Schillerstraße 12

Self-portrait Tom Seidmann Freud

Self-portrait Tom Seidmann Freud

Tom Seidmann Freud in der Schillerstraße 12/13

Ein Text von Denise Stockmann (TU Berlin)

Es ist schon ein Jahrhundert her, dass Tom Seidmann Freud (1892 – 1930) Geschichten für Kinder mit farbenfrohen, anregenden Zeichnungen und faszinierenden, einfallsreichen Ideen versehen hat. Die hinterlassenen Bücher vermitteln Spielfreude und Leichtigkeit. Was damals geschaffen wurde, hat nicht nur leuchtende Farben und lebendige Bilder hinterlassen. Was bleibt, ist ein weiter Resonanzraum für eigene Hoffnungen, Träume, Wünsche und Sehnsüchte. Das Ehepaar Seidmann Freud lebte mit der kleinen Tochter Angela in Charlottenburg in der Schillerstraße 12/13.

Tom Seidmann Freud wurde am 17. November 1892 als drittes Kind von Marie und Moritz Freud in Wien geboren. Marie Freud war eine der Schwestern Sigmund Freuds. Moritz Freud stammte aus Bukarest und betrieb auch in Berlin seinen Teppichhandel. Ein Geschenk von ihm war der später berühmt gewordene ‚Shekarlu Qashqai‘ Teppich in Sigmund Freuds Praxis. Tom wuchs mit den beiden älteren Schwestern Margarete und Lilly auf. Im Jahr 1904 kamen die Zwillinge Theodor und Georg zur Welt, jedoch überlebte nur Theodor die Geburt. Den durch die Eltern gewählten Geburtsnamen hatte Tom im Alter von 15 Jahren abgelegt und fortan alle Werke mit dem selbstgewählten Namen signiert.

Hotel Ansbacher Straße 6

Hotel Ansbacher Straße 6

Mit etwa fünf Jahren übersiedelte die Familie von Wien nach Berlin. Dort wohnte die Familie zunächst in der Ansbacher Straße 6, von wo aus der Vater seinen Teppichhandel betrieb. Das Verhältnis zwischen Tom und dem Vater wird in den Quellen als nah und vertrauensvoll beschrieben, Tom begleitete ihn oft auf seinen Geschäftsreisen. Bei einer dieser vielen Reisen führte sie der Weg nach London, wo Tom von 1910 bis 1911 eine Kunstschule besuchte und erste künstlerisch bedeutsame Arbeiten schuf. Das Buch Das Wölkchen wurde dem jüngeren Bruder Theodor gewidmet und Die Gärten des Leides waren ein Geschenk an die Mutter zum 50. Geburtstag. Beide im Jugendstil gestalteten Arbeiten blieben unveröffentlicht und sind ausschließlich im Familiennachlass überliefert.

In der Arbeit von Barbara Murken über Tom Seidmann Freud, veröffentlicht in der Zeitschrift „Luzifer Amor“, findet sich ein Hinweis auf ein Zitat der Schwester Lilly:

„[E]in Buch an meine Mutter, aus London, als sie hier studierte, und eines an ihren so geliebten Bruder Tedy [Theodor]… das zweite namentlich ist bezaubernd und die Dichtung so unerhört geliebt von Tom. „Das Wölkchen“: Es ist die Geschichte, wie ein Bruder sich ein Wölkchen am Himmel wünscht und der andere [Bruder] ihm mit großen Abenteuern das Wölkchen… im Laufe eines ganzen Tages… bringt“.

Aus: Unveröffentlichter Briefwechsel Lilly Marlé – Herbert Stuffer: 2. 4. 1947 (Archiv Herbert Stuffer Verlag, Inge Killius).

Nach der Rückkehr aus London immatrikulierte sich Tom 1911 an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums, einer der Vorgängerinstitutionen der heutigen Universität der Künste Berlin. Dort eröffnete sich die Möglichkeit einer vielseitigen künstlerischen Ausbildung, die Toms Stil und Ausdrucksform nachhaltig prägte. Drei Jahre später, erschien mit dem Das Baby-Liederbuch erstmals ein Werk von Tom, das sowohl Zeichnungen als auch Verse in gedruckter Form verband. Parallel dazu entwickelten die Geschwister Lilly und Tom ein innovatives kulturelles Format: Sogenannte Märchennachmittage, die ebenfalls 1914 in Berlin stattfanden. Dabei wurden klassische Märchenerzählungen in neuer Form inszeniert. Unter Verwendung einer Laterna Magica wurden die von Tom gestalteten Glasbilder gezeigt. Durch diese neuartige Verbindung von visueller Projektion, Erzählung und gemeinschaftlichem Erleben, wurde eine Form ausprobiert, das traditionelles Märchenerzählen mit technischen Möglichkeiten verband.

Während des Ersten Weltkrieges blieb Tom weitgehend in Berlin und arbeitete an Entwürfen für die Veröffentlichung Das neue Bilderbuch. Die nächste Station war 1918 München, wo Tom Freud mit jüdischen Studenten, darunter Gershom Scholem, im engeren Austausch stand. Auch die Schwester Lilly und der Cousin Ernst Freud lebten zu dieser Zeit in München, wo ein besonderes intellektuelles und künstlerisches Klima herrschte. Am 19. April 1920 trat die Verordnung über Zuzug und Aufenthalt von Ausländern in Kraft und zwang Tom aufgrund der vom Vater ererbten rumänischen Staatsbürgerschaft dazu, München zu verlassen. Kurz nach der Rückkehr nach Berlin verstarb der Vater, ein Verlust, der Tom besonders erschütterte.

In der lebhaften Berliner Kunst- und Kulturszene begegnete Tom dem Schriftsteller Jakob Seidmann, der zu einer zentralen Bezugsperson wurde. Ein Jahr nach der Heirat, am 21. Juli 1922, kam ihre Tochter Angela, später Awiwa, zur Welt. Noch im selben Jahr erschien das Buch von Ralph Bergengren: David the Dreamer. His Book of Dreams, das von Tom illustriert wurde. 1922 veröffentlichte Tom in Berlin Das Buch der Dinge. Ein Bilderbuch für ganz kleine Kinder, das den Anspruch moderner Kinderliteratur mit klarem, sachlichem Formbewusstsein verband. Dieses Buch markiert einen Wendepunkt im künstlerischen Ausdruck: Der bis dahin stark vom Jugendstil geprägte Stil wandelte sich deutlich in Richtung der Neuen Sachlichkeit.

  • Bild 3: Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Buch der Dinge von 1926, Inv.-Nr. 288/28

    Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Buch der Dinge von 1926, Inv.-Nr. 288/28

  • Bild 4: Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Buch der Dinge von 1926, Inv.-Nr. 288/28

    Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Buch der Dinge von 1926, Inv.-Nr. 288/28

  • Bild 5: Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Buch der Dinge von 1926, Inv.-Nr. 288/28

    Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Buch der Dinge von 1926, Inv.-Nr. 288/28

Im Jahr 1923 wurde das Leben der Familie von einem erneuten schweren Schicksalsschlag getroffen als der Bruder Theodor in Eberswalde ertrank. Tom widmete ihm das Bilderbuch Die Fischreise, in dem die Figur Peregrin von einem Goldfisch in ein utopisches Reich geleitet wird, das im Peregrin Verlag erschien. Er war 1923 von Jankew und Tom gegründet worden. Bereits 1924 folgte das Buch der Hasengeschichten. Ein Bilderbuch, das im gemeinsamen Verlag Toms Werkkanon um ein weiteres prägnantes, handkoloriertes Bilderbuch erweiterte. Während Jankew vornehmlich als Verleger, Herausgeber und Übersetzer jüdischer Religionsphilosophie auftrat, setzte Tom die künstlerischen Akzente weiter fort. Verlegerische, literarische, ästhetische Ambitionen kamen hier zusammen. 1928 bezog die kleine Familie die Wohnung in der Schillerstraße 12/13 in Charlottenburg-Wilmersdorf, die in der folgenden Zeit zum Lebensmittelpunkt und zum Ausgangspunkt weiteren Schaffens wurde. Zeitgenössische Kritiken würdigten das Filigrane und Eigenständige an Tom Seidmann Freuds Arbeiten.

Auch die von Toms Onkel Sigmund Freud begründete Psychoanalye hinterließ erkennbare Spuren im Werk von Tom Seidmann Freud. In der künstlerischen Auseinandersetzung tauchen innere Konflikte und unbewusste Bildwelten immer wieder auf. Dieses Interesse an psychischen Prozessen und symbolischer Darstellung manifestiert sich besonders deutlich in einem späteren Werk: Das Buch der erfüllten Wünsche. Ein Bilderbuch, das exemplarisch für die Integration psychoanalytischer Motive in das künstlerische Schaffen steht.

Bild 6: Schillerstraße 12/13

Schillerstraße 12/13

Die Schillerstraße wurde zu einem allumfassenden kreativen Ort, an dem nicht nur Bücher entworfen wurden. Tom entwarf Möbel und Kinderkleidung für die Tochter Angela, fertigte Spielzeug und Stofftiere an. Im Zusammenwirken mit dem Cousin Ernst Freud, der mittlerweile als Architekt in Berlin tätig war, erfolgte eine individuelle Gestaltung der Wohnung. Diese Jahre waren von hoher schöpferischer Intensität und zugleich auch existenzieller Erschütterung geprägt. Trotz der enormen Schaffenskraft und der hohen Qualität der Bücher lief der Peregrin-Verlag nicht gut. Die finanziellen Belastungen des Verlages verstärkten die ohnehin schwierige ökonomische Situation der jungen Familie. Mit den Büchern Das Wunderhaus. Ein Bilderbuch zum Drehen, Bewegen und Verwandeln (1927) und Das Zauberboot. Ein Bilderbuch zum Drehen, Bewegen und Verwandeln (1929) hat Tom in Zusammenarbeit mit Herbert Stuffer Kinderbücher mit beweglichen Elementen entwickelt, welche in seinem Kinderbuchverlag veröffentlicht wurden und ein großer Erfolg wurden.

  • Bild 7: Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Wunderhaus von 1927, Inv.-Nr. 584/28

    Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Wunderhaus von 1927, Inv.-Nr. 584/28

  • Bild 8: Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Wunderhaus von 1927, Inv.-Nr. 584/28

    Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Wunderhaus von 1927, Inv.-Nr. 584/28

  • Bild 9: Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Wunderhaus von 1927, Inv.-Nr. 584/28

    Ansichten des Kinderbuchs von Tom Seidmann Freud: Das Wunderhaus von 1927, Inv.-Nr. 584/28

Nicht zuletzt rühmte Walter Benjamin die Arbeiten von Tom Seidmann Freud.

„[D]er Gedanke, die Fibel spielhaft aufzulockern, ist alt und der neueste und radikalste Versuch, die nachgelassene Fibel der Seidmann-Freud, steht nicht außerhalb pädagogischer Überlieferung. Wenn dennoch etwas dies Elementarbuch aus der Reihe aller bisherigen hebt, so ist es die seltene Vereinigung gründlichsten Geistes mit der leichtesten Hand. Sie hat die geradezu dialektische Auswertung kindlicher Neigungen im Dienste der Schrift ermöglicht. Grundlage war der ausgezeichnete Einfall, Fibel und Schreibheft zusammenzulegen. Selbstvertrauen und Sicherheit werden in dem Kinde erwachen, das seine Schrift- und Zeichenproben zwischen diesen beiden Buchdeckeln anstellt. Der Einwand: aber hier ist ja kein Platz, liegt freilich nahe. Und in der Tat ist es gar nicht möglich, Schreiben auf dem hier ausgesparten Raum – so reichlich er auch bemessen ist – zu erlernen. Aber wie klug ist das!“

Walter Benjamin, Chichleuchlauchra. Zu einer Fibel, in: Frankfurter Zeitung vom 13. Dezember 1930.

Bild 10: Grabstein Seidmann Freud, jüdischer Friedhof Weißensee

Die Spielfibeln Hurra, wir lesen! Hurra, wir schreiben! Eine Spielfibel, Spiel-Fibel Nr. 2, Hurra, wir rechnen! Spielfibel No. 3 entstanden im Sommer 1929 und erschienen in dichter Folge zwischen 1930 und 1932. Die kreative Phase wurde jäh unterbrochen, als Jankew nach dem Bankrott des Verlags am 19. Oktober 1929 sein Leben beendete. Ein halbes Jahr später nahm sich auch Tom am 7. Februar 1930 im Krankenhaus Neukölln das Leben. Beide wurden auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt und noch heute erinnert der Grabstein, den die Autorin Barbara Murken Mitte der 1980 reinigen und restaurieren ließ, an diese unvergesslichen Menschen.

Die hinterbliebene Tochter Angela wurde von der Schwester Lilly adoptiert und lebte zunächst in Hamburg, bevor sie 1933 mit ihrer Familie nach Prag floh. Noch vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei verließ Angela im Frühjahr 1939 mit einer Jugendgruppe der ‚Youth Alija‘ Europa und wanderte nach Palästina aus. Dort lebte sie bis 2011 unter dem Namen Aviva Harari. Seit 2008 verschenkt die Stadt Tel Aviv-Jaffa neugeborenen Kindern ein Buch des Nationaldichters Chaim Nachman Bialik mit Illustrationen von Tom Seidmann-Freud, die aus Hararis Nachlass stammen. Mit Bialik hatte Tom Seidmann-Freud schon während der Weimarer Republik eng zusammengearbeitet.

Toms Mutter Marie Freud kehrte nach der NS-Machtübernahme 1933 nach Wien zurück. Sie wurde 1942 über Theresienstadt in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet. Eine Gedenktafel in der Ansbacher Straße 6 erinnert an ihr Schicksal.

Unser Anliegen ist es, Toms Leben und künstlerisches Schaffen in Berlin-Charlottenburg sichtbar werden zu lassen – ein Leben, das allzu früh endete, dessen Spuren jedoch bis in die Gegenwart fortwirken. Nicht nur in Israel, auch in Deutschland wurden Tom Seidmann Freuds Arbeiten inzwischen wiederentdeckt. In Bibliotheken, Ausstellungen, Gedenkinitiativen und Neuauflagen lebt die Erinnerung fort.

Bild 11: Eser sichot li-jeladim al pi Andersen, Grim we-acherim im ziurim meet Tom Seidman-Froid, Berlin, Jerusalem 1923

Eser sichot li-jeladim al pi Andersen, Grim we-acherim im ziurim meet Tom Seidman-Froid, Berlin, Jerusalem 1923

Tom hat fantasievolle und farbenfrohe Bücher und Illustrationen hinterlassen, die allen Menschen Raum für eigene Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte bieten. Dabei wurde auf eindeutige geschlechtliche Zuschreibungen verzichtet. Die nicht binäre Geschlechtsidentität findet sich nicht nur in den Zeichnungen wieder. Tom selbst hat im Rahmen der damaligen Möglichkeiten mit den starren Bildern gebrochen, wie der Namenswechsel andeutet.

Weiterführende Literatur

Murken, Barbara, „… die Welt ist so uneben …“ – Tom Seidmann-Freud (1892–1930). Leben und Werk einer großen Bilderbuch-Künstlerin. In: Luzifer-Amor: Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse (33/2004), Themenschwerpunkt Familie Freud, S. 73–103. (edition diskord)

Kontakt

Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin

Verkehrsanbindungen