Stolperstein Uhlandstraße 194 A

Link zu: Hauseingang Uhlandstr. 194A, 5.4.11
Hauseingang Uhlandstr. 194A, 5.4.11
Bild: BA Chbg-Wdf, Plewa

Vor dem Haus Uhlandstraße 194 A wurde am 12.05.2006 der Stolperstein für Alfred Bergmann verlegt.

Link zu: Stolperstein für Alfred Bergmann, 5.4.11
Stolperstein für Alfred Bergmann, 5.4.11
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
ALFRED BERGMANN
JG. 1910
FLUCHT SCHWEIZ
AUSGELIEFERT 1940 AN
GESTAPO
ERMORDET 20.4.1940

Alfred Bergmann
Alfred Bergmann
Bild: Familienarchiv

Alfred Bergmann kam am 21. Oktober 1910 als fünftes von acht Kindern des Rabbiners Julius (Jehuda) Bergmann und seiner Frau Hedwig geb. Rosenzweig in Berlin auf die Welt. Julius Bergmann war 1874 in Galizien geboren, hatte in Wien das Rabbiner Seminar besucht, war ab 1901 Rabbiner in Karlsruhe, später in Frankfurt/Oder und ab 1908 in Berlin. Er wurde später Präsident der Jüdischen Volkshochschule und Vizepräsident des Vereins für jüdische Geschichte. Alfreds Mutter stammte selber aus einer Rabbinerfamilie, sie war 1882 in Teplitz/Böhmen (heute Teplice) geboren worden, 1902 hatte sie in Karlsruhe Julius Bergmann geheiratet. Alfred hatte vier ältere Geschwister, Ernst, Rosa, Arthur und Felix, und drei jüngere, Josef, Theodor und Lotte. Als Alfred geboren wurde, wohnte die Familie in der Oranienburger Straße 58, unweit der Neuen Synagoge. Nach Charlottenburg wechselten sie als er vier Jahre alt war, zunächst in die Fasanenstraße 17, diesmal schräg gegenüber der 1912 eingeweihten Synagoge, in der Rabbi Bergmann auch predigte. 1918 dann zog Julius Bergmann – oder auch Juda Bergmann, wie er manchmal im Adressbuch verzeichnet wird – mit seiner Familie noch einmal um, in die Uhlandstraße 194 a, wo er bis zur Emigration leben würde.

Alfreds Eltern gehörten dem liberalen Judentum an, gleichwohl waren sie zionistisch eingestellt. Auf ihre Kinder hatten sie jedoch nicht den erwünschten religiösen Einfluss. Mit 17 Jahren wurde Alfred Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands und des Sozialistischen Schülerbundes. Ein Jahr später, nach dem Abitur 1928 am Mommsen-Gymnasium, trat er in die neu gegründete KPD-Opposition ein, eine Abspaltung der KPD um Brandler und Thalheimer, die den Kampf gegen die SPD als „Sozialfaschisten“ ablehnte und für eine echte Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus eintrat. Alfreds jüngere Brüder Josef, 1913 geboren, und Theodor, Jahrgang 1916, folgten seinem Beispiel und traten auch der KPD-O bzw. deren Jugendorganisation schon im Schulalter bei. Von den älteren Brüdern waren zwei in der SPD. Der Älteste, Ernst, widersetzte sich dem Wunsch des Vaters, Rabbiner zu werden und studierte Chemie und Physik, er war Zionist und Freidenker.

Alfred begann ein Medizinstudium in Berlin und engagierte sich ebenfalls an der Universität politisch: er wurde Leiter der Studentengruppe der KPD-O. Er war auch gewerkschaftlich organisiert, zudem Mitglied im Verein Sozialistischer Ärzte und Lehrer beim Arbeiter-Samariter-Bund und beim Arbeiter-Abstinenten-Bund. 1930 bestand er das Physikum, seine Ausbildung wurde aber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 aufgehalten. Die KPD-O arbeitete im Untergrund weiter, aber Alfred wurde kurz nach dem Reichstagsbrand am 8. März in seinem Elternhaus festgenommen. Die Gestapo hatte von einem angeblichen Waffenlager in der Uhlandstraße 194a erfahren. Alfred wurde vermutlich im Polizeigefängnis festgehalten, im Sommer kam er in das im August fertiggestellte KZ Esterwegen im Emsland, das zu den Moorlagern bei Papenburg gehörte. Seinem Bruder Arthur, der als renommierter SPD-Rechtsanwalt immer noch Beziehungen hatte, gelang es, Alfreds Entlassung im Dezember 1933 zu erwirken. Er konnte jedoch nicht ins Elternhaus zurück: dieses befand sich in Auflösung, die Auswanderung stand bevor. Den Brüdern gelang nacheinander die Flucht über das damals unter Völkerbundsmandat stehende Saarland, wo die verheiratete Schwester Rosa lebte, und weiter nach Palästina. Rabbi Bergmann betrieb ebenfalls die Emigration nach Palästina zusammen mit seiner Frau und der jüngsten Tochter Lotte, Anfang 1934 war es dann soweit. Alfred floh über Frankreich in die Schweiz.

In Basel beendete er sein Studium mit Promotion und arbeitete in verschiedenen Krankenhäusern, immer auf Zeit, da er nur begrenzte Arbeitserlaubnisse bekam für Stellen, auf die sich kein Schweizer beworben hatte. Seine politische Arbeit setzte er auch hier fort: er kontaktierte die Stuttgarter KPD-O Gruppe und schmuggelte mit Hilfe seiner Partnerin Claire Schmalz politisches Material, das in der Schweiz hergestellt wurde, nach Deutschland. Außerdem stellte er die Verbindung zwischen dem Auslandskomitee der Partei in Paris und der Inlandsleitung in Berlin her. 1936 organisierte er eine Auslandskonferenz der KPD-O in Adelboden (Kanton Bern), an der unter anderen auch August Thalheimer teilnahm.

Am 14. April 1940 wechselte Alfred Bergmann wegen Streit persönlicher und fachlicher Art mit dem Chefarzt im Aargauer Zofingen den Arbeitsplatz und ging nach Zug – ohne die auferlegte polizeiliche Genehmigung. Dies wurde von Zofingen aus am 17. April der eidgenössischen Fremdenpolizei und dem Aargauer Kantonsarzt gemeldet. Über ihn war dann wohl Rudolf Siegrist, der kantonale Regierungsrat für Inneres und Gesundheit, informiert, der gleich am 18. April ausführlich an den Aargauer Polizeikommandanten Oskar Zumbrunn schrieb, dies sei eine Frechheit, Bergmann missbrauche die Gastfreundschaft, sei überhaupt „ein politischer Wirrkopf“, würde auch dauernd über die Schweizer Demokratie schimpfen. Er empfehle eine Überwachung seiner Korrespondenz, und im Übrigen habe Bergmann „das Aufenthaltsrecht in der Schweiz m. E. schon heute verwirkt“.

Zumbrunn nahm offenbar nur den letzten Kommentar zur Kenntnis und ordnete umgehend, ohne weitere Ermittlungen oder Anhörung des Beschuldigten, dessen Verhaftung am Arbeitsplatz und die Überführung nach Aarau an. Schriftliche Weisungen existieren nicht, lediglich ein Vermerk „mit Einverständnis von Bern“, das in der Eile wohl auch telefonisch eingeholt wurde. Bereits am Abend des 19. April hatte die Polizei Alfred Bergmann nach Aarau verbracht, am nächsten Tag, dem 20. April, brachte man ihn an die deutsche Grenze bei Waldshut. Dort wurde er sofort festgenommen und nach Berlin überführt.

Diese „Ausschaffung“, wie es in der Schweiz hieß, verstieß mehrfach – wie das Schweizer Bundesgericht 1969 feststellen sollte – gegen das 1940 geltende Recht und die Verfassung, zumal die Behörden auch wussten, dass Bergmann Jude und Kommunist und daher sein Leben in Deutschland in Gefahr war. Verantwortlich für die Auslieferung war letztlich der aargauische Polizeikommandant Zumbrunn. Die sowieso wenig großzügige Flüchtlingspolitik der Schweiz war nach Kriegsbeginn drastisch verschärft worden. Politische Flüchtlinge, die vor September 1939 gekommen waren, sollten allerdings nicht ausgewiesen werden. Dass deutsche Stellen Einfluss auf die Auslieferung Alfred Bergmanns genommen hätten, halten Schweizer Historiker für nicht nachweisbar und eher unwahrscheinlich, aber es sei auch nicht grundsätzlich auszuschließen. Teile der Schweizer Akten zu Alfred Bergmann sind immer noch gesperrt.

Der offizielle Rapport über die Auslieferung jedenfalls ist, so eine Mitteilung von 1966, „nicht mehr bei den Akten“. Dort findet man lediglich die Vollzugsmeldung: „Dr. Bergmann am 20. April 1940 um 17:10 über Koblenz-Waldshut nach Deutschland ausgeschafft“. Alfred Bergmann wurde wenige Tage danach in Berlin ohne weiteres Verfahren ermordet. Hermann Meyer, ein Genosse, wurde vorgeladen, um die Leiche zu identifizieren und informierte später die Familie.

Recherche und Text: Micaela Haas. Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Berliner Adressbücher; Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Literatur: Theodor Bergmann: Gegen den Strom. Die Geschichte der Kommunistischen Partei-Opposition. Hamburg 1987; Theodor Bergmann: Weggefährten, Hamburg 2010; Hermann Wichers: Im Kampf gegen Hitler. Deutsche Sozialisten im Schweizer Exil, Zürich 1994; Willi Gautschi: Geschichte des Kantons Aargau 1885-1953 Bd.3, Aarau 1978