Mit etwa fünf Jahren übersiedelte die Familie von Wien nach Berlin. Dort wohnte die Familie zunächst in der Ansbacher Straße 6, von wo aus der Vater seinen Teppichhandel betrieb. Das Verhältnis zwischen Tom und dem Vater wird in den Quellen als nah und vertrauensvoll beschrieben, Tom begleitete ihn oft auf seinen Geschäftsreisen. Bei einer dieser vielen Reisen führte sie der Weg nach London, wo Tom von 1910 bis 1911 eine Kunstschule besuchte und erste künstlerisch bedeutsame Arbeiten schuf. Das Buch Das Wölkchen wurde dem jüngeren Bruder Theodor gewidmet und Die Gärten des Leides waren ein Geschenk an die Mutter zum 50. Geburtstag. Beide im Jugendstil gestalteten Arbeiten blieben unveröffentlicht und sind ausschließlich im Familiennachlass überliefert.
In der Arbeit von Barbara Murken über Tom Seidmann Freud, veröffentlicht in der Zeitschrift „Luzifer Amor“, findet sich ein Hinweis auf ein Zitat der Schwester Lilly:
„[E]in Buch an meine Mutter, aus London, als sie hier studierte, und eines an ihren so geliebten Bruder Tedy [Theodor]… das zweite namentlich ist bezaubernd und die Dichtung so unerhört geliebt von Tom. „Das Wölkchen“: Es ist die Geschichte, wie ein Bruder sich ein Wölkchen am Himmel wünscht und der andere [Bruder] ihm mit großen Abenteuern das Wölkchen… im Laufe eines ganzen Tages… bringt“.
Aus: Unveröffentlichter Briefwechsel Lilly Marlé – Herbert Stuffer: 2. 4. 1947 (Archiv Herbert Stuffer Verlag, Inge Killius).
Nach der Rückkehr aus London immatrikulierte sich Tom 1911 an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums, einer der Vorgängerinstitutionen der heutigen Universität der Künste Berlin. Dort eröffnete sich die Möglichkeit einer vielseitigen künstlerischen Ausbildung, die Toms Stil und Ausdrucksform nachhaltig prägte. Drei Jahre später, erschien mit dem Das Baby-Liederbuch erstmals ein Werk von Tom, das sowohl Zeichnungen als auch Verse in gedruckter Form verband. Parallel dazu entwickelten die Geschwister Lilly und Tom ein innovatives kulturelles Format: Sogenannte Märchennachmittage, die ebenfalls 1914 in Berlin stattfanden. Dabei wurden klassische Märchenerzählungen in neuer Form inszeniert. Unter Verwendung einer Laterna Magica wurden die von Tom gestalteten Glasbilder gezeigt. Durch diese neuartige Verbindung von visueller Projektion, Erzählung und gemeinschaftlichem Erleben, wurde eine Form ausprobiert, das traditionelles Märchenerzählen mit technischen
Möglichkeiten verband.
Während des Ersten Weltkrieges blieb Tom weitgehend in Berlin und arbeitete an Entwürfen für die Veröffentlichung Das neue Bilderbuch. Die nächste Station war 1918 München, wo Tom Freud mit jüdischen Studenten, darunter Gershom Scholem, im engeren Austausch stand. Auch die Schwester Lilly und der Cousin Ernst Freud lebten zu dieser Zeit in München, wo ein besonderes intellektuelles und künstlerisches Klima herrschte. Am 19. April 1920 trat die Verordnung über Zuzug und Aufenthalt von Ausländern in Kraft und zwang Tom aufgrund der vom Vater ererbten rumänischen Staatsbürgerschaft dazu, München zu verlassen. Kurz nach der Rückkehr nach Berlin verstarb der Vater, ein Verlust, der Tom besonders erschütterte.
In der lebhaften Berliner Kunst- und Kulturszene begegnete Tom dem Schriftsteller Jakob Seidmann, der zu einer zentralen Bezugsperson wurde. Ein Jahr nach der Heirat, am 21. Juli 1922, kam ihre Tochter Angela, später Awiwa, zur Welt. Noch im selben Jahr erschien das Buch von Ralph Bergengren: David the Dreamer. His Book of Dreams, das von Tom illustriert wurde. 1922 veröffentlichte Tom in Berlin Das Buch der Dinge. Ein Bilderbuch für ganz kleine Kinder, das den Anspruch moderner Kinderliteratur mit klarem, sachlichem Formbewusstsein verband. Dieses Buch markiert einen Wendepunkt im künstlerischen Ausdruck: Der bis dahin stark vom Jugendstil geprägte Stil wandelte sich deutlich in Richtung der Neuen Sachlichkeit.