Inhaltsspalte

Thema des Monats April 2006

Fußgängerzonen für Radfahren nach Geschäftsschluss öffnen - am Beispiel der Wilmersdorfer Straße

Die Bezirksverordnetenversammlung diskutiert

Zwischen Radfahrern und Fußgängern kommt es leider vor allem in der Großstadt immer wieder zu Konflikten. Auch in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf wird regelmäßig an konkreten Beispielen diskutiert, wie alle Interessen angemessen berücksichtigt werden können. Diesmal geht es um die Wilmersdorfer Straße.

SPD-Fraktion

Fahrräder sind “Null-Emissions-Fahrzeuge”. Nicht nur Umwelt und Klima profitieren, wenn mehr Wege mit dem Rad zurückgelegt werden, regelmäßiges Radfahren beugt auch vielen Zivilisationskrankheiten vor. Wir wollen deshalb den Fahrradverkehr in unserem Bezirk weiter fördern.
Insbesondere in der Nord-Süd-Richtung haben wir Lücken im Radwegenetz, die geschlossen werden müssen. Möchte man zum Beispiel mit dem Fahrrad vom Rathaus Charlottenburg im Norden nach Süden in Richtung Adenauerplatz fahren, kann man sich entscheiden, ob man über die Sesenheimer und Krumme Straße unbequemes Kopfsteinpflaster in Kauf nimmt, sich auf der Kaiser-Friedrich-Straße einer nicht unerheblichen Gefahrensituation aussetzt oder einen Umweg über die Leibnizstraße fährt, die mit einem Radweg ausgestattet ist.
Die Fußgängerzone in der Wilmersdorfer Straße ist eine reine Einkaufsstraße. Außerhalb der Geschäftszeiten bewegen sich hier kaum Fußgänger. Die SPD-Fraktion hält es daher für sinnvoll, hier das Radfahren außerhalb der Ladenöffnungszeiten, also nachts zwischen 21 Uhr abends und 8 Uhr morgens, sowie an Sonn- und Feiertagen, zu gestatten.
Katrin Schäfer

CDU-Fraktion

Die CDU-Fraktion in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf ist grundsätzlich gegen Radfahren in Fußgängerzonen, auch nach Geschäftsschluss. Gerade in dem Bereich der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße gibt es durch die parallel verlaufende Krumme Straße, die in weiten Teilen verkehrsberuhigt oder Tempo 30-Zone ist, exzellente Möglichkeiten, den geschützten Fußgängerbereich mit dem Fahrrad zu umfahren. Der geschützte Bereich einer Fußgängerzone sollte zu jeder Zeit dem Benutzer die Möglichkeit geben, sich fahrzeugfrei und somit sicher bewegen zu können. Gerade ältere Menschen, Behinderte und Kinder sind in dieser Hinsicht besonders zu schützen, was durch eine Veränderung dahingehend, dass man zu bestimmten Zeiten mit dem Fahrrad fahren darf, nicht mehr gewährleistet wäre. Es gibt in Berlin sehr wenige Fußgängerzonen und unserer Auffassung nach ist es nicht wünschenswert, gerade diese Straßen wieder, wenn auch nur zeitweise, für den Verkehr, wozu auch das Fahrradfahren gehört, zu öffnen. Auch aufgrund der aktuellen Diskussion um die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten kann eine längere Öffnung der Geschäfte auch das Fußgängeraufkommen zeitlich nach hinten verschieben. Wir sagen an dieser Stelle nochmals sehr deutlich, Fahrradfahren in einer Fußgängerzone ist für uns kein Thema.
Bodo Schmitt

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

In vielen deutschen Städten ist inzwischen das Fahrradfahren in den Fußgängerzonen gestattet. Eine der wenigen Berliner Fußgängerzonen ist die in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg. Der Alexanderplatz kann auch als autofrei angesehen werden. Dort gibt es sogar eine gesonderte Fahrradspur. Damit wurden bisher gute Erfahrungen gemacht. Für die Wilmersdorfer Straße fordern wir deshalb zum einen, dass die Querung des Fußgängerbereiches an der Pestalozzistraße erlaubt wird. In viele Routenvorschlägen wird die Pestalozzistraße als eine Alternative zur Kantstraße angepriesen. Bei der Durchfahrt über die Wilmersdorfer Straße muss man absteigen und schieben. Das ist umständlich und kontraproduktiv. Zum zweiten fordern wir, dass das Fahrradfahren nach Geschäftsschluss und an den Sonn- und Feiertagen ganztägig in der Fußgängerzone “Wilmersdorfer Straße” erlaubt wird. In diesen Zeiten verödet die Wilmersdorfer zusehends. Es sind kaum noch Menschen unterwegs, so dass die wenigen Fahrradfahrer auch niemanden stören, sondern eher zu einer Attraktivitätssteigerung der Straße beitragen würden.
Der Nord-Süd-Weg ist über die Wilmersdorfer wesentlich attraktiver als über das Kopfsteinpflaster der Krumme oder über die stark befahrene Kaiser-Friedrich-Straße.
Wir fordern eine Lösung, die sich pragmatisch an den Erfordernissen orientiert. Deshalb ist das Fahrradfahren in den von uns angegebenen Zeiten in der Wilmersdorfer Straße freizugeben.
Andreas Koska

FDP-Fraktion

Fahrradfahren hält fit. Viele Fahrradfahrer halten sich jedoch nicht an die Verkehrsregeln. Besonders ältere Menschen beschweren sich über die rücksichtslose Fahrweise von Radfahrern auf Gehwegen. Der Behindertenbeirat und die Seniorenvertretung haben sich daher gegen eine Öffnung der Wilmersdorfer Straße für Radfahrer ausgesprochen. Da sie auch an einigen Stellen ziemlich eng ist, befürchten die Vertreter eine Gefährdung der Fußgänger. Diese Befürchtungen sind ernst zu nehmen. Eine Querung der Wilmersdorfer Straße für Fahrradfahrer auf der Pestalozzistraße lehnt die FDP-Fraktion daher ab. Fahrradfahrern ist es zuzumuten, für diese kurze Strecke vom Rad abzusteigen und ihr Fahrrad zu schieben.
Das Umfahren der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße stellt für Fahrradfahrer aber einen erheblichen Umweg über Kopfsteinpflaster dar. Da nach Geschäftsschluss in der Wilmersdorfer Straße nur noch wenige Menschen unterwegs sind, kann sich die FDP-Fraktion eine Freigabe der Straße für Fahrräder nach Geschäftsschluss trotz der genannten Bedenken vorstellen. Sollte der Ladenschluss gänzlich aufgehoben werden, müsste eine solche Freigabe wieder auf den Prüfstand.
Corinna Holländer

Fraktionslose Bezirksverordnete (Die Linkspartei.PDS)

Die Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße gleicht an Wochenenden und abends nach acht einer Straße in einer Geisterstadt. Es ist fast unheimlich, im Dunkeln von der U-Bahn in eine der nahe gelegenen Seiten- oder Parallelstraßen zu gehen. Insofern erscheint die Idee, dort das Radfahren nach Ladenschluss zu erlauben, plausibel. Zudem ist es längst Normalität.
Aber das ganze ist nur ein kleiner Teil in einem großen Puzzle auf dem Weg zu einem fahrradfreundlichen Bezirk. Härter formuliert: Es ist ein Trostpflaster für all das, was in den vergangenen Jahren nicht passiert ist.
Auf wichtigen Achsen wie der Kaiser-Friedrich- und der Kantstraße fehlen nach wie vor die Fahrradspuren. Die Radwege am Kaiserdamm und an der Leibnizstraße sind lebensgefährlich. Und das sind nur einige Beispiele aus der unmittelbaren Umgebung der Fußgängerzone.
Es muss also darum gehen, aus diesem Stückwerk ein komplettes Konzept für einen fahrradfreundlichen Bezirk zu entwickeln. Alle klagen über Feinstaub, Smog und andere schädliche Umweltentwicklungen. Es ist an der Zeit, geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen: Dazu gehört ein engmaschiges Radwegenetz in Charlottenburg-Wilmersdorf.
Benjamin Apeloig, Dr. Günther Bärwolff