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Thema des Monats Juli 2005

Religionsunterricht vor dem Aus?

Die Bezirksverordnetenversammlung diskutiert

Der Berliner Senat hat beschlossen, in den Schulen zusätzlich zu dem von den Kirchen angebotenen freiwilligen Religionsunterricht ein verbindliches Fach LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) einzuführen. Die Kirchen befürchten, dass dann noch weniger Schülerinnen und Schüler als bisher den Religionsunterricht besuchen und verlangen ein Wahlpflichtfach, in dem LER und konfessioneller Religionsunterricht gleichberechtigt zur Auswahl stehen. Auch in der Bezirksverordnetenversammlung sind die Auffassungen unterschiedlich.

SPD-Fraktion

Der freiwillige Religionsunterricht an den Berliner Schulen bleibt. Er wurde zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt. Der Religionsunterricht wird in Berlin seit 1945 als freiwilliges Unterrichtsfach von den Kirchen (mit finanzieller Unterstützung des Landes Berlin von ca. 50 Millionen Euro jährlich) an den Schulen angeboten, obwohl Berlin nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts vom Februar 2000 dazu nicht verpflichtet ist.
Ab dem Schuljahr 2006/2007 soll für alle Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse zusätzlich ein gemeinsamer Werteunterricht eingeführt werden. Gerade in Berlin ist es wichtig, dass sich Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher politischer und religiöser bzw. weltanschaulicher Auffassungen gemeinsam mit den Fragen der Werteorientierung in unterschiedlichen Weltreligionen, Weltanschauungen und Lebensauffassungen auseinandersetzen und fremde Auffassungen und Lebensformen respektieren und verstehen. Die SPD setzt sich daher für das Fach LER als verpflichtendes Fach ein, unterstützt von der Mehrheit der Berliner Bevölkerung wie durch das Meinungsforschungs-Institut Emnid ermittelt.
Brigitte Hoffmann

CDU-Fraktion

Seit langem gibt es einen erheblichen Mangel an der Vermittlung von Werten in unserer Gesellschaft. In früheren Jahren hat die SPD diese Defizite schlicht geleugnet. Inzwischen sind wir weiter. Selbst die Sozialdemokraten bezweifeln nicht mehr, dass eine zusätzliche Vermittlung von gesellschaftlichen Werten dringend notwendig ist.
Aber wie sehen die Antworten der SPD aus? Drastische Kürzung der Zuschüsse für die kirchlichen Schulen, dramatische Kürzung der Zuschüsse für den Religionsunterricht, Auflösung der kirchlich getragenen Horte. Dann beschließt man die Abschaffung der Religionstoleranz an den Schulen, d.h. die Abschaffung des Religionsunterrichts an den Berliner Schulen und die Schaffung eines staatlichen Wertefachs. Dass viele Tausende von Berlinern sich dagegen aussprechen, interessiert niemanden.
Wie sieht die Antwort der CDU aus? Seit einigen Jahren gibt es den Modellversuch Ethik/Philosophie an einer Reihe von Berliner Schulen. Obwohl man die Rahmenbedingungen dieses Modellversuchs in den letzten Jahren bewusst verschlechterte und die sonst übliche Auswertung “vergaß”, hat sich unter Fachleuten längst herumgesprochen, dass sich an den betroffenen Schulen das Miteinander von Religionsunterricht und Ethik/Philosophie ausdrücklich bewährt hat. Die Zukunft liegt in einem Wahlpflichtfach, bei dem die Schüler und Schülerinnen und ihre Eltern die Freiheit haben, sich für einen Religionsunterricht oder einen Unterricht Ethik/Philosophie zu entscheiden.
Andreas Statzkowski

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Die CDU im Bezirk fordert “Wahlfreiheit statt zwangsweise staatliche Wertevermittlung”. Mit der Einführung der Wertekunde glauben viele, dass Religion ins Abseits gestellt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Um zu verstehen, worum es geht, sollte man einige Zahlen sprechen lassen. In Berlin sind nur noch 22 % der Einwohner evangelisch, 9% katholisch und 6% gehören dem Islam an. Insgesamt leben Angehörige von 130 Religionsgemeinschaften in der Stadt. Wer den Besuch von Religionsunterricht unter die Lupe nimmt, wird feststellen, dass die meisten Schüler diesen meiden. An Hauptschulen beträgt der Anteil der teilnehmenden Schüler 9,5%, an Realschulen 16,3% und an Gymnasien 19,4%, wobei Charlottenburg-Wilmersdorf hier gut abschneidet. Immerhin jede dritte Schülerin bzw. jeder dritte Schüler besucht hier den Unterricht. Im Umkehrschluss heißt das, dass ihn auch hier 2/3 der Schülerinnen und Schüler auslassen. Wenn man Werteverluste in unserer Gesellschaft beklagt und gleichzeitig Front gegen den islamischen Religionsunterricht macht, gibt es nur einen gangbaren Weg – jede Schülerin und jeder Schüler muss den Werteunterricht besuchen. Daneben kann weiterhin freiwillig und zusätzlich Religion durch die Religionsgemeinschaften angeboten werden. Im Übrigen wurzelt unser Wertekanon in der christlichen Lehre. Wertekunde wird eher zu Religion führen als gegen sie arbeiten.
Andreas Koska

FDP-Fraktion

Aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen ist eine Werteorientierung in der Schule notwendiger als jemals zuvor. Doch um andere besser zu verstehen und zu achten, muss ich mir erst meiner eigenen Werte bewusst sein. Dafür sorgten bisher die christlichen Kirchen, die islamische Föderation und der Humanistische Verband mit eigenen Angeboten.
In Brandenburg haben die Schüler die Wahl zwischen der Teilnahme an LER und einem Religionsunterricht.
Der SPD-geführte Senat will nun einen für alle Schüler verpflichtenden “Werteunterricht” etablieren. Darin sehen wir eine deutliche Entscheidung gegen den Religionsunterricht. Denn es ist zu erwarten, dass die Schüler einen freiwilligen Religionsunterricht am Nachmittag nicht wahrnehmen werden.
Unser Konzept lautet: Einführung des Wahlpflichtfachs Ethik/Religion auf der Grundlage des bewährten Schulversuchs Ethik/Philosophie bzw. der anerkannten Lehrpläne für Religion, abgehalten von dafür ausgebildeten Lehrkräften. Nur auf der Basis eines fundierten und verantwortungsvollen Unterrichts durch Lehrkräfte mit einem eigenen Standpunkt können junge Menschen an moralische Werte herangeführt und zu eigenständigen Persönlichkeiten herangebildet werden.
Dr. Wilfried Fest

Fraktionslose Bezirksverordnete (Die Linkspartei.PDS)

Vorneweg: Religionsunterricht in Berlin war immer ein freiwilliges Fach. Wenn ein Pflichtfach “Werte” eingeführt wird, berührt das den Status des Religionsunterrichtes erst einmal gar nicht; auch weil er weiterhin vom Land finanziert werden wird.
Es geht ja auch keineswegs darum, eine Konkurrenz aufzubauen. Es geht darum, dass alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Grundvoraussetzungen erwerben. Es geht darum, allen eine Basis an Grundwerten zu vermitteln.
Berlin lässt sich zudem nicht vergleichen mit einem Flächenland. Hier leben nun einmal Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturkreisen. Es geht auch darum, dass die verschiedenen Religionen einander verstehen lernen; nicht zu vergessen all diejenigen, die ohne religiösen Glauben aufwachsen.
Die Kinder wollen doch wissen, was ihre Mitschüler bewegt, weshalb sie andere Ansichten vertreten. Wir brauchen dieses Pflichtfach “Werteunterricht”, damit sich in dieser Stadt keine Parallelgesellschaften bilden. Wenn viele Erwachsene schon Schwierigkeiten haben, einander zu verstehen, muss jetzt wenigstens dafür gesorgt werden, dass die kommenden Generationen unbefangener miteinander umgehen können.
Benjamin Apeloig und Prof. Dr. Günther Bärwolff