Walter-Benjamin-Platz

Abbildung 1: Werbeanzeige im Israelitischen Familienblatt, Screenshot Israelitisches Familienblatt vom 23.7.1936

Werbeanzeige im Israelitischen Familienblatt, Screenshot Israelitisches Familienblatt vom 23.7.1936

Jüdischer Spitzensport auf dem heutigen Walter-Benjamin Platz

Vor den Spielplänen des Internationalen Makkabi-Tennis-Turniers in Berlin-Charlottenburg, Berlin Juli 1936

Vor den Spielplänen des Internationalen Makkabi-Tennis-Turniers in Berlin-Charlottenburg, Berlin Juli 1936

Das Internationale Tennis Turnier des Jüdischen Tennis Club Bar Kochba Berlin

Ein Text von Henrik Frankemölle (TU Berlin)

„Schon seit Wochen konnte man auf der Anlage des Tennisclubs Bar Kochba sehen, dass große sportliche Ereignisse bevorstanden. Die Plätze wurden einer vollkommenen Umgestaltung unterworfen, neue Zäune wurden gezogen, neue Absperrungen, eine große Tribüne, neue Zugänge zu den einzelnen Courts mußten errichtet werden. Mehr Sitzgelegenheiten für die zu erwartenden Zuschauer waren erforderlich.“ (Wir berichten über: Das Tennis-Ereignis. Jüdische Rundschau, 31. Juli 1936)

Bevor das Grundstück des heutigen Walter-Benjamin-Platz und der Leibniz-Kolonnaden nach dem Zweiten Weltkrieg brachlag und dann als Parkplatz genutzt wurde, war es ein wichtiger Ort jüdischen Lebens in Charlottenburg, speziell des jüdischen Sports.

Während sich im Juli 1936 die Weltöffentlichkeit des Sports und die Propaganda des NS-Regimes auf die Olympischen Sommerspiele in Berlin fokussierten, richtete die Jüdische Rundschau ihren Blick auf einen anderen sportlichen Wettkampf: das „Tennis-Ereignis“, das Internationale Makkabi Tennisturnier des Tennisclubs Bar Kochba Berlin. Dieses Turnier fand in den Jahren 1935 bis 1937 auf der Tennisanlage des Tennisclubs Bar Kochba Berlin in der Leibnizstraße 49-53 in Charlottenburg statt, dem heutigen Walter-Benjamin-Platz. Die zeitgenössischen Berichte, wie bspw. in der Central-Verein-Zeitung bezeichneten das Turnier als „eines der wesentlichsten und bedeutendsten Ereignisse im jüdischen Sport“. Der Tennisclub Bar Kochba Berlin war zur Zeit des Turniers Teil des Makkabi-Verbandes und wurde 1937 als einen der stärksten jüdischen Tennisvereine eingeschätzt. Die Spieler:innen von Bar Kochba traten in der Zeit nicht nur bei Wettkämpfen in Berlin an, sondern nahmen auch an überregionalen Turnieren und Wettkämpfen teil, wie zum Beispiel den Makkabi-Tennismeisterschaften in Köln.

Abbildung 3: Zwei Tennisspieler lesen den Spielplan beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Juli 1936

Zwei Tennisspieler lesen den Spielplan beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Juli 1936

Im Jahr 1936 reisten außerdem einige Spieler:innen des Vereins als Vertretung des deutschen Makkabikreises zu einem Turnier nach London. Der Verein bot seinen Mitgliedern neben Tennis auch weitere Sportarten, wie Hockey oder Fechten an. Der Tennisclub Bar Kochba Berlin war bis zum Jahr 1933 Teil des organisierten Sports im Deutschen Tennis-Bund e.V., bevor er im Rahmen der Gleichschaltung mit amtlicher Mitteilung vom 7. Juli 1933 aus dem Verband ausgeschlossen wurde.

Für das Tennisturnier auf dem heutigen Walter-Benjamin-Platz im Jahr 1936 meldete in unmittelbarer zeitlicher und räumlicher Nähe zu den Olympischen Sommerspiele in Berlin ein starkes und internationales jüdisches Teilnehmerfeld für Männer-, Frauen und Doppelwettkämpfe.

Trotz des regnerischen Wetters und des dadurch verkürzten Wettkampfes bot das Turnier hochklassige Begegnungen. Unter den Teilnehmenden waren auch bekannte Tennisspieler wie der polnische Davis-Cup-Spieler Ernest Wittmann und ein „Herr Hamburger“ aus Rumänien, die das Finale der Herrenkonkurrenz gegeneinander bestritten. Dieses Finale um den Turniersieg konnte Ernest Wittmann in zwei Sätzen mit 6:1 und 6:1 für sich entscheiden. In der Damen-Konkurrenz entschied „Frau Popper“ aus Bukarest mit ihren „langen geschnittenen Bällen“ das Finale gegen Anna Hemp aus Frankfurt am Main mit 6:2 und 6:4. Auch Spieler:innen vom T.C. Bar Kochba Berlin waren bei dem Turnier vertreten, wie bspw. „Herr Brück“ und „Herr Moser“, die sich schon in der ersten Runde der Herren ein packendes Duell lieferten. Besondere Aufmerksamkeit galt auch der als hoffnungsvolles Talent beschriebenen zwölfjährigen Spielerin und Juniorenmeisterin Tessie Lorsch aus Charlottenburg. Sie musste sich in Runde 1 gegen eine der Favoritinnen, „Frau Minz“ aus Lettland, geschlagen geben. Die Jüdische Rundschau sah in diesem Turnier einen sehr großen Erfolg für den gesamten Makkabi-Verband. Auch der Sieger Ernest Wittmann zeigte sich nach dem Wettkampf positiv überrascht über das Turnier und die Entwicklung des Tennisclub Bar-Kochba Berlin, trotz „der geringen Kampfmöglichkeiten“, die den Sportler:innen aus Berlin zur Verfügung standen.

Abbildung 4: Der Sieger im Herren-Einzel, der Pole Wittmann, beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Berlin Juli 1936

Der Sieger im Herren-Einzel, der Pole Wittmann, beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Berlin Juli 1936

Das Turnier wurde fotografisch durch den jüdischen Hobbyfotografen Herbert Sonnenfeld eindrucksvoll dokumentiert, dessen Fotografien heute in der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin zu sehen sind.

Auch im Jahr 1937 fand das Turnier auf der „besonders gut hergerichteten Anlage in der Leibnizstraße statt“. Wie im Vorjahr bereitete das regnerische Wetter in Berlin erhebliche Probleme bei der Durchführung des Turniers. Dennoch spielte erneut eine starke internationale Konkurrenz auf den Tennisplätzen und stieß das Turnier auf großes öffentliches Interesse.

Der heutige Walter-Benjamin-Platz, zwischen Leibnizstraße 49-53 und der Wielandstraße 19-22, wurde seit spätestens Frühjahr 1925 von einem Fußballplatz zu einer Tennisanlage umgebaut und laut Bauakte unter dem Namen „Wintermärchen II“ als solche genutzt. Eigentümer des Grundstücks waren der jüdische Jurist und Mäzen Dr. Paul Felix Aschrott und nach dessen Tod zur Hälfte Dr. Paul von Boschan-Aschrott und die Wohlfahrtsorganisation Wohlfahrtshaus Aschrott. Pächter und damit zuständig für die Tennisanlage war der in St. Petersburg geborene Kaufmann Nikolaus Rost. Dieser stellte zwischen Ende 1924 und Anfang 1925 mehrere Anträge bei der Baupolizei Charlottenburg für Nutzung und Umbau des Grundstückes zu einer Tennisanlage und Eisbahn. Ein Luftbild aus dem Jahr 1928 zeigt, dass auf dem Grundstück 14 Tennisplätze errichtet wurden. Außerdem sollte ein Fachwerkhaus als Clubhaus mit Büros, Anschnallraum und Toiletten gebaut werden. Die Bebauung sollte so gestaltet werden, dass sie leicht wieder abgebaut werden konnte, da die Kündigungsfrist der Pacht nur drei Monate betrug und im Falle einer Kündigung das Gelände schnell zurückgebaut werden musste. Trotz der teilweise provisorischen Umbauten legte der Pächter großen Wert auf die Erscheinung der Anlage. Das Grundstück war vor dem Umbau mit einem alten Holzbretterzaun umrandet, der durch einen modernen Zaun aus Drahtgeflecht ersetzt und einem Werbeschild „Tennisplatz und Eisbahn Wintermärchen II“ ausgestattet wurde. Die Planungen für die Anlage hielt Nikolaus Rost in detaillierten Zeichnungen fest.

Abbildung 5: Drei Zuschauer beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Juli 1936

Drei Zuschauer beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Juli 1936

Auch der Berliner Tennis-Verband erwähnt 2005 in der Chronik zum 100-jährigen Bestehen den Sportplatz Wintermärchen II (bzw. „Hosemanns Turnierplätze“) an der Leibnizstraße 49-53. Dort heißt es, dass unter anderem der 1930 gegründete Dahlemer Lawn Tennis Verein 05/09 e.V. Blau Silber die Plätze an der Leibnizstraße offiziell nutzte. In diesem Verein war der Pächter Nikolaus Rost auch als 1. Schriftwart tätig.

Die Geschichte des Platzes birgt nicht nur eine Geschichte des erfolgreichen jüdischen Sportes, sondern auch der Gleichschaltung des Sportes, des Ausschlusses von Sportler*innen aus der Gesellschaft und auch der Enteignung von jüdischem Eigentum nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten. Die Eigentümer des Grundstückes aus der Familie Aschrott und das Wohlfahrtshaus Aschrott wurden im Jahr 1942 durch die Haupttreuhandstelle Ost enteignet. Im Prozess der Enteignung wurde das Grundstück, somit auch die Tennisplätze, zwischen den Jahren 1941 und 1942 an die Feldmühle Papier – und Zellstoffwerke AG verkauft und überschrieben. Der Grundstückseigentümer Dr. Paul von Boschan-Aschrott verstarb im Jahr 1938 in Luzern. Seine Nachkommen emigrierten 1941 aus Luzern in die USA und nahmen die Staatsbürgerschaft Honduras an.

Abbildung 6: Screenshot einer Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1928

Screenshot einer Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1928

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Grundstück auf unterschiedliche Art und Weise genutzt. Obwohl die vollständige Befreiung des Grundstückes von Trümmern bis in die 1960er Jahre dauerte, gastierte schon früh nach dem Krieg unter anderem ein Zirkus auf dem Platz. Ab 1948 fanden zudem in einem Zelt mit 2070 Plätzen, der sogenannten „Sportarena des Westens“, Boxkämpfe statt. Ein Antrag zur Bebauung mit einer Großgarage wurde zu der Zeit abgelehnt. In den folgenden Jahren blieb der Platz weitgehend ungenutzt, bis er seit den 1960er Jahren als Parkplatz genutzt wurde. Im Jahr 2001 wurden der neugestaltete Walter-Benjamin-Platz und die Leibnizkolonnaden eröffnet. Die neue Gestaltung und Nutzung des Platzes war Gegenstand erregter öffentlicher Debatten. Außerdem richtete sich massive Kritik gegen eine Bodenplatte, die mit einem Zitat des amerikanischen Dichters Ezra Pound, der dem italienischen Faschismus nahestand, ausgestattet war. Infolge der Kritik am antisemitischen Inhalt des Zitats und der antisemitischen Grundhaltung Pounds wurde die Bodenplatte entfernt.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Bildnachweise
  • Abbildung 1: Werbeanzeige im Israelitischen Familienblatt. Internationales Makkabi Tennis Turnier (1936): in: Israelitisches Familienblatt, 23.07.1936, S. 5. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582638
  • Abbildung 2: Herbert Sonnenfeld, Vor den Spielplänen des Internationalen Makkabi-Tennis-Turniers in Berlin-Charlottenburg, Berlin Juli 1936; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. FOT 88/500/90/029, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin
  • Abbildung 3: Herbert Sonnenfeld, Zwei Tennisspieler lesen den Spielplan beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Juli 1936; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. FOT 88/500/90/024, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin
  • Abbildung 4: Herbert Sonnenfeld, Der Sieger im Herren-Einzel, der Pole Wittmann, beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Berlin Juli 1936; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. FOT 88/500/90/003, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin
  • Abbildung 5: Herbert Sonnenfeld, Drei Zuschauer beim Internationalen Makkabi-Tennis-Turnier in Berlin-Charlottenburg, Juli 1936; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. FOT 88/500/90/030, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin
  • Abbildung 6: Luftbildaufnahme des Grundstücks, 1928, Eigener Screenshot. HistoMap. Landesarchiv Berlin. dl-de/by-2-0. Lizenztext:www.govdata.de/dl-de/by-2-0.
Literaturverzeichnis
  • Rewicki, Dieter (2005): 100 Jahre Tennisverband in Berlin und Brandenburg: Eine Chronik 1907-1933, Potsdam.
  • Hartbaum, Verena (2019): Rechts in der Mitte – Hans Kollhoffs CasaPound, in: ARCH+, Nr.235, S. 218–225.
  • Archivalien
  • Bauakte Leibnizstraße 49 – 53. LAB B Rep. 207, Nr. 4351. Landesarchiv Berlin: Berlin.
  • Der Dahlemer Tennis-Verein 1905/1909 e.V. Blau Silber Berlin. LAB A Pr.Br.Rep. 030-04 : 1245. Vorstandsliste, 10.05.1937. Landesarchiv Berlin: Berlin.
  • Grundbuchakte Leibnizstraße 49-53. Band 31, Blatt 10126. Amtsgericht Charlottenburg. Berlin.
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