Mit dem ICE ging es in rund acht Stunden direkt von Berlin nach Wien. Wien kenne ich bereits von meinem Studium, aber die Stadt hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Klimaanpassungsmaßnahmen werden überall im öffentlichen Raum umgesetzt. Das Ziel ist, die Lebensumstände der BewohnerInnen zu verbessern. Ich wohne die nächsten drei Wochen in Meidling im 10. Bezirk. Ein sehr zentraler Bezirk mit einer sehr internationalen Bevölkerungsstruktur. Vergleichbar mit dem Wedding.
Am Montag geht es los mit einem Auftakttreffen aller LoGo!-Europe-Teilnehmenden aus Deutschland. Neben mir ist auch eine Dame aus Düsseldorf dabei, welche im Jugendamt hospitieren wird. Insgesamt absolvieren rund 150 Menschen jährlich aus der Verwaltung in Deutschland ein Praktikum in Wien.
Gleich im Anschluss fahre ich zu meiner Dienststelle, der Magistratsabteilung 42/Wiener Stadtgärten (kurz die MA 42). Der Leiter der Gartenregion 1 Clemens Weiss begrüßt mich herzlich und stellt mir sogleich sein Team vor. Als Erstes fällt auf, dass sich wirklich alle duzen, was sehr sympathisch rüberkommt. Insgesamt ist Wien in vier Gartenregionen eingeteilt. Die Gartenregion 1 ist für die Bezirke 1-9 und den 20. Bezirk zuständig. Auf dem Flur des mehrstöckigen Bürogebäudes sitzen insgesamt 20 KollegInnen. Die Struktur und Aufgabenverteilung ist ähnlich meinem Fachbereich. Ich gehe darauf später nochmal näher ein. Es fällt auf, dass in den Büros kaum Akten existieren. Der Grund ist die nahezu komplett digitale Verwaltung der MA 42. Clemens erklärt mir die Strukturen, Aufgaben, die Herausforderungen und die aktuellen Projekte der MA 42.
Die offenen Türen auf dem Flur erleichtern es mir, auf die neuen KollegInnen direkt zuzugehen und mich ungezwungen mit ihnen zu unterhalten. Mir werden sehr geduldig und ausführlich die aktuellen Aufgaben und Projekte erklärt. Mein Kalender für die ersten Tage ist bereits vor der Mittagspause fast voll. Ich kann bei zahlreichen Außenterminen mit verschiedenen KollegInnen dabei sein und die für mich passendsten Themen heraussuchen. Es fällt auf, dass sehr viele Termine per Rad oder den Öffis angefahren werden. Das liegt sowohl an der sehr guten Infrastruktur als auch an der schwierigen Parkplatzsituation in den Innenstadtbezirken.
In Wien legen die Bezirke ihre Schwerpunkte in der Grünflächenentwicklung selber fest. Die MA 42 ist daher eine Art Dienstleister für die Bezirke, berät aber diese. Aktuell kalkulieren die KollegInnen die Budgets fürs kommende Jahr mit den Bezirken. Eine sehr zeitaufwendige Aufgabe, dennoch erklären sie mir ausführlich die Hintergründe und die Prozesse. Ich fühle mich thematisch sehr gut abgeholt und schätze die offene Art der KollegInnen. Zu den Budgetverhandlungen kann ich allerdings nicht mitkommen, da diese mit den politischen VertreterInnen der Bezirke stattfinden und es teilweise sehr kontrovers zugeht. Auf die Entscheidungen hat die MA 42 am Ende keinen Einfluss. Allerdings wird sehr oft den Empfehlungen der MA 42 gefolgt.
Anders als im Straßen- und Grünflächenamt Charlottenburg-Wilmersdorf werden Bürgeranfragen direkt an die zuständigen KollegInnen zur Beantwortung geleitet. Dadurch entsteht jeden Tag eine große Flut an Mails. Mit der App “Sags Wien” ist das Beschwerdeaufkommen in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Skurrile Beschwerden, wie etwa die falsche Blütenfarbe bei den gepflanzten Tulpen bis hin zu einer leeren Bierdose auf einer Wiese, zeugen von der Vielfalt der Anfragen.
Veranstaltungen in Parks sind wie bei uns ein sehr großes Thema in Wien. Es gibt zahlreiche Anfragen, Feste, Partys oder Märkte in Grünflächen zu veranstalten. Die MA 42 handhabt die Zustimmung allerdings sehr restriktiv und versagt nahezu alle Anfragen. Ich komme schnell mit den KollegInnen ins Gespräch, wie es in Berlin gehandhabt wird. Die KollegInnen sind sehr interessiert daran, wie unsere Strategie diesbezüglich ist (sehr ähnlich). Politische Feste und Veranstaltungen werden hingegen zugelassen. Der Unmut über diese ungleiche Behandlung ist spürbar und nachvollziehbar, da sie auch bei den BürgerInnen zu vielen Nachfragen führt. Ein sehr bekanntes Fest ist das “Volksstimmenfest” im Prater. Die Schäden durch die Menschenmassen sind enorm und belasten das Budget der MA 42 stark.
Generell sind der Nutzungsdruck auf Grünflächen und seine negativen Begleiterscheinungen auch in Wien ein wichtiges Thema. In den letzten Jahren wurden auf Wunsch der ParknutzerInnen Ökotoiletten errichtet. Innerhalb einer Woche brannten 11 Stück davon durch Brandstiftung ab. Auch ist die Vermüllung ein großes Problem. Anders als in Berlin reinigt aber die MA 48 (Straßenreinigung) alle Parks in der Stadt. An Hotspots mit viel Müll sogar mehrmals am Tag, auch am Wochenende. Ein Zustand, den man den Parks auch ansieht. Auch gehen die NutzerInnen deutlich sensibler und wertschätzender mit den Grünflächen um.
Die eingangs erwähnten Klimaanpassungsmaßnahmen im Straßenraum führten zu zahlreichen neuen Grünflächen, teils sehr kleinteilig, im Fachvermögen der MA 42. Die Unterhaltungsbudgets wurden allerdings kaum angepasst. Die Pflege stellt die KollegInnen daher vor große Herausforderungen. Auch wenn die Personalzahl und das Budget erheblich größer sind als in Berlin, so ist die Unzufriedenheit über diese Entwicklung spürbar. Ich merke aber auch eine sehr große Ruhe und Gelassenheit in der täglichen Arbeit, was mir sehr gut gefällt und auch Berlin gut tun würde. Die Klimaanpassungen werden seit Jahren von der Stadt gefördert. Dadurch ist es für die Bezirke sehr attraktiv, diese Maßnahmen, welche bei der Bevölkerung oft sehr positiv wahrgenommen werden, umzusetzen. Die Förderquote beträgt 60-80 % und fließt im nächsten Jahr wieder den Bezirken zu. Erfahrungen mit Haushaltssperren oder gekürzten Budgets kennt man bei der MA 42 nicht.
Die Verkehrswende und Grünraumoffensive wird politisch bewusst gefördert. Über alle Parteigrenzen hinweg. Neue Fahrradwege, Stellplätze für Leihräder oder breite Fußwege finden sich überall in der Stadt. Dadurch macht es mir richtig Spaß, viele Wege, anders als in Berlin, auch mal spontan zu Fuß oder mit dem Leihrad zurückzulegen. Überall und ständig trifft man auf Straßenbegleitgrün, üppig bepflanzte Baumscheiben oder begrünte Bushäuschen.
Die Bewässerung erfolgt zu meiner Überraschung zu 100 % mit Trinkwasser. Das ist dem Umstand geschuldet, dass Wien aus den umliegenden Bergen ausreichend mit Schmelzwasser und Grundwasser versorgt wird. Interessiert hören sich die KollegInnen meine Erfahrungen mit dem verringerten Regenwasser und den daraus folgenden Problemen aus Berlin an. Überhaupt merkt man eine unglaubliche Fachexpertise bei jedem Kollegen der MA 42. Auch ein breites Wissen über andere Fachbereiche wie Tiefbau oder Stadtplanung ist jedem anzumerken. Ich fühle mich bereits nach wenigen Tagen sehr wohl in der MA 42.
Mit dem Umweltmagistrat (MA 22) pflegt die MA 42 einen sehr engen Austausch. Ähnlich wie bei uns. So wird versucht, ein auf Biodiversität angepasstes Mahdmanagement einzuführen und zu etablieren. Die Suche nach geeigneten Flächen ist jedoch auch hier eine große Herausforderung.
Die Mittagspausen werden in aller Regel gemeinsam verbracht, was den Teamgedanken sehr fördert. Ich werde immer wieder mitgenommen und so entsteht bereits nach der ersten Woche ein sehr guter Austausch.
Nach einer aufregenden und thematisch sehr abwechslungsreichen Woche, teils mit Workshops und Vorträgen in anderen Direktionen, erkunde ich am Wochenende einige Stadtteile zu Fuß und Rad. Die KollegInnen sind auch hierbei mit Tipps und Tricks eine gute Hilfe. Meidling hat viele interessante Ecken. Tolle Beisl und Restaurants gibt’s über die ganze Stadt verteilt.