Frau in Verantwortung - Preisträgerinnen 2007

Im ersten Jahr des Wettbewerbs, 2007, wurden zwei erste Preise vergeben. Die Preisträgerinnen waren die Buchhänderlin Ursula Kiesling und die Baumarkt-Leiterin Tülin Hüner.

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v.l. Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen, Tülin Hüner, Ursula Kiesling, BVV-Vorsteherin Dr. Marianne Suhr Bild: Frauenbeauftragte

Laudatio auf die Preisträgerin Ursula Kiesling
von Frau Dr. Marianne Suhr

Eng verbunden mit der Reichsstraße ist seit langem die Buchhandlung “Der Divan” und damit der Name und die Person Ursula Kiesling.
Der frühere Besitzer dieser Buchhandlung hatte als einziges Buch über den Krieg Goethes “Westöstlichen Divan” gerettet, das er im sogenannten Marschgepäck bei sich getragen hatte. Als er aus dem Krieg zurückkam, erfüllte er sich den Traum der eigenen Buchhandlung und nannte sie “Der Divan”. Ursula Kiesling sah es als Verpflichtung an, diesen Namen beizubehalten, als sie 1982 diese Buchhandlung übernahm.
Das war nicht die erste verantwortliche Tätigkeit der 1944 in Essen geborenen Ursula Kiesling, die nach dem Einser-Abitur alle Forderungen ihrer Familie nicht erfüllte und Buchhändlerin lernte. Sie verließ Essen und übernahm bereits 1968 eine erste Führungsposition beim Ullstein-Propyläen-Verlag in München und wurde Assistentin von Wolf-Jobst Siedler. Dennoch begann sie 1972 noch einmal ein zweijähriges Studium, das sie als graduierte Betriebswirtin abschloss.
1974 schon übernahm sie ihre erste Buchhandlung in Charlottenburg, “Assmus vormals Calvary” am Schloss, die sie verkaufte, um dann den “DIVAN” zu übernehmen. Hinzu kamen, sich ergebend durch Kontakte und in Abstimmung mit den ehemaligen Besitzern, die Buchhandlung “Haberland” in Frohnau und eine Buchhandlung an der Krummen Lanke.
Sie beschäftigt heute als verantwortliche Inhaberin 20 Frauen und 2 Männer, mit denen sie die Gestaltung von Arbeitsabläufen und Arbeitszeiten sowie Fragen des Sortiments bespricht. Dabei zeige sich für sie als Unternehmerin, dass Familienfreundlichkeit und ein weit reichendes Mitspracherecht der Belegschaft nicht nur dem Betriebsklima förderlich, sondern auch wirtschaftlich rentabel sei.
Dieses Selbstverständnis werde mit großer Belegschaftstreue bei hoher fachlicher Kompetenz belohnt.

Diese verantwortungsvolle Arbeit aber reichte Ursula Kiesling offenbar nicht aus. Mit der “IG Reichsstraße”, deren Vorsitzende sie seit 1999 ist, baute sie ein Netzwerk auf, dem 70 Geschäfte angehören und organisiert nicht nur zwei Mal jährlich das “Reichsstraßenfest”, sondern ist auch in dieser Funktion wichtig für das Bezirksamt und die Bezirksverordnetenversammlung, als nicht immer einfache, aber jederzeit verlässliche Ansprechpartnerin.
Die vier Mal im Jahr erscheinende Zeitung “Unser Westend” erarbeitet sie mit einer Redakteurin, und Lesungen und Präsentationen in ihrer Buchhandlung sind über den Bezirk hinaus bekannte Ereignisse.

Als Vertrauensfrau für die City-West der “Berliner Volksbank”, als Mitglied im Mittelstands- und Handelsausschuss der IHK Berlin und als Beiratsmitglied im EFRE-Projekt “Management für vitale Geschäftsstraßen” hat sie mit großem Einsatz ihren Sachverstand eingebracht und doch die Aufgaben, wie sie selbst sagt “mit großem Vergnügen” erfüllt.

Ursula Kiesling heute zu ehren, heißt, die bisherige Lebensleistung einer Frau anzuerkennen, die aus eigener Kraft, mit viel Energie und Mut ein Unternehmen aufgebaut hat, das sie nicht Selbstzweck sein lässt, sondern ihr die Basis bietet für gesellschaftliches Engagement, das nicht durch Parteigrenzen definiert ist, sondern im weitesten Sinne der Allgemeinheit dient. Dafür danken wir ihr und zeichnen sie aus.

Laudatio auf die Preisträgerin Tülin Hüner

von Alexander Diez (IHK)

Die Jury des Wettbewerbs “Frau in Verantwortung” hat sich für Tülin Hüner als eine der beiden Preisträgerinnen entschieden. Sie hat sich in der Männerdomäne “Baumarkt” als Frau durchgesetzt. Der Lebensweg der 48-jährigen Wahlberlinerin kann anderen Frauen als Vorbild dienen. Gerade ausländische Frauen können sich durch sie ermutigt fühlen.

Zu ihrer Vita möchte ich deshalb folgendes sagen:
Tülin Hüner kam mit ihren Eltern im Alter von zwölf Jahren aus Ankara nach Berlin. Bereits nach neun Monaten Hauptschule in Kreuzberg, wo sie in rasanter Geschwindigkeit die deutsche Sprache erlernte, wechselte sie aufs Gymnasium. Durch den Beruf des Vaters war die Familie bereits vor dem Umzug nach Deutschland in vielen Städten in der Türkei beheimatet gewesen.
Einen Unterschied zwischen der Tochter und dem Sohn machten die Eltern in der Erziehung nicht. Sie wurden gleichberechtigt erzogen und erhielten auch dieselbe Schulausbildung. Das ist in türkischen Familien bis heute nicht immer selbstverständlich.

Dass Frau Hüner nach dem Abitur an der TU Berlin Verkehrswesen mit der Richtung Flugzeugbau studierte, verwundert da nicht. Sie beendete ihr Studium, als Nachwuchs kam und entschied sich fürs Geldverdienen. Sie wollte der Tochter eine gute Ausbildung ermöglichen und schickte sie deshalb auf eine Privatschule, auf der von der ersten Klasse an Englisch gesprochen wird.

Die Prüfungen an der Uni hat Frau Hüner nun alle absolviert. Die fehlende Diplomarbeit will sie bald zu Papier bringen. Unerledigtes liegt ihr nicht.
Nach und nach eroberte sich die junge Mutter die Männerdomäne Baumarkt. Schon als Studentin hatte sie im Unternehmen als Kassiererin gejobbt. Nun führt sie den Betrieb an der Mecklenburgischen Straße in Wilmersdorf als Geschäftsleiterin bereits seit elf Jahren. Auf die Förderung ihrer 31 Mitarbeiter – speziell der Frauen – legt sie dabei großen Wert. Sie unterstützt alle, die etwas können und weiterkommen wollen. Die eigene Ausbildung für die Leitungstätigkeit erhielt sie durch ein Traineeprogramm im Unternehmen.

Ein kooperativer Führungsstil ist für sie wichtig. Ihr Motto lautet: “Überzeugen und mit entscheiden lassen, erst dann ist man ein Team”. Durch ihre Förderung wechseln Mitarbeiter auch immer wieder in größere Häuser und gehen ihr so verloren. Das ist für sie nicht ärgerlich, sondern absolut in Ordnung. In den letzten Jahren sind sechs ehemalige Kassiererinnen durch ihre Betreuung aufgestiegen.
Sie ermutigt alle dazu, sich weiterzubilden und an Schulungen teilzunehmen. Mit Kollegen aus der Personalentwicklungsabteilung sowie der zweiten Geschäftsleiterin des Baumarkts an der Wilmersdorfer Straße hat sie ein Netzwerk gebildet, um die von ihr ausgebildeten Frauen in anderen Fachzentren einzusetzen.

Schnelle, korrekte Entscheidungen, Organisationstalent und Flexibilität sind fachlich unabdingbar. Für Frau Hüner lebt Führungsqualität und auch Ehrlichkeit, Offenheit und konstruktive Kritik. Sie ermutigt gerade Frauen, darunter auch etliche Studentinnen und Schülerinnen mit Migrationshintergrund, vor Berufszweigen nicht zurückzuschrecken, die traditionell eher den Männern vorbehalten sind.
Frau Hüner betont, dass ihr Mann sie sehr unterstützt. Er arbeitet beim türkischen Elternverein Berlin-Brandenburg als Projektleiter für die Schullaufbahn-Beratung. Nicht nur bei ihm stößt ihr Job auf Anerkennung: Ihr umsichtiger Führungsstil führt ebenso bei den männlichen Beschäftigten dazu, dass Frauen in der Männerdomäne “Baumarkt” akzeptiert werden.

Wir ehren heute als Frau mit Veranwortung: Tülin Hüner.