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Stolpersteine Giesebrechtstraße 21

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Hauseingang Giesebrechtstr. 21
Bild: B.Plewa

Diese Stolpersteine wurden am 14.10.2009 verlegt und wurden von Gero von Boehm gespendet.

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Stolperstein Marie Berkelmann
Bild: B.Plewa

HIER WOHNTE
MARIE BERKELMANN
GEB. SIMON
JG. 1888
DEPORTIERT 14.4.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET

Marie Olga Simon kam am 18. Mai 1888 in Berlin als Tochter des 1844 geborenen jüdischen Kaufmanns Max Hugo Simon und seiner zwei Jahre jüngeren Ehefrau Olga geb. Rosenstiel auf die Welt. Ihre Eltern stammten aus (Nieder-)Schlesien, der Vater aus Klein Eulau (heute Iława/Polen), einer Landgemeinde im Kreis Sprottau (heute Szprotawa/Polen), die Mutter aus dem nahen Glogau (heute Głogów/Polen). Die Großeltern Rosenstiel waren um 1860 mit ihren Kindern nach Berlin gezogen, und die Eltern von Marie Simon hatten dort 1869 geheiratet. Nach zehn Jahren in der Heimat des Vaters zogen sie 1879 nach Berlin.
Marie Simon war das jüngste von (nach dem Stand der Recherche) neun Kindern: Noch im Kreis Sprottau auf die Welt gekommen waren die Schwestern Franziska (1874–1939), Gertrud (1875–1943), Katharina Martha (*1876) und Marianne Elsbeth (1878–1881). In Berlin geboren wurden die Schwestern Luise Alice (*1879), Margarethe (1880–1942), Charlotte Rosina (*1882) und schließlich der Bruder Max Julius (*1884).
Vater Max Simon arbeitete in Berlin als angestellter Kaufmann, war Buchhalter und zuletzt laut Berliner Adressbuch „Bürochef“. Die Eltern wechselten oft die Wohnung: In den ersten Jahren lebte die Familie im Zentrum der Stadt, in der Schönhauser Allee und der Invalidenstraße. Zum Zeitpunkt der Geburt von Marie Simon wohnte die Familie Simon bereits einige Jahre in der Lichterfelder Straße 11, der heutigen Methfesselstraße, am „grünen“ Kreuzberg. Hinter dieser Hausnummer verbarg sich das „Tivoli“, in Berlin eine bekannte Brauerei mit Gartenlokal und (politischem) Versammlungssaal. Hier gab es auch Wohnungen für „Betriebsbeamte“, zu denen Max Simon wohl gehört hat. Danach ging es zurück in das Zentrum von Berlin, in die Burgstraße nahe der Berliner Börse. Hier wuchs Marie Simon auf. Als 1906 ihre Mutter starb, war sie fast erwachsen.

Die Familie war kleiner geworden, die Schwestern Franziska, Luise Alice und Margarethe hatten geheiratet. Die unverheiratet gebliebene Schwester Gertrud war Inhaberin einer Pension in Berlin-Schöneberg. Und auch Marie Simon war berufstätig: Als die 1913 den Drogisten Johannes Ernst (genannt Hans) Berkelmann heiratete, wohnte sie zwar noch bei ihrem Vater in der Landshuter Straße in Schöneberg, war aber laut Heiratsurkunde „Erzieherin“ von Beruf. (Das heißt, dass sie Hauslehrerin oder Gouvernante war, keine „Kindergärtnerin“.) Ihr 1884 geborener Ehemann stammte aus Lehe, heute zu Bremerhaven gehörend, und war (auch nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten) kein Jude. Johannes Berkelmann gab zum Zeitpunkt der Hochzeit als Anschrift die Ansbacher Straße 38 an – dies war die Anschrift der Pension seiner Schwägerin Gertrud Simon.

Am 20. Oktober 1914, wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde der Sohn Adolf geboren – da war der Ehemann und Vater Hans Berkelmann schon „im Felde“, wie es in der Geburtsanzeige im Berliner Tageblatt hieß. Die Eltern wohnten für kurze Zeit in Teltow am südwestlichen Stadtrand von Berlin. Hans Berkelmann fiel im Krieg. In Teltow findet sich auf einer Gedenktafel für die Toten des Ersten Weltkriegs in der Kirche St. Andreas sein Name.

Als Kriegerwitwe zog Marie Berkelmann in das Erdgeschoss des Gartenhauses der Ansbacher Straße 38. Sie eröffnete ein „Schreibmaschinenbüro“: Die Schreibmaschine, ein relativ neues Arbeitsmittel, war eine „weibliche Maschine“ geworden, die nach einer kurzen Ausbildung auch einer alleinstehenden Frau die Berufstätigkeit möglich machte.

Marie Berkelmann heiratete nicht wieder. Bis zum Ende der Weimarer Republik lebten und arbeiteten sie und ihre Schwester Gertrud Simon in der Ansbacher Straße. Marie Berkelmann zog als berufstätige Frau ihr Kind groß. Ihr Sohn Adolf wurde Drogist wie sein Vater. Er blieb ledig und scheint in Berlin bei seiner Mutter gelebt zu haben. Im Mai 1939 wohnte Marie Berkelmann mit ihrem Sohn in einer Erdgeschosswohnung im Hinterhaus der Giesebrechtstraße 21. Dies war auch ihre letzte Anschrift vor der Deportation.

Am 14. April 1942 wurde Marie Berkelmann in das Ghetto von Warschau verschleppt. In dem Transport mit über 900 Menschen befanden sich neben Juden aus den Regierungsbezirken Potsdam und Magdeburg auch 65 Berliner Jüdinnen und Juden – zu ihnen gehörte Marie Berkelmann. Sie kehrte nicht zurück.
Ihr Sohn Adolf lebte zuletzt in Rostock. Im Sommer 1942 wurde er in das KZ Sachsenhausen eingeliefert, am 5. Oktober 1942 kam er dort um. Ihre Schwester Margarete (verh. Feuchtwanger) wurde Ende September 1942 in Raasiku bei Reval erschossen, ihre Schwester Gertrud am 3. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihre Schwester Luise Alice (verh. Recanati) überlebte: Sie stellte 1959 in Berlin den Wiedergutmachungsantrag für Marie Berkelmann, ihr Wohnort war der von Überlebenden des Holocaust gegründete Kibbuz Netzer Sereni.

Quellen:
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
LABO Entschädigungsbehörde
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
Landesarchiv Berlin, WGA
https://www.geni.com/people/
https://www.juedische-gemeinden.de
https://www.mappingthelives.org/
http://www.denkmalprojekt.org/2014/teltow-kirche_lk-potsdam-mittelmark_1813_wk1_brb.html
http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_ber_ot13.html
Berliner Tageblatt vom 22.10.1914 (Geburtsanzeige für Adolf Berkelmann)

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

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Stolperstein Adolf Berkelmann
Bild: B.Plewa

HIER WOHNTE
ADOLF BERKELMANN
JG. 1914
VERHAFTET
SACHSENHAUSEN
ERMORDET 5.10.1942

Adolf Joachim Berkelmann kam am 20. Oktober 1914 in Berlin als Sohn des Drogisten Johannes Ernst (genannt Hans) Berkelmann und seiner Ehefrau Marie Olga geb. Simon auf die Welt. Mit (fast) 28 Jahren starb er im KZ Sachsenhausen, nach offiziellen Angaben an Ruhr. Über sein Leben ist bisher wenig bekannt.
Die Eltern von Adolf Berkelmann hatten 1913 in Berlin geheiratet. Sein 1884 geborener Vater, der evangelischer Christ und auch nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten kein Jude war, stammte aus Lehe, heute ein Stadtteil von Bremerhaven. Dort war Adolf Berkelmanns Großvater Maschineninspektor bei der bekannten Reederei Norddeutscher Lloyd. Seine 1888 in Berlin geborene Mutter stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Schlesien nach Berlin gekommen war. Seine Großmutter Simon lernte Adolf Berkelmann nicht mehr kennen, sie war 1906 gestorben. Es lebten aber in Berlin mehrere verheiratete Schwestern seiner Mutter. Eine wichtige Rolle wird sicherlich die 1875 noch in Schlesien geborene und ledig gebliebene Tante Gertrud Simon für ihn gespielt haben: Sie besaß eine Pension in der Ansbacher Straße 38 in Berlin-Schöneberg. In demselben Haus sollte er aufwachsen und lange leben.
Auch die Mutter von Adolf Berkelmann war vor der Ehe berufstätig gewesen: Als sie 1913 Hans Berkelmann heiratete, wohnte sie zwar noch bei ihrem Vater, war aber laut Heiratsurkunde „Erzieherin“ von Beruf, also Hauslehrerin oder Gouvernante, keine „Kindergärtnerin“.
Sein Vater gab zum Zeitpunkt der Hochzeit als Anschrift die Ansbacher Straße 38 an – die Anschrift der Pension der Tante.

Als Adolf Berkelmann ungefähr ein Vierteljahr nach Beginn des Ersten Weltkrieges auf die Welt kam, wohnten seine Eltern in Teltow am südwestlichen Stadtrand von Berlin. Sein Vater war schon „im Felde“, wie es in der Geburtsanzeige im Berliner Tageblatt heißt. Er überlebte den Krieg nicht und fiel bereits am 20. Februar 1915.
In Teltow findet sich sein Name auf einer Gedenktafel in der Kirche St. Andreas für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Als Kriegerwitwe zog Marie Berkelmann in das Erdgeschoss des Gartenhauses der Ansbacher Straße 38 und eröffnete ein „Schreibmaschinenbüro“. Sie heiratete nicht wieder. Bis zum Ende der Weimarer Republik lebten und arbeiteten sie und ihre Schwester Gertrud Simon in der Ansbacher Straße. Marie Berkelmann zog als berufstätige Frau ihr Kind groß. Ob ihr Sohn Kontakt zu den Großeltern und anderen Verwandten Berkelmann in Lehe hatte?

Adolf Berkelmann wurde Drogist wie sein Vater. Er blieb ledig und scheint in Berlin bei seiner Mutter gewohnt zu haben. Im Mai 1939 wohnten Mutter und Sohn laut Volkszählung in einer Erdgeschosswohnung im Hinterhaus der Giesebrechtstraße 21. Aber es heißt auch, dass man seit 1936 nichts mehr von Adolf Berkelmann gehört hat.
Adolf Berkelmann war „mosaisch“, also Glaubensjude, und mit einer jüdischen Mutter auch nach der Halacha, dem jüdischen Gesetz, Jude. Für die Nationalsozialisten war er als „Halbjude“ und als Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft „Geltungsjude“, musste den „Stern“ tragen und war allen anderen Einschränkungen und Diskriminierungen der Juden unterworfen.

Wann und warum Adolf Berkelmann in die Hafenstadt Rostock gezogen ist, bleibt bis jetzt unklar. Seine Mutter war am 14. April 1942 aus der Giesebrechtstraße in das Ghetto von Warschau deportiert worden. Sie kehrte nicht zurück. Seine Tante Gertrud Simon, die noch immer in Berlin gelebt hatte, wurde am 3. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. In Rostock wohnte Adolf Berkelmann in der Ferdinandstraße 7, einer Straße mit vielen Einfamilienhäusern. Das Haus Nr. 7 war im Besitz der Familie Schulte bzw. der Erben Schulte. Dort muss er zur Untermiete gewohnt haben, und von dort wurde er in das KZ Sachsenhausen verschleppt.
Im Juli 1942 wurde Adolf Berkelmann im Lager Sachsenhausen mit der Häftlingsnummer 45241 registriert. Als „jüdischer Häftling“ kam er in die Baracke 38, die „Judenbaracke“. Der Zwangsvorname „Israel“ wurde nicht notiert, und auch der Grund seiner Inhaftierung im KZ Sachsenhausen bleibt eine Vermutung. (Am 10. Juli 1942 wurden aus Rostock 24 (22?) Personen in den „Osten“ deportiert.)
Nach drei Monaten Haft starb Adolf Berkelmann am 5. Oktober 1942 im KZ Sachsenhausen an Ruhr. So die offizielle Lesart.

Quellen:
Adressbücher Rostock
Berliner Adressbücher
Berliner Telefonbücher
Gedenkbuch Bundesarchiv
Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Karl Heinz Jahnke: Widerstand gegen die NS-Diktatur in Mecklenburg, Zur Erinnerung an die Frauen und Männer, die zwischen 1933 und 1945 ermordet wurden, Rostock 2006
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
https://www.geni.com/people/
https://www.juedische-gemeinden.de
https://www.mappingthelives.org/
http://www.denkmalprojekt.org/2014/teltow-kirche_lk-potsdam-mittelmark_1813_wk1_brb.html
http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_ber_ot13.html
Berliner Tageblatt vom 22.10.1914 (Geburtsanzeige für Adolf Berkelmann)
Auskunft Gemeindebüro St. Andreas Teltow
Auskunft/Daten Archiv Gedenkstätte Sachsenhausen
Auskunft Max-Samuel-Haus Rostock

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin