Edith Davidson, später Mutter von Hanna und Großmutter von Daphna, wurde 1906 in Berlin als zweite Tochter von Rabbiner Dr. Wolf Davidson geboren. Im Jahr 1924 heiratete sie den Koch und Gastwirt Bernhard Rosenthal (geboren 1899). Zwei Jahre später im Januar 1926, wurde ihre erste Tochter Hanna geboren. Fünfeinhalb Jahre danach kam die zweite Tochter zur Welt: Regina, genannt Rina.
Die Familie lebte in Berlin-Mitte. Bernhard betrieb dort mit Ediths Unterstützung einen Mittagstisch. Das kleine Lokal wurde vor allem von jüdischen Arbeiter:innen besucht, die den familiären Charakter und das gute Essen schätzten. Bald sprach sich der Ruf des Mittagstischs herum und Bernhard erhielt den Auftrag, am Wochenende zusätzlich die Kantine des jüdischen Ruderclubs in Grünau zu beliefern. Der Ruderverein Undine bestand von 1907 bis er 1938 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Ab dann belieferte Bernhard die Kantine des Hilfsvereins der Juden, der jüdischen Menschen bei ihrer Ausreise ins Exil unterstützte. Mit dem
Erstarken des Nationalsozialismus änderte sich das Leben der Familie drastisch. 1934 musste Hanna wegen zunehmender antisemitischer Anfeindungen ihre Volksschule verlassen und auf eine jüdische Schule wechseln.
Die Lage spitzte sich in den folgenden Jahren zu. Mit den Novemberpogromen 1938 wurden zahlreiche jüdische Geschäfte, Synagogen und Wohnungen zerstört. Für die Familie Rosenthal bedeutete dies eine existenzielle Bedrohung. Über Verwandte gelang es den Eltern, die Flucht ihrer Töchter zu organisieren: Im Juli 1939 konnte Hanna nach Palästina entkommen. Wenige Wochen später begann der Krieg in Deutschland. Umso schwieriger war es für die Eltern, Rina auf die Reise ins Exil zu schicken. Aber es gelang: Bis zum Ende des Jahres landete Rina in Jerusalem.
Edith und Bernhard hatten jedoch kein Geld mehr für die eigene Ausreise. Großzügig hatten sie zuvor Verwandten und Bekannten Geld geliehen, damit diese ihre Auswanderung finanzieren konnten. Damit war ihr eigenes Schicksal besiegelt: Sie blieben in Berlin zurück. Verzweifelt versuchten sie mithilfe des Jüdischen Hilfsvereins Deutschland zu verlassen. Edith beschrieb die ausweglose Situation in ihrem Lebensbericht: „Viel Schuld trägt der Hilfsverein, der uns trotz größter Mühen nicht rausbrachte. […] Man muss also erst ins KZ, um rauszukommen.“
Das Ehepaar wurde zur Zwangsarbeit bei Siemens verpflichtet. Sie lebten unter großer Angst um ihre Kinder in der Ferne und um ihr eigenes Leben in der Heimat. Im Frühjahr 1943 erhielt Edith von einem Vorarbeiter den Hinweis, sie solle am nächsten Tag nicht zur Arbeit erscheinen. Sie folgte dieser Warnung, konnte jedoch ihren Mann nicht dazu überreden, es ihr gleichzutun. Bernhard erschien regelkonform zu seiner Arbeitsstelle und wurde dort am 27. Februar 1943 im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion verhaftet. Als Fabrikaktion wird die Verhaftungswelle bezeichnet, in der 1943 alle noch in Berlin verbleibenden Juden und Jüdinnen an ihren Arbeitsplätzen, an denen sie Zwangsarbeit leisten mussten, erst verhaftet und später deportiert wurden.
So wurde auch Bernhard von der Großen Hamburger Straße aus am 3. März 1943 mit dem 33. Osttransport nach Auschwitz deportiert. Weil er zuckerkrank war, verschlechterte sich sein Zustand sehr schnell. Unmittelbar nach der Ankunft im Konzentrationslager versuchte er wohl verschiedenen Quellen zufolge, sich das Leben zu nehmen, indem er sich gegen den elektrisch geladenen Lagerzaun warf. Laut Zeug:innen wurde er daraufhin erschossen.
Edith ging noch am Tag der Fabrikaktion in den Untergrund. Sie versteckte sich bei Freund:innen, Bekannten und Fremden. Manche wussten, dass sie Jüdin war, andere glaubten ihrer Geschichte, sie sei eine „arische“ Berlinerin, deren Wohnung im Krieg zerstört wurde. Ihre Erinnerungen zeigen, wie unsicher sogar die Beziehung zu langjährigen Freund:innen war: „Seit Generationen befreundet – und diese Frau hat mich, als ich ein Vierteljahr versteckt lebte, bei der Gestapo angezeigt.“ Das letzte Jahr verbrachte sie versteckt im Gartenhaus ihres alten Freundes Robert in Gatow. So gelang es Edith, sich trotz ständiger Angst und unter schwierigsten Bedingungen bis Mai 1945 in Berlin zu verstecken und zu überleben.
Erst Monate später erhielt sie durch Verwandte in New York City die Nachricht, dass ihre beiden Töchter in Palästina in Sicherheit waren. Zwei Jahre später kam es in Haifa zur lang ersehnten Wiedervereinigung mit Hanna und Rina.