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Thema des Monats September 2006

Rund um den Breitscheidplatz

Die Bezirksverordnetenversammlung diskutiert

Am Ende des 19. Jahrhunderts, nach dem Bau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und der beiden romanischen Häuser, wurde der Auguste-Victoria-Platz zum Mittelpunkt der neuen City im Westen Berlins, an dem Kurfürstendamm, Tauentzien, Kant- und Hardenbergstraße aufeinander trafen. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges blieben von der alten Bebauung nur noch die Ruine der Gedächtniskirche und das Kaisereck an der Rankestraße übrig. 1947 wurde der Platz nach dem SPD-Reichstagsabgeordneten und Widerstandskämpfer Rudolf Breitscheid benannt und seither neu bebaut und häufig umgestaltet. Durch die Beseitigung des Autotun-nels im Zuge der Budapester Straße an der Nordseite ist der Platz nun wieder geschlossen. Um so deutlicher wird, wie reparaturbedürftig das Bikinihaus ist. Auch das 1960 errichtete Schimmelpfenghaus über der Kantstraße an der Westseite des Platzes ist umstritten.

SPD-Fraktion

Der Breitscheidplatz ist das Zentrum der City-West. Mit der willkürlich von der Bahn betriebenen Schließung des Bahnhofes Zoologischer Garten als Fernbahnhof wurde hier ein falsches Signal gesetzt – die SPD-Fraktion beteiligt sich deswegen auch in Zukunft intensiv an den Aktionen der Bürgerinitiative, die von Frau Frisch gegründet wurde. Ab dem nächsten Fahrplanwechsel müssen wieder Fernzüge am Bahnhof Zoo halten. Trotz dieser Schwächung funktioniert in der City-West die Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Doch gerade im Bereich Freizeit droht die Schließung des Zoo-Palastes. Bisher wird vom Baustadtrat eine Lösung bevorzugt, die eine Festivalnutzung des traditionsreichen Kinos durch die Berlinale ausschließt, da der neue Saal zu klein bemessen wäre. Hier haben wir Gesprächsrunden zwischen Investor und der Festivalleitung arrangiert. Die Umwandlung des Bikini-Hauses in ein The-menhotel “Wildlife” an der Nordseite des Breitscheidplatzes unterstützen wir grundsätzlich und erhoffen uns durch die geplanten neuen Ladengeschäfte eine weitere Aufwertung des Gebietes, die durch die von uns initiierte Schließung des Tunnels und durch die damit verbundene Aufhebung der künstlichen Trennung der Budapester Straße vom Breitscheidplatz begonnen hat.
Marc Schulte

CDU-Fraktion

Die City-West wurde in den letzten Monaten von positiven und negativen Aspekten geprägt. Positiv ist die Modernisierung des Breitscheidplatzes, die Baustadtrat Gröh-ler (CDU) wesentlich mit auf den Weg gebracht hat. Negativ ist die Aufgabe des Bahnhofs Zoo als Fernbahnhof, die Wowereit nicht verhindert hat. Die Planungen eines Riesenrads am Zoo unterstützt die CDU vehement, weil es die Attraktivität der City-West erhöhen wird. Wichtig ist unter anderem die Sanierung des Zentrums am Zoo. Baustadtrat Gröhler kämpft für den Erhalt des Zoo-Palastes, zweitgrößtes Kino Berlins, und verhandelt mit dem Grundstückseigentümer die langfristige kulturelle Nutzung. Problematisch ist nach wie vor die Situation des “Zoofensters”. Seit Jahren besteht Baurecht zur Errichtung eines Hochhauses. Ebenso problematisch ist inzwischen das Erscheinungsbild der Überbauung der Kantstraße mit dem “Schimmelpfenghaus”. Die CDU wird im Herbst die Grundstückseigentümer rund um Breitscheid- und Hardenbergplatz zu einem Runden Tisch versammeln, um die verschiedenen Interessenlagen abzustimmen. Ziel muss sein, durch attraktive Bauvorhaben der City-West zusätzliches Flair zu verleihen.
Bodo Schmitt

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Der Breitscheidplatz ist das Herzstück der City-West. Obwohl der Tauentzien und der Ku-Damm immer noch die am stärksten frequentierte Einkaufmeile Berlins ist, hat man den Eindruck, dass rund um den Breitscheidplatz der noble Putz der City-West bröckelt. Das Schimmelpfenghaus soll seit Jahren abgerissen werden und sucht trotzdem neue Mieter, die Baugrube dahinter wird auch durch die sie umgebende Werbung nicht schöner. Die Investoren springen reihenweise ab. Der ZOO-Palast, ein herausragendes Beispiel der Kinoarchitektur, steht zu Disposition. Der Royalpalast wurde gerade abgerissen. Das Bikinihaus soll umgebaut werden. In der Passage findet man nur noch Imbissbuden und Ramschläden. Hinter dem Bahnhof ZOO soll ein Riesenrad entstehen, ein Rummel, obwohl die Wirtschaftlichkeit in Frage zu stellen ist. Der Bahnhof selbst wird vom Fernverkehr abgekoppelt, weil dem Bahnchef die City-West zu schmuddlig ist. Das Amerikahaus steht leer. Jeder scheint seins zu machen und nichts wird beendet. Dieses haben der Breitscheidplatz und Charlottenburg nicht verdient. Um die Aufenthaltsqualität des Platzes zu verbessern, bedarf es guter kultureller und gastronomischer Angebote. Hier ist ein nachhaltiges Konzept von Nöten, für alle verbindlich. Nur so kann die City-West wieder gewinnen und der Breitscheidplatz zum Flanieren mit Flair einladen.
Andreas Koska

FDP-Fraktion

Der Breitscheidplatz, der Zoo: Das war das Zentrum West-Berlins. Nun sind Planer am Werke, die dieses Areal neu erfinden wollen. Der Tunnel ist schon ersetzt worden durch eine lärmende Autostraße. Der Bahnhof Zoo ist gegenüber dem Berliner Hauptbahnhof in die zweite Liga abgestiegen. Das Zoofenster ist eine Baulücke: Geschäftshäuser wurden abgerissen. Nun soll auch das Schimmelpfeng-Haus weichen und der Zoo-Palast am besten gleich mit.
West-Berlin war wie die Kaiser-Zeit und wie die 20er Jahre eine große Zeit Berlins. Als Ort der Freiheit wurde es im ganzen Westen geachtet. Warum sollen die baulichen Hinterlassenschaften jener Epoche, die schließlich zur Einheit geführt hat, geschliffen werden? Der Tunnel und das Zoo-Fenster haben gezeigt, dass das nur zu Verschlechterungen führt. Also ist es Aufgabe der Politik, das Areal als steinerne Stadtgeschichte zu bewahren. Nicht abreißen, sondern funktionsfähig machen und restaurieren, ist das Richtige für das Schimmelpfeng-Haus. Und am Zoo-Fenster ist es besser, ein zum Innenhof gekehrtes Hotel zu haben als eine Baulücke.
So viel wie möglich vom alten Zentrum West-Berlins zu bewahren, muss daher Ziel Berliner Politik sein. Schließlich wollen kommende Generationen einen Eindruck haben, wie es sich gelebt hat auf der “Insel der Freiheit”. Und sie sollen sehen, dass es hart, aber nicht schlecht war.
Jürgen Dittberner

Fraktionslose Bezirksverordnete (Die Linkspartei.PDS)

Die “Kinder vom Bahnhof Zoo” leben, sie überleben auch dank der Bahnhofsmission am stillgelegten Fernbahnhof. Die Obdachlosenzeitung “Straßenfeger” hat sich entschieden, nicht zum Hauptbahnhof umzuziehen. Dort ist in der neuen Bahnhofsmission kein Platz für Arme. Dort stehen Blümchen auf den Tischen, aber es gibt weder Essen noch Übernachtungsmöglichkeiten.
Die “Kinder vom Bahnhof Zoo” sind inzwischen erwachsen geworden, leben oft – samt ihrer Nachfahren – weiterhin in der City-West. Der Raum für Arme wurde nach und nach begrenzt. Die Bank der Obdachlosen und Drogenabhängigen am Breitscheidplatz existiert nicht mehr. Das entspricht dem Wunsch der Gewerbetreibenden. Es öffnet den Platz, ist historisch begründbar und sieht nicht schlechter aus.
Nun soll ein Riesenrad her. Ein Gutachten verspricht der City-West neuen Schwung. Man protestiert weiterhin gegen die Schließung des Fernbahnhofs – zu Recht: Die Bahn hat eine falsche Entscheidung getroffen und den Bahnhof Zoo zum Niemandsland erklärt.
Jetzt ist es am Bezirk, das Areal wieder interessant zu machen. Ein Riesenrad wäre “stadtfein”. Sich weiterhin um diejenigen zu kümmern, die in der neuen Mitte Berlins keine Bleibe finden können, wäre sozial. Der Bahnhof Zoo sollte seine Kinder nicht vergessen.
Benjamin Apeloig, Prof. Dr. Günther Bärwolff