Mittwoch treffe ich mich dann mit dem Gründer des Zentrums vom Tag zuvor, Herrn Umberto Santino (rechts im Bild). Umberto hat mich sehr beeindruckt, er forscht seit mehr als 40 Jahren am Phänomen Mafia. Diese Arbeit scheint sein Lebenswerk zu sein, denn er arbeitet höchst wissenschaftlich, hat viele Verbindungen, hält Reden und gibt Fortbildungen. Umberto hat einige Bücher geschrieben, die unter anderem auch auf Deutsch veröffentlicht wurden.
Ich lerne heute viel über die Mafia und deren Strukturen, vieles von dem ich keine Idee hatte. So entstanden ca. 1893 die ersten kriminellen Organisationen. Es ging vorrangig um die Ausbeutung kleiner Bauern und Werftarbeiter. Zur gleichen Zeit entstand die Antimafia, es waren viele Bauern und Arbeiter, die sich bemüht zur Wehr setzten. Die Mafia war berühmt für ihre Brutalität und etablierte sich Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch in Städten und Verwaltungen. So wurde z. B. der Gesundheitssektor großteilig von der Mafia kontrolliert, und kranke Menschen mussten deutlich mehr für Arzt und Krankenhauskosten aufbringen. Parallel entwickelte sich in den 20er Jahren in den USA die Cosa Nostra (durch sizilianische Auswanderer), die hier von Verboten wie der Prohibition profitierte und später mit südamerikanischen Organisationen den Drogenhandel ausbaute. Die Cosa Nostra stand immer in enger Verbindung mit der Mafia in Italien, und das Geschäftsmodell der sizilianischen Mafia,
nun auch Cosa Nostra, wurde angepasst.
Die Mafia funktioniert wie ein Kreislauf, denn sie ist in allen gesellschaftlichen Strukturen vertreten. Heute kontrolliert die sizilianische Mafia Prozesse auf höheren Ebenen. Einnahmen gibt es in großem Stil aus erneuerbaren Energien und den Zuschüssen aus EU-Förderprogrammen. Diese Gelder, die eigentlich verteilt werden sollen, landen dann durch Mithilfe gekaufter Politiker in der Kasse der Mafia. Aber auch die illegale Migration, Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Geldwäsche gehören zum aktuellen Geschäftsmodell. Die Antimafia besteht auch nicht mehr aus Bauern und Arbeitern, sondern findet sich in Politik, Parteien und Aufklärungsprogrammen an Schulen wieder.
Längst hat sich die Mafia an der Globalisierung beteiligt und agiert auch in Deutschland. Herr Umberto würde sich sehr freuen, wenn er die Gelegenheit bekäme, in Berlin an einer Universität oder in einer anderen öffentlichen Veranstaltung zu referieren. Ich trage dieses Anliegen an das Bezirksamt, und vielleicht gibt es ja eine Idee, in Zusammenarbeit mit einer Universität einen Besuch zu realisieren. Ich persönlich kann dies nur empfehlen, denn es war ein sehr spannender Vormittag und ich denke, dass die Machenschaften der organisierten Kriminalität in Deutschland immer weiter auf dem Vormarsch sind.
Am Nachmittag will ich mich mit dem Bezirksbürgermeister Massimo treffen. Wir haben einen Termin, aber aufgrund einer Gewerkschaftsversammlung bleiben heute alle Verwaltungen geschlossen. Ich bin das ja schon gewohnt und verabschiede mich von Frau Messina, die mich überall begleitet, übersetzt und Verständnisfragen beantwortet.
Donnerstag Vormittag treffe ich Herrn Girolamo D’Anneo im Ufficio Statistica (dem nationalen Statistikbüro). Hier werden so ziemlich alle Zahlen zu Sozialdaten, Inflation, Zuwanderung und Migration etc. gesammelt. Die Daten stehen für ganz Italien oder auch nur Palermo zur Verfügung. Palermo hat ca. 660.000 Einwohner und 260.000 Familien. Etwa 9.000 zufällig ausgewählte Familien werden für die repräsentative Statistik der Stadt erfasst.
Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch und damit belegt Palermo den dritten Platz in Italien, hinter Catania und Messina. Alles Städte auf Sizilien. Der Anteil an Migranten liegt bei 12,7 %. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Dabei stammen die meisten Menschen aus Bangladesch, Sri Lanka und Rumänien. Die Geburtenrate ist rückläufig und liegt bei etwa 1,39 Kindern pro Familie. Nach Zu- und Abwanderung verringert sich die Einwohnerzahl jährlich um etwa 5.000 Menschen, meist junge Menschen, die zum Studieren in andere Städte gehen und oft nicht wiederkommen.
Der Tourismus wird stark gefördert, vor allem nachdem die Stadt zum UNESCO-Weltkulturerbe wurde. 2018 war Palermo Kulturhauptstadt. Die Folge ist kaum zu übersehen. Im Altstadtzentrum wohnen nur noch wenige Palermitaner, es ist schlicht unerschwinglich geworden, denn airbnb, Booking und andere Portale haben den attraktivsten Teil der Stadt in Beschlag genommen. Eine Regelung für diese Unternehmen gibt es bisher nicht, außer dass Touristen eine wirklich kleine Steuer an die Stadt zahlen müssen. Die Stadt ist pleite und die Angst davor, Einnahmen zu verlieren, ist zu groß. Man ist auf die vielen Touristen, Unterkünfte, Bars und Restaurants angewiesen, denn diese bringen Geld und Arbeitsplätze. Die Leidtragenden sind die Einwohner, denn hier wird bis spät in die Nacht gefeiert, es ist laut, die Preise steigen und auch hierfür gibt es keine Regelungen.