Besonders Charlottenburg und Wilmersdorf wurden um 1900 zu wichtigen Zentren jüdischen Lebens, westlich von Berlin. In Charlottenburg stieg die Zahl jüdischer Bürger:innen von 4.678 im Jahr 1895 auf 22.500 im Jahr 1910. Auch Wilmersdorf entwickelte sich zu einem bevorzugten Wohngebiet jüdischer Familien.
Ein sichtbares Symbol dieser Entwicklung war die 1912 eingeweihte Synagoge in der Fasanenstraße, die für das wachsende Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinde im heutigen Berliner Westen stand. Sie wurde von 1910 bis 1912 errichtet, bot rund 2.000 Menschen Platz und war damit die erste große Synagoge außerhalb des alten Berliner Stadtgebiets. Zunächst war diese Entwicklung vor allem Teil einer innerstädtischen Westwanderung jüdischer Familien aus dem Berliner Zentrum in die westlichen Wohngebiete. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen zusätzlich viele jüdische Migrant:innen aus Osteuropa nach Berlin, vor allem aus Russland, Litauen und Galizien. Aufgrund der zahlreich neu entstandenen russischen Restaurants, Kultureinrichtungen und Geschäften bürgerte sich für Teile Charlottenburgs zeitweise die Bezeichnung „Charlottengrad“ ein.
In den 1920er Jahren erreichten Charlottenburg und Wilmersdorf zusammen mit Berlin-Mitte die höchsten jüdischen Bevölkerungsanteile Berlins.
1925 lag der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Charlottenburg bei 8,85 Prozent, in Wilmersdorf sogar bei 12,98 Prozent. Vor allem rund um den Kurfürstendamm und die Kantstraße lebten viele jüdische Bewohner:innen des Bezirks: Hier waren etwa ein Viertel der Einwohner:innen jüdisch. 1925 lebten 30 Prozent aller deutschen Jüdinnen und Juden in Berlin.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialist:innen 1933 wurde jüdisches Leben systematisch entrechtet, verdrängt und zerstört. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Berlin rund 160.000 Jüdinnen und Juden. Berlin hatte damit die größte jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Viele Juden und Jüdinnen konnten zwischen 1933 und 1939 emigrieren. Von Oktober 1941 bis Kriegsende wurden mindestens 50.000 Berliner Jüdinnen und Juden deportiert. Die meisten von ihnen wurden ermordet.
Die Synagoge in der Fasanenstraße wurde während der Novemberpogrome 1938 in Brand gesteckt, 1943 weiter zerstört und schließlich 1957/58 endgültig abgerissen.
Nur wenige Tausend Berliner Jüdinnen und Juden hatten Verfolgung, Deportation, Lagerhaft oder das Leben im Versteck überlebt und so setzte das jüdische Leben in Berlin nur unter schwierigen Bedingungen wieder ein.
Bereits im Sommer 1945 fanden jedoch wieder erste Gottesdienste in Berlin statt.
Einer der ersten Gottesdienste fand am 11. Mai 1945 in der kleinen jüdischen Synagoge des jüdischen Krankenhauses statt und wurde von einem sowjetischen Armee-Rabbiner geleitet.
In Charlottenburg wurde die Synagoge in der Pestalozzistraße 1947 wieder eingeweiht. 1959 entstand an der Fasanenstraße das Jüdische Gemeindehaus auf dem Grundstück der zerstörten Synagoge – von 1959 bis 2006 war dort der Sitz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Heute befinden sich hier unter anderem Bildungs-, Kultur- und soziale Angebote der Gemeinde.
Jüdisches Leben im Bezirk war und ist nicht nur religiös oder institutionell geprägt. Jüdinnen und Juden gestalteten und gestalten Charlottenburg-Wilmersdorf mit: als Journalist:innen und Künstler:innen, als Ärzt:innen und Pflegende, als Angestellte und Unternehmer:innen. Sie waren und sind selbstverständlicher Teil des Arbeitslebens, der Kultur, des Sports und des städtischen Alltags.
Seit den 1990er Jahren hat vor allem die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion jüdisches Leben in Berlin weiter bereichert und pluralisiert.
Hinzu kamen Jüdinnen und Juden aus Israel, den USA und anderen Teilen der Welt nach Berlin.
Heute ist Charlottenburg-Wilmersdorf ein wichtiger Ort jüdischer Gegenwart: religiös und säkular, gemeindlich organisiert wie unabhängig und Teil des alltäglichen Lebens im Bezirk.