Inhaltsspalte

Rede der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen zur Begrüßung russischer Stabsoffiziere am 16.4.2007

Rede der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen

Zur Begrüßung russischer Stabsoffiziere am 16.4.2007

Besuch gemeinsam mit Dr. Michael Paul vom Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit / Stiftung Wissenschaft und Politik im Rathaus Charlottenburg, Saal 2

Sehr geehrter Herr Dr. Paul!
Sehr geehrte Herren!

Herzlich willkommen in Charlottenburg-Wilmersdorf – oder, wie man in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts sagte und manche auch heute wieder sagen: in “Charlottengrad”.
Charlottenburg-Wilmersdorf ist der Bezirk der westlichen City Berlins. Den Bezirk gibt es in dieser Form erst seit dem 1. Januar 2001. Damals wurden aus 23 Berliner Bezirken 12 gemacht. Unter anderem wurden dabei die früheren Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf fusioniert. Das hatte zur Folge, dass jetzt alle 12 Berliner Bezirke ungefähr gleich groß sind. Sie haben alle rund 300.000 Einwohner. Charlottenburg-Wilmersdorf hat 315.000.

Mittelpunkt des Bezirks ist die City rund um den Kurfürstendamm mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zu unserem Bezirk gehört das Messegelände mit dem Internationalen Congress-Centrum ICC, das Olympiastadion, das Schloss Charlottenburg, die Technische Universität, die Universität der Künste, die Deutsche Oper Berlin und die Schaubühne am Lehniner Platz. Aber der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ist nicht nur City-Bezirk, sondern vor allem auch Wohnbezirk. Von der Hochhaussiedlung mit Sozialwohnungen in Charlottenburg-Nord bis zu den Villenkolonien Grunewald und Westend sind hier alle Formen vom einfachen Wohnen bis zum hochherrschaftlichen Residieren möglich. In unserem Bezirk gibt es besonders viele Senioren-Residenzen, also Einrichtungen mit Pflegeangebot für ältere Menschen.

Sie haben ja bereits das Schloss Charlottenburg besichtigt und vielleicht dabei auch gehört, dass mit dem Schloss Charlottenburg auch die Stadt Charlottenburg entstand. Kufürst Friedrich III, der spätere preußische König Friedrich I, schenkte seiner Gemahlin Sophie Charlotte die Gemeinde Lützow und Umgebung zum Bau einer Sommerresidenz. Sie ließ seit 1695 das Schloss Lietzenburg bauen. Nach der früh verstorbenen Königin erhielt es 1705 den Namen Charlottenburg, und der König verlieh der kleinen Ansiedlung in seiner Nähe unter dem gleichen Namen Stadtrechte. Dieses Städtchen blieb aber rund 150 Jahre lang eher bedeutungslos.

Um 1850 begann die rasante Entwicklung Charlottenburgs zur reichsten Stadt Preußens, und am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich mit dem Ausbau des Kurfürstendammes zum Großstadtboulevard in Charlottenburg und Wilmersdorf neben Berlin eine neue City, die der alten Stadtmitte Unter den Linden und an der Friedrichstraße schnell Konkurrenz machte. Die Mischung aus Kultur, Kommerz und Gastronomie bei einem gleichzeitig hohen Anteil großzügiger Wohnungen entwickelte sich innerhalb weniger Jahren zu einem der Hauptanziehungspunkte Berlins. 1896 entstand das Theater des Westens, 1907 das Schillertheater und 1912 das Opernhaus, an dessen Stelle 1961 die Deutsche Oper Berlin neu eröffnet wurde.

1920 wurde nach jahrzehntelangen Diskussionen Groß-Berlin gebildet. Die um Berlin herum liegenden Großstädte und Dörfer wurden eingemeindet, darunter auch Charlottenburg und Wilmersdorf. Beide Städte hatten sich gegen die Eingemeindung gewehrt, aber nach dem Ersten Weltkrieg führte kein Weg mehr daran vorbei. Um den Verfechtern der selbständigen Städte entgegen zu kommen, wurde Berlin in 20 Bezirke gegliedert, und diese Bezirke durften eine gewisse Eigenständigkeit behalten. Allerdings ist dieser Kompromiss zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung bis heute ein Problem der Berliner Verwaltung. Da die Zuständigkeiten in der zweistufigen Verwaltung nicht klar abgegrenzt sind, kommt es immer wieder zu Reibungsverlusten zwischen dem Senat und den Bezirken.

In den 20er Jahren des 20sten Jahrhunderts erlebte Berlin W rund um den Kurfürstendamm in Charlottenburg und Wilmersdorf als international berühmte Flaniermeile ihren vorläufigen Höhepunkt: Moderne Kinos, Theater, Kabarettbühnen, Revuen, Tanzcafés und schicke Geschäfte lockten Touristen ebenso wie Berlinerinnen und Berliner in die westliche City. Wer das historische Berlin erleben wollte, ging zum Alexanderplatz und flanierte über die Linden zum Brandenburger Tor. Wer das moderne, quirlige, internationale Berlin am Puls der Zeit erleben wollte, der suchte es “rund um die Gedächtniskirche rum”. So hieß damals eine der populären Revuen. Für den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe war der Kurfürstendamm damals “das größte Caféhaus Europas”.

Nach der russischen Oktoberrevolution 1917 flohen viele Russen vor dem Bürgerkrieg oder vor der Verfolgung durch die Bolschewiken nach Berlin. Das Leben war hier unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg zwar auch nicht einfach, aber wegen der Inflation war es hier bis 1924 besonders billig. 360.000 russische Emigranten lebten damals in Berlin. Die meisten kamen in den Neuen Westen Berlins, nach Wilmersdorf und nach Charlottenburg, darunter berühmte Künstler, Journalisten und Schriftsteller wie Wladimir Nabokow, Boris Pasternak, Maxim Gorki, Vera Lourié, Sergej Jessenin, Wladimir Majakowski, Viktor Schklowski, Ilja Ehrenburg, Marina Zwetajewa und viele andere. Um den Prager Platz in Wilmersdorf entstand ein Zentrum russischer Intellektueller, Buchhändler und Verleger. Die Prager Diele war einer ihrer bevorzugten Treffpunkte.

Der junge russische Maler S. Segal schilderte im März 1923 das russische Leben in Berlin so: “Wir Alteingesessenen haben uns daran gewöhnt. Aber einem Zugereisten muss die Fülle russischer Läden, Cafes, Restaurants, Kabaretts usw. höchst seltsam vorkommen. Und tatsächlich, man geht im Westen spazieren und es flimmert einem vor Augen vor lauter Aushängen, Vitrinen, Plakaten und Reklamen: “Wir sprechen russisch”, Buchhandlung “Rodina”, Restaurant “Medwed”, Cafe “Moskwa”, russische Friseure, fehlt nur noch der Hühneraugendoktor! Und an den Zeitungskiosken prangen die Zeitungen und Zeitschriften: “Dni”, “Nakanune”, “Rul”, “Spolochi”, “Shar-Ptiza”…”

Es gab 86 russische Verlage und Buchhandlungen, 39 russische Tages- und Wochenzeitungen und Zeitschriften, außerdem Theater- und Musikgruppen, viele Restaurants und Ausstellungen russischer Künstler. Nirgendwo erschienen Anfang der 20er Jahre so viele russische Bücher wie in Berlin. Viele nannten Charlottenburg damals spöttisch “Charlottengrad”. Die verschiedenen politischen Gruppen bekämpften sich lautstark und übertrafen sich in ihren Prognosen über das baldige Ende der Regierung in Moskau. Für viele war Berlin nur eine Durchgangsstation. Manche zogen weiter nach Paris oder New York. Andere kehrten zurück in ihre Heimat. Aber manche ließen sich auch auf Dauer in Berlin nieder.

Der deutsch-russische Schulverein baute das Mariannenhaus in der Nachodstraße 10 zu einem Asyl- und Flüchtlingsheim aus und eröffnete dort die St.-Georgs-Schule, ein deutsch-russisches Realgymnasium. Der spätere Bischof Tichon eröffnete hier eine Kapelle und nannte sie St.-Vladimir-Kirche. Im Zusammenhang mit der Errichtung eines großen Wohnkomplexes am Hohenzollerndamm Ecke Ruhrstraße ließ er eine Russisch-Orthodoxe Kathedrale zur Auferstehung Christi errichten, die 1928 eingeweiht wurde.

Die Nationalsozialisten benötigten das Gebäude dann für ihre Deutsche Arbeitsfront und stellten der Russischen Kirche dafür ein Grundstück auf dem Hoffmann-von-Fallersleben-Platz zur Verfügung, wo 1938 die neue Russisch-Orthodoxe Kirche eingeweiht wurde, die mit ihren Zwiebeltürmchen bis heute ein beliebtes Fotomotiv ist. Die Architektur erinnert an das Dreieinigkeits-Sergius-Kloster in Sagorsk.

Der Nationalsozialismus zerstörte vieles, vor allem durch die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Charlottenburg und Wilmersdorf waren seit den 20er Jahren die beiden Bezirke mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung. Viele Juden hatten als Unternehmer, Künstler, Intellektuelle, Schriftsteller und Mäzene einen großen Anteil an der internationalen Ausstrahlung des Berliner Westens. Nachdem die inneren Grundlagen dieser Erfolgsgeschichte zerstört waren, wurde im Zweiten Weltkrieg auch äußerlich sichtbar viel wertvolle Bausubstanz vernichtet. Als Mahnmal gegen den Krieg zeugt der Ruinenturm der Gedächtniskirche bis heute davon.

Weithin sichtbares Ergebnis der Trümmerbeseitigung ist der 115 Meter hohe Teufelsberg. Mit der Teilung der Stadt wurde die frühere City-Filiale zur neuen City West-Berlins, zum “Schaufenster des Westens”. Seit dem Fall der Mauer 1989 gibt es wieder einen Wettbewerb zwischen den Berliner Citys – und das ist gut so. Denn die Vielfalt Berlins macht den Reiz der Stadt aus. Von den Anziehungspunkten im neuen Regierungsviertel und in der alten Mitte profitiert auch die westliche City, und von der ungebremsten Attraktivität des Westens profitiert auch das historische Zentrum.

In Charlottenburg-Wilmersdorf verbinden sich Großstadtflair und Kiezatmosphäre. Nach der Konzentration auf die neu entstandenen Szenetreffs in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain, sind jetzt wieder viele Restaurants und Clubs rund um den Kurfürstendamm, den Ludwigkirchplatz, Savignyplatz und Schlüterstraße angesagt. Der Bezirk hat zwar in den letzten Jahren viele Kinos verloren und Nofretete ist auf die Museumsinsel gezogen, aber mit dem Museum Berggruen, dem Fotomuseum und der Helmut-Newton-Stiftung, der Bar jeder Vernunft sind auch viele neue Attraktionen für Touristen und Einheimische entstanden. Die Galerien-Szene ist äußerst vielfältig und kreativ.

Und in den letzten Jahren sind auch wieder viele Russen nach Charlottenburg-Wilmersdorf gekommen, vor allem sogenannte deutsch-russische Aussiedler und russische Juden, die inzwischen die Mehrheit in der jüdischen Gemeinde Berlins bilden.
Es gibt wieder eine russische Zeitung in Berlin, russische Geschäfte und Restaurants, und man sagt, dass die Juweliere am Kurfürstendamm vor allem von den reichen Russinnen und Russen leben, die dort einkaufen.

Nach wie vor gibt es in Charlottenburg-Wilmersdorf viele komfortable Altbauwohnungen und gut funktionierende Wohnkieze mit lebendigen Geschäftsstraßen. Viele Geschäftsleute haben sich in Arbeitsgruppen zusammen geschlossen, um gemeinsam gegen die Konkurrenz der großen Discounter und Großmärkte bestehen zu können. Qualität und Individualität sind hier gefragt: Originelle Angebote, wie sie bei den großen Ketten nicht zu finden sind. Entsprechend vielfältig sind die Ladenzeilen. Überdurchschnittlich viele Selbständige – Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Architekten, Künstler – leben in Charlottenburg-Wilmersdorf. Sie prägen den Bezirk mit ihrer Kreativität und Gelassenheit.

Die City-West ist nach wie vor das meistbesuchte florierende Einkaufszentrum Berlins. Die Passantenzahlen auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße sind regelmäßig die höchsten in Berlin. Auch rund um den Adenauerplatz hat sich der Kurfürstendamm für viel überraschend entwickelt: Inzwischen hat sich hier alles angesiedelt, was Rang und Namen hat. Keine Luxusmarke darf mehr fehlen. Der Bezirk hat allerdings Sorge, dass – gerade wegen des großen geschäftlichen Erfolgs – die Kultur am Boulevard zurückgedrängt wird. Deshalb kämpft das Bezirksamt für den Erhalt der Kurfürstendamm-Theater und der Kinos, vor allem des Zoo-Palastes.

Der Breitscheidplatz wurde umgebaut und verschönert. Jetzt wird das Europa-Center umgebaut und modernisiert. Nach dem Neuen Kranzler-Eck, dem neuen Kudamm-Eck und dem neuen Concorde Hotel werden weitere spektakuläre Neubauten rund um Breitscheidplatz und Bahnhof Zoo entstehen. Das geplante riesige Aussichtsrad hinter dem Bahnhof Zoo wird zusätzliche Touristen in die City-West locken – und dann wird die Deutsche Bahn sicherlich auch endlich den Bahnhof Zoo wieder zum Fernbahnhof machen.

Übersicht über die Reden der Bezirksbürgermeisterin