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Rede der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen zur Enthüllung einer Gedenktafel für Herta Heuwer am Sonntag, 29.6.2003, 11 Uhr am Haus Kantstr.101 (Ecke Kaiser-Friedrich-Straße)

Rede der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen

zur Enthüllung einer Gedenktafel für Herta Heuwer

am Sonntag, 29.6.2003, 11 Uhr am Haus Kantstr.101 (Ecke Kaiser-Friedrich-Straße)

Sehr geehrte Frau Böhme!
Sehr geehrte Frau Grothum!
Sehr geehrte Damen und Herrn!

Herzlich willkommen zu unserem kleinen Fest zur Enthüllung einer ganz besonderen Gedenktafel. Wir wollen damit erinnern an Herta Heuwer, die Erfinderin der Currywurst.

Zuerst muss ich leider unseren Bundeskanzler entschuldigen. Wir haben ihn als bekennenden Curry-Wurst-Liebhaber natürlich eingeladen, aber er musste leider absagen, hat uns aber guten Appetit und viel Freude bei diesem schönen Anlass gewünscht.

Um so mehr freue ich mich, Brigitte Grothum begrüßen zu dürfen. Wir haben natürlich die “Drei Damen vom Grill” eingeladen, und Brigitte Grothum hat spontan zugesagt. Herzlich Dank dafür und herzlich willkommen.

Herzlichen Dank auch der Firma Bachhuber. Sie hat sich bereit erklärt, heute das anzubieten, was bei einer solchen Feier auf gar keinen Fall fehlen darf: Currywurst. Außerdem haben wir auch musikalische Begleitung: Ich danke dem Drehorgelmann Claus Kirchner, der uns musikalisch unterhält und für die richtige Stimmung sorgt. Und ich danke Herrn Schulze, der sich bei uns gemeldet hat, als er von dem bevorstehenden Ereignis erfuhr. Er will uns das von ihm selbst komponierte und getextete Lied “Die gute alte Currywurst” vortragen. Wir sind gespannt.

Danken möchte ich allen, die an der Entstehung dieser Gedenktafel beteiligt waren: Der Bildhauer Reinhard Jacob hat wie schon oft in unserem Bezirk die Tafel entworfen, produziert und angebracht. Die Grundstücksverwaltung Tilo Stöhr hat sofort zugestimmt, an ihrem Haus eine Gedenktafel für Herta Heuwer anzubringen. Nur wenn die Hauseigentümer uns die Erlaubnis geben, ist so etwas möglich, und wir müssen immer wieder feststellen, dass dies nicht selbstverständlich ist. Vielen Dank also für Ihr Einverständnis, und mit Ihrer Erlaubnis möchte ich kurz aus Ihrem Brief vom 14. September 2000 zitieren:

“Ich hielt das Ganze für einen Spaß, aber wenn es nun Ernst sein soll, habe ich nichts gegen die Anbringung eines Schildes an der vorgesehenen Stelle. Ich hoffe mit Ihrer Zufriedenheit stellt sich auch ein höherer Umsatz bei der gegenüberliegenden Currywurstbude ein.”

Da wollen wir doch gemeinsam die Daumen drücken.

Sie haben richtig gehört: Der Brief stammt vom 14.9.2000, ist also bald drei Jahre alt. So lange ist die Idee einer Gedenktafel für Herta Heuwer gereift, bis wir sie heute in die Tat umsetzen können.

Und das haben wir vor allem dem Ehepaar Böhme aus der Schweiz zu verdanken. Brigitte Böhme ist die Nichte von Herta Heuwer. Sie und ihr Mann, Dr. Olaf Böhme, hatten die Idee, und sie haben sich hartnäckig und unermüdlich für eine Tafel für ihre Tante eingesetzt. Sie haben die Gedenktafel auch selbst gestiftet und in Auftrag gegeben. Deshalb danke ich vor allem und ganz besonders ihnen, dem Ehepaar Böhme. Sie sind ein ums andere Mal nach Berlin gefahren, haben sich um alles gekümmert, und ich hoffe, dass sie sich heute darüber freuen, dass sie ihr Ziel erreicht haben.

Ich habe es gleich zu Anfang gesagt: Wir enthüllen heute eine ganz besondere Gedenktafel. Warum eine Gedenktafel für die Erfinderin der Currywurst? Ist das nur ein Gag, wie die Hausverwaltung Stöhr zunächst vermutete, oder hat das Ganze auch eine tiefere Berechtigung? Allein in unserem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es mehr als 300 Gedenktafeln. Sie erinnern an bedeutende Persönlichkeiten: Schriftsteller, Künstler, Musiker, Schauspieler, Sportler, Naturwissenschaftler, Industrielle, Politiker, darunter übrigens erst knapp 40 Frauen, also gerade einmal 13 Prozent. Höchste Zeit also, dass wieder einmal eine Frau geehrt wird.

Aber wir haben bisher keine einzige Gedenktafel, die an einen Menschen erinnert, der sich um das Wichtigste verdient gemacht hat, was es für uns gibt: das Essen. Nicht ganz zu Unrecht wird uns Deutschen nachgesagt, dass wir das Essen vernachlässigen. Bei unseren französischen Nachbarn werden die Kinder nicht nur in ihren Familien, sondern auch in der Schule zu Feinschmeckern erzogen, und ein gutes Essen gehört zu einem gelungenen Tag unbedingt dazu. Die Spitzenköche sind nationale Institutionen und werden gefeiert. Inzwischen hat sich bei uns in Berlin einiges getan: Selbst unsere Restaurantkritikerpäpste haben Berlin inzwischen als kulinarisches Paradies entdeckt. In den Zeitungen und im Fernsehen versorgen uns populäre Köchinnen und Köche mit ihren Rezepten.

Es tut sich also etwas auf kulinarischem Gebiet in Deutschland und in Berlin. Höchste Zeit, an die Pioniere zu erinnern: Die am 30. Juni 1913 in Königsberg geborene Herta Heuwer hat vor 54 Jahren, am 4. September, hier an ihrem Imbissstand die pikante Chillup-Sauce erfunden und zum ersten Mal verwendet. Ihre Sauce hat die Wurst zur Currywurst gemacht und damit ein Berliner Original geschaffen. Die Currywurst wurde zum kulinarischen Wahrzeichen Berlins und zum Exportartikel. Es gibt Verächter und Liebhaber, es gibt literarische Kommentare, Lieder und Rocksongs, und in unzähligen Filmen spielt sie eine nicht unerhebliche Rolle. Aus Berlin ist sie nicht weg zu denken. Sie hat sich behauptet trotz erheblicher und wachsender Konkurrenz. Der aus der Türkei erfolgreich importierte Döner hat sie an Popularität wohl erreicht. Aber ist das nicht eine Auszeichnung für Berlin als internationale Stadt: Döner Kebab und die Currywurst behaupten sich einträchtig nebeneinander als die wohl unschlagbar beliebtesten Mahlzeiten für Zwischendurch.

Herta Heuwer wäre morgen 90 Jahre alt geworden. Sie hat hier in Charlottenburg-Wilmersdorf vor 54 Jahren die Currywurst erfunden, und sie hat bis zu ihrem Tod am 3. Juli 1999 im Eichkatzweg in der Siedlung Eichkamp in unserem Bezirk gewohnt. Heute erinnern wir an eine einfache Frau, die für Berlin eine bleibende kulinarische Attraktion geschaffen hat.

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