HIER WOHNTE
HERTHA KUHN
GEB. LÖWENTHAL
JG. 1899
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ
Hertha Kuhn wurde als Hertha Löwenthal am 1. Oktober 1899 in Magdeburg geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann und Schürzenfabrikanten Gustav Löwenthal (*20. September 1861) und dessen Ehefrau Auguste Löwenthal geborene Jacob (*2. November 1861), war sie das jüngste von insgesamt drei Kindern. Elsbeth (*27. Januar 1891), genannt Elsa, war acht Jahre und Kurt (26. Febraur 1892) sieben Jahre älter als sie.
Hertha studierte an einer Handelshochschule in Berlin und schloss ihr Studium als „Diplom-Kaufmann“ ab. Im Studium lernte sie ihren späteren Ehemann Franz Kuhn (*4. April 1896) kennen. Sie heirateten im Mai 1924 in Magdeburg. Ihre Tochter Hannah wurde am 15. August 1928 in Berlin geboren. 1929 ging die kleine Familie nach Köln. Dort besuchte Hannah einen Kindergarten und wurde zum Teil von einem Kindermädchen betreut, weil ihre Eltern beide voll berufstätig waren, was für Frauen in der damaligen Zeit eher selten war.
Hertha und Franz waren ein sehr modernes Paar. Zuhause trug Hertha, die sich selber ohne h schrieb, lila Samthosen und rauchte Pfeife. Franz war sehr musikalisch und machte in der Wohnung Kammermusik mit Freunden. Er spielte Cello und Piano. Am Wochenende fuhren sie mit ihrem Boot auf dem Rhein.
Herthas Schwester Elsbeth, die 1917 ihren Cousin Richard Perlstein geheiratet hatte, zog 1927 zurück zu ihren Eltern nach Magdeburg. 1928 wurde sie von ihrem Ehemann geschieden. Sie pflegte daraufhin ihre Mutter, die am 28. Oktober 1930 mit 69 Jahren starb, und kümmerte sich um den Vater.
Von Köln zog Hertha zusammen mit ihrer Familie nach Cottbus, wo Hannah 1934 in die städtische Volksschule eingeschult wurde. Franz machte 1936 eine Ausbildung zum Podologen und Masseur in Berlin, um mehr Chancen bei der Auswanderung zu haben.
Hertha nahm eine Stelle im 500 km entfernten Wuppertal-Elberfeld an, folgte dann aber im September 1938 ihrem Mann nach Berlin, zusammen mit Hannah, die inzwischen schon 10 Jahre alt war. Hertha und Franz war klar, dass wenigstens ihre Tochter so schnell wie möglich Deutschland verlassen müsse.
Nach den Ausschreitungen in der Pogromnacht hielt sich die Familie am 10. November 1938 aus Angst, von der Gestapo festgenommen zu werden, den ganzen Tag auf der Straße auf. Am 1. Dezember 1938 zogen sie in das Gartenhaus der Düsseldorfer Straße 14 in Berlin-Wilmersdorf.
Ein Versuch, Hannah mit der Heilsarmee außer Landes zu bringen, scheiterte. Eine schon ausgewanderte Freundin mit Namen Edith Heskel stellte Kontakte zu Verantwortlichen der Kindertransporte in London her. Briefe gingen hin und her, bis sie schließlich alle Papiere zusammen hatten. Am 15. April 1939 wurde Hannahs Kinderausweis ausgestellt. Am 19. April 1939 morgens um 6.30 Uhr hieß es Abschied nehmen.
Alle drei klammerten sich an den Spruch: „Das wird ein tolles Abenteuer.“ Sie versprachen ihrem Hannele nachzukommen, sobald sie alle Papiere beisammenhätten. Um den Abschied zu erleichtern, baten sie Hannah, bei der übernächsten Station aus dem Fenster zu schauen. Das tat sie und da standen ihre Eltern auf dem Bahnsteig und winkten ihr zu. Es war das letzte Mal, dass sie ihre Eltern sah. Nach ca. 30 Stunden Fahrt kam sie am 21. April 1939 in London an, wo sie von ihren neuen „aunties“ (Tanten), den jüdischen Schwestern Millie und Sophie Levy, abgeholt wurde.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung” am 17. Mai 1939 waren Hertha und Franz noch in der Düsseldorfer Straße 14 gemeldet. Am 1. September 1939 zogen sie in die Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee, wo sie ein Zimmer im Vorderhaus der zweiten Etage für 42,75 RM mieteten. Die Benutzung einer gemeinsamen Küche war in der Miete enthalten.
Bis zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 konnten sie sich Briefe mit Hannah schreiben. Danach ging der Postverkehr über die neutrale Schweiz und das Rote Kreuz. Erlaubt war nur noch eine Postkarte mit höchstens 25 Worten. Einige Briefe wurden durch Freunde aus Deutschland herausgeschmuggelt und aus dem Ausland versandt.
Hertha und Franz wurden nicht zur Zwangsarbeit herangezogen, da sie beide durch die selbstständige Arbeit als „Fußbehandler“ für ihren Lebensunterhalt aufkommen konnten. Am 22. Juni 1942 bekam Hannah den letzten langen Brief ihrer Eltern.
Herthas Vater Gustav Löwenthal starb am 29. Juni 1942 mit 81 Jahren. Ihm blieb dadurch die Deportation erspart. Ihre Schwester Elsbeth wurde kurz darauf, am 11. Juli 1942, mit dem 2. Osttransport von Magdeburg über Berlin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Elsbeth Perlstein geborene Löwenthal starb mit 51 Jahren.
Ein halbes Jahr später, am 7. Dezember 1942, wurde auch Hertha aufgefordert, eine Vermögenserklärung auszufüllen bevor sie in den Osten verbracht werden sollte. Bis zu ihrer Abreise wurde sie in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Mit dem 25. Osttransport deportierte die Gestapo sie am 14. Dezember 1942 zusammen mit 812 Leidensgenossinnen und -genossen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie sie ermordeten. Hertha Kuhn geborene Löwenthal starb mit 43 Jahren.
Noch im Dezember 1942 schrieb Franz seiner Tochter und deren „Tanten“ in Großbritannien: „Tut mir leid, schlechte Nachrichten. Mama ist am 14. Dezember ausgewandert. Ich bin selbst entsetzt, aber zuversichtlich, dass es nach dem Krieg zu einer Familienwiedervereinigung kommen wird.“ Mit dem 29. Osttransport wurde Franz Kuhn am 19. Februar 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und ermordet. Franz Kuhn starb mit 46 Jahren. Herthas Bruder, der Kaufmann Kurt Löwenthal, überlebte in Berlin-Wedding.
Hannah Kuhn heiratete am 21. Mai 1950 Bob Kirk, der als Kind ebenfalls mit einem Kindertransport aus Hannover nach England gebracht worden war. Hannah, die sich in Großbritannien Ann nannte, leistete ihr Leben lang Holocaust-Aufklärung und pädagogische Erinnerungs- und Gedenkarbeit. Sie war davon überzeugt, dass „die kommenden Generationen wissen müssen, was geschehen ist. Denn ohne Wissen gibt es keine Erinnerung“. Die Stolpersteine für ihre Eltern Franz und Hertha Kuhn wurden von ihr initiiert.
Ann Kirk starb am 28. Januar 2025 mit 97 Jahren, keine acht Wochen nach dem Tod ihres Ehemannes Bob Kirk, der im Dezember 2024 mit 99 Jahren gestorben war.
Text und Recherche: Gundula Meiering unter Zuhilfenahme der Veröffentlichungen und Interviews von Ann Kirk, November 2025
Quellen:
- Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Amtliche Fernsprechbücher Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über Ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung, Reg. 36A (II) 20725 Franz Kuhn und Hertha Kuhn
- The Wiener Holocaust Library, Hannah Kuhn: Familienpapiere
- ZDF History: Rettung der Zehntausend – Die Kindertransporte (You Tube 20.10.2018)
- Ausstellung in der Halle des Paul-Löbe-Hauses: I said, „Auf Wiedersehen“ – 85 Jahre Kindertransport nach Großbritannien, Januar 2024
- Gedenkblatt für Elsbeth Perlstein von Schülerinnen und Schülern der BBS Eike-von-Repgow und deren Lehrerin, Elke Rühling, Stolperstein in Magdeburg