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Stolpersteine Livländische Straße 28

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Hausansicht Livländische Str. 28, 2013
Bild: H.-J. Hupka

Der Stolperstein für Rosa Mannheim wurde am 22.10.2004 verlegt.
Die Stolpersteine für Edwin und Betty Mannheim wurden am 4.10.2010 verlegt.

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Stolperstein für Rosa Mannheim
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ROSA MANNHEIM
JG. 1864
DEPORTIERT 17.03.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET
13.07.1943

Rosa Mannheim kam am 23. März 1864 in Schivelbein, einer Kleinstadt in Pommern (heute: Świdwin in Polen), als Tochter des jüdischen Kaufmanns Lewin Mannheim (1822–1895) und seiner Ehefrau Rosalie, geb. Jacobus, auf die Welt. In Schivelbein verbrachte sie den allergrößten Teil ihres Lebens, diese Stadt war ihre Heimat.

Die Eltern stammten aus großen und geachteten Kaufmannsfamilien, die im Zentrum der Stadt Wohn- und Geschäftshäuser besaßen und mit Getreide, Leder, Wolle, Textilien, Kolonialwaren und Spirituosen handelten. Man heiratete untereinander. Die Männer der Familien waren im Vorstand der jüdischen Gemeinde.

Lewin Mannheim war Inhaber eines Geschäftes für Tuche und Modewaren im Haus Markt 19, in dem die Familie auch lebte. Rosa Mannheim war eins von fünf (oder sechs) Geschwistern, von Johanna (*1861), Moses (*1863), Rosa (*1864), Hugo (*1871), Edwin (*1878) und vielleicht von Philippine (*1877). Sie war siebzehn Jahre alt, als 1881 in Schivelbein ein Pogrom stattfand. Die Geschäfte des Vaters und der Familie der Mutter wurden verwüstet und geplündert. In der Berliner Vossischen Zeitung vom 7.8.1881 hieß es in einem Brief:

Auf dem Markte sieht es schrecklich aus. Bei H.E. Jacobus hat der Pöbel am meisten gewüthet, es wurden alle Schnapsfässer auf den Markt geworfen […] Bei Mannheim sind viele Tuche gestohlen, ebenso andere Waaren. Es fehlen dem Manne noch ca. 200 Mk. […] Wir haben hier zwei Sorten von Pöbel, feinen und gemeinen; der feine Pöbel ist der schlimmste.

Die Mehrzahl der Bürger war empört und schützte mit Hilfe des Kriegervereins die jüdischen Familien.

Rosa Mannheim blieb ohne Beruf und ledig. Es kann sein, dass sie im Geschäft und im Haushalt des Vaters und dann des Bruders Moses mitarbeitete. (In der Todesfallanzeige von Theresienstadt steht unter Beruf „Haushalt“.) 1895 starb der Vater. Ihre Brüder Edwin und Hugo gingen nach Berlin. Ihre Schwester Johanna heiratete den Kaufmann Sally Loepert und lebte weiter in Schivelbein.

Während der NS-Diktatur verloren die Verwandten ihre Geschäfte und Häuser, und eine Reihe von ihnen floh nach Berlin. Rosa Mannheim wohnte 1935 gemeinsam mit ihrem Bruder Moses noch immer im Haus am Markt 19. Auch während der Volkszählung 1939 lebte sie in Schivelbein, aber nun – wie ihr Bruder – im Haus der verwitweten Schwester Johanna Loepert.
Danach zogen die Geschwister nach Berlin. Rosa Mannheim wohnte bei ihrem Bruder Erwin Mannheim und seiner Ehefrau Betty in der Livländischen Straße 28 in einem möblierten Zimmer für 150 Mark Miete und Pension. Außerdem lebte ihr Neffe Ludwig Loepert, Sohn der Schwester Johanna, eine Zeit lang illegal in der Wohnung. Johanna Loepert lebte in Berlin gemeinsam mit Philippine Mannheim in Berlin-Halensee.

Rosa Mannheim war noch immer wohlhabend, ihr Vermögen wurde zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Außerdem scheint sie einen Heimeinkaufsvertrag für Theresienstadt abgeschlossen zu haben. Im Herbst 1941 gaben Rosa Mannheim und Bruder und Schwägerin verschiedenen Bekannten Geld zur Aufbewahrung, „zu treuen Händen“. Edwin und Betty Mannheim verkauften zudem einen Teil der Wohnungseinrichtung. Der Rest der Möbel und des Hausrats wurde bei der Spedition A. Schäfer gelagert, deren Mitinhaber einst Edgar Brilles aus der Familie von Betty Mannheim gewesen war, und nach der Deportation von Rosa Mannheim versteigert.
Edwin und Betty Mannheim wurden am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Rosa Mannheim wurde am 17. März 1943 mit dem letzten „Großtransport“ in das Ghettolager Theresienstadt deportiert und traf dort ihren Neffen Ludwig Jacobi und ihre Nichte Käthe Segall, geb. Loepert. Beide wurden in Auschwitz ermordet.

Rosa Mannheim kam am 13. Juli 1943 in Theresienstadt um.
Ihr Bruder Moses war am 21. Juli 1941 in Berlin gestorben.
Die Schwester Johanna starb in Theresienstadt, genauso Philippine Mannheim. Bruder Hugo, der mit einer nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten „arischen“ Frau verheiratet war, überlebte die Diktatur. Auch der Neffe Ludwig Loepert überlebte. Ihre Verwandte Gisela Mießner, geb. Mannheim (1925–2008), mit den Eltern ebenfalls aus Schivelbein nach Berlin geflohen, wurde nach 1945 eine bekannte sozialdemokratische Kommunalpolitikerin. Sie war die Patin für diesen Stolperstein.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll

Weitere Quellen
Adressbuch Schivelbein;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen/über ancestry
Gerhard Salinger: Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 3, Teil III, S. 702 – 718
https://www.geni.com/people/;
Vossische Zeitung vom 9.8.1881;
Todesfallanzeige Theresienstadt.

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

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Stolperstein für Edwin Mannheim
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
EDWIN MANNHEIM
JG. 1878
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Edwin Mannheim kam am 18. September 1878 in Schivelbein, einer kleinen Handelsstadt in Pommern (heute: Świdwin in Polen), als Sohn des jüdischen Kaufmanns Lewin Mannheim (1822–1895) und seiner Ehefrau Rosalie, geb. Jacobus, auf die Welt. Die Eltern stammten aus großen und geachteten Kaufmannsfamilien, die im Zentrum der Stadt Wohn- und Geschäftshäuser besaßen und mit Getreide, Leder, Wolle, Textilien, Kolonialwaren und Spirituosen handelten. Die Familien kannten sich und die anderen jüdischen Kaufleute von Kindheit an und heirateten untereinander.
Der Vater besaß am Markt ein Geschäft für Tuche und Modewaren. Edwin Mannheim war das jüngste von fünf (oder sechs) Geschwistern: Johanna (*1861), Moses (*1863), Rosa (*1864), Hugo (*1871) und vielleicht Philippine Mannheim (*1877).

Am 7. August 1881 erlebte Edwin Mannheim als kleines Kind ein Pogrom. Die im Parterre der Häuser gelegenen Geschäfte des Vaters und der Familie der Mutter wurden verwüstet und geplündert. Die Mehrzahl der Bürger war empört und schützte die jüdischen Familien vor dem von „antisemitischen Volksverführer[n]“, dem „feinen Pöbel“, aufgehetzten Mob.

Ob Edwin Mannheim nach dem Tod seines Vaters im elterlichen Geschäft gearbeitet hat, bleibt unklar. Einen eigenen Haushalt führte er in Schivelbein nicht. Sein Bruder Hugo war nach Berlin gegangen und lebte in der Fürther Straße 12 in Berlin-Wilmersdorf. Nach dessen Hochzeit im Jahr 1911 zog Edwin Mannheim in das Haus und wohnte dort bis 1932/33. Verheiratet war er mit der in Plauen geborenen Betty Brilles (1890–1943), die ebenfalls aus einer Kaufmannsfamilie stammte. Sie blieben ohne Kinder. Edwin Mannheim hatte eine 1911 gegründete Elektro- und Radiogroßhandlung in Kreuzberg gekauft, die unter dem Namen Bruno Georgi firmierte und nach 1938 mit einem neuen Besitzer noch während des Zweiten Weltkriegs existierte. (Das heißt: Der Name blieb, der Besitzer war laut Berliner Adressbuch der Kaufmann Walter Reimann.) Aus der Fürther Straße zog das Ehepaar nach 20 Jahren in eine 4-Zimmer-Wohnung in der Livländischen Straße 28. Noch scheint es das gewohnte gutbürgerliche Leben geführt zu haben.

Die Verwandten in Schivelbein verloren während der NS-Diktatur ihre Geschäfte und Häuser, und eine Reihe von ihnen floh nach Berlin. Edwins Geschwister Johanna, verwitwete Loepert, Rosa und Moses hatten 1939 noch gemeinsam in Johannas Haus in Schivelbein gewohnt. In Berlin lebte Johanna mit Philippine Mannheim in Berlin-Halensee. Rosa lebte bei ihrem Bruder Edwin und seiner Ehefrau. Dort lebte illegal eine Zeit lang auch Ludwig Loepert, Sohn von Johanna.

Bereits im Herbst 1941 gaben das Ehepaar Mannheim und Rosa Mannheim verschiedenen Bekannten Geld zur Aufbewahrung („zu treuen Händen“) und verkauften einen Teil der Wohnungseinrichtung. (Über den Verbleib des Geldes wurde nach 1945 gestritten.) Edwin Mannheim musste Zwangsarbeit leisten. Im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion am 28. Februar 1943 am Arbeitsplatz festgenommen, wurde er mit seiner Ehefrau Betty am 3. März 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Der gelagerte Rest der Möbel und des Hausrats wurde nach ihrer Deportation versteigert. Edwin Mannheims Neffe Ludwig Loepert konnte überleben, wie auch sein Bruder Hugo, der eine nach den NS-Rassegesetzen „arische“ Frau hatte. Moses Mannheim starb 1941 in Berlin. Johanna Loepert, Philippine und Rosa Mannheim wurden nach Theresienstadt deportiert und kamen dort um. Eine weitere Verwandte, die 1938 mit ihren Eltern aus Schivelbein geflohene Gisela Mannheim, verheiratete Mießner, (1925–2008) wurde nach 1945 in Berlin eine bekannte sozialdemokratische Kommunalpolitikerin.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Adressbücher Schivelbein 1925, 1935;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen über ancestry;
Gerhard Salinger: Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 3, Teil III, S. 702 – 718;
Vossische Zeitung vom 9.8.1881;
Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
Pommerndatenbank – Die Datenbank für Familienforschung in Pommern
genealogy.net, Familiendatenbank Belgard-Schivelbein, Personenliste: Mannheim
https://www.geni.com/people/;

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

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Stolperstein für Betty Mannheim
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
BETTY MANNHEIM
GEB. BRILLES
JG. 1890
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Betty Brilles kam am 3. Oktober 1890 in der sächsischen Stadt Plauen als Tochter des Kaufmanns Arthur Brilles (1859–1934) und seiner Ehefrau Hedwig, geb. Levin, (1863–1918) auf die Welt.
Der Vater stammte aus Bromberg (heute Bydgoszcz in Polen), die Mutter aus einer Stettiner (heute Szczecin in Polen) Kaufmannsfamilie. Die Familie Brilles handelte in Bromberg mit Leder, Wolle und Getreide. In den Adressbüchern der Stadt taucht der Vater von Betty Brilles nicht als selbstständiger Kaufmann auf.

An Betty Brillles Geburtsort Plauen erinnern die „Plauener Spitzen“, durch deren Herstellung die Stadt bekannt wurde. Zum Zeitpunkt von Bettys Geburt besaß der Vater eine „Manufaktur-, Mode- und Leinenwarenhandlung“ im Zentrum von Plauen. Lange Zeit scheinen die Eltern hier nicht gelebt zu haben. Betty Brilles hatte zwei jüngere Schwestern: die 1892 geborene Helene und die 1893 geborene Erna. Sie kamen in Pasewalk in der Nähe von Stettin auf die Welt.

1896 zog die Familie, nach Berlin, wo sie in Wilmersdorf und Charlottenburg wohnte – damals noch selbstständige Gemeinden. Seit 1908 lebten zuerst die ganze Familie und dann nur die Eltern in der der Charlottenburger Fritschestraße 37. Auch Bettys Großmutter Levin wohnte als Witwe eine Weile bei Tochter und Schwiegersohn. Im Oktober 1918 starb die Mutter von Betty an der Spanischen Grippe, die damals um die ganze Welt ging und Millionen tötete. Der verwitwete Vater blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1934 in der Wohnung.

Betty Brilles heiratete um 1910(?) den 1878 in Schivelbein/Pommern (heute Świdwin in Polen) geborenen Kaufmann Edwin Mannheim. Als Tochter in der Familie Brilles und auch nach der Hochzeit als Hausfrau und Mutter hinterließ sie nur wenige Spuren. Das Ehepaar zog 1911 in das Haus Fürther Straße 12 in Wilmersdorf. Dort hatte vorher Bettys Schwager Hugo Mannheim gewohnt. Es lebte dort bis 1933 und scheint keine Kinder gehabt zu haben. Edwin Mannheim hatte eine 1911 gegründete Elektro- und Radiogroßhandlung in Kreuzberg gekauft, die unter dem Namen Bruno Georgi firmierte. (Nach 1938 bekam sie einen neuen Besitzer, der Firmenname blieb.)

Von der Fürther Straße zog das Ehepaar in eine 4-Zimmer-Wohnung in der 2. Etage des Hauses Livländische Straße 28. Edwin und Betty Mannheim lebten ein gutsituiertes Leben.

Während der NS-Diktatur verloren die Verwandten des Ehemannes in Schivelbein ihre Geschäfte und Häuser, und eine Reihe von ihnen floh Ende der 1930er-Jahre nach Berlin. Edwins Schwester Rosa zog zu ihrem Bruder Edwin und seiner Frau. Außerdem lebte Neffe Ludwig Loepert, Sohn von Edwin Mannheims Schwester Johanna, illegal in der Wohnung. (Er überlebte.)
Im Herbst 1941 gaben das Ehepaar Mannheim und die Schwägerin verschiedenen Bekannten Geld zur Aufbewahrung und verkauften einen Teil der Wohnungseinrichtung.

Betty Mannheim und ihr Ehemann mussten noch als Zwangsarbeiter arbeiten. Sie wurden am 3. März 1943 im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Die Schwägerin Rosa Mannheim wurde am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert und kam dort um. Der Rest der gelagerten Möbel und des Hausrats wurde nach ihrer Deportation im Juni 1943 versteigert. – Lager und Auktionsraum gehörten einer Spedition, deren Mitbesitzer Edgar Brilles, ein Verwandter von Hedwig Brilles, gewesen war. (Er konnte emigrieren und starb 1961 in Großbritannien.)

Von den beiden Schwestern konnte Helene Brilles, die ledig geblieben war, ebenfalls emigrieren. Die Schwester Erna, seit 1923 verheiratet mit Simon (Siegfried) Lazarus, wurde mit ihrem Ehemann am 12. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sohn Kurt (1925–2017) wurde von den Eltern am 19. Juli 1939 mit einem Kindertransport nach England geschickt und nahm dort den Namen Keith Lawson an.

Biografische Zusammenstellung
Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll
Weitere Quellen
Adressbuch Kreisstadt Plauen i.V. 1890/91;
Adressbuch Schivelbein;
Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Bromberg auf das Jahr 1858;
Landesarchiv Berlin – Personenstandsunterlagen über ancestry;
https://www.geni.com/people/.

Von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin