LoGo! Europe: Marc Eret berichtet aus Palermo

Innenstadt von Palermo

Marc Eret, Sozialarbeiter im Gesundheitsamt von Charlottenburg-Wilmersdorf, hospitierte im Herbst 2019 für vier Wochen in der Stadtverwaltung von Palermo. Hier sein Bericht:

Ich arbeite seit drei Jahren als Sozialarbeiter im Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin. Meine Arbeitsschwerpunkte sind vor allem die Beratung und Begleitung schwangerer Frauen aus EU und Drittstaaten mit und ohne Krankenversicherungsschutz sowie die Beratung von Sexarbeiter*innen zu Themen der sexuellen Gesundheit, rechtlichen Fragen und Schutz vor sexueller Ausbeutung.

In unserem Zentrum beraten, begleiten und versorgen wir aber auch Frauen, die vom Menschenhandel betroffen sind oder waren. Hierzu zählen häufig auch die Frauen, die aus Drittstaaten den oft sehr gefährlichen Weg nach Europa angetreten haben, um menschenverachtenden Zuständen und der Perspektivlosigkeit im Heimatland zu entfliehen.

Italien ist eines der Erstaufnahmeländer, vor allem für Menschen aus Afrika, die den gefährlichen Fluchtweg über Libyen und den Seeweg über das Mittelmeer angetreten haben. Insbesondere in Palermo gibt es einige Organisationen (NGOs) und Vertreter*innen der Politik, die sich diesem Schwerpunkt Flucht, Migration und Schutz dieser Menschen verschrieben haben.

Aus diesen Gründen habe ich mich für eine Hospitation in Palermo beworben und werde ganz sicher viele wertvolle Eindrücke und Informationen für meine Arbeit und die meiner Kolleg*innen austauschen können.

Verfolgen Sie gern meine vierwöchige Hospitationszeit in dieser lebendigen und atemberaubenden Stadt in diesem Blog, der einen kleinen Einblick zu meiner Reise geben soll. Soweit es mir möglich ist, werde ich die entsprechenden Bezeichnungen für Behörden und Behördenträger übersetzen oder zumindest deren Funktion und Rolle erklären.

Gruppenbild des Theaterprojekts DanisinniLab

DanisinniLab

Die erste Woche: Leben und Arbeiten in Palermo ist immer auch ein bisschen "Piano" und "La Dolce Vita"

In dieser wunderschönen Stadt eingetroffen, bin ich froh, noch zwei Tage zum Ankommen und Kennenlernen zu haben, bevor ich mich im Palazzo Galletti – Ufficio Gabinetto Sindaco (Bürgermeisterkabinett) zur Arbeit einfinde.

Schnell habe ich den Verdacht, dass hier alles ein bisschen anders funktioniert als in Berlin. Die Stadt ist lebendig und jung. Bei angenehm sommerlichen Temperaturen findet das Leben auf der Straße statt, alles ganz gemütlich und entspannt. Die Menschen sind liebenswürdig und interessiert. Schon am ersten Abend werde ich von einem mir fremden Italiener eingeladen, mich mit ihm und seinen Freunden zu einem gemütlichen Abend zu treffen. Die Palermitaner sind neugierig und sehr sozial. Ich fühle mich schnell wohl, denn auch wenn mein Italienisch nur für kleinen Smalltalk reicht, wird hier wild gestikuliert.

Meine Mentorin Frau Messina lädt mich bereits am Sonntagabend zu einem Stadtfest ein, bei dem sie in einem wirklich aufreibenden Theaterstück selbst mitspielt: DanisinniLab. Es geht darum, wie wir die Grenzen aller Vorurteile überwinden können. Ich bin beeindruckt!

Am Montag treffen wir uns (es gibt noch zwei LoGo!-Hospitant*innen aus anderen Bezirksämtern) mit Frau Messina im Büro des Bürgermeisterkabinetts. Es geht vor allem darum, welche Themen mich genau interessieren, wen oder was ich kennenlernen möchte. Wir erarbeiten einen Plan für die erste Woche und Frau Messina stellt die Kontakte für mich her. Außerdem lerne ich meine neuen Kolleg*innen kennen. Ich habe großes Glück, denn Frau Messina spricht sehr gut Deutsch und Englisch, überdies begleitet sie mich zu Terminen, bei denen Übersetzung vonnöten ist.

Anschließend gehen wir in die Universität Palermos, um einen Einstufungstest meiner Italienischkenntnisse zu machen. Denn schon heute Abend beginnt mein erster Italienischunterricht, der nun dreimal in der Woche am Abend stattfinden wird. Ein tolles Angebot wie ich finde, denn mit Englisch fühle ich mich in Palermo ziemlich aufgeschmissen.

Die Universität in Palermo

Der Sprachkurs in meiner Klasse

Gruppenbild im Bürgermeisterkabinett

Von rechts nach links: Frau Romano (Geschäftsführerin des Bürgermeisterkabinetts), die Kollegin aus Pankow, ich selbst, meine Mentorin Frau Messina und der Kollege aus Steglitz-Zehlendorf

Am Dienstag heißt es dann Kulturprogramm und wichtige Menschen treffen. Frau Messina macht uns mit der Stadt vertraut. Wir besuchen historische Märkte und berühmte Orte der Stadt. Das ist auch wichtig, um zu verstehen, wie Palermo funktioniert. Palermo ist in acht Bezirke (circoscrizioni) aufgeteilt, und wie auch in Berlin gibt es in jedem Bezirk einen Bezirksbürgermeister und Stadträte.

Schon am zweiten Tag bestätigt sich mein Verdacht, denn feste Verabredungen und Treffen werden hier doch recht flexibel gehandhabt. Ich bin es vermutlich gewohnt, einen festen Plan mit festen Zeiten für den Tag zu haben, so dass ich mich hin und wieder dabei erwischte, nervös zu werden, wenn wir sowieso schon zu spät zu den Terminen kamen oder Termine mal eben ganz ausfielen oder auf die nächste Woche verschoben wurden. Also sage ich mir einfach, vergiss mal die Zeit – hier ist “Piano”. Ich gewöhne mich schnell daran, denn irgendwann und irgendwie passiert dann doch noch alles, nur eben nicht nach Plan.

Am Mittwoch komme ich dann voll auf meine Kosten, wir besuchen das Projekt “Donne di Benin City” ein Women’s Drop-In Centre. Der Verein wurde 2015 gegründet. Betrieben wird das Projekt von nigerianischen Frauen, die seit einigen Jahren darum kämpfen, meist minderjährige, nigerianische Mädchen von der Straße zu holen oder aus Gewaltsituationen zu befreien. Die Mitarbeiterinnen haben meist dieselbe Vergangenheit wie die Mädchen selbst. Man spricht die gleiche Sprache und den gleichen Dialekt. So lässt sich schnell Vertrauen fassen, vor allem da viele dieser jungen Frauen noch die Voodoo (Religion) fürchten.

Seit 2016 sind ca. 11.000 Mädchen und junge Frauen nach Palermo gekommen. Diese sind meist minderjährig und werden durch die nigerianische Mafia „Black Axe“ über Libyen nach Europa gebracht. Hintergrund ist meist sexuelle Ausbeutung. Angefangen hat alles in Verona, da hier scheinbar das meiste Geld aus Drogen und Prostitution zu erwirtschaften war. Aktuell gibt es in Palermo den größten öffentlichen Gerichtsprozess gegen diese Mafia. Der Prozess wird auf Englisch geführt, und ich hoffe sehr, an einem Tag bei diesem Prozess dabei sein zu können.

Bei unserem heutigen Termin mit dem Administrator des Projektes hatten wir nur sehr wenig Zeit. Ich habe aber bereits Folgetermine vereinbart, dann ist auch die Leiterin wieder aus Rom zurück. Ein ausführlicher Bericht folgt nach den nächsten Treffen.

Gruppenbild mit dem Verein Donne di Benin City

Beim Verein "Donne di Benin City"

Der Tag blieb aber weiter spannend, denn im Anschluss haben wir den berühmten Bürgermeister Palermos, Herrn Leoluca Orlando, getroffen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich auch gleich mein wirklich schönes Gastgeschenk mit einer Widmung unseres Bezirksbürgermeisters Herrn Naumann überreichen.

Herr Orlando ist ein sehr bemerkenswerter Mensch. Er hat in Heidelberg Öffentliches Recht studiert, spricht sehr gut Deutsch und ist seit 2012 erneut ins Amt gewählt worden, obwohl er von 1985 bis 2000 dieses Amt schon einmal innehatte. Herr Orlando hat unentwegt gegen die Mafia und organisierte Kriminalität in Palermo gekämpft und war lange mit dem Leben bedroht. Die Cosa Nostra ist heute weitgehend in den Untergrund verdrängt. Konfiszierte Immobilien dieser Mafia werden an soziale Projekte oder mittellose Familien übergeben und können somit vorrangig für Geflüchtete oder andere Schutzbedürftige genutzt werden. Insgesamt wurden in Italien bereits 17.842 Wohnungen und 2.856 Häuser beschlagnahmt. Seit 2018 waren es allein 2.430 Wohnungen und 65 Häuser.

Herr Orlando hat in Palermo eine sehr spürbare Willkommenspolitik geschaffen, die der Politik in anderen Teilen Italiens sehr entgegensteht. Dabei stand ihm auch der Vatikan zur Seite, was sicherlich sehr hilfreich war.

Buchübergabe an Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando

Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando links im Bild, ich rechts, wie ich gerade einen Bildband über Berlin überreiche. Noch weiter rechts meine Mentorin Frau Messina.

“Acqua passata” ist zweideutig und meint im Italienischen eigentlich “Schnee von gestern” oder wie in dieser Installation, die ich am Nachmittag entdeckt habe, “vergangenes Wasser”. Eine groteske Installation, in der ungewöhnliche Elemente nebeneinander dargestellt werden. Auf einem konfiszierten Flüchtlingsboot hat der Künstler Portraits von Menschen aus einem Aufnahmelager auf Lampedusa platziert, scheinbar in Momenten des Friedens, nachdem sie es geschafft haben, das Wasser zu passieren und nach Europa zu kommen. Dem entgegen steht ein übergroßer Fußball-Kicktisch, der wohl symbolisieren soll, wie Menschen einem Fußball gleich durch die Gegend geschoben werden. Besucher*innen können sich selbst in diesen Kicker stellen und die zwei Meter großen Fußballfiguren in Bewegung versetzen. Diejenigen, die glücklich in Europa gelandet sind, stellen schnell fest, dass das Glück sie nicht mit offenen Armen empfängt.

Großes Flüchtlingsboot in Freiluftausstellung

Auf dem Holzboot hat der Künstler Cesare Inzerillo die Figuren platziert. Der Palazzo dei Normanni im Hintergrund.

Überdimensionaler Kicker in Freiluftausstellung

Hinter dem Boot der übergroße Kicker

Am Donnerstag haben wir Rossana Messina im Sekretariat des Stadtrates in der Sozialverwaltung besucht. In Palermo werden alle sozialen Angelegenheiten und Beratungen an diesem Ort geklärt. So gibt es hier beispielsweise kein Jugendamt oder Sozialamt. Schutzbedürftige Kinder und minderjährige Jugendliche werden hier versorgt. Aber auch Rentner*innen oder andere mittellose Menschen fragen hier nach Unterstützung. Das bedeutet am Beispiel von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, dass über diese Verwaltung ein Heimplatz gesucht wird. Später stehen ehrenamtliche Tutor*innen oder im Bestfall eine Pflegefamilie zur Verfügung. Diese kümmern sich vorrangig um alle Belange des täglichen Bedarfs, begleiten die Schule oder auch die Ausbildung. In den Heimen, in der Regel durch NGOs geführt, stehen dann auch Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen und Ethnopsycholog*innen zur Verfügung.

Das Hilfesystem für minderjährige Migrant*innen (ohne Asylstatus) wird aber immer mit Beginn des 18. Lebensjahres beendet, so dass viele junge Menschen auf der Straße landen, sollte keine Ausbildung oder Arbeit gefunden sein. Arbeit und Ausbildung sind hier sehr rar, so dass viele junge Menschen sich für einen einjährigen Zivildienst entscheiden. In dieser Zeit werden die Jugendlichen dann weiter versorgt und können möglicherweise zur Schule gehen oder einen Beruf erlernen. Andernfalls gibt es keine Aufenthaltsberechtigung mehr und die jungen Menschen werden “illegalisiert”. Der ehemalige Innenminister Salvini hat vielen schutzbedürftigen Erwachsenen, wie z. B. schwangeren Frauen, diesen Schutz entzogen und viele Menschen innerhalb kurzer Zeit auf die Straße gesetzt. Dieser Zustand hat sich bis heute leider nicht geändert.

Am Freitag gab es ein Treffen mit Frau Dr. Carollo in der Cittadinanza Sociale Settore Servizi (ein Teil der Sozialverwaltung, Bereich Arbeit). Frau Dr. Carollo ist Sozialarbeiterin und gerade damit beauftragt, ein neues Sozialsystem, welches im Januar 2020 starten soll, vorzubereiten. Bis ca. 2014 gab es in Italien keinerlei Sozialgeld oder Arbeitslosengeld. Ausnahme waren Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht arbeiten konnten. Von 2014 bis 2017 gab es dann Testprogramme oder Versuche in einigen Städten Italiens. Erst seit März 2019 gibt es eine Art Arbeitslosengeld.

Das gesamte neue System wird aber erst im Januar 2020 starten. Vorgesehen sind auf die ganze Stadt verteilte Job-Agenturen, in denen Sozialarbeiter*innen beschäftigt sind und bei der Arbeitssuche unterstützend zur Seite stehen. Leider ist die aktuelle Arbeitsmarktsituation in Palermo sehr schwierig. Sehr viele Menschen arbeiten ohne Vertrag, und offizielle Stellen gibt es kaum. Menschen ohne Arbeit sollen ein Trainingsprogramm mit Praktika und Schule durchlaufen. Wer dann nicht vermittelt werden kann, muss eine ehrenamtliche Tätigkeit aufnehmen, diese kann nicht abgelehnt werden. Auch ältere schlecht vermittelbare Menschen sollen sogenannte Volontäre werden.

Das Sozialgeld beträgt momentan etwa 187 € pro Person im Monat, für eine fünfköpfige Familie liegt die Höchstsumme bei max. 500 € und maximal 280 € Mietzuschuss. Menschen bekommen eine Art Bankkarte, mit der sie bei der Post oder in Supermärkten Geld abheben können. Momentan ist man bemüht, möglichst viele Kooperationspartner (Firmen) zu akkreditieren, die also eine Möglichkeit für Praktika oder Schule bieten würden. Diese Firmen bekommen im Gegenzug finanzielle Zuschüsse und Kredite.

Es war eine sehr aufregende und abwechslungsreiche erste Woche. Ich fühle mich schon wie zu Hause und habe mich schnell an das südeuropäische Leben gewöhnt. Jetzt heißt es ab ins Wochenende, die Stadt und Umgebung zu erkunden.

Die zweite Woche: Die Mafia Palermos ist nicht mehr sichtbar, aber allgegenwärtig

Nach einem starken Gewitter, bei dem einige Städte Siziliens überflutet wurden, sind die Temperaturen hier auf angenehme 23 Grad gesunken.

Das Wochenende war vollgepackt mit Kultur und guter sizilianischer Küche. Das Teatro Massimo ist ein absolutes Muss, wenn man zu Besuch in Palermo ist. Aber auch Nachbarstädte wie Cefalu, leicht mit dem Zug zu erreichen, bieten eine großartige Kulisse, um dort ein bisschen zu verweilen.

Am Montag früh stand dann die “ZEN” (Zona Espansione Nord oder offiziell: San Filippo Neri) auf dem Plan. ZEN ist ein Wohngebiet, ein sozialer Brennpunkt weit im Norden der Stadt. Es besteht aus zwei Teilen: Die ZEN 1 wurde 1969 als sozialer Wohnungsbau fertiggestellt und ist auch bewohnbar, obwohl man bei der Infrastrukturplanung vergessen hat, Platz für Läden, Bars, Sport, Spielplätze, Kindergärten oder andere soziale Aktivitäten zu lassen. Die ZEN 2 wurde direkt nach 1969 begonnen zu bauen, aber nie richtig fertiggestellt. Nach einigen bürokratischen Hürden, Problemen mit der Cosa Nostra (sizilianische Mafia) und Vergessen der Politik wurde dieses Viertel illegal besetzt. Eine technische Zulassung hat die ZEN 2 bis heute nicht. Daher darf es auch nicht offiziell bewohnt werden. Momentan leben in der gesamten ZEN etwa 16.000 Menschen, in der Regel Italiener. Der Migrationsanteil liegt bei 4 %. Durch die fehlende Zulassung sind viele Gebäude nicht an das Abwasser angeschlossen. Außerdem bekommen die dort lebenden Menschen keine Ausweise/Anmeldungen ausgestellt, was wiederum zur Folge hat, dass man sich nicht bei Stromversorgern anmelden kann. Es gibt einen starken Zusammenhalt im Viertel. Wegziehen möchte niemand, obwohl die Menschen nun schon in der dritten Generation hier leben und der Platz langsam knapp wird. Miete zahlt hier niemand, aber nach einem Gerichtsprozess wegen illegaler Besetzung muss jeder eine monatliche Strafe, deren Höhe mir nicht bekannt ist, zahlen.

Die ZEN ist aber nicht nur sozialer Brennpunkt. Auch Kriminalität – meist geht es um Drogenhandel im Zusammenhang mit der Mafia – hat einen guten Nährboden gefunden.

Das soziale Projekt “Laboratorio ZEN insieme“ (“Labor ZEN zusammen”) hat sich der Familien angenommen. ZEN wird vom Projekt “Save the Children” über Spenden finanziert. Mittel aus öffentlicher Hand stehen hier, wie bei den meisten sozialen Projekten, nicht zur Verfügung. Es gibt 25 Mitarbeitende, die aber keine Sozialarbeiter*innen sind, sondern aus verschiedenen Bereichen kommen. Hauptaugenmerk liegt auf den Kindern und deren Müttern, die hier eine Bibliothek nutzen können und gemeinsam kochen lernen (Motto: möglichst günstig und sehr gesund, weg vom Junkfood). Dafür gibt es auch einen kleinen Garten, in dem das Gemüse angebaut werden kann. Vorrangig soll die soziale Bindung zwischen Mutter und Kind gestärkt oder entwickelt werden. Jugendliche können die Einrichtung bis zum 16. Lebensjahr nutzen, und sei es nur, um eine Geburtstagsparty auszurichten.

Zwei Schulen wurden erst später errichtet. Wer aber auf ein Gymnasium möchte, muss es irgendwie schaffen, in die Stadt zu kommen. Busse fahren nur unregelmäßig, wenn überhaupt. So musste ein Junge im letzten Jahr die Schule beenden, da er zu häufig zu spät kam. Seit kurzem gibt es immerhin einen Fußballplatz, der auch gut genutzt wird. Die Stadt wollte den Komplex eigentlich abreißen und ist bis heute auch nicht von dieser Idee abgerückt. Aber bisher gibt es keinen Plan, wo man so viele Menschen unterbringen soll, also bleibt wohl alles wie es ist.

Um den Menschen auch Kultur näherzubringen, ist die Organisation bemüht, kostenfreie Tickets für Theater, Kino oder Ausstellungen zu beschaffen. Die Koordinatorin, Frau Mariangela di Gangi, ist auch politisch sehr engagiert und kämpft schon seit Jahren für eine Verbesserung der Zustände. Ich wünsche dieser besonderen Frau ganz viel Glück, genauso wie den Bewohnern der ZEN.

  • Im Viertel ZEN
  • Schild des Laboratorio ZEN Insieme
  • ZEN-Bibliothek

Dienstag Vormittag habe ich meine zweite Verabredung im Projekt “Donne di Benin City” und hoffe, dieses Mal die Präsidentin und Gründerin des Vereins, Osas Egbon, zu treffen. Leider ist Osas aber kurzfristig verhindert und ich bekomme eine weitere halbe Stunde mit Nino, dem Koordinator des Projekts. Schwer bewaffnet mit einer langen Liste von Fragen und der Hoffnung eines regen Austauschs war mir die Enttäuschung sicher ins Gesicht geschrieben.

Einige meiner vielen Fragen konnten aber doch beantwortet werden. So habe ich erfahren, dass im Projekt fünf Frauen aus Nigeria arbeiten und in diesem Jahr ca. 50 Frauen unterstützt und begleitet wurden. Die Frauen finden den Weg ins “Drop In” in der Regel über die eigene Community und Flyer, die in anderen sozialen Einrichtungen ausgelegt werden. Durch aufsuchende Arbeit im Viertel Belaro – dort gibt es die meisten “Connection Houses” (illegale Bordelle) – werden aber auch Frauen angesprochen und die Angebote vorgestellt.

Im April 2019 gab es einige Polizeirazzien im Belaro, so dass die Zahl der Connection Houses sich deutlich verringert hat. Betrieben werden diese Orte der sexuellen Ausbeutung vor allem durch die nigerianische und rumänische Mafia. Vor einigen Jahren noch hatte die Cosa Nostra die Geschäfte selbst in der Hand, heute erhält die Cosa Nostra die Zahlungen dieser kriminellen Organisationen. So wurden Revierstreitigkeiten schnell gelöst, denn die sizilianische Mafia macht sich die Hände schon länger nicht mehr selbst schmutzig.

Ich erfahre aber auch, wie wichtig das Kulturverständnis in der Arbeit mit den betroffenen Frauen ist. So gibt es in Nigeria zwei wichtige Einflüsse, denen die Menschen oft sehr verbunden sind. Zum einen ist es die Religion und zum anderen der Oba Ewuare (König) von Benin City. Nino berichtet sehr ausführlich über den Voodoo-Kult, der in der Regel mit den unterschiedlichen christlichen Religionen in Benin City verschmilzt. Nur der Oba Ewuare hat die Macht, die “Voodoo-Verpflichtung” von den Menschen zu nehmen, und das hat er im Frühjahr 2018 auch getan. Nino spricht hier vom Tag der Befreiung für die Frauen.

Ich bin guter Dinge, dass mein Termin mit Osas, in der nächsten Woche stattfinden wird, also drückt mir die Daumen.

Am Nachmittag besuche ich das CSD (Centro siciliano di documentazione) “Giuseppe Impastato”. Dieses Dokumentationszentrum, 1977 von Umberto Santino gegründete, dient als Erinnerung an Giuseppe Impastato, der am 09.05.1978 von der Mafia ermordet wurde. Impastato war ein Kämpfer der “Neuen Linken” und hat sich als Sohn eines großen Mafiabosses dem Kampf gegen die Mafia verschrieben. Ziel des Zentrums ist die Erforschung des Phänomens Mafia auf nationaler und internationaler Ebene. Es fördert Aktivitäten zur Bekämpfung des Phänomens und erarbeitet Konzepte für eine “Kultur der Legalität” und der demokratischen Beteiligung.

Im selben Gebäude befindet sich auch das “No Mafia Memorial”. Es ist eine Art Museum/multimediales Zentrum über die Mafia und die Antimafia. Es ist aber auch ein Lernort für Lehrende, Schüler*innen und Studierende. Im Dezember 2015 hat der Stadtrat Palermos sich entschieden, dieses Projekt zu unterstützen und sich verpflichtet, das “No Mafia Memorial” zu realisieren.

Grund des Besuches ist der am Mittwoch geplante Termin mit Umberto Santino. Man kann sich sicher fragen, warum ich den Fokus so ausführlich auf die Mafia Siziliens lege. Die Antwort ist, dass die Mafia zwar nicht sichtbar ist, aber immer noch die Fäden in Verwaltung, Politik und Unternehmen zieht. Um zu verstehen, wie vieles in Palermo funktioniert oder eben nicht funktioniert, darf man die Mafia und deren Strukturen nicht unerwähnt lassen.

Mittwoch treffe ich mich dann mit dem Gründer des Zentrums vom Tag zuvor, Herrn Umberto Santino (rechts im Bild). Umberto hat mich sehr beeindruckt, er forscht seit mehr als 40 Jahren am Phänomen Mafia. Diese Arbeit scheint sein Lebenswerk zu sein, denn er arbeitet höchst wissenschaftlich, hat viele Verbindungen, hält Reden und gibt Fortbildungen. Umberto hat einige Bücher geschrieben, die unter anderem auch auf Deutsch veröffentlicht wurden.

Ich lerne heute viel über die Mafia und deren Strukturen, vieles von dem ich keine Idee hatte. So entstanden ca. 1893 die ersten kriminellen Organisationen. Es ging vorrangig um die Ausbeutung kleiner Bauern und Werftarbeiter. Zur gleichen Zeit entstand die Antimafia, es waren viele Bauern und Arbeiter, die sich bemüht zur Wehr setzten. Die Mafia war berühmt für ihre Brutalität und etablierte sich Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch in Städten und Verwaltungen. So wurde z. B. der Gesundheitssektor großteilig von der Mafia kontrolliert, und kranke Menschen mussten deutlich mehr für Arzt und Krankenhauskosten aufbringen. Parallel entwickelte sich in den 20er Jahren in den USA die Cosa Nostra (durch sizilianische Auswanderer), die hier von Verboten wie der Prohibition profitierte und später mit südamerikanischen Organisationen den Drogenhandel ausbaute. Die Cosa Nostra stand immer in enger Verbindung mit der Mafia in Italien, und das Geschäftsmodell der sizilianischen Mafia, nun auch Cosa Nostra, wurde angepasst.

Die Mafia funktioniert wie ein Kreislauf, denn sie ist in allen gesellschaftlichen Strukturen vertreten. Heute kontrolliert die sizilianische Mafia Prozesse auf höheren Ebenen. Einnahmen gibt es in großem Stil aus erneuerbaren Energien und den Zuschüssen aus EU-Förderprogrammen. Diese Gelder, die eigentlich verteilt werden sollen, landen dann durch Mithilfe gekaufter Politiker in der Kasse der Mafia. Aber auch die illegale Migration, Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Geldwäsche gehören zum aktuellen Geschäftsmodell. Die Antimafia besteht auch nicht mehr aus Bauern und Arbeitern, sondern findet sich in Politik, Parteien und Aufklärungsprogrammen an Schulen wieder.

Längst hat sich die Mafia an der Globalisierung beteiligt und agiert auch in Deutschland. Herr Umberto würde sich sehr freuen, wenn er die Gelegenheit bekäme, in Berlin an einer Universität oder in einer anderen öffentlichen Veranstaltung zu referieren. Ich trage dieses Anliegen an das Bezirksamt, und vielleicht gibt es ja eine Idee, in Zusammenarbeit mit einer Universität einen Besuch zu realisieren. Ich persönlich kann dies nur empfehlen, denn es war ein sehr spannender Vormittag und ich denke, dass die Machenschaften der organisierten Kriminalität in Deutschland immer weiter auf dem Vormarsch sind.

Am Nachmittag will ich mich mit dem Bezirksbürgermeister Massimo treffen. Wir haben einen Termin, aber aufgrund einer Gewerkschaftsversammlung bleiben heute alle Verwaltungen geschlossen. Ich bin das ja schon gewohnt und verabschiede mich von Frau Messina, die mich überall begleitet, übersetzt und Verständnisfragen beantwortet.

Donnerstag Vormittag treffe ich Herrn Girolamo D’Anneo im Ufficio Statistica (dem nationalen Statistikbüro). Hier werden so ziemlich alle Zahlen zu Sozialdaten, Inflation, Zuwanderung und Migration etc. gesammelt. Die Daten stehen für ganz Italien oder auch nur Palermo zur Verfügung. Palermo hat ca. 660.000 Einwohner und 260.000 Familien. Etwa 9.000 zufällig ausgewählte Familien werden für die repräsentative Statistik der Stadt erfasst.

Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch und damit belegt Palermo den dritten Platz in Italien, hinter Catania und Messina. Alles Städte auf Sizilien. Der Anteil an Migranten liegt bei 12,7 %. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Dabei stammen die meisten Menschen aus Bangladesch, Sri Lanka und Rumänien. Die Geburtenrate ist rückläufig und liegt bei etwa 1,39 Kindern pro Familie. Nach Zu- und Abwanderung verringert sich die Einwohnerzahl jährlich um etwa 5.000 Menschen, meist junge Menschen, die zum Studieren in andere Städte gehen und oft nicht wiederkommen.

Der Tourismus wird stark gefördert, vor allem nachdem die Stadt zum UNESCO-Weltkulturerbe wurde. 2018 war Palermo Kulturhauptstadt. Die Folge ist kaum zu übersehen. Im Altstadtzentrum wohnen nur noch wenige Palermitaner, es ist schlicht unerschwinglich geworden, denn airbnb, Booking und andere Portale haben den attraktivsten Teil der Stadt in Beschlag genommen. Eine Regelung für diese Unternehmen gibt es bisher nicht, außer dass Touristen eine wirklich kleine Steuer an die Stadt zahlen müssen. Die Stadt ist pleite und die Angst davor, Einnahmen zu verlieren, ist zu groß. Man ist auf die vielen Touristen, Unterkünfte, Bars und Restaurants angewiesen, denn diese bringen Geld und Arbeitsplätze. Die Leidtragenden sind die Einwohner, denn hier wird bis spät in die Nacht gefeiert, es ist laut, die Preise steigen und auch hierfür gibt es keine Regelungen.

Gruppenbild mit Bezirksbürgermeister Massimo

Am Nachmittag klappt es dann auch mit unserem Besuch bei dem Bezirksbürgermeister (Presidente della circoscrizione) Castiglia Massimo (rechts im Bild) und dem Stadtrat Fabrizio Brancato (links von mir). Frau Messina ist auch dabei.

Herr Massimo ist ein sehr engagierter Bürgermeister des ersten Bezirks. Er ist ein Mann der Tat und packt auch selbst mit an. Hauptsächlich ist er damit beschäftigt, die Bedürfnisse, Sorgen und Anfragen der Einwohner des Bezirks aufzunehmen und entsprechende Anträge an die Hauptverwaltung weiterzuleiten. Dazu stehen tägliche Sprechstunden im Rathaus zur Verfügung, aber Herr Massimo und Kolleg*innen begeben sich auch selbst unters Volk und befragen die Anwohner*innen. Meist geht es um Müll auf den Straßen, Lärm, illegale Märkte, Gentrifizierung einzelner Stadtteile, zugeparkte oder kaputte Straßen etc. Herr Massimo zeigt mir Bilder, bei denen er selbst mit anpackt und riesige Mengen Sperrmüll von der Straße entsorgt. Die schon oben genannten Themen des zunehmenden Tourismus und deren Auswirkungen beschäftigen die Verwaltung schon lange, aber zu Lösungen oder Kompromissen kann man sich nur langsam oder gar nicht durchringen.
Es gibt zu viele wichtige Anfragen, für deren Lösung keine Mittel zur Verfügung stehen, und eine Verbesserung der Situation ist kaum in Sicht. Herr Massimo ist ein sehr volksnaher Bezirksbürgermeister und ich wünsche ihm viel Erfolg bei der Umsetzung seiner Politik.

Freitag ist Allerheiligen, also Feiertag in Italien, und ich freue mich sehr, diesen auch einmal in Anspruch nehmen zu können. Nach einer genauso spannenden zweiten Woche erwartet mich also ein langes Wochenende und es heißt wieder, Palermo und Umgebung zu erkunden. Ich fühle mich noch immer sehr wohl und kann mir kaum vorstellen, in schon zwei Wochen wieder nach Hause zu müssen. Die Zeit ist intensiv und vergeht wie im Fluge, denn jetzt ist Halbzeit. Ich bekomme langsam ein klares Bild davon, wie hier alles funktioniert, wie Verwaltung aufgebaut ist, wie Menschen denken, welche Ressourcen es gibt und woran es mangelt. Ich habe so viel gesehen und war mir nicht immer sicher, was mich wirklich interessiert. Im Nachgang überblicke ich, wie alles miteinander verbunden ist, und ich bin immer wieder überrascht, wie wichtig, wie spannend und interessant all meine Besuche, Gespräche und Eindrücke sind.

Die dritte Woche: Netzwerke der sozialen Arbeit in Palermo

Die nun schon dritte Woche startet mit einer kleinen Aufregung. Mein Besuch vom Wochenende will abreisen, zum Glück erst einmal nur in eine andere Stadt, denn meine Badezimmertür blockiert völlig und mein Besuch kommt nicht mehr raus. Nach fünf aufregenden Stunden – ich habe bereits mehrere Nachbarn, den Vermieter und dann den Schlüsseldienst aktiviert – gelingt dann endlich die Befreiungsaktion.

Also komme ich am Montag etwas später ins Büro, gerade noch rechtzeitig für die Wochenplanung, und die Woche verspricht mal wieder sehr umfangreich und spannend zu werden.

Am Dienstag beginnen wir einen kleinen Stadtrundgang, und Frau Messina zeigt uns einige wichtige soziale Einrichtungen, die wir im Laufe der Woche besuchen werden.

Anschließend besuchen wir ein Non-Profit-Restaurant. Das Moltivolti (übersetzt: viele Gesichter) wurde 2014 gegründet und hat 14 Mitarbeiter*innen aus 8 verschiedenen Ländern. Das Ristorante möchte Kulturaustausch und Treffpunkt sein. Eine tolle Option, um Speisen aus vielen unterschiedlichen Ländern zu verkosten. Es gibt ein Co-Working-Space mit mehr als 18 Arbeitsplätzen, meist soziale oder künstlerische Projekte. Hier entstehen in einer sehr angenehmen Atmosphäre neue Ideen und Konzepte. Es ist ein Ort der Vernetzung.

Das Moltivolti ist eine gemeinnützige Organisation, es unterstützt viele soziale Projekte und betreibt verantwortungsvolle Tourismusprogramme wie z. B. in Marokko, Nepal, Senegal, Tansania und natürlich auf Sizilien. Vorurteile sollen abgebaut und die Interaktion verschiedener Kulturen befördert werden.

  • Restauranteingang

    Das Moltivolti

  • Innenansicht des Restaurants
  • Weltkarte mit Zitat

    "Mein Land ist, wohin ich meine Füße stelle"

Am Abend gehe ich zu einer Debatte des “Forum Antirazzista di Palermo”. Dieses antirassistische Forum hat die Crew der Iuventa10 in die Santa Chiara (Kirche) geladen.

Die Iuventa ist ein Schiff der Berliner Organisation “Jugend rettet” und sicher vielen noch aus den Medien bekannt. Das Schiff wurde 2017 durch die italienischen Behörden beschlagnahmt. Nun wird erstmalig eine NGO wegen Beihilfe des Menschenhandels angeklagt. Das Verfahren läuft, und einigen Besatzungsmitgliedern drohen bis zu 20 Jahren Haft. Angehörige der Iuventa-Crew berichten hier über die Seenotrettung und über den Vorfall 2017. Leider ist die Debatte meist auf Italienisch und ich verstehe nur wenig. Sehr schade, denn auch ein Anwalt, der die Crew vertritt, ist anwesend. Was ich aber verstanden habe, ist, dass sich die italienische Regierung das Anti-Mafia-Gesetz zu Nutzen gemacht hat, um das Schiff zu beschlagnahmen. Die Retter werden kriminalisiert und der Zusammenarbeit mit libyschen Menschenhändlern beschuldigt. Auf der Homepage können die Details nachgelesen werden, und wer die Organisation unterstützten möchte, hat hier ebenfalls die Gelegenheit dazu.

Grafitti wie dieses finden sich häufig in Palermo: "Anhänger Salvinis, ihr seid Mörder"

Am Mittwoch gehe ich ins “Centro Astalli Palermo”, ein Verein des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Astalli-Zentren gibt es in ganz Italien, und ich bin von der Einrichtung in Palermo sehr beeindruckt. Das Gebäude ist riesig und die Angebote vielfältig. Wie die meisten sozialen Organisationen in Palermo wird auch diese durch Kirche, Spenden und Stiftungen finanziert. Etwa 50 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen werden beschäftigt, ausgebildete Sozialarbeiter*innen suche ich wieder vergebens. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, und freiwillige Helfer finden sich scheinbar schnell. Ich finde es traurig, dass diese wichtige Arbeit kaum Anerkennung durch den Staat erfährt. Ganz im Gegenteil, hier hat man Angst vor Salvini, denn dem sind diese Organisationen ein Dorn im Auge.

Das Zentrum unterstützt Migrant*innen, unabhängig von Herkunft oder Aufenthalt. Täglich bekommen etwa 50 bis 125 Menschen ein Frühstück (Versorgung ähnlich der Berliner Tafel). Menschen können duschen, Wäsche waschen und das Internet nutzen. Außerdem gibt es eine Kleiderkammer. Besonders Bedürftige können am Abend im Moltivolti-Ristorante eine Mahlzeit einnehmen.

Weitere Angebote sind die tägliche medizinische Versorgung aus einem Netzwerk verschiedener Ärzte, Rechtsberatung durch Anwälte, Italienisch-Unterricht, Hilfe bei der Jobsuche durch Bewerbungstraining und eine sehr individuelle Beratung und Vermittlung in andere Netzwerke. Palermo ist nicht so groß wie Berlin, NGOs arbeiten eng zusammen und sind auch politisch sehr aktiv. Am Freitag werde ich den Tag im Zentrum hospitieren und am Montag am Vorbereitungskurs für Menschen, die in der Gastronomie arbeiten möchten, teilnehmen. Dann werde ich wieder berichten.

  • Eingang zum Centro Astalli
  • Kleiderfundus im Zentrum
  • Essensraum im Zentrum

Welcome-Baby-Bags

Am Nachmittag treffe ich Elena Milio vom SEND-Projekt. SEND ist eine gemeinnützige Organisation, eine Art private Jobagentur. Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. SEND arbeitet in großen europäischen Netzwerken, bietet Praktika, Schulungen und Trainings für den Berufseinstieg. In Italien müssen Praktika per Gesetz immer vergütet werden. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen. SEND arbeitet international und fördert die berufliche Mobilität, vor allem auch für Menschen, die aus Drittstaaten kommen. Die Freizügigkeit von Unionsbürgern soll gefördert werden, um ein Europa ohne Grenzen zu schaffen.

Mittwochabend klappt es dann endlich mit meinem Treffen der Präsidentin von “Donne di Benin City”, Osas Egbon. Ich freue mich sehr, denn wir können uns allein und ungestört austauschen. Osas ergänzt einige von Ninos Ausführungen, den ich in der letzten Woche bereits gesprochen hatte. Auch in diesem Projekt gibt es ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeiter*innen. Seit vier Jahren bemüht sich Osas um eine Festfinanzierung, der Bürgermeister unterstützt sie dabei. Leider stehen für soziale Projekte kaum Mittel zur Verfügung, so dass niemand weiß, ob Osas Traum Wirklichkeit wird. Immerhin hat der Bürgermeister das von der Mafia beschlagnahmte Gebäude zur Verfügung gestellt.

Ich erfahre, dass sich allein im letzten Monat 20 schwangere Frauen aus Nigeria an das Projekt gewandt haben. Schwangerschaft ist ein großes Problem, denn die Männer wollen diese Babys in der Regel nicht, vor allem weil die Frauen dann kein Geld mehr verdienen können. Der Verein kümmert sich dann um die Frauen und darum, dass die Babys gesund entbunden werden. Wenn ich alles richtig verstanden habe, werden den Frauen die Kinder von der Sozialbehörde weggenommen, sollten sie kein stabiles Umfeld haben. Viele dieser Frauen verlassen dann Italien, aber viele bleiben auch. Der Verein bietet Beratung zu HIV und STI (Sexual Transmitted Infections). Die Frauen werden zu den Teststellen begleitet, bei denen ich in der nächsten Woche einen Termin habe. Außerdem wird zu Verhütungsmitteln beraten, und diese können die Frauen dann auch kostenfrei bekommen. Leider entscheiden sich nur wenige für ein Verhütungsmittel, dies hat oft einen religiösen Hintergrund. Ähnlich wie auch in Berlin gibt es Welcome-Baby-Bags. Diese werden über eine kirchliche Stelle gepackt und an die Frauen ausgegeben. Eine Art Startpaket zur Geburt.

Der aktuelle Gerichtsprozess gegen die nigerianische Mafia “Black Axe”, zu dem ich gern gehen wollte, ist momentan leider ausgesetzt. Grund hierfür ist der Tod eines der Mitglieder dieser Vereinigung im Gefängnis. Bisher ist die genaue Todesursache ungeklärt, und bis zur Klärung wird der Prozess nicht weitergeführt.

Rechts Frau Nocilla, links Frau Messina

Am Donnerstag besuche ich das “Casa dei diritti” (Haus des Rechts/Heimat der Menschenrechte), vergleichbar mit der Antidiskriminierungsstelle in Berlin. Frau Laura Nocilla berichtet, dass die schöne Villa gerade erst bezogen wurde; vorher war das Büro in einem Camp für Roma untergebracht, welches nun aber aufgelöst wurde. Etwa 500 Roma aus den Balkanstaaten hatten hier gelebt. Viele sind nun in andere Orte oder Länder weitergezogen, für nur fünf Familien konnte eine Unterkunft gefunden werden. Hier arbeiten fünf Sozialarbeiterinnen über die Kommune finanziert. Frau Nocilla hat die bis vor kurzem von Anarchisten (sie beschreibt es so) besetzte Villa von diesen Menschen bekommen, nachdem sie dort mehrfach zu Besuch war und mit dem neuen Konzept der Antidiskriminierungsstelle überzeugen konnte. Dem Anspruch der Sozialarbeiterinnen, einen warmen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich auch ernst genommen fühlen, wird dieser Ort mehr als gerecht.

Im Fokus stehen alle Menschen, die auf irgendeine Weise von Diskriminierung betroffen sind. Veranstaltungen wie die jährliche Gay-Pride (vergleichbar dem CSD in Berlin), Öffentlichkeitsarbeit gegen Diskriminierung und Beratungen für Betroffene gehören zu den Aufgabenfeldern der Sozialarbeiterinnen.

Im Anschluss besuche ich die CISS (Cooperazione Internazionale Sud Sud). Die Organisation wurde bereits 1985 von ehrenamtlich Engagierten gegründet und hatte vorerst interkulturellen Austausch und interkulturelle Bildung zum Ziel. Seit 2000 widmet man sich hier u. a. dem Schutz Geflüchteter, seit 2012 kämpft man hier gegen sexuelle Ausbeutung und Arbeitsausbeutung. Der Schwerpunkt liegt in der Zusammenarbeit mit Medien, Aufklärung an Schulen, Plakatierung im öffentlichen Nahverkehr und auf Straßen.

Es gibt ein Safe-House (Casa dei Giovani) für von Gewalt betroffene Frauen, mit dem hier eng kooperiert wird. Das Casa dei Giovani bietet vier Schlafplätze, Sozialberatung, Gesundheitsangebote, Beratung zu HIV/AIDS und STI, psychologische Unterstützung und Traumatherapien sowie Beratung zu Aufenthalt und Perspektive.

Die CISS bietet ein Notfalltelefon für von Menschenhandel Betroffene. Das Projekt wird über EU-Mittel und Spenden finanziert, CISS ist vor allem aber auch international aktiv und setzt sich für Umweltschutz, Wahrung der Menschenrechte und Bekämpfung des Ressourcenraubs in vielen Ländern ein.

Am Freitag war ich noch einmal im Astalli-Zentrum um zu hospitieren. Ich habe an einem Bewerbungstraining teilgenommen, welches natürlich nur auf Italienisch stattfand. Wie schreibe ich einen Lebenslauf, Bewerbungsschreiben und das Gespräch. Sehr professionell.

Nach nun schon drei Wochen in Palermo bemerke ich ein Gefühl von Alltag und Routine. Die Stadt hält aber noch viele interessante Sehenswürdigkeiten für mich bereit, so dass kaum Langeweile aufkommen sollte, auch wenn ich hin und wieder Familie, Freunde und Kolleg*innen vermisse.

  • Kathedrale von außen

    Kathedrale von Palermo

  • Zuschauerraum

    Teatro Massimo

  • Kirchen von außen

    La Martorana & San Cataldo

Die vierte Woche: Abschiede fallen immer etwas schwer, aber die Reise hat sich gelohnt und ich fahre mit einem guten Gefühl nach Hause

Die Zeit rast dahin und schon beginnt meine letzte Woche in Palermo. Obwohl ich viel gesehen, erlebt und gelernt habe, bleibt das Gefühl, dass ich hier noch lange nicht fertig bin. Schon zu Beginn der letzten Woche umgibt mich Wehmut, aber auch Vorfreude auf Berlin. Ganz sicher komme ich wieder und freue mich schon jetzt über die vielen Kontakte, die ich knüpfen konnte. Ich werde die Lebhaftigkeit, die scheinbare Leichtigkeit des Lebens in dieser Stadt, aber auch das gute Essen und vieles, vieles mehr vermissen.

  • Markt in Palermo
  • Markt in Palermo
  • Markt in Palermo

Nationales Institut zur Förderung der Gesundheit von Migranten und Kampf gegen Krankheit und Armut

Montag Vormittag bin ich wieder im Centro Astalli. Heute gibt es eine Fortbildung für Menschen, die gern in der Gastronomie arbeiten möchten. Die Veranstaltung richtet sich ausschließlich an Migrant*innen, da bin ich gar nicht aufgefallen. Die Aula ist sehr gut gefüllt und die beiden Dozentinnen machen ihren Job richtig gut. Das Konzept passt und alle kommen gut mit. Inhaltlich werden die vielen verschiedenen Arten der italienischen Gastronomie, die vielen Speisen und Lebensmittel besprochen, aber auch Arbeitsrecht, also Verträge und faire Bedingungen werden erklärt. Sehr gelungen fand ich die Rollenspiele zu Bewerbungsgesprächen.

Ich war nun schon zum dritten Mal im Zentrum zu Besuch und bin immer wieder vom vielfältigen und vor allem professionellen Angebot angetan, denn hier arbeiten alle ehrenamtlich.

Am Nachmittag fahre ich in ein Krankenhaus, genauer gesagt in die Abteilung für Infektionserkrankungen. Herr Dott. Tullio Prestileo ist hier für Migrant*innen zuständig und heute mein Gesprächspartner. In Palermo gibt es ein Netzwerk von Teststellen für HIV/AIDS und sexuell übertragbare Infektionen. Diese Checkpoints sind in der Regel in Krankenhäusern und Polikliniken untergebracht. Jeder kann sich hier kostenfrei und, wer will, anonym testen, untersuchen und behandeln lassen. Termine sind dafür nicht notwendig. Es gibt auch eine Abteilung, die auf bestimmte Risikogruppen (Sexarbeiter*innen, Männer, die mit Männern Sex haben, Trans*-Personen) spezialisiert ist. Hier liegt der Fokus vor allem auch auf Prävention.

Seit ca. zehn Jahren gibt es in Italien ein Gesetz, wonach alle neu ankommenden Geflüchteten innerhalb von zwei Tagen eine medizinische Untersuchung hinter sich bringen müssen. Herr Prestileo findet, dass diese Praxis nicht den Bedürfnissen der Menschen entspricht, und somit werden die meisten Menschen in Palermo erst nach sechs Wochen auf mögliche Infektionskrankheiten untersucht. Seine Studien belegen, dass mehr als die Hälfte aller Infektionen erst in Italien erworben werden. Pro Jahr kommen etwa 1.000 Menschen zu Herrn Prestileo ins Krankenhaus; er meint, das sind etwa 19 % aller Migrant*innen, die Palermo zugeteilt werden. HIV, Hepatitis B und Tuberkulose stehen im Fokus der Untersuchungen, denn diese Infektionen sind seit 2017 von 1 % auf 5 % gestiegen.

Es gibt eine sehr enge Zusammenarbeit mit vielen NGOs, so auch mit “Donne di Benin City”. Auch hier höre ich wieder Angst vor der Salvini-Anhängerschaft, vor allem nach den Regionalwahlen in Umbrien, die für Salvini sehr erfolgreich waren. Der Arzt befürchtet, dass bald gar keine Menschen mehr nach Italien kommen. Herr Prestileo engagiert sich seit 20 Jahren in der Geflüchteten-Medizin.

Links Frau Messina, daneben Herr Dott. Prestileo

Eines meiner Hauptaugenmerke lag schon zu Beginn meiner Reise auf dem italienischen Gesundheitssystem bzw. dem Krankenversicherungssystem. Hier hilfreiche Informationen zu bekommen, stellte sich als schwieriger heraus als ich es erwartet hatte. Herr Prestileo konnte immerhin etwas Licht ins Dunkel bringen, denn ich hatte zuvor schon verschiedene Stellen dazu befragt. Details hierzu werde ich dann meinen Kolleg*innen im Wissenstransfer direkt zukommen lassen, denn Menschen mit italienischen Gesundheitskarten stellen uns (meine Kolleg*innen und mich) und unser Sozialversicherungssystem scheinbar oft vor schwierige Hürden, deren Folgen ein fehlender Versicherungsschutz oder Schulden sein können.

Am Abend treffe ich noch Nino von “Donne di Benin City”. Er hat den Präsidenten der Nigerianischen Gesellschaft, Samson Olomu, zu diesem Treffen eingeladen. Nino und Samson geht es bei diesem Treffen vor allem darum, den Kontakt und eine mögliche Kooperation mit mir und meinem Fachbereich zu besprechen. Ich erfahre aber auch, dass es eine neue nigerianische Mafia namens “New Black Movement” (NBM) gibt und die Netzwerke dieser Vereinigung weit über die italienischen Grenzen hinausgehen. Nino und Samson drängen auf die Wichtigkeit, diese Organisationen gemeinsam zu bekämpfen.

Der im Gefängnis getötete junge Mann (ich hatte letzte Woche berichtet), gehörte der NBM an und hätte wohl viele Mitglieder der “Black Axe” schwer belasten können. Der Prozess wurde wieder aufgenommen, wird aber wohl noch mehr als drei Jahre andauern.

Solidaritätsmarkt Emmaus Palermo

Solidaritätsmarkt Emmaus Palermo

Am Dienstag fahren wir zu Emmaus Palermo, einem riesigen Flohmarkt in einem ebenfalls von der Mafia beschlagnahmten Gebäude. Emmaus ist ein gemeinnütziger Verein, den es in vielen Ländern gibt, auch in Deutschland. Statt Dinge auf den Müll zu werfen können diese bei Emmaus abgegeben werden. Durch den Verkauf werden soziale Projekte gefördert. Der Solidaritätsmarkt strebt über dieses Modell der Kreislaufwirtschaft einen Rückgewinn gebrauchter Güter an. Ziel ist es vor allem, die stetig wachsende Armut in Palermo auszubremsen.

Anschließend besuchen wir das Projekt “Cuoche combattenti” (Köchinnen kämpfen). Frauen werden aus der Flucht häuslicher Gewalt begleitet. Das Projekt bezieht Lebensmittel aus der unmittelbaren Region, und die von Gewalt betroffenen Frauen lernen hier, diese zu verarbeiten. Die produzierten Lebensmittel können im Laden erworben werden, meist Marmeladen, Pestos und für die Region typische Süßigkeiten. Jedes Etikett ist ein Etikett gegen Gewalt und enthält einen entsprechenden Spruch. Diese Sprüche sollen Frauen zum Nachdenken ihrer Situation anregen, denn häusliche Gewalt hat in Italien in den letzten zwei Jahren stark zugenommen.

Die Selbstbestimmung der Frauen steht im Vordergrund. Persönliche Fähigkeiten, Arbeitstechniken, Unternehmergeist und Freude sollen vermittelt werden. Hier wird sehr eng mit dem Antigewalt-Zentrum “Le Onde Onlus” zusammengearbeitet.

  • Produkte der "Cuoche combattenti"

    Produkte der "Cuoche combattenti"

  • Produkte der "Cuoche combattenti"

    Produkte der "Cuoche combattenti"

Besuch bei Adham Darawsha (2. von rechts)

Am Mittwoch besuchen wir Herrn Adham Darawsha, Leiter für Kultur und demokratische Teilhabe in Palermo. Herr Darawsha berichtet über seine Ziele, die auf eine eigene palermitanische Kunst- und Kulturszene ausgerichtet sind. Kunst und Kultur soll nicht länger importiert werden. Herr Darawsha arbeitet an Schulen, Universitäten und im allgemeinen öffentlichen Raum, um Kulturgut allen zugänglich zu machen und Kreativität zu fördern.

Daher besuchen wir im Anschluss die Veranstaltung “Classici in strade”. Dort sprechen viele Politiker, auch der Mafia-Forscher Herr Umberto Santino. Diese Bewegung gibt es seit 2013 und Ziel ist es, Kunst und Kultur zu allen Menschen zu bringen. Es werden Theaterprojekte in Gefängnissen, Schulen und auf öffentlichen Plätzen initiiert.

"Classici in strade"

Am Donnerstag werden wir offiziell von Frau Dott. Romana im Büro des Bürgermeisters verabschiedet. Wir sprechen über unsere Erwartungen und Erfahrungen, geben Feedback und bedanken uns für die wirklich großartige und intensive Begleitung durch Frau Messina. Wir verabschieden uns von allen Kolleg*innen, denn es war der letzte Tag im Büro. Frau Messina wird uns am Freitag noch einmal in ihre Heimatstadt Monreale einladen.

Ich freue mich sehr, dass Frau Messina auch an der großen LoGo!-Europe-Abschlussveranstaltung am 26.11.2019 in Berlin teilnehmen wird.

Nun muss ich ganz langsam ans Koffer packen denken und merke schon, wie schwer mir dieser Gedanke fällt. Ein bisschen Zeit bleibt noch und die werde ich ausgiebig in Palermo nutzen.

  • Abschlussbericht

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Kontakt

Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin
Europabeauftragter
Gunnar Betz