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FiV - Preisträgerin Carola Zarth

Laudatio von Carolin Brühl (Morgenpost) für Carola Zarth

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Frau Zarth,

als ich etwa 15 oder 16 war, erzählte mein Vater, dass er als Häuslebesitzer im Schwäbischen Feuerwehrabgabe bezahlen müsste. Das fand ich in Ordnung, schließlich tut diese Organisation durchaus Segensreiches im Falle eines Brandes. Doch dann sagte er, dass Familien, die einen Sohn zur Freiwilligen Feuerwehr schicken würden, von dieser Abgabe befreit sind. Ich fragte, warum ich das nicht für unsere Familie, die zwar reich an Töchtern, aber völlig sohnlos war, tun könnte. Er sagte: “Weil die nur Jungs nehmen!” Mit leuchtete das nicht ein, ich wollte es wissen! Das war meinem Vater zwar überaus peinlich, aber ich wurde bei der Feuerwehr unseres Dorfs vorstellig. Die lehnte mich dann auch just mit der oben zitierten Begründung ab. Ich beschwerte mich beim Bürgermeister, der lud mich sogar zu einem Gespräch ein, doch letztlich wollte auch er mir nicht helfen, und meinte auf meine Frage, warum das denn nicht ginge: Weil das schon immer so war. Das war Ende der 70er.

Sie, liebe Frau Zarth, sind eine Frau, die sich nie mit dem “Weil es immer schon so war” abgefunden hat. Sie haben sich in so vielen Bereichen engagiert, durchgebissen und Ihre Frau gestanden, dass es mehr als einen Grund gibt, dass Sie heute hier mit dem Monika-Thiemen-Preis 2017 als “Frau in Verantwortung” ausgezeichnet werden. Frauen, wie Ihnen ist es zu verdanken, dass Feuerwehren, wie viele andere, früher rein männlich geprägte Organisationen oder Berufsfelder inzwischen ganz selbstverständlich Mädchen und Frauen in ihre Reihen aufnehmen.

Schon 1930 gründet Ihr Großvater Franz Holtz seine Autowerkstatt, die von Anfang an Bosch als Partner hat. Ihr Großvater lernt den Industriellen sogar noch persönlich kennen. Ihr Vater führt den Betrieb fort. 1965 in Charlottenburg geboren, wachsen Sie früh in das Unternehmen Ihrer Familie hinein. Mit 14 Jahren machen Sie Ihr erstes Sommerferienpraktikum in der Werkstatt. Doch die Schrauberei ist nicht so ihr Ding, obwohl das in den 80ern bei Frauen eine Zeitlang durchaus angesagt war. Die Arbeit mit den Kunden und Mitarbeitern finden Sie interessanter.

So absolvieren Sie nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau bei einem Bosch Kfz-Großhandel in Berlin. Unterstützt von Ihrem Vater steigen Sie 1984 ins Familienunternehmen ein. Schon damals treibt Sie Ihr Leitspruch (den Ihre langjährige Mitarbeiterin Frau Engel verraten hat) “Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit”, an. Denn als erste Amtshandlung tauschen Sie die Schreibmaschinen im väterlichen Unternehmen gegen einen Computer aus. Der Rechner füllt damals noch einen ganzen Raum.

Offenheit für Ihre Pläne und Unterstützung finden Sie bei Ihrem Vater, der schon sehr früh in sein Testament aufgenommen hat, dass er sich freuen würde, wenn eine seiner Töchter das Unternehmen fortführen würde.
Nur neun Jahre später, nach dem Tod Ihres Vaters, übernehmen Sie den Betrieb. Von ihren männlichen Mitarbeitern werden Sie zu Beginn noch nicht wirklich Ernst genommen. “Viele hatten mich schon als Baby auf den Knien geschaukelt, um ihre Akzeptanz als Chefin in so einer Männerdomäne musste ich lange kämpfen müssen”, erinnern Sie sich.
Inzwischen wissen Sie die richtigen Fragen zu stellen. Sie erzählten mir: “Ich habe mir inzwischen doch einiges angeeignet. Alle unsere Mitarbeiter haben ja auch bei uns gelernt, und wenn ich nachfrage, wird mir auch in der Werkstatt schon lange nichts mehr von oben herab erklärt, sondern auf einer gleichberechtigten Ebene.” Immerhin kann in technischen Fragen ja auch Ihr Mann schon einmal aushelfen, der ja auch im Unternehmen mitarbeitet. Innerfamiliäre Konflikte um die Führung des Betriebs gab’s allerdings nie. Ihr Mann sei da nicht so der Typ für. Er arbeite lieber an den Fahrzeugen, und habe sich auch auf die Reparatur von Oldtimern spezialisiert. Das sei einfach mehr sein Ding.

Nicht immer waren die Zeiten für ihr Unternehmen leicht. Ende der 90er ist die wirtschaftliche Lage so, dass Sie auch Mitarbeiter entlassen müssen. Vielleicht schauen Sie deswegen mit Argwohn darauf, wenn Manager ein Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen, Arbeitsplätze abbauen und dann noch mit einem goldenen Handschlag verabschiedet werden. Sie haben sich Ihrer Verantwortung gestellt.
Was sagt Ihre Stütze Frau Engel dazu? “Für Frau Zarth galt immer: Bangemachen gilt nicht.” 2016 sagten Sie einem Medienbericht zufolge, Ihr Credo als Unternehmerin sei es, so zu handeln, “dass ich mir jeden Morgen im Spiegel in die Augen schauen kann.”

“Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit”, lautet Ihr Motto, über das ich vorhin schon gesprochen habe. Das gilt insbesondere auch für Ihr Unternehmen. “Ich sage da immer den Kollegen, wie wichtig es ist, dass wir uns neue Geschäftsfelder erschließen.” So ließen Sie vor einigen Jahren Ihre Mitarbeiter für die Reparatur von Elektrorollern schulen. Die emissionsarmen Fahrzeuge liegen im Trend. Pizzalieferdienste nutzen sie ebenso wie Bewohner der City. Vergangenes Jahr gewannen Sie Coup Mobility als neuen Kunden. Die Bosch-Tochter betreibt einen E-Roller-Verleih in Berlin. Von diesem neuen Geschäftsfeld hat Ihre Werkstatt, die zentral in Charlottenburg in der Nähe der TU liegt, profitiert.

Liebe Frau Zarth, wenn ich mir anschaue, in welchen Bereichen Sie überall Spuren hinterlassen haben, kommt mir so ein bisschen der Verdacht, dass IHR Tag mehr als 24 Stunden haben muss.

Schon weit vor der so genannten Flüchtlingskrise haben Sie vor sieben Jahren damit begonnen, mit Arrivo zusammenzuarbeiten – einem Verein, der Flüchtlinge in den Berliner Arbeitsmarkt vermittelt. Mindestens zehn Praktikanten haben Sie seitdem in Ihrer Werkstatt beschäftigt. Das gehöre zur sozialen Verantwortung, die man als Unternehmer habe, sagen Sie.

Sie waren auch die erste Frau im Vorstand der Handwerkskammer Berlin. Doch um den Nachwuchs in den technischen Berufen des Handwerks ist es nicht gut bestellt. Sie bedauern, dass es in Berufen wie Tischler, Dachdecker, Bauhandwerker, Schornsteinfeger oder eben auch Automechaniker nur sehr wenige Bewerberinnen gibt und fordern, dass man früher in den Schulen damit beginnt, Mädchen die Möglichkeit zu geben, viel mehr Berufe auszuprobieren. Stolz erzählen Sie von einer Kampagne der Handwerkskammer: “Sie heißt “#Einfach machen”, wo es ganz speziell darum geht, dass Mädchen in möglichst vielen Berufen Praktika zu machen, denn man kann nicht wissen, was nichts für einen ist, wenn man es nicht ausprobiert hat.”

Die Förderung und Vernetzung von Frauen liegt Ihnen am Herzen. 1991 gründeten Sie die „Unternehmerfrauen im Handwerk“ in Berlin, führten sie 16 Jahre lang und sind heute Ehrenpräsidentin. Ihre Nachfolgerin ist Beate Roll schätzt an Ihnen Ihre Zielstrebigkeit und Zukunftsorientiertheit in Bezug auf die Förderung von Frauen schätzt. Sie sagt aber auch: “Sie ist ein Mensch, er in sich ruht und, und der einfach da ist, wenn man einmal Probleme hat.”

Damit nicht genug, liebe Frau Zarth, sind Sie seit vielen Jahren auch politisch aktiv. Sie sind wie der alte und neue Bundestagsabgeordnete Klaus-Dieter Gröhler 1983 in die CDU eingetreten und aktiv im Vorstand des Ortsverbandes Schloss. 2016 haben Sie fürs Abgeordnetenhaus kandidiert und trotz Familie und der Arbeit in Ihrem Unternehmen haben Sie sich auch jetzt im Bundestagswahlkampf wieder sehr engagiert. Klaus-Dieter Gröhler sagt über Sie: “Carola Zarth hat es nicht nur geschafft, die Historie ihrer Familie zu bewahren, sie hat sich in den 80er-Jahren auch in ihrer Branche durchgesetzt. Sie war nebenher auch immer noch politisch aktiv und hat als Ehefrau und Mutter für ihre Familie gesorgt. Ich habe sie immer bewundert dafür, wie sie das alles hinbekommt. Sie ist nicht nur ungeheuer sympathisch, sondern auch fleißig und patent.”

Wie patent Sie sind, zeigt auch ihre Antwort auf meine Frage, wie es Ihr Mann eigentlich aufnimmt, dass sie so viel unterwegs sind: “Ich habe ihn sowohl letztes Jahr, wie auch dieses Jahr im Wahlkampf nach Kanada geschickt. Ich habe ihm gesagt, Junge, da muss nicht gekocht und gewaschen werden und du vereinsamst nicht.” Sie sind beide große Kanada-Liebhaber und haben Freunde dort. In späteren Jahren, so Ihr Traum, wollen Sie in dem nordamerikanischen Land statt weniger Wochen im Jahr ein paar Monate unterwegs sein.

Wenn die Zeit aber gekommen ist, wird Ihr Unternehmen vermutlich nicht mehr von der Familie fortgeführt werden. Tochter Ann-Cathrin studiert Kindheitspädagogik. “Es war MEIN Traum, in das Unternehmen einzusteigen”, sagen Sie. Sie hätten das auch in schlechten Jahren nie bereut, aber man könne nicht von seinen Kindern erwarten, dass sie den eigenen Traum weiterleben. Vielleicht übernehme ja mal einer der Mitarbeiter den Betrieb, hoffen Sie, vielleicht sogar Frau Engel.
Dennoch habe ich Ihre Tochter auch über Sie befragt. Ich wollte wissen, wie es denn so ist mit einer Mutter, die so eingespannt war und ist. Auf die Frage, ob Ihre Mutter ein Vorbild für sie sei, antwortete Ann-Cathrin ohne ein Millisekündchen zu zögern und mit großem Nachdruck: “Definitiv!” Sie sagte wörtlich: “Sie ist die beste Mama, die man sich vorstellen kann, Sie könne immer zu Ihnen kommen, egal, was los sei. Meist wüssten Sie schon, wo der Schuh drücke, bevor Ann-Cathrin selber es wisse. “Sie kennt mich einfach in- und auswendig, sagt sie. Doch auch wenn Sie glaubt, viel mit Ihnen gemeinsam zu haben und denkt, dass sie ihr Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent von Ihnen geerbt hat, möchte sie beruflich nicht in Ihre Fußstapfen treten. Ich möchte lieber mit Kindern arbeiten”, sagt sie. Das sei ihn Ihrer Familie aber von Anfang an so kommuniziert worden, dass da kein Druck bestünde, dass sie irgendwann mal den Betrieb übernehmen müsse.

Liebe Frau Zarth, ich hoffe, ich konnte ein Bild von Ihnen zeichnen, das Ihnen gerecht wird und deutlich machen, warum wir hier in der City West noch mehr Frauen wie sie brauchen,
die so wahrhaftig und unerschrocken sind,
die der Gesellschaft mehr geben, als sie für sich selbst erwarten, die zwar wissen, dass sich vieles für die Rechte der Frauen getan hat, vieles aber noch immer getan werden muss UND die ein waches Auge auf alle haben die Hilfe und Unterstützung benötigen. Danke!