Stolpersteine Schlüterstr. 49

Link zu: Hauseingang Schlüterstr. 49, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 06.04.2012
Hauseingang Schlüterstr. 49, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 06.04.2012
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Die Stolpersteine für Fanny und Adolf Friedländer wurden am 05.06.2004 verlegt.

Die Stolpersteine für Familie Flatow wurden am 24.07.2012 verlegt. Zwei wurden von Volker Kluge (Berlin) gespendet, zwei von der Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf.

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Stolperstein Fanny Friedländer, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 06.04.2012
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HIER WOHNTE
FANNY
FRIEDLÄNDER
GEB. ALEXANDER
JG. 1879
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Adolf Friedländer, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 06.04.2012
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HIER WOHNTE
ADOLF
FRIEDLÄNDER
JG. 1910
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
ÜBERLEBT

Fanny Friedländer war eine waschechte Berlinerin. Hier wurde sie als Fanny Alexander am 5. Januar 1879 geboren; hier lebte sie; hier heiratete sie ihren Mann Ismar Friedländer; hier bekam sie ihre zwei Kinder: Zunächst Tochter Ilse, die in den 1930er Jahren italienische Staatsbürgerin wurde, weil sie einen Herrn Sapuppo heiratete. Später wanderte sie in die USA aus. Drei Jahre nach Ilse, am 15. Juli 1910, wurde der Stammhalter Adolf geboren.
Fanny Friedländer und ihr Mann Ismar führten zusammen drei Damenhut-Geschäfte, die alle in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg lagen. Nach dem Tod ihres Mannes 1935 kamen bedrückende Zeiten auf Fanny Friedländer zu. Die Familie war zwar wohlhabend, auch weil sie rechtzeitig vor den nationalsozialistischen Pressionen gegen jüdische Geschäftsleute ihre drei Hutläden hatte schließen oder verkaufen können. Doch nach der Machtübernahme der Nazis musste man von der Substanz leben. Da passte es, dass in die 3 ½-Zimmer-Wohnung in der Schlüterstraße 49, Vorderhaus, 2. Stock, eine Untermieterin eingewiesen wurde. Das sparte Kosten. Die monatliche Miete für Fanny Friedländer betrug 120 Reichsmark. Eine zusammen mit ihrem Sohn Adolf geplante Auswanderung – die Kisten waren schon nach England verschickt – scheiterte.
In den Monaten vor ihrer Deportation am 9. Dezember 1942 war Fanny Friedländer offenbar unter einer anderen Adresse gemeldet; tatsächlich aber wohnte sie bei ihrem Sohn Adolf in der Schlüterstraße. Das geht aus einem Schreiben des Obergerichtsvollziehers Neumann hervor, der am 11. Februar 1943 bei einer „erfolglosen“ Suche nach verwertbarem Mobiliar der Deportierten notierte: „Fanny Friedländer hat bei ihrem Sohn gewohnt, welcher die Wohnung gemietet hat und auch Eigentümer der Einrichtungsgegenstände ist. Der Sohn wohnt noch heute in der Wohnung und ist bei der Jüdischen Gemeinde tätig.“ Dafür erstellte er eine Kostenrechnung: „Schätzgebühr 1 RM, Fahrkosten 1 RM, Schreibgebühr 0,50 RM“.
Unmittelbar vor ihrer Deportation war Fanny Friedländer in das Jüdische Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 „verbracht“ worden. Dorthin stellte die Geheime Staatspolizei ihr auch die „Einziehungsverfügung“ über ihr Vermögen zu. In einer Vermögenserklärung, die Fanny Friedländer am 5. Dezember 1942 hatte ausfüllen müssen, hatte sie als Höhe des Gesamtvermögens eine Summe von „circa 11 500 RM“ eingetragen; ob von ihr selber oder von anderer Hand, ist nachträglich nicht mehr zu ermitteln. Dieses Geld wollte sich der Nazi-Staat nicht entgehen lassen. Wir erwähnen diese im Grunde privaten Angaben deshalb, um aufzuzeigen, wie skrupellos sich die Nazis und ihre Helfer auch der materiellen Ausbeutung ihrer Opfer verschrieben hatten.
Am 9. Dezember 1942 sollte Fanny Friedländer mit einem der letzten „Alterstransporte“ nach Theresienstadt deportiert werden. Doch wegen organisatorischer Probleme wurde ihr Zug als Teil des „24. Osttransport“ nach Auschwitz umgeleitet. Dort registrierten am 10. Dezember 1942 die SS-Mannschaften den Eingang von 1060 Menschen. Nach einer „Selektion“ an der berüchtigten Rampe in Auschwitz-Birkenau wurden 137 Männer sowie 25 Frauen als Häftlinge in das Lager eingewiesen. Die übrigen 898 Deportierten wurden in den Gaskammern ermordet. Hier fand offenkundig auch Fanny Friedländer den furchtbaren und unregistrierten Tod.
Für die Schreibtischtäter in Berlin war die „Judensache“ Fanny Friedländer noch nicht beendet. Am 22. Oktober 1943 – über zehn Monate nach ihrer Ermordung – beschwerte sich die Vermögensbewertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten von Berlin-Brandenburg beim Hauptplanungsamt der Stadt Berlin unter dem Betreff „Räumung von Judenwohnung“: „Die Wohnung der schon seit Dezember 1942 abgeschobenen Jüdin Fanny Sara Friedländer ist noch nicht geräumt. Auch von Untermieter ist die Wohnung seit Februar 42 frei. Ich bitte, unverzüglich für die Räumung der Wohnung zu sorgen.“ Auch der Vermieter beschwerte sich über ausstehende Mietzahlungen. Mit dem Gruß „Heil Hitler“ verlangte er von den Behörden „Miete für April bis Juli, jeweils 120 RM“. So steht es in den Akten des Landeshauptarchivs Berlin-Brandenburg.
Recherche und Text: Sönke Petersen

Adolf Friedländer wurde am 15. Juli 1910 in Berlin geboren. Seine Eltern waren Fanny Friedländer, geborene Alexander, und Ismar Friedländer. Die beiden betrieben drei Damenhut-Geschäfte, die alle in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg lagen. Kurz vor Beginn der nationalsozialistischen Pressionen schlossen oder verkauften die Eltern ihre Geschäfte. Adolfs Vater starb 1935 in Berlin. Adolfs drei Jahre ältere Schwester Ilse heiratete früh und zog nach Italien. Später lebte sie in den USA.
Nach dem Studium an der Technischen Universität Berlin, das er als Diplom-Kaufmann abschloss, begann Adolf Friedländer eine Promotion, die er aber nicht beenden konnte, weil sein Doktorvater Professor Hirsch in die USA emigrierte. Sein Geld verdiente Adolf beim Jüdischen Kulturbund, wo er zuletzt Verwaltungschef war. Nach Auflösung des Kulturbundes 1941 arbeitete er bei der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Zusammen mit seiner Mutter Fanny wohnte Adolf Friedländer zuletzt in einer 3 ½ Zimmer-Wohnung in der Schlüterstraße 49, in die zusätzlich eine jüdische Untermieterin eingewiesen wurde. Eine zusammen mit der Mutter geplante Auswanderung – viele Kisten waren schon nach England verschickt – scheiterte.
Am 9. Dezember 1942 wurde Adolfs Mutter zusammen mit 1060 Schicksalsgefährten von Berlin-Grunewald mit dem als „24. Osttransport“ getarnten Deportationszug nach Auschwitz verschleppt. Dort wurde Fanny Friedländer unmittelbar nach ihrer Ankunft am 10. Dezember in den unregistrierten Tod geschickt. Sie starb in der Gaskammer.
Drei Monate später, am 15. März 1943, wurde auch der damals 32-jährige Adolf Friedländer von der Polizei „abgeholt“. Zwei Tage später musste er im Bahnhof Grunewald den Deportationszug besteigen. Ziel des letzten „Großtransports“ aus Berlin (Bezeichnung „I/90“) mit insgesamt über 1285 Personen – unter ihnen befanden sich auch viele Juden aus der sogenannten „Fabrik-Aktion“ der Gestapo – war Theresienstadt. Dies war zwar keine industrialisierte Mordstätte wie Auschwitz, dennoch überlebten in diesem Zwischenreich zwischen Leben und Tod aus diesem Transport nur 219 Menschen. Unter ihnen befand sich Adolf Friedländer. Er wurde am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit.
Damit ist seine Geschichte nicht beendet. Denn trotz der unvorstellbaren Leiden und Schrecken, die Adolf Friedländer in Theresienstadt und dem Außenlager Wulkow erleiden musste, begann hier auch sein Glück: Im Februar 1945 traf er im Lager völlig überraschend auf Margot Bendheim, eine elf Jahre jüngere Jüdin aus Berlin-Kreuzberg, die er aus der Arbeit im Jüdischen Kulturbund in Berlin kannte. Sie hatte ein unglaubliches Schicksal hinter sich:
Zusammen mit ihrer Mutter Auguste Bendheim und ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Ralph (der Vater war schon zuvor deportiert und ermordet worden) hatte die 21-Jährige die Flucht aus Berlin vorbereitet. Doch unmittelbar vor dem „Stichtag“ schlug die Gestapo am 20. Januar 1943 zu und verhaftete Ralph. Die Mutter war darüber so verzweifelt, dass sie dem sensiblen Jungen freiwillig in die Deportation folgte. Beide kamen nach Auschwitz. Die Mutter wurde dort sofort vergast, Ralph starb einen Monat später. Ihrer Tochter Margot hinterließ sie in letzter Minute folgende Botschaft: „Ich habe mich entschlossen, mit Ralph zu gehen, wohin immer das auch sein mag. Versuche, dein Leben zu machen.“
Fünfzehn Monate schaffte Margot es, sich im Untergrund zu verbergen. Ständig musste sie ihre Unterkunft wechseln, immer war sie auf die Hilfe anderer angewiesen. Dreimal entkam sie der Gestapo nur um Haaresbreite. Um weniger „jüdisch“ auszusehen, färbte sie ihre schwarzen Haare tizianrot, ließ sich sogar ihre Nase operieren. Doch im April 1944 wurde sie von für die Nazis arbeitenden jüdischen „Greifern“ verhaftet und ins KZ Theresienstadt verschleppt. Nur mit Glück überlebte sie. Noch im Lager fragte Adolf Friedländer sie: „Kannst Du Dir ein Leben mit mir vorstellen?“ Margot Bendheim nickte wortlos.
Im Juli 1946 bestiegen die beiden als Ehepaar ein Auswanderungsschiff nach New York. Margot Friedländer arbeitete dort als Änderungsschneiderin und Reiseagentin, ihr Mann Adolf in hohen Positionen bei Jüdischen Organisationen. Nach seinem Tod am 25. Dezember 1997 fand Margot Friedländer den Weg nach Deutschland zurück, das sie genau wie ihr Mann eigentlich nie mehr betreten wollte. 2008 erschien ihre Autobiografie: Versuche, dein Leben zu machen (im Rowohlt-Verlag). 2011 erhielt sie für ihr engagiertes Auftreten als Zeitzeugin des Holocaust das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Recherche und Text: Sönke Petersen

Link zu: Stolperstein Felix Flatow, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012
Stolperstein Felix Flatow, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012
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HIER WOHNTE
FELIX FLATOW
JG. 1875
FLUCHT 1933 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 25.2.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 29.1.1945

Link zu: Stolperstein Margarete Flatow, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012
Stolperstein Margarete Flatow, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012
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HIER WOHNTE
MARGARETE FLATOW
GEB. LAMM
JG. 1885
FLUCHT 1933 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 25.2.1944
THERESIENSTADT
BEFREIT / ÜBERLEBT

Link zu: Stolperstein Amalia Flatow, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012
Stolperstein Amalia Flatow, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012
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HIER WOHNTE
AMALIA FLATOW
JG. 1908
FLUCHT 1933 HOLLAND
AUF DER FLUCHT
ERSCHOSSEN
15.5.1944

Link zu: Stolperstein Stefan Flatow, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012
Stolperstein Stefan Flatow, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 25.08.2012
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HIER WOHNTE
STEFAN FLATOW
JG. 1916
FLUCHT 1933 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 25.2.1944
THERESIENSTADT
BEFREIT / ÜBERLEBT

Link zu: Bild Felix Flatow aus Wikipedia
Bild Felix Flatow aus Wikipedia
Bild: Wikipedia

Vor dem Haus Schlüterstr. 49 hielt der Publizist und Herausgeber des Journal of Olympic History, Volker Kluge, in Anwesenheit von Stephanie Flatow, der in Rotterdam lebenden Enkelin von Felix Flatow, Freunden der Familie wie Prof. Dr. Manfred Lämmer (Köln) und dem Direktor der Deutschen Olympischen Akademie Dr. Andreas Höfer (Frankfurt/Main) sowie Schülern und Lehrern der Flatow-Oberschule in Köpenick bei einem Gedenken am 13.09.2012 eine Ansprache, auf der diese Biografie beruht.

Felix Flatow, der von 1914 bis 1933 mit seiner Familie in diesem Haus wohnte, wurde am 7. Januar 1875 in Berent (Westpreußen) geboren. Die seit 1920 zu Polen gehörende Kleinstadt, das heutige Koscierzyna, liegt in der Kaschubei. Zum wirtschaftlichen Aufschwung trug eine befestigte Straße in das nördlich gelegene Danzig bei, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde.

Felix Flatows Vater war ein Kaufmann. Welchen Geschäften Selig Flatow, so sein Name, nachging, wissen wir nicht genau. Bekannt ist aber, dass er elf Geschwister hatte, unter denen auch der Vater von Alfred Flatow war. Für Felix‘ Cousin Alfred, geboren am 3. Oktober 1869 in Danzig und dreifacher Olympiasieger von 1896, wurde in der Landshuter Straße 33 in Schöneberg ein Stolperstein verlegt.

Zwölf Kinder brachte auch Felix Flatows Gattin Rebecca, geborene Casparis, zur Welt. 1861 wurde Amalie, die Älteste, geboren. Es folgte vier Jahre danach Eduard, der Paula, die Schwester von Alfred Flatow, heiratete. In der Mitte der Kinderschar befand sich Felix, der sich mit dem siebten Lebensjahr dem Turnsport zuwandte.

Wann seine Familie nach Berlin übersiedelte, liegt im Dunkeln. Im Einwohnerregister taucht erstmals 1878 ein Kaufmann namens „S. Flatow, Seiden-Bazar“, auf, wohnhaft in der Zimmerstraße 36. Es war die Zeit, als zweieinhalb Millionen Juden begannen, Russland, Galizien und Rumänien zu verlassen, um den vom Zaren geduldeten Pogromen zu entkommen. 65 000 gingen nach Deutschland, davon rund 19 000 nach Berlin, das sich dank dieser stetigen Zuwanderung von einer Ackerstadt in eine der bedeutendsten Industriemetropolen mit einer vervierfachten Einwohnerzahl wandelte.

Zwölf Jahre später finden wir einen „S. Flatow“ in Berlin unter der Adresse Magazinstraße 12a wieder. Es ist dasselbe Haus, in dem der Arzt Dr. Eduard Flatow praktizierte sowie ein „Zahn-Künstler“ namens Leo Flatow sein erstes Atelier eröffnet hatte – beide ältere Brüder von Felix, der nach der Volksschule das Sophien-Realgymnasium in der Weinmeisterstraße besuchte. Zu seinen jüngeren Mitschülern gehörte Wilhelm Lewy, der bekannte spätere Rabbiner, der 1898 in Berlin den ersten jüdischer Turn- und Sportverein „Bar Kochba“ gründete.

Nach der mittleren Reife absolvierte Felix Flatow eine dreijährige kaufmännische Lehre bei Edmund Leon, Fabrik für Knabengarderobe, die die berühmten Matrosenanzüge für Kinder anfertigte. 1893 erhielt er dort eine Anstellung, und mit Beginn jenes Jahres trat der gerade 18-Jährige dem Berliner Turner-Verein von 1850 bei, dem bereits einige seiner Geschwister angehörten. Als erster hatte sich Bruder Leo, der Zahntechniker, eingeschrieben. In den späteren Mitgliederlisten sind auch die Brüder Eduard und Hugo verzeichnet.

Unter Turnen verstand man damals nicht nur das Gerätturnen, sondern die Gesamtheit aller athletischen Übungen, also auch Laufen, Springen, Werfen, Ringen und Gewichtheben. Seine Vielseitigkeit bewies Felix Flatow beim Deutschen Turnfest von 1894 in Breslau, wo er als 19-Jähriger mit 56 Punkten einen 17. Platz belegte.

Herausragend aber war sein Talent im Gerätturnen, das 1896 bei den ersten Olympischen Spielen in Athen zum Programm gehörte. Aufgrund seiner Leistungen wurde er von Fritz Hofmann, dem Vorturner der Berliner Turnerschaft, für die zehnköpfige Athen-Riege ausgewählt, die die Mannschaftssiege am Barren und am Reck errang. Flatows Stärke war vor allem das Reck, an dem er als einer der ersten die Riesenwelle turnte. Leider blieb er in Athen in der Einzelkonkurrenz unplatziert, da nur die ersten zwei prämiert wurden. Die Silbermedaille als Sieger bekam sein Mannschaftskamerad Hermann Weingärtner, die Bronzemedaille, der Preis für den Zweitplatzierten, ging an seinen Cousin Alfred.

Felix Flatow gehörte auch zu den Turnern, die Deutschland 1900 bei den Spielen der II. Olympiade in Paris vertraten. Da die Gastgeber aber einen Mehrkampf angesetzt hatten, wie er an der französischen Militärturnanstalt üblich war, landete Flatow wie die meisten ausländischen Teilnehmer nur auf einem der hinteren Ränge.

Zudem war ihm damals nur wenig Zeit zum Training geblieben, denn ein Jahr zuvor hatte Felix Flatow die Fabrik von Edmund Leon übernommen. 1925 erweiterte er sein Unternehmen durch eine Beteiligung an der Rotterdamer Firma Brandel, die auf Berufskleidung spezialisiert war.

Noch nicht 30-jährig war Felix Flatow bereits ein erfolgreicher Berliner Unternehmer – Zeit also, nun auch eine Familie zu gründen. 1905 heiratete er Margarete Lamm, geboren am 28. Februar 1883 in Berlin. Am 3. Dezember 1908 wurde Tochter Anni-Amalia geboren, der acht Jahre später – mitten im Ersten Weltkrieg – Sohn Stefan folgte. Doch auch der Militärdienst blieb dem jungen Vater nicht erspart: 1917 wurde er als Landsturmmann eingezogen.

Früher als andere hatte Felix Flatow die Zeichen der Zeit erkannt, als 1933 Hitler an die Macht kam. Er emigrierte alsbald nach Rotterdam, was ihm durch sein geschäftliches Engagement mit der Firma Brandel freilich leichter fiel als anderen deutschen Juden, denen die Nazis die Existenz zerstört hatten.

Zu den Widersprüchen im Leben des Felix Flatow zählt die Tatsache, dass der zweifache Olympionike und sein Cousin Alfred als Ehrengäste zu den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin eingeladen wurden. Es war Felix Flatow nicht zu verdenken, dass er diese Einladung angenommen hatte, bot sie ihm doch die letzte Gelegenheit, seine in Berlin lebenden Brüder und Schwestern wiederzusehen. Dass die Olympischen Spiele letztlich eine Camouflage waren, war ihm sicherlich ebenso bewusst wie seinem Cousin Alfred, der im September 1935 mit den „Nürnberger Gesetzen“ seiner Reichsbürgerrechte beraubt worden war. Eine zusätzliche Ehrung erfuhren beide, als ihre Namen neben denen der übrigen deutschen Olympiasieger von 1896 in eine Stele eingraviert wurde, die noch heute am Rande des Berliner Olympiastadions zu besichtigen ist.

Was viele andere damals nicht wahrhaben wollten, traf im Mai 1940 auch die Niederlande. Die Flatows erlebten die Zerstörung Rotterdams durch deutsche Bomber. Sie flohen daraufhin nach Driebergen, einem kleinen Ort östlich von Utrecht. Doch zur großen Erleichterung herrschte in den ersten Monaten der Besetzung erst einmal relative Ruhe. Die Hoffnung, dass es möglich sein würde, zum normalen Leben zurückzukehren, endete spätestens im Januar 1941 mit der Verordnung zur Registrierung der Juden. Rund 140 000 lebten in den Niederlanden, von denen 15 000 die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen.

Im Sommer 1942 begannen die Deportationen – offiziell als „Arbeitseinsatz“ umschrieben –, mit deren Organisation nicht weniger als 10 000 deutsche und holländische Behördenangestellte beschäftigt waren. Als Olympiasieger war Felix Flatow anfangs eine der privilegierten Personen, die den begehrten „Freistellungsstempel“ erhielten, der sie und ihre Angehörigen vor den Deportationen bewahrte. Als auch das als Schutz nicht mehr ausreichte, wählte die Familie in den Weg in den Untergrund. Doch sie wurde in der Silvesternacht 1943 verraten und in das Durchgangslager Westerbork eingeliefert. Nur Tochter Anni gelang die Flucht. Erst vor einiger Zeit wurde zur Gewissheit, dass sie dabei umgekommen war.

Die übrige Familie wurde am 25. Februar 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo der Zug mit 809 Insassen am folgenden Tag eintraf. Nur 96 von ihnen überlebten das Lager. Felix Flatow ahnte nicht, dass am gleichen Ort bereits anderthalb Jahre vorher seine Schwestern Amalie und Wanda, beide Lehrerinnen am Berliner Konservatorium, und sein Bruder Berthold, ein Arzt, umgekommen waren.

Zwischen 1941 und 1945 deportierte die SS 136 000 Menschen ins KZ Theresienstadt. In der Mehrzahl waren sie Juden. 32 000 starben am Ort. 88 000, darunter 11 000 Kinder, wurden weitertransportiert, zumeist in die Gaskammern von Auschwitz.

Während die meisten in Theresienstadt unter menschenunwürdigen Bedingungen leben mussten, leistete sich die SS aber auch hier den Anachronismus einer gesellschaftlichen Elite, in die auch Felix Flatow eingestuft wurde. In der Prominenten-Kartei von 1944 sind 114 Personen mit 85 Angehörigen verzeichnet. Dieser kleine Kreis genoss den Vorzug einer besseren Unterkunft und zusätzlicher Nahrungsmittel, vor allem aber den Schutz vor Deportation. Wie jedoch in der Realität die Privilegien aussahen, zeigt ein erhalten gebliebener Empfangsschein. Danach erhielt der schwer erkrankte Felix Flatow vom 21. Dezember 1944 bis 15. Januar 1945 eine zusätzliche Ration, die aus vier Eiern und vier Äpfeln bestand – lieferbar je ein Stück pro Woche.

Felix Flatow starb am 29. Januar 1945 den Hungertod. Seine Urne wurde bei Kriegsende in einem Massengrab in den Schanzen der Kleinen Festung begraben. Doch 1954/55 erhielt er ein Einzelgrab auf dem vor der Festung angelegten Ehrenfriedhof, wo nur ein Zehntel der rund 35 000 Opfer von Theresienstadt bestattet werden konnte. Margarete Flatow und ihr Sohn Stefan überlebten das Grauen des Ghettos Theresienstadt, das am 8. Mai 1945 von der Sowjetarmee befreit wurde. Für seinen Beitrag zur Aussöhnung wurde Stefan Flatow 1993 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Er starb 2001.

Anmerkungen:
Volker Kluge, der nach intensiven Recherchen 1986 in Theresienstadt das Grab von Felix Flatow entdeckt hatte, sind einige Erinnerungen an die von den Nazis verfolgten und umgebrachten deutschen Olympiasieger in Berlin zu verdanken. Die Deutsche Post gab 1996 zum 100-jährigen Jubiläum der Olympischen Spiele eine Briefmarkenserie heraus; eine davon zeigte Alfred und Felix Flatow. Die „Flatow-Initiative“ unter Leitung von Gottfried Ahrens und Otto Eigen erreichte 1997, dass die auf das Berliner Olympiastadion führende Reichssportfeldstraße in Flatowallee umbenannt wurde. In Köpenick trägt die sportbetonte Flatow-Oberschule seit 1992 den Namen der beiden Turner. Einige Schülerinnen und Schüler erforschen mit ihren Jahresarbeiten das Leben der beiden Namensgeber. Auf der Lohmühleninsel am Landwehrkanal in Kreuzberg erinnern die von Gerd Steins angeregte Flatow-Sporthalle und eine dort angebrachte Gedenktafel an die Flatows. Am Haus Schlüterstraße 49 befindet sich schon seit 2011 eine Gedenktafel für Felix Flatow . Die Stolpersteine für die Familie Flatow wurden von dem Bildhauer Gunter Demnig verlegt. (H.L.)

Link zu: Sterbeurkunde Felix Flatow
Sterbeurkunde Felix Flatow
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