Ein Text von Liv Ergang (TU Berlin)
Wer durch Charlottenburg-Wilmersdorf geht, begegnet jüdischer Geschichte oft eher beiläufig: in Straßennamen, Fassaden, Stolpersteinen, ehemaligen Wohnhäusern, Schulen, Synagogen und Geschäften. Manche dieser Spuren sind im Stadtbild markiert, andere fallen erst auf, wenn man genauer hinsieht. Hier setzt das Projekt „Jüdisches Leben in Charlottenburg-Wilmersdorf in Geschichte und Gegenwart sichtbar machen“ an.
Wir erzählen die Geschichte des Bezirks anhand konkreter Adressen, Orte und Biografien. Uns interessiert, wo jüdisches Leben stattgefunden hat, wo es bis heute stattfindet und wie es Charlottenburg-Wilmersdorf geprägt hat. Dabei geht es uns nicht allein um Verfolgung, Entrechtung und Zerstörung. Wichtiger ist uns das Sichtbarmachen von jüdischem Alltag, Arbeit, Religion, Bildung, Kultur und Nachbarschaft. Orte, an denen jüdische Menschen selbstbestimmt lebten, wirkten und dies bis heute tun.
Beauftragt und finanziert wird das Projekt vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Die wissenschaftliche Recherche ist am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin angesiedelt. Studierende erforschen dort im Rahmen eigener Projekte Orte mit jüdischer Geschichte im heutigen Bezirk. Die Ergebnisse werden auf einer Website veröffentlicht und auf öffentlichen Veranstaltungen vorgestellt. Dazu gehören wissenschaftliche Vorträge, Lesungen, Konzerte und weitere Formate, die Forschung aus dem universitären Raum in die Stadtgesellschaft tragen sollen.
Das Projekt hat im Januar 2025 begonnen und ist auf mehrere Jahre angelegt. Die Verantwortung für Recherche und multimediale Umsetzung liegt bei Denise Nestler, Stefanie Seidel und Liv Ergang, die alle am Zentrum für Antisemitismusforschung studieren. Geleitet wird das Projekt von Dr. Marcus Funck, Studiengangsbeauftragter am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.
Die Texte, die im Rahmen des Projekts entstehen, bewegen sich zwischen historischer Forschung und öffentlicher Vermittlung (Public History). Sie sollen verständlich und interessant sein, ohne auf wichtige Details zu verzichten. Wissenschaftsjournalistisch zu arbeiten heißt hier, sich auf Quellen zu beziehen und trotzdem so zu schreiben, dass auch Menschen ohne fachhistorisches Vorwissen Lust haben, den Text zu lesen. Darum beginnt jede Recherche mit der Frage nach dem Beleg. Eine Information ist nur dann belastbar, wenn sie auf eine prüfbare Quelle zurückgeführt werden kann. So zum Beispiel auf eine Archivsignatur, eine analoge oder digitale Literaturangabe, eine Fotografie, eine historische Karte oder ein Gemeindeverzeichnis. Gerade in der Lokalgeschichte ist diese Sorgfalt entscheidend, denn Häuser wurden umnummeriert, Straßen umbenannt, Bezirksgrenzen verschoben, Institutionen verlegt oder zerstört. Eine Adresse ist deshalb nie nur ein Punkt auf der Karte, sondern Teil einer komplexen Stadtgeschichte.
Auch der Begriff des „jüdischen Ortes“ ist weniger selbstverständlich, als er vielleicht erstmal klingt. Gemeint ist in diesem Projekt ein konkreter Ort, der nachweisbar mit selbstbestimmtem jüdischem Leben verbunden ist. Das kann eine Synagoge sein, ein Wohnhaus, eine Schule, ein Verlag, ein Krankenhaus, ein Vereinsort, ein Geschäft, ein Atelier oder eine Adresse, an der jemand lebte, arbeitete oder auf eine Weise wirkte. So verändert sich hoffentlich langfristig der Blick auf den Bezirk. Straßen und Häuser werden zu Trägern einer Geschichte, die nicht immer konkret im Stadtbild markiert ist.
Besondere Aufmerksamkeit verlangt dabei das Wort „jüdisch“. Es kann eine religiöse, kulturelle, familiäre, soziale oder politische Bedeutungen haben. Das Judentum ist eine Religion, aber jüdische Identität ist nicht nur religiös. Für die Arbeit an den Texten heißt das, dass möglichst genau beschrieben werden muss, worauf sich die Bezeichnung jeweils bezieht. Für unsere Texte bedeutet das, dass wir darauf achten, ob eine Person oder Institution sich selbst als jüdisch verstand, Teil jüdischer Gemeinden, Netzwerke oder Kultur war, aus einer jüdischen Familie stammte oder erst durch spätere Quellen als jüdisch bezeichnet wurde.
Diese Unterscheidung ist besonders bei biografischen Recherchen wichtig. Nicht jede Person mit jüdischer Familiengeschichte verstand sich als religiös jüdisch. Nicht jede religiös jüdische Person war Mitglied einer Gemeinde. Und nicht jede Person, die von den Nationalsozialisten als „jüdisch“ verfolgt wurde, hat sich selbst so verstanden. Präzise Formulierungen entscheiden hier also darüber, ob eine Biografie historisch angemessen erzählt wird.
Deshalb versuchen wir, möglichst präzise zu formulieren. So zum Beispiel „die aus einer jüdischen Familie stammende Schriftstellerin“, „das Mitglied der Jüdischen Gemeinde“, „der Rabbiner“, „die jüdische Unternehmerin“, „der von den Nationalsozialist als Jude verfolgte Künstler“ oder „die sich selbst als jüdisch verstehende Autorin“. Solche Formulierungen sollen sichtbar machen, ob es um Religion, Herkunft, Selbstverständnis, Gemeindezugehörigkeit oder aber um antisemitische Verfolgungskategorien geht. Bei der Arbeit mit historischen Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus müssen diese besonders klar als potentielle Verfolgungsdokumente benannt und historisch kontextualisiert werden. Hier sollte nochmal gesondert reflektiert werden, ob „jüdisch“ eine antisemitische Verfolgungskategorie oder eine Selbstbezeichnung war.
Auch der räumliche Bezugsrahmen des Projekts ist historisch nicht selbstverständlich. Wenn heute von Charlottenburg-Wilmersdorf die Rede ist, meint das den Berliner Bezirk in seiner gegenwärtigen Form. Historisch waren Charlottenburg und Wilmersdorf jedoch lange eigenständige Städte beziehungsweise Gemeinden. Erst mit der Bildung Groß-Berlins im Jahr 1920 wurden sie zu Berliner Bezirken. Seit der Bezirksfusion am 1. Januar 2001 bilden sie den gemeinsamen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Die heutige Ortsteilgliederung in Charlottenburg, Charlottenburg-Nord, Grunewald, Halensee, Schmargendorf, Westend und Wilmersdorf wiederum wurde erst 2004 festgelegt. Für historische Texte bedeutet das, dass Orte im heutigen Bezirksraum verortet werden, aber in ihrer jeweiligen historischen Lage kontextualisiert werden.
Langfristig geht es in diesem Public-History-Projekt darum, jüdische Geschichte und Gegenwart im Bezirk sichtbar und erlebbar zu machen. Dabei soll keine abgeschlossene Erinnerungserzählung entstehen, sondern ein wachsendes, überprüfbares und zugängliches Wissen über Orte, Menschen und Geschichten. Charlottenburg-Wilmersdorf erscheint so nicht nur als Raum nationalsozialistischer Verfolgung und Erinnerung, sondern auch als Bezirk, der von selbstverständlichem jüdischem Alltag, gemeindlichem Leben, säkularer Kultur, Arbeit und Nachbarschaft geprägt wurde und wird.