch im Dezember 1942 schrieb Franz seiner Tochter und deren „Tanten“ in Großbritannien: „Tut mir leid, schlechte Nachrichten. Mama ist am 14. Dezember ausgewandert. Ich bin selbst entsetzt, aber zuversichtlich, dass es nach dem Krieg zu einer Familienwiedervereinigung kommen wird.“ Mit dem 29. Osttransport wurde Franz Kuhn am 19. Februar 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und ermordet. Franz Kuhn starb mit 46 Jahren. Herthas Bruder, der Kaufmann Kurt Löwenthal, überlebte in Berlin-Wedding.

Hannah Kuhn heiratete am 21. Mai 1950 Bob Kirk, der als Kind ebenfalls mit einem Kindertransport aus Hannover nach England gebracht worden war. Hannah, die sich in Großbritannien Ann nannte, leistete ihr Leben lang Holocaust-Aufklärung und pädagogische Erinnerungs- und Gedenkarbeit. Sie war davon überzeugt, dass „die kommenden Generationen wissen müssen, was geschehen ist. Denn ohne Wissen gibt es keine Erinnerung“. Die Stolpersteine für ihre Eltern Franz und Hertha Kuhn wurden von ihr initiiert.

Ann Kirk starb am 28. Januar 2025 mit 97 Jahren, keine acht Wochen nach dem Tod ihres Ehemannes Bob Kirk, der im Dezember 2024 mit 99 Jahren gestorben war.

Text und Recherche: Gundula Meiering unter Zuhilfenahme der Veröffentlichungen und Interviews von Ann Kirk, November 2025

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung, Reg. 36A (II) 20725 Franz Kuhn und Hertha Kuhn
  • The Wiener Holocaust Library, Hannah Kuhn: Familienpapiere
  • ZDF History: Rettung der Zehntausend – Die Kindertransporte (You Tube 20.10.2018)
  • Ausstellung in der Halle des Paul-Löbe-Hauses: I said, „Auf Wiedersehen“ – 85 Jahre Kindertransport nach Großbritannien, Januar 2024
  • Gedenkblatt für Elsbeth Perlstein von Schülerinnen und Schülern der BBS Eike-von-Repgow und deren Lehrerin, Elke Rühling, Stolperstein in Magdeburg
Stolperstein für Kurt Silbermann

HIER WOHNTE
KURT SILBERMANN
JG. 1894
VERHAFTET 14.11.1939
KZ SACHSENHAUSEN
FLUCHT 1940
SHANGHAI

Kurt Silbermann wurde am 21. Dezember 1894 in Kattowitz geboren und zog als konservativer und überzeugter Deutscher (Preuße) nach Berlin, da es als kommerzielles und kulturelles Zentrum Mitteleuropas angesehen wurde. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert galt Deutschland als weltweit führend in den Bereichen der Musik, Literatur, Philosophie, Medizin, Forschung und Wirtschaft. Hier lernte er Ruth kennen und sie heirateten. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Kavallerist mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Von Beruf war Kurt Vertreter. Er und Ruth, wie ihre Familie, waren sehr liberale Juden. Aufgrund seiner Auszeichnung fühlte er sich sicher und war den Nazis wegen seiner „großen Klappe”, wie es der Neffe seiner Frau Ruth ausdrückte, ein Dorn im Auge. Nach der Reichspogromnacht wurde auch er verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht: Er erhielt die Häftlingsnummer 9-80.

Stolperstein für Ruth Silbermann

HIER WOHNTE
RUTH SILBERMANN
GEB. LEWIN
JG.1907
FLUCHT 1940
SHANGHAI

Ruth Silbermann, geb. Lewin wurde am 20. Oktober 1907 in Berlin als Tochter von Isidor und Alice Lewin geboren. Der Name Lewin ist die deutsche Variante von Levy/Levi, was aus dem hebräischen übersetzt soviel heißt wie „vereinen“ und ist biblischer Abstammung. Sie hatte drei Geschwister: Kurt, Heinz bzw. Harry und Ingeborg, die Herbert Nachemstein heiratete. Ruth lebte hier mit Kurt in der Nähe ihrer Geschwister und der liberalen Synagoge, die sie jedoch nur an hohen Feiertagen besuchten. Ruth musste zuletzt als Zwangsarbeiterin unter schweren Bedingungen in den Siemens Schuckert Werken in Charlottenburg arbeiten. Sie war eine sehr tapfere und mutige Frau: Nach Erhalt der Einreisegenehmigung für Shanghai – die Hebrew Immigration Aid Society /HIAS ermutigte jüdische Bürger, die von anderen Ländern abgewiesen worden waren, nach Shanghai zu kommen – holte sie mit diesen Papieren Kurt aus der Haft im KZ Sachsenhausen.

Die Nürnberger Gesetze, Ausreisebeschränkungen, Namenszusätze wie Israel bzw. Sara, das J für „Jude“ in Ausweispapieren, Kündigung der Wohnung u.a. durch die IDUNA GERMANIA machten das Überleben unerträglich, ja unmöglich. Ruth und Kurt folgten Teilen der Familie sehr viel später, aber gerade noch rechtzeitig am 28. Oktober 1940 mit dem Zug über Kattowitz und Moskau nach Wladiwostock und von dort mit dem Schiff nach Shanghai.

Die Geschichte der Familie ist im Buch „Escape from Berlin“ Foreword by Peter Fitzsimons von Peter Nash (vormals Nachemstein), dem Neffen von Ruth, nachzulesen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verstreuten sich die Familienmitglieder von Shanghai aus in die ganze Welt: Kurts Schwester ging nach Montevideo, Ruths Schwester nach Australien und ihre Brüder u.a. nach San Francisco; Kurt und Ruth selber flogen am 1. Februar 1949 nach Israel. Hier begann für sie wieder ein neues Leben.

Kurt starb am 25. Juni 1981 an mehreren Schlaganfällen – Ruth folgte ihm schließlich am 12. Dezember 1994.

Biografische Zusammenstellung: Markus Prengel

Quellen:
  • Persönliche Auskünfte
  • Mündliche Überlieferungen: Gespräche mit Ruth und Kurt Silbermann
  • Briefe und Mails mit Silbermanns und Peter Nash (vormals Peter Nachemstein)
  • Peter Nash: „Escape from Berlin“ Forword by Peter Fitzsimons
  • Bundesarchiv
  • Arolsen Archives

Adresse

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