Stolpersteine Güntzelstraße 53

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Hauseingang Güntzelstr. 53
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein für Erna Hirsch wurde am 11.12.2007 verlegt.

Die Stolpersteine für David und Helene Reich wurden am 6.8.2014 verlegt. Gespendet wurden sie vom Enkelsohn Andrew Ranicki (Edinburgh).

Link zu: Stolperstein Erna Hirsch
Stolperstein Erna Hirsch
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ERNA HIRSCH
GEB TIMMENDORFER
JG. 1886
DEPORTIERT 13.6.1942
ERMORDET IN
SOBIBOR

Erna Hirsch wurde am 22. Februar 1886 in Berlin mit dem Mädchennamen Timmendorfer geboren und wohnte seit dem 1. Oktober 1932 in der Güntzelstraße 53. Sie war jüdischen Glaubens. Frau Hirsch teilte ihre Wohnung damals mit Hans Breslauer, geboren am 13. Februar 1894 in Glogau (Schlesien) und Doris Breslauer, geb. Brodek, geboren am 9. September 1897 in Berlin sowie mit Bianca Fürst, geb. Täubler, geboren am 29. April 1875 in Gostin und Max Jacobsohn, geboren am 25. Juli1 876 in Besnitza. Auch sie waren jüdischen Glaubens. Bei Bombenabwürfen über Berlin wurden ihre Wohnungen zerstört und es wurde ihnen Wohnraum bei Erna Hirsch zugewiesen.

Erna Hirschs Sohn Alfred hatte rechtzeitig nach Palästina emigrieren können. Im Juni 1942 wurde sie aus ihrer Wohnung in der Güntzelstraße 53 abgeholt, im Sammellager an der Levetzowstraße registriert und vom Bahnhof Grunewald am 13. Juni 1942 nach Sobibor, ein Vernichtungslager in Polen an der Grenze zu Weißrussland, deportiert und dort nach ihrer Ankunft ermordet.

Bianca Fürst wurde am 18. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Max Jacobsohn wurde am 10. Juli 1942 nach Theresienstadt und am 19. September 1942 weiter nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Hans und Doris Breslauer haben all das an einem anderen Ort bis zum 4. März 1943 überlebt und wurden dann am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Text: Volker Assel
Quellen: Bundesarchiv

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Stolperstein David Reich
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
DAVID REICH
JG. 1880
DEPORTIERT 6.9.1942
ERMORDET IN
TREBLINKA

Link zu: Stolperstein Helene Reich
Stolperstein Helene Reich
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HELENE REICH
GEB. AUERBACH
JG. 1884
DEPORTIERT 6.9.1942
ERMORDET IN
TREBLINKA

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David und Helene Reich, Privatarchiv Ranicki
Bild: Privatarchiv Ranicki

David Reich wurde 1880 in Plock geboren, das Datum ist nicht bekannt. Verheiratet war er mit Helene Reich , geb. Auerbach, geboren am 28.8.1884 in Schlesien. David Reich besaß in Włocławek (Leslau) in Polen eine kleine Fabrik für Baustoffe. Sie hatten drei Kinder:
Gerda Reich (geboren 1907 in Włocławek, gestorben 2006 in London), Alexander Herbert Reich (geboren 1911 in Włocławek, ums Leben gekommen 1943 im Arbeitslager Poniatowa bei Lublin) und Marceli Reich (geboren am 2. Juni 1920 in Włocławek, gestorben am 18. September 2013 Frankfurt a. M.)

1928 machte David Reichs Firma pleite. 1929 siedelte die Familie nach Berlin über. Im Adressbuch stand von 1934 bis 1937 der Eintrag:

Reich David Kaufm. Wilmersdf. Güntzelstr 53.

1935 promovierte Alexander Herbert Reich als Zahnartzt an der Universität Berlin. Er zog dann zurück nach Polen, wo er in Warschau eine Zahnartztpraxis eröffnete. 1938 zogen die Eltern auch in die polnische Hauptstadt.

1938 bestand Marceli das Abitur am Fichte-Gymansium. Seine Bewerbung, Germanistik an der Universität Berlin zu studieren, wurde abgeschlagen. Am 28. Oktober 1938 wurde er mit der „Polenaktion“ nach Bentschen deportiert. Von dort ging er nach der Internierung nach Warschau. Nach dem Überfall auf Polen befanden sich David, Helene, Alexander und Marceli im Ghetto Warschau. Am 22. Juli 1942, gleichzeitig mit dem Beginn der Räumung des Ghettos, heiratete Marceli im Ghetto seine Frau Teofila, geb. Langnas.

David und Helene wurden am 6. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert (“Aktion Reinhardt”), wo sie ermordet wurden. Am 4. November 1943 wurde Alexander Herbert Reich im Arbeitslager Poniatowa bei Lublin erschossen (“Aktion Erntefest”). Der Schwester Gerda war es bereits 1939 geglückt, mit ihrem Ehemann Gerhard Böhm nach London zu entkommen. Dort ist sie 2006 im Alter von 99 Jahren gestorben.

Marceli und Teofila gelang am 3. Februar 1943 die Flucht aus dem Ghetto. Im Versteck bei Bolek und Genia Gawin in einem Vorort Warschaus wurden sie im September 1944 von der sowjetischen Armee befreit. Marceli Reich legte sich den Namen Ranicki zu und ging zunächst nach London, wo der Sohn Andrzej Aleksander am 30. Dezember 1948 geboren wurde, dann 1949 nach Warschau. Als er 1958 zurück nach Deutschland kam, nannte er sich Marcel Reich-Ranicki. Er wurde Lektor, Publizist, Schriftsteller, Gastprofessor in Deutschland, USA und Schweden. Er war der bedeutendste Literaturkritiker der Bundesrepublik Deutschland. Am 27. Januar 2012 hielt er im Deutschen Bundestag als Zeitzeuge die Rede zum Holocaust-Gedenktag. Teofila Reich-Ranicki starb am 29. April 2011 und Marcel Reich-Ranicki am 18. September 2013, beide in Frankfurt a.M. Ihr Sohn Andrew Ranicki ist Mathematik-Professor an der Universität Edinburgh. Seine Tochter Carla Helen Emily Ranicki trägt die Namen ihrer väterlichen Großmütter Helene Reich und Emilia Langnas, die beide in Treblinka ermordet wurden.

Zum ersten Todestag Marcel-Ranickis wurde an dem Haus, in dem er mit seinen Eltern von 1934 bis 1938 lebte, am 12.9.2014 eine Gedenktafel angebracht.

Text: Andrew Ranicki

Bildbiographie
www.amazon.de/Marcel-Reich-Ranicki-Sein-Leben-Bildern/dp/3421053200/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1393402057&sr=8-2&keywords=reich-ranicki sein leben

Siehe Der Tagesspiegel 7.8.2014 www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/bayerisches-viertel/gedenken-an-opfer-der-nazis-stolpersteine-fuer-die-eltern-von-marcel-reich-ranicki/10300382.html

Webseite: http://www.maths.ed.ac.uk/~aar/surgery/bio.htm